5
Es genügte nicht, den Entschluß zu fassen, sich wieder einen Platz in der Welt zu erkämpfen – viel schwerer war es, diesen Kampf Tag für Tag zu führen, gegen Schwierigkeiten, die nicht kleiner, sondern immer größer zu werden schienen. Jim brauchte all seine Energie, all seinen Mut dazu. Die Arbeit erschöpfte ihn körperlich stark; es mußte sehr viel an den Gebäuden, den Feldern, den Gräben und Hecken getan werden. Er hatte nicht die nötigen Geräte und Werkzeuge für all die Arbeiten, weil das Geld so knapp war. George hätte ihm zwar verschiedene Geräte leihen können, doch George war viel zu tugendhaft, um einem Bruder zu helfen, der im Gefängnis gesessen hatte.
Die Rowan Tree Farm war etwa hundert Morgen groß. Vorher hatte sie einem Mann gehört, der zu alt gewesen war, um sie richtig bewirtschaften zu können: Gräben waren verstopft, Wiesen versumpft, die Getreidefelder von Unkraut überwuchert, und an den Außengebäuden waren eine Menge Reparaturen zu machen. Dies alles war jedoch nichts im Vergleich zu dem Umstand, daß der Hauptstall nur Platz für sechzehn Kühe bot und die Melkanlage völlig veraltet war. Es schien fast, als hätte Howard Tremblin absichtlich eine derart heruntergekommene Farm ausgesucht, um Jim bis zum Äußersten auf die Probe zu stellen.
Um den Hof mit Gewinn bewirtschaften zu können, brauchte man für den Anfang eine Herde von sechzig Kühen, die in absehbarer Zeit auf hundert Stück vergrößert werden mußte. Nachdem Jim sechzig trächtige junge Kühe gekauft hatte, hatten er und Caroline keinen Penny mehr übrig. Jim machte sich daran, die Futterkrippen zu bauen. Er verstand nicht viel von Zimmermannsarbeit. Holz splitterte, Nägel verbogen sich, Schrauben brachen. Er schimpfte und fluchte und schleuderte oft genug wütend das Werkzeug in die Ecke.
Auch Caroline hatte ihre Sorgen und Schwierigkeiten. Das Farmhaus war alt und ebenso verrottet wie die übrige Farm. In sämtlichen Holzbalken schienen Armeen von Holzwürmern zu hausen. Sie verbrachte Stunden damit, Insektenvertilgungsmittel in die Löcher zu spritzen. Sie war von Natur aus sehr sauber und haßte Schmutz, doch der Staub in dem Haus schien unbesiegbar. Wenn sie ein Zimmer saubermachte, war es am nächsten Tag wieder so schmutzig wie zuvor. Sie hielt sich für eine recht gute Köchin, doch es gelang ihr einfach nicht, hinter die Geheimnisse des alten Petroleumherdes zu kommen: die Temperatur stieg und sank nach Belieben, und immer wieder mißlangen ihr Gerichte. Als ihr einmal ein besonders teures Stück Fleisch – ein Luxus, auf den sie lange gespart hatte – fast zu Asche verbrannte, brach sie in Tränen aus und bat ihn, ihr einen neuen Herd zu kaufen. Er weigerte sich, und es kam zu einem heftigen Streit. Als sie an jenem Abend im Bett lag, wurde ihr klar, daß tätige Reue auch ihre Nachteile hatte: er hatte sein Leben geändert, doch damit auch das ihre. Sie mußte jetzt ohne all den Komfort auskommen, den sie ihr Leben lang gewohnt gewesen war. Ihre Freunde sahen sie immer seltener. In den zwei Monaten, die sie jetzt auf der Farm wohnten, hatten sie kaum jemanden gesehen außer den Hammers. Auch ihren Vater sah Caroline nur selten, da er jeden Umgang mit Jim ablehnte.
Paul und Helen Hammer wohnten am oberen Ende des holprigen Weges, der von der Straße zur Farm führte, in einem schwarz-weißen Haus, das viel älter als das Farmhaus aussah, doch in Wirklichkeit mindestens zweihundert Jahre jünger war. Der vorherige Besitzer hatte es sorgfältig auf alt hergerichtet. Die Hammers waren sehr liberal eingestellte Leute. Sie respektierten Menschen ungeachtet ihrer Hautfarbe oder ihres Glaubens, taten alles, um vom Schicksal Benachteiligten zu helfen und kämpften gegen jegliche Ungerechtigkeit. Paul Hammer war Rechtsanwalt, Helen Hammer eine sehr hübsche, intelligente Hausfrau, die regelmäßig alte und kranke Leute im Hospital besuchte, um sie aufzumuntern und zu unterstützen. Die beiden mochten die Parkers und gaben sich alle Mühe, ihnen zu helfen. Paul Hammer half Jim an den Wochenenden sogar beim Ausbau der Ställe, doch leider war er ein ebenso schlechter Handwerker wie Jim.
Jim zog das Kühlgerät aus der letzten Milchkanne, drehte den Hahn ab, stellte den Kühler auf seinen Platz und tat den Deckel auf die Kanne. Er blickte auf die Uhr. Es war kurz vor neun, der Milchwagen mußte gleich kommen. Der Fahrer des Milchwagens war ein merkwürdiger Bursche, der gern Streit suchte; waren nicht alle Kannen fertig, so weigerte er sich, auch nur ein paar Minuten zu warten, und fuhr einfach weiter. Normalerweise war die Milch bis halb neun fertig, doch Jim hatte erst später mit dem Melken anfangen können, weil eine Kuh kalbte. Nach einer halben Stunde war es ihm gelungen, das Kalb herauszuholen, doch es war tot, und die Kuh blieb erschöpft auf dem Boden liegen. Ein Unglück nach dem anderen brach über die Farm herein. Es war das dritte tote Kalb in einem Monat, und eine der Kühe gab seit dem Kalben keine Milch mehr und mußte wahrscheinlich geschlachtet werden.
Er rollte eine Milchkanne nach der andern hinaus auf den Hof. Für jede brauchte er drei Minuten. Fortschrittliche Farmer verfügten über Milchtanks, doch die kosteten eine Menge Geld, und das war knapp auf der Rowan Tree Farm. Caroline hatte ihren Jaguar und ihren Schmuck verkauft, doch das Geld, das sie dafür bekommen hatte, war längst verbraucht.
Als nur noch zwei Kannen im Stall standen, erschien der Milchwagen. Der Fahrer schimpfte, doch bis er die zehn bereitstehenden Kannen verladen hatte, hatte Jim die restlichen zwei herausgeholt.
Jim ging den Weg zum Haus hinauf. Er zog auf der Veranda die Stiefel aus, schlüpfte in Pantoffeln und trat in die Diele. Am Ende der Diele befand sich die kleine Küche und dahinter das Eßzimmer.
Caroline war wütend. »Dein Frühstück ist schon seit neun Uhr fertig.«
»Tut mir leid. Eine Kuh hatte Schwierigkeiten beim Kalben.«
»Hättest du mir das nicht sagen können?«
»Während des Melkens?«
»Du hast doch sicher nicht zugleich der Kuh geholfen und gemolken?«
»Ich hatte bis kurz vor sieben mit der Kuh zu tun. Danach mußte ich gleich mit dem Melken anfangen.«
Besorgt und ärgerlich sah sie ihn an. Eine tiefe Hoffnungslosigkeit erfüllte ihn. Sie stritten so oft in letzter Zeit, wegen ganz unwichtigen Dingen. Warum? Tat es ihr leid, daß sie zu ihm gehalten hatte?
»Ich koch dir lieber ein frisches Ei«, sagte sie. »Falls noch eins da ist.«
»Das Kalb kam tot zur Welt.«
»Oh!« Sie legte ihre rechte Hand auf die Stirn, als hätte sie Kopfschmerzen. Plötzlich wirkte sie zutiefst verzweifelt und hilflos.
Er trat zu ihr. »Carry!«
Sie klammerte sich an ihn. »Es ist alles so hoffnungslos. Alles geht schief.«
»Es tut mir wirklich leid.«
»Es ist nicht deine Schuld. Du tust dein Bestes. Niemand könnte mehr tun.«
»Du hättest nicht bei mir bleiben sollen.«
»Sag so was nicht, Jim«, fuhr sie ihn an.
»Es ist alles … hoffnungslos.«
»Unsinn!« rief sie. Anscheinend hatte sie vergessen, daß sie eben das gleiche gesagt hatte. »Wir werden es schon durchstehen. Es wird alles gut werden. Die Kühe werden leichter kalben, sie werden immer mehr Milch geben, und bald werden wir die einträglichste Herde in der ganzen Gegend haben.«
»Wir haben nicht genug Grünfutter und Heu für den Winter, der Traktor hört sich an, als ob er Husten hat, und ich sterbe vor Hunger.«
Sie ließ ihn los. »Weißt du was, Jim? Solange wir über uns lachen können, werden wir durchhalten.«
»Glaubst du?«
»Ich weiß es.«
Er küßte sie. Dann ging er durch die Küche in die Diele und ins Badezimmer am anderen Ende. Nachdem er sich gewaschen hatte, ging er ins Eßzimmer zurück. Das Frühstück war inzwischen fertig. Während er aß, öffnete er die Post. Es waren zwei Rechnungen darunter; die eine war schon lange fällig.
»Helen hat uns zum Abendessen eingeladen«, rief Caroline aus der Küche.
»Schon wieder?«
»Möchtest du nicht hingehen?«
»Eigentlich wären wir an der Reihe, sie einzuladen.«
»Das hab ich ihr auch gesagt, aber Helen hat Geburtstag und möchte bei sich daheim ein wenig feiern.« Sie trat ins Eßzimmer. »Helen sagte, wir sollen so kommen, wie wir sind, aber das kannst du natürlich nicht. Du mußt dich umziehen, weil du nach Kuhmist stinkst.«
Er blickte auf. »Sag, Caroline, als du mich heiratetest, hast du da gedacht, daß du einmal die Frau eines armen Farmers sein würdest?«
»Es ist vieles passiert, womit ich nie gerechnet hätte«, erwiderte sie. Sie sah ihn offen an. »Aber ich möchte mit niemandem auf der Welt tauschen.«
Die Landmaschinenfirma befand sich in einer kleinen Seitenstraße in der Nähe der Wrexford Street. Die neuen Maschinen waren in drei Betonbauten untergebracht, die gebrauchten standen im Freien. Der Verkaufsleiter war ein großer, magerer Mann mit der nervösen Gewohnheit, ständig ohne jeden Grund zu lächeln. Er führte Jim am dritten Gebäude vorbei und zeigte ihm den Grabenbagger, den er sich ansehen wollte. Er erklärte sich bereit, ihn Jim für einige Zeit probeweise zur Verfügung zu stellen, lehnte es aber ab, mit dem Preis herunterzugehen.
Jim verabschiedete sich und ging zur Stadtmitte zurück. Er brauchte den Grabenbagger dringend, hatte aber nicht die hundert Pfund, die er kosten sollte. Wenn der Bagger geliefert wurde, würde er ihn in jeder freien Minute benützen. Die Firma würde ihm einige Zeit zur Entscheidung lassen, und wenn sie ihn mahnte, konnte er sie sicher noch etwas hinhalten. Bis dahin würde es ihm vielleicht gelingen, die hundert Pfund aufzutreiben. Eine Stimme riß ihn aus seinen Gedanken, und er blieb stehen.
»Hallo, Jimmy.«
Es war Albert Friendly. Er war ungewöhnlich gut gekleidet und hatte sich offenbar alle Mühe gegeben, sich ordentlich herzurichten, doch nichts konnte seine Plumpheit verbergen. Er hatte einen untersetzten, sehr kräftigen Körper und einen zu großen Kopf. Sein Gesicht war grobgeschnitten und schief.
»Mein Gott, haben wir uns lange nicht gesehen«, sagte Friendly.
Jim fiel plötzlich ein, was der Gefängnispfarrer gesagt hatte. War in Friendlys blaßblauen Augen Haß oder Hohn? Einfach lächerlich. In seinem Gesicht war nichts zu lesen, als Freude über das Wiedersehen, eine Freude, die durch die Vergangenheit nicht im mindesten getrübt schien.
»Ich habe sehr viel zu tun.«
»Ich war an dem Tag, als du entlassen wurdest, in Dracenden, um dich zu sehen, aber als ich hinkam, warst du schon weg.«
»Sie haben uns schon sehr zeitig entlassen.«
»Ich wollte dich so gerne sehen. Was machst du die ganze Zeit, Jimmy?«
»Arbeiten.«
»Was?«
»Ich habe eine Farm.«
»Kann ich dich mal besuchen, Jimmy?«
»Nein.«
»Aber ich könnte dir doch helfen. Ich mach jede Arbeit – ich bin stark …«
»Nein.«
»Warum soll ich nicht kommen und dir helfen? Ich hab schon mal auf einer Farm gearbeitet.«
»Nein.«
»Warum möchtest du nicht, daß ich dich besuche?«
»Ich hab zuviel zu tun. Entschuldige, aber ich hab’s eilig. Wiedersehen.« Er wandte sich ab, ging rasch bis zum Ende der Wrexford Street und bog in die High Street ein. Gleich hinter der ersten Verkehrsampel war eine Eisenwarenhandlung, wo er drei Pfund Nägel kaufte. Neben der Eisenwarenhandlung war ein auf importierte Schokolade spezialisierter Konfitürenladen. Er kaufte für Caroline eine große Schachtel belgischer Trüffel, ein Luxus, den er sich eigentlich nicht leisten konnte, aber sie aß Trüffel leidenschaftlich gern.