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In den nächsten sechs Monaten zogen wir gegen die Hugenotten zu Felde, überfielen sie in überfluteten Furten und auf einsamen Bergen, kämpften oder zogen uns zurück. Wenn sie katholische Städte stürmten, waren unsere Frauen die ersten Opfer. Vor den Augen ihrer Kinder wurden sie vergewaltigt und zerstückelt. Kirchen wurden niedergebrannt, Reliquien geplündert, Priester wurden zum Hohn auf die Inquisition und deren Scheiterhaufen bei lebendigem Leib verbrannt. Allerdings konnten wir genauso grausam sein. Wenn wir von den Hugenotten gehaltene Städte einnahmen, ergötzten sich unsere Soldaten daran, sie auf Lanzen aufzuspießen und die Tore mit ihren Schädeln und Gliedmaßen zu schmücken.

Ich konnte kaum noch schlafen. Tag und Nacht wachte ich über meine Kinder und den zutiefst verunsicherten Charles, der einfach nicht verstehen konnte, warum wir schon wieder Krieg führten. Einmal mehr versank Frankreich in einem albtraumhaften Chaos mit verkohlten Feldern, verwüsteten Dörfern und verwahrlosten Weilern, wo nur noch Witwen und Waisen lebten.

Als sich mein erster Zorn über Colignys Verrat gelegt hatte, strebte ich einen Kompromiss an. Ich sandte ihm zahllose Briefe, in denen ich um ein Treffen bat, an unsere Vereinbarungen erinnerte und ihm eine vollständige Begnadigung versprach, falls er die Waffen niederlegte und sich am Hof einfand, damit wir seine Klagen dort erörtern konnten.

Doch all meine Bemühungen waren vergeblich.

Die Hugenotten verteilten in ihren umkämpften Städten Hetzschriften, die mit Münzen der Tudors gezahlt und in Genf gedruckt worden waren. Einmal brachte mir Birago eine mit. Madame Schlange und ihr Sohn, der Leprakönig lautete die Überschrift. Ich zitterte vor Wut, als ich sah, wie mein Sohn auf einer Zeichnung als verderbter, von tausend Krankheiten befallener und im Blut von Kindern badender Monarch dargestellt wurde und ich als fette, habgierige Tyrannin, die auf ihrem Thron saß, den Fuß auf einen Stapel abgeschlagener Hugenottenköpfe gestellt.

Dann erreichte uns die Nachricht, dass Coligny Jeanne von Navarra in der Festung der Hafenstadt La Rochelle im Südwesten empfangen hatte. Jeanne war inkognito mit ihrem vierzehnjährigen Erben durch unser vom Krieg verwüstetes Land gereist. Hand in Hand mit ihm hatte sie den Befestigungswall von La Rochelle erklommen und die Hugenotten in seinem Namen beschworen, uns bis zum bitteren Ende zu bekämpfen. Danach hatte Coligny die Standarte des Prinzen geschwungen und gerufen: »Hier seht ihr den wahren Retter von Frankreich! Wenn Henri von Navarra unser König ist, sind wir von der Tyrannei der Valois’befreit!«

Ich war außer mir. Die ganze Zeit hatte mich Nostradamus’ Warnung verfolgt, dass ich den jungen Navarra schützen solle, und jetzt musste ich hören, dass er als die Zukunft der Sache der Hugenotten gepriesen wurde und dass sein Recht auf den Thron vor dem meiner Söhne stünde! Dafür verdiente Jeanne meinen ewigen Hass, doch die ganze Wucht meiner Wut sollte Coligny abbekommen. Er hatte mein Vertrauen verraten, war gegen mich in den Krieg gezogen, und jetzt gipfelte seine Frechheit in der schlimmsten aller Beleidigungen: Er diffamierte mein Fleisch und Blut.

Diesmal würde ich Rache üben.

Ich setzte eine Belohnung von zehntausend Livres auf seinen Kopf aus und befahl die Belagerung von La Rochelle. Und als Henri darum bat, sich unseren Truppen anschließen und unter dem Konnetabel dienen zu dürfen, erhob ich keinen Einwand. Er war beinahe sechzehn Jahre alt, kräftig und wunderschön. Seine königliche Erscheinung würde die Entschlossenheit unserer Männer stärken, und Montmorency würde für seine Sicherheit sorgen. Ich ließ eine goldene Rüstung für ihn anfertigen; er seinerseits gelobte, dass er, falls er Coligny gefangen nahm, mir seinen Kopf senden und auf die Prämie verzichten würde. Über so viel Eifer musste ich lachen. Ich war mir sicher, dass er nie so nahe an Coligny herankommen würde. Später schrieb er mir vom Lager aus Briefe, in denen er mir von seiner beginnenden Freundschaft mit dem jungen Guise erzählte, der ein Jahr älter als er war und Tag und Nacht an seiner Seite verbrachte.

Als der Herbst heranrückte, widerstand La Rochelle immer noch jedem Versuch, es zu Fall zu bringen. Ein ums andere Mal übersandte ich unsere Bedingungen für den Frieden. Unser Geld ging allmählich zur Neige. Gleichwohl nahm ich trotz Philipps Angeboten keinen Heller von Spanien an, während die Hugenotten stetig Unterstützung aus England erhielten.

Elizabeth Tudor war eine Schlüsselfigur in unserem Krieg geworden. Inzwischen hielt sie Mary Stuart als Gefangene. Nachdem diese eine verheerende zweite Ehe eingegangen war und der fragwürdige Tod ihres Mannes zu einem Aufstand der protestantischen schottischen Lords geführt hatte, war sie nach England geflohen und hatte sich auf Gedeih und Verderb der Gnade Elizabeths ausgeliefert. Ich konnte beim besten Willen nicht viel Verständnis für Mary aufbringen, denn sie hatte sich ihr Schicksal selbst zuzuschreiben. Doch da Elizabeth sich auf Colignys Seite geschlagen hatte und ich sie irgendwie für eine neutrale Haltung gewinnen musste, übersandte ich ihr einen Brief, in dem ich sie daran erinnerte, dass Mary weiterhin eine gesalbte Königin war. Ich hegte die Hoffnung, sie dazu bewegen zu können, sich auf die Unruhen in ihrem eigenen Reich zu konzentrieren, statt Verräter in Frankreich zu unterstützen. Und meine Taktik zahlte sich aus. Binnen weniger Tage hisste Elizabeths Botschafter nicht nur die weiße Flagge und bat um einen Waffenstillstand, sondern er ersuchte mich, der englischen Königin einen angemessenen Heiratsantrag zu unterbreiten. Ich lächelte. Sie wusste genau, dass derlei diplomatische Übungen angesichts des Altersunterschieds zwischen ihr und meinen Söhnen Jahre dauern konnten. Sie würde die Bedenkzeit in die Länge ziehen und meine Geschenke nebst Schmeicheleien annehmen, während Coligny bald feststellen würde, dass das Gold aus ihren Schatztruhen aufgebraucht war.

Sofort berief ich den Kronrat ein. Ich wusste schon vorher, dass Monseigneur mich drängen würde, statt um das häretische England zu buhlen, lieber den spanischen Beistand anzunehmen. Nun, ich hatte vor, mit einem Angebot meiner florentinischen Bankiers zu kontern.

Doch als ich den Sitzungssaal betrat, wartete dort nur Charles mit Birago auf mich.

Ich starrte die beiden verwirrt an. Mit gebrochener Stimme stammelte Charles: »Maman, wir haben eine Nachricht aus Spanien erhalten. Meine Schwester Elisabeth … sie … hat eine Fehlgeburt erlitten und …«

Ich hob die Hand, um ihm Schweigen zu gebieten. Wortlos eilte ich zurück in meine von der Sonne aufgeheizten Gemächer. Dort sank ich auf meinen Gebetsschemel nieder und wartete mit gesenktem Kopf auf die Sintflut.

Doch nichts kam. Nicht eine Träne.

Das Einzige, woran ich mich erinnern konnte, waren die Stunden nach Elisabeths Geburt, als ich sie wie verzaubert im Arm gehalten und sie ihre großen Augen auf mich gerichtet hatte, als wäre ich alles, was sie sehen wollte. Noch immer spürte ich ihre makellose Haut, hatte ihren Säuglingsgeruch in der Nase und streichelte den zarten Flaum ihres dunklen Medici-Haars …

Mit rot geweinten Augen kam Lucrezia zu mir. »Seine Majestät hat erklärt, dass er die Ratssitzung absagen und eine vierzigtägige Trauer ausrufen wird.«

»Nein.« Ich zwang mich aufzustehen. Hinter ihr sah ich meine Zwergin Anna-Maria in ihr Taschentuch schluchzen. »Nein«, flüsterte ich. »Sag ihnen, dass ich teilnehmen werde. Ich brauche nur einen Moment …«

In diesem Augenblick fielen mir wieder die Raben von Bayonne ein. Elisabeth hatte in ihnen ein übles Vorzeichen gesehen, und sie hatte recht behalten. Sie hatte Philipp zwei Töchter geschenkt, aber keinen Sohn.

Als ich in den Sitzungssaal zurückkehrte, erhoben sich die Fürsten wie ein Mann. Mit einer Stimme, der kaum ein Zittern anzuhören war, erklärte ich: »Gott hat es gefallen, meine Tochter zu sich zu nehmen. Unsere Feinde sollten sich aber nicht zu früh freuen oder glauben, mein Zorn über ihren Verrat würde nachlassen. Philipp von Spanien ist nun Witwer und von Schmerz erfüllt wie wir, doch er braucht wieder eine Frau, denn er muss an seine Nachfolge denken.«

Ich wandte mich an Monseigneur. Sein weichliches Gesicht verriet Triumph. Er hatte diesen Tag herbeigesehnt, an dem er mich endlich derart erschüttert über einen Verlust erleben durfte, dass ich Charles und das Königreich ihm zur sicheren Verwahrung anvertraute. Auch wenn ihn das Schicksal seiner Nichte Mary Stuart in die Verzweiflung treiben musste, war sie immer noch eine akzeptable Braut, die jedem katholischen Prinzen die schottische Krone verhieß, wenn er sie denn retten wollte. Dieser Prinz durfte aber auf keinen Fall Philipp sein. Er musste an uns gebunden bleiben, es sei denn, er hatte von meinen Hinhaltemanövern genug und fiel doch noch in unser vom Krieg verwüstetes Land ein.

Sosehr ich mich auch danach sehnte aufzugeben, das konnte ich mir nicht leisten.

»Ich wünsche, dass meine Tochter Margot die Stelle ihrer Schwester einnimmt«, erklärte ich. »Und Ihr, Monseigneur, werdet meinen Vorschlag König Philipp persönlich überbringen. Um meine Treue zu beweisen, werde ich zulassen, dass viertausend von seinen Männern uns in unserem Krieg gegen die Hugenotten Beistand leisten. Aber das ist alles, was ich bereit bin, ihm zuzugestehen.«

Ich zog meinen Stuhl unter dem Tisch hervor. »Und jetzt, meine Herren, müssen wir einen Weg finden, La Rochelle zu schleifen.«


In dieser Nacht löschte ich alle Kerzen und setzte mich auf den Boden. Lange musste ich warten – es kam mir wie eine Ewigkeit vor –, aber dann fand mich der Kummer, wie er das schon immer vermocht hatte.

Um mich herum versank die Welt in Dunkelheit. Ich sah und fühlte nichts mehr.

Bis zu der Vision.