20

Ich lehnte mich zwischen den Vordersitzen vor, um zu dem hohen Konferenzhotel aufzusehen, in dessen Einfahrt wir so bald wie möglich abbiegen wollten. Wir saßen nicht im Auto meiner Mom, da es unmöglich gewesen wäre, einen Parkplatz zu finden. Nein, wir nutzten immer noch Trents Gastfreundlichkeit aus und hatten die Stadt in dem Wagen durchquert, den das Hotel bereithielt, falls einer ihrer wichtigsten Gäste irgendwo hin wollte. Die Limousine war lang, schwarz, glänzte und kam komplett mit Fahrer. Das einzige Problem war, dass Trent nicht mit uns hier drinsaß. Und auch kein Jenks. Zu behaupten, ich wäre besorgt, hätte in etwa der Behauptung entsprochen, dass Pixies ein wenig schelmisch seien.

Mitternacht kam näher, und die Konferenz schaltete langsam in einen höheren Gang. Ununterbrochen kamen uns Autos entgegen. Pierce saß breitbeinig neben mir und bemühte sich, so zu tun, als würden ihn die Massen nicht im Geringsten stören. Aber ich konnte sehen, wie angespannt er war. Er war nicht glücklich darüber, dass der Hexenzirkel sein Gespräch mit Vivian ausgenutzt hatte, um auf mich loszugehen, und er hatte sich schon mehrmals entschuldigt, weil er dachte, ich würde ihn dafür verantwortlich machen. Das tat ich nicht, aber inzwischen klangen die Quoten der Dämonen um einiges glaubwürdiger.

Pierce trug trotz der hohen Temperaturen seinen langen Mantel und umklammerte seinen Hut, als wäre er ein Rettungsring. In braunen Hosen und einer bunt gemusterten Weste über einem weißen Hemd gab er eine seltsame Figur ab — aber wahrscheinlich würde niemand es bemerken. Schon aus dem Auto heraus konnte ich drei Hexen in traditionellen Roben und Hüten sehen. Hinter ihnen stand eine Frau, die für den Ball heute Nacht Flügel trug, und dahinter wiederum drei Kerle, die gekleidet waren wie Neo aus Matrix. Um nicht ungerecht zu sein: Es gab genauso viele Leute in Geschäftsanzügen wie in spitzen Hüten, und die meisten Leute trugen einfach Jeans. Aber auch der Gothic-Stil war immer noch in. Und fast jeder Fünfte trug ein leuchtendes Armband mit der blinkenden Aufschrift SAN FRANCISCO — 2008. Anscheinend war das der in diesem Jahr für hip erklärte Nippes der Wahl.

Ivy wird sich perfekt einfügen, dachte ich, als ich einen Blick zu ihr auf dem Beifahrersitz warf. Der Blinker tickte laut, als wir schweigend dasaßen und darauf warteten, dass wir in die Kurzhaltebucht vor dem Hotel einfahren konnten. Ich ließ mich in den Sitz zurücksinken und wurde neugierig, als Pierce in seine Manteltasche griff und einen SECURITY-Ausweis hervorzog. »Wann hast du den besorgt?«, fragte ich, als er ihn sich umhängte. Der Name darauf lautete Wallace Smyth. Heilige Scheiße, Pierce hatte ihn gestohlen?

Er lächelte, und seine Zähne blitzten im Licht des entgegenkommenden Verkehrs auf. »Heute Nachmittag«, sagte er und wühlte noch einmal in seinen Taschen, um zwei weitere hervorzuziehen. »Bevor die feigen Hunde dich angegriffen haben. Ohne diesen Ausweis kommt man nicht über das Erdgeschoss hinaus. Ivy, hier ist deiner. Ich dachte, der schwarze würde dir gefallen.«

Ivy nahm mit erstaunter Miene das schwarze Band entgegen. Auf ihrem Ausweis stand ihr eigener Name. »Danke, Pierce«, sagte sie, als sie es sich um den Hals legte, und er lächelte.

»Rachel, deinen habe ich auch abgeholt. Und das war auch gut so. Du magst ja schon vor Monaten dafür gezahlt haben, aber sie hatten ihn verloren, und es hat drei Leute eine Stunde gekostet, um einen neuen zu machen.«

»Überrascht mich nicht«, sagte ich und befühlte das kühle Plastik. Auf meinem stand SPRECHER. Super. Ich gehörte zum Unterhaltungsprogramm.

»Danke, Pierce«, sagte ich, als ich das Band an meiner Tasche festmachte und gleichzeitig hoffte, dass es nicht mit einer Wanze oder einem Zauber präpariert war. Wenn wir angehalten wurden, weil Pierce einen Ausweis gestohlen hatte, würde ich ziemlich wütend werden, aber ich war wirklich dankbar, dass er sie abgeholt hatte. Ich weiß ihn nicht genug zu schätzen, dachte ich schuldbewusst.

Das Brummen in meiner Tasche vertiefte noch meine Schuldgefühle, und mein Fuß wippte, als ich das Geräusch ignorierte. Ivy drehte sich zu mir um. »Wenn du ihm weiter ausweichst, denkt er, dass du wütend auf ihn bist«, sagte sie, weil sie es offensichtlich auch gehört hatte.

»Ich weiß«, sagte ich und verzog das Gesicht, aber gleichzeitig fand ich es seltsam, dass sie auch wusste, wer es war. Vielleicht war meine Körpersprache eindeutiger, als ich dachte.

»Wer?«, fragte Pierce und sah von seinem Ausweis auf.

Ivy lächelte sanft. »Bis wacht tagsüber auf, wann immer Rachel eine Kraftlinie anzapft.«

Der Mann grunzte überrascht, und ich wurde rot. »Woher weißt du das?«, fragte ich sie und wünschte mir, der Stau würde sich auflösen, damit ich dieses Gespräch nicht führen musste. In meiner Tasche brummte mein Handy weiter.

»Ich nehme seine Anrufe an«, sagte Ivy trocken, dann drehte sie sich ganz zu mir um. »Rachel, er ist älter, als du denkst. Er will keine Verabredung, er ist nur verwirrt. Rede mit ihm!«

»Ich bin auch verwirrt!«, protestierte ich leise, und meine Schuldgefühle befeuerten meine Wut. »Ich habe ihn nie gebeten, mein Gargoyle zu werden. Es ist falsch. Es ist Sklaverei!«

»Er bindet sich an dich? Jetzt schon?«, fragte Pierce mit aufgerissenen Augen. »Er ist noch ein Kind!«

»Siehst du?«, sagte ich, und Ivy drehte sich genervt wieder nach vorne. »Selbst Pierce weiß, dass es falsch ist.«

Sie schwieg, aber ich konnte sehen, dass sie die Zähne zusammenbiss. Frustriert holte ich mein Handy heraus. Es brummte nicht mehr. Ich war plötzlich niedergeschlagen, und das war nicht nur auf den nahenden Prozess zurückzuführen. »Das ist er, nicht wahr?«, fragte ich leise und starrte auf den winzigen Bildschirm.

Pierce berührte meine Hand und ich zuckte zusammen. »An dieser Beziehung ist nichts Unehrenwertes«, sagte er ernst und sorgte damit nur dafür, dass ich mich noch unwohler fühlte. »Es ist keine Bindung der Liebe, sondern der Notwendigkeit. Du brauchst einen Gargoyle, um zu lernen, wie man durch die Linien springt, und im Gegenzug gibst du ihm einen heiligen Ort zum Leben, sicher vor Dämonen.«

»Sicher vor Dämonen«, wiederholte ich, und der Fahrer rutschte unruhig in seinem Sitz hin und her. »Ja, genau.«

Aber ich schob mein Handy in eine der winzigen Taschen des Kleides, weil ich es nicht in die Tasche zurücktun und so auch seinen nächsten Anruf verpassen wollte. Zur Hölle, ich sollte mir einfach ein Rückgrat anschaffen und ihn zurückrufen, während ich noch konnte. Mir lief die Zeit davon. Mein Magen schmerzte, und ich befühlte den glatten Zopf, in den ich meine Haare gezwängt hatte. Rund um den Wagen bewegten sich Leute. Die Aufregung ließ sie schnell gehen und sprechen. Endlich öffnete sich eine Lücke, und der Wagen bog in die Kurzhaltebucht ein. Pierce sprang aus dem Auto, noch bevor es ganz angehalten hatte, und kam auf meine Seite, um mir die Tür zu öffnen. Ivy senkte den Kopf und suchte in ihrer Tasche nach Kleingeld. Ich sammelte mich, bevor ich ausstieg, und war froh, dass mein Gespräch mit Bis noch um ein paar Minuten verschoben wurde. Der Geruch von nassem Zement und Abgasen vermischte sich mit dem Geräusch von Reifen und lauten Gesprächen über dem Brummen von Motoren.

Band Bis sich an mich? Es klang so ... dämonisch. »Rachel?«

Pierce streckte den Arm aus, um mich zu eskortieren. Ich schenkte ihm ein besorgtes Lächeln, als ich mich bei ihm einhakte und wir zusammen zur Bordsteinkante gingen. Ich fühlte mich wie im Rampenlicht, aber niemand schenkte mir einen zweiten Blick, obwohl ich mehr Leder trug als eine kleine Kuh. Ich hatte Als purpurnen Schal zu Hause gelassen — und auch die Kappe. Mir war egal, ob ich die Einzige war, die wusste, dass Dämonen Purpur als Gunstbeweis verschenkten. Für mich fühlte es sich an wie eine Leine.

Ivy schlug mit einem satten Knall ihre Tür zu, und das Auto fuhr davon, nur um sofort von einem ähnlichen ersetzt zu werden. »Bereit?«, fragte sie, als sie sich zu uns gesellte. Ihre Augen leuchteten, und ihre Bewegungen waren schnell. Sie trug ihre Stiefel, und sie klapperten flott über das Pflaster.

»So bereit, wie ich je sein werde«, antwortete ich und drehte mich zu den breiten Doppeltüren um. Pierce legte seine Hand auf meine, und mit ihm an meiner einen und Ivy an der anderen Seite ging ich hinein, wobei mein Schwermagie-Amulett rötlich flackerte. Ich war nicht überrascht, als noch das letzte Jota von sorgfältig gespeichertem Jenseits meinen Körper verließ. Hotelsicherheit. Man kann nicht zulassen, dass sich eine Hexengruppe dieser Größe ohne Nivellierung versammelt. Pierce zog seine Hand zurück und bewegte die Schultern in seinem Mantel, als versuchte er, eine neue Haut zu finden.

Wir wurden langsamer, sowohl wegen der Leute, die sich vor der Tür drängelten, als auch wegen der unzähligen Gespräche, die an unsere Ohren drangen. Hintereinander gingen wir an Gruppen von Leuten vorbei, die sich hier versammelt hatten — um einfach draußen zu sein, oder um mit jemandem zu telefonieren, eine zu rauchen oder einfach nur vor dem Hotel auf Freunde zu warten. Ich folgte Pierce mit halber Aufmerksamkeit, weil ich mehr an dem riesigen Kronleuchter interessiert war, der über sechs Stockwerke hoch hing und den gesamten Deckenhimmel einnahm. Das abfließende Jenseits beim Schritt über die Schwelle war von etwas verursacht worden, und ich hätte darauf gewettet, dass der Kerzenleuchter dafür verantwortlich war. Er ähnelte der Vorrichtung, die Lee auf seinem Boot gehabt hatte, aber er war um einiges größer.

Mein Blick landete auf einem Mann im schwarzen Anzug, der absolut keine Gefühlsregung zeigte, eine schwarze Sonnenbrille trug und mich anstarrte. Nervös legte ich eine Hand auf Pierces Schulter, um ihn in der Menge auf keinen Fall zu verlieren.

»Ich sehe sie auch«, sagte Ivy hinter mir.

Sie? Es sind mehrere?

Als wir den schlimmsten Teil der Menge durchquert hatten, drehte Pierce sich um und wartete auf uns. »Ich bin den Raum heute Nachmittag abgegangen«, sagte er und warf zuerst einen Blick zu dem Mann, den ich bemerkt hatte, dann zu einem anderen neben einer Reihe von Aufzügen. »Die Anmeldung ist da drüben. Das Essen in dieser Richtung. Ruheräume gibt es im Erdgeschoss und im zweiten Stock.«

Ich ging davon aus, dass er die Toiletten meinte, und plötzlich überkam mich der Drang, die Beine zu überkreuzen und nervös auf der Stelle zu tanzen. Entspann dich, Rachel.

»Das hätte ich machen müssen«, murmelte Ivy. Pierce nickte und machte mich damit wütend. Ivy war da gewesen, um mir im Kampf gegen den Hexenzirkel beizustehen. Er hatte kein Recht, ihr Schuldgefühle einzuimpfen.

Er führte uns weiter, ohne seinen Mantel zu öffnen. »Du warst hinreichend damit beschäftigt, Körper und Seele von Rachel intakt zu halten«, sagte Pierce, dann zeigte er nach oben auf den ersten Stock. »Der allgemeine Eingang zum Auditorium ist da oben. Es gibt auch einen Eingang im Erdgeschoss, aber der wird bewacht. Nur für Mitglieder des Hexenzirkels.«

»Hurra, es gibt eine Rolltreppe«, sagte ich und unterdrückte ein Zittern.

»Seit wann hast du Angst vor Aufzügen?«, fragte Ivy, als sie sich vor mich setzte, während Pierce hinter mir ging, eine stützende Hand an meinem Rücken. Ich hätte es ihm ja übelgenommen, aber ich war kurz davor, einfach wegzurennen, und meine Knie waren weich.

»Habe ich nicht«, widersprach ich, und mein Puls schlug schneller. Gott, jetzt wird es passieren. In der nächsten Stunde wird sich mein gesamtes Leben ändern. »Ich ...«

»Du fürchtest, dass der Hexenzirkel einen letzten Versuch startet. Ich weiß.« Ivy ließ sich zu mir zurückfallen, als wir an einer Gruppe harmlos wirkender Hexen auf dem Weg nach unten vorbeikamen. Ich senkte den Blick, damit ich niemandem in die Augen sehen musste, und rückte den Ausweis an meiner Tasche zurecht. Wenn ich den Arm genau richtig hielt, konnte jeder sehen, dass ich einen Ausweis hatte, ohne dass man den Namen darauf lesen konnte. Ich wollte nicht erkannt werden, aber dem Geflüster in unserer Nähe nach zu schließen war es schon passiert. Es sei denn, das lag nur an meinem Kleid.

Ivy verließ die Rolltreppe als Erste, und ich ertappte mich dabei, wie ich aufatmete, als ich ebenfalls vom Rollband trat. Pierce stieß gegen mich, dann zog er meinen Arm in seinen und schubste mich fast zu den Doppeltüren auf der anderen Seite des weitläufigen lobbyartigen Raums. Auch dort standen Gruppen, und ich fühlte, wie ich bleich wurde, als die Gespräche verstummten und die Köpfe sich in unsere Richtung drehten. Ich hörte das Klicken einer Handykamera und schüttelte mich.

»Kopf hoch«, sagte Pierce leise, aber mir war schlecht. Ich lief seit einer gefühlten Ewigkeit vor genau diesem Abend davon.

Er berührte meine Hand, und ich fühlte ein Kribbeln. Er war angespannt wie ein Drahtseil, aber was mich aufmerken ließ, war das sanfte Pulsieren von gebrochener Jenseitsenergie in ihm. »Wie zapfst du eine Linie an?«, fragte ich ihn, als wir uns in der kurzen Schlange vor dem Eingang anstellten. Sie kontrollierten die Ausweise, und ich war doppelt froh, dass Pierce meinen abgeholt hatte.

Pierce schloss seine Finger um meine, und ich entspannte mich, als ich die Wärme männlich schmeckender Energie in mir fühlte. »Ich habe mir von einem Sicherheitsmann ein Amulett geborgt«, sagte er und warf mir einen listigen Seitenblick zu. »Und seinen Ausweis. Mach dir keine Sorgen. Wallace hat es nie gemeldet. Er wird gut unterhalten.«

Nach Pierces unschuldigem Gesichtsausdruck konnte ich mir ziemlich gut vorstellen, wie Wally seinen Abend verbrachte. Oh Mann. Wenn sie das rausfinden, wird es toll aussehen.

Neben uns lachte Ivy, und ich fühlte mich um Klassen besser, als Pierce Energie in mich gleiten ließ. Mir war egal, ob sie glitschig war oder nicht. Ich würde sie wieder verlieren, sobald ich ihn losließ, aber für den Moment war es ein gutes Gefühl. »Du bist ein Schuft«, flüsterte ich und lehnte mich vor, um die Mischung aus Rotholz und seinem holzigen Aftershave zu riechen.

»Aber ein kluger«, sagte Ivy. »Gut mitgedacht.«

Pierce ließ seinen Blick zum Anfang der Schlange gleiten. »Ich werde nicht zulassen, dass dir Schaden zugefügt wird. Wenn es Probleme gibt, werde ich da sein. Und sobald wir die Sicherheitskontrolle hinter uns gelassen haben, werde ich dir das Amulett geben.»

Mir war klar, dass das vernünftig war, und ich nickte, während mein Kopfweh ein wenig nachließ. Die Schlange bewegte sich vorwärts, und ich nahm den Stift, nachdem ich einen Blick auf meinen Tödliche-Magie-Detektor geworfen hatte. Er funktionierte nicht, aber alte Gewohnheiten ließen sich schwer überwinden. Während die gelangweilte Frau hinter dem Tisch sich mit ihrer Nachbarin unterhielt, unterschrieb ich das Formular und setzte einen Punkt hinter meinen Namen, um jede psychische Verbindung zu brechen. Ich gab den Stift Pierce, der ihn sofort an Ivy weiterreichte.

»Ich bin ihr Schutz«, log er die Frau an und packte meinen Oberarm ein wenig fester.

Ich beäugte Pierce, während ich zuließ, dass er mich herumstieß, da es ihm Spaß zu machen schien und ich nicht widersprechen konnte, ohne Aufsehen zu erregen. Neugier erschien auf dem Gesicht der Frau, und sie schaute von dem Formular, das Ivy gerade unterschrieben hatte, auf den Ausweis auf meiner Tasche und dann auf mich. In einem Augenblick veränderte sich ihre Miene von freundlich zu angewidert. »Oh, Sie sind das. Sie haben einen reservierten Platz ganz vorne.«

Oh, Sie sind das? Wie nett. »Ich danke Ihnen«, sagte ich spitz, als Ivy ihr Formular über den Tisch zurückschob. »Wissen Sie, ob Trent Kalamack bereits hier ist?«

»Nein.« Sie atmete schwer, und die Damen rechts und links von ihr schwiegen.

Mein Magen hob sich. Schwarze Hexe. Sie hielten mich für eine schwarze Hexe und konnten meine Anwesenheit kaum ertragen. »Wir brauchen noch einen weiteren Platz«, sagte ich und zeigte auf Ivy, aber die Frau schüttelte den Kopf.

»Sie kann nicht rein.«

Ich hatte die Schnauze gestrichen voll von Frauen, die sich für allmächtig hielten, nur weil man ihnen eine kleine Aufgabe übertragen hatte, aber ich atmete tief durch, um mich zu entspannen. »Warum nicht?«, fragte ich mit ruhiger Stimme und zog meine Tasche höher auf die Schulter.

»Nur Hexen.«

Pierce sah auf und ließ seinen Blick über die Menge wandern, als jemand anfing, mit lauter, fordernder Stimme »Juuu-huuh« zu schreien.

»Trent Kalamack ist keine Hexe«, sagte ich angespannt.

Pierce ließ mich los, um jemandem zuzuwinken, und die Macht, die in mich geflossen war, floss aus meinem Körper. Die Kopfschmerzen trafen mich wie ein Hammer, und ich versteifte mich.

»Mr. Kalamack ist Teil des Protokolls«, sagte die Frau. »Sie nicht.«

Wütend stemmte ich meine Hände auf den Tisch und lehnte mich leicht vor. Ivy zog mich zurück und in ihren Augen fehlte überraschenderweise jede Wut. »Ich komme auf andere Weise rein«, murmelte sie.

»Nein.« Ich löste mich von ihr, und die Frau wirkte verängstigt, weil Pierce mich überhaupt nicht beachtete. »Ich wurde beschossen, verwanzt und angegriffen. Ich will, dass du dabei bist, und es gibt überhaupt keinen Grund, warum du nicht rein dürfen solltest.«

Die Frau zappelte nervös herum und warf zuerst einen Blick auf Pierce, dann auf die Leute, die sich hinter mir sammelten. »Es gibt Sicherheitsbedenken«, sagte sie, und ich nickte dramatisch.

»Mmm. Und genau deswegen will ich sie bei mir haben.«

»Rachel!«, rief eine vertraute, fröhliche Stimme an meinem Ellbogen, und ich wirbelte herum. Pierce grinste. Neben ihm stand meine Mutter mit einer Einkaufstüte unter dem Arm, einem großen gelben Hut auf dem Kopf und einem Besen in der Hand. Sie strahlte mich an, und mein Kopf wurde leer.

»Mom!«, rief ich und starrte sie mit großen Augen an. »Was tust du hier?«

»Verdammt, an dir sieht selbst weißes Leder gut aus!« Sie ließ ihre Tüte fallen, warf die Arme um mich und drückte mich an sich. Der Geruch von Flieder und Rotholz erfüllte meine Sinne, und der Besen bohrte sich in meinen Rücken. Sie trat mit einer Hand am Hut zurück, um ihn vor dem Absturz zu bewahren, und in ihren Augen glitzerten ungeweinte Tränen.

»Ich bin heute Morgen hergeflogen«, sagte sie und warf einen kurzen Blick auf ihren Ausweis. »Ich wollte dich sehen. Und ich wusste, dass ich nur abwarten musste, wo es Ärger gab, und dich dort finden würde. Und hier bist du tatsächlich!«

Ich umarmte sie noch einmal und konnte es einfach nicht glauben. Die Frau am Tisch winkte der nächsten Person in der Schlange, und wir traten zur Seite.

»Mom, ich bin froh, dass du da bist.« Sie sah toll aus. Ihr rotes Haar war zu einem Bob geschnitten, und sie trug ein Oberteil, das ihre Figur betonte. Jetzt, wo sie sich nicht mehr so altbacken anzog, hätten wir fast Schwestern sein können. Grauen überschwemmte mich, als sie uns auf die Doppeltür zuschob. Wenn die Sache nicht gut lief, war es vielleicht das letzte Mal, dass ich sie sah.

»Komm rein«, sagte sie, nahm meinen Arm und führte mich vorwärts, als wollten wir nur einen Kaffee trinken gehen und nicht Plätze bei meinem Prozess einnehmen. »Trenton hat uns Sitze ganz vorne reserviert, aber wenn man zu lange wartet, versuchen irgendwelche Hohlköpfe, sich dort hinzusetzen.« Sie schaute hinter uns. »Hi, Ivy. Schön, dich zu sehen.« Ivy murmelte etwas zurück. Sie fühlte sich in der Nähe meiner Mom nie ganz wohl.

Meine Mom blieb kurz stehen, um Pierce von oben bis unten zu mustern. »Wallace, hm?«, sagte sie trocken. »Du musst Pierce sein. Nett, endlich mal den Mann zu treffen, der meiner Tochter ihre erste Eintragung bei der I.S. verschafft hat. Du wirst es schon hinkriegen, nehme ich an. Ich hoffe, du bist gut im Bett. Es ist wirklich absolut schrecklich, euch Männern beizubringen, was einer Frau gefällt.«

Ich erhaschte einen kurzen Blick auf Pierces entsetztes Gesicht, aber gleichzeitig hatte sich der letzte Zweifel in Luft aufgelöst. Es war wirklich meine Mutter, kein Doppelgänger. Was auch immer ihr in den Kopf kam, sprach sie auch aus.

»Mom ...«, protestierte ich, aber sie redete schon weiter, erklärte, wie schön es war, mich zu sehen, und wie gut ihr meine Haare so gefielen, fragte mich, ob ich in St. Louis gewesen war, als der Gateway Arch eingestürzt war, und was ich von dem Erdbeben heute Nachmittag hielt. War sie nicht eine Nummer? Ich wusste, dass ihr Plappern ihr Weg war, mit Druck umzugehen, und deswegen sagte ich nicht viel und gab nur an den richtigen Stellen Grunzlaute von mir.

Die Doppeltüren öffneten sich vor uns, als jemand hineinging. Ich hob den Blick, während meine Füße sich weiter bewegten. Als Erstes traf mich der gedämpfte Lärm und der Geruch der Schaumstoffstühle mit Baumwollbezug. Alles war in Blau und Grau gehalten, und im Hintergrund dudelte Musik. Der Raum war schon fast voll, und die murmelnden Gespräche waren wie eine Wand, auch wenn der Raum so gebaut war, dass er den Lärm aufsaugte. Die Bühne lag gute vier Meter unterhalb der Treppe, an der wir standen. In der Mitte erhob sich ein Podium, und dahinter stand ein Tisch mit sechs Stühlen, die alle auf das Publikum ausgerichtet waren. Oliver und Leon waren bereits da und ignorierten die Leute einfach, während Oliver redete und Leon zuhörte.

Mein Herz machte einen Sprung, und ich erstarrte.

»Ist das deine Mutter?«, flüsterte Pierce.

Ich setzte zu einer Antwort an, aber der Türsteher trat uns in den Weg. »Ma'am, Sie können nicht hinein«, sagte er zu Ivy, und ich riss den Kopf hoch.

Meine Mutter, die bereits drin war, drehte sich mit funkelnden Augen um. »Gehen Sie zum Teufel nochmal aus dem Weg«, sagte sie laut, als sie sich zu uns zurückdrängte und Ivy am Ellbogen nahm. »Wissen Sie nicht, wer das ist? Zur Seite oder ich ramme Ihnen den Besenstiel in den Arsch.«

Pierce starrte nur wortlos, aber ich grinste. »Jau, das ist meine Mutter«, sagte ich, dann folgte ich Ivy, die von meiner Mutter über die Türschwelle geschleppt wurde. Meine Mutter starrte den Mann böse an, wie um ihm zu sagen, dass sie ihre Drohung wahrmachen würde, wenn er nur einen Mucks von sich gab. Der Türsteher hatte seinen Meister gefunden und gab eingeschüchtert auf.

Ivy warf einen Blick über die Schulter zurück, als meine Mutter sie die Treppe zum Boden des Amphitheaters hinunterführte. Langsam verblasste mein Lächeln. Hier drin waren so viele Leute, und die Bühne wirkte riesig.

»Deine Mutter hat keine Scheu, sich freimütig zu äußern«, sagte Pierce. Ich entspannte mich ein wenig, als er meine Hand ergriff und Jenseits in mich floss. Ich wusste, dass es nicht halten würde, also umklammerte ich seine Finger und hatte Angst, loszulassen.

»So ist sie«, sagte ich und hielt den Blick auf die Treppe gesenkt. Die Leute hatten unser Kommen bemerkt und der Ton der Gespräche veränderte sich. Mehr Geflüster, mehr bösartiges Geläster.

Pierce packte meine Hand fester, und ich sah auf, weil ich etwas Warnendes in seiner Berührung fühlte. Vivian war aus dem Hintergrund getreten. Sie wirkte selbstbewusst und einzigartig in einem fließenden, prinzessinnenartigen Kleid in Purpur, Blau und Grün. Ihre Haare waren hinten aufgetürmt und sie wirkte wie ein vornehmer San-Francisco-Hippie, so weit von meinem ledernen Glanz entfernt wie ein Vogel von einem Frosch. Sorge packte mich. Mit wehenden Röcken ging sie zum Podium, beugte sich vor und zog ein Amulett heraus. Sie sah gut aus, ausgeruht und bereit. Ich wünschte mir, mir ginge es genauso.

»Test«, sagte sie mit dem Amulett in der Hand einfach, und als ihre Stimme sich angenehm über das Geplapper erhob, ließ sie es in eine Tasche gleiten und ging, um sich mit Oliver zu unterhalten. Im gesamten Auditorium herrschte eine gespannte, aufgeregte Atmosphäre. Ich schickte ein dummes kleines Winken in Vivians Richtung, als sie aufsah, weil Oliver mit dem Finger auf mich zeigte. Er trug einen eindrucksvollen Anzug, und wieder spürte ich einen Stich der Nervosität wegen meiner Kleidung. Weiß? Vielen Dank auch, Al.

Vivian richtete sich auf und brach den Blickkontakt, bevor ich ihre Gedanken einschätzen konnte. Oliver sollte eigentlich für mich stimmen, aber nach heute Nachmittag bezweifelte ich das schwer, trotz der Abmachung, die wir in einem FIB-Verhörzimmer über dreitausend Kilometer entfernt getroffen hatten. Ich hoffte, dass ich meine kleine Erinnerung daran, dass ich die Hexengesellschaft zerstören konnte, nicht brauchen würde. Wir stammen von Dämonen ab.

Schließlich erreichten wir den Boden und den kleinen Freiraum vor der Bühne. Meine Mutter und Ivy warteten am Eingang einer Reihe mit leeren Stühlen. Tatsächlich waren auch die drei Reihen dahinter noch leer, da niemand uns zu nahe kommen wollte. Meine Nervosität ließ nicht zu, dass ich mich hinsetzte, also standen wir zusammen im Gang. Während Pierce und meine Mutter Smalltalk machten, suchte ich in den aufsteigenden Sitzreihen nach Trent.

Ivy lehnte sich zu mir und lächelte mit geschlossenen Lippen. »Du bist ein wenig grün. Soll ich mit dir da hochgehen und dir Händchen halten?«

»Kannst du nicht einmal nett zu mir sein?«, fragte ich, und sie lachte. »Trent wird nicht auftauchen«, fügte ich hinzu, während ich mich gleichzeitig fragte, was meine Mutter gerade Pierce erzählte. Sie wirkte konzentriert und er hatte die Augen aufgerissen.

»Ist das notwendigerweise schlecht?«, fragte Ivy, und ich versuchte zu entscheiden, ob sie Witze machte oder nicht.

»Ich mache mir Sorgen um Jenks«, sagte ich, und sie nickte. »Hat er angerufen?«, fragte ich zum tausendsten Mal. Sie schüttelte den Kopf und wandte den Blick ab.

Ich dachte an das Telefon in meiner Tasche und fragte mich, ob ich es ausschalten sollte. Aber ich wollte Jenks' Anruf nicht verpassen, falls er kam. Dann überschwemmte mich eine Welle von Schuldgefühlen. Jetzt war es auch zu spät, um Bis anzurufen.

Aufregung an der Tür, durch die wir gekommen waren, erregte meine Aufmerksamkeit und ich wandte mich ab, als der Mann, den meine Mom bedroht hatte, reinkam und mit dem Finger in unsere Richtung zeigte. »Schau nicht hin«, sagte ich zu Ivy, weil ich dachte, sie wollten sie aus dem Raum entfernen, aber meine Angst verpuffte in purem Glücksgefühl, als ich das vertraute Klappern von Pixieflügeln hörte.

»Jenks!«, rief ich und fühlte mich plötzlich drei Meter groß, als ich das Glitzern von Pixiestaub sah. Mir war egal, dass die Leute uns anstarrten und laut flüsterten. Ich winkte wie ein Idiot und grinste breit, als ein heller Fleck sich von der Decke zu uns nach unten sinken ließ.

»Oh mein Gott, Jenks!«, sagte ich glücklich und litt mal wieder unter dem Größenunterschied, als er mitten in unserer Gruppe ankam. Er hatte einen langen Riss in seinem schwarzen Ärmel, und seine Haare waren verfilzt, aber er lächelte, und es ging ihm gut. »Wie ist es gelaufen? Bist du in Ordnung? Wo ist Trent?«, fragte ich. Ich wollte ihn umarmen, aber stattdessen konnte ich nur meine Hand für ihn ausstrecken.

Jenks nickte allen zu und schoss um Ivy herum, um sie in silbernes Funkeln zu hüllen. »Mir geht's prima«, sagte er. Seine Flügel bewegten sich geschmeidig, und er war offensichtlich voller Energie. »Das glaubst du nie, Rache«, sagte er und seine Augen funkelten aufgeregt. »Trent ist hier. Er ist mit Lucy auf der Toilette.«

»Lucy?« Ich fragte mich, ob Ellasbeth wohl eine jüngere Schwester hatte. »Was habt ihr getan?«

Jenks landete auf meiner Hand, aber eine Sekunde später hob er schon wieder ab, unfähig, sich ruhig zu halten. »Das errätst du nie!«, sagte er und schoss vor und zurück. »Der Kerl ist glitschiger als Krötenrotze. Trent ist »Ein Daddy«, unterbrach Ivy ihn, die Augen auf die Tür gerichtet.

Ich wirbelte herum, während Jenks von oben nach unten sauste und so schnell und hoch redete, dass ich ihn nicht verstehen konnte. Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf, und meine Mutter neben mir fluchte. »Auf. keinen. beschissenen. Fall«, sagte ich.

Trent stand in seinem üblichen Tausend-Dollar-Anzug in der Tür, rückte seinen Ausweis zurecht und war von viel zu vielen Frauen umgeben. Eine davon wiegte ein schreiendes Baby. Nach der süßen kleinen Mütze zu schließen ein Mädchen. Lucy?

»Auf. Keinen. Fall!«, wiederholte ich und wechselte einen Blick mit Ivy, bevor ich rechtzeitig wieder zu Trent schaute, um zu sehen, wie er das Baby nahm. Ich riss die Augen auf. Sie gehörte ihm?

»Sehr wohl!«, sagte Jenks. Pierce seufzte und trat einen Schritt zurück. »Ich habe mir fast in die Hosen geschissen, als ich es rausgefunden habe. Kein Wunder, dass Trent nichts ausgeplaudert hat. Sie ist sein Kind. Seins und Ellasbeths. Das haben wir getan, Rache! Wir haben ein Baby entführt! Wie die Elfen es in den alten Tagen getan haben!«

Trent hat den horizontalen Tango mit Ellasbeth getanzt? Igitt.

Pierce schien die ganze Sache zu langweilen, aber meine Mutter zerfloss fast vor freudiger Erwartung. Sie streckte Trent fast schon die Arme entgegen, als er zu uns kam.

»Es war eine uralte Elfenqueste, um sich zu beweisen und zum Mann zu werden. Er musste ein Baby stehlen und nicht dabei erwischt werden«, erklärte Jenks, immer noch zu aufgeregt, um irgendwo zu landen. Ich konnte meinen Blick einfach nicht abwenden. Niemals. Trent hat ein Kind?

»Er hat sie gestohlen!«, sagte Jenks und landete endlich auf meiner Schulter. »Direkt aus der Wiege. Wie in den alten Tagen, wo sie Wechselbälger zurückgelassen haben, aber Trent hat nur ein verknittertes Stück Papier in die Wiege gelegt. Rache, er hat dieses seltsame kleine Lied gesungen, und sie ist aufgewacht und hat ihn einfach geliebt.«

Ich musste zugeben, dass Trent zu wissen schien, was er tat, als er dem kleinen Mädchen leicht auf den Rücken klopfte, um sie zu beruhigen. Er sah auf, und als sich unsere Blicke trafen, stand in seinen Augen immer noch unendliches Glück, gepaart mit einem heftigen Beschützerdrang. »Er ist über dreitausend Kilometer gereist, um ein Baby zu stehlen?«

»Sein Baby! Nicht irgendein Blag«, sagte Jenks und seine Flügelschläge erzeugten einen kühlen Zug an meinem Hals. »Seins und Ellasbeths. Hast du Fairyfürze in den Ohren? Sie war schwanger, als du ihre Hochzeit gesprengt hast. Lucy ist das erste Elfenbaby, das perfekt geboren wurde, noch vor Ceris. Das erste ohne den Dämonenfluch, und jedes Baby nach ihr wird perfekt sein. Deinetwegen.«

Ich leckte mir die Lippen, und Pierce trat zur Seite, um Trent Platz zu machen. Die nächste Elfengeneration. Lucy war der Anfang. Das hatte Trent gemeint. Und das meinetwegen? Nein, wegen Trent, Jenks, Ivy und mir. Wir hatten es zusammen geschafft.

Die Geräuschkulisse im Auditorium schien zu verblassen, als Trent vor uns anhielt. Seine Ohren waren rot, als er uns alle ansah. »Trent?«, presste ich hervor, und dann brach meine Mutter zusammen.

»Ooooh, lass sie mich halten!«, rief sie und streckte die Hände aus.

Sofort entspannten sich alle. Trent konzentrierte sich vollkommen auf das kleine Mädchen, als meine Mom näher kam. »Ms. Morgan«, sagte Trent und verschob vorsichtig seine ... Tochter ... auf dem Arm. »Sie ist ein temperamentvolles kleines Ding. Es kann sein, dass sie Sie nicht mag.«

»Natürlich wird sie mich mögen«, schnaubte meine Mutter. Die Leute beobachteten uns, und auf der Bühne hatte der Hexenzirkel seine Plätze eingenommen. Meine Mutter nahm Lucy, und sofort begann das kleine Mädchen zu weinen. Große Tränen flossen aus ihren grünen Augen, als sie sich weigerte, meine Mom anzuschauen, und sich umsah, bis sie Trent entdeckte. Dann verzog sie das Gesicht, als hätte er sie betrogen.

»Ach herrje«, sagte meine Mutter und wippte sie sanft, auch wenn sie schon wusste, dass es nichts bringen würde. »Du bist so ein hübsches Ding. Wein nicht, Liebes. Dein Daddy ist ja hier.«

Jenks lachte — nicht über meine Mutter, sondern über die entsetzten Mienen von Ivy und mir. »Du bist Vater?«, versuchte ich es wieder, und Trent zuckte mit den Achseln, während er mein Kleid musterte.

»So was passiert.«

»Rachel, nimm du sie«, sagte meine Mom. Es war ihr offensichtlich unangenehm. »Vielleicht mag sie dich.«

»Nein. Mom, nein!«, protestierte ich, aber es war meine Mutter, und ich hatte nur die Wahl, das Baby zu nehmen oder das Mädchen auf den Boden fallen zu lassen. Es gab keinen Ausweg, und während Trent sich versteifte, hatte ich plötzlich ein kleines Wesen in den Armen. Ich konnte sie nicht anschauen, als ihre Decke nach hinten fiel, und hatte fast Angst, als sie weinte, aber ich drückte sie an mich und wollte verdammt sein, wenn ich nicht ein wenig wippte. Sie war irgendwie weich und nachgiebig, passte sich aber gut in meinen Arm ein. Ich wippte noch einmal, und als ich ihr in die Augen sah, hörte sie auf zu weinen.

Trent, der bereits kurz davor gewesen war, sie mir zu entreißen, ließ die Arme sinken. Stattdessen wanderten seine hellen Augenbrauen nach oben, als er sagte: »Sie mag dich.« Es klang, als könnte er es nicht glauben.

»Natürlich mag sie Rache«, blaffte Jenks angriffslustig und hob von meiner Schulter ab, um vor das Babygesicht zu fliegen und das Mädchen mit seinem silbernen Pixiestaub zum Niesen zu bringen. Gurrend hob Lucy die Hand — wahrscheinlich, um nach Jenks zu greifen, aber stattdessen erwischte sie meinen Finger.

Scheiße.

Ihre winzige Hand packte mich mit erstaunlicher Wärme, und plötzlich verschob sich alles in mir, was ich zu wissen geglaubt hatte. Der Geruch von Zimt und Babypuder traf mich, und noch während ich die Augen aufriss, schmolz mein Herz und machte Platz für sie. Als ich in Lucys grüne Augen sah und ihre hellen Haare und das perfekte Gesicht in mich aufnahm, war es, als hätte jemand in mir einen Schalter umgelegt. Ich hatte schon Babys im Arm gehabt. Zur Hölle, für meine Freunde in der I.S. hatte ich sogar babygesittet, aber diese kleine Person klammerte sich an meinem Finger fest und suchte bei mir nach Schutz vor dem Lärm, der Menge und dem beängstigenden Pixiestaub. Mit einem Mal wollte ich sie nicht zurückgeben.

Ich hob den Kopf und schaute zu meiner Mutter. Ihre Augen waren dunkel von ungeweinten Tränen. Sie starrte sehnsüchtig Lucy an und erinnerte sich dabei wohl an Robbie und mich. Als sie aufsah, schenkte ich ihr ein reumütiges Lächeln. Verdammt, genau aus diesem Grund hatte sie mir Lucy gegeben. Es war keine Elfensache, es war einfach ... Leben.

»Sie mag dich«, sagte Trent wieder, aber trotzdem griff er nach ihr. Vielleicht war er eifersüchtig.

»Vielleicht weiß sie, dass du ihr beim Überleben geholfen hast«, warf Ivy von hinten ein.

»Schau ihre Ohren an, Rache«, sagte Jenks, als er auf meine Schulter zurückkehrte. »Du musst dir ihre Ohren anschauen.«

Ihre Ohren? Ich zog sie wieder zu mir, lehnte mich runter und atmete ihren Zimtgeruch ein, als ich unter ihre Mütze spähte. Trent hatte die Zähne zusammengebissen, aber trotzdem ließ er es zu. Lucy gurgelte nur glücklich, und ich starrte Ivy an, die sich ebenfalls vorgelehnt hatte.

»Du machst Witze«, flüsterte ich und starrte Trent an, während er grimmig dreinschaute. »Sie sind spitz.« Trent war gereizt, aber ich lachte fast. »Ihr müsst euch die Ohren kupieren lassen, um nicht aufzufallen?«, fragte ich leise.

»Jetzt nicht mehr«, antwortete er und zog seine Tochter wieder an sich.

Lucy gurrte, während ich fühlte, wie ihr kaum merkbares Gewicht meinen Arm verließ, und strampelte frustriert, bis ihr Vater — oh mein Gott, Trent hat ein Baby - sie wieder fest im Arm hatte. Meine Schultern sackten zusammen, und ich fühlte einen Verlust. Auf der Bühne machten sie Anstalten, die Versammlung zu eröffnen, und Pierce bemühte sich, meine Mutter und Ivy zum Hinsetzen zu bewegen. »Ist sie wirklich deine?«, fragte ich Trent, als sie ihre Plätze in der zweiten Reihe einnahmen, während er die Decke um Lucy feststeckte.

Er weigerte sich, mich anzuschauen. »Auf ungefähr sechs verschiedene Arten«, antwortete er. Als ich mich an das Gefühl erinnerte, sie nur für ungefähr eine Minute im Arm zu halten, wusste ich, was er meinte.

»Trent, warum hast du mir nicht gesagt, dass du hinter deinem ... Kind her bist?«

Überall um uns herum setzten sich Leute, ermahnten sich gegenseitig zur Ruhe und machten sich für die Show bereit. Aber er war ihnen gegenüber blind, als er mich mit einer Mischung aus Verlegenheit und Zögerlichkeit ansah, die ich noch nie an ihm gesehen hatte. »Ich weiß es nicht«, gab er zu und schien ehrlicher und verwirrter, als er es je zuvor gewesen war. »Es klang irgendwie lahm. Ich? Fahre über dreitausend Kilometer, um ein Baby zu stehlen? Ich bin ein Produkt des einundzwanzigsten Jahrhunderts, nicht irgendein Elf mit Titel, der mit seinen Dienern in einer Burg lebt.«

»Ja, aber es war dein Kind«, sagte Jenks.

Lucy trat gegen ihre Decke, und er packte sie wieder ein, ohne sich auch nur bewusst zu sein, dass er es tat. »Sie war nicht mein, bevor ich sie gesehen habe.« Sein Blick wurde leer, als er sich erinnerte. »Sie ist ...« Er hielt inne, weil er unfähig war, seine Gefühle in Worte zu fassen, als er sie ansah. Sie war eine völlig unabhängige Person, aber sie brauchte ihn für alles.

»Sie ist wunderschön«, sagte ich leise.

Trents Blick glitt zu mir, und er hielt Lucy besitzergreifend fest. »Ich würde alles für sie tun. Alles riskieren. Bis jetzt hatte ich es nie begriffen. Ich habe wahre Opferbereitschaft nicht verstanden.«

Hm. Vielleicht würde Lucy uns alle retten.

Jenks klapperte mit den Flügeln, um das Baby abzulenken. »Wie jeder Elternteil, Trent«, sagte er und schwebte über dem Mädchen, wie um mich daran zu erinnern, wer er war. »Glaubst du, du kannst in der nächsten Stunde irgendwas für Rachel tun? Du schuldest ihr was. Ich mag dir geholfen haben, Lucy zu stehlen, aber Rachel hat dich lebendig hierhergebracht, damit du es überhaupt tun konntest. Selbst mit deiner Hilfe.«

Meine Brust wurde eng, und ich erinnerte mich wieder daran, wo ich war. Trent nickte, und Vivian klopfte auffordernd gegen ihr Verstärker-Amulett. »Irgendwas bestimmt«, sagte er und lächelte halb. Er sah mich an, und sogar das halbe Lächeln verschwand. »Rache', es wird übel werden. Du wirst mir vertrauen müssen. Du musst verlieren, bevor du gewinnen kannst.«

»Oh, das ergibt ja mal eine Menge Sinn«, sagte ich finster. »Du bist nicht alt genug, um kryptische Weisheiten von dir zu geben. Selbst wenn du ein drei Monate altes Baby im Arm hast.«

Er lehnte sich zu mir, als Jenks davonschoss, um mit meiner Mutter zu reden. »Ich meine es ernst«, sagte er, und Lucy griff nach meinem Gesicht. »Oliver wird sich um sein Versprechen herumdrücken, egal, was ich sage. Er weiß, dass du niemandem sagen wirst, dass die Hexen von Dämonen abstammen. Wenn du es tust, wird die Hexengesellschaft in einem Jahrhundert der Hexenjagden untergehen, gegen die Salem wirkt wie ein Puppentheater.«

»Nein«, sagte ich, aber er hörte mir nicht zu.

»Du wirst verlieren«, erklärte er bestimmt. »Und wenn das geschieht, hör auf mich: Tu nichts Dummes. Spiel mit. Geh nach Alcatraz. Geh zu Al. Mir ist es egal, aber geh einfach. Es ist nicht vorbei, wenn die Glocke läutet.«

Trents Blick glitt zu der silbernen Glocke auf dem Tisch des Hexenzirkels, und Angst packte mich. Ich hörte seine Worte. Oliver war Abschaum. Trent sah keinen Weg, wie ich hier wieder rauskommen konnte. Er hatte mich schon für verloren erklärt und plante ein Comeback. Ich schaute zu Ivy, und ihre Pupillen erweiterten sich bei meiner Furcht.

»Nehmen Sie Ihre Plätze ein, bitte«, sagte Vivian laut vom Podium. Ihre Worte hallten über das Auditorium und stoppten ungefähr neunzig Prozent des Lärms.

Pierce stand an meinem Ellbogen und zog mich die leere Stuhlreihe entlang, um uns direkt vor meine Mom und Ivy zu bringen. Trent schob sich neben uns, und wir setzten uns. Auf der Bühne gab es zwei leere Stühle am Tisch des Hexenzirkels. Einen für Vivian, einen für Brooke. Ich durfte nicht verlieren. Ich konnte nicht. Sonst säße ich im Jenseits fest und würde nur noch gestohlene Momente in der Sonne erhaschen.

Vivian deutete auf die silberne Glocke, und sie läutete. Ich zuckte zusammen. Eine Welle der Macht hatte sich von ihr ausgebreitet, und es hatte sich angefühlt, als hätte sich ein Schutzkreis gehoben. Das Auditorium war für die Dauer der Versammlung geschlossen. Niemand konnte rein oder raus. Es hatte begonnen.