20

Fackeln erleuchteten die Nacht und ermunterten neugierige Glühwürmchen, in der lauen Frühlingsluft zu kreisen. In der Ferne erklang eine Pavane, die vage Erinnerungen an Florenz weckte. Mit Sonnensegeln überdachte Kähne in den fantastischen Formen stolzer Schwäne oder Raubvögel glitten auf dem Cher dahin und wühlten mit ihren bemalten Rudern die silbrige Wasserfläche auf. Mary und François segelten dort mit einer ausgewählten Gruppe von Getreuen, hielten sich bei den Händen und fanden Trost in ihrer sanft schaukelnden, mit Goldschleiern verhängten Zuflucht. Meine anderen Kinder, Margot, Charles und Henri, saßen mit ihren Erziehern in einem anderen Kahn und freuten sich des Lebens.

Ich hatte sie nach den Hinrichtungen fortgebracht, aber erst, nachdem der Gestank der faulenden Köpfe auf den Balustraden Mary hatte in Ohnmacht fallen lassen und aufgebrachte Bürger einen toten Hund gegen die Kutsche des Kardinals geschleudert hatten, als er Amboise verlassen wollte. Wie erhofft, hatten die Guises sich durch jenen Akt der Unmenschlichkeit als Tyrannen demaskiert, und alle, bis auf unsere konservativsten Katholiken, gegen sich aufgebracht; wenn Monseigneur und sein Bruder nämlich zweiundfünfzig Männer ohne Gerichtsurteil abschlachten konnten, verhieß das nichts Gutes für jedweden, der sich ihnen entgegenstellen wollte.

Und so bewilligte Monseigneur meine Bitte um einen Wechsel der Umgebung. Er und le Balafré mussten in Amboise bleiben, um einen Anschein von Ordnung wiederherzustellen, doch er wollte nicht, dass seine kostbare Stuart-Nichte oder François krank würden. Ich nutzte die Gelegenheit, um mich von einem Großteil des Hofstaats zu befreien, da mein Château zu klein war. Sobald wir Chenonceau erreicht hatten, sandte ich meine Einladung ab. Jetzt befand ich mich im Vorteil; ich stand an meinem Fenster und beobachtete, wie mein Sohn und seine Königin vorbeisegelten.

Es klopfte an der Tür meines Kabinetts. »Er ist da«, sagte Lucrezia. »Seid Ihr sicher, dass Ihr wisst, was Ihr tut?«

»Natürlich. Mach dir keine Sorgen.« Ich lächelte ihr zu und nahm die Mappe mit dem Dokument, das ich mit Birago aufgesetzt hatte. »Ich komme gleich. Sieh zu, dass unser Nachtmahl bereitsteht.«

Unwillig zog sie sich zurück. Ich warf einen schnellen Blick in den Spiegel. Ich hatte ein neues schwarzes Damastkleid mit Stehkragen angelegt, Perlen schmückten meine Ohren, und ein Sud aus Walnuss und Henna hatte meinem Haar den rötlichen Schimmer zurückgegeben; es lag jetzt in ein goldenes Netz gefasst in meinem Nacken. Ich hatte einiges an Gewicht verloren, da ich jeden Morgen ausritt und den Verzehr meines heißgeliebten Brotes einschränkte. Alles in allem bestätigte mir mein Spiegelbild, dass es mir gelungen war, etwas von dem Mädchen wiederzubeleben, das er damals in Fontainebleau getroffen hatte. Es war unbedingt notwendig, lebensfroh und überzeugend zu wirken.

Mit der Mappe unter dem Arm trat ich in den angrenzenden Raum.

Birago und Coligny standen am Kamin, Becher in den Händen. Ein gutes Zeichen: Er hatte meinen Wein angenommen und seinen Umhang abgelegt. Als er meine Schritte hörte, wandte er sich um. Im flackernden Kerzenschein schien er um keinen Tag gealtert.

»Willkommen«, sagte ich, während er den Becher absetzte und sich über meine Hand beugte. Birago entschuldigte sich und ließ uns allein. Coligny war von einem kräftigen Geruch nach Pferden und Schweiß umgeben, da er mehrere Stunden im Sattel verbracht hatte. Plötzlich befangen, winkte ich ihn an den Tisch.

Ich hatte diesen Raum wegen seiner intimen Atmosphäre gewählt und sah, dass Lucrezia sich trotz ihrer Vorbehalte selbst übertroffen hatte. Auf der Anrichte schimmerten goldene Servierplatten; eine Vase mit Lilien stand auf dem Kaminsims, und der Tisch war mit Limoges-Porzellan und Muranogläsern gedeckt.

Stirnrunzelnd stand Coligny neben seinem Stuhl. Sein Bart war voller und von strahlendem Messingglanz, als ob er Pomade hineingekämmt hätte. Aber das Kerzenlicht trog: Ich konnte sehen, dass er tiefe Falten um die Augenwinkel hatte und sehr viel dünner geworden war.

»Seigneur«, sagte ich, »Ihr müsst hungrig sein. Bitte, setzt Euch doch.«

»Zuvor muss ich Euch fragen, was in Amboise geschehen ist. Die Hugenottenpastoren sind entsetzt, ebenso wie unsere Glaubensbrüder. Ich … ich muss es wissen.«

Ich fuhr herum. »Was? Dass ich dort saß und wohlgefällig zusah, wie unschuldiges Blut vergossen wurde? Ist es das, was Ihr denkt?«

Zu meiner Erleichterung zögerte er nicht. »Nein. Ich denke, dass Ihr getan habt, was Ihr konntet, um es zu verhindern.«

»Jawohl. Birago muss Euch auch gesagt haben, dass ich dem Haftbefehl gegen Euch widersprochen habe. Zum Glück wagen sie ihn jetzt nicht mehr zu vollstrecken, nachdem Monseigneur die Ungeheuerlichkeit ihres Tuns eingesehen hat.«

»Zu spät«, murmelte er, und ich stimmte ihm zu.

»Für diese armen Seelen, sicherlich; aber wie ich hoffe, doch nicht für uns. Werdet Ihr nun mit mir speisen?«

Wir setzten uns einander gegenüber. Lucrezia brachte den Gänsebraten, garniert mit Artischockenherzen aus meinen Gärten. Er blickte mich überrascht an. »Ich habe die Samen selbst aus der Toskana mitgebracht«, erklärte ich. »Es gibt keine besseren Artischocken als die aus Florenz.«

»Wirklich … köstlich«, staunte er, nachdem er probiert hatte. »Solches Essen würde ich eher in einem Landhaus erwarten. «

»Dies ist mein Landhaus.« Ich schenkte ihm Wein ein. »Ich hasse die höfischen Mahlzeiten. Das Essen kommt nach dem langen Weg aus der Küche stets kalt auf den Tisch, und es ist so überwürzt und in Sauce ertränkt, dass man nicht weiß, was es ist. Wenn ich nicht bei Hof bin, esse ich, was aus dem Garten kommt. Die Gans wurde hier aufgezogen und geschlachtet; sogar der Wein stammt von meinen Reben.«

Er hob das Glas. »Auf Eure Gesundheit, Hoheit.«

»Cathérine«, entgegnete ich, während wir uns zutranken, »bitte nennt mich Cathérine.«

Wir versanken in Schweigen, während Huhn, mit Fenchel geschmort, aufgetragen wurde. Er aß mit gutem Appetit; es gefiel mir, dass er ungeschliffene Tischmanieren hatte; im Herzen war er noch ein Bauernbub. Es war einer der Gründe, weshalb ich ihn so mochte. Nach Jahren der gezierten Höflinge, tückischen Mätressen, ränkeschmiedenden Prälaten und arroganten Adeligen verkörperte er in meinen Augen alles, was in Frankreich noch ritterlich war.

»Glaubt mir, mein Sohn bedauert das Geschehen in Amboise«, überbrückte ich die Stille. »Er hatte keine Ahnung, was für eine furchtbare Vergeltung die Guises üben würden.«

Er blickte auf. »Stand die Unterschrift Seiner Majestät nicht auf dem Hinrichtungsbefehl?«

Ich schluckte. »Doch. Aber François war krank, und die Guises haben seine Zustimmung erzwungen. Er begriff nicht, was er tat. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie entsetzlich es für ihn war, den Hinrichtungen beizuwohnen.«

»Nicht so entsetzlich wie für die Witwen und Waisen.« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, während Lucrezia unsere Teller abräumte. »Hoheit, ich meine, Cathérine … ich fürchte, diese Tat hat großes Misstrauen bei den Hugenotten gesät. Sie halten den König nun für einen ebenso blutrünstigen Tyrannen wie Philipp von Spanien, der die Protestanten in seinen Provinzen zu Tausenden abschlachtet.«

Unverhohlener Zorn schwang in seiner Stimme mit. Sein Vertrauen in mich war zerstört, und als ich mein Glas leerte und mir nachschenkte, merkte ich, dass meine Hände zitterten.

»Mir ist bewusst, wie tief die Reputation meines Sohnes gesunken ist«, gab ich zurück. »Zurzeit ist es mein einziger Trost, dass die Guises ebenso verschrien sind.« Ich legte die Dokumentenmappe auf den Tisch und schob sie zu ihm hinüber. »Hier drin werdet Ihr ein Edikt finden, das ich dem Parlament zur Ratifizierung vorzulegen gedenke: Es gewährt den Hugenotten Gesinnungsfreiheit. Wir können die Guises stürzen und Eure Glaubensbrüder vor Verfolgung bewahren, aber dazu brauche ich Eure Hilfe.«

Sein Schweigen lastete schwer, während er mein Edikt las, das ich tagelang vorbereitet hatte. »Was meint Ihr mit ›Gesinnungsf reiheit‹?«, fragte er dann. »Hier heißt es, die Hugenotten werden in Ruhe gelassen, wenn sie sich an die Gesetze halten. Aber Versammlungen zu religiösen Zwecken sind gesetzlich verboten.«

»Was ich meine, ist, dass die Gesetzeslage sich ändern wird. Durch mein Edikt werden die Hugenotten befähigt, Petitionen an den König zu richten, wenn ihnen Unrecht geschieht, und Gottesdienste in eigens dafür bestimmten Häusern abzuhalten. «

Er nickte. »Ein kluger Schachzug. Dadurch wird das Verfolgungsedikt der Guises null und nichtig.« Er legte das Papier beiseite. »Und Ihr meint, der König wird das unterschreiben?«

»François befindet sich jetzt in meiner Obhut. Er begreift den Ernst der Lage.«

Coligny hob sein Glas. Das Kerzenlicht brach sich in dem facettierten Kristall und warf goldene Reflexe auf seinen Handrücken. »Erwägt Ihr, den hugenottischen Glauben zu legalisieren?« Er nahm einen Schluck und blickte mich an. »Wenn ja, werdet Ihr auf den erbitterten Widerstand vieler katholischer Adeliger stoßen, ganz zu schweigen von Spanien und Rom. Niemand will eine Koexistenz unserer beiden Religionen sanktionieren.«

Ich war im Begriff, der Frage auszuweichen, weil ich nicht so weit vorausgedacht hatte, beschloss dann aber, dieses Unterfangen in voller Ehrlichkeit zu beginnen. »Ich kann nicht sagen,wann oder ob überhaupt ich in der Lage sein werde, Euren Glauben zu legalisieren. Wie Ihr schon sagtet, da gibt es viele Hindernisse, und ich kann mir weder Rom noch Spanien zum Feind machen. Aber der Frieden in diesem Königreich ist mir das Wichtigste. Wir haben sonst zu viel zu verlieren.«

Wieder nippte er am Wein, ohne die Augen von mir abzuwenden. Er schwieg, und ich dachte schon, ich hätte zu viel offenbart. Schließlich war er noch immer ein Fremder.

»Wie kann ich Euch helfen?«, fragte er endlich.

Ich erlaubte mir ein Lächeln. »Ihr steht doch in Kontakt mit den hugenottischen Pastoren und anderen Anführern? Berichtet ihnen von meinem Edikt. Lasst sie in ihren Gemeinden Zurückhaltung predigen, damit es keine Zwischenfälle gibt, während ich mit dem Parlament an den Satzungen arbeite.« Meine Stimme gewann an Kraft, als ich mir ein Land vorstellte, das endlich von der Herrschaft der Guises befreit war. »Ich verübele es den Hugenotten nicht, dass sie Rache wollen, aber es muss Toleranz herrschen, wenn wir überleben wollen.«

»Und die Guises? Unsere Anführer wollen sie nicht in der Regierung dulden. Sie sehen die Guises als kaltblütige Mörder, die für ihre Untaten büßen müssen.«

»Ganz meine Meinung. Aber noch kann ich sie nicht mit Gewalt vertreiben. Doch ich glaube an dieses Vorhaben, wie ich noch nie an etwas geglaubt habe, und ich weiß, es wird keinen Frieden in Frankreich geben, solange die Guises an der Macht sind.«

Er lehnte sich zurück, fuhr sich mit der Hand durch das kurz geschorene Haar. »Ich kann wohl für die meisten unserer Anführer sprechen, wenn ich sage, dass der Frieden auch unser Bestreben ist. Aber nicht jeder wird sich der Vernunft beugen.«

»Ach? Könnt Ihr das näher erklären?« Ich wusste, es würde mir nicht gefallen, aber ich musste es hören. Ich musste alle Hindernisse erkennen und überwinden, egal, woher sie kamen.

»Kurz gesagt, die Hinrichtungen in Amboise haben meine Glaubensbrüder in zwei Parteien gespalten. Die eine Seite wünscht einfach nur, ohne Furcht leben zu können. Die andere wünscht das Gleiche, außerdem aber auch die Vertreibung der Guises und Mitsprache in der Regierung. Manche werden allerdings auch die Seiten wechseln, je nach den Umständen. Wenn man nur die Glaubensfreiheit anstrebt – und dann wird einem von einer Guise-Patrouille das Haus niedergebrannt, die Ernte zerstört, die Töchter vergewaltigt –, wird man seine Haltung wohl ändern.«

»Demnach müssen wir religiöse und politische Aspekte in Betracht ziehen.« Ich sah eine Veränderung im Ausdruck seiner Augen und fügte hinzu: »Ich würde versuchen, einflussreiche Hugenotten in den Kronrat zu bringen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Differenzen uns davon abhalten, eine gemeinsame Basis zu finden.«

Er stützte das Kinn in die Hand. »Wenn die Zeit gekommen ist, würde ich einen Platz im Kronrat gerne annehmen. Wir müssen zusammen darauf hinwirken, dass Frankreich zu seinem einstigen Ruhm zurückfindet.« Und ein warmes, wahrhaftes Lächeln erhellte seine Züge, das erste heute Abend. »Ich glaube, dass unsere Interessen Euch am Herzen liegen. Ich werde mich also dafür verwenden, dass keiner Vergeltung für Amboise übt. Es wird allerdings Zeit brauchen. Unsere Leute sind weit verstreut; niemand wagt es, sich in diesen gefährlichen Zeiten zu versammeln. Ich muss sie einen nach dem anderen treffen.«

»Ich wünsche mir nichts weiter.« Zum ersten Mal seit Wochen hatte ich das Gefühl, dass ich die Guises tatsächlich bezwingen könnte. Ich griff nach dem Weinkrug. »Hoffentlich gefällt Euch das Gemach, das ich für Euch vorbereitet habe. Es ist nicht sehr geräumig, doch ich habe nicht viel Platz, da meine Kinder hier sind.«

»Sicher würde es mir genügen«, entgegnete er, »obwohl ich Eure Gastfreundschaft ablehnen muss.«

Die Atmosphäre im Raum veränderte sich. Ich verbot mir jeglichen Widerspruch. Ich mochte Chenonceau als meine Zuflucht betrachten, aber keiner von uns konnte sicher sein, dass nicht auch hier Spione der Guises lauerten. Und er hatte an seine Familie zu denken, die er verlassen hatte, um mich zu besuchen.

»Natürlich«, sagte ich, meine Enttäuschung verbergend. »Es war gedankenlos von mir, etwas anderes anzunehmen.«

»Nein, nein …« Er schüttelte den Kopf. »Ich würde bleiben, wenn ich könnte. Aber meine Frau … sie ist leider unwohl.«

»Oh – ich hoffe, es ist nichts Ernstes.«

»Ich fürchte, doch.« Er wandte die Augen ab. »Charlotte wird sterben. Sie hat vor einigen Monaten eine Tochter zur Welt gebracht«, sagte er so leise, dass ich mich vorbeugen musste, um ihn zu verstehen. »Die Geburt war schwer, aber das Kind ist gesund. Dann hatte Charlotte keine Milch; sie konnte das Baby nicht stillen. Sie hatte auch keinen Appetit mehr, und erst dachten wir, es sei das Milchfieber, doch sie erholte sich nicht. Wir ließen einen Arzt kommen, und er fand …« Er schluckte. »Sie hat einen Knoten in der Brust. Sie siecht vor meinen Augen dahin, und ich kann nichts dagegen tun.«

Ich kannte nur zu gut das Gefühl der Hilflosigkeit, einen Ehegatten im Sterben liegen zu sehen, um ein Wunder zu beten, an das man nicht mehr zu glauben wagte. Ich streckte die Hand aus und legte sie auf die seine. »Ich werde Euch unseren Hofarzt schicken, Docteur Paré. Wenn irgendjemand sie heilen kann, dann er.«

Er sah mich schweigend an. Dann zog er seine Hand zurück und stand auf. »Nein. Es ist zu spät.«

Die kurze Berührung seiner Haut brannte in mir. Ich folgte ihm zum Erkerfenster, das auf den nachtverhangenen Park blickte, wo Komödianten Mary und François in einem funkelnden Pavillon mit ihrem Mummenschanz unterhielten. »Sie könnte noch gerettet werden. Solange es noch eine Chance gibt, dürfen wir nie die Hoffnung verlieren.«

Er wandte sich abrupt zu mir um. Ich sah dunkle Punkte in seinen blauen Augen, die Falten in seinen Augenwinkeln, die scharf gezeichneten Wangenknochen über dem schimmernden Bart. Er war einen Kopf größer als ich; sein weinschwerer Atem strich mir warm über die Stirn. »Ihr erinnert mich an sie«, sagte er. »Auch sie ist tapfer und kühn.«

Unter meinem Mieder klopfte mir das Herz. »Ich … ich bin nicht sie«, flüsterte ich.

Seine Hand glitt hinab zu meiner Taille. »Nein. Sie hat nicht Eure Kraft. Ihr seid die stärkste Frau, die ich kenne, Cathérine de Medici.«

Der Klang meines Namens auf seinen Lippen ließ eine Welle von Hitze in mir aufsteigen. Niemand hatte mich je so angesehen; kein Mann hatte je meine Kraft erkannt so wie er. Ich hatte das Gefühl, unter seinem Blick zu vergehen, als hätte er das Geheimfach in meinem Herzen geöffnet, in dem ich die Ruinen meiner Jugend und meiner Träume verschlossen hatte – alles, was das Leben und die Jahre mir abgefordert hatten.

Da wusste ich, dass ich diesen Mann wollte. Ihn immer schon gewollt hatte.

Verlangen flammte in mir aufwie eine neue Sonne, so überwältigend, dass ich versuchte, mich von ihm loszureißen. Er ließ mich nicht los. Er zog mich an sich, presste seine Lippen auf die meinen, raubte mir den Atem. Ich verlor jeden Sinn für Zeit und Raum, ertrank in dem Gefühl, einfach um meiner selbst willen begehrt zu werden, zum allerersten Mal.

»Nur für heute Nacht«, hörte ich ihn murmeln, und es war genug. Es war alles.

Ich führte ihn durch das dunkle Château zur Treppe. Durch das offene Fenster, das die laue Abendluft einließ, waren Musik und Gelächter zu hören. Meine Kinder und Mary Stuart vergnügten sich bei ihrem Gartenfest; endlich einmal klangen sie wie die jungen Leute, die sie waren.

Lucrezia fuhr von ihrem Schemel hoch. Ihre Augen glänzten im Mondlicht, das wie Seide durch die Scheiben floss. Ich winkte ihr, zu gehen. Sie nahm Muet auf den Arm und zog sich wortlos zurück.

Mein Schlafgemach wartete; an der Sonne getrocknete Decken, die über der von mir selbst bestickten Satinwäsche zurückgeschlagen waren. Anna-Maria war bei den Kindern. Leise fiel die Tür hinter mir ins Schloss, und ich trat wie im Traum zu der Kerze auf meinem Nachttisch.

»Nein«, sagte er, »lass sie brennen. Ich will dich sehen.«

Ich fühlte mich wie in der ersten Nacht mit Henri, unsicher, wie ich mich verhalten sollte. Fast hätte ich laut gelacht. Ich war einundvierzig Jahre alt. Ich war oft genug mit einem Mann im Bett gewesen. Ich wusste, was Paare taten.

Mit dieser eigentümlichen Art, meine Gedanken zu erraten, sagte Coligny: »Hab keine Angst.« Er band mir die Ärmel auf, löste mir das Mieder, streifte mir die Röcke ab, bis meine Kleider sich wie Schaum um meine Füße bauschten und ich im Hemd dastand, zitternd, aber nicht vor Kälte.

In einem Impuls, der aus Jahren der Ehe stammte, drehte ich mich um und stieg ins Bett. Ich hörte Kleidung zu Boden gleiten, das Klirren einer Gürtelschnalle. Als ich mich umsah, stand er nackt da, eine straffe, blasse Silhouette.

Ich starrte ihn an. Er war schön, aber sein Körper war ganz anders als der Henris, nicht die breite, behaarte Brust, die mir vertraut gewesen war. Er war ein kleiner, drahtiger Mann, nur Muskeln und Sehnen, und die Selbstgewissheit, mit der er dastand, ein schmerzliches Lächeln im Gesicht, ließ mir die Knie weich werden. Bronzefarben schimmerte das Haar, aus dem sich seine Männlichkeit erhob; seine Rippen zeichneten sich bei jedem Atemzug unter der Haut ab. Er streckte die Arme aus, löste das goldene Netz in meinem Nacken, und mein Haar fiel mir über die Schultern.

»Wie ein dunkles Meer«,wisperte er und verschmolz seinen Leib mit dem meinen, bog mich aufs Bett zurück und schob mir das Hemd über den Kopf. Jeder Zweifel verflog, als ich seine Berührung spürte, die sich wie durch Magie in exquisite, fast quälende Lust verwandelte. Als ich zu beben begann und er in mich eindrang, schrie ich auf, wie ich es noch niemals getan hatte: ein spontaner, ungehemmter Freudenschrei, der meine Seele befreite.


Ich erwachte, ehe der Morgen dämmerte. Er stand am Fenster, fertig angekleidet. Er wandte sich um, als der Himmel hinter ihm heller wurde. »Ich muss gehen«, sagte er und setzte sich neben mich, strich mir zärtlich das wirre Haar aus dem Gesicht. Mit Wehmut sah er mir in die Augen, und ich murmelte: »Keine Reue, keine Entschuldigungen.«

Seine Miene war sanft, aber ernst, wieder die des reservierten Höflings.

»Wir dürfen niemals davon sprechen«, sagte ich und berührte seine Wange. »Sie würden es nicht verstehen. Wir haben so viel, für das wir kämpfen müssen, und sie … sie würden sagen, ich suche Frieden mit den Hugenotten zu stiften, weil ich mit Euch im Bett war.« Zum ersten Mal seit unserer gemeinsamen Nacht wurde mir kalt, und ich fürchtete plötzlich, ich könnte etwas preisgegeben haben, um das es mir noch leidtun würde.

»Ich werde es keiner Menschenseele sagen«, antwortete er. »Vergiss nicht, dass Gott etwas mit dir vorhat. Ohne dich wird dieses Reich auseinanderbrechen. Du kannst Frankreich retten, aber du darfst sie nie unterschätzen. Auch wenn du glaubst, du hältst sie in Schach, sind es doch Tiger, und Tiger wissen, wann sie angreifen müssen.«

Er küsste mich. »Ich werde Nachricht schicken, sobald ich kann. Bis dahin geh lieber kein Risiko ein, nicht mal für mich.«

Ich umfing sein Gesicht, prägte es mir ins Gedächtnis ein. »Geh mit Gott, Gaspard«, wisperte ich.

Er warf seinen Umhang über und ging.

Als ich die Hände vors Gesicht schlug, haftete sein Geruch wie Regen an meinen Fingern.