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Die meisten Gefängnispfarrer empfanden für die Häftlinge nichts oder taten sich selber leid, oder sie betrachteten sich von Gott dazu auserwählt, den Sündern dieser Welt ihre tiefe Verworfenheit klarzumachen. Der Pfarrer des Dracenden-Gefängnisses gehörte weder zu der einen noch zu der anderen Kategorie. Er war ein äußerst gebildeter Mann, voller Mitleid und Verständnis, und die Häftlinge fürchteten und haßten ihn gerade deswegen.
Vor dem Büro des Pfarrers im Parterre des Flügels C wartete nur eine kleine Schlange. Zwei der Männer behaupteten, von religiösem Eifer gepackt worden zu sein, weil sie das Saubermachen der Kapelle – einen begehrten leichten Job – übernehmen wollten, einer wollte den Pfarrer bitten, für ihn ein gutes Wort beim Direktor einzulegen, der eben eine Disziplinarstrafe über ihn verhängt hatte, und James Ulrich Parker wartete, weil er beim Frühstück zusammen mit jenen, die zum Direktor, zum Arzt, zum Dentisten und zum Pfarrer kommen sollten, aufgerufen worden war. Einige der Häftlinge hatten höhnisch gelacht, als wieder einmal sein Name fiel.
»Steht nicht so schlapp da«, bellte der Wärter.
Parker richtete sich unwillkürlich auf und nahm dann wieder seine vorherige Haltung ein. Er starrte den rothaarigen Wärter an und fragte sich was einen Menschen wohl veranlassen konnte, sein Leben damit zu verbringen, eingesperrte Mitmenschen zu bewachen.
Die Tür ging auf, und ein Häftling kam heraus. Der Wärter im Innern des Büros winkte ungeduldig dem Mann an der Spitze der Schlange, und dieser ging hinein. Die Tür wurde zugeknallt, so wie im Gefängnis alle Türen zugeknallt wurden. Der rothaarige Wärter begann sich, mit der kleinen Klinge seines Taschenmessers die Fingernägel zu säubern.
Zwei Jahre sind eine Ewigkeit, dachte Jim. Siebenhundertdreißig Tage, siebzehntausendfünfhundertzwanzig Stunden, eine Million und einundfünfzigtausendzweihundert Minuten, dreiundsechzig Millionen und zweiundsiebzigtausend Sekunden. Und zu dieser Ewigkeit kamen noch die drei Tage Strafnachlaß, die er verloren hatte …
Der Häftling trat aus dem Büro; sein schmutziges, mageres Gesicht verriet müde Resignation. Der nächste Mann ging hinein. Der rothaarige Wärter hatte seine Fingernägel gesäubert. Er klappte das Messer zu und steckte es in seine Jackentasche.
Eine Gruppe von fünfzehn Gefangenen, die zur Küche unterwegs war, ging an der Doppelreihe vorbei. Was würde es wohl zu Mittag geben? Es war Mittwoch – gekochtes Fleisch, Kartoffeln, Gemüse, Reispudding. Eine gute, gesunde Diät für jene, die die geschmacklosen Gerichte nicht zu essen brauchten – aber schließlich durfte ein Gefängnis ja nicht zu einem Luxushotel ausarten.
»Ihr sollt gerade stehen«, rief der Wärter.
Er richtete sich auf. Von Anfang an hatten ihn einige der Wärter schikaniert, doch er hatte sich zusammengenommen und sein hitziges Temperament unterdrückt, um Ärger zu vermeiden. Die Beschwerde eines Wärters bedeutete Verlust des Strafnachlasses und jeder verlorene Tag zusätzliche vierundzwanzig Stunden oder eintausendvierhundertvierzig Minuten oder sechsundachtzigtausendvierhundert Sekunden Haft.
Ein Häftling kam heraus, ein anderer ging hinein. Heute war Mittwoch. Was tat Caroline wohl? Es war Irrsinn, an sie zu denken, doch nichts im Gefängnis hatte ihn dahin bringen können, seine Gedanken zu unterdrücken. Merkwürdig – obwohl sie fast ein Jahr lang verheiratet gewesen waren, bevor er ins Gefängnis kam und sie ihn regelmäßig besucht hatte, fiel es ihm schwer, sie sich genau vorzustellen. Sie wirkte verschwommen, erfüllte ihn mit einem stechenden Schmerz.
»Wachen Sie auf, Mann!« brüllte der Wärter.
Er zuckte zusammen. Die Bürotür stand offen, und der Wärter drinnen winkte ihm ungeduldig zu. Er trat ein. »Name und Nummer«, sagte der Wärter und knallte die Tür zu.
»Parker, fünf vier neun.«
»Stehen Sie bequem.«
Er hatte gar keine Haltung angenommen.
Mit seiner leisen, kultivierten Stimme sagte der Pfarrer: »Diesen Mann möchte ich allein sprechen.«
»Jawohl, Sir.« Der Wärter wandte sich um, stampfte mit den Füßen auf wie auf dem Exerzierplatz, ging hinaus und knallte die Tür hinter sich zu.
»Setzen Sie sich«, sagte der Pfarrer.
Jim setzte sich. Feindselig starrte er den Pfarrer an.
»Zigarette?« fragte der Pfarrer und hielt ihm eine Schachtel hin. Er hatte ein merkwürdiges längliches Gesicht und etwas zu große Ohren. Sein Gesicht wies Sorgenfalten auf, die von zuviel Mitleid und Verständnis zeugten.
Jim nahm eine Zigarette. Sie war dick und fest, ganz anders als die dünnen Selbstgerollten, die er und die anderen Häftlinge normalerweise rauchten.
»Sie werden bald entlassen, nicht?« fragte der Pfarrer.
»In einem Monat.«
»War es sehr schlimm?«
Er zuckte die Achseln.
»Ein paar der Häftlinge haben Ihnen anfangs das Leben ziemlich sauer gemacht, nicht wahr?«
Er schwieg.
»Ich verstehe. Das ist eine der Fragen, die Sie nicht beantworten, wie? Genauso wie Sie dem Gericht nicht sagen wollten, wer der andere Mann in dem Wagen war. In der Verbrecherwelt ist Verpfeifen das Verwerflichste, und Denunzianten sind Parias.« Der Pfarrer lehnte sich in seinem Sessel zurück. Er trug einen weißen Kragen, doch sein Benehmen war von einer Lässigkeit, die vermuten ließ, daß er auf solche Äußerlichkeiten keinen Wert legte. »Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, wie komisch es ist, daß diese Regel nicht nur in Gefängnissen, sondern auch in höheren Schulen gilt?«
»Sie dürften nicht der erste sein, der Vergleiche zwischen diesen beiden Institutionen anstellt«, meinte Jim mürrisch.
Der Pfarrer zögerte, als wüßte er nicht recht, ob er angesichts dieser abweisenden Haltung fortfahren sollte, doch schließlich sagte er: »Sie wissen doch, daß ich mich für Ihren Fall sehr interessiere?«
»Das habe ich gemerkt. Mir ist nur nicht klar, warum.«
»Weil ich so optimistisch bin, zu hoffen, helfen zu können.«
»Haben Sie in all der Zeit, die Sie schon in Gefängnissen arbeiten, auch nur einem einzigen helfen können?«
Der Pfarrer zuckte zusammen. »Sie verstehen es gut, einen zu verletzen«, sagte er leise. »Warum können Sie mich nicht als jemanden betrachten, der nicht zu der Obrigkeit gehört, die Sie so hassen?«
»Weil Sie dazu gehören. Sie, die Wärter, der stellvertretende Direktor, der Direktor – Sie sind die Obrigkeit.«
Der Pfarrer beugte sich ein wenig vor und sah ihn betrübt an. »Sie werden in einem Monat entlassen. Danach steht Ihnen eine sehr schwere Zeit bevor.«
»Danke für die gute Nachricht.«
»Menschen, die zum ersten Mal eine Gefängnisstrafe abgesessen haben, glauben oft, sie kehren danach in dieselbe Welt zurück, in der sie vorher gelebt haben. Das Schlimmste ist, daß das nicht stimmt. Sie entdecken bald, daß die Welt viel brutaler und grausamer geworden ist, und in ihrer Enttäuschung verlieren sie den Glauben an sich selbst: sie denken, daß sie im Leben von Anfang an versagt haben. Sie dürfen nie den Glauben an sich selbst verlieren. Ich möchte Ihnen helfen …«
»Ich hab Sie nicht darum gebeten.«
»Ich möchte es trotzdem. Sie wurden wegen Körperverletzung mit tödlichem Ausgang verurteilt, weil Sie jemanden mit dem Auto überfuhren, nicht?«
»Ja.«
»Sie waren damals betrunken?«
»Ja.«
»So betrunken, daß Sie ein Auto gestohlen haben?«
»Was werden Sie mir jetzt vorhalten – das sechste Gebot?«
»Das achte«, verbesserte ihn der Pfarrer automatisch, ärgerte sich aber im gleichen Moment darüber. »In Wirklichkeit haben Sie den Wagen doch gar nicht gefahren, stimmt’s?«
»Nein?«
»Es war der andere Mann – der Mann, dessen Namen Sie nicht nennen wollten.«
»Sie scheinen eine Kleinigkeit zu übersehen – er kann gar nicht fahren.«
»Ich habe mich ein wenig mit Ihnen beschäftigt. Sie sind ein Mensch, der in verschiedener Hinsicht noch immer nicht erwachsen ist – es machte Ihnen Spaß, der Obrigkeit eine Nase zu drehen. Als also Ihr Freund vorschlug, einen Wagen zu stehlen und eine Spazierfahrt zu machen, hielten Sie das bestimmt bloß für einen Jux, habe ich recht? Aber Sie haben den Wagen nicht gesteuert, weil …«
»Ich hab Ihnen doch schon gesagt, der andere kann nicht fahren.«
»Woher wissen Sie das so genau?«
»Weil er’s mir gesagt hat. Außerdem ist er zu dumm dazu.«
»Genau.«
»Was soll das heißen?«
»Daß Ihnen gar nicht klargeworden ist, wie es wahrscheinlich wirklich war.«
»Wie es wirklich war?«
»Daß Sie überzeugt waren, der Intelligente zu sein, der dem Dummen überlegen ist, während es genau umgekehrt war.«
»Ich habe keine Ahnung, was Sie meinen.«
»Wer saß mit Ihnen in dem Wagen? Derselbe Mann, mit dem Sie beim Wildern erwischt wurden?«
Jim starrte ihn halb erstaunt, halb mißtrauisch an.
Der Pfarrer schüttelte den Kopf. »Ich versuch’s nicht rauszukriegen, um es der Polizei zu sagen«, sagte er.
Jim schwieg.
»Ich bin nie so recht schlau geworden aus Ihnen.« Der Pfarrer schnippte die Asche von seiner Zigarette in einen Aschenbecher. »Ich habe den Eindruck gewonnen, daß Sie ein charakterlich starker, vielleicht etwas aufsässiger Mensch sind, der ein gut Teil seiner Zeit damit verbrachte, sich gegen die gültigen Maßstäbe aufzulehnen. Doch ich kam auch zu dem Schluß, daß Sie ein Mensch sind, der seine Handlungen nicht feige zu entschuldigen sucht – wenn Sie etwas verbocken, dann nehmen Sie auch die Folgen auf sich. Deshalb glaube ich Ihnen Ihre Aussagen vor Gericht. Es gab einen zweiten Mann. Aber das war nicht alles, sondern das Entscheidende ist: er war der Fahrer. Ich frage mich – warum ließen Sie sich von ihm zu der Dummheit verleiten, ein Auto zu stehlen – obwohl Sie selbst eins besaßen – und eine Tour zu machen, bei der ein Mann tödlich überfahren wurde? Und warum ist der andere weggerannt und hat nicht versucht, Sie zu entlasten? Warum hat er sich nicht gestellt und ein Geständnis abgelegt? Verstehen Sie, worauf ich hinauswill?«
»Nein«, erwiderte Jim. »Und es interessiert mich auch gar nicht.«
»War der Mann, mit dem Sie wilderten, derselbe, der an jenem Abend mit Ihnen in dem Wagen saß?«
»Warum fragen Sie ihn nicht selbst, wenn Sie so neugierig sind?«
»Er hieß …« Der Pfarrer blickte auf ein Blatt Papier auf seinem Schreibtisch, »Albert Friendly. Er wurde dem Gericht als ein Mann von nicht eben großer Intelligenz geschildert.«
»Ich sagte Ihnen ja, er ist kein Genie. Aber von der Fasanenjagd versteht er eine Menge.«
»Waren Sie viel mit ihm zusammen?«
»Hin und wieder.«
»Er gehört einer ganz anderen Schicht als Sie an. Sie stammen aus einer ziemlich wohlhabenden Farmerfamilie, er aus einer armen Familie. Sein Vater ist ein Säufer. Warum verkehrten Sie mit ihm?«
»Warum nicht?«
»Befriedigte es Sie, daß Sie ihm überlegen waren?«
Jim lachte.
»Und warum verkehrte er mit Ihnen?«
»Woher soll ich das wissen?«
»Hat er zu Ihnen aufgeblickt – war er dankbar dafür, daß Sie sich mit ihm abgaben?«
»Das ist doch völliger Unsinn.«
»Sie müssen es aber unbewußt so empfunden haben.«
»Ganz bestimmt nicht.«
»Haben Sie sich wirklich nicht für sehr edel gehalten, weil Sie mit einem Menschen verkehrten, der praktisch ein Ausgestoßener war?«
Jim gab keine Antwort.
»Und sind Sie sich ganz sicher, daß er nicht glaubte, Sie sähen ihn so?«
»Ich möchte, daß Sie sich über eins im klaren sind. Dieser Bursche ist genauso dumm wie er aussieht, aber das war mir egal. Ich bin mit ihm rumgezogen, weil er amüsant war und weil er gut Fasanen und Rebhühner schießen konnte.«
»Sie hätten es aber doch nicht nötig gehabt, zu wildern. Sie hätten doch auch völlig legal jagen können?«
Jim zuckte die Achseln.
»Es hat Ihnen also Spaß gemacht, gegen das Gesetz zu verstoßen?«
Keine Antwort.
»Und hat dieser Mann Sie nicht dazu gebracht, gegen das Gesetz zu verstoßen? Dieser Mann, den Sie verachteten – Sie brauchen gar nicht den Kopf zu schütteln, das ist ganz klar –, war imstande und bereit, Sie in so manches einzuführen. Haben Sie sich nie gefragt, warum er Ihre Gesellschaft suchte?«
»Nein.«
»Sie sind nie auf die Idee gekommen, daß es ihm Genugtuung bereitete, Sie auf sein Niveau herabzuziehen? Überlegen Sie doch mal. Sie lebten in guten Verhältnissen, waren gebildet, führten ein gutes Familienleben, er dagegen war arm, ungebildet, häßlich, hatte einen Trinker als Vater und wußte, daß er es im Leben nie zu etwas bringen würde. Können Sie sich denn nicht vorstellen, wie sehr es ihn gereizt hat, Sie zum Bösen zu verführen?«
»Mich zu verführen?«
»Sie wissen ganz genau, daß ich das nicht körperlich meine«, sagte der Pfarrer. »Und noch etwas – ist Ihnen denn nie klargeworden, was Ihre Heirat für ihn bedeutete?«
»Was soll ihm die denn bedeutet haben?«
»Wie kann man nur so blind sein? Haben Sie ihn, nachdem Sie heirateten, noch so oft gesehen wie vorher?«
»Natürlich nicht.«
»Hat er Sie nicht dazu bringen wollen, genau wie früher mit ihm herumzuziehen?«
»Kann sein. Ich erinnere mich nicht.«
»Sie erinnern sich nicht, weil Ihnen das nichts bedeutete – aber für ihn muß das alles von größter, schmerzlichster Bedeutung gewesen sein. Als Sie heirateten, warfen Sie ihn weg wie ein altes, abgetragenes Hemd. Begreifen Sie immer noch nicht, wie alles zusammenhängt? Er hat aus Rache und Eifersucht alles darangesetzt, Sie zu ruinieren. Er brachte Sie absichtlich in die schlimmsten Schwierigkeiten.«
»Das ist doch Unsinn.«
»Wirklich?«
»Abgesehen von allem anderen – Sie tun ja so, als ob ich völlig blind und dumm gewesen wäre.«
»Sind Sie zu stolz, sich einzugestehen, daß Sie das vielleicht gewesen sind? Ich bitte Sie, verschließen Sie sich nicht aus Stolz und Furcht vor Erniedrigung der Einsicht, daß dieser Mann Sie absichtlich ins Unglück stürzte. Nur wenn Sie sich das eingestehen, werden Sie imstande sein, sich klarzumachen, daß Sie nicht selbst schuld an allem sind. Dagegen müssen Sie immer und immer ankämpfen. Er wird vielleicht versuchen, Verbindung mit Ihnen aufzunehmen, wenn Sie wieder frei sind – möglicherweise denkt er in seiner Beschränktheit, daß Sie die alte Beziehung jetzt wieder aufnehmen werden … Behandeln Sie ihn um Gottes willen nicht herablassend und verächtlich.«
Jim lächelte.
»Ein böser Mensch«, sagte der Pfarrer traurig, »ist ein Mensch, der absichtlich versucht, einem anderen Böses zuzufügen – im vollen Bewußtsein dessen, was er tut.«
»Ein dummer Mensch«, erwiderte Jim, »ist einer, der Unsinn redet und sich dabei einbildet, göttlich inspiriert zu sein.«
Resigniert strich sich der Pfarrer mit der Hand über die Stirn.