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Howard Tremblin, Carolines Vater, war ein ungewöhnlich charmanter Mann. Obwohl er nie beim Militär gewesen war, wirkte er mit seiner Adlernase, seinem Schnurrbart, seinem knappen, befehlsgewohnten Ton wie ein pensionierter Offizier. Er saß im Aufsichtsrat mehrerer großer Gesellschaften und war Präsident einer Firma, die Elektrogeräte herstellte und sich unter seiner Leitung auf das Doppelte vergrößert hatte.

Seine Frau war vor elf Jahren gestorben, und niemand wußte, wie sehr ihn das getroffen hatte, denn er war ein Mensch, der seine Gefühle nicht zu zeigen pflegte. Seither galt seine ganze Liebe Caroline, doch er hatte sich nie der Täuschung hingegeben, daß sie seinetwegen auf ein selbständiges Leben verzichten würde. Als sie ihm sagte, daß sie James Parker heiraten wolle, hatte er ihr erklärt, daß sie seiner Meinung nach in ihr Unglück renne, doch dann hatte er alles getan, um für ihr Glück zu sorgen. Als die prophezeite Katastrophe dann eintraf und Parker ins Gefängnis kam, hatte ihn fast die gleiche tiefe Verzweiflung erfüllt wie beim Tod seiner Frau. Er hatte gesehen, wie Caroline unter ihrem Kummer beinahe zerbrach, wie sie sich später langsam wieder erholte; er hatte gesehen, wie einige ihrer Freunde sich von Caroline abwandten, und ein tiefer Haß auf James Parker hatte ihn befallen.

Caroline besuchte ihn am Samstagmorgen in Maracon House, einem Queen-Anne-Gebäude, das voller schöner Dinge war. Er arbeitete gerade in seinem Büro, doch als er sie durchs Fenster sah, ging er hinaus in die Halle, ließ sie ein und führte sie in den größeren der beiden Salons, an dessen einer Wand zwei Bilder flämischer Meister hingen, die seine Frau vor vielen Jahren für ein paar Pfund gekauft hatte.

»Morgen, Carry.« Er küßte sie auf die Wange und merkte, daß der deprimierte Ausdruck der letzten zwei Jahre aus ihrem Gesicht verschwunden war.

»Jim ist wieder daheim, Vater«, sagte sie. Sie setzte sich, öffnete ihre Handtasche und zündete sich mit nervösen, fahrigen Bewegungen eine Zigarette an.

»Wie geht’s ihm?«

»Es – es hat ihn schrecklich mitgenommen.«

»Das kann ich mir denken.« Er ging zur anderen Seite des Zimmers und öffnete die hübsche, mit Intarsien verzierte Hausbar.

»Was möchtest du trinken, Carry? Das übliche?«

»Ja, bitte. Einen doppelten.«

Er schenkte ihr Whisky und Soda ein und sich selbst einen Gin.

Sie trank rasch, als hoffe sie, daß der Alkohol ihr das Folgende erleichtern würde. Er setzte sich in einen der großen Ledersessel, öffnete eine silberne Zigarrendose, nahm eine Zigarre heraus, schnitt die Spitze ab und zündete sie an.

»Jim hat sich sehr verändert«, sagte sie plötzlich.

»Das war wohl unvermeidlich«, erwiderte er.

Sie blickte auf. »Du verstehst mich nicht richtig. Daß er ins Gefängnis kam, hat ihn zutiefst erschüttert. Ihm wurde in diesen zwei Jahren richtig bewußt, was er sich und mir angetan hat. Er hat geschworen, daß er ein neues, ordentliches Leben beginnen wird.«

Er nahm sich zusammen und sagte gleichmütig: »Carry, du darfst auf keinen Fall zulassen, daß er dir ein zweites Mal so weh tut.«

»Wie meinst du das?«

»Du darfst dich nicht allzusehr darauf verlassen, daß Jim sich wirklich geändert hat.«

»Heißt das, du glaubst, bei ihm ist Hopfen und Malz verloren?« fragte sie erregt.

Es schmerzte ihn, die neuaufflackernde Hoffnung seiner Tochter zu zerstören, doch er hielt es für seine Pflicht, ihr seine Meinung zu sagen. »Wahrscheinlich nimmt sich jeder Mensch, der entlassen wird, vor, ein neues Leben zu beginnen.«

»Und du glaubst, daß das unmöglich ist?«

»Manchen gelingt es.«

»Und warum soll es Jim nicht gelingen?«

»Er hat seinen Weg schon vor mehreren Jahren gewählt.«

»Und jetzt wählt er eben einen anderen Weg.«

»Es wird nicht leicht für ihn sein.«

»Er wird es schaffen«, sagte sie stolz.

»Das hoffe ich.«

»Wirklich? Oder möchtest du nicht lieber, daß er wieder scheitert und du recht behältst?«

»Carry – das glaubst du doch nicht im Ernst«, rief er.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, natürlich nicht. Entschuldige. Es ist nur – ich habe das Gefühl, alle sind gegen ihn, niemand vertraut ihm.«

Sie schwiegen einen Moment nachdenklich, dann hob sie den Kopf: »Wir möchten eine Milchfarm aufbauen. Jim sagt, die Gewinnspanne ist zwar wegen der Maßnahmen der Regierung stark geschrumpft und es besteht die Gefahr der Überproduktion, weil die Bauern sich immer mehr Kühe zulegen, aber er meint, jemand, der wisse, was er will und wirklich tüchtig und fleißig ist, kann es auf diesem Gebiet trotzdem zu etwas bringen.«

»Ist er tüchtig und fleißig?«

»Du weißt, daß er immer Farmer werden wollte. Er wollte die Farm seines Vaters übernehmen.«

Er seufzte. »Aber Jim hat nie Lust zur Arbeit gezeigt – und als dann seine Eltern starben, war es zu spät.«

Sie sah ihn bittend an. »Zu spät, um ihre Farm zu übernehmen, aber nicht zu spät, jetzt ganz von vorn anzufangen und eine Existenz zu gründen.«

»Soviel ich weiß, ist die Arbeit auf einer Milchfarm besonders schwer und mühsam, vor allem, wenn man keine Arbeitskräfte hat.«

»Wir werden uns lange keine Arbeitskräfte leisten können.«

»Das bedeutet, daß ihr die Kühe selbst zweimal täglich melken müßt, Tag für Tag, Woche für Woche – daß ihr so gut wie keine Freizeit habt.«

»Jim weiß das.«

»Worauf willst du hinaus, Carry?« fragte er unumwunden.

Sie drückte ihre Zigarette aus. »Jim hat mit seinem Bruder gesprochen. Als seine Eltern bei diesem Flugzeugunglück umkamen, hinterließen sie alles George, weil Jim im Gefängnis saß und sie das so mitgenommen hatte, daß sie keinerlei Verständnis für ihn aufbrachten. Jim bat George, ihm einen von den kleinen Höfen zu überlassen. George gebrauchte die lächerliche Ausrede, daß er sich das nicht leisten könne. Jim sagte ihm, daß das nur eine Ausrede sei und daß er zu feige wäre, die Wahrheit zu sagen, und es kam zu einem schrecklichen Krach.«

»Du sagtest doch immer, George ist so übertrieben korrekt.«

»Was für ein Recht hat er, Jim so voreilig zu verdammen?« fragte sie wütend.

»Das Recht eines jeden, der nicht wegen eines Verbrechens verurteilt wurde«, erwiderte er. »Carry, du darfst von den Menschen kein Mitgefühl und keine Hilfe erwarten. Die Menschen sind hart, brutal und gemein, wenn einen ein Unglück trifft – sie wollen nicht daran erinnert werden, daß ihnen eines Tages das gleiche passieren könnte. Wenn du kämpfen und dich wehren willst, dann mußt du härter sein als sie, so hart, daß es dir egal ist, was sie reden oder tun.«

Sie preßte den Mund zusammen. »Ich habe gekämpft.«

»Ich weiß«, sagte er. »Aber wenn George Jim keinen Hof geben will, was soll dann geschehen? Soll ich dir einen kaufen?«

Stolz und bittend zugleich sah sie ihn an. »Du hast uns so viel gegeben …«

»Schön, ich kaufe eine kleine Farm«, sagte er, »und schenke sie dir. Aber mehr werde ich nicht tun, Carry – nicht weil meine Liebe zu dir auch nur im mindesten nachgelassen hat, sondern weil ihr euch selbst hocharbeiten müßt, wenn ihr Erfolg haben wollt.«

Sie begann leise zu weinen.

Er ballte die Fäuste.

 

Elkin saß in seinem Wagen und wartete. Eine hübsche Frau, die einen Pekinesen an der Leine führte, näherte sich auf dem Gehsteig. Ihre übertriebene Eleganz ließ vermuten, daß sie für viel Geld zu haben war. Er lächelte sie an. Sie sah seinen Wagen und dann ihn an und ging mit hochmütiger Miene weiter. Er fluchte. In einem schicken Dreitausendpfund-Wagen und mit einem Hundertguinea-Anzug auf dem Leib hätte sie ihn nicht abblitzen lassen.

Bailey kam auf den Wagen zu, öffnete die Tür und stieg ein. Er trug einen zerknitterten Anzug, den er eindeutig von der Stange gekauft hatte.

»Und?« fragte Elkin.

»Nichts zu machen, Mike.«

»Der blöde jiddische Bastard.«

»Er hat gesagt, er bleibt bei Nosh.«

»Ist er denn blind und taub? Nosh ist erledigt.«

»Letzten Samstag hat er ein prima Ding gedreht.«

»Den Einbruch bei dem Juwelier in Penterton?«

»Genau.«

Elkin ließ den Motor an, reihte sich in den Verkehr ein und fuhr die Straße hinunter, die von billigen Kleidergeschäften, Trödlerläden und Terrassenhäusern gesäumt war. Wenn Nosh Townley wegen zehntausend Pfund bei dem Juwelier eingebrochen war – soviel war die Beute nach den Zeitungsberichten wert –, dann sah das fast so aus, als ob er beweisen wollte, daß er in dieser Gegend immer noch der erste Mann war und daß er nicht die Absicht hatte, zu weichen.

»Willst du die Sache trotzdem machen?« fragte Bailey.

»Saublöde Frage.«

»Und wer soll dir dabei helfen?«

»Wir werden schon ein paar Kerle finden. Und wenn wir das Ding erst mal gedreht haben, werden die Jungs sich nur so drum reißen, mit mir zu arbeiten.«

Sie verließen Dracenden auf der dreispurigen Küstenstraße. Elkin war ein rücksichtsloser Fahrer, der sich um andere Verkehrsteilnehmer nicht im mindesten kümmerte. Trotz der zahlreichen großen Lastwagen, die den Verkehr behinderten, schafften sie die fünfundzwanzig Kilometer bis Gerlingford in achtzehn Minuten.

Elkin bog auf die Zubringerstraße nach Gerlington ab. Sie fuhren die schmale Straße hinunter, die zunächst aus Wohnhäusern und nach etwa einem Kilometer aus Geschäftshäusern bestand und zur High Street führte. Bei der zweiten Verkehrsampel bog er in die Station Road ab, fuhr bis zur Eisenbahnbrücke und darüber und bei einem Kino, das auf Sexfilme spezialisiert war, nach links. Ein paar hundert Meter weiter, hinter den Verschiebeanlagen, hielt er hinter einem klapprigen alten Humber an. Von dort hatten sie eine gute Aussicht auf ein großes Fabriktor.

Er zündete sich eine Zigarette an.

»Wie lange brauchen sie von hier bis zum Hafen?« fragte Bailey.

»Fünfzehn Minuten.«

»Dann haben wir nicht viel Zeit. Sie werden, lange bevor wir das Zeug umgeladen haben, merken, daß etwas passiert ist.«

Elkin schwieg.

Bailey nahm einen Kaugummi aus der Tasche, wickelte ihn aus und schob ihn in den Mund.

Nach fünf Minuten wurde das Fabriktor geöffnet. Ein Mann trat auf die Straße, überzeugte sich, daß sie frei war und winkte einen großen Lastwagen mit einem Anhänger heraus. Auf beiden Fahrzeugen befand sich je ein Container.

»Da fahren Zigaretten im Wert von fast hunderttausend Pfund«, murmelte Elkin.

»Wie willst du sie eigentlich loswerden?«

»Das ist schon alles arrangiert – für jede Zigarette, die wir liefern, kriegen wir den halben Preis.« Elkin wartete, bis der Mann wieder hineingegangen war und das Tor geschlossen hatte. Dann fuhr er dem Lastwagen nach. Bei der ersten Kreuzung bogen sie nach links ab, fuhren bis zum südlichen Ende der Umgehungsstraße, wo sie wieder auf die Küstenstraße stießen.

Bei Fenley Green holten sie den Laster ein und blieben ein paar Minuten hinter ihm; dann überholte ihn Elkin und raste bis Keriston, eine schmutzige Stadt mit einem verkehrsreichen Hafen. Er parkte im östlichen Teil des Hafens an einer Stelle, wo sie die Kontrollstelle für Fahrzeuge beobachten konnten.

Nach etwa sieben Minuten fuhr der Lastwagen vorbei; sein Motor dröhnte laut, weil die Straße an dieser Stelle steil anstieg. Elkin schaute auf die Uhr. »Sie haben fünfzehneinhalb Minuten gebraucht.«

»Das genügt einfach nicht«, murmelte Bailey.

»Verlaß dich drauf, daß es genügt.«

»Wie willst du die Zigaretten abladen, bevor die Polente auftaucht?«

»Wir müssen den Laster natürlich verstecken.«

»Wo? Sie werden überall danach suchen.«

»Hör mal, Bailey, in der Sache stecken fünfzig Tausender drin …«

»Die wir nie zu sehen kriegen werden, wenn es schiefgeht. Nosh wird sich totlachen, wenn sie uns schnappen, bevor wir auch nur eine einzige Zigarette abgeladen haben.«

Elkin blickte zu der Kontrollstelle hinüber. Ein Hafenpolizist sprach mit dem Lastwagenfahrer. Nachdem er rasch einen Blick auf ein paar Papiere geworfen hatte, deutete der Polizist auf einen großen Schuppen hinter sich. Dort würde man die Plomben an den zwei Containern untersuchen, und wenn sie in Ordnung waren, würde es keine weitere Kontrolle geben, bis der Laster auf die Fähre fuhr. Zigaretten im Wert von hunderttausend Pfund – ein wirklich erstklassiges Ding, das eindeutig beweisen würde, daß er ein großer Gangster war, dem niemand den Vorrang streitig machen konnte.

Es gab eine dünne Stelle in seinem Plan – eine Tatsache, die Bailey sofort erkannt hatte. Wie sollten sie schnell genug fertig werden, wenn sie den Laster geschnappt hatten? Zweimal wöchentlich verließ ein Lastwagen mit Anhänger die Fabrik und traf nach fünfzehn Minuten – manchmal ein oder zwei Minuten früher oder später – im Hafen ein. Wegen der langen Fahrt über den Kontinent saßen immer zwei Männer in der Kabine, und da ihre Ladung so wertvoll war, hatten sie ein Funkgerät, mit dem sie Alarm geben konnten, und eine sehr leicht zu bedienende Vorrichtung, die den Motor außer Betrieb setzte. Die Fahrt zum Hafen dauerte fünfzehn Minuten, der Laster fuhr immer zur gleichen Zeit los, und wenn er nicht ankam, würde man das sofort bemerken. Wenige Minuten nach dem Überfall würde man die Polizei verständigen. Wie und wo also sollten sie den Lastwagen so verstecken, daß die Polizei ihn nicht fand, bevor die Ware auf andere Fahrzeuge umgeladen war?