4
Die Stadt, die ich verließ, war ein Trümmerfeld; die Stadt, in die ich zurückkehrte, war nicht wiederzuerkennen. Ich war von meiner Eskorte gewarnt worden, dass Rom schwer unter der kaiserlichen Belagerung gelitten hatte, doch als wir über die Hügel ins Tibertal ritten, traute ich meinen Augen nicht. Ich hatte nur noch vage Erinnerungen an die kurze Zeit, die ich in den sumpfigen Dünsten und herrlichen Palazzi der Ewigen Stadt verbracht hatte; nun aber wünschte ich, ich könnte mich an gar nichts mehr erinnern.
Rauchende Gemäuer ragten vor der verwüsteten Landschaft auf. Als wir in die Stadt einritten, sah ich Männer mit leeren Blicken und verstörte Frauen mit gesenkten Köpfen in ausgebrannten Ruinen sitzen, umgeben von zerschlagenem Hausrat und zertrampelten Besitztümern. Ich sah ein Grüppchen zerlumpter Kinder, die still dastanden, ratlos, als wüssten sie nicht, wo sie hingehörten. Das Herz krampfte sich mir zusammen, als ich begriff, dass sie Waisen waren wie ich, aber keinen Ort mehr hatten, wo sie hingehen konnten. Außer den Mauleseln, die zum Schutträumen benutzt wurden, sah ich kein einziges Tier, nicht einmal die sonst so allgegenwärtigen Katzen. Ich wandte den Blick ab von den aufgedunsenen Leichen, die wie Feuerholz in den Straßen aufgeschichtet waren, von den Lachen geronnenen Bluts, die den Widerschein des verdüsterten Himmels schluckten, und sah starr vor mich hin, als ich in den Lateran geführt wurde, wo ich untergebracht werden sollte.
Räumlichkeiten waren eingerichtet worden, die auf den zertrampelten Park hinausgingen, und ein Hauswesen von Edelfrauen, die mich erwarteten; unter ihnen Lucrezia Cavalcanti, ein blondes Mädchen mit leuchtend blauen Augen und gertenschlanker Figur, die mir erklärte, dass mein päpstlicher Oheim noch nicht aus Orvieto zurück sei, jedoch die Anweisung hinterlassen habe, mir jeglichen Luxus zu gewähren.
Sie lächelte. »Nicht, dass wir viel zu bieten hätten. Die Gemächer Seiner Heiligkeit sind geplündert worden, alles von Wert gestohlen. Aber wir können uns glücklich schätzen, dass wir genug zu essen haben. Wir werden unser Möglichstes für Euch tun, Duchessina, doch ich fürchte, mit Seidenlaken können wir zurzeit nicht dienen.«
Sie war fünfzehn Jahre alt und behandelte mich wie eine Erwachsene, die nicht vor den Tatsachen dieser Welt geschützt werden musste. Das war mir recht. Ich wollte nicht mehr verwöhnt oder belogen werden.
In meiner Schlafkammer setzte ich mich auf das Bett und sah zu, wie die Sonne hinter den pinienbestandenen Hügeln Roms versank. Dann zog ich den Brief meiner Tante hervor. Es waren nur wenige Zeilen, in der zittrigen Handschrift einer Sterbenden hingekritzelt.
Mein Kind, ich fürchte, ich werde Dich in diesem Leben nicht wiedersehen. Doch ich werde nie aufhören, Dich zu lieben, und ich weiß, dass Gott in Seiner Gnade über Dich wachen wird. Denke immer daran, dass Du eine Medici bist, zu Gro ßem bestimmt. Du bist meine Hoffnung, Caterina. Vergiss das nie.
Ich drückte den Brief an die Brust, rollte mich auf dem Bett zusammen und schlief elf Stunden lang. Als ich erwachte, fand ich Lucrezia auf einem Schemel an meiner Seite. »Ihr habt viel gelitten«, bemerkte sie sachlich. »Aber jetzt müsst Ihr wie ein Tier sein, das nur für den Tag lebt.«
»Wie könnte ich?«, fragte ich betrübt. »Anders als das Tier weiß ich, was der morgige Tag bringen kann.«
»Dann müsst Ihr es lernen. Ob es uns gefällt oder nicht, der heutige Tag ist alles, was wir haben.« Sie streckte die Hand aus und nahm mir den Brief ab. »Lasst mich den verwahren«, sagte sie, dann rief sie die anderen Frauen herein, die mich mit emsiger Fürsorge umgaben. Nur wenige Schritte von hier war Rom blutgetränkt, doch innerhalb dieser vier Wände fühlte ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit in Sicherheit.
Und so hatte ich mich erholt, als Papa Clemens ankam.
Die Kerzen eines verbogenen Kandelabers verbreiteten mildes Licht, als ich mich dem päpstlichen Thron näherte und in die Knie sank. Papa Clemens bedeutete mir mit einer Geste, mich zu erheben. Während ich mich aufrichtete und ihn ansah, versuchte ich mich zu erinnern, wie er früher ausgesehen hatte. Er war aus Rom geflohen, war gezwungen gewesen, von Weitem zuzusehen, wie die kaiserlichen Truppen seine Heilige Stadt entweihten, doch für mich sah er aus, als sei er aus der Sommerfrische zurückgekehrt, die kantigen Wangen von gesunder Farbe, die fleischigen Lippen von einem silbrigen Bart umrahmt. Er trug elfenbeinweiße Gewänder, deren üppige Falten von makelloser Reinheit waren; als ich auf seine Füße blickte, sah ich goldbestickte Pantoffeln. Allein in seinen Augen entdeckte ich die Nachwirkungen des Exils: von blaugrüner Farbe, blickten sie mich scharf, abschätzend und misstrauisch an. Mir wurde bewusst, dass ich ihn gar nicht kannte. Er musste wohl das Gleiche empfunden haben. Er musterte mich wie eine Fremde, und seine Umarmung war matt, als läge ihm nichts an mir.
»Das werden sie mir büßen«, knurrte er. »Sie alle – die Nonnen von Santa Lucia, die Florentiner Rebellen, dieser Verräter Karl der Fünfte. Sie werden für ihre Untaten bezahlen!«
Ich wusste, dass er nicht mit mir sprach; und als ich mich wieder verneigte und rückwärtsgehend entfernte, sah ich die Kardinäle seiner Kurie in den Ecken beisammenstehen und mich wie Raubvögel beäugen.
Mich schauderte. Was auch immer sie im Schilde führten, es war sicherlich nichts Gutes.
Papa Clemens ließ mich monatelang nicht zu sich rufen; ich blieb in der Obhut meiner Kammerfrauen. Es dauerte mehrere Wochen, bis ich nachts durchschlafen konnte, ohne aus Albträumen von der schrecklichen Zeit in Santa Lucia hochzuschrecken. Es war mir eine Genugtuung zu erfahren, dass die Schwestern von Savonarola mit einem saftigen Bußgeld und dem Befehl zur Ordensauflösung gestraft worden waren; weniger erfreut war ich darüber, dass Papa Clemens sich weigerte, den Florentinern ihre republikanischen Rechte zurückzugeben, und ihnen einen seiner Statthalter als Regenten aufgezwungen hatte. Lucrezia nahm mir gegenüber kein Blatt vor den Mund. »Er wird Florenz unter seiner Zwangsherrschaft knechten und dafür sorgen, dass Kaiser Karl eine ebenso bittere Pille schlucken muss.«
Ich wusste, dass sie recht hatte. Aber ich war noch jung und zufrieden damit, in Ruhe gelassen zu werden, im Park spazieren zu gehen, zu lesen und neue Kleider angepasst zu bekommen, zu essen und zu schlafen, so viel ich wollte.
Lucrezia hielt mich auf dem Laufenden über die Vorgänge am päpstlichen Hof, der wieder zum Leben erwachte, noch ehe der Ruß, der Schmutz, die Spuren der Entweihung von seinen Mauern entfernt worden waren. Kurz vor meinem dreizehnten Geburtstag erzählte sie mir, der französische König François I. habe einen neuen Gesandten nach Rom geschickt, und Papa Clemens habe verfügt, ich solle ihn unterhalten.
Ich erschrak. »Aber was soll ich denn tun? Ihm Wein kredenzen? «
Sie lachte. »Natürlich nicht! Ihr werdet ihn mit einem französischen Tanz ergötzen; Seine Heiligkeit hat schon einen Tanzlehrer für Euch bestellt. Wir dürfen nicht vergessen, Euch auf Eure Zukunft vorzubereiten, und Eure weiblichen Fertigkeiten sind sträflich vernachlässigt worden. Die Zeit ist gekommen, eine Dame des Hofes aus Euch zu machen.«
»Ich dachte, ich sollte sein wie ein Tier«, schmollte ich. Ob es mir passte oder nicht, ich hatte keine Wahl, und so wurde ich während der folgenden Wochen gnadenlos von einem geschniegelten, stark parfümierten Mann gedrillt, der mich ankläffte und mit seinem weißen Taktstock anstieß, und behauptete, eine Schindmähre besäße mehr Anmut in der Hinterhand als ich in meinem ganzen Körper. Ich hasste das Tanzen. Die zahllosen albernen Knickse, das Händegeflatter und die neckischen Blicke verdrossen mich über alle Maßen.
Dennoch lernte ich es gut genug, um dem Franzosen etwas vorzutanzen. Während mein Oheim sich, erhitzt vom Wein, auf seinem Thron lümmelte, betrachtete der Botschafter mich mit einem schwer zu deutenden Lächeln, musterte mich von Kopf bis Fuß, als ob ich auf einer Auktion feilgeboten würde.
Ein paar Tage später blutete ich zum ersten Mal. Während ich mich vor Bauchkrämpfen krümmte, behauptete Lucrezia, es sei ein sicheres Zeichen, dass ich viele gesunde Söhne bekommen würde. Trotz der Unannehmlichkeiten beobachtete ich fasziniert die subtilen Veränderungen meines Körpers, die neue Prallheit meiner Brüste, die sich rundenden Hüften, die zunehmende Rosigkeit meiner Haut – all das schien sich über Nacht ereignet zu haben.
»Werde ich einmal hübsch sein?«, fragte ich Lucrezia, während sie mir das Haar bürstete, das noch lockiger geworden war und das sie gern mit Perlenkappen und eingeflochtenen Bändern schmückte.
Sie beugte sich über meine Schulter und sah mich im Spiegel an. »Ihr seid hübsch«, sagte sie. »Diese großen schwarzen Augen würden jeden Mann bezaubern, und Eure Lippen sind voll genug, die Lust eines Bischofs zu wecken – nicht, dass das bei einem Bischof besonders schwierig wäre«, setzte sie mit einem schalkhaften Augenzwinkern hinzu.
Ich kicherte. Obwohl sie als Vorsteherin meines Haushalts die Aufgabe hatte, mich anzuleiten, war sie wie eine Schwester für mich, und ich war jeden Tag dankbar für ihre Anwesenheit. Mit Lucrezias Hilfe waren die Narben meiner Heimsuchungen verblasst, und ich hatte wieder begonnen, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken.
Antwort auf meine Frage erhielt ich bald genug. Eines Nachmittags kam Lucrezia mit der Nachricht, Papa Clemens habe mich rufen lassen. Sie wusste nicht, warum, nur, dass er wünschte, mich unter vier Augen zu sprechen, und so begaben wir uns zusammen zu seinen Gemächern, durch verhängte Korridore, wo die Handwerker die von der Besatzung zerstörten Fresken restaurierten.
Als wir uns den vergoldeten Flügeltüren meines Oheims näherten, rührte sich auf einmal meine Gabe wieder. Es war nicht das hilflose Abtauchen in eine andere Welt, wie ich es in Florenz erlebt hatte, sondern eher ein warnendes Vorgefühl, das mich ängstlich zu Lucrezia aufblicken ließ. Sie lächelte ermunternd. »Denkt daran, was auch immer er sagt, Ihr seid wichtiger für ihn als er für Euch.«
Ich betrat den großen, goldverzierten Raum und sank in die Knie; mein Oheim saß an seinem massiven Schreibtisch und schälte Orangen; ihr süßer Duft erfüllte den Raum und übertönte den Geruch von altem Parfüm und rauchigem Bienenwachs. Er winkte mich heran. Ich trat näher und küsste seine Hand, die mit dem Siegel von Sankt Peter geschmückt war. Er trug seine weißen Gewänder; um seinen Hals hing ein Kruzifix, das mit Smaragden und Rubinen besetzt war.
»Wie ich höre, bist du jetzt eine Frau.« Er seufzte. »Wie die Zeit vergeht.« Seine lederne Schreibunterlage war voller Orangenschalen; er sog an einem Schnitz, winkte mich auf einen Schemel neben sich. »Setz dich. Es ist zu lange her, seit wir Zeit miteinander verbracht haben.«
»Ich war erst letzten Monat hier, zum Besuch des französischen Gesandten«, sagte ich. »Und ich würde lieber stehen, wenn Eure Heiligkeit erlauben. Das Kleid ist neu und unbequem. «
»Ah, an solche Dinge musst du dich aber gewöhnen. Die angemessene Kleidung ist von äußerster Wichtigkeit. Am französischen Hof sind diese Dinge absolut de rigueur.«
Er nahm ein juwelenbesetztes Messer und zerteilte die Frucht. Der Duft, der ihr entströmte, war wie Sonnenlicht und ließ mir das Wasser im Munde zusammenlaufen. »Das solltest du doch wissen. Schließlich war deine Mutter Französin.«
Es lag mir auf der Zunge, ihn daran zu erinnern, dass ich meine Mutter nie gekannt hatte. Stattdessen murmelte ich: »Ja, das war sie, Eure Heiligkeit. Es ist mir eine große Ehre.«
»Ganz recht. Und was würdest du sagen, wenn ich dir eröffnete, dass Frankreich nach dir verlangt?«
Seine Stimme war milde, erinnerte mich an die Zeit, als ich ein kleines Mädchen war und er mein liebevoller Onkel. Doch ich machte mir nichts vor; er hatte mich zu einem bestimmten Zweck herbestellt.
»Nun?«, meinte er brüsk. »Hast du nichts zu sagen?«
»Ich würde sagen«, entgegnete ich, »dass ich mich geehrt fühle.«
Er lachte auf. »So spricht eine Medici!« Es war, als hätte er die Reißzähne gebleckt. Unter meinem Kleid wurden mir die Knie weich. Clemens’ Blick glitt über mich. »Du hast den Wert einer neutralen Antwort erlernt. Das ist ein Vorzug, der deine Ehe umso weniger betrüblich gestalten wird.«
Das Blut gefror mir in den Adern. Ich dachte, ich hätte mich verhört.
»Es wird Zeit, dass du deinen Platz in der Welt einnimmst«, fuhr er fort, während er in seine Orange biss und blasser Saft auf seinen Ärmel spritzte. »Tatsächlich sind die Verhandlungen schon so gut wie abgeschlossen. Als Teil deiner Mitgift werde ich das Herzogtum Mailand bieten, sobald die Hochzeit stattfindet.« Er blickte auf. »Wer weiß? Eines Tages könntest du Königin von Frankreich sein.«
Ein Brausen wie Sturmgeheul erfüllte meine Ohren. Hier war seine Rache, zu guter Letzt. Hier war sein Dolchstoß für Karl V.: eine Allianz mit des Kaisers Rivalen François I. – und ich sollte als Einsatz dafür herhalten. Mich mit Frankreich zu vermählen würde Karls Bestrebungen vereiteln, sich Italien zu unterwerfen, da das lang umkämpfte Herzogtum Mailand, das gegenwärtig in kaiserlicher Hand war, dann an François fallen würde.
»Aber König François ist doch schon verheiratet«, wandte ich ein, »mit der Schwester des Kaisers.«
»Ganz recht. Aber sein zweiter Sohn, Henri d’Orléans, ist noch ledig und könnte eines Tages Thronerbe sein. Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass François’ Ältester, der dauphin, recht kränklich sein soll.«
Er begann, eine neue Orange zu schälen; seine langen Spinnenfinger gruben sich in die Schale. »Ich nehme an, dein Schweigen hat kein Missvergnügen zu bedeuten«, setzte er hinzu. »Ich habe weder Kosten noch Aufwand gescheut, um dich hierherzubringen. Das Letzte, was ich brauchen kann, ist eine widerstrebende Braut.«
Was konnte ich noch sagen? Er hatte das Recht, mich zu schicken, wohin er wollte. Nichts, was ich tun konnte, außer mich umzubringen, würde mich je befreien, und die kalte Endgültigkeit dieser Tatsache machte meine Stimme rau.
»Wenn es Euer Wunsch ist«, sagte ich, »dann soll es mir eine Freude sein. Darf ich dafür um eine Gunst bitten? Ich möchte zurück nach Florenz. Es ist meine Heimat, und ich …« Meine Stimme bebte. »Ich möchte Abschied nehmen.«
Sein Blick wurde kalt. »Nun gut«, sagte er. »Wenn dir Rom nicht länger angenehm ist, werde ich dir eine Eskorte zuweisen. « Er streckte eine beringte Hand aus, und als ich sie küsste, hörte ich ihn murmeln: »Die Liebe ist ein trügerisches Gefühl. Du wirst besser ohne sie auskommen. Das haben wir Medici immer getan.«
Ich bewegte mich rückwärts zur Tür, während er eine weitere Orange schälte, die Mundwinkel zu einem selbstgefälligen Schmunzeln verzogen.
In der duftenden Sommerhitze kehrte ich zurück nach Florenz, begleitet von Leibwächtern und meinen Frauen, auch Lucrezia und einer neuen Gespielin, meiner Zwergin Anna-Maria – ein vierzehnjähriges Miniaturmädchen, deren kurze Gliedmaßen nicht von ihrer prächtigen aschblonden Mähne und vorwitzigen Schnute ablenkten. Ich mochte sie vom ersten Augenblick an; Papa Clemens hatte ganz Italien nach ihr abgesucht; er bestand darauf, dass ich in Frankreich meine eigene Hofnärrin haben müsste, doch ich beschloss, sie nicht mit einer Narrenkappe zu erniedrigen. Stattdessen betraute ich sie mit der Aufgabe, meine Wäsche in Ordnung zu halten, eine Vorzugsstellung in meinen Privatgemächern.
Im Palazzo der Familie fand ich wenig verändert. Florenz trug noch die Wunden, die zu heilen es Jahre brauchen würde, aber unser Heim war unversehrt, still wie ein prunkvolles Grab. Ich ließ mich in den Räumen meiner geliebten verstorbenen Tante nieder, wo den Leintüchern noch ihr Duft anhaftete und auf ihrem Schreibtisch mit den Alabaster-Intarsien noch ihre Schreibutensilien lagen, als könnte sie jeden Moment hereinkommen.
Und dort entdeckte ich mein silberbeschlagenes Elfenbeinkästchen, in einer Schublade unter unvollendeten Briefen. Ich drückte es an die Brust und strich über den verbeulten Deckel. Als sie es zwischen ihren Sachen verbarg, hatte meine Tante gewusst, dass ich es irgendwann holen würde.
Ich ließ den Deckel aufschnappen; in dem Samtfutter tastete ich nach dem Geheimfach, wo Ruggieris Phiole an ihrer Kette wie eine Schlange eingerollt lag. Ich hängte sie mir um den Hals, hielt das Kästchen noch lange in Händen und überließ mich meinem Schmerz.
Meine Verlobung wurde im Frühling ausgehandelt. Papa Clemens stellte eine beeindruckende Mitgift zusammen, um meinen Reichtum als Medici-Braut zu demonstrieren; er zögerte nicht, seine Schatzkammer um die kostbarsten Juwelen zu plündern, darunter auch sieben graue Perlen, die einer Byzantinischen Kaiserin gehört haben sollen und nun meine herzogliche Krone schmückten. Außerdem ließ er mein Portrait nach Frankreich senden.
Im Gegenzug schickte François I. mir das Konterfei seines Sohnes. Es kam in einer exquisiten, satingefütterten Schatulle, und als Lucrezia die Miniatur herausholte, gewahrte ich meinen zukünftigen Gatten zum ersten Mal – ein verschlossenes Antlitz mit schweren Lidern, geschürzten Lippen und der langen Nase der Valois. Es weckte nichts in mir, und ich fragte mich, ob er wohl den gleichen Eindruck von mir hatte. Was für eine Ehe konnten zwei Fremde, die nichts miteinander gemein hatten, denn überhaupt führen?
»Er sieht gut aus«, sagte Lucrezia erleichtert, mit einem Blick zu mir, die ich wie versteinert dasaß. »Die drei Jahre in Spanien scheinen ihm gut bekommen zu sein.«
Anna-Maria zog die Stirn kraus. »Warum war er in Spanien? «
»Weil er und sein Bruder, der dauphin, als Geiseln zu Kaiser Karl dem Fünften geschickt wurden, als König François den Krieg um Mailand verloren hatte«, erklärte ich ihr. »Und außerdem musste François Karls Schwester Eleonore heiraten.« Zu meinem Schrecken hatte ich das kindliche Bedürfnis, mit dem Fuß aufzustampfen und das Bild quer durchs Zimmer zu schleudern, meinem hilflosen Zorn mit einem Wutanfall Luft zu machen. Doch ich drängte die Tränen zurück. »Packt das Bild weg«, sagte ich mit einer gleichgültigen Geste. »Lasst mich allein.«
In jener Nacht saß ich schlaflos am Fenster und blickte in die schwüle Florentiner Nacht hinaus. Noch einmal trauerte ich um alles, was ich verloren hatte, bevor ich mich auf meine neue Wegrichtung besann. Mein Leben in Italien war vorüber. Mochte es auch nicht das sein, was ich wollte, so war es doch mein Schicksal. Ich musste mich der Zukunft stellen.
Schließlich war ich eine Medici.