30

Kaum hatte sie in meinem neu errichteten Palais Einzug gehalten, stürzte sich Jeanne in die Hochzeitsvorbereitungen, als wäre sie nie krank gewesen. Unermüdlich trieb sie mich durch Paris, um diesen Stoffballen, jenes Paar Kerzenständer oder ein bestimmtes Besteck zu inspizieren. In einem Laden am linken Seine-Ufer bewunderte sie mit Goldfransen besetzte, weiche italienische Lederhandschuhe so ausgiebig, dass ich ihr das Paar kaufte. Sie nahm das Geschenk mit kindlichem Entzücken an, was mir bewies, dass sie gegen Eitelkeit keineswegs gefeit war. Fasziniert beobachtete ich, wie sie sich zu der Frau entwickelte, die sie hätte sein können, hätte nicht ihre Frömmigkeit ihr Herz in Ketten gelegt.

Sobald mich die Nachricht erreichte, dass ihr Sohn Nérac verlassen hatte, ließ ich das Aufgebot bestellen und lud halb Frankreich zu dem großen Ereignis nach Paris ein. Alles verlief nach Plan, bis mir eines Abends mitgeteilt wurde, dass Jeanne zusammengebrochen war.

Sofort eilte ich mit Margot durch einen nasskalten Nebel zum Palais. Bei unserer Ankunft war der Saal im Erdgeschoss gedrängt voll mit Männern in dunklem Gewand, allesamt Hugenotten. Wie auf Befehl drehten sie sich zu uns um und verbeugten sich steif.

Aus ihrer Mitte trat Coligny auf mich zu.

Er wirkte gesünder als bei unserer letzten Begegnung; sein Gesicht schien runder und ruhiger, seine hagere Gestalt schwerer und seine Augen wachsam, durchdringend. Die Zeit mit seiner Frau in Châtillon hatte wahre Wunder an ihm gewirkt, und als er sich vor mir verbeugte, jagte ein eisiger Schauer durch meine Adern.

»Ich wusste nicht, dass Ihr hier seid«, sagte ich. »Ihr hättet eine Nachricht schicken sollen, Seigneur.«

»Verzeiht mir. Ich war gerade in meinem Stadthaus eingetroffen, als ich erfuhr, dass Ihre Gnaden von Navarra erkrankt ist. Da hielt ich es für ratsam, erst hierherzukommen und meine Dienste anzubieten.«

In seiner Stimme entdeckte ich einen eigenartigen Unterton. Etwas stimmte hier nicht. Wie ernst war dieser Zusammenbruch der Königin? Sollten wir in Trauer gestürzt werden, bevor ihr Sohn am Hof eintraf?

Als hätte er meine Gedanken gelesen, sagte Coligny: »Sie ist zu schwach, um nach unten zu kommen.«

»Dann gehen wir zu ihr hinauf.« Ich bedeutete Margot, mir zu folgen. Coligny führte uns durch die Spalier stehenden Hugenotten, die alle in betontem Schweigen zurücktraten. Meine Nervosität nahm zu. Jeanne war mein Gast. Glaubten sie etwa, ich würde ihr etwas antun?

Jeanne lag auf ihre Kissen gebettet. Ihr Gesicht war bleicher als die Laken, ihre Lebensgeister, die sie durch Paris getrieben hatten, hatten sich erschöpft.

»Madame«, murmelte sie, »meine Stunde hat geschlagen.«

»Unsinn.« Ich tätschelte ihr die Hand. Sie fühlte sich kalt und zerbrechlich an. »Ihr habt Euch überanstrengt. Aber bald werdet Ihr wieder auf den Beinen sein. Wir wollen doch eine Hochzeit feiern, wisst Ihr das nicht mehr?«

Ihr Blick wanderte zu Margot. »Komm näher, meine Liebe. Ich muss dir etwas sagen.«

Margot beugte sich über Jeannes farblose Lippen. Ich hörte sie flüstern. Meine Tochter nickte. »Ja«, sagte sie, »das werde ich. Ich verspreche es Euch.«

Jeanne seufzte. Als sie erschöpft die Augen schloss, tauchten aus einer Nische ihre Pastoren auf. Ich wollte mich schon zum Gehen wenden, als mein Blick auf die Handschuhe mit den Goldfransen fiel, die ich ihr geschenkt hatte. Sie waren achtlos auf einen Tisch in der Nähe des Kamins geworfen worden. Man hatte sie von innen nach außen gewendet und die Fingerspitzen abgeschnitten.

»Ich werde nach unserem Hofarzt, Docteur Paré, schicken«, kündigte ich Coligny an, sobald wir in der Vorhalle standen. »Sie muss fachmännisch gepflegt werden und …«

»Mit Verlaub, aber das wird nicht nötig sein.« Seine Stimme klang abweisend, als spräche er mit einer aufdringlichen Fremden. »Ich habe bereits nach einer Kapazität gesandt. Ihr Arzt wird bis zum Einbruch der Dunkelheit eintreffen.«

Mir verschlug es angesichts dieses Tons die Sprache. Ich nickte knapp und ging.

Bei unserer Rückkehr fragte ich Margot, was Jeanne ihr zugeflüstert hatte. »Sie hat mich gebeten, ihren Sohn zu schützen«, antwortete sie.

»Ihn zu schützen?« Ich runzelte die Stirn, denn mir fiel ein, dass Nostradamus dieselben Worte verwendet hatte. »Wovor? «

Sie hob die Augen zu mir. »Habt Ihr es nicht an ihren Gesichtern bemerkt, an der Art und Weise, wie Coligny mit Euch gesprochen hat?«

Ich erstarrte. Das war es also, was mir an Colignys Stimme aufgefallen war, ohne dass ich es hatte benennen können: Misstrauen mir gegenüber. »Das kann doch nicht dein Ernst sein«, protestierte ich mit einem gekünstelten Lachen. »Jeanne ist seit Jahren krank. Jeder weiß das. Coligny hat es selbst erwähnt.«

»In den letzten Tagen schien es ihr aber recht gut zu gehen.« Margots Augen bohrten sich in die meinen. »Ihr habt ihr doch diese Handschuhe geschenkt, nicht wahr? Warum haben sie die Fingerspitzen abgeschnitten?«

Den Grund kannte ich sehr wohl. Es war ein alter Trick, den sich die Borgias ausgedacht hatten: im Innern eines Handschuhs Gift auftragen, ohne dass der Besitzer etwas ahnte, bis es zu spät war. Sie hatten die Fingerspitzen abgeschnitten, um sie zu untersuchen.

Meine Stimme zitterte. »Dio mio, sie sind verrückt. Wie können sie nur glauben, dass ich ihr etwas antun würde?«

»Ihr seid eine Medici; sie hatten von Anfang an Zweifel an Eurer Aufrichtigkeit.«

»Hast du denn auch Zweifel?« Mit angehaltenem Atem wartete ich auf ihre Antwort.

»Nein«, sagte sie ruhig, »aber ich bin ja auch keine Hugenottin. «


Jeanne von Navarra starb am nächsten Nachmittag. Ich hörte auf Margots Rat und entsandte Paré, damit er eine Autopsie durchführte. Diese ergab einen fortgeschrittenen Verfall beider Lungenflügel, womit bestätigt wurde, dass sie schlicht ihrem Leiden erlegen war. Nach einigem Zögern – ich befürchtete, er würde ihren Tod als Anlass nehmen, um die geplante Hochzeit abzusagen – schrieb ich ihrem Sohn einen Kondolenzbrief, dann ließ ich die Leiche einbalsamieren und zur Bestattung nach Navarra bringen.

Zu meiner Erleichterung bestätigte mir Navarra in seiner Antwort, dass er seine Abreise nicht hinauszögern würde, und tatsächlich hielt er Mitte Juli unter einem weiß glühenden Himmel in Paris Einzug.

Eine unbarmherzige Hitze hatte uns heimgesucht. Um sich Linderung zu verschaffen, schliefen die Leute des Nachts auf den Hausdächern und drängten sich tagsüber an den Ufern der Seine. Die Stadt selbst platzte aus allen Nähten, seit Tausende von Hugenotten und Katholiken aus ganz Frankreich herbeigeströmt waren, um die Feierlichkeiten zu verfolgen. Und damit nicht genug: Die Aussicht auf fette Beute hatte auch ganze Heerscharen von Raubmördern, Bettlern und Dieben angelockt. Als nun Navarra mit seinem hugenottischen Gefolge durch die Straßen ritt, brachen seine Glaubensgenossen in einen durch ganz Paris brandenden, tosenden Jubel aus, in dem die wenigen katholischen Stimmen, die es wagten, Schmähungen auszustoßen, untergingen.

Von meinem Balkon aus beobachtete ich die sich nähernde Prozession. Ich brannte darauf, mir selbst ein Bild davon zu machen, ob Navarra wirklich zu dem stolzen Mann meiner Vision von vor so vielen Jahren herangewachsen war. Als er im Hof von seinem Pferd abstieg, eine kleine, gedrungene Gestalt, von oben bis unten in Schwarz gehüllt, winkte ich Margot zu mir. Mit ihrem hellblauen Seidenkleid und den in ihr lockiges Haar geflochtenen Perlen wirkte sie leicht und erhaben wie eine Wolke.

Zusammen schritten wir die Treppe zum Prunksaal hinunter. Er war bereits mit grell gekleideten Höflingen gefüllt, unter die sich das in Schwarz gekleidete Gefolge von Navarra mischte. Ich ließ die Augen über die hugenottischen Adeligen schweifen, entdeckte aber zu meiner Erleichterung Coligny nicht. Das Letzte, was ich wollte, war, dass er mir mit seiner Leichenbittermiene den Tag verdorben hätte.

Navarra stand vor dem Podest mit Charles und Hercule zusammen. Von meinen Söhnen trug der Erstere ein leuchtendes goldenes Wams und einen Federhut, Letzterer einen Samtanzug. Charles redete auf seinen bourbonischen Cousin ein, während der siebzehnjährige Hercule, der in seinem übertriebenen Aufzug noch zwergenhafter wirkte, Navarra neugierig anstarrte.

Über das Stimmengewirr hinweg hörte ich Charles rufen: »Von allen meinen Jagden war das die beste! Mit einem Schuss habe ich den Eber erlegt! Mit einem einzigen! Selbst Coligny meinte, er hätte so etwas noch nie gesehen. Das stimmt doch, Hercule, nicht wahr?«

Mein Jüngster zuckte die Schultern. Unterdessen brach Navarra in ausgelassenes Lachen aus, und als er den Kopf zurückwarf, stand sein widerspenstiges feuerrotes Haar in allen Richtungen von seinem sonnenverbrannten Gesicht ab. Dann bemerkte er Margot und mich und drehte sich zu uns um.

Fast wäre ich wie angewurzelt stehen geblieben.

Er glich bis hin zu dem Lachen und seinen eng stehenden Augen dem Mann, der mir vor all den Jahren in meiner Vision erschienen war.

Seine Diener traten näher an ihn heran. Unmittelbar hinter ihrem Kreis erspähte ich meinen Henri, ein wahrer Prachtkerl in seinen malvenfarbenen Samtkleidern, mit der über die Schultern fallenden Löwenmähne und einer am Ohr baumelnden Perle. Um seine Lippen spielte ein süffisantes Lächeln, während sein Arm beiläufig auf der Schulter seines Freundes Guast ruhte.

Mit ausgestreckten Armen eilte ich Navarra entgegen. »Mein Kind, wie groß du geworden bist!«

»Tante Cathérine«, sagte er und neigte das Haupt. »Es ist so lange her.«

Ich schloss ihn in die Arme. Sein gedrungener Körper war hart; er stank nach Schweiß. Sein schwarzes Wams war nicht nur schmucklos und abgewetzt, sondern auch aus der Mode. Doch als ich mich von ihm löste und ihn eingehend betrachtete – die Augen mit den fast mädchenhaft dichten Wimpern, den kräftigen Unterkiefer und den von Intelligenz zeugenden Mund, das gestrüppartige Haar und die mächtigen Schultern – , schoss es mir in den Sinn, dass er von einer natürlichen Männlichkeit war, wie man sie bei unseren französischen Stutzern nur selten sieht.

»Du bist das Inbild eines französischen Königs«, sagte ich.

»Ich wäre lieber Prinz und hätte meine Mutter noch bei mir«, erwiderte er.

»Ja, natürlich. Die arme, liebe Seele! Sie war ja so stolz auf dich. Bestimmt lächelt sie jetzt auf uns herab. Komm, begrüße Margot.«

Ich trat einen Schritt zur Seite. Gerade als sie vortreten wollte, stolperte Margot über den Saum ihres Rocks. Errötend murmelte sie »Cousin« und neigte sich zu ihm, um ihn auf die mit Bartstoppeln bedeckte Wange zu küssen.

»Das heißt Margot, nicht Marguerite, richtig?« Er grinste sie an. »Oder hat sich da etwas geändert, seit ich dich zuletzt gesehen habe? Dann lass es mich besser gleich wissen, ja? Schließlich haben wir jetzt ein ganzes gemeinsames Leben vor uns.«

Margot zögerte. Dass er Humor haben würde, hatte sie nicht erwartet. »Margot ist mir recht«, sagte sie steif. »Aber nennt mich von mir aus, wie Ihr wollt. Es ist ja nicht so, als ob ich die Wahl hätte.«

Ich lachte laut auf. »Sind sie nicht reizend?«, rief ich und blickte mich unter den lauschenden Höflingen um.

Sofort klatschten alle Beifall. »Einen Toast!«, forderte Charles. Er entriss einem Diener zwei Kelche und reckte einen davon Navarra mit solchem Schwung entgegen, dass der Rotwein überschwappte. Den anderen Kelch reichte er Margot und überließ es mir, mich selbst um einen Kelch zu kümmern. Hercule jagte auf den Pagen zu und schnappte derart ungestüm nach dem letzten Kelch auf dessen Tablett, dass er Mann und Getränk fast zu Boden geworfen hätte. Henris Grinsen wurde immer breiter. Er selbst rührte sich nicht von der Stelle.

Charles hob seinen Kelch. »Auf meinen Cousin Navarra und meine Schwester Margot.« Damit kippte er seinen Wein hinunter, und alle anderen taten es ihm gleich. »Und nun wird gegessen!« Mit wehendem Umhang stürmte Charles voran zum Bankettsaal.

Gerade wollte ich Navarra bei der Hand nehmen, um ihn zu dem Stuhl neben dem meinen zu führen, als Margot sagte: »Vergebt mir, edler Herr, aber ich habe Kopfschmerzen. Ich ziehe mich besser zurück.«

Ich funkelte sie böse an. Doch sie ignorierte mich, machte einen Knicks vor Navarra und verließ sehr zum Verdruss ihrer Hofdamen den Saal, denn ihnen blieb nichts anderes übrig, als sie zu begleiten.

Navarra blickte ihr mit gewölbten Augenbrauen nach. »Die Nerven einer neuen Braut«, beschwichtigte ich mit einem Auflachen. »Sie ist überwältigt.«


Kaum war das Festmahl beendet, erhob sich Charles wie immer abrupt und verließ den Saal. Navarra und ich hatten nicht miteinander sprechen können, denn Charles hatte die Konversation an sich gerissen und ihn vom Wetter in seiner Heimat bis zu seiner bevorzugten Jagdmethode über so gut wie alles ausgefragt. Mir fiel auf, dass Navarra freundlich Auskunft gab, aber nie mehr offenbarte als das, wonach er gefragt wurde. Und obwohl er unvorstellbar viel getrunken hatte, wirkte er immer noch vollkommen nüchtern. Bequem lümmelte er auf seinem Stuhl und verfolgte interessiert die Possen des Hofs. Auf seinem Sitz neben Charles’ leerem Thron säuberte sich Henri mit einem silbernen Zahnstocher die Zähne, während Hercule sich über ein ganzes Tablett voller gezuckerter Mandeln hermachte.

Als Nächstes standen die Tänze an. Schon stellten sich die Höflinge für den Saltarello auf, einen ausgelassenen Tanz, der es den Damen erlaubte, ihre Beine zu zeigen, und den Männern, ihre Beweglichkeit zu beweisen. Eine Gruppe von stark geschminkten Damen – professionelle Kurtisanen mit ausgesprochen tiefen Dekolletés und knallroten Lippen – stolzierten vor dem Podest auf und ab; eine besonders dreiste Schönheit, die auf die Wange einen Diamanten geklebt hatte, blickte sich zwinkernd nach den Männern am Tisch um.

Navarra richtete sich kerzengerade auf; sogar Hercule vergaß, seine Mandeln in sich hineinzustopfen.

»Wer sind diese Frauen?«, fragte Navarra mit belegter Stimme.

»Das sind Mitglieder unseres Hofs«, erklärte ich.

»Das sind Angehörige Eures Hofstaats? Ich habe gehört, dass Ihr die vollendetsten Damen in Eure Dienste nehmt. Sie werden Die fliegende Schwadron genannt, weil sie bei der Jagd wie Amazonen reiten.« Er bekam glänzende Augen. »Ich liebe die Jagd. Ich liebe sie über alles.«

Aus den Augenwinkeln bekam ich mit, wie Henri sich die Hand auf den Mund presste, um nicht laut zu lachen.

Tatsächlich hatte ich noch nie von dieser sogenannten »fliegenden Schwadron« gehört. Da andererseits viele Damen an unserem Hof von Männern ausgehalten wurden, war der Spitzname durchaus passend. Wozu sollten wir ihn unserem Gast also ausreden? Er sollte sich bei uns doch wie zu Hause fühlen.

»Du solltest zu ihnen hinübergehen«, schlug ich vor. »Sie sind immer begierig darauf, neue Jagdkameraden zu finden.«

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Schon stand er auf und strich sich sein zerknittertes Wams glatt. Henri und ich brauchten nur einen Blick zu wechseln und hätten beinahe gelacht. Jeanne hatte ihren Sohn mit Geschichten über unsere Zügellosigkeit vielleicht nur unterhalten wollen, tatsächlich aber hatte sie vor allem seine Neugier geweckt, denn jetzt glotzte er unsere angemalten Huren an, als wären sie delikate Rehkeulen.

Ich schnippte mit den Fingern. »Hercule, begleite deinen Cousin.«

Hercule sprang sofort an seine Seite. Und kaum hatten die beiden das Podest verlassen, eilten die Prostituierten auf sie zu und führten sie hinaus.

Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück. Henri ließ sich neben mir nieder. »Fliegende Schwadron? Köstlich. Eure Idee, oder?«

»Wohl kaum.« Ich kniff ihn in die Wange. »Wer weiß, was für Abscheulichkeiten Jeanne ihm noch über mich erzählt hat? Aber er hat soeben seine Mutter verloren, und wenn er weiblichen Trost so dringend nötig hat, wer bin ich, ihm das zu verweigern?«

»Für einen solchen Dienst sind diese Schlampen bestimmt nicht geeignet. Fragt sich nur, was Margot davon halten wird.«

»Ich bezweifle, dass es ihr etwas ausmacht«, murmelte ich und griff nach meinem Kelch. »Hast du sie nicht den Saal verlassen sehen, als trüge sie eine Dornenkrone? Man hätte meinen können, ich hätte sie mit dem Leibhaftigen verheiratet.«

»Sie schmachtet nach Guise.« Henri ließ seinen Blick über den Saal schweifen. »Und er verzehrt sich offenbar nach ihr. Wie ich gehört habe, ist er außer sich vor Empörung, dass wir es wagen, Margot mit einem Ketzer zu verheiraten, und will die Hochzeit anfechten.«

Ich blitzte ihn an. »Das sollte er besser bleiben lassen. Ich habe ihm verboten, an unseren Hof zu kommen, es sei denn, wir rufen ihn. Wenn er weiter Unruhe stiftet, wird er für den Rest seines Lebens in seinem Schloss unter Arrest gestellt.«

»Wann hat sich ein Guise je von Drohungen abschrecken lassen? Die sind doch alle genauso schlimm wie Coligny.«

Ich sah, wie sich seine Miene verfinsterte, und das beunruhigte mich. Seine plötzliche Abneigung gegen Guise gefiel mir nicht, denn bis zu dem Streit wegen Margot waren sie enge Freunde gewesen. Und das war mir auch lieber gewesen. Guise war jemand, den ich nicht sich selbst überlassen sehen wollte. Schließlich war kein anderer als le Balafré sein Vater gewesen.

»Wie auch immer«, brummte ich, »ich werde nicht zulassen, dass Guise oder sonst wer uns diese Hochzeit verdirbt. Sieh nur, ist das nicht dein Freund Guast dort drüben bei den jungen Burschen? Warum schließt du dich ihm nicht an?«

»Ich habe Guast satt. Er ist schrecklich gierig. Immer bittet er mich um etwas! Jetzt will er einen Affen von mir haben, als ob ich sie in meinen Gemächern auf Bäumen züchten würde.«

»Schenk ihm doch deinen Bruder Hercule«, scherzte ich und brachte Henri damit zum Lachen. »Maman, Ihr seid zu boshaft!« Er gab mir einen Kuss und schlenderte zu seinem begehrlichen Freund hinüber.

Ich seufzte. Das Bein tat mir weh. Ich wollte mich nur noch ins Bett legen. Ich stand auf, ging durch die Menge und quälte mich dann die Treppe hinauf. Im letzten Moment beschloss ich, bei Margot nach dem Rechten zu sehen.

Das Mondlicht fiel durch das Kassettenfenster ins Gemach. Immer noch in ihre Robe gehüllt, saß meine Tochter davor, während der gespenstische Schein sich in den Perlen in ihrem Haar spiegelte. Bei ihrem Anblick schmolz mir das Herz. Sie wirkte so klein und allein. Ich hielt mir vor Augen, dass sie erst neunzehn Jahre alt war, in so vielerlei Hinsicht noch ein Mädchen …

»Du wirst morgen müde aussehen, wenn du nicht ein wenig schläfst«, mahnte ich freundlich.

»Wen kümmert denn schon mein Aussehen? Wenn ich wach bleiben will, dann tue ich das auch. Oder wollt Ihr mir auch das verweigern?«

Ich trat dicht an sie heran. »Mein Kind, du hast so vieles im Leben noch vor dir. Versuche, nicht vor der Zeit bitter zu werden. Dieser erste Liebeskummer … weißt du, er vergeht mit der Zeit. Er lässt nach, und wir vergessen ihn.«

»Woher wollt Ihr das wissen? Ihr habt nie einen Mann geliebt! «

»Das stimmt nicht!«, entfuhr es mir, und plötzlich fühlte ich mich unglaublich alt, unendlich müde. »Du glaubst, mich zu kennen, aber du weißt nichts von mir. Ich habe gelernt, dass wir akzeptieren müssen, was das Leben uns beschert, sonst sterben wir. So einfach ist das.«

»Dann möchte ich lieber sterben.«

»Das wirst du nicht.« Ich beugte mich über sie und presste ihr einen Kuss auf die trockene Wange. »Du wirst leben. Du kannst nicht anders. Du bist meine Tochter.«


Der Tag der Hochzeit nahte. Über Biragos Spione behielt ich unterdessen Navarra im Auge. Dass er die Ablenkungen, die Paris bot, begeistert annahm, freute mich. Falls er um seine Mutter trauerte, verstand er es meisterhaft, das zu verbergen. Mit seinen hugenottischen Freunden trank er in unseren Tavernen bis in die frühen Morgenstunden und trieb es mit jeder Hure, die ihm über den Weg lief. Überall tauchte er auf, nur nicht in Colignys Nähe, was mich über alle Maßen freute – bis Birago zu mir kam.

»Es geht um Seine Majestät«, begann er. »Einer meiner Spione hat ihn in einem Umhang mit Kapuze durch den Gesindeflügel aus dem Palast huschen sehen. Da er den Palast oft auf diese Weise verlässt, um draußen seinen Vergnügungen nachzugehen, hielt das zunächst niemand für erwähnenswert. Erst als er vor zwei Tagen wieder so aus dem Palast schlich, hat mein Mann es mir gemeldet.«

»Ist er ihm gefolgt?«, wollte ich wissen.

»Ja. Seine Majestät hat Navarra getroffen, und sie …« Er hustete umständlich in die Hand.

»Ich kann es mir gut vorstellen«, bemerkte ich trocken. »Hoffentlich war es wenigstens ein teures Bordell.«

»Nein, Madama.« Birago blickte mich bekümmert an. »Sie sind nicht in ein Bordell gegangen, sondern in Colignys Stadthaus in der Rue de Béthisy.«

Ich saß wie vom Donner gerührt da. Schließlich brachte ich hervor: »Wisst Ihr, was sie dort gemacht haben?«

»Leider nein. Meine Spione sind zwar gewissenhaft, aber es ist mir nicht gelungen, bis in Colignys Privatgemächer vorzudringen. Immerhin konnte ich einen seiner Köche bestechen, aber der hat natürlich nichts gehört.«

Plötzlich hatte ich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. »Wie oft haben sie sich schon getroffen?«

Er blinzelte. »Mindestens zweimal. Charles hat es vorgezogen, zu ihm zu gehen, nachdem Coligny es abgelehnt hatte, ihn in seinen ehemaligen Räumen an unserem Hof zu treffen. Coligny meinte, in seinem Stadthaus fühle er sich woh-1er ; außerdem könne er dort die Hochzeitsgäste besser unterbringen. «

»Hochzeitsgäste …«, wiederholte ich mechanisch. Mir fielen wieder die Gesichter der Männer ein, die ich beim Besuch an Jeannes Sterbelager gesehen hatte. Auch wenn ich in ihnen einige hugenottische Adelige erkannt hatte, hatte ich mir angesichts der Umstände nichts dabei gedacht.

»Bringt so viel in Erfahrung, wie Ihr nur könnt«, forderte ich ihn auf. »Ich muss wissen, wie viele von diesen Freunden in seinem Haus weilen und was sie im Schilde führen. Denn irgendetwas planen sie, daran habe ich nicht den geringsten Zweifel.«

»Sehr wohl, Madama. Und Charles? Soll ich mit ihm sprechen? «

»Nein. Überlasst ihn mir.«

Birago nickte, dann eilte er hinaus. Plötzlich spürte ich einen scharfen Schmerz in der Hand. Ich hatte meine Schreibfeder zerdrückt und sie mir in die Handfläche gebohrt.

Ich stürmte schnurstracks in die Gemächer meines Sohnes. In seinem Zimmer herrschte Chaos. Kleider und Jagdutensilien lagen über den Boden verstreut, und sein Hund nagte an einem Fleischknochen, während Charles mit dem Rücken zu mir stand und sich hastig einen Umhang umlegte. Wäre ich eine Minute später gekommen, hätte ich ihn nicht mehr angetroffen.

Er wirbelte herum, und jäh wich alle Farbe aus seinem Gesicht. »Was … was macht Ihr hier?«

»Ich bin gekommen, um mit dir zu sprechen. Störe ich? Gehst du irgendwohin?«

»Ich … ich wollte … Bei Vincennes wurde ein Rudel Hirsche gesichtet, und Navarra und ich …«

Ich baute mich vor der Tür auf. »Lüg mich nicht an. Du wolltest zu Coligny, nicht wahr?«

Er wich zurück, in seiner Miene spiegelte sich Verwirrung. Nervös ächzte er: »Coligny? Wie kommt Ihr nur darauf? Und warum sollte ich zu ihm gehen? Er jagt ja nicht mehr.«

»Hirsche vielleicht nicht«, entgegnete ich. »Ich bin über deine Treffen mit ihm im Bilde. Ich weiß, dass du ihn seit einiger Zeit zusammen mit Navarra in seinem Haus besuchst.« Ich hielt inne. Seine Augen hatten sich geweitet, und sein Mund arbeitete, als suchte er verzweifelt nach einer Ausrede. »Du brauchst es nicht vor mir zu verheimlichen«, fuhr ich fort. »Du hast reichlich klargemacht, dass du vorhast zu herrschen, wie du es für richtig hältst. Sag mir einfach die Wahrheit, und ich verlasse den Hof noch heute.«

»Ihr … Ihr könnt doch nicht weggehen«, stammelte er. »Wir müssen uns um Margots Hochzeit mit Navarra kümmern.«

Ich stieß ein angespanntes Lachen aus. »Was denn für eine Hochzeit? Wenn du mit Coligny paktieren willst, setzt du alles aufs Spiel. Erweise mir wenigstens die Gnade, es nicht miterleben zu müssen.«

Die Verwirrung wich aus seinem Gesicht. »Aber ich habe doch überhaupt nichts zugestimmt. Das schwöre ich Euch!«

»Und was hast du dir angehört?«

Erneut erbleichte er. Er starrte mich mit einer derart schrecklichen Mischung aus Verblüffen und Angst an, dass ich mich einen Moment lang fragte, worin mein Fehler gelegen hatte, dass ich in solchem Maße verkannte, trotz meiner beständigen Fürsorge für ihn den Einfluss eines Mannes wie Coligny nie eindämmen zu können. Mein Sohn war verletzbar; er hatte in jungen Jahren seinen Vater verloren, seinen älteren Bruder unter den Guises leiden sehen und selbst lange Kriegsjahre überstehen müssen. Schon seit er mit der Peitsche auf Margot losgegangen war, spürte ich, dass etwas in ihm zerbrochen war. Und jetzt nutzte Coligny seine Schwäche aus, seine verzweifelte Sehnsucht nach dauerhaftem Frieden und seinen Kampf darum, als König wahrgenommen zu werden, der nicht auf Führung durch seine Mutter angewiesen war.

»Was will er von dir?«, fragte ich. »Ich werde dir keine Vorwürfe machen, das verspreche ich dir. Ich weiß, wie du dich fühlst. Ich weiß selbst, wie gut er es versteht, auf uns einzureden, bis wir ihm fast alles glauben. Sag’s mir einfach.«

Er knetete seinen Umhang. Gleichzeitig zuckten seine Augen in alle Richtungen, als suchten sie einen Fluchtweg. »Er … er …« Er schluckte. »Er will, dass ich Euch aus Frankreich verbanne«, platzte er heraus. »Er sagt, Ihr würdet nur Zerstörung über uns heraufbeschwören, Ihr hättet möglicherweise Jeanne von Navarra vergiftet und würdet ihren Sohn dazu zwingen zu konvertieren. Aber wenn das geschieht, sagt er, wird er zu Navarras Verteidigung in den Krieg ziehen müssen.«

Ich spürte, wie die Wut in mir hochkochte. Mit einiger Anstrengung bezähmte ich sie und brachte einen von Gefühlen freien Ton zuwege, als hätten seine Eröffnungen mich nicht überrascht. »Er hat all das wirklich gesagt?«

»Ja! Aber wir haben ihm nicht geglaubt. Und Navarra hat ihm das auch auf den Kopf zugesagt. Er hat ihm geantwortet: ›Ich werde Margot heiraten, und ich schwöre Euch, dass nichts auf der Welt mich dazu bringen wird zu konvertieren.‹«

Plötzlich warf sich Charles mir an die Brust und umschlang meine Hände. »Vergebt mir! Er hat mich um ein Treffen gebeten, und das konnte ich ihm doch nicht verweigern. Aber ich weiß, dass es ein Fehler von mir war, ihn all das sagen zu lassen.«

Ich blickte auf seine Finger hinunter, die die meinen umklammert hielten. »Und doch hattest du vor, wieder zu ihm zu gehen«, hörte ich mich sagen und staunte selbst über meine Fähigkeit, meinen Zorn und die Angst zu verbergen.

»Ich wollte ihm erklären, dass ich Euch niemals wegschicken werde.«

Ich entzog ihm mit Bedacht meine Hände und trat einen Schritt zurück. Er schnappte nach Luft, als hätte ich ihn ins Gesicht geschlagen.

»Nein, verlasst mich nicht«, flüsterte er. »Maman, bitte. Ich … ich fürchte ihn. Er sagt mir, dass ich nicht auf Euch hören darf, dass Ihr mich auf einen Irrweg führt.« Er erschauerte. »Ich möchte ihm ja so gerne glauben, wenn er sagt, dass ich ein großer König sein kann, aber dann blickt er mich so eigenartig an, als würde er mich überhaupt nicht sehen. Er hat mir versprochen, mir dabei zu helfen, Frankreich Frieden und Ruhm zu bringen, aber ich glaube nicht, dass ich derjenige bin, den er führen will.«

Mein armer Sohn. Coligny hatte ihn hypnotisiert, ihm mit Lügen und Täuschungen den Kopf verdreht. Doch Charles war immerhin scharfsinniger, als ich es gewesen war. Er spürte bereits, dass er Coligny als Mittel zum Zweck dienen sollte, denn diesem war nicht an meinem Sohn gelegen. Coligny ging es um Navarra, seinen Schützling, den Erben seiner verstorbenen Königin; Navarra, der ein Blutrecht auf die Nachfolge hatte. Er wollte, dass Navarra ganz Frankreich erbte. Das war der Grund, warum er den Brief an Jeanne unterschrieben hatte, warum er danach trachtete, meine Autorität zu untergraben. Wenn es ihm gelang, mich beiseitezustoßen, würden die Hugenotten Krieg führen, bis niemand mehr da war, der Navarras Anspruch auf den Thron anfechten konnte.

»Charles!« Ich fasste ihn bei den Schultern. »Du musst mir versprechen, dass du ihn nie wieder besuchst. Er ist ein Lügner. Das war er schon immer: ein Lügner und Verräter.«

Seine Lippen begannen zu beben, Tränen quollen ihm aus den Augen. »Ich verspreche es Euch«, flüsterte er. »Hoch und heilig.«

Ich drückte ihn an mich. »Nicht weinen«, murmelte ich. »Ich bin ja bei dir. Bei mir wirst du immer in Sicherheit sein.«


Ich rief nach Birago, damit er Charles beaufsichtigte und Wachposten vor seiner Tür aufstellte. Dann kehrte ich in meine Gemächer zurück, wo Lucrezia die Fensterläden geschlossen hatte, um die schlimmste Hitze auszusperren.

Lange saß ich in der Stille da und durchlebte noch einmal die Vergangenheit.

Wieder sah ich ihn vor mir, wie er bei meinem Hochzeitsbankett gewesen war, ein ernster junger Mann in weißer Trauerkleidung und mit wunderschönen Augen. Ich erinnerte mich an die Abenddämmerung von St. Germain, als sein Körper sich mit dem meinen vereinte. Jedes Wort, das zwischen uns fiel, jede Berührung ereignete sich aufs Neue in mir. Und als es vorbei war und die Erinnerungen zu meinen Füßen lagen wie zerknülltes Papier, erkannte ich, dass es gar nicht so viele waren, eigentlich nur ein paar, doch die genügten, um ein ganzes Leben zu füllen.

Die Nacht brach herein. Lucrezia schlüpfte ins Zimmer, um die Kerzen anzuzünden und sich zu erkundigen, was ich zum Abendbrot essen wollte. Da für heute kein Empfang vorgesehen war, ließ ich die Speisen in meinen Gemächern auftragen. Viel aß ich nicht, sodass sie besorgt fragte, ob ich vielleicht etwas anderes benötigte.

»Ja«, erwiderte ich, »schick Henri zu mir. Es ist wichtig.«

Er trat bald darauf ein. Bekleidet war er mit einer karmesinroten Pluderhose und einem über der dicht behaarten, muskulösen Brust offenen Hemd. Mit seinem wie eine dunkle Löwenmähne über die Schultern fallenden Haar und den vom Wein leuchtenden Augen erinnerte er mich an seinen Großvater François.

»Hier kommt man sich ja vor wie im Hades!«, stöhnte er und wischte sich über die Stirn. »Habt Ihr ein Band?«

Wortlos löste ich einen Riemen von meinem Ärmel und reichte ihn ihm. Damit marschierte er weiter zum Tisch und band sich im Gehen die Haare nach hinten. Mit seinen langen Fingern schnappte er sich die Überreste des gebratenen Fasans. »Margot benimmt sich unmöglich. Ich habe sie gebeten, heute Abend mit mir zu speisen, und sie schickt mir eine Nachricht, dass sie Kopfschmerzen hat. Für wie dumm hält sie mich eigentlich? So etwas wie Kopfweh kennt sie doch überhaupt nicht! Sie will bloß in ihren Gemächern herumsitzen und Trübsal blasen.«

Ich sah ihm dabei zu, wie er nach der Kristallkaraffe und einem Kelch griff und sich Wein einschenkte. Während er trank, ließ er mich nicht aus den Augen. »Und?« fragte er, woraufhin ich ihm ruhig und frei von Zorn alles berichtete, was ich entdeckt hatte. Als ich geendet hatte, seufzte er: »Oje, was für ein raffiniert gesponnenes Netz!«

Ich verlagerte mein Gewicht. »Er ist auf unsere Zerstörung aus, damit er …«

»…seine häretischen Teufel auf uns hetzen kann.« Henri grinste. »Na gut, wenn Charles heute Abend nicht zu dem Treffen gekommen ist, wird Coligny das mit Sicherheit als Warnung verstehen.«

»Fürs Erste. Aber das genügt nicht. Er wird andere Wege finden. Das tut er ja immer.«

Ich löste meine Halskrause und schleuderte sie zur Seite. Mein Sohn hatte recht. Die Luft im Zimmer war zum Ersticken. Am liebsten hätte ich das Fenster aufgestemmt, aber da meine Gemächer im Erdgeschoss direkt vor dem Garten lagen, hätte ich damit riskiert, von Höflingen belauscht zu werden, die sich vielleicht gerade in den Schatten draußen verbargen, um sich miteinander zu vergnügen oder irgendwelche Intrigen zu spinnen.

»Ihr könntet ihn töten«, schlug Henri vor. Ich blickte ihn scharf an, während er gelassen zur Karaffe zurückkehrte. »Das ließe sich ohne Weiteres bewerkstelligen, und niemand würde auf die Idee kommen, dass Ihr die Hände im Spiel hattet.«

Plötzlich stand in meinem Zimmer die Welt still. Es war wie die Ruhe vor dem Sturm.

»Auf welche Weise?«, fragte ich leise.

»Guise. Er beschuldigt Coligny, seinen Vater ermordet zu haben. Er würde ihn in seinem eigenen Blut baden, wenn er könnte. Natürlich wird er Anleitung benötigen. Wir wollen doch nicht, dass er Coligny hier am Hof absticht.«

»Und du könntest …?«

»Ihn überreden?« Henri rieb mit der Fingerspitze über den Rand seines Kelchs. »Natürlich. Guise und ich mögen unsere Probleme miteinander haben, aber was Coligny betrifft, verstehen wir uns.«

Ich blickte mich in meinem Zimmer um. Es war voller vertrauter Gegenstände, darunter die Porträts meiner Kinder an den Wänden, die mir mehr bedeuteten als alles andere. Meine Augen verweilten auf dem Bild von meiner Elisabeth. Es wirkte so lebensecht, dass ich fast meinte, sie wäre bei mir. In meinem Hinterkopf nahm ein unheilvoller Gedanke Gestalt an und gewann eine schreckliche Macht.

Solange er und seinesgleichen leben, wird es nie Frieden geben.

»Was schlägst du also vor?«, fragte ich und staunte darüber, mit welcher Leichtigkeit ich den Gedanken aufgriff, als wäre mir eine Last abgenommen worden, von der ich gar nicht gewusst hatte, dass ich sie trug.

Henri zog ein Bein an und balancierte seinen Kelch auf dem Knie. »Es muss völlig im Geheimen geschehen. Folglich wird man Guise einen Zeitpunkt und einen Ort nennen müssen. Coligny hat doch sicher feste Gewohnheiten, wie ich annehme?«

Ich biss mir auf die Lippen. »Das weiß ich nicht. Birago kann es herausfinden, aber bis zur Hochzeit nächste Woche können wir uns keinen Aufruhr leisten. Danach …« Ich überlegte. »Was, wenn ich ihn zu mir zitiere?«

Henri wölbte eine Augenbraue. »Glaubt Ihr, er wird kommen? «

»O ja.« Ich hatte schon vor Augen,wie Coligny mit unnachgiebiger Miene in seinem schwarzen Wams vor mir stand. Ich wollte ihn tatsächlich zur Rede stellen, wie mir jetzt klar wurde. Wenigstens ein Mal in seinem Leben wollte ich ihn die Wahrheit zugeben hören. »Er verdächtigt mich, Jeanne getötet zu haben, und sorgt sich um Navarra. Fehlt ihm Charles’ Unterstützung, wird er befürchten, seinen Einfluss zu verlieren. Doch, ja, ich glaube, er wird zu mir kommen. Er hat keine andere Wahl.«

Henris Augen glänzten. »Wann …?«

»Ich werde ihm eine Nachricht schicken. Sag Guise, dass ich denjenigen, den er für die Tat anwirbt, in jedem Fall bezahlen werde. Aber sorge dafür, dass ihm bewusst ist, dass er aus eigenem Antrieb handelt. Wenn es zum Schwur kommt, werde ich jede Komplizenschaft leugnen.«

Henri leerte seinen Kelch in einem Zug. Dann beugte er sich über mich und gab mir einen Kuss auf den Hals. Einen Moment lang umfing mich sein schwerer Geruch nach Wein, Salz, Schweiß und der Jasminessenz, mit der er sich Kehle und Handgelenke parfümierte. »Ihr könnt darauf vertrauen, dass ich mich um Guise kümmere«, versprach er, dann löste er sein Haar und warf mir das Band in den Schoß.

Wieder allein, öffnete ich mein eigenes Haar. In meinem Schlafgemach flackerten Kerzen, und das Bett war bereits vorbereitet. Lucrezia und Anna-Maria warteten auf mich.

Doch ich wusste, dass der Schlaf mir heute Nacht keinen Trost spenden würde.


Zum Dröhnen von Glocken versammelten wir uns vor den Portalen von Notre Dame, anstatt in ihrem kühlen Inneren, sodass wir in unseren Gewändern schier erstickten. Ein Meer von Menschen wogte über den Vorplatz, Hugenotten und Katholiken friedlich vereint durch dieses Ereignis. Meine Tochter und ihr Bräutigam knieten auf Kissen vor dem ungeweihten provisorischen Altar. Margot trug ein violettes Kleid, Navarra eine darauf abgestimmte, malvenfarbene Ausstattung mit entsprechender Kappe, unter der sein rostrotes Haar hervorquoll.

Monseigneur begann mit wohltönender Stimme seine Predigt. Bereits vorab war eine knappe Zeremonie vereinbart worden, damit wir uns so bald wie möglich in den Schatten retten konnten; dennoch klopfte Charles nach kurzer Zeit mit seinen spinnenartigen Fingern auf den Armlehnen seines Thrones herum. »Mach schon, mach schon«, murmelte er. »Kann er sie nicht einfach segnen und zum Schluss kommen? Es ist wirklich infernalisch heiß hier draußen.«

Ich gab ihm recht. Der Schweiß floss in Strömen unter meiner Haube und dem lila Damast. Jedem hier schien in dieser Hitze schlecht zu werden. Auch der junge Guise, der getrennt von uns bei seiner Mutter, der Herzogin, seinen Oheimen und meiner Tochter Claude sowie deren lothringischem Gemahl saß, wirkte erleichtert, als Monseigneur endlich fragte: »Willst du, Marguerite de Valois, Prinzessin von Frankreich, Henri de Bourbon, König von Navarra, zu deinem rechtmäßigen Ehemann nehmen und ihn lieben und ehren alle Tage eures Lebens?«

Ich hielt den Atem an. Margot gab keinen Laut von sich. Die Stille zog sich in die Länge.

»Verdammtes Luder!«, fluchte Charles und sprang auf, um Margot einen Stoß zu geben, sodass sie mit gesenktem Kopf nach vorn stolperte. Dabei verrutschte ihr Diadem und drohte zu Boden zu fallen. Mit flammend roten Wangen richtete sie sich wieder auf. »Sie sagt Ja«, gurrte Charles, woraufhin Monseigneur die Frage an Navarra gerichtet wiederholte. Dieser gab lakonisch seine Einwilligung. »Ja, das gelobe ich.«

Es war vorbei. Während die Menge verwelkte Blumen in die Luft warf, versammelten wir uns hinter Margot und zogen in die Kathedrale Notre-Dame ein. Als der Sturm auf die Sitzbänke einsetzte, berührte mich jemand am Arm. Ich drehte mich um und sah, dass es Henri war. »Glückwunsch, Maman, Coligny hat die Hochzeit nicht verhindert.«

»Pssst«, mahnte ich ihn,während die Trompeter eine schwere Melodie anschlugen. »Und die andere Sache?«

»Er ist einverstanden.« Mein Sohn beugte sich nah zu mir vor. »Er hat einen Bediensteten – ich glaube, er heißt Maurevert. Es könnte Euch interessieren zu erfahren, dass er früher in der hugenottischen Armee gedient hat, ein Überläufer wie der Mann, der le Balafré erschossen hat. Eine Ironie des Schicksals, findet Ihr nicht?«

»Ja, ja, aber vergiss nicht: erst, wenn ich dir die Nachricht zukommen lasse.«

Ich setzte mich neben meine Schwiegertochter, die von der Hitze sehr mitgenommen wirkte. Bislang hatte sie keinerlei Zeichen von Fruchtbarkeit verraten, obwohl mir Birago versichert hatte, dass Charles seine ehelichen Pflichten keineswegs vernachlässigte. Allmählich machte ich mir Sorgen um Isabells Konstitution. Ich war schließlich darauf angewiesen, dass sie einen Sohn gebar, der Navarras Entfernung zum Thron deutlich vergrößerte.

»Nach der Messe solltest du dich zurückziehen«, riet ich ihr. »Es ist wirklich nicht nötig, dass du dich überanstrengst.«

Sie nickte in müder Dankbarkeit und blickte wieder zum Altar. Dort kniete Margot nun ganz allein. Navarra nahm in einem nahegelegenen Gotteshaus an einer hugenottischen Messe teil.

»Eine so schöne Braut, und doch so traurig«, seufzte Isabell.

»Lass sie erst schwanger werden«, murmelte ich, ungehalten über Margots Launen. »Dann erfährt sie früh genug, was Glück ist.«


Zwei Tage später rief ich Coligny zu mir.