Kapitel 14
Danach wurde Mom richtig krank. Als das Haus der Whites verwüstet worden war, waren alle ihre Illusionen geplatzt, dass Galloway doch noch zur Vernunft kommen würde und man hier wieder in Frieden leben konnte. Sie war stinksauer auf alle und jeden.
Obwohl, ganz stimmt das auch wieder nicht. Manchmal jobbte ich ja bei ihr im Altersheim. Und wenn sie in ein Zimmer kam und mir beim Abziehen der Betten half oder mit mir müffelnde Bettwäsche in den Wäscheraum trug, dann war sie mild und sanft wie eine Heilige. Wenn eine alte Dame vor lauter Scham weinte, ging sie zu ihr hin und konnte sie innerhalb von zwei Sekunden wieder aufrichten. Dabei war sie kein bisschen herrisch wie manche von den anderen Altenpflegerinnen, die mit den Senioren redeten wie mit kleinen Kindern. Sie kannte sämtliche Bewohner beim Namen und wusste Sachen von ihnen, die ihre Kolleginnen nicht mal ahnten.
Aber draußen auf der Straße legte sie richtig los und verschonte niemanden. Am Samstag, nachdem es passiert war, fuhren wir in den Supermarkt einkaufen. Dort lief Mom durch die Gänge und wollte mit jedem diskutieren, den sie traf.
»Halten Sie Casey White wirklich für schuldig?«, fragte sie.
Die Kunden, die gerade ihr Müsli oder eine Dose Frühstücksfleisch in den Wagen packten, waren verblüfft und antworteten wahrheitsgemäß: »Ja, ich denke schon, dass sie es war.« Daraufhin machte Mom sie fertig – ob alt oder jung, Kleinkind dabei oder nicht, das war ihr alles egal.
Mehrmals musste ich sie am Arm von den Leuten wegziehen. Ein Mann machte sogar Anstalten, ihr gegenüber handgreiflich zu werden. Ich zog sie also weg – mehr zu seiner Sicherheit als zu ihrer. Denn wenn Mom einmal in Fahrt ist, nimmt sie es mit jedem auf.
Ich sah auf den ersten Blick, wer Mom kannte und wer nicht. Diejenigen, die ihr zum ersten Mal begegneten, ließen sich tatsächlich auf eine Diskussion mit ihr ein. Und wer sie kannte – tja, natürlich sah ich, wie ihre Augen glasig wurden und sie einen betont toleranten Blick aufsetzten, sobald ihnen klar wurde, dass Mom gerade auf Konfrontationskurs war.
Vivian dreht mal wieder am Rad, konnte ich in ihren Gesichtern lesen, ehe sie sich schleunigst verabschiedeten. Aber das machte Mom komischerweise wütender, als wenn sich Leute auf einen Disput mit ihr einließen. Als wir schließlich an der Kasse ankamen, war sie total außer sich. Die bedauernswerte Kassiererin, ein Mädchen aus dem Jahrgang unter mir an meiner Schule, bekam Moms ganzen Frust zu spüren. Ich schaffte es nicht, sie zu beruhigen. Alle starrten uns an.
Irgendwann reichte es dem Marktleiter, und er rief die Polizei, die Mom aus dem Laden beförderte. Die Kassiererin war von allem so mitgenommen, dass sie unsere Einkäufe nicht mehr fertig abrechnen konnte. Ihr Chef übernahm das an ihrer Stelle und schickte sie in den Pausenraum, damit sie sich wieder abregen konnte. Währenddessen stand Mom an die Schaufensterscheibe gepresst, hämmerte dagegen und schrie alles in Grund und Boden.
»Komm nie wieder hierher mit ihr«, sagte der Marktleiter zu mir, als er mir das Wechselgeld reichte. »Verstanden?«
Ich wollte antworten, dass ich das Verhalten meiner Mutter genauso wenig beeinflussen konnte wie er, nickte aber nur, nahm unsere Einkäufe und ging.
»Komm, wir gehen nach Hause, Mom«, sagte ich zu ihr und versuchte, sie vom Schaufenster wegzuholen.
Sie drehte sich um und fuhr mich an: »Wie kannst du das einfach so hinnehmen? Was bildest du dir eigentlich ein?«
Da ließ ich sie stehen und machte mich allein auf den Heimweg. Wir waren zu Fuß gekommen und die Einkaufsbeutel waren ziemlich schwer. Als ich zu Hause ankam, hatten die Tragegriffe tiefe rote Striemen an meinen Händen hinterlassen.
Danach waren Dad und ich ziemlich ratlos.
»Kannst du denn nicht irgendwas machen?«, fragte ich ihn am Abend. Da Mom nichts zum Abendessen vorbereitet hatte, fuhren wir an den Stadtrand zu Hamburger World. Wir nahmen unser Essen und setzten uns draußen an einen Picknicktisch.
»So weit ist es noch nicht«, antwortete er. »Freiwillig würde sie sich niemals in Behandlung begeben, und eingewiesen werden kann sie nur, wenn sie sich oder andere gefährdet. Das weißt du doch.« Er biss in seinen Hamburger – wahrscheinlich damit er nichts mehr sagen musste.
»Du hättest sie im Supermarkt mal sehen sollen«, fuhr ich fort. »So hab ich sie noch nie erlebt, nicht mal ganz am Anfang. Sie war irgendwie anders, viel entschlossener vielleicht. Ich weiß auch nicht.«
Ich beschrieb Dad den Vorfall in allen Einzelheiten, obwohl ich genau wusste, dass er es gar nicht hören wollte. Er wandte sich sogar ein bisschen ab, so als ob er meine Worte erst mal von sich weglenken wollte, ehe sie bei ihm ankamen. Ich erzählte ihm Sachen, die ich sonst nur Casey anvertraute.
Casey konnte ich immer von dem abgedrehten Verhalten meiner Mutter erzählen. Oft war sie ja sogar selber dabei und wir unterhielten uns hinterher darüber. Wenn ich alles losgeworden war, was mir auf der Seele lag, sagte Casey irgendwas wie: »Das findest du seltsam? Na, dann erzähl ich dir mal was von der Petroleumfliege, die ihre Brut in Erdöl aufzieht.« Und schon schwatzte sie in allen Einzelheiten über ihre Insektenfreunde. Das nervte zwar manchmal, aber ich konnte mich immer darauf verlassen, und das wiederum war irgendwie tröstlich. So seltsam Mom auch drauf war – es war nur eine von vielen Merkwürdigkeiten auf dieser Welt. Nicht weiter dramatisch.
Ich erzählte Dad immer weiter von Mom, aber Dad konnte mir nichts zum Trost sagen. Da er gerade keine Zeitung dabeihatte, hinter der er abtauchen konnte, interessierte er sich plötzlich ganz enorm für die Autos, die auf dem Highway vorüberrauschten.
Dad ging dazu über, mir jeden Morgen vor der Arbeit Geld fürs Mittagessen zu geben. Er blieb jetzt immer sehr lange im Büro, was ihn davor bewahrte, sich mit Mom oder mir auseinandersetzen zu müssen. Aber ich war dankbar für das Geld und gab es nach der Schule im Cactus aus. Die Clique lud mich immer wieder ein und ich ging gerne hin. Sie erwähnten Casey nicht und ich schwieg mich über die nächtliche Farbattacke aus. Zur angesagten Fraktion zu gehören, war ein ziemlich teurer Spaß, für den ich nur ungern mein sauer verdientes Geld ausgab. Daher kamen Dads regelmäßige Finanzspritzen wie gerufen.
Aus unserem Haus verschwanden immer mehr Sachen. Eine Zeit lang hatte Mom den Whites nur Aufläufe und Muffins gebracht, aber das reichte ihr inzwischen nicht mehr aus. Sie räumte sämtliche Lebensmittel aus unseren Vorratsschränken und trug sie zu Caseys Familie. Dann kamen noch andere Dinge hinzu: unser gutes Geschirr, der Toaster, diverse Lampen, mein altes Spielzeug – alles, was sie schleppen konnte. Es war, als ob sie damit sagen wollte: »Hier, nehmt das, ich versuche damit, alles Böse wiedergutzumachen, was diese Stadt euch antut.« Dad hatte alle Hände voll zu tun, unser Zeug von den Whites immer wieder einzusammeln.