18
Wenn uns in Florenz ein Angehöriger stirbt, richten wir ein Festgelage aus. Wir laden Verwandte, Nachbarn und Freunde ein und sprechen von den schönen Zeiten mit dem Verblichenen. Wir erzählen Geschichten, manche heiter, manche traurig, aber stets in der Absicht, unsere Lieben noch ein wenig länger bei uns zu behalten. Wir erlauben uns eine Feier des Lebens, um unsere Trauer zu lindern und uns auf die Zukunft vorzubereiten, die uns erwartet.
Nichts davon war mir vergönnt. Kaum hatten le Balafré und Monseigneur unsere vierzig Tage Staatstrauer anberaumt, musste ich meine Klausur im Hôtel de Cluny antreten, diesem verfallenen alten Gemäuer, wo Königswitwen sich ein für alle Mal mit der Leere ihres Lebens abzufinden hatten. Es war ein archaischer Brauch, der sicherstellen sollte, dass die Königin nicht schwanger war, da dies die etablierte Thronfolge hätte durcheinanderbringen können, besonders, wenn sie später einen Sohn gebar. Henri und ich waren vor seinem Tode wochenlang nicht zusammengekommen, und die Zeit meiner Fruchtbarkeit näherte sich ihrem Ende, doch all das spielte keine Rolle. Die Guises hatten entschieden, dass ich mich dem Brauch zu fügen hätte.
Eingesperrt in Gemächer, die von oben bis unten weiß ausgehängt waren, legte ich aus Trotz die schwarze Trauerkleidung meiner italienischen Heimat an und wählte die gebrochene Lanze als Emblem. Natürlich wurde jede meiner Bewegungen Monseigneur von handverlesenem Personal hinterbracht. Ich sollte mein Schicksal beweinen, an Gottes Willen und meiner Hilflosigkeit verzweifeln, bis ich, von Gram zermürbt, in irgendeinem wohlbestallten Kloster oder Landgut Trost suchen würde. Schließlich war ich jetzt nicht mehr Königin. Mary Stuart hatte meinen Platz eingenommen; zweifellos wurde mein Wappen jetzt schon von den Wänden entfernt, um durch ihres ersetzt zu werden. Ich hatte meine Pension und mein eigenes Schloss; die Zeit war gekommen, mich wie andere Witwen vor mir von der Welt zurückzuziehen.
Nichts weiter wurde von mir erwartet.
Und ich überlegte es mir, lange und ernsthaft. Es wäre ein leichter Ausweg gewesen, einfach nach Chenonceau zu ziehen. Ich hätte zwischen meinen Weinbergen und Obstbäumen alt werden können, ohne einen Blick zurück. Warum sollte ich mir nicht noch ein bisschen stilles Glück gönnen? Hatte ich der Pflicht nicht schon genug geopfert? Anders als die Duchesse d’Etampes, die durch Dianes Einfluss bettelarm gestorben war, anders als Königin Eleonore, die nach dem Tod meines Schwiegervaters Frankreich ungeliebt und ungebraucht verlassen hatte, konnte ich mich vom Hof zurückziehen und mir ein neues Leben schaffen, unbelästigt von Querelen, die mich nichts mehr angingen.
Nur der Gedanke an den unendlichen Ehrgeiz der Guises, an die Gnadenlosigkeit, mit der die Meute meinen Sohn in der Verfolgung ihrer Ziele hetzen würde, stachelte mich an. Ich wollte meine Witwenschaft nicht in Ruhe aussitzen, während sie im Namen meines Kindes regierten. Ich hatte ihre unerträgliche Herrschsucht lange genug erlitten; die Zeit war gekommen, mir meinen Platz an der Seite meines Sohnes, unseres neuen Königs, zu erobern.
Wenn ich nicht für ihn kämpfte, wer sollte es sonst tun?
Ich erhob mich und schlug meinen Schleier zurück. Der Anblick meines Gesichts zum ersten Mal seit Wochen ließ die Hofdamen aufschrecken. Nur Lucrezia, die einzige Vertraute, die ich hatte mitnehmen dürfen, lächelte.
»Hoheit«, fragte eine der Damen, »fühlt Ihr Euch unwohl?«
»Im Gegenteil.« Meine Stimme klang rau vom langen Schweigen. »Ich fühle mich ausgezeichnet und habe Hunger. Lasst mir heute bitte Fleisch auftragen, denn mich gelüstet danach.«
»Fleisch?«, ächzte sie. Brühe, Brot und Käse waren alles, was Witwen essen sollten; Witwen hatten schwächlich zu sein, und Fleisch brachte das Blut in Wallung.
»Jawohl. Und zwar auf der Stelle. Während ich diniere, packt ihr meine Sachen für die Umsiedlung in den Louvre. Und schickt einen Boten zu meinem Sohn, dem König, um ihm zu melden, dass ich unterwegs bin. Ich wäre eine schlechte Mutter, wenn ich ihm in dieser schweren Zeit keinen Trost spendete.«
So brach ich meine Trauerzeit ab und verließ das Hôtel de Cluny auf Nimmerwiedersehen.
Die Welt hatte sich verändert. Das Tournelles war über Nacht zu einem verlassenen Spukschloss geworden, während der Louvre im Schein der Fackeln erstrahlte, die all die plötzlich wieder lachenden Höflinge in goldenes Licht tauchten. Offenbar war gerade ein Fest im Gange.
Lucrezia und ich schlängelten uns durch die Menge. Wenige bemerkten mich in meinem Umhang, und Musik gellte mir in den Ohren, als ich in den zweiten Stock hinaufstieg, wo sich meine Gemächer befanden und mein Hofstaat mich erwartete. Anna-Maria kam auf mich zugestürzt, um mich zu umarmen; Birago nahm sanft meinen Arm und führte mich an den Tisch. Obgleich er magerer als üblich wirkte in seiner scharlachroten Florentiner Robe und tiefe Sorgenfalten seine kantige Stirn zerfurchten, war seine Anwesenheit mir eine tröstliche Erinnerung, dass ich noch Freunde hatte.
Beim Nachtmahl berichtete er, dass Monseigneur le Cardinal und sein Bruder, le Balafré, die Kontrolle über die Regierung übernommen hatten, über den Kronrat ebenso wie über die Schatzkammer und das Militär, und dies auch offiziell verkünden ließen. Sie hatten sich faktisch zu Regenten gemacht, auch wenn sie nicht den Titel trugen, und die Königsrechte meines Sohnes usurpiert.
»Aber François ist fünfzehn Jahre alt«, protestierte ich. »Er ist alt genug, den Thron zu besteigen. Wie konnten sie ihm das antun?«
»Er hat sie nicht aufgehalten«, entgegnete Birago. »Er hat ein Papier unterschrieben, das die Guises mit der Verwaltung der Staatsgeschäfte betraut, aber ich glaube nicht, dass er verstanden hat, was er da unterschrieb.« Er schlug die Augen nieder. »Le Balafré hat ihn und Mary Stuart auf einen Jagdausflug an die Loire mitgenommen, angeblich, weil sie Erholung vom Hof bräuchten.«
Ich saß wie erstarrt da und umklammerte meinen Becher. Am liebsten hätte ich ihn quer durch den Raum geschleudert. Ich hätte nie in Klausur gehen dürfen; damit hatte ich den Guises die Gelegenheit gegeben, das Zepter an sich zu reißen. François war ängstlich und leicht zu beeindrucken; natürlich hatte er ein Papier unterschrieben, das ihnen das ganze Reich überließ. Er verstand nichts vom Regieren, und die Guises waren zur Stelle, um dafür zu sorgen, dass er es gar nicht erst lernen musste.
»Eins noch«, sagte Birago auf Italienisch, wie er es immer tat, wenn er etwas Vertrauliches mitzuteilen hatte. Ich liebte es, unsere Sprache in seinem kultivierten Tonfall zu hören, obwohl die Nachrichten gar nicht gut waren. »Monseigneur hat ein Edikt gegen die Hugenotten erlassen. Der Konnetabel meinte zwar, Franzosen auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen sei schädlich für das Renommee des Königs, aber der Kardinal wollte nicht auf ihn hören und verbannte ihn vom Hof. Sein Neffe Coligny ist ebenfalls gegangen, ließ mich Euch aber ausrichten, er hoffe, Ihr würdet ihn empfangen, wenn Ihr zurückkehrt.«
Es tat mir leid, dass Montmorency fort war; ich konnte jeden brauchen, der sich den Guises entgegenstellte. Und ich fand es bemerkenswert, dass Coligny meine Rückkehr vorausgesehen hatte. Nach all den Jahren erinnerte er sich anscheinend noch an mich. Ob er sich wohl je unseres Nachmittags in Fontainebleau entsann und unseres Gesprächs über Machiavelli und die Hugenotten? Er hatte sich als jemand erwiesen, der die Welt ohne Größenwahn wahrnahm. Vielleicht konnte er der Verbündete werden, den ich brauchte, um die Guises zu entmachten.
»Ich würde ihn gerne treffen«, sagte ich schließlich. »Wisst Ihr, wie man ihn erreichen kann?«
»Man kann Briefe austauschen, doch ich muss Euch warnen, es heißt, Coligny halte zu den Hugenotten, besuche ihre Predigtstunden und lese ihre Traktate. Manche behaupten sogar, er habe sich zu ihrem Glauben bekehrt.«
»Nun ja, Gerüchte sind keine Tatsachen.« Ich schenkte mir Wein nach. Seltsamerweise war mir nicht bange, obwohl ich meine schlimmste Befürchtung bestätigt sah: Mit den Guises musste es unvermeidlich zu einem Kampf um die Kontrolle über François kommen. Doch ich hatte auch früher schon gekämpft, viele Jahre lang, gegen Diane. Und ebenso wie sie hatten die Guises keine Vorstellung davon, wie weit ich zu gehen bereit war, um meine Kinder zu schützen.
Nach dem Mahl verfasste ich meinen Brief und vertraute ihn Birago an. »Liefert dies hier ab und gebt bekannt, dass ich meine Kinder in Saint-Germain besuchen will, wie es einer liebenden Mutter zukommt.«
Birago nickte mit wissendem Lächeln.
Meine Kinder befanden sich in der Obhut ihrer Erzieher, Madame und Monsieur d’Humeries und meiner Schwägerin Marguerite, die bald nach Savoyen aufbrechen sollte. Sie und ich teilten ein letztes Abendmahl, und dann schenkte ich ihr das verbeulte Kohlebecken, in dem wir immer meine Salben gekocht hatten. »Nehmt es, und wenn Ihr Lavendel verbrennt, denkt an mich«, sagte ich, und wir umarmten einander.
Henris Tod und Dianes Abwesenheit verstörten meine Kinder weniger, als ich befürchtet hatte. Ich fand Hercule und Margot friedlich spielend vor, unberührt von der Tragödie, die ihren älteren Bruder zum König gemacht hatte. Selbst mein achtjähriger Henri schien nicht sonderlich aufgewühlt; er wollte mir nur unbedingt sein neues, handgemaltes Kartenspiel vorführen. Er mache gute Fortschritte, berichtete sein Hauslehrer, und bewähre sich besonders bei allen Freiluftaktivitäten. Wenn ich mir seine schlanke, sehnige Gestalt ansah, so fand ich, dass das Schicksal mir übel mitgespielt hatte, indem es François zu meinem Erstgeborenen machte. Henri hatte am wenigsten unter Dianes ungutem Einfluss gelitten und wäre sicher ein besserer König geworden, trotz seiner Jugend.
Nur mein neunjähriger Charles beunruhigte mich. Er wirkte sehr mitgenommen vom Verlust seines Vaters und weinte so bitterlich, dass auch ich selbst die Tränen kaum zurückhalten konnte, als ich ihm versicherte, sein Papa sei jetzt im Himmel und wache über uns. Charles schien mir viel zu blass und schmächtig, und ich verordnete ihm eine neue Diät, reich an rotem Fleisch und Gemüse.
Auch Elisabeth war dünn und blass, aber sie hatte sich nicht von ihrem Schmerz überwältigen lassen; sie sagte, sie habe die spanischen Gesandten davon in Kenntnis gesetzt, dass sie im Dezember nach Spanien abreisen würde. Sie hatte viel Zeit mit Claude verbracht, die nun mit dem Herzog von Lothringen verheiratet war, und sie hatten sich gegenseitig getröstet. Der Gedanke fiel mir schwer, mich in wenigen Monaten von Elisabeth trennen zu müssen, aber sie bestand darauf, dass ihr Vater es so bestimmt habe.
Vor dem schmerzlichen Verlust flüchtete ich mich in meine eigenen Pläne. Ein paar Tage nach meiner Ankunft in Saint-Germain erhielt ich Antwort auf mein Schreiben. Drei Zeilen: In zwei Tagen, bei Einbruch der Dunkelheit im Park. Sollte ich nicht rechtzeitig kommen, gebe ich Bescheid.
»Also gut«, sagte ich zu Birago, »lasst ihn wissen, dass ich da sein werde.«
Ich stand im Schatten des Palasts, während die sinkende Sonne den Himmel blutrot färbte. Der Wind pfiff um die Türme und wehte den Rauch weg, der über Paris hing. Mein Ratschlag an Monseigneur war nicht befolgt worden. Sein Edikt gegen die Hugenotten war in Kraft getreten, und in kaum zwei Wochen hatten über hundert Ketzer in Paris den Feuertod erlitten.
Der Terror hatte begonnen. Birago informierte mich, dass Hunderte von Hugenotten in den Süden des Landes geflohen waren, in der Hoffnung, den Häschern des Kardinals zu entkommen, die sie wie Vieh zusammentrieben. Die Zeit lief ab. Wenn ich ihnen nicht Einhalt gebot, würden Monseigneur und le Balafré Frankreich zu ihrem privaten Schreckensreich machen, unsere Untertanen ermorden und jeden Adeligen zum Schweigen bringen, der es wagte, sich ihnen zu widersetzen.
In gespannter Erwartung starrte ich auf die Ulmen in der Ferne, als er plötzlich auf dem Weg erschien.
Er schritt zuversichtlich dahin, ein Mann von mittlerer Größe in schwarzem Wams, den Mund von einem rotblonden Bart umrahmt. Er war vierzig, etwa in meinem Alter, doch seine ernste Miene ließ ihn älter aussehen, als er sich vor mir verneigte. »Hoheit, darf ich Euch mein tiefstes Beileid aussprechen? «
»Ich danke Euch, Seigneur. Ich bin froh, dass Ihr kommen konntet.«
Auf einmal wurde ich mir meiner Fülligkeit bewusst und der angegrauten Strähnen, die mir ums Gesicht peitschten. Ich hatte mich noch nie von meinem Spiegelbild irritieren lassen; wie viele Ehefrauen war ich vor der Zeit meinem Aussehen gegenüber gleichgültig geworden, doch jetzt hatte ich das überraschende Bedürfnis, als Frau gesehen zu werden, und schämte mich dessen. Mein Gemahl war knapp über einen Monat tot. Wie konnte ich mich da fragen, ob ich anziehend für einen Mann war, den ich erst wenige Male getroffen hatte?
»Madame, ich bin es, der Euch Dank schuldet«, sagte er. »Ich fürchtete, Ihr würdet mich nicht sehen wollen.«
»Wir sind doch Freunde, oder?«, fragte ich. »Ich weiß, es ist viel Zeit vergangen, aber ich habe Eure Freundlichkeit zu mir, als ich neu in diesem Reich war, nicht vergessen, noch die treuen Dienste, die Ihr meinem Gemahl über die Jahre geleistet habt.«
Er lächelte. »Wir waren damals sehr viel jünger.«
In seinem Tonfall schwang fast so etwas wie ein Vorwurf mit. Aber warum? War er nicht in Paris geblieben, um mich zu sehen? »Ich glaube, Ihr wart es, Seigneur, nicht ich, der Abstand halten wollte«, erinnerte ich ihn. »Ich hätte Euch jederzeit bei Hof empfangen.«
Er neigte den Kopf. »Wohl wahr. Hoheit wissen, dass ich nie gern bei Hof war.«
Ich musterte ihn. »Nun, immerhin seid Ihr jetzt hier.«
Er hatte sich auf undefinierbare Weise verändert. Er schien auf der Hut, als hätte er gelernt, dass man seine Gefühle am besten verborgen hielt. Doch er war immer noch anziehend, mehr als früher sogar, nun, da das Gravitätische seines Wesens seinem Alter angemessener war und ihm eine beeindruckende Präsenz verlieh.
Doch meine Gabe regte sich nicht. Ich spürte überhaupt nichts von ihm.
Zweifel befielen mich. Was tat ich hier? Wozu das heimliche Treffen? Wenn die Guises davon Wind bekamen, riskierte ich, auch noch den letzten Rest an Einfluss zu verlieren; man würde mich des verräterischen Umgangs mit einem Häretiker verdächtigen.
Als könnte er meine Gedanken lesen, sagte er: »Falls Ihr diese Verabredung aus irgendeinem Grunde bedauert, werde ich mich augenblicklich entfernen, ohne jeden Ehrverlust.«
»Ich mache mir Sorgen um Euch«, entgegnete ich, ein wenig pikiert, dass er mich so leicht durchschaut hatte. »Wie ich höre, soll Monseigneur le Cardinal seine Spione auf Euch angesetzt haben.«
»Das stimmt. Seit mein Onkel den Hof verließ, richtet Monseigneur sein Misstrauen auf mich. Heute Abend habe ich seine Leute abgehängt, wie sie ihm sicher gerade berichten, doch sie beobachten mich ohne Unterlass.«
»Und haben sie …?« Ich holte tief Luft. »Haben sie Grund, Euch zu verdächtigen?«
»Ich mache kein Geheimnis aus meinem Missverhältnis zu den Guises«, sagte er geradeheraus, mit klarem, offenem Blick. Ich hatte vergessen, wie oft die Höflinge einem nicht in die Augen sehen können, und fand seine Ehrlichkeit erfrischend. »Sie werden Euren Sohn zu ihrem Vorteil zu nutzen wissen. Im Augenblick setzen sie alles daran, die Inquisition in Frankreich einzuführen, obwohl die Verfolgung Unschuldiger den Ruf unseres Souveräns ruinieren wird.«
Das waren genau die Worte, die ich hören wollte; ich wollte ihm vertrauen, und doch zögerte ich noch. Ich fürchtete mich davor, die Kernfrage anzusprechen.
»Viele Hugenottenpastoren erhoffen sich Hilfe von Euch«, fuhr er fort. »Sie wissen, dass Ihr unserem verstorbenen König zur Toleranz geraten habt, und sie haben mich gebeten, an Euren Sinn für Gerechtigkeit zu appellieren.«
»Sie wissen …?«, fragte ich überrascht.
Er lächelte. »Nichts, was am Hof geschieht, bleibt ein Geheimnis. Und die Anhänger des neuen Glaubens werden immer mehr, wenn auch nicht mehr lange, wenn Monseigneur seinen Willen durchsetzt.«
Er hatte mich überrumpelt. Mir wurde auf einmal bewusst, dass ich noch kaum etwas von diesem Glauben wusste, den der Kardinal so gnadenlos ausmerzen wollte, oder von denen, die ihn praktizierten.
»Ich bin geschmeichelt von ihrem Vertrauen«, sagte ich, »aber seit mein Gemahl tot ist, habe ich keine Macht mehr. Und ich bin Katholikin. Doch im Gegensatz zu den Guises halte ich die Verfolgung Andersgläubiger nicht für eine Lösung. «
Er wandte sich ab, sein Profil wie gemeißelt vor der einbrechenden Nacht. »Verfolgung«, sagte er ruhig, »ist Chaos.« Ich hörte die schwelende Glut in seiner Stimme und verstand, warum die Guises ihn beobachten ließen. Er hatte die Verheißung seiner Jugend eingelöst, indem er sich als geborener Führer erwies. Wenn die Gelegenheit sich ergab, konnte er heldenhaft sein – und gefährlich.
Er wandte sich mir wieder zu. »In ganz Frankreich veranlasst das Edikt des Kardinals die Katholiken zum Plündern und Morden. Wir hängen vielleicht nicht dem römischen Glauben an, aber wir sind immer noch Franzosen. Nur Ihr könnt den König überreden, das Edikt zu widerrufen, damit wir in Frieden leben und unsere Andacht verrichten können.«
Wir …
Die Frage brannte mir auf den Lippen. Ich musste sie stellen; jetzt gab es keinen Ausweg mehr. »Verteidigt Ihr die Hugenotten, weil Ihr selbst einer seid, Seigneur?«
Er zögerte nicht. »Ich bin vor ein paar Jahren konvertiert. Ich habe es nicht verborgen, andererseits aber auch nicht herausposaunt. « Sein Lächeln wurde breiter, verlieh seiner Miene etwas Verschmitztes. »Ihr müsst wissen, ich habe den frei gewordenen Sitz meines Onkels im Kronrat beantragt und wurde abgewiesen. Monseigneur und le Balafré werden mich nie an ihrem Tisch dulden. Wie es aussieht, habe ich keine andere Wahl, als mich in mein Haus in Châtillon zurückzuziehen, um bei meiner Frau und meinem Sohn zu bleiben.«
Eine Frau. Er hatte eine Frau. Eine Familie …
»Verzeiht mir«, murmelte ich. »Ich wusste nicht, dass Ihr verheiratet seid.«
»Charlotte und ich haben vor zwei Jahren geheiratet. Wir wurden schon als Kinder miteinander verlobt, haben uns aber erst spät zur Ehe entschieden. Wenn man älter wird, weiß man die einfachen Dinge des Lebens mehr zu schätzen. Und die Familie ist das Einfachste und Kostbarste von allen.«
»Ich verstehe«, sagte ich, obwohl es nicht stimmte. So wichtig die Familie auch mir war, für mich war sie nie einfach gewesen, weder als eine Medici, noch als Mutter der Valois.
»Macht sie Euch glücklich?«
»Ja. Ich habe meine Rückkehr zu ihr hinausgeschoben, weil ich Eure Hoheit sehen wollte.«
»Nennt mich Cathérine.« Ich blickte ihm in die Augen. Sie waren so tief und zugleich so undurchdringlich wie vereiste Seen. Er konnte der Verbündete sein, den ich brauchte; er konnte mir helfen, die Guises zu entmachten und das Königreich zurückzugewinnen. Aber jetzt noch nicht. Ich war noch zu schwach und er zu verletzlich.
»Ihr müsst wissen, ich gehe nicht aus eigenem Antrieb fort«, fügte er hinzu. »Doch ich werde nicht für immer fortbleiben.«
»Ich weiß.« Ich schenkte ihm ein Lächeln. »Ich verspreche Euch, ich werde alles tun, was ich nur kann, damit das Edikt widerrufen wird, und dafür sorgen, dass Ihr so bald wie möglich einen Sitz im Kronrat bekommt. Ich glaube, wir können viel miteinander bewirken.«
Er nahm meine Hand und hob sie an die Lippen. Sein Kuss war trocken. »Solltet Ihr mich vorher brauchen, aus welchem Grund auch immer, zögert nicht, es mich wissen zu lassen. Ich werde sofort kommen.«
Ich sah zu, wie er den Weg hinabschritt und zwischen den Bäumen verschwand, verschluckt von der Nacht.
Obwohl die Zusammenkunft sich nicht so entwickelt hatte wie erwartet, schöpfte ich zum ersten Mal seit Henris Tod wieder Hoffnung.