Das InterContinental Wellington

 

Ich hatte es befürchtet oder kommen sehen oder wie auch immer man es nennen wollte. Der Wind hatte stark zugenommen und der kleine Flieger, der uns zum Nelson Airport bringen sollte, konnte aufgrund der Wetterverhältnisse nicht starten. Schön, morgen war Sonntag, also nichts, was man verpassen könnte, allerdings machte mich die Vorstellung, eine Nacht mit Ayden allein in einem Hotel zu verbringen, ziemlich nervös. So, wie ich ihn kannte, würde er darauf bestehen, dass wir uns ein Zimmer teilten, und dann würde es wahrscheinlich eine Suite erster Klasse sein. Wie ich es hasste, wenn ich recht behielt. Ayden verlangte von dem Chauffeur, dass er uns zum besten Hotel der Stadt fahren sollte und gleich darauf setzte sich die Limousine, die auf Wunsch des Schwarzhaarigen hin noch auf uns gewartet hatte, da er das Wetter ebenso richtig eingeschätzt hatte, in Bewegung.

„Du musst nicht prahlen“, meinte ich dann leicht ungehalten.

„In welchem Zusammenhang?“, wollte Ayden irritiert wissen. Ein kritischer Blick von mir genügte, um zu sehen, dass seine Verwirrung echt und nicht nur gespielt war – was seine Reaktion nicht im Mindesten verbesserte.

„Das beste Hotel der Stadt’?“, zitierte ich ihn düster.

„Das ist kein Prahlen“, antwortete der er dann sofort. „Das war eine natürliche Reaktion.“ Man konnte ihm ansehen, dass er zu spät gemerkt hatte, dass das die falsche Antwort gewesen war: Er reagierte auf meinen leicht angeekelten Gesichtsausdruck. Ich wandte mich sofort ab, es schüttelte mich leicht. Dieses Verhalten war so dermaßen ähnlich mit dem meiner verhassten Eltern, dass ich die Arme um meinen Oberkörper schlingen musste, um keine Dummheiten zu machen, wie etwa ihn zu schlagen. Er schien endlich so eine Art Überlebensinstinkt zu zeigen, denn er sprach mich weder an, noch berührte er mich, er schien, so entnahm ich zumindest aus der Stille, darüber nachzudenken, was mich so reagieren ließ.

Es dauerte nicht lange, da hielt unsere Limousine auch schon wieder. Wir hielten in einer kleinen Seitenstraße, so sah es zumindest von meiner Fensterseite her aus. Interessiert sah ich nach draußen und versuchte, das Hotel an seinem Aussehen auszumachen, aber ich fand kein Gebäude, welches eine passende Fassade aufwies. „Komm, Leyla“, sagte Ayden vorsichtig, gerade so, als fürchte er, eine falsche Tonhöhe könnte mich wieder verletzen. Dennoch konnte er es nicht bleiben lassen und sein perfektes Gentleman-Gehabe abschalten: Elegant bot er mir die Hand dar, um mir aus seiner Tür zu helfen und nahm damit dem Chauffeur seine Arbeit. Um ihn wieder ‚gnädig’ zu stimmen, nahm ich an, ließ mich von ihm auf die Straßenseite seiner Tür bugsieren und blinzelte dann ungläubig dem riesigen Gebäude uns gegenüber entgegen, während die Limousine hinter uns wegfuhr. Eine meterhohe Glasfassade schien geradewegs in die grauen Wolken gen Himmel zu führen. Das mächtige, moderne Gebäude hatte – nur geschätzt! – mindestens 20 Etagen, wenn nicht gar 30. Über dem Eingang prangte groß und in weißen Lettern der Name des Fünfsternehotels: InterContinental. Ein Blick die Straße hinauf zeigte mir, dass dieses beeindruckende Bauwerk direkt an einer Kreuzung stand. Ayden lachte leise, als er meinen faszinierten Gesichtsausdruck bemerkte, dann zog er mich in die helle Eingangshalle. Es wirkte so, als wäre sie komplett aus topasfarbenem Granit, der so blank poliert war, dass man sich darin spiegeln konnte. Zielstrebig führte mich der Schwarzhaarige, noch immer an der Hand haltend, zum Empfangstresen, buchte dort eine Suite und ließ sich dann von einem Pagen in das Zimmer führen. Erst jetzt erinnerte ich mich an meine Bücher und mir blieb entsetzt das Herz stehen, doch Ayden zog mich weiter und, als wenn er meine Gedanken gelesen hätte, hielt seine andere Hand hoch, an der meine Taschen baumelten. Es ging in einen eleganten Fahrstuhl und dann nach oben, wobei ich es vermied, auf die Anzeigetafel zu sehen. Bei mir galt aus Prinzip: Je höher das Zimmer in einem großen Hotel, desto teurer und schöner war es. Dementsprechend unwohl fühlte ich mich, als es weiter und weiter hinaufging. Innerlich seufzte ich erleichtert auf, als der Fahrstuhl stehen blieb und seine Türen öffnete, sodass der Blick auf einen mit rotem Teppich ausgelegten Flur frei wurde. Mein Unbehagen wuchs mit jedem Schritt, den wir nun weitergingen, und ließ mich Aydens Hand fester umschließen, was ihn dazu verleitete, mich anzusehen. „Was ist?“, wollte er alarmiert wissen.

„Nichts“, wich ich aus. Ich wollte vor dem Pagen nicht meine Gefühle erläutern, es würde schon reichen, dass mir das noch vor dem jungen Mann allein bevorstand. Nicht etwa, weil ich wusste, dass er mich heute noch löchern würde, sondern weil ich mein schlechtes Gewissen beruhigen wollte. Ich hatte ihn für sein Verhalten verdammt, weil es dem meiner Eltern ähnlich war. Etwas, wofür er nun wirklich nichts konnte. Ich kam mir derart mies vor, dass ich noch nicht einmal protestierte, als Ayden mir versuchsweise den Arm um die Schulter legte. Von der fehlenden abwehrenden Reaktion irritiert zog er mich noch enger zu sich, als wollte er mich zu einer Gegenwehr provozieren oder austesten, wie weit er gehen konnte. Ich reagierte immer noch nicht, was Sorgenfalten auf seiner Stirn erscheinen ließ, doch los ließ er mich nicht.

Der Page hielt vor einer gewienerten Eichenholztür, schloss sie übereifrig auf – ein Verhalten, das mich in den Glauben versetzte, dass der Page denken musste, wir seien hoher Besuch – und trat dann zurück. Ayden steckte ihm ein Trinkgeld zu, dann schob er mich in die Suite. Gleich, als ich den überdimensional großen Raum betrat, wurde ich von der riesigen Fensterfront uns gegenüber erschlagen, die einen wunderbaren Ausblick auf den Hafen von Wellington bot. Der übergroße Raum war stilvoll eingerichtet, hell und offen, mit einer Minibar, einem Flachbildfernseher und, und, und. Was mich jedoch am meisten wunderte, war der pechschwarze Flügel, der einsam und doch glänzend an der Fensterfront stand. Links neben ihm ging es ins Bad, was ich anhand der leicht geöffneten Tür sehen konnte, und auf der rechten Seite des Zimmers führte eine elegante Tür ins Schlafzimmer.

Ich war noch unschlüssig, was ich mir zuerst ansehen sollte, das Schlaf- oder das Badezimmer, entschied mich dann jedoch für Ersteres. Ich konnte es mir einfach nicht verkneifen. Ayden ließ mich los und beobachtete mich ohne Unterlass, während ich das riesige Wohnzimmer durchquerte und die nur angelehnte Tür ins Schlafzimmer aufschob. Ein ebenso großer und heller Raum erwartete mich dort, mit einem riesigen, schneeweißen Doppelbett als Blickfang. An einer Wand stand ein beeindruckend großer Schrank, an einer anderen hing eine ganze Reihe von Spiegeln, in denen man sich betrachten konnte. Natürlich fand sich auch hier wieder die lichtoffene Atmosphäre, da die Fensterfront selbst dieses Zimmer durchzog und scheinbar dominierte. Ich schluckte bei dem Gedanken, heute mit dem gut aussehenden jungen Mann das Bett teilen zu müssen, ließ mir jedoch nichts anmerken und setzte meine Erkundungstour fort.

Nun betrachtete ich das grandiose Badezimmer, das komplett mit weißem, poliertem Marmor ausgestattet worden war. Direkt in der Mitte des Raumes, ähnlich wie in meinem Haus, befand sich eine einem Swimmingpool ähnliche Badewanne mit Whirlpoolfunktion, an einer Wand eine riesige Dusche und an der anderen das Klosett. Selbst hier, wo man doch eigentlich davon ausgehen sollte, dass so viel Freizügigkeit verboten sein sollte, war die Fensterfront, bestehend aus mannshohen Fenstern, schmückendes Beiwerk.

Ein wenig taumelnd ging ich zurück in das Wohnzimmer, wo Ayden bereits auf der Couch saß und ohne jede ersichtliche Begeisterung eine Sendung im Fernsehen verfolgte. Ich runzelte die Stirn. Warum hatte er den Ton abgeschaltet? Misstrauisch ließ ich ihn nicht aus den Augen, doch mein innerer Drang brachte mich plötzlich dazu, mich an den Flügel zu setzen. Ich hatte es irgendwie geahnt. Sobald ich mich auf dem Schemel niedergelassen hatte, drehte sich der Schwarzhaarige um und betrachtete mich angenehm überrascht. „Du spielst Klavier?“, wollte er wissen.

„Nicht wirklich … aber ich habe mal von … von einer Frau ein Lied gelernt. Ich musste mir nur die Reihenfolge merken, in der sie die Tasten drückte, das reichte. Außerdem war sie sehr interessiert daran, dass ich das Lied lerne“, versank ich in verschwommenen Erinnerungen. Ich hörte leise das Leder des Sofas knarren, dann lehnte sich Ayden auch schon an den Flügel, klappte den Deckel hoch und sah mich gespannt an. Es war glasklar, was er wollte, und ich seufzte ergeben. Wenn ich damit mein schlechtes Gewissen beschwichtigen konnte, dann würde ich ihm diesen Wunsch gerne erfüllen … und auch jeden anderen, den er hatte … ich hasste mein Gewissen …

Ich holte tief Luft und hörte in Gedanken bereits die schöne Melodie, dann senkten sich meine Finger auf die Tasten und ich begann zu spielen. Federleichte und doch Trauer tragende Töne entsprangen dem Flügel und meine Finger glitten elegant über die Tasten. Unbewusst nickte ich mit meinem Kopf im Takt und konnte die Bilder, die sich vor mein geistiges Auge drängten, nicht ignorieren. So oft hatte ich dieses wunderschöne Lied schon gespielt, dass ich gar nicht mehr darauf achten musste, was meine Finger taten. Ich sah diese schöne Frau mit den traurigen Zügen vor mir, so deutlich, als hätte ich sie erst vor Kurzem gesehen. Dabei war ich damals acht Jahre alt gewesen, als sie urplötzlich in meinem Leben aufgetaucht und wieder verschwunden war. Mich hatte diese Melodie von Anfang an in den Bann gezogen, weil sie oberflächlich einfach nur schön war, wenn man jedoch genauer hinhörte, sie eine traurige Seele barg. Ein Lied also, das meinen seelischen Zustand nur zu deutlich und schön wiedergab, weshalb ich es einfach nicht über mich gebracht hatte, es in Vergessenheit geraten zu lassen.

Das Lied war vorbei, obwohl es so komponiert war, dass man es beliebig lang spielen konnte, da sich die einzelnen Passagen sehr ähnlich waren, und ich hörte auf. Ich starrte gedankenverloren aus dem Fenster, doch die weiche Stimme Aydens direkt an meinem Ohr ließ mich zusammenzucken. „Das war bezaubernd. Dabei meine ich nicht nur das Lied, sondern ebenfalls den Anblick dich am Klavier sitzen und spielen zu sehen.“ Ich errötete bis zu den Haarspitzen und dachte gar nicht erst daran, mich umzudrehen und zu sehen, wie nahe er mir sein musste. „Danke“, brachte ich mühselig hervor.

„Ehre, wem Ehre gebührt“, erwiderte Ayden aalglatt, strich mir mit einer Hand über die Haare und entfernte sich dann. Ich schluckte noch ein weiteres Mal, dann erhob ich mich langsam und ging zum Bad. Auf dem schneeweißen Regal neben dem einladend großen Marmorwaschbecken stapelten sich Bademäntel, Hand- und Badetücher und so manches Duschgel. Offenbar vergaß das Personal hier nichts. Ob sie wohl damit rechneten, dass einige ihrer Gäste, so wie Ayden und ich, ohne entsprechendes Gepäck kamen? Ich bekam zumindest den Eindruck.

„Wenn du baden willst, tu es ruhig, ich werde schon nicht spannen“, meinte der Schwarzhaarige mit ätzendem Sarkasmus, während er sich lässig an den Türrahmen lehnte.

„Erstens mal wärst du tot, wenn du spannen würdest, und zum anderen …“, ich ignorierte, dass er in schallendes Lachen fiel, obwohl ich ihm durchaus ernsthaft mit dem Tod gedroht hatte, „… würde ich vorher die Tür abschließen.“

Ayden hörte schlagartig auf zu lachen, riss die Augen auf und sah mich bestürzt an. Spielte er das nur vor oder war die Reaktion echt?!?

„So wenig vertraust du mir?“ Es zuckte zwar um seine Mundwinkel, als er das sagte, aber seine Augen verrieten ihn: Er meinte seine Bestürztheit ernst.

„Ich … ähm …“ Mein Vorsatz, ihn für die nächsten vierundzwanzig Stunden nicht mehr zu verletzen stand mir und meiner schneidenden Antwort derartig im Wege, dass ich lieber schwieg, als irgendeinen Blödsinn von mir zu geben.

„Und wie soll ich das jetzt verstehen?“, wollte Ayden leise wissen, stieß sich vom Türrahmen ab und kam langsam auf mich zu. Ich wich instinktiv zurück; das Glänzen in seinen Augen gefiel mir irgendwie nicht, zumal sie im dämmrigen Licht noch dunkler und gefährlicher aussahen als sonst. Ich war so damit beschäftigt, die Distanz zwischen ihm und mir zu wahren, dass ich nicht bemerkte, wie hinter mir der Boden in die Badewanne überging. Erst als mein Fuß in der Luft schwebte und ich das Gleichgewicht verlor, bemerkte ich, dass es ein Fehler gewesen war, zurückzuweichen. Ich schloss die Augen und bereitete mich auf eine äußerst schmerzhafte Landung vor, doch die wollte sich nicht einstellen. Statt eines von mir erwarteten stechenden Schmerzes an Wirbelsäule und Hinterkopf spürte ich eine kräftige Hand, die mich am rechten Unterarm packte und schwungvoll zu sich zog, sodass ich mit einem kühlen Körper kollidierte. „Du bist schon manches Mal ein Tollpatsch“, tadelte mich – viel zu nah – die melodische Stimme des Schwarzhaarigen, während sich der Griff um meinen Unterarm lockerte. Ich schluckte hart. Mein Gott, warum legte ich es immer darauf an, in derart … grausame Situationen zu kommen? „Was ist?“, wollte Ayden wispernderweise wissen, was mir ungewollt einen Schauer über den Rücken jagte.

„Gar nichts … nur … der Schock …“, nuschelte ich verlegen und versuchte mich darauf zu konzentrieren, seine Muskeln unter dem eng anliegenden Oberteil nicht wahrzunehmen. Ein unmögliches Unterfangen.

„Der Schock worüber?“, bohrte Ayden ungerührt weiter und mit Schrecken – oder war es eher Schock? – bemerkte ich, wie sich ein Arm um meine Taille schlang und seine Lippen sich auf meine Haare senkten.

„Über … deine … Reaktion“, presste ich mühselig hervor. Herrgott noch mal, warum brachte er mich so durcheinander?!?

„Ah ja …“, erwiderte der andere abwesend und strich mir mit der anderen Hand über den Rücken. Ich verkrampfte mich.

Okay, ich sehe es ja ein, er ist definitiv unwiderstehlich, aber …, dachte ich in meinem halben Dämmerzustand, in den mich der Schwarzhaarige geschickt versetzte. Ich wusste schon, warum ich Angst, wirklich Angst hatte, allein eine Nacht in einem Hotel mit ihm zu verbringen … er ist einfach zu unberechenbar!!! Mein Gehirn protestierte, mein Körper schien sich noch etwas Zeit bei der Gegenwehr lassen zu wollen, was mich in eine verzwickte Situation brachte. Allein schon, weil ich nicht wusste, wie weit der Typ gehen würde, wenn ich ihn nur ließ. Und dann war da noch dieser dumme Vorsatz … Aber schloss der wirklich alles mit ein?!? Er beantwortete mir die Frage und zwar indem er – völlig gegenteilig zu seinem bisherigen Verhalten – plötzlich innehielt und mich freigab. Ich sah verwirrt zu ihm hoch, ich hatte nun wirklich nicht erwartet, dass er das beenden würde, und erschrak fast. Ayden hatte den Mund mit Gewalt zusammengepresst und sah mich einen Moment gequält an, dann wandte er sich ab, verließ schleunigst den Raum und schloss die Tür hinter sich. Ich sank benommen auf die Knie. Was sollte das denn?!?

 

Ich wickelte mir ein Handtuch wie einen Turban auf den Kopf, zog mir einen Bademantel an und ging dann ein wenig verunsichert ins Wohnzimmer. Obwohl ich über eine Stunde in der Wanne gelegen hatte und über die Situation von vorhin nachgegrübelt hatte, kam ich einfach nicht darauf, warum Ayden sich auf einmal so seltsam verhalten hatte. Ich sah mich um. Er saß auf dem Sofa und schien zu schlafen und zwar in einer sehr unangenehmen Stellung. Ich seufzte. Nein, ich würde es mir nicht verzeihen, auch noch Grund für seine Nackenschmerzen zu sein. Ich ging zu ihm, blieb an der Lehne des Sofas stehen und schüttelte ihn vorsichtig an der Schulter. Keine Reaktion. Mein Blick glitt zu der Uhr, die neben dem Fernseher hing. 20 Uhr. Ein bisschen zu früh, um beim Fernsehen eingeschlafen sein zu können … Er ließ sich nicht wecken, selbst dann nicht, als ich ein wenig heftiger rüttelte. Ich machte ein trotziges Gesicht, schnappte mir die Fernbedienung, schaltete auf einen Kriegsfilm und drehte die Musik auf Maximum. Das half. „Was zum Henker …?! Mach das leise!“, rief Ayden und schnappte die Fernbedienung aus meiner Hand, nur um den Fernseher dann komplett auszuschalten. „Was sollen denn die Zimmernachbarn denken?!“, empörte er sich und sah vorwurfsvoll zu mir auf, doch da war noch etwas anderes in seinem Blick.

„Dass wir einen an der Waffel haben? Dann wüssten sie wenigstens die Wahrheit“, zuckte ich mit den Schultern und ging zum Schlafzimmer. „Komm schlafen, wenn du auf dem Sofa schläfst, bekommst du Nacken- oder Rückenschmerzen“, rief ich noch über die Schulter hinweg, dann legte ich mich mit Turban und Bademantel in die weichen Daunen. Es war herrlich flauschig und warm unter der Bettdecke und auch das Kissen schien aus weicherem Material zu bestehen, als die Wolken selbst. Ich hörte, wie die Zimmertür zuging und spürte, wie die Matratze auf der anderen Betthälfte sich leicht verformte, als Ayden sich hinlegte. Okay, dass er so bald kommen würde, hatte ich nicht gedacht. Mir stieg das Blut in die Wangen, so eindeutig war diese Szenerie für mich in diesem Moment. Alles klar, ich durfte in Zukunft nicht annähernd so viel lesen. Erst recht keine Liebesromane und dergleichen. Ich versuchte, meinen Herzschlag unter Kontrolle zu bringen, doch es half nichts. Schließlich warf ich das Handtuch und ließ mich einfach dahingleiten, bis ich endlich vom Schlaf umfangen wurde …

 

Schwarz, schwarz, schwarz. Ich wusste, wo ich war, wusste, dass ich mich nicht bewegen durfte, da ich sonst fallen würde. Ich ließ es sogar bleiben, nach Hilfe zu rufen, da ich spüren konnte, dass mir meine Stimme wieder nicht gehorchte. Vorne entstand ein Lichtfleck, ähnlich dem Licht am Ende des Tunnels, sodass ich mich schon fragte, ob ich gestorben war. Doch je näher es kam, desto besser konnte ich sehen, dass es sich um eine Tür handelte, die sich auf mich zu bewegte. Was war da los? Dann waren da wieder diese zwei Stimmen … ein Mann und eine Frau … kein Zweifel, es waren die gleichen vom letzten Traum. Würde ich jetzt mehr erfahren, wenn ich einfach nur still stehen blieb und darauf wartete, dass die Tür mich verschluckte? Näher und näher kam das Licht und ebenso wurden die Stimmen deutlicher.

„Das können sie nicht machen!“, rief die Frau hysterisch. „Sie ist mein Kind, nicht das von den beiden verwöhnten Reichen!“

„Sie können, Jeanne, und das weißt du“, widersprach der Mann leise, gerade so, als würde ihm gerade das gegen den Strich gehen.

„NEIN!“, schrie die Frau und es klirrte. Anscheinend war etwas zu Bruch gegangen.

„Jeanne!“, herrschte der Mann sie an. „Beruhige dich! Je mehr du dich wehrst, desto weniger Zeit haben wir mit ihr.“

„Nein, nein, nein, NEIN!“, schluchzte die Frau jetzt. „Sie ist doch kein Experiment, das man einfach so weggeben kann, um zu sehen, was dann passiert …“

„Ich weiß …“, lenkte der Mann traurig ein.

„Ich werde das nicht zulassen!“, ereiferte sich die Frau dann.

„Du musst, Jeanne, sonst töten sie dich. Wer sich ihren Plänen in den Weg stellt, wird aus dem Weg geräumt. In etwa so wie bei der Organisation, die sie bekämpfen. Es gäbe kein Entkommen, weder für dich noch für mich noch für unser Kind. Mach die Situation nicht schlimmer, als sie ist.“

„Aber … aber …“ Nun fiel die Frau haltlos zu schluchzen an. „Mein Kind!!! NEIN!“

„Ssssscht. Wir können nichts tun. Wir werden sie wiedersehen, das haben sie uns versprochen, haben ihr Wort darauf gegeben.“

„Was zählt schon ihr Wort?!?“, wehklagte die Frau. „Sie machen sowieso alles, wie es ihnen am besten in die Pläne passt!“

Die Tür war nun direkt vor mir, doch sie blieb stehen. Ich wollte hindurch, wollte die Gesichter des vom Schicksal getroffenen Paares sehen, wollte fragen, wer sie so unter Druck setzte, wollte ihnen helfen … und beging denselben Fehler, wie schon im letzten Traum: Ich bewegte mich. Wieder verlor ich den Halt, wieder stürzte ich vornüber, versuchte mich noch am Türrahmen festzuhalten, doch ich bekam ihn nicht zu fassen. Auf einmal sagte der Mann überrascht: „Leyla?!“ Dann fiel ich in die Dunkelheit.

 

„Leyla? Leyla?! LEYLA?!?“ Die Stimme war mir bekannt, ich verband sie mit so etwas wie Geborgenheit und Sicherheit, bekam mich aber nicht dazu, die Augen zu öffnen. Der Traum war zu real gewesen, zu allgegenwärtig, selbst jetzt konnte ich mich noch an die Stimmen erinnern, an die Frau, den Mann … „LEYLA, verdammt noch mal wach auf!“ Ich schlug die Augen auf und fuhr hoch, wobei ich mit einem kühlen Körper zusammenstieß.

„Was?! Ist etwas passiert??“, fragte ich Ayden irritiert.

„Nein, überhaupt nichts, mal abgesehen davon, dass du wie eine Wahnsinnige um dich geschlagen und geschrien hast, als würdest du massakriert!“, erwiderte Ayden bissig, aber offensichtlich erleichtert, dass es mir gut ging.

„Ich … tut mir leid …“, flüsterte ich und senkte den Blick.

„Das muss dir doch nicht leidtun!“, wehrte der Schwarzhaarige ein wenig entnervt ab. „Sag mir lieber, was dich derart in Aufruhr versetzt hat!“

„Albtraum“, antwortete ich kurz angebunden.

„Genauer“, gab er ebenso kurz zurück.

„Nein.“

„Doch.“

„NEIN!“ Ich sprang aus dem Bett und wollte mich schon im Bad verschanzen, doch ich kam nicht mal bis zur Tür, da hatte mich Ayden schon an den Handgelenken gepackt und mit dem Rücken gegen die Zimmerwand gedrängt.

„Was ist los mit dir?!“, rief er. „Du führst dich auf, als würde ich wer weiß was von dir wollen! Ich will lediglich wissen, was in deinem Albtraum vorgekommen ist, nicht mehr und nicht weniger!“

„Ich sage es dir aber nicht!“, fauchte ich.

„Und wieso?“ Ich setzte zu einer Antwort an und blieb doch stumm. Ich hatte keine Antwort auf diese Frage. Ayden sah mich lange prüfend an, dann zog er mich in seine starken Arme. „Verflucht, dann sagst du es mir eben nicht. Aber erschreck mich bitte nie wieder so“, gab er überraschenderweise klein bei. Ich versuchte, zu ihm aufzusehen, doch er unterband dies, indem er mich noch fester hielt, sodass ich beinahe befürchten musste, dass mein Rückgrat oder zumindest meine Rippen brachen.

„Ich – danke …“, flüsterte ich dann.

„Gern geschehen … aber wofür denn genau?“, erwiderte Ayden sanft.

„Für alles … und vor allem dafür, dass du nicht weiter nachhakst.“

„Das werde ich noch, wenn der Traum nicht mehr allgegenwärtig ist“, warnte er mich.

„In Ordnung“, sagte ich nur und gab mich der Umarmung vollständig hin, was mir überaus leicht fiel. Ein Schaudern durchfuhr mich. Irgendetwas lief falsch, ganz und gar falsch. Der Traum war zu real gewesen, hatte zu sehr an etwas erinnert, das in meinem Unterbewusstsein verborgen zu sein schien und nun versuchte, ans Tageslicht zu kommen. Innerlich wand ich mich vor Schmerzen. Diese Frau … Warum nur hatte ich das Gefühl, dass ich ihren Namen, ihr Gesicht, die Wärme ihrer Haut kennen sollte?!? Ich verkrampfte meine Hände in der Brust des jungen Mannes, der mir leicht zögerlich über den Kopf streichelte. Er fühlte sich genauso unwohl in seiner Haut wie ich, wobei ich seinen Grund dafür weder kannte, noch würde erraten können.

Nach einigen Minuten drückte ich ihn fort und schlang die Arme schützend um meinen Oberkörper. Als Ayden Anstalten machte, mich wieder in seine schützende Obhut zu nehmen, schüttelte ich heftig den Kopf und wich zurück. Ich wollte mich erst einmal darauf konzentrieren, dass die Bilder vor meinem geistigen Auge, das meinen Albtraum immer und immer wieder abzuspielen schien, verschwanden. Der Schwarzhaarige ließ die Hände sinken und setzte sich auf den Rand des Bettes, unterließ es jedoch nicht, mich kritisch und misstrauisch zu betrachten.

„Ist schon gut“, sagte ich nach einer Weile, wandte mich ab und ging ins Wohnzimmer.

„Was genau glaubst du, was du da tust?“, kam es von der Schlafzimmertür her, als ich mich auf dem Sofa niederließ.

„Ich werde heute kein Auge mehr zu tun können“, sagte ich schwach und sah gedankenverloren aus dem Fenster. Die Wolken hatten sich gelichtet und die nächtliche Dunkelheit wich dem sanften Schimmer des Tages. Ich wollte nicht auf die Uhr sehen, wollte nicht wissen, wann mich dieser Traum aus dem Schlaf gerissen hatte, ich wollte einfach nur vergessen und weitermachen. Ayden setzte sich, ohne zu fragen, neben mich und besah sich kritisch mein Gesicht. „Bist du sicher?“, hakte er nach.

„Ja“, erwiderte ich mit Nachdruck.

„Ich meine jetzt, dass es kein gewöhnlicher Albtraum gewesen ist. Wenn du sogar davor zurückschreckst, wieder einzuschlafen, dann scheint es doch etwas Ernsteres zu sein“, beharrte der junge Mann mit seiner unwiderstehlichen Stimme.

„Ach was“, wehrte ich ab. „Kommt vor, dass man danach nicht mehr schlafen will. Alles nicht so wild. Obwohl du ja vor Albträumen gefeit zu sein scheinst, wenn du noch nicht einmal verstehst, was ich meine“, fügte ich bissig hinzu und sah ihn vorwurfsvoll an. Er wich meinem Blick aus?!

„Ja … also … ich … hm …“, stammelte er, räusperte sich und ging ins Bad. Ich sah ihm verwirrt nach.

Was sollte das denn? Ich ließ mir alles, was in dieser kurzen Zeit geschehen war, durch den Kopf gehen, aber aus seiner Reaktion wurde ich trotzdem nicht schlau. Ich zerbrach mir den Kopf, doch ich kam einfach nicht darauf, was denn sein Problem sein könnte. Ich kuschelte mich ein wenig in das weiche Ledersofa und hing meinen Gedanken nach, als Ayden mit einem Glas Wasser zurückkam. Komisch, ich hatte gar nicht gehört, dass er zur Minibar gegangen war. „Nein danke“, wehrte ich ihn ab, doch seine unerbittliche Miene ließ mich dann doch zum Glas greifen. „Man, du bist doch nicht meine Mutter … Gott sei Dank“, murrte ich.

„Warum ‚Gott sei Dank’? Mal abgesehen von den offensichtlichen Dingen“, wollte Ayden munter wissen und fläzte sich neben mich.

„Ich meine die offensichtlichen Dinge. Wenn du so wie sie wärst, hättest du nur Fehler“, gab ich schnippisch zurück und trank einen Schluck. Es war schön kühl.

„Ich dachte, du meintest jetzt, dass ich ein Mann bin und du daher sehr viel mehr Spaß mit mir haben könntest“, erwiderte Ayden unschuldig. Der Schluck Wasser blieb mir im Halse stecken und ich spuckte und prustete, um nicht zu ersticken. Zweideutigkeit sollte per Gesetz verboten werden. „Na na“, machte der Schwarzhaarige und tätschelte mir beruhigend den Rücken. „So viel Zustimmung habe ich nicht verdient.“ Als Antwort darauf funkelte ich ihn böse an, was ihn pikiert nach draußen sehen ließ.

„Du bist … so eigenartig!“, beschwerte ich mich nach einer Weile, in der ich ihn angestarrt und gewartet hatte, dass er sich wieder mir zuwandte, was er jedoch nicht getan hatte. Selbst jetzt noch nicht. Er fragte nur unschuldig „Warum?“ und starrte weiter zum Himmel. „Weil du in einem Moment der vollendete Romantiker und Gentleman, im anderen ein Idiot und wieder im nächsten der beste Freund sein kannst. Das ist doch nicht normal, so schnell kann sich ein Mensch nicht verstellen.“ Endlich sah er mich an, berechnend.

„Ach nein?“, flüsterte er und rückte zu mir heran. Ich bereute es, ihn – oder wohl eher die Reaktion – herausgefordert zu haben und sah ihm schluckend in die ozeanblauen Augen. „Wenn ich mich recht erinnere, sitzt hier eine junge Frau, die ähnlich schnell von einem zum anderen Verhaltensmuster springen kann.“

„Ich halte aber an einem Hauptmuster fest“, wehrte ich mich.

„Das da wäre?“

„Meine bissige, unfreundliche, einzelgängerische Art.“

„Wäre ich nie drauf gekommen.“ Ätzender Sarkasmus. Das konnte er wirklich gut. „Und welches Hauptmuster würdest du mir zuordnen, wenn ich deiner Meinung nach eins hätte?“

„Der unnahbare, gentlemanartige Schönling?“, probierte ich es mit einer hochgezogenen Augenbraue. Sein stummes Lachen ließ das Sofa leicht vibrieren.

„Korrektur: fast unnahbar“, berichtigte er mich, als er sich wieder beruhigt hatte.

„Fast?“, hakte ich misstrauisch nach.

„Wenn ich unnahbar wäre, wärst du dann jetzt hier bei mir?“, wisperte er und rückte plötzlich so dicht an mich heran, dass ich, beim Versuch ein wenig Distanz zwischen uns zu bringen, längs auf dem Sofa landete. Ich wollte mich wieder aufsetzen, doch der Schwarzhaarige hinderte mich daran, indem er sich links und rechts von meinem Kopf an der Armlehne abstützte und sich zu mir hinunterbeugte. „Und?“, ermunterte er mich hauchend zu einer Antwort.

„Ich … denke … nicht“, gab ich abgehackt zurück und überlegte fieberhaft, wie ich hier wieder rauskommen sollte. Dann rettete mich etwas, womit ich zuletzt gerechnet hätte: mein Handy.

„Ignoriere es“, sagte Ayden sofort missgelaunt und schien nicht mal daran zu denken, mich wegen des Mobiltelefons ziehen zu lassen.

„Wenn mich schon jemand auf dem Handy anruft, dann ist es wichtig!“, fauchte ich und versuchte, ihn wegzuschieben, was völlig sinnlos gewesen wäre, wenn er nicht nachgegeben hätte.

„Erinnere mich bitte daran, dass ich noch deine Handynummer haben möchte“, bemerkte Ayden nur säuerlich und sah mir nach, als ich zur Kommode rannte, in meiner Tasche kramte, schnell das Mobiltelefon rausholte und abnahm, bevor die Mailbox rangehen konnte.

„Hallo?“, beantwortete ich den Anruf. Ich hatte keinerlei Ahnung, wer am anderen Ende der Leitung war. Einerseits war ich zu erleichtert, der tödlichen Situation entkommen zu sein, andererseits hatte ich schlichtweg keine Zeit mehr gehabt, auf das Display zu schauen. Umso mehr entglitt mir mein einigermaßen neutraler Gesichtsausdruck, als die raue Stimme meiner Mutter vom anderen Ende her ertönte.

„Hallo, Liebes“, sagte sie. Mir kam die Galle hoch und ich rümpfte angewidert die Nase. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Ayden skeptisch und voller Besorgnis jede noch so kleine Veränderung meiner Mimik registrierte und aus ihr schlau zu werden versuchte.

„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du mich nicht so nennen sollst?!?“, erwiderte ich schroff. Ich wollte dieses Telefonat so schnell wie möglich beenden.

„Ach, sei doch nicht so, Kleines“, kam es munter von wo auch immer.

„So sollst du mich auch nicht nennen!“, fauchte ich und konnte nicht verhindern, wie sich meine freie Hand zur Faust ballte.

„Schätzchen, ich vermisse dich so, willst du nicht …“

„NEIN!“, schrie ich in den Hörer. „Merke dir endlich einmal meine Worte: Ich werde niemals wieder zurückkommen, kapiert?“ Ich war auch schon mal freundlicher, meldete sich eine unerwünschte Stimme in meinem Kopf. Ich blendete die nervige Stimme in meinem Kopf aus und wartete darauf, dass noch etwas von meiner Mutter kam. Und leider war das der Fall.

„Du bist mal wieder freundlich wie eh und je zu deiner dich liebenden Mutter“, warf sie mir nun nicht mehr ganz so zuckersüß vor, dass es Brechreiz bei mir erzeugte.

„Was willst du?“, fragte ich schroff. Schlimm genug, dass Ayden das mit ansehen und -hören musste, da musste es nicht übermäßig lange dauern.

„Ach, ich wollte dir nur am Rande mitteilen, dass ich dich nächsten Sonntag besuchen komme. Das wäre der 10. Mai“, meinte die raue Stimme vom anderen Ende der Leitung her. Ich fühlte mich, als hätte mir jemand mit einem Stahlknüppel in den Magen geschlagen und lehnte mich ein wenig keuchend an die Wand. Sofort war Ayden aufgesprungen und wollte mich zum Sofa bringen, doch mein tödlicher Blick hielt ihn davon ab, zumindest noch ...

„Ich – wie wäre es mal, wenn du mich fragst, ob ich da Zeit habe? Vielleicht habe ich etwas vor?“, versuchte ich meine Fassung wiederzugewinnen.

„Mit wem solltest du denn was vorhaben?“ Okay, der ätzende Sarkasmus war verletzend.

„Mit einem Freund?“ Obwohl ich es eigentlich vermeiden wollte, sah ich zu Ayden, der – bildete ich es mir nur ein?! – zustimmend nickte, gerade so, als hätte er alles mit angehört und würde mich decken, indem er tatsächlich etwas mit mir unternahm. Ich konnte nicht verhindern, dass sich unkaschierte Dankbarkeit auf mein Gesicht schlich.

„Ja, sicher“, spottete meine Mutter.

„Wirklich. Er heißt Ayden und ist – total – nett ... umwerfend ...“ Ich verplapperte mich. Und dann, wo er mir direkt gegenüberstand. Na toll.

„Dann kannst du mich ihm ja vorstellen. Ich komme um 9 Uhr und es wird nicht lange dauern“, beharrte meine Mutter und meine Schüchternheit ob meines ‚Outings’ verflog augenblicklich. Konnte diese dämliche Frau nicht kapieren, dass ich sie nicht sehen wollte?!

„Du bist doch wirklich das aufdringlichste Lebewesen, das die Natur je erschaffen hat! Selbst ein Parasit wäre leichter zu ertragen.“ Gut, das war definitiv nicht nett, aber ich wollte sie loswerden.

„Vielen Dank“, kam die säuerliche Antwort. „Aber du kannst mich beleidigen, wie du willst, ich komme trotzdem. Wehe dir, du bist am 10. Mai nicht zu Hause.“ Damit war die Verbindung unterbrochen. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich darauf, weder mein Handy – ob ich das geschafft hätte, sei mal dahingestellt – mit der Hand zu zerquetschen, noch es gegen die nächste Zimmerwand zu schleudern. Ich spürte kühle Finger, die mir das Mobiltelefon abnahmen und auf die Kommode legten – dem Geräusch nach zu urteilen.

„Schon wieder eine Verabredung. Ich denke, ich sollte mein Urteil über dich als Einzelgänger noch einmal revidieren“, bemerkte Ayden und ich konnte ihm das Grinsen förmlich anhören. Ich öffnete die Augen und sah ihn wütend an.

„Bedank dich bei meiner Mutter“, fauchte ich.

„Das werde ich vielleicht sogar ... allerdings nur für diesen speziellen Fall. Im Allgemeinen wäre es besser, wenn ich sie nicht kennenlernen würde, sonst würde sie verletzt“, erwiderte der Schwarzhaarige ernst. Verdattert sah ich ihn an. Ich konnte ihm nicht so ganz folgen.

„Warum so aggressiv?“, machte ich meiner Verwirrung Luft.

„Tja, wenn du nicht selber draufkommst, kann ich dir leider nicht helfen“, zuckte Ayden mit den Schultern, strich mir eine Strähne, die sich aus meinem Turban gelöst hatte, hinter das Ohr und setzte sich aufs Sofa. Ich konnte nur mit dem Kopf schütteln. Es war zwar nichts Neues, dass der Schwarzhaarige so manches Mal in Rätseln sprach und mich damit zur Weißglut brachte... Immer so eine Unbekannte in seinen Worten einzubauen, die mich fühlen ließ, als hätte ich einen Witz oder so nicht verstanden… aber so eigenartig ... hatte er sich eigentlich noch nicht verhalten.

Um mich abzulenken, ging ich ins Bad, stellte mich vor den riesigen Spiegel neben dem Waschbecken und nahm mit einem Ruck meinen Turban ab. Ich beobachtete interessiert, wie sich das Handtuch während des Fallens wand, nur um schließlich den Boden zu erreichen, wo es sich willkürlich und doch elegant faltete und als knittriger, fluffiger Haufen liegen blieb. Zig Strähnen hingen mir nun im Gesicht, sodass ich mit dem Gedanken spielte, mich Ayden zu präsentieren, da er es zu mögen schien, mein Gesicht von meinen Haaren zu befreien. Doch ein Blick in den Spiegel sagte mir, dass das gar nicht mehr nötig war: Er lehnte bereits lässig an der Badezimmertür. Ich wirbelte herum, ich fühlte mich ertappt. „Sag mal, du scheinst es ja echt spannend zu finden, mich zu verfolgen, was?!“, fuhr ich ihn an. Eine seiner Augenbrauen fuhr langsam in die Höhe.

„Ich wollte dich nicht erschrecken“, sagte er nur. Volltreffer. Verstimmt wandte ich mich ab und versuchte, meine Haare einigermaßen zu richten, da war der junge Mann schon direkt hinter mir, drängte meine Hände beiseite und legte selbst Hand an, während er flüsterte: „Ich mach das schon.“ Ein Schauer durchfuhr mich, doch ich ließ meine Hände so, wie er es wollte, unnütz an meinen Seiten hängen. Es schien ihm tatsächlich Spaß zu machen, mir die Haare zu richten, was mir einen skeptischen Blick entlockte, den er hundertprozentig durch den Spiegel sehen konnte. „Warum machst du das?“, fragte ich, als er meinen Blick zwar registriert hatte, jedoch nicht auf ihn eingegangen war.

„Deine Haare?“, vergewisserte er sich, dass er wusste, worauf ich hinauswollte.

„Ja“, antwortete ich knapp und sah ihn auffordernd durch den Spiegel an.

„Ich weiß nicht ... sie faszinieren mich ...“, gab Ayden gedankenverloren zurück und ließ eine meiner Haarsträhnen zwischen seinen Fingern gleiten. „Ich hätte vorher nicht gedacht, dass es Haare in der Farbe gesponnenen Goldes gibt.“

„Das sagt ausgerechnet der Bruder von Kira?“ So leicht würde er mir nicht davonkommen. Machte mir dieser Idiot doch tatsächlich ein Kompliment, das mich rot werden ließ!

„Kiras Haare sind ... anders ... eher durchscheinend wie Glas oder Eis. Deine hingegen ...“ Er unterstrich seine Worte, indem er seinen Kopf in meine Haare vergrub und seufzend einatmete. Okay, das war zu viel des Guten. „Lass das!“, wehrte ich ihn halbherzig ab. Oh mein Gott. Halbherzig?!?

„Du riechst aber so gut ...“, verteidigte sich der Schwarzhaarige in einer Weise, die zu einem Kind gepasst hätte, das ein Spielzeug nicht behalten durfte. Nein. Kein Spielzeug. Eine unwiderstehliche Süßigkeit. Ein kurzes Zittern durchfuhr mich, was Ayden zum Anlass nahm, mit seinen Händen statt weiter über meine Haare, über meine Schultern und Arme zu streichen.

Es fühlte sich an wie ein Lufthauch und doch spürte ich die Berührung derartig intensiv, als würde er mich schlagen. Ich verkrampfte mich und verschränkte die Arme vor meiner Brust, doch er schien sich überhaupt nicht daran zu stören. Seine Hände wanderten zu meiner Hüfte, dann über meinen Bauch, kreuzten sich und packten fest zu, sodass er mich von hinten umarmte. Ich musste mich sehr zusammennehmen, nicht überrascht aufzukeuchen, doch es gelang mir, meine Fassung zu wahren.

„Wir – wir sollten langsam an den Rückflug denken“, flüsterte ich, da sich meine Stimme nicht zu mehr herabließ. Ich spürte ein Lächeln durch meine Haare.

„So unangenehm ist das für dich?“, wollte Ayden neckend wissen.

„Ich – ähm – unter welchem Gesichtspunkt?“, versuchte ich Zeit zu schinden. Ja, war es unangenehm für mich?!

„Körperliches Wohlbefinden …“, wisperte er mir ins Ohr.

„N … nein“, wimmerte ich jetzt fast, worauf Ayden mir einen flüchtigen Kuss auf mein halb durch Haare verdecktes Ohr hauchte.

„Wo liegt dann das Problem?“, bohrte er seelenruhig weiter.

„An meinen Prinzipien.“

„Dein Einzelgängerprinzip?“ Wieder ein Grinsen. Ich fand das nur leider alles andere als etwas, das man belächeln konnte. Dementsprechend wand ich mich geschickt aus seiner Umarmung – widerwillig ließ er mich gewähren, sonst wäre ich nie freigekommen – und sah ihn traurig an. „Was habe ich falsch gemacht?!“, wollte Ayden sofort alarmiert wissen.

„Nichts …“ Ich wandte mich ab und ging zielstrebig ins Schlafzimmer, doch so leicht gab der Schwarzhaarige nicht auf.

„Was hast du?“, drängelte er, immerzu dicht hinter mir, jedoch einen gewissen Abstand wahrend.

„Ich sag dir was. Ich erkläre es dir nach dem Besuch meiner Mutter direkt am 10. Mai“, gab ich seufzend klein bei. „Aber bis dahin musst du dich gedulden, und wenn es geht, kein Wort mehr darüber verlieren“, bat ich noch schwach. Er sah, dass es mir ernst mit dem war, dass ich ihm seine Frage beantworten würde, und nickte.

„Gut … dann … lass uns einen Flug organisieren …“, murmelte er und verschwand. Ich hätte mich in dem Moment aus einem der mannshohen Fenster stürzen können.

Immer, aber wirklich immer machte ich aufgrund meiner Berührungsängste mit anderen Menschen alles kaputt. Wie lange Ayden sich das wohl noch gefallen lassen würde? Kurz darauf kam er zurück mit der Mitteilung, dass wir sofort starten konnten. Also auf zurück in den normalen Lebensrhythmus meines verzwickten Lebens …