18
Atkins rief bei der Stadtpolizei an und sprach kurz mit dem zuständigen Inspektor; dann fuhr er mit einem der Kriminalbeamten zur Papworth Road. Der Beamte war jung, gutgelaunt und redselig, doch als er Atkins’ düstere Miene sah, verstummte er bald.
Sie klopften an der Haustür, und Drews öffnete. Er war ein kleiner, untersetzter Mann mit einem stumpfen Gesicht voller Bartstoppeln.
Sie gingen ins Wohnzimmer, in dem die Spuren einer Party zu sehen waren: überall standen Flaschen und volle Aschenbecher, und ein Sessel hatte einen frischen Riß in der Lehne. In einem Sessel saß eine Frau. Sie trug einen Hausmantel und offenbar nicht viel darunter. Sie sah aus, als hätte sie eine anstrengende Nacht hinter sich.
Atkins deutete auf die Frau. »Gehen Sie bitte hinaus.«
»Hast du gehört, Gert«, sagte Drews. »Verschwinde.«
Sie stand auf, zog den Gürtel ihres Hausmantels fester, stolzierte mit haßerfülltem Gesicht an Atkins und dem Polizisten vorbei und knallte die Tür hinter sich zu.
»Was war letzte Nacht?« fuhr Atkins Drews an.
»Was soll gewesen sein? Wir hatten eine Party – ich und ein paar Freunde und ein paar Mädchen.«
»Was für Freunde?«
»Mike und seine Jungens. Darunter auch dieser Doofkopf, der an dem ganzen Schlamassel schuld war.«
»An welchem Schlamassel?«
»Na ja, dieser Bursche … wie heißt er doch schnell?« Drews rieb sich sein Stoppelkinn und sah Atkins verschlagen an. »Ach ja – Friendly, Bert Friendly. Er wurde ein bißchen zu übermütig.« Er lachte.
»Wie meinen Sie das?«
»Es war für jeden eine Puppe da, aber die, die für Bert vorgesehen war, mochte ihn nicht – nicht weiter verwunderlich, obwohl sie alles andere als eine Schönheit ist. Bert jagte sie durch die ganze Wohnung und versuchte ihr die Kleider vom Leib zu reißen, und sie fluchte und schimpfte wie ein Rohrspatz. Mann, haben wir gelacht! Schließlich riß er ihr das Kleid runter, und sie hatte nicht viel drunter an. Mein Lieber, das brachte ihn vielleicht hoch. Ich sage Ihnen, der Bursche ist ein richtiger Bulle.«
»Wo ist die Frau jetzt?«
»Sie ist noch oben. Nachdem sie ein bißchen was getrunken hatte, schien sie Bert doch nicht so übel zu finden, und er hat sie rausgetragen.«
»Wann kam Elkin?«
»Tja, wann kann das gewesen sein?« Drews tat, als denke er angestrengt nach. »Ich glaube, so gegen zehn.«
»Und wann ging er?«
»Erst morgens, so um acht.«
»Und seine Jungens?«
»Die waren die ganze Zeit hier.«
»Sie lügen«, sagte Atkins wütend.
»Ich schwöre – das ist die Wahrheit.«
»Die Kerle sind erkannt worden, als sie um zwei Uhr morgens in der Nähe von Gerlingford ein Ding drehten. Eine Sache, die sie Jahre hinter Gitter bringen wird. Wenn Sie versuchen, ihnen zu einem falschen Alibi zu verhelfen, dann werde ich dafür sorgen, daß Sie ihnen Gesellschaft leisten.«
»Wie kommen Sie denn auf die Idee?« sagte Drews.
»Mir können Sie doch nichts vormachen. Sie sind ein kleiner Ganove, den Elkin dafür bezahlt hat, daß Sie ihm ein Alibi verschaffen. Los, packen Sie schon aus – sonst werde ich sehr unangenehm.«
Drews hob ein paar Flaschen vom Boden auf und fand schließliche eine, in der noch etwas Gin war. Er schüttete ihn in ein schmutziges Glas und kippte ihn hinunter.
»Wie lange waren Elkin und seine Leute weg?« fragte Atkins.
Drews wischte sich den Mund ab. »Ich sag Ihnen doch, er ist gegen zehn gekommen und bis zum Morgen hiergeblieben.«
»Schön, wenn Ihnen die harte Tour lieber ist …«
»Sie können nichts beweisen.«
Atkins zuckte verächtlich die Achseln. »In welchem Zimmer ist die Frau?«
»Neben dem Bad«, brummte Drews.
Die Frau lag im Bett und sagte, sie heiße Ethel. Sie war nackt und forderte sie auf, das Zimmer zu verlassen, damit sie sich anziehen könne. Atkins trat ans Fenster und schaute hinaus. Das flache Garagendach befand sich nur etwa eineinhalb Meter darunter. Er sagte, er sei verheiratet und nackte Frauen über einem bestimmten Alter reizten ihn nicht; deshalb werde er im Zimmer bleiben, ihr aber den Rücken zuwenden, falls sie das beruhige. Der Polizist werde ebenfalls nicht hinsehen. Sie begann zu schimpfen, stand aber auf und zog sich an.
Atkins verhörte sie fast eine Stunde lang. Sie war gerissen und erfahren und haßte die Polizei. Was sie erzählte, war immer wieder das gleiche. Sie sei von Mavis, einer Frau, die sie nur flüchtig kenne, zu einer Party eingeladen worden. Gegen zehn Uhr seien fünf Männer gekommen und hätten das Haus die ganze Nacht über nicht verlassen. Einer sei ein tölpelhafter, riesiger Kerl gewesen, ein Typ wie aus einem Horrorfilm. Er hätte sich an sie herangemacht und auf unverschämte Weise belästigt. Doch sie verstünde sich zu wehren und hätte ihm einige recht schmerzhafte Verletzungen beigebracht. Später hätte sie festgestellt, daß er gar nicht so schrecklich war, wie er aussah, und er hätte sich als richtiger Mann erwiesen. Der Blick, mit dem sie die beiden musterte, verriet ihren Zweifel, ob sie sich unter ähnlichen Umständen auch als richtige Männer erwiesen hätten.
Kurz nach sieben Uhr abends fuhr Atkins zur Polizeistation von Gerlingford, parkte seinen Wagen und ging hinein. Der diensthabende Sergeant teilte ihm mit, daß der Chefinspektor ihn schon seit zwanzig Minuten in seinem Zimmer erwarte.
»Erfolg gehabt?« fragte Carlton, nachdem Atkins sich entschuldigt hatte.
»Nein«, antwortete Atkins. »Es ist ihnen nicht beizukommen.«
»Sie müssen sie richtig unter Druck setzen.«
»Hab ich ja getan.« Atkins berichtete ihm kurz das Ergebnis seiner Ermittlungen.
»Verdammt«, sagte Carlton, »an dieser Geschichte ist nicht zu rütteln.«
»Eben. Aber ich warte ja noch auf die Laborergebnisse. Vielleicht ist darunter ein Beweis.«
»Und Parker hat doch Friendly erkannt, nicht wahr?«
»Dem würde das Gericht wohl kaum viel Bedeutung zumessen. Er hat sich verzweifelt gewehrt, und der fünfte Mann hatte einen Nylonstrumpf überm Gesicht.«
»Das Alibi ist falsch, also muß es irgendeinen Beweis dafür geben, daß es falsch ist.«
»Kann sein, aber wo?«
»Die Nachbarn?«
»Die habe ich vernehmen lassen. Daß eine Party stattgefunden hat, steht fest, denn die ganze Straße hat den Lärm gehört. Und nicht nur das – ein Mann, der fünf Häuser weiter wohnt und mit dem letzten Zug von London gekommen war, kam auf dem Weg vom Bahnhof gegen halb zwölf an Drews’ Haus vorbei – es war strahlend hell beleuchtet. Davor parkten mehrere Autos, und er bemerkte, daß bei einem die Innenbeleuchtung brannte. Es war ein schwarzer Ford, und dem Mann fiel auf, daß die Kennzeichennummer aus mehreren Dreiern bestand. Elkin hat einen schwarzen Ford mit dem Kennzeichen 3333 KR.«
»Nicht schlecht ausgedacht – sie haben ihren eigenen Wagen hingestellt und einen anderen gestohlen.«
»Elkin ist ein raffinierter Bursche.« Das Telefon klingelte. Atkins ging um den Schreibtisch herum, setzte sich und nahm den Hörer ab. »Ja … Ja … Donnerwetter! Okay. Vielen Dank.« Er legte den Hörer auf. »Das Labor hat mir eben einige Ergebnisse mitgeteilt. Ich habe ihnen eine Hose von Elkin und Friendlys Kleider geschickt. Auf der Hose haben sie Blutflecken gefunden, Gruppe Null. Elkin hat Gruppe A, Parker Gruppe Null.«
»Welche Gruppe hatte das Blut an dem Zigarettenstummel aus dem Kombi, den sie bei dem Überfall auf den Lastwagen benützt haben?«
»Gerade das ist der Haken, Sir. Es hatte Gruppe Null. Also hat einer der Burschen Gruppe Null, und deshalb kommt es als Beweis nicht in Frage.« Atkins schwieg einen Augenblick; dann sagte er wütend: »Was mich so aufregt, Sir, ist, daß wir das Unheil voraussehen konnten und trotzdem nicht imstande waren, etwas dagegen zu tun. Ich sehe dauernd Mrs. Parker vor mir. Sie hat Furchtbares mitgemacht, bloß weil ich nicht gelogen habe.«
»Das ist doch Unsinn.«
»Wenn ich dem Chef gesagt hätte, Parker wäre offen bedroht worden, dann wäre sein Haus bewacht worden.«
»Meine Leute lügen nicht«, fuhr Carlton ihn an. Und in verändertem Ton fügte er hinzu: »Sie brauchen sich wirklich keine Vorwürfe zu machen, Basil.«
»Meinen Sie?« Atkins sah ihn bedrückt an.
»Herrgott noch mal, Sie wissen doch ganz genau, daß das alles nicht so einfach ist. Angenommen, Sie hätten den Chef angelogen und er hätte einen Polizisten als Wache aufgestellt – möglicherweise hätte die Bande ihn niedergeschlagen, vielleicht sogar umgebracht.«
»Damit sagen Sie praktisch, daß Mrs. Parker nicht zu helfen war.«
»Damit sage ich, daß Sie Ihre Pflicht getan haben.«
Atkins lehnte sich in seinem Sessel zurück.
»Wir werden die Burschen schon überführen«, sagte Carlton schroff.
»Nur wird das den Parkers leider nicht mehr helfen.«
Ein Ambulanzwagen brachte Jim vom Krankenhaus zur Rowan Tree Farm. Der Arzt hatte gesagt, daß er ihn nur unter der Bedingung entlasse, daß er sich zu Hause sofort ins Bett lege. Als sie auf der Farm ankamen, setzte Jim sich ins Wohnzimmer und bat Caroline, den Aushilfsmelker zu holen.
Sie sah ihn besorgt an. »Warum tust du nicht, was der Arzt gesagt hat, und legst dich ins Bett?«
»Weil das nicht nötig ist,«
»Du mußt dich unbedingt hinlegen. Du siehst schrecklich aus.«
»Und du besonders hübsch.«
Sie küßte ihn. Als sie sich aufrichtete, wandte sie rasch den Kopf ab, damit er die Tränen in ihren Augen nicht sah.
Als sie hinausgegangen war, zündete er sich eine Zigarette an. Er bewegte sein rechtes Bein und spürte einen stechenden Schmerz. Als sie eben ging, waren ihre großen Augen voll Zärtlichkeit und Tränen gewesen, die sie zu verbergen suchte. Sie war überfallen worden, und fast hätte man ein entsetzliches Verbrechen an ihr begangen, weil die Polizei nicht imstande gewesen war, sie beide zu schützen. Es war eine bittere Ironie: Von dem Moment an, da er den Laster entdeckte, hatte er alles getan, was das Gesetz von einem anständigen Menschen verlangte – doch die Polizei hatte nichts für ihn getan; sie hatte nicht verhindert, daß er zusammengeschlagen und Caroline belästigt wurde. Wenn sie nun vergewaltigt worden wäre? Wie hätten sie sich je wieder so lieben können wie vorher?
Caroline kam mit dem Aushilfsmelker zurück, einem Mann mittleren Alters. Jim bedankte sich für seine Hilfe, und sie waren bald in eine angeregte Unterhaltung vertieft. Nach einer Weile klingelte es an der Haustür. Es war Atkins. Der Melker ging.
Atkins erkundigte sich nach Jims Befinden, und Jim antwortete knapp. Als Caroline sagte, sie müsse ins Dorf fahren und etwas einkaufen, fragte Atkins, ob er sie nach ihrer Rückkehr sprechen könne. Sie zögerte einen Moment; dann nickte sie und ging.
Atkins setzte sich. »Ich dachte, vielleicht können Sie mir doch ein wenig weiterhelfen. Erzählen Sie mir das Ganze doch bitte noch einmal in allen Einzelheiten. Ihre Frau wachte also auf und sagte, sie hätte gehört, wie eine Autotür zugeschlagen wurde …?«
Als in Jim die Erinnerung an alles aufstieg, bebte seine Stimme, und seine Hände zitterten. Als er von Carolines Schreien erzählte, mußte er sich mit aller Kraft beherrschen, um nicht umzukippen.
Atkins machte sich hin und wieder eine Notiz, sagte aber nichts, bis Jim fertig war. »Sind Sie wirklich hundertprozentig überzeugt, daß der fünfte Mann Friendly war?«
»Ja.«
»Wieso sind Sie sich so sicher?«
»Ich hab ihn genau erkannt – seine Figur, seinen Gang, seine merkwürdige Plumpheit.«
»Was hatte er an?«
»Er hatte einen Strumpf über dem Gesicht und trug einen dunklen Pullover, eine dunkle Hose und Handschuhe.«
»Sagte er irgendwas?«
»Nein.«
»Als Sie ihn sahen, wurden Sie von den anderen angegriffen. Also können Sie nicht so genau auf ihn geachtet haben.«
»Es war Friendly«, erwiderte Jim. »Ich täusche mich nicht.«
»Nein, das nicht – aber es ist meine Pflicht, möglichst einwandfreie Beweise zu sammeln. Was können Sie mir über die andern vier Männer sagen – was hatten sie an, wie groß waren sie, war an einem von ihnen irgend etwas Auffälliges?«
»Sie trugen alle dunkle Hosen und Pullover und Handschuhe.«
Atkins setzte das Verhör fort.
Nach etwa zehn Minuten kam Caroline mit einer Tasche voller Lebensmittel zurück. Sie fragte, ob sie Tee oder Kaffee machen solle, und Atkins bat um eine Tasse Kaffee. Sie brachte sie ihm und stellte einen Teller mit Keksen daneben.
Als er den Kaffee getrunken hatte, sagte Atkins: »Mrs. Parker, hätten Sie jetzt ein paar Minuten Zeit? Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir einige Fragen beantworten würden.«
»Meinetwegen«, erwiderte sie widerwillig.
Er stand auf. »Können wir woanders hingehen?«
»Warum?« fragte sie scharf.
Er lächelte freundlich. »Tut mir leid, daß Ihnen das nicht recht ist, aber ich verhöre nie eine Frau in Gegenwart ihres Mannes. Ich möchte eine völlig unbeeinflußte Aussage. Man glaubt nicht, wie oft Männer ihre Frauen zu korrigieren versuchen!«
Sie sah Jim rasch an; dann blickte sie weg und preßte den Mund zusammen. »Also schön, wenn es unbedingt sein muß. Es wird nicht lange dauern«, sagte sie zu Jim und strich ihm rasch über den Kopf.
Sie ging voraus ins Eßzimmer, setzte sich und wartete. Atkins sagte mit gepreßter Stimme: »Mrs. Parker, ich kann Ihnen gewisse Fragen leider nicht ersparen.«
Sie sah ihn über den Tisch hinweg an. »Bitte.«
»Haben Sie an dem Mann, der Sie überfiel, irgendwelche Besonderheiten bemerkt, die uns helfen könnten, ihn zu identifizieren?«
»Nein – das hab ich Ihnen doch schon gesagt.«
»Er hatte keine Narben, Tätowierungen, Leberflecken …«
»Er war vollständig bekleidet, trug Handschuhe und über dem Gesicht einen Strumpf. Wie hätte ich also irgend etwas sehen sollen?«
»Aus der Art seines Vorgehens ist zu schließen …«
»Er war vollständig bekleidet.«
»Mrs. Parker, Ihre Aussage könnte für die Identifizierung und Überführung des Mannes von ausschlaggebender Bedeutung sein.«
»Ich hab Ihnen alles gesagt, was ich weiß. Er war vollständig bekleidet«, schrie sie.
Atkins seufzte.