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»Caterina, mein Kind, wacht auf!«

Ich öffnete die Augen und sah meine Kammerjungfer über mich gebeugt, in der Hand eine Kerze, deren flackernde Flamme riesige Schatten an die Wände warf. »Madama Strozzi bittet Euch in die Halle«, sagte sie. »Ihr müsst Euch rasch ankleiden. «

Ich nickte, schlüpfte aus dem Bett und ließ sie mir mein Nachthemd ausziehen und mich in ein Kleid schnüren. Während sie mir hastig die Haare flocht, fragte ich mich, was meine Tante wohl von mir wollte. Im Palazzo war eine zunehmende Spannung zu spüren, seit ich meiner Tante erzählt hatte, dass der Maestro den Fall Roms voraussagte. Auch ich hatte mich verändert. Seit der Entdeckung meiner geheimnisvollen Gabe stellte ich heimlich alles infrage. Obwohl es mir damals noch nicht bewusst war, hatte ich aufgehört, ein leichtgläubiges Kind zu sein. Ich versuchte, meine Gabe heraufzubeschwören, in der Hoffnung, die Zukunft zu sehen, doch ich hatte keine Visionen, keine Vorahnungen. Ich hatte überhaupt keine Ahnung davon, wie sehr mein Leben sich bald verändern würde.

Meine Zofe eilte durchs Zimmer und stopfte meine silbernen Haarbürsten, meine Schultertücher und Schuhe in eine Stofftasche. »Gehen wir auf Reisen?«, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf. »Madama hat mir nur befohlen, Eure Sachen zu packen. Mehr weiß ich nicht. Ihr Diener erwartet Euch draußen.«

»Dann sieh zu, dass du meine Schatulle einpackst.« Ich zeigte auf mein Elfenbeinkästchen mit Silberbeschlägen, das Einzige, was ich von meiner Mutter hatte. Sie hatte es als Teil ihrer Aussteuer aus Frankreich mitgebracht, und das rote Samtfutter duftete noch immer schwach nach Lavendel. Ich hatte Ruggieris Phiole im Geheimfach des Kästchens verwahrt.

Der Palazzo war dunkel, still. Ich konnte das Tappen meiner weichen Sohlen auf dem Marmorboden hören, gefolgt vom Stiefelschlurfen des Dieners, der mich in die Halle geleitete. Ich fand meine Tante wartend inmitten etlicher aufs Geratewohl angehäufter Koffer und Kästen. Die hohen Wände waren bar aller Teppiche und Gemälde, das vergoldete Mobiliar in den Ecken gestapelt.

Meine Tante umfing mich und drückte mich so fest, dass mir das Mieder in die Rippen schnitt. »Du musst jetzt tapfer sein«, raunte sie. »Tapferer denn je. Die Zeit ist gekommen, der Welt zu zeigen, dass du eine echte Medici bist.«

Ich stand wie versteinert da. Was war geschehen? Warum sagte sie so etwas zu mir?

»Du kannst es nicht verstehen«, fuhr sie mit bebender, tränenerstickter Stimme fort. »Aber ich habe keine andere Wahl. Sie haben es befohlen. Die Signoria von Florenz hat uns verbannt. «

Ich wusste, dass die Signoria die von der Bürgerschaft gewählte Regierung von Florenz war. Im Unterschied zu anderen Stadtstaaten war Florenz eine Republik und überaus stolz darauf. Die Signoria war uns immer wohlgesinnt gewesen. Oft genug hatten sie im Palazzo diniert, eine Gruppe älterer Herren, die zu viel aßen und tranken und mir augenzwinkernd Komplimente machten.

Meine Tante steigerte sich in einen leidenschaftlichen Tonfall, als hätte sie vergessen, dass ich vor ihr stand. »Eine Schande ist das! Aus der eigenen Stadt hinausgejagt wie Diebe in der Nacht! Ich habe es ja immer gesagt, dieser Clemens wird unser Untergang sein. Er hat sich das alles selbst eingebrockt. Es ist mir egal, was mit ihm passiert – aber du, mein Kind, meine Caterina, du sollst nicht für seine Verbrechen büßen müssen.«

»Verbrechen?«, fragte ich. »Was hat Papa Clemens denn getan?«

»Nein! Nenn ihn niemals mehr so! Jedermann hasst ihn, weil er alles tun würde, um seine eigene Haut zu retten. Verstehst du? Er ist von seinem Heiligen Stuhl geflohen, als Karl der Fünfte Rom eingenommen hat. Keiner darf auf den Gedanken kommen, dass du noch an dem Feigling hängst, der es wagt, sich Papst zu nennen.«

Ich starrte sie an. War sie verrückt geworden? Karl V., aus der Dynastie der Habsburger, war Kaiser von Spanien und Österreich, der Deutschen und der Niederlande. Er war ein glühender Verteidiger des rechten Glaubens, obwohl ich meinen Onkel einst sagen hörte, er sei ungemein geldgierig, rücksichtslos auf Eroberungen aus und liege stets im Streit mit den schlauen Franzosen oder den häretischen Engländern. Doch immerhin trug er die Krone des Heiligen Römischen Reiches, von päpstlicher Gunst gesegnet, und ich konnte nicht glauben, dass er sich erdreisten würde, Rom zu überfallen.

»Dieser Clemens«, fuhr meine Tante mit brechender Stimme fort, »hätte den Forderungen des Kaisers Folge leisten und das Geld zur Erhaltung der kaiserlichen Truppen aufbringen sollen. Aber stattdessen musste er sich ja auf seinen idiotischen Stolz berufen und die Franzosen unterstützen, obwohl die Soldaten schon an seine Tore klopften.« Sie schüttelte die Fäuste. »Und nun steht die Heilige Stadt in Flammen, und Florenz rebelliert gegen uns. Er hat uns alle ins Verderben gestürzt!«

Sie wandte sich wieder mir zu. Das plötzliche Schweigen, in das sie verfiel, war schlimmer als alles, was ich bisher gehört hatte. »Du hast mich gewarnt«, wisperte sie. »Du hast mir erzählt, dass der Maestro dies vorhergesagt hat. ›Rom wird fallen‹, sagte er. Aber wie Clemens war ich zu starrsinnig, um auf ihn zu hören.«

Am liebsten wäre ich die Treppe hinaufgeflüchtet und hätte mich in mein Zimmer verkrochen, doch der Blick meiner Tante lähmte mich. »Die Signoria hat versprochen, dir nichts anzutun. Aber du musst ihnen gehorchen, Caterina. Du musst alles tun, was sie sagen.«

Eine schwarze Woge der Angst schlug über mir zusammen. Ich hörte ihn nicht kommen, bis der hünenhafte Diener mir die Hand auf die Schulter legte. Das konnte doch nicht sein! Meine Tante war Zeugin meiner Geburt sowie des Todes meiner Eltern gewesen. Sie hatte mich dem Oheim in Rom überlassen, weil sie keine andere Wahl hatte, aber dann hatte sie mich nach Florenz zurückgeholt, um mich selbst zu erziehen. Auch wenn ihr eisernes Regiment mich oft verdross – an ihrer Liebe hatte ich nie gezweifelt. Das konnte sie doch nicht tun. Sie konnte mich doch nicht verlassen!

Ich brach in jämmerliches Geheul aus. Der Diener presste mir die Hand auf den Mund; ich roch seine grobe Haut, als er mich hochhob. Wild vor Wut, versuchte ich, ihn zu beißen, wand mich und strampelte, während er mich mit stählernem Arm umklammerte. »Bitte, mein Kind«, schluchzte meine Tante, »es ist doch nur zu deinem Besten. Wir müssen dich in Sicherheit bringen!«

Die Verzweiflung in ihrer Stimme brachte mich dazu, mit vermehrter Kraft Widerstand zu leisten; ich trat den Diener fest in die Seite, als er mich über seine Schulter warf und entschlossenen Schrittes in den Hof hinausging. Ich schlug mir die Fäuste an seinem harten Rücken wund, während wir den Hof durchquerten, vorbei an dem herrlichen Brunnen und dem zierlichen Bronze-David mit dem albernen Hut. Weiter, immer weiter ging es bis zum Tor des Palazzo.

Draußen auf der Straße vernahm ich ein Heulen, als ob Dämonen über die Pflastersteine jagten. Ein Mann in einem Kapuzenumhang trat aus dem Schatten am Tor und sagte: »Gib sie mir.« Ich bäumte mich auf und schrie, als ich übergeben wurde. Der Fremde roch nach Ruß und Moschus; als er mich auf ein braunes Ross hob, sah ich in seine schwarzen Augen. Er war jung, hübsch. »Ich bin Aldobrindi«, wisperte er, »Sekretär der Signoria. Seid still, Duchessina, um unser beider Leib und Leben willen.«

Die Torflügel schwangen auf, und ich stellte mir vor, wie die Dämonen warteten, Mistgabeln im Anschlag. Er schwang sich hinter mir aufs Pferd und warf mir etwas Schweres, Dunkles über den Kopf: ein Cape, um mich zu verbergen.

Nun ging es hinaus auf die Straße. Obgleich ich die Menschen in der Via Larga nicht sehen konnte, hörte ich ihr ohrenbetäubendes Psalmodieren: »Tod den Medici! Tod den Tyrannen! «

Eine Peitsche knallte; das Pferd tänzelte nervös. »Aus dem Weg«, knurrte Aldobrindi, »aus dem Weg, Gesindel! Ich komme von der Signoria!« Plötzlich herrschte unheimliche Stille. Ich drückte mich noch mehr an ihn, versuchte, mich so klein wie möglich zu machen, voller Angst, vom Sattel gezerrt und in Stücke gerissen zu werden.

Dann bewegten wir uns wieder vorwärts, das Pferd schien wie auf Zehenspitzen zu gehen, durch die Stadt, die voller Rauch und Geschrei war. Durch einen Spalt im Umhang sah ich den öligen Schein von Fackeln vorüberwischen, die von rennenden Gestalten hochgereckt wurden; und überall Gebrüll, Gekreisch. Ich versuchte, ruhig zu bleiben. Doch je weiter wir ritten, desto mehr fürchtete ich mich. Ich hatte keine Ahnung, wohin er mich brachte und was mit mir geschehen würde, wenn wir dort ankamen.

Als wir schließlich vor einem hohen Tor in einer mächtigen Backsteinmauer hielten, taumelte ich vor Erschöpfung. Der Fremde hob mich vom Pferd. Ich spürte meine Beine kaum noch, während Aldobrindi mich in einen düsteren Kreuzgang führte. Eine einzelne Fackel warf ein schaurig flackerndes Licht über die steinernen Säulen und den verwitterten Brunnen in der Mitte des Gevierts.

Eine schwarz verhüllte Gestalt näherte sich. »Willkommen im Kloster von Santa Lucia.«

Ich fuhr zusammen, blickte angstvoll zu Aldobrindi auf. Dies war das Haus der Savonarola-Schwestern, Anhängerinnen des verrückten Propheten, der gegen die Medici gepredigt hatte und von meinem Urgroßvater auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden war. Das Kloster von Santa Lucia war das ärmste von ganz Florenz; dass es überhaupt noch stand, zeugte von dem unverbrüchlichen Hass der Nonnen auf meine Familie, da sie niemals von unserer Großzügigkeit profitieren würden. Meine Tante konnte nicht gewusst haben, dass ich an diesen Ort gebracht wurde; sie hätte sich bis zum letzten Atemzug dagegen gewehrt.

»Ihr könnt mich nicht hierlassen«, sagte ich tonlos. Doch er verbeugte sich nur und zog sich zurück, während die Nonne mich am Arm packte.

»Das ist das Ende«, zischte sie. »Dein Oheim, der Papst, verkriecht sich in seiner Zitadelle in Orvieto, und der Kaiser lässt seine Wölfe auf Rom los. Das ist es, was der Stolz Eurer Familie uns eingebracht hat: den Zorn Gottes. Aber diesmal gibt es kein Entrinnen. Hier wirst du für die Sünden der Medici Abbitte leisten.«

Ich blickte in ihr namenloses Gesicht, das wie erstarrt vor Hass war, die farblosen Augen ohne Mitleid, und ich wusste, sie sah mich gar nicht. Tränen brannten mir in den Augen, als sie mich an der gespenstischen Reihe der Nonnen vorbeizerrte, die reglos unter dem Portikus standen, einen muffigen Korridor entlang in eine fensterlose Zelle, wo eine andere Nonne wartete.

Die Tür schlug hinter mir zu. Die erste Nonne entkleidete mich und ließ mich nackt und zitternd dastehen. Dann zog sie etwas aus ihrer Tasche; ich duckte mich unwillkürlich, als ich eine Schere in ihrer Hand aufblitzen sah. »Wenn du dich widersetzt, wird es dir noch schlimmer ergehen«, sagte sie.

Ich brach in Tränen aus, als sie meinen Zopf packte und abschnitt. Noch mit dem rosa Band umwickelt, fiel mein schönes Haar mir zu Füßen. Ein Schrei drängte sich in meine Kehle, aber ich unterdrückte ihn, schlotternd, als stünde ich im Schnee; ich wollte meine Schmach nicht eingestehen, während die Nonne mir das Haar bis zu den Wurzeln kappte.

Als sie fertig war, warf sie mir eine grobe wollene Kutte über und drückte mir einen struppigen Besen in die Hand. »Aufkehren«, befahl sie und sah zu, wie ich die glänzenden Locken zusammenfegte. Ihr Blick war wie ein Feld im Winter, bar allen Lebens.

Ohne ein weiteres Wort sperrte sie die Tür ab und ließ mich allein im Dunkeln, inmitten von Schimmelgeruch und Rattengeraschel. Ich weinte mich in den Schlaf.

Wochenlang wurde ich Tag für Tag gezwungen, in ihrer eisigen Kapelle auf Stein zu knien, bis mir die Knie bluteten. Jede Nuance ihrer strengen Klosterregel musste ich aufs Peinlichste beachten; ich durfte nicht sprechen und bekam jeden Tag nur eine wässrige Suppe, gefolgt von endlosen Gebeten, die von einer hohl klingenden Glocke diktiert wurden. Nie war ich allein, außer bei Nacht; dann hockte ich in meiner Zelle und hörte fernen Kanonendonner. Ich wusste nicht, was außerhalb dieser Mauern geschah, doch Jammern und Klagen tönten von der Straße herauf, und Asche fiel vom raucherfüllten Himmel und bedeckte den kümmerlichen Küchengarten.

Eines Nachts presste eine Schwester die Lippen an meine Tür und wisperte voller Schadenfreude: »Die Pest ist da, von den Franzosen eingeschleppt. Dein Oheim hat verseuchte Ausländer angeheuert, um Florenz in die Knie zu zwingen, aber das wird ihm nicht gelingen. Wir sterben eher, als dass wir die Medici noch mal unsere Stadt regieren lassen.«

Die Nonnen verdoppelten die Anzahl ihrer Gebete, umsonst. Vier der älteren Schwestern erkrankten und starben, an ihrem Erbrochenen erstickend, von Beulen übersät. Ich verlor jeden Anschein von Würde und flehte sie an, mich gehen zu lassen, auf die Straße, wenn nötig, wie ein herrenloser Hund. Doch sie blickten mich nur an, als sei ich ein Tier, das für die Schlachtbank bestimmt war.

Ich stellte mir meinen Tod vor, machte mich eine halbe Ewigkeit lang darauf gefasst. Wie auch immer er käme, ich müsste tapfer sein, sagte ich mir. Nie dürfte ich meine Angst zeigen, denn ich war eine Medici.

Und dann, nach neun langen Monaten der Belagerung, als die großartigen Befestigungen der Stadt in Schutt und Asche lagen und die Leute an Hunger starben, hatte die Signoria keine Wahl mehr und musste sich ergeben.

Die Armee, die mein Oheim finanzierte, marschierte ein.

Die Nonnen brachen in Panik aus. Sie quartierten mich in eine größere Zelle um, brachten mir Käse und Pökelfleisch aus dem Keller, wo sie ihre Vorräte versteckt hatten. Sie sagten, sie hätten nur den Befehl der Signoria befolgt, nie hätten sie mir wehtun wollen. Ich sah sie teilnahmslos an. Mein Kopf wimmelte vor Läusen, mein Zahnfleisch blutete, mein Körper war zaundürr. Ich war so erschöpft davon, auf den Tod zu warten, dass ich nicht einmal mehr die Kraft hatte, sie zu hassen.

Nach ein paar Tagen erschien Aldobrindi. Ich hatte genug gegessen, um ihn ohne Schwächeanfall zu empfangen, in demselben Kleid, das ich trug, als er mich aus meinem Palazzo geholt hatte. Seine schockierte Miene verriet ihn. Ich musste wohl wie ein Gerippe in rosa Damast ausgesehen haben, und er fiel auf die Knie und bat mich um Vergebung. Seine wehleidigen Entschuldigungen drifteten an mir vorbei. Als er oft genug beteuert hatte, dass ich freigelassen und nach Rom gesandt würde, fragte ich leise: »Wo ist meine Tante?«

Eine unheilvolle Pause trat ein, ehe er entgegnete: »Madama Strozzi musste die Stadt verlassen, doch selbst aus dem Exil hörte sie nie auf, für Euch zu kämpfen, bis das Fieber sie dahinraffte.« Er griff in sein Wams. »Dies hat sie für Euch hinterlassen.«

Ich blickte den Brief nicht an. Ich schloss ihn in den Händen ein und spürte durch das Papier die unsichtbare Gegenwart der Frau, die solch ein wichtiger Teil meiner Welt gewesen war, dass es nicht möglich war, mir ihr Verschwinden vorzustellen. Ich weinte nicht. Mein Kummer war zu tief.

Noch am gleichen Tag verließ ich Santa Lucia und wurde nach Rom gebracht. Ich wusste nicht, was mich erwartete.

Alles, was ich wusste, war, dass ich elf Jahre alt war, dass meine Tante tot war und mein Leben nicht mir gehörte.