19
Am Sonntag, einem kalten, windigen Oktobertag, ging Jim zum ersten Mal, seit er wieder zu Hause war, den Weg zur Straße hinauf. Die Blätter der Bäume färbten sich schon gelb, und hinter der Hecke eines der Felder seiner Nachbarn sah er eine Herde Jersey-Kühe aufgeschüttetes Heu fressen.
Als Jim ein Stück gegangen war, spürte er zu seinem Ärger, daß er doch noch viel schwächer war, als er geglaubt hatte. Er dachte an George und seine Frau. Warum die beiden sich wohl überhaupt nicht nach ihm erkundigt hatten – Caroline hatte ihnen doch geschrieben, daß er im Krankenhaus lag.
Er erblickte Hammer im gleichen Moment, da dieser ihn bemerkte. Einen Augenblick standen sie beide regungslos da. Hammer stutzte die Hecke am Ende seines Gartens und war hinter ihr verborgen gewesen. Er schaltete die elektrische Heckenschere ab und sah Jim unsicher ab. »Wie … wie geht’s dir, Jim?«
»Ganz gut«, erwiderte Jim zögernd.
»Ich wollte dich im Krankenhaus besuchen, aber …« Hammer gestikulierte mit seiner freien Hand, als wollte er erklären, warum es ihm nicht möglich gewesen war.
Jim ging langsam weiter.
»Ich konnte Mittwoch nacht nichts tun«, sagte Hammer laut.
Jim blieb stehen.
»Ich … ich wollte dir ja helfen. Wirklich, das kannst du mir glauben. Aber ich konnte die Patronen nicht finden … Ich hab im ganzen Haus danach gesucht …«
»Du bist mir keine Erklärung schuldig.«
»Ich schwöre es – ich konnte die Patronen nicht finden.«
»Sei doch ehrlich. Du bist gar nicht an deinen Gewehrschrank gegangen.«
»Du … du hast kein Recht, so was zu sagen.«
»Kein Recht?« sagte Jim erstaunt. »Kein Recht, wo ich dich um Hilfe gebeten und du sie verweigert hast; kein Recht, wo Caroline nur wie durch ein Wunder einer Vergewaltigung entgangen ist … Alles nur, weil du zuviel Angst hattest, deine Nase zur Tür rauszustrecken.«
»Du hättest nicht versuchen dürfen, mich in die Sache hineinzuziehen«, schrie Hammer wütend.
»Aber dabei bildest du dir doch immer soviel darauf ein, daß du dich um die Schwierigkeiten anderer Leute kümmerst.«
Helen Hammer lief über den Rasen auf sie zu. Sie trug einen Regenmantel aus Plastik, der nicht zugeknöpft war. Der Wind zerrte daran, und sie hielt ihn vorn zusammen. Sie trat neben ihren Mann, der mit hochrotem Gesicht dastand, und legte ihren Arm um ihn.
»Er … er wirft mir vor, daß ich ihm Mittwoch nacht nicht geholfen habe«, sagte Hammer heiser. »Ich habe ihm gesagt, daß ich die Patronen nicht finden konnte.«
»Das stimmt, er konnte die Patronen nicht finden«, sagte sie. »Aber selbst wenn er sie gefunden hätte – ich hätte ihn nicht hinausgelassen.« Sie sah Jim zornig an. »Glaubst du, ich hätte ihn euretwegen umbringen lassen?«
»Aber Caroline und ich wären fast umgebracht worden, weil er uns nicht geholfen hat.«
»Wie kannst du so etwas Gemeines, Schreckliches sagen?«
»Wir leben nun mal in einer gemeinen, schrecklichen Welt. Du hast allerdings bis jetzt immer nur aus zweiter Hand davon erfahren.«
»Paul ist nicht schuld daran, daß diese Verbrecher hier aufgetaucht sind. Wahrscheinlich hast du mit ihnen eine Abmachung getroffen«, sagte sie. »Deshalb haben sie den Lastwagen in deine Scheune gestellt.«
»Und dann hab ich sie aufs Kreuz gelegt, um die Belohnung zu kassieren, was? Wenn du das glaubst, dann sag mir bitte – wieso ist Caroline fast vergewaltigt worden?«
Helen zog ihren Mann von ihm weg, und beide liefen ins Haus.
Jim ging weiter. Wie sinnlos war diese Auseinandersetzung gewesen. Seine Vorwürfe hatten an dem Geschehen nichts geändert – sie hatten Hammer nur noch tiefer beschämt. Es war so leicht, einen anderen Menschen zu verdammen. Was hätte er wohl in Hammers Lage getan, in der Lage eines Mannes, der zwei Kinder hatte?
Er ging in die Kneipe und kaufte zwei Sonntagszeitungen. Der Wirt versuchte ihn neugierig auszufragen. »Mit dieser Welt wird es noch ein böses Ende nehmen«, sagte er gleich dreimal.
Irgendwo schrie Caroline. Jim wollte zu ihr, doch seine Füße steckten in einer Falle. Ein Mann rannte an ihm vorbei, ein zweiter. Ihre Schreie wurden immer verzweifelter. Er wollte um Hilfe rufen, doch seine Zunge war gelähmt. Er erwachte.
Allmählich wich der Alptraum. Er lag auf dem Rücken und starrte zur Decke auf, die im Mondlicht, das durch die Vorhänge hereinschien, undeutlich zu sehen war. Manche Leute behaupteten, daß man in Träumen die Zukunft voraussah. Deutete dieser Alptraum nicht darauf hin, daß er unbewußt fürchtete, Albert Friendly könnte wiederkommen und vollenden, was er begonnen hatte?
Atkins saß in seinem Büro hinter dem Schreibtisch und blickte Jim an. Er ließ sich nicht anmerken, wie nervös er war.
»Werden Sie sie verhaften?« fragte Jim.
»Es ist noch zu früh …«
»Es ist volle sieben Tage her, seit Friendly meine Frau fast vergewaltigt hätte.«
»Leider nehmen die Laboruntersuchungen und Ermittlungen sehr viel Zeit in Anspruch …«
»Sagen Sie mir die Wahrheit. Besteht die Aussicht, daß Sie Friendly bald verhaften werden?« fragte Jim leise.
Atkins schüttelte den Kopf.
»Warum nicht?«
Atkins nahm ein Lineal und begann damit herumzuspielen. »Es wurden keine Fingerabdrücke, keine Fußabdrücke, keine identifizierbaren Reifenabdrücke gefunden. Sie haben Friendly zwar erkannt, doch das Gericht würde seinem Alibi mehr Gewicht beimessen. Ihre Frau konnte nichts weiter aussagen, als daß der Täter von ungewöhnlicher Größe und ziemlich plump war. Wir haben an der Hose eines Verdächtigen Blut gefunden. Es hat die gleiche Gruppe wie das Ihre, doch leider hat ein anderer Verdächtiger ebenfalls diese Gruppe. Alle fünf Verdächtigen haben das gleiche Alibi, und es ist uns bis jetzt nicht gelungen, es zu erschüttern.«
»Was gedenken Sie also zu tun?«
»Weiterzumachen, bis wir die Wahrheit herauskriegen. Die heutigen Verbrecher sind zwar sehr raffiniert, aber selbst der raffinierteste hinterläßt einmal eine Spur – einen Beweis. Den müssen wir finden.«
»Und wie groß sind die Chancen, daß Sie ihn finden werden? Haben Sie die Männer verhaftet, die die Zigaretten gestohlen haben? Haben Sie die zwei Männer verhaftet, die mich das erste Mal zusammenzuschlagen versuchten? Werden Sie die fünf Männer verhaften, die mich zusammenschlugen und meine Frau überfielen?«
Atkins legte das Lineal hin. »Wir tun unser möglichstes.«
»Und wenn das nicht genug ist? Im Gefängnis hat mich der Pfarrer vor Friendly gewarnt. Ich war so dumm, ihn auszulachen. Als die Männer Mittwoch nacht in mein Haus eindrangen, ist Friendly nicht zusammen mit den andern auf mich losgegangen, sondern gleich nach oben gerannt und hat sich auf meine Frau gestürzt.« Jim beugte sich vor. »Sie wissen doch genausogut wie ich, was das bedeutet. Er wird wiederkommen und sich rächen.«
»Nein!« sagte Atkins scharf.
Jim stand auf. »Ich hatte einen Alptraum, einen entsetzlichen Alptraum, der mich furchtbar mitgenommen hat. Ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich dachte, Sie würden mich beruhigen, aber Sie können mir nicht helfen.«
»Was haben Sie vor?« fragte Atkins.
»Meine Frau zu schützen. Zu verhindern, daß ihr etwas passiert.«
»Das Gesetz …«
»Das Gesetz! Was nützt mir das Gesetz?«
»Friendly wird nicht wiederkommen«, sagte Atkins.
Jim ging ohne ein weiteres Wort hinaus.