7 Nach reiflicher Überlegung

Gabe und Lou traten aus der eisigen Luft draußen in die warme, marmorverkleidete Eingangshalle. Als Gabe die cremefarbenen, karamell- und milchschokoladenbraunen Einsprengsel an Wänden, Fußböden und Pfeilern sah, musste er sich beherrschen, um nicht daran zu lecken. Ihm war durchaus bewusst gewesen, dass ihm kalt war, aber erst in dem Moment, als er die Wärme spürte, merkte er, wie sehr. Lou fühlte die neugierigen Blicke, die sich von allen Seiten auf ihn richteten, als er den schlechtgekleideten, struppigen Mann durch die Empfangshalle und weiter zur Herrentoilette im Erdgeschoss führte. Obwohl er selbst nicht hätte sagen können, warum, schaute er vorsorglich in jeder Kabine nach, ob sie leer war, ehe er zu reden begann.

»Hier, das hab ich Ihnen mitgebracht«, sagte er dann und überreichte Gabe den Kleiderstapel, der inzwischen ein wenig feucht geworden war. »Sie können die Sachen behalten.«

Er drehte sich zum Spiegel um, kämmte sich die Haare, bis wieder jedes Haar an seinem Platz lag, wischte sich Graupel und Regen von den Schultern und tat überhaupt sein Bestes, um körperlich und geistig zur Normalität zurückzukehren. Unterdessen sah Gabe die Sachen durch: {68 }eine graue Gucci-Hose, ein weißes Hemd, eine grau-weiß gestreifte Krawatte. Vorsichtig befingerte er alles, als hätte er Angst, dass die Sachen sich bei einer Berührung in Luft auflösen könnten.

Schließlich legte er seine schmutzige Decke im Waschbecken ab und ging zum Umziehen in eine der Kabinen. Lou wanderte unterdessen an den Urinalen auf und ab und beantwortete auf seinem BlackBerry Anrufe und E-Mails. So vertieft war er in seine Arbeit, dass er, als er endlich wieder aufschaute, den Mann, der vor ihm stand, gar nicht erkannte, sondern sich gleich wieder dem Gerät zuwandte. Doch dann stutzte er und sah noch einmal genauer hin.

Nur die Doc Martens, die unter der Gucci-Hose hervorlugten, erinnerten noch an den Mann von vorhin. Lous Sachen passten Gabe wie angegossen. Wie in Trance stand er vor dem Spiegel, und immer wieder wanderte sein Blick staunend über sein neues Selbst. Ohne die unvermeidliche Wollmütze sah man nun auch seine dichten schwarzen Haare – auch sie denen von Lou erstaunlich ähnlich, nur wesentlich struppiger. Jetzt, wo ihm warm geworden war, wirkten Gabes Lippen voll und rot, und auch die Wangen waren gut durchblutet, nicht mehr kalt und blass wie zuvor.

Lou wusste nicht recht, was er sagen sollte, denn er spürte, dass dieser Moment viel tiefgreifender war, als er es momentan verkraften konnte. Also flüchtete er sich in die Unverbindlichkeit.

»Was Sie mir vorhin von den Schuhen erzählt haben – wissen Sie noch?«

Gabe nickte.

»Das war gut. Ich hätte nichts dagegen, wenn Sie auch weiterhin bei solchen Dingen die Augen offen halten. Gelegentlich {69 }können Sie mich ja dann auf den neuesten Stand bringen.«

Gabe nickte erneut.

»Haben Sie einen Platz zum Wohnen?«

»Ja.« Wieder sah Gabe zu seinem Spiegelbild. Seine Stimme klang sehr leise.

»Dann können Sie Harry eine Adresse geben? Er ist jetzt Ihr Chef.«

»Nicht Sie?«

»Nein.« Lou holte den BlackBerry aus der Tasche und begann daran herumzuspielen. »Nein, Sie sind in einer anderen … einer anderen Abteilung.«

»Oh, selbstverständlich.« Gabe richtete sich auf, ein wenig verlegen, weil er wohl etwas anderes erwartet hatte. »Gut. Großartig. Herzlichen Dank, Lou. Ehrlich.«

Lou nickte nur und wischte den Dank hastig beiseite. »Hier.« Mit abgewandtem Blick reichte er Gabe seinen Kamm.

»Danke.« Gabe nahm ihn entgegen, hielt ihn unter den Wasserhahn und begann, seine zerzausten Haare etwas in Form zu bringen. Dann führte Lou ihn eilig wieder aus der Herrentoilette, durch die Marmorhalle und zum Aufzug.

Als Gabe ihm den Kamm zurückgeben wollte, winkte er ab und blickte hektisch in die Runde, um sich zu vergewissern, dass niemand etwas mitbekommen hatte. »Behalten Sie ihn ruhig. Sie haben doch sicher auch eine Sozialversicherungsnummer und das ganze Zeug, ja?«, erkundigte er sich.

Gabe schüttelte betreten den Kopf, und seine Finger strichen über die Seidenkrawatte, als wäre sie ein Haustier und er hätte Angst, es könnte weglaufen.

»Na, keine Bange, das regeln wir schon. Okay«, beruhigte {70 }ihn Lou, schon im Gehen, weil sein Handy zu klingeln begonnen hatte. »Aber jetzt muss ich los, ich hab noch jede Menge Termine.«

»Natürlich. Danke noch mal. Wohin soll ich …?«

Er brach ab, denn Lou hatte ihm bereits den Rücken zugewandt und sprach in sein Handy, wobei er die Lobby fast wie in einem rituellen Tanz durchquerte, die linke Hand in der Tasche und beiläufig mit dem Kleingeld klappernd, die rechte fest ums Telefon gelegt. »Okay, ich muss los, Michael«, sagte er schließlich, klappte das Handy zu und stieß einen missbilligenden Ton aus, als er sah, dass sich inzwischen noch mehr Leute vor den Aufzugstüren versammelt hatten. »Die Aufzüge müssten dringend mal repariert werden«, sagte er laut.

Gabe fixierte ihn mit einem Gesichtsausdruck, den Lou nicht entschlüsseln konnte.

»Was ist?«

»Wohin soll ich gehen?«, wiederholte Gabe seine Frage von vorhin.

»Oh, Entschuldigung, Sie müssen einen Stock runter. Da ist die Poststelle.«

»Oh.« Zuerst machte Gabe einen etwas verblüfften Eindruck, aber dann nahm sein Gesicht wieder seinen üblichen liebenswerten Ausdruck an. »Okay, super, danke«, sagte er und nickte.

»Haben Sie so was schon mal gemacht? Ich wette, so eine Poststelle ist … ganz schön interessant.« Lou war sich zwar bewusst, dass es eine großartige Geste war, Gabe einen Job anzubieten, und dass gegen den Job, den er ihm angeboten hatte, absolut nichts einzuwenden war, aber aus irgendeinem Grund hatte er das Gefühl, dass es nicht reichte. Denn der Mann, der da vor ihm stand, war garantiert {71 }nicht nur zu weit mehr fähig, sondern erwartete auch mehr. Es gab keine vernünftige Erklärung für dieses Gefühl – Gabe war genauso nett, freundlich und verständnisvoll wie immer, aber da war irgendetwas an seiner Art … Lou konnte es nicht genauer definieren.

»Wollen wir uns nachher vielleicht zum Lunch treffen oder so?«, fragte Gabe hoffnungsvoll.

»Nein, das geht leider nicht«, antwortete Lou, und prompt klingelte wieder das Handy in seiner Tasche. »Ich habe noch so viel zu erledigen heute, und ich … « Er verstummte, als die Aufzugstüren sich öffneten und die Wartenden hineinströmten. Doch als Gabe neben ihm einsteigen wollte, erklärte er ihm leise: »Der hier fährt nach oben«, und verhinderte damit, dass Gabe ihm folgte.

»Oh, okay.« Gabe trat ein paar Schritte zurück. Doch ehe die Türen sich endgültig hinter den letzten Nachzüglern schlossen, fragte Gabe: »Warum tun Sie das eigentlich für mich?«

Lou schluckte schwer und stopfte die Hände tief in die Taschen. »Sehen Sie es als Geschenk«, antwortete er, und dann waren die Türen zu.

Als Lou schließlich im vierzehnten Stock ankam und zu seinem Büro ging, stellte er zu seiner großen Überraschung fest, dass Gabe bereits da war. Er schob den Postwagen durch die Gänge und verteilte Päckchen und Briefe auf die Schreibtische.

Lou war dermaßen verblüfft, dass ihm nichts zu sagen einfiel, und so stand er da und starrte Gabe mit offenem Mund an, während er angestrengt überlegte, wie sein Schützling ihn hatte überholen können.

Gabe sah unsicher nach rechts und links. »Äh – das ist doch der dreizehnte Stock, oder nicht?«

»Nein, der vierzehnte«, antwortete Lou gewohnheitsmäßig und etwas atemlos, ohne dass er richtig merkte, was er sagte. »Natürlich sind Sie hier ganz richtig, es ist nur … « Er legte die Hand an die Stirn und bemerkte, dass sie ziemlich heiß war. Hoffentlich hatte er sich draußen im kalten Regen keine Erkältung geholt. »Sie haben es so schnell hier hoch geschafft, dass ich einfach … ach, vergessen Sie’s.« Er schüttelte den Kopf. »Diese elenden Aufzüge«, brummte er vor sich hin und ging weiter zu seinem Büro.

Als Alison ihn entdeckte, sprang sie auf und stellte sich ihm in den Weg. »Marcia ist am Telefon«, rief sie laut. »Mal wieder!«

Gabe schob den Wagen durch den mit dickem Teppich ausgelegten Korridor zu einem anderen Büro, und eins der Räder quietschte laut. Einen Moment beobachtete Lou ihn noch, dann erwachte er endlich aus seiner Trance.

»Ich hab jetzt keine Zeit, Alison, echt nicht. Ich müsste eigentlich schon längst weg sein, ein Meeting, ein Termin. Wo ist mein Schlüssel?« Er wühlte in den Taschen seines Mantels, der an der Garderobe in der Ecke hing.

»Ihre Schwester hat heute Vormittag schon dreimal angerufen«, zischte Alison, die Hand auf den Telefonhörer gepresst, den sie von sich weghielt, als wäre er vergiftet. »So langsam glaubt sie mir nicht mehr, dass ich ihre Nachrichten wirklich weitergebe.«

»Nachrichten?«, wiederholte Lou spöttisch. »Ich kann mich an keine Nachrichten erinnern.«

Alison gab einen Paniklaut von sich und hielt den Hörer in die Luft, noch weiter von Lou entfernt. »Wagen Sie nicht, mir das anzutun, schieben Sie nicht mir die Schuld {73 }in die Schuhe! Auf Ihrem Schreibtisch liegen allein drei Nachrichten von heute Vormittag! Außerdem hasst Ihre Familie mich sowieso schon.«

»Das ist verständlich, oder nicht?« Lou stellte sich dicht vor sie und drängte sie gegen ihren Schreibtisch. Mit einem Blick, der ihr durch und durch ging, ließ er seine Finger langsam ihren Arm hinaufgleiten, bis hoch zu der Hand mit dem Telefon, und nahm es ihr ab. Als er hinter sich ein Hüsteln hörte, trat er hastig einen Schritt von ihr weg und hielt sich den Hörer ans Ohr. Demonstrativ locker drehte er sich dann um – als ginge ihn das alles nichts an – und sah nach, wer sie unterbrochen hatte.

Es war Gabe. Mitsamt seinem quietschenden Postwagen, der diesmal aber anscheinend nicht rechtzeitig auf ihn aufmerksam gemacht hatte.

»Ja, Marcia«, sagte Lou ins Telefon. »Ja, natürlich habe ich deine zehntausend Nachrichten bekommen. Alison hat sie mir freundlicherweise allesamt weitergeleitet.« Dabei lächelte er gewinnend zu Alison hinüber, die ihm aber nur die Zunge herausstreckte und dann Gabe in Lous Büro führte. Vorsichtshalber reckte Lou den Hals, um die beiden im Auge zu behalten.

Gabe sah sich in dem riesigen Raum um wie ein Kind im Zoo, nahm das große Badezimmer rechterhand zur Kenntnis, warf durch die riesigen Panoramafenster einen Blick über die Stadt, betrachtete den massigen Eichenholzschreibtisch, der weit mehr Platz einnahm, als notwendig gewesen wäre, die Couch in der linken Ecke, den Konferenztisch, an dem bequem zehn Leute Platz fanden, und den Fünfzig-Zoll-Plasmafernseher an der Wand. In Dublin gab es Apartments, die kleiner waren als dieser Raum.

Gabe inspizierte alles mit seltsam unergründlichem {74 }Gesicht, und als ihre Blicke sich trafen, lächelte er ebenso seltsam und unergründlich. Lou konnte nichts von der Bewunderung in seinen Augen entdecken, die er sich erhofft hatte, andererseits jedoch auch keine Spur von Neid, eher etwas Amüsiertes. Was auch immer – es machte jedenfalls den Stolz und die Befriedigung, die Lou zu empfinden erwartet hatte, umgehend zunichte. Zwar schien das Lächeln für Lou ganz allein bestimmt zu sein, aber er war absolut nicht sicher, ob Gabe ihn nicht veräppelte. Mit einem Mangel an Selbstvertrauen, den Lou ganz und gar nicht gewohnt war, nickte er Gabe zu.

Unterdessen setzte Marcia am Telefon ihr Geplapper fort, und Lou hatte das Gefühl, dass sein Kopf immer heißer wurde.

»Lou? Lou, hörst du mir überhaupt zu?«, fragte sie mit ihrer sanften Stimme.

»Aber natürlich, Marcia, ich habe nur jetzt leider keine Zeit zum Plaudern, weil ich dringend wegmuss – zwei Termine, beide nicht hier«, erklärte er und fügte nach einer kurzen Pause ein Lachen hinzu, um die Ablehnung zu entschärfen.

»Ja, ich weiß, dass du viel zu tun hast«, erwiderte sie, und ohne im Geringsten vorwurfsvoll zu klingen, fügte sie hinzu: »Wenn wir dich gelegentlich mal sonntags zu Gesicht bekämen, würde ich dich bestimmt nicht so oft bei der Arbeit belästigen.«

»Ach so, darum geht es also.« Er verdrehte die Augen und wartete auf die übliche Tirade.

»Nein, das meine ich überhaupt nicht, bitte hör mir einfach zu. Lou, ich brauche ehrlich deine Hilfe. Normalerweise würde ich dich damit nicht nerven, aber Rick und ich gehen die Scheidungspapiere durch und … « Sie seufzte. {75 }»Na ja, ich möchte es gern richtig machen und kriege es allein nicht hin.«

»Das kann ich mir vorstellen.« Er war nicht sicher, was sie konnte oder nicht konnte, denn er hatte keine Ahnung, wovon sie da redete. Sein Stress wuchs von Minute zu Minute, und zu allem Überfluss wanderte Gabe immer noch in seinem Büro umher, was ihn total ablenkte.

Er dehnte die Telefonschnur bis zur Ecke des Zimmers, um seinen Mantel zu holen. Leider schlug der Balanceakt, gleichzeitig in den Mantel zu schlüpfen und das Telefon zwischen Schulter und Ohr festzuhalten, gründlich fehl, und das Telefon landete auf dem Teppich. Lou zog den Mantel fertig an, bevor er sich schwungvoll bückte, um es aufzuheben. Marcia redete währenddessen unbeirrt immer weiter.

»Kannst du denn wenigstens meine eine Frage nach dem Ort beantworten?«

»Der Ort«, wiederholte er. In seiner Tasche klingelte das Handy, und er legte schnell die Hand darüber, um es auszublenden. Dabei wäre er viel lieber drangegangen.

Einen Moment lang war Marcia still. »Ja. Der Ort«, sagte sie, und ihre Stimme war jetzt so leise, dass Lou die Ohren spitzen musste, um sie zu verstehen.

»Ach ja, der Ort, wo … « Hilfesuchend sah er Alison an. Sie riss endlich die Augen von Gabe los und kam mit einem leuchtend gelben Post-it-Zettel aus seinem Büro zu ihm gerannt.

»Aha!«, rief Lou, schnappte sich den Zettel und vollendete den Satz – wobei man ihm allerdings deutlich anhörte, dass er die Worte ablas: »Der Ort für die Geburtstagsfeier Ihres, ich meine, unseres Vaters. Du suchst also eine geeignete Location für Dads Geburtstag.«

Wieder fühlte Lou eine Präsenz in seinem Rücken.

»Ja«, bestätigte Marcia erleichtert. »Aber du musst nichts suchen, wir haben schon zwei zur Auswahl – erinnerst du dich? Das hab ich dir neulich schon gesagt. Ich brauche bloß deine Hilfe bei der Entscheidung. Quentin findet das eine besser, ich das andere, Mum möchte sich am liebsten raushalten, und … «

»Kannst du mich bitte später auf dem Handy anrufen, Marcia? Ich muss jetzt wirklich los, sonst schaffe ich mein Lunch-Meeting nicht mehr.«

»Nein, Lou! Sag mir einfach, wo … «

»Hör mal, ich weiß da eine tolle Location«, unterbrach er sie erneut mit einem Blick auf seine Armbanduhr. »Die wird Dad garantiert gefallen und allen anderen auch«, versuchte er sie abzuspeisen.

»Ich möchte aber nichts Neues. Du weißt doch, wie Dad ist. Nur ein kleines Familientreffen in einer Umgebung, in der er sich wohl–«

»Intim und gemütlich. Verstanden.« Lou nahm Alison einen Stift aus der Hand und notierte hektisch Stichpunkte für die Feier, deren Planung er Alison anzuvertrauen gedachte. »Wunderbar. Wie war noch mal das Datum, an dem die Party steigen soll?«

»An seinem Geburtstag.« Bei jeder Antwort wurde Marcias Stimme leiser.

»Richtig, an seinem Geburtstag.« Fragend blickte Lou zu Alison hinüber, die sofort zu ihrem Kalender stürzte und in Höchstgeschwindigkeit zu blättern begann. »Ich dachte, wir wollten am Wochenende feiern, damit alle da sein können. Du weißt schon, Onkel Leo soll sich auf dem Tanzparkett austoben und so«, scherzte er.

»Man hat bei ihm gerade Prostatakrebs festgestellt.«

»Darauf wollte ich eigentlich nicht hinaus. Welches Wochenende liegt am nächsten?«

»Daddys Geburtstag fällt auf einen Freitag«, antwortete sie müde. »21. Dezember, Lou. Genau wie letztes Jahr und all die Jahre davor.«

»Am 21. Dezember, richtig.« Er sah Alison vorwurfsvoll an, die ein schuldbewusstes Gesicht machte, weil sie des Rätsels Lösung nicht als Erste gefunden hatte. »Das ist nächstes Wochenende, Marcia. Warum hast du die Planung denn so lange verschleppt? Ist doch reichlich spät, erst jetzt damit anzufangen.«

»Ich hab nichts verschleppt, ich hab dir doch gesagt, es ist alles vorbereitet. Beide Möglichkeiten sind längst vorgemerkt.«

Wieder hörte Lou nur die halbe Antwort, nahm Alison den Kalender aus der Hand und blätterte nun seinerseits hektisch darin herum. »Ach, so ein Mist, das geht bei mir ja gar nicht. An dem Tag haben wir hier im Büro unsere Weihnachtsfeier, da kann ich unmöglich fehlen, es kommen ein paar wichtige Kunden. Aber wir könnten Dads Feier doch auch am Samstag machen, dann verschiebe ich ein paar Termine«, überlegte er laut. »Ja, der Samstag könnte funktionieren.«

»Dein Vater wird siebzig, du kannst wegen einer Weihnachtsfeier nicht einfach das Datum ändern«, erwiderte sie ungläubig. »Außerdem haben wir schon alles für den Einundzwanzigsten geplant, die Musik, das Essen, alles. Wir müssen uns nur noch endgültig für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden … «

»Sag beide ab«, ordnete Lou abschließend an und erhob sich von der Schreibtischkante. »Die Location, die ich im Sinn habe, organisiert auch Catering und Musik, {78 }du brauchst also keinen Finger krummzumachen. Okay? Alles geregelt. Super. Ich geb dir noch mal Alison, dann kann sie sich noch die fehlenden Details notieren.« Er legte das Telefon auf dem Schreibtisch ab und griff nach seiner Mappe.

Hastig stopfte er noch ein paar Akten von Alisons Schreibtisch hinein und fragte dabei, ohne sich zu Gabe, dessen Gegenwart er genau spürte, umzudrehen: »Alles in Ordnung, Gabe?«

»Japp, alles in Butter. Ich dachte, wir könnten zusammen mit dem Aufzug runterfahren, wo wir doch den gleichen Weg haben.«

»Oh.« Lou ließ seine Mappe zuschnappen, wandte sich zum Gehen und eilte ohne innezuhalten zum Aufzug. Plötzlich befürchtete er, einen großen Fehler gemacht zu haben und Gabe jetzt klarmachen zu müssen, dass er ihm nicht deshalb einen Job gegeben hatte, weil er einen Freund suchte. Er drückte den Knopf, und während er darauf wartete, dass die Zahlen auf dem Display über der Tür größer wurden, machte er sich an seinem Handy zu schaffen.

»Dann haben Sie also eine Schwester?«, erkundigte Gabe sich leise.

»Richtig«, antwortete Lou, ohne von seiner SMS aufzuschauen. Er kam sich vor, als wäre er wieder in der Schule und müsste einem komischen Typen, zu dem er ein einziges Mal nett gewesen war, klarmachen, dass er keinen Wert auf seine Gesellschaft legte. Ausgerechnet jetzt weigerte sich sein Telefon zu klingeln.

»Schön.«

»Hm.«

»Wie bitte?«

Gabes Reaktion war so barsch, dass Lou unwillkürlich den Kopf hob und ihn ansah.

»Ich hab Sie nicht verstanden«, wiederholte Gabe oberlehrerhaft.

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund bekam Lou plötzlich ein schlechtes Gewissen, und er steckte das Handy rasch in die Tasche. »Entschuldigung, Gabe«, sagte er und wischte sich über die Stirn. »Heute ist ein sonderbarer Tag, ich bin nicht ganz ich selbst.«

»Wer sind Sie denn stattdessen?«

Verwirrt starrte Lou ihn an, aber Gabe lächelte nur.

»Sie haben gerade etwas über Ihre Schwester gesagt.«

»Hab ich das? Na ja, Marcia ist eben Marcia«, seufzte Lou. »Sie macht mich verrückt mit der Organisation der Party zum siebzigsten Geburtstag meines Vaters. Leider ist der Geburtstag am gleichen Tag wie die Weihnachtsfeier in der Firma, was natürlich ein Problem ist, wissen Sie. Die Feier ist nämlich immer ganz nett.« Er sah Gabe an und zwinkerte. »Sie werden ja sehen, was ich meine. Aber jetzt nehme ich die Organisation für den Siebzigsten in die Hand, damit Marcia sich mal ein bisschen entspannen kann«, erklärte er weiter.

»Glauben Sie, es macht ihr keinen Spaß, die Geburtstagsfeier für Ihren Vater zu organisieren?«, wollte Gabe wissen.

Lou sah weg. Marcia hatte sich schon das ganze Jahr mit großem Elan der Planung des Geburtstags gewidmet. Ihr jetzt das Heft aus der Hand zu nehmen war für Lou eine Erleichterung, denn er ertrug es nicht, am Tag zwanzig Telefonate über Kuchensorten führen zu müssen. Oder über die Frage, ob drei altersschwache Tanten in seinem Haus übernachten durften und ob er fürs Büfett leihweise ein {80 }paar Vorlegelöffel entbehren konnte. Seit ihrer Scheidung hatte sich Marcia total auf diese Feier konzentriert. Wenn sie ihrer Ehe so viel Aufmerksamkeit gewidmet hätte wie dieser Party, müsste sie jetzt wahrscheinlich nicht jeden Tag ihren Freundinnen im Fitnessstudio etwas vorheulen, dachte Lou. Er tat also nicht nur sich selbst, sondern auch ihr einen Gefallen, wenn er die Organisation der Feier übernahm. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Ganz nach seinem Geschmack.

»Aber Sie gehen doch zur Geburtstagsfeier Ihres Vaters, oder nicht?«, fragte Gabe. »Ihr Vater wird schließlich siebzig«, fügte er hinzu und stieß einen leisen Pfiff aus. »So was will man doch nicht versäumen.«

Irritation und Unbehagen machten sich erneut in Lou breit. Unsicher, ob Gabe ihm eine Moralpredigt halten oder nur freundlich sein wollte, musterte er ihn verstohlen von der Seite, aber Gabe war anscheinend voll und ganz mit den Umschlägen auf seinem Wagen beschäftigt.

»Oh, natürlich geh ich hin«, beteuerte Lou mit einem falschen Lächeln. »Zumindest schau ich mal vorbei. War natürlich immer so geplant«, setzte er gezwungen hinzu. Warum zum Teufel rechtfertigte er sich eigentlich?

Gabe reagierte nicht, und nach ein paar Sekunden angespannter Stille drückte Lou ungeduldig ein paarmal hintereinander auf die Ruftaste neben der Aufzugstür. »Diese Dinger sind so verdammt langsam«, schimpfte er.

Kurz darauf nahte der Aufzug, aber als die Türen sich öffneten, war sofort klar, dass in der überfüllten Kabine bestenfalls noch Platz für einen weiteren Fahrgast war.

Gabe und Lou sahen einander an.

»Na, kann vielleicht mal einer von euch einsteigen?«, blökte einer der Fahrgäste schlecht gelaunt.

»Nur zu, gehen Sie schon«, sagte Gabe. »Ich muss ja auch noch das hier runterbringen«, fügte er hinzu und machte eine Kopfbewegung zu seinem Postwagen. »Ich nehme dann den nächsten.«

»Sicher?«

»Wo bleibt der Abschiedskuss?«, rief ein Witzbold, und der Rest der Leute lachte.

Hastig stieg Lou ein, konnte aber die Augen nicht von Gabes Gesicht abwenden. Dann schlossen sich die Türen, und der Lift fuhr nach unten.

Nach zwei Zwischenstopps erreichten sie das Erdgeschoss, und da Lou ganz hinten eingekeilt stand, wartete er, bis alle ausgestiegen waren. Er sah zu, wie die Angestellten zur Tür der Lobby hasteten, um – warm eingepackt und gerüstet gegen die Elemente – zum Lunch zu gehen.

Die Menge verlief sich, und Lous Herz setzte einen Schlag aus, als er am Sicherheitstresen Gabe entdeckte, der schon nach ihm Ausschau hielt.

Langsam stieg Lou aus und ging auf ihn zu.

»Ich habe vergessen, Ihnen das hier auf den Schreibtisch zu legen«, erklärte Gabe und überreichte Lou einen dünnen Umschlag. »Das hatte sich unter der Post von jemand anderem versteckt.«

Lou nahm den Umschlag und sah ihn nicht mal an, bevor er ihn in die Manteltasche stopfte.

»Stimmt irgendwas nicht?«, fragte Gabe, aber seiner Stimme war keine Spur von Besorgtheit anzumerken.

»Nein. Alles in Ordnung.« Aber Lou ließ Gabe nicht aus den Augen. »Wie sind Sie denn so schnell hier runtergekommen?«

»Hier runter?«, fragte Gabe und deutete auf den Boden.

»Ja, hier runter«, bestätigte Lou sarkastisch. »Ins Erdgeschoss. Vom vierzehnten Stock. Wo ich Sie noch vor dreißig Sekunden gesehen habe.«

»Ach so«, meinte Gabe fröhlich und lächelte. »Aber ich glaube nicht, dass es dreißig Sekunden waren.«

»Und?«

»Und … « Er zögerte. »Vermutlich war ich schneller als Sie.«

Achselzuckend löste er dann mit dem Fuß die Bremse an seinem Wagen und machte sich bereit zum Weiterschieben. Im gleichen Augenblick begann Lous Handy zu klingeln, und sein BlackBerry signalisierte eine E-Mail.

»Sie müssen los«, stellte Gabe trocken fest und entfernte sich langsam. »Dinge treffen, Leute erledigen«, zitierte er Lous Scherz. Dann entblößte er seine leuchtend weißen Zähne in einem Lächeln, das bei Lou das gegenteilige Gefühl wie am Vormittag auslöste. Nichts war mehr übrig von der kuscheligen Behaglichkeit, die er da empfunden hatte. An ihrer Stelle durchfuhr ihn ein Wirbelsturm von Angst und Sorge, fegte mitten durch sein Herz und von dort in den Bauch. Herz und Bauch. Beides gleichzeitig.