Der Rest der Geschichte

21 Der Mann der Stunde

»Aufwachen, aufwachen«, durchdrang eine Singsangstimme Lous betrunkene Träume, in denen alles zum hundertsten Mal wiederholt wurde: Er wischte Lucy die Stirn ab, steckte Pud den Schnuller wieder in den Mund, hielt Lucys Haare zurück, während sie sich über die Toilette beugte, nahm seine Frau in den Arm, ihr Körper entspannte sich, dann ging es wieder zurück zu Lucys Stirn, Pud spuckte den Schnuller aus, und Ruth lächelte, als er ihr sagte, dass er sie liebte.

Der Duft von frischem Kaffee stieg ihm in die Nase. Endlich schlug er die Augen auf – und fuhr so erschrocken zurück, dass er mit seinem sowieso schon schmerzenden Kopf gegen die harte Betonwand schlug.

Wo war er überhaupt? Das, was seine frisch geöffneten Augen morgens begrüßte, war manchmal mehr und manchmal weniger angenehm. Weit häufiger als ein Kaffeebecher, wie er ihm in diesem Augenblick unter die Nase gehalten wurde, weckte ihn der Klang einer Klospülung, und gelegentlich – wenn auch sehr selten – war das Warten darauf, dass die geheimnisvolle Klospülerin aus dem Badezimmer zurückkehrte und ihr Gesicht im Schlafzimmer zeigte, so nervtötend gewesen, dass Lou in der Zwischenzeit vorsichtshalber aus dem Bett und sogar aus dem Gebäude {232 }verschwunden war, ehe die mysteriöse Dame wieder auftauchte.

An dem Morgen, nachdem Lou Suffern zum ersten Mal verdoppelt worden war, wurde er allerdings mit einem vollkommen neuen Szenario konfrontiert: Vor ihm stand ein Mann in seinem Alter und streckte ihm mit zufriedenem Gesicht einen Becher Kaffee entgegen. So etwas war noch nie da gewesen. Zum Glück war der andere Mann Gabe, und Lou stellte erleichtert fest, dass sie beide voll bekleidet waren und kein geheimnisvolles Klospülen drohte. Mit dröhnendem Schädel, im Mund den ekelhaften Geschmack verwesender Ratten – der sich ihm leider so heftig aufdrängte wie ein Präsidentschaftskandidat im Wahlkampf seinen potentiellen Wählern – betrachtete er die Umgebung.

Er lag auf dem Boden. Das erkannte er, weil der Beton ziemlich nahe war, während die Decke mit den herunterhängenden Kabeln ziemlich hoch über ihm schwebte. Trotz des Schlafsacks, der sich unter ihm befand, war der Betonboden sehr hart. Er hatte einen Krampf im Nacken, weil sein Kopf ziemlich unbequem an die Betonwand gepresst gewesen war. Über ihm reckten sich hohe Metallregale bis zur Decke: hart, grau, kalt und deprimierend wie die Kräne, die Dublins Skyline durchsetzten, metallene Eindringlinge, die sich als Aufseher über eine sich entwickelnde Stadt aufspielten. Zu seiner Linken war die schirmlose Lampe, die schuld an dem gnadenlosen weißen Licht war, das nicht wirklich das Zimmer erhellte, sondern wie eine Pistole in einer ruhigen Hand ganz direkt auf Lous Kopf zielte. In diesem grellen Licht war kein Irrtum möglich – er befand sich in Gabes Abstellkammer im Keller des Bürogebäudes. Über ihm stand Gabe und streckte ihm einen dampfenden {233 }Becher Kaffee entgegen. Der Anblick war vertraut, ein Spiegelbild der Szene letzte Woche, als Lou auf der Straße stehen geblieben war, um Gabe einen Kaffee anzubieten. Nur war das Bild diesmal verdreht und beunruhigend wie im Spiegelkabinett, denn Lou konnte nicht leugnen, dass er heute unten war und Gabe oben.

»Danke.« Er nahm Gabe den Becher ab und legte die Hände um das warme Porzellan. »Kalt hier drin«, stellte er fröstelnd fest. Seine ersten Worte waren ein Krächzen, und als er sich aufsetzte, spürte er, wie die Last der Welt auf seinen Kopf herniederkrachte, und der zweite Kater in Folge erinnerte ihn daran, dass das Älterwerden ihm zwar viele Gründe zum Feiern beschert hatte – zum Beispiel, dass seine Nase, die als Junge immer viel zu groß für sein Gesicht gewesen war, irgendwann recht wohlproportioniert wirkte –, aber dass seine Alkoholresistenz nicht dazugehörte.

»Ja, jemand hat mir ein Heizgerät versprochen, aber ich warte noch darauf, dass es ankommt«, grinste Gabe. »Keine Sorge, ich hab gehört, dass blaue Lippen zurzeit total in sind.«

»Oh, tut mir leid wegen des Heizgeräts, ich sage Alison Bescheid«, murmelte Lou und nahm einen Schluck von dem schwarzen Kaffee. Nachdem er die ersten Momente nach dem Aufwachen gebraucht hatte, um zu kapieren, wo er war, sich die Verwirrung über seinen Aufenthaltsort nun jedoch gelegt hatte und er sich über seine Lage im Klaren war, konnte er einigermaßen entspannt seinen Kaffee genießen. Doch gleich nach dem ersten Schluck fiel ihm ein anderes Problem ein.

»Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?« Er setzte sich aufrecht hin und inspizierte sich nach eventuellen Hinweisen. Er trug noch den Anzug von gestern, ein zerknittertes, {234 }zerknautschtes Fiasko mit für sich selbst sprechenden Flecken auf Hemd, Krawatte und Jackett. Genau genommen war er überall ziemlich dreckig. »Was stinkt hier eigentlich so?«

»Ich glaube, das sind Sie«, antwortete Gabe. »Ich hab Sie auf dem Hinterhof gefunden, wie Sie in einen Müllcontainer gekotzt haben.«

»O Gott«, flüsterte Lou und schlug die Hände vors Gesicht.

Dann blickte er verwirrt auf. »Aber ich war gestern Abend doch zu Hause. Ruth und Lucy waren krank, Magen-Darm-Grippe. Und als sie endlich eingeschlafen sind, ist Pud aufgewacht.« Er rieb sich müde das Gesicht. »Hab ich das nur geträumt?«

»Nein, nein«, antwortete Gabe fröhlich, während er heißes Wasser auf seinen Pulverkaffee goss. »Da waren Sie natürlich auch, gleichzeitig. Sie hatten ziemlich viel zu tun letzte Nacht, erinnern Sie sich nicht mehr?«

Es dauerte einen Moment, bis Lou die Ereignisse wieder aus seinem Gedächtnis abrufen konnte, aber dann fielen die Groschen auf einmal haufenweise – wie in einem kaputten Münzautomaten –, und eine Welle von Erinnerungen überrollte ihn: die Tablette, die Verdoppelung und alles, was damit einhergegangen war.

»Diese Frau, die ich kennengelernt habe … « Er brach mitten im Satz ab, denn er wollte einerseits wissen, was passiert war, und andererseits – absolut gleichzeitig! – auch wieder überhaupt nicht. Ein Teil in ihm war von seiner Unschuld überzeugt, während ein anderer ihn am liebsten nach draußen geschleppt und windelweich geprügelt hätte. Womöglich hatte er seine Ehe aufs Spiel gesetzt – und das nicht zum ersten Mal. Kalter Schweiß brach ihm aus allen {235 }Poren, was der Duftmischung im Raum eine neue Geruchsnote beifügte.

Gabe ließ ihn eine Weile schmoren, blies auf seinen Kaffee und trank winzige Schlückchen, wie eine Maus, die an heißem Käse knabbert.

»Sie haben also eine Frau kennengelernt?«, fragte er schließlich ganz unschuldig und mit großen Augen.

»Ich, äh … ich hab eine … ist ja auch egal. War ich allein, als Sie mich heute Nacht gefunden haben?« Gleiche Frage, anders formuliert. Beides gleichzeitig.

»Ja, Sie waren allein, ganz allein. Allerdings nicht einsam, Sie schienen ganz zufrieden zu sein mit Ihrer eigenen Gesellschaft, aber Sie haben ständig irgendwas von einer Frau gemurmelt, das stimmt schon«, neckte ihn Gabe. »Anscheinend hatten Sie die junge Dame verloren und konnten sich nicht mehr erinnern, wo Sie sie hingesteckt hatten. Auf dem Boden des Müllcontainers war sie jedenfalls nicht.«

»Was habe ich gesagt? Ich meine, erzählen Sie es mir lieber nicht so genau, ich will nur wissen, ob es etwas war über … über … na, Sie wissen schon … Scheiße, wenn ich was mit dieser Frau angefangen habe, wird Ruth mich umbringen.« Tränen traten ihm in die Augen. »Ich bin so ein Riesenarschloch.« Frustriert kickte er die Kiste am Fußende des Schlafsacks weg.

Gabes Lächeln verblasste, denn er merkte, dass Lou es ernst meinte. »Nein, Sie haben nichts mit ihr angefangen«, versicherte er ihm mit Bestimmtheit.

»Woher wissen Sie das denn so genau?«

»Ich weiß es eben.«

Lou musterte ihn neugierig. Misstrauisch sogar. Obwohl er ihm andererseits vertraute. Gleichzeitig. In diesem Augenblick war Gabe alles, was er hatte. Zwar hatte er ihn {236 }einfach hierhergeschleppt, aber er sorgte für ihn wie ein Vater. Allmählich begann er ihn zu mögen. Gabe war der einzige Mensch, der seine Lage verstand, aber gleichzeitig hatte er ihn auch in diese Lage gebracht. Eine gefährliche Beziehung.

»Gabe, wir müssen uns echt mal über diese Tabletten unterhalten. Ich möchte sie nicht mehr haben.« Lou holte den Pillenbehälter aus der Tasche. »Ich meine, letzte Nacht war eine Offenbarung, wirklich, in vielerlei Hinsicht.« Wieder rieb er sich die müden Augen und dachte an den Klang seiner besoffenen Stimme am Telefon. »Ich meine, gibt es mich jetzt zweimal?«

»Nein, jetzt sind Sie wieder einer«, erklärte Gabe. »Schokobrötchen?«

»Aber was ist mit Ruth?«, fuhr Lou fort, ohne auf das Angebot zu achten. »Wenn sie aufwacht, und ich bin nicht da, wird sie sich Sorgen machen. Bin ich einfach verschwunden?«

»Sie wird aufwachen und Sie sind weg, bei der Arbeit, genau wie immer.«

Lou verdaute die Information und beruhigte sich ein bisschen. »Aber das ist doch nicht richtig, das ergibt keinen Sinn. Wir müssen uns darüber unterhalten, woher Sie diese Pillen haben.«

»Sie haben recht, das müssen wir«, antwortete Gabe ernst, nahm die Dose aus Lous Hand und stopfte sie in seine Tasche. »Aber jetzt noch nicht. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt.«

»Was meinen Sie damit – der richtige Zeitpunkt?«

»Damit meine ich, es ist gleich halb neun, und Sie haben noch ein Meeting, bei dem Sie unbedingt erscheinen sollten, ehe Alfred reinfegt und Ihnen die Show stiehlt.«

Sofort stellte Lou achtlos die Kaffeetasse auf einem Bord zwischen einem Verlängerungskabel und einem Stapel Mausefallen ab, sprang auf, vergaß alle Sorgen wegen der seltsamen Pillen und vergaß auch, sich zu wundern, woher Gabe von seinem Termin um halb neun wusste.

»Sie haben völlig recht, ich muss los. Wir reden dann später.«

»Gut, aber so können Sie sich beim Meeting wirklich nicht blicken lassen«, lachte Gabe, während er den Blick über Lous zerknautschten, schmutzigen Anzug gleiten ließ. »Außerdem riechen Sie bestialisch nach Kotze. Und nach Katzenpisse. Glauben Sie mir, ich kann das beurteilen, ich habe für so was inzwischen eine ziemlich gute Nase.«

»Das geht schon«, entgegnete Lou, schaute auf die Uhr und zog gleichzeitig sein Jackett aus. »Ich dusche schnell in meinem Büro und zieh meinen Ersatzanzug an.«

»Das geht leider nicht. Den Ersatzanzug trage ich, haben Sie das schon vergessen?«

Lou schaute Gabe an, und plötzlich fiel ihm wieder ein, wie er ihm am ersten Tag, als er ihm den Job angeboten hatte, seine Klamotten überlassen hatte. Garantiert hatte Alison die Sachen noch nicht wieder ersetzt, denn für diese Art von Umsicht war sie noch nicht lange genug seine Sekretärin.

»Scheiße! Scheiße, Scheiße und noch mal Scheiße!« Lou tigerte in dem kleinen Raum auf und ab, kaute nervös an seinen manikürten Nägeln, riss ein Stück ab und spuckte es auf den Boden, riss und spuckte.

»Keine Sorge, meine Putzfrau kümmert sich darum«, grinste Gabe amüsiert, während er zusah, wie die abgebissenen Nagelstückchen auf dem Betonboden landeten.

Lou achtete nicht auf ihn und tigerte weiter. »Die Läden {238 }machen erst um neun auf. Wo zum Teufel kriege ich jetzt einen Anzug her?«

»Keine Angst, ich glaube, ich habe etwas hier in meinem Ankleidezimmer«, sagte Gabe, verschwand im Nebengang und kam mit dem neuen, noch in Plastik gehüllten Anzug wieder zum Vorschein. »Ich hab’s ja gesagt – man weiß nie, wann man einen neuen Anzug brauchen kann. Genau Ihre Größe und alles. Fast, als wäre er eigens für Sie gemacht worden.« Er zwinkerte Lou zu und fügte, während er ihm den Anzug überreichte, gespielt theatralisch hinzu: »Möge Ihre äußere Würde die innere Würde Ihrer Seele widerspiegeln.«

»Äh, ja, sicher«, erwiderte Lou unsicher und nahm den Anzug von Gabes ausgestreckter Hand.

 

Im leeren Aufzug betrachtete Lou sich im Spiegel. Er hatte keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem Mann, der vor einer halben Stunde im Keller auf dem Fußboden aufgewacht war. Obwohl der Anzug, den Gabe ihm gegeben hatte, von einem gänzlich unbekannten Designer stammte – was Lou nicht gewohnt war –, saß er besser als alle anderen Anzüge, die er jemals getragen hatte. Das hellere Blau von Hemd und Krawatte brachte zusammen mit dem Marineblau von Jackett und Hose seine Augen zum Leuchten und ließ sie unschuldig und fast engelhaft wirken.

An diesem Tag entwickelten die Dinge sich wirklich prächtig für Lou Suffern. Er war wieder in seiner üblichen Topform, gepflegt und attraktiv, und seine von Gabe blitzblankpolierten Schuhe tänzelten so leicht und locker übers Pflaster wie eh und je. Sein Gang war beschwingt, seine linke Hand steckte leger in der Tasche, während die rechte {239 }lässig im Rhythmus seiner Schritte schwang, jederzeit bereit, ans Handy zu gehen und/oder die Hand eines anderen Menschen zu schütteln. Lou war der Mann der Stunde. Nach einem Telefongespräch mit seiner Frau und mit Lucy war er für seine Tochter der Vater des Jahres, und auch seine Chancen, es in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten zum Ehemann des Jahres zu bringen, hatten sich deutlich verbessert. Er war glücklich – so glücklich, dass er vor sich hin pfiff und nicht einmal damit aufhörte, als Alison ihm sagte, dass seine Schwester ihn sprechen wollte. Fröhlich griff er zum Telefon und parkte seinen Hintern auf der Ecke von Alisons Schreibtisch.

»Marcia, guten Morgen«, sagte er munter.

»Na, du hast ja heute anscheinend richtig gute Laune. Ich weiß, du bist ein vielbeschäftigter Mann, Lou, aber ich wollte dir nur mitteilen, dass wir die Einladungen zu Dads Geburtstag bekommen haben. Sie sind … sehr hübsch … sehr aufwendig … nicht das, was ich ausgesucht hätte, aber … na ja, jedenfalls haben inzwischen schon ein paar Leute angerufen und gemeint, sie hätten noch keine Einladung gekriegt.«

»Oh, dann sind sicher welche in der Post verlorengegangen«, meinte Lou. »Wir können einfach morgen noch welche losschicken.«

»Aber das Fest ist morgen, Lou.«

»Was?« Er runzelte die Stirn und schaute mit zusammengekniffenen Augen auf den Wandkalender.

»Ja, morgen hat Dad Geburtstag«, erklärte sie, und ihre Stimme hatte wieder einen leicht panischen Unterton. »Die Einladungen kommen nicht mal mehr an, wenn du sie jetzt gleich in die Post gibst. Deshalb wollte ich mich nur vergewissern, dass es okay ist, wenn die Betreffenden einfach {240 }ohne Einladung aufkreuzen – ich meine, es ist ja nur eine Familienfeier.«

»Keine Sorge, schick uns die Liste einfach noch mal per E-Mail, die geben wir dann dem Türsteher. Alles unter Kontrolle.«

»Ich könnte ein paar Dinge mitbringen, die … «

»Alles unter Kontrolle«, unterbrach er sie mit fester Stimme.

Inzwischen beobachtete er, wie seine Kollegen den Korridor hinunter zum Konferenzzimmer eilten, Alfred ziemlich zum Schluss in seinem Blazer mit den großen Goldknöpfen, der aussah, als wollte er Kapitän auf einem Kreuzfahrtschiff werden.

»Was passiert denn auf der Party, Lou?«, fragte Marcia nervös.

»Was da passiert?« Lou lachte. »Ach, komm schon, Marcia, wir wollen doch, dass es für alle eine Überraschung ist.«

»Weißt du denn, was die vorhaben?«

»Ob ich weiß, was die vorhaben? Traust du meinen organisatorischen Fähigkeiten nicht, oder was?«

»Ich mach mir nur Sorgen, weil du bis jetzt jede meiner Fragen wiederholt hast, um mir auszuweichen«, entgegnete sie wie aus der Pistole geschossen.

»Natürlich kenne ich das Programm für die Feier! Glaubst du vielleicht, ich würde das alles Alison überlassen?« Wieder lachte er laut. »Alison kennt Dad überhaupt nicht, sie hat ihn noch nie gesehen«, fügte er hinzu, womit er wiederholte, was diverse Familienmitglieder bereits hinter seinem Rücken gemurmelt hatten.

»Na ja, es ist einfach wichtig, dass jemand von der Familie sich engagiert, Lou – diese Alison scheint ja eine nette {241 }junge Frau zu sein, aber sie war bislang nicht sonderlich entgegenkommend. Und ich möchte, dass Dad sich freut und wohlfühlt.«

»Das wird er auch, Marcia, das wird er.« Lous Magen grummelte unbehaglich. »Wir werden alle unseren Spaß haben, das verspreche ich dir. Also, du weißt ja, dass ich am Anfang noch nicht dabei sein kann, weil ich eine Weile auf der Feier hier im Büro bleiben muss. Aber danach komme ich sofort zu euch rüber.«

»Ich weiß, dafür habe ich vollstes Verständnis. O Gott, Lou, ich möchte doch nur, dass Dad die Feier gefällt. Er ist immer so damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass wir anderen alle glücklich sind. Jetzt soll er sich endlich auch mal entspannen und einfach nur Spaß haben.«

»Ja.« Lou schluckte, allmählich wurde er nervös. »Das will ich doch auch. Okay, aber jetzt muss ich los, ich hab ein Meeting. Bis morgen dann, ja?«

Er gab Alison das Telefon zurück, aber sein Lächeln war verschwunden. »Es ist doch wirklich alles unter Kontrolle, ja?«

»Was?«

»Die Party«, sagte er fest. »Die Geburtstagsfeier für meinen Vater.«

»Lou, ich versuche die ganze Zeit, Sie wegen aller möglichen Details zu fragen, die wir … «

»Ist nun alles unter Kontrolle oder nicht? Sie würden es mir doch sagen, wenn es nicht so wäre, oder?«

»Selbstverständlich.« Alison lächelte nervös. »Die Location, die Sie ausgesucht haben, ist sehr … äh … sehr cool, könnte man sagen, und die haben dort sogar ein eigenes Event-Management-Team. Das habe ich Ihnen im Lauf der letzten Woche ja schon ein paarmal erzählt«, {242 }fügte sie rasch hinzu. »Außerdem habe ich Ihnen das Angebot für das Essen und die Musik auf den Schreibtisch gelegt, damit Sie sich etwas aussuchen können, aber weil Sie es nicht gemacht haben, musste ich alles selbst entschei–«

»Okay, Alison, eine Anmerkung für die Zukunft: Wenn ich Sie frage, ob alles unter Kontrolle ist, möchte ich als Antwort nur ein einfaches Ja oder ein Nein hören«, sagte er höflich, aber bestimmt. »Ich habe wirklich keine Zeit für Fragen zwischendurch oder irgendwelche Memos auf meinem Schreibtisch, ich muss nur wissen, ob Sie dafür sorgen können, dass etwas klappt, oder nicht. Wenn nicht, ist das auch in Ordnung, dann müssen wir eben etwas anderes suchen. Alles klar so weit?«

Sie nickte hektisch.

»Super.« Er klatschte in die Hände und sprang vom Schreibtisch. »Dann gehe ich jetzt mal lieber zu meinem Meeting.«

»Hier.« Sie reichte ihm seine Akten. »Und herzlichen Glückwunsch zu den beiden Deals gestern, alle reden schon darüber.«

»Ach wirklich?«

»Ja«, antwortete sie und sah ihn mit großen Augen an. »Manche meinen auch, dass Sie bestimmt Cliffs Stelle kriegen.«

Das war natürlich Musik in Lous Ohren, aber er wiegelte rasch ab. »Wir sollten nichts überstürzen, Alison. Schließlich wünschen wir uns doch alle, dass Cliff bald wieder gesund wird.«

»Selbstverständlich tun wir das, aber … na ja, wie auch immer.« Sie lächelte. »Sehen wir uns dann bei der Weihnachtsfeier morgen?«

»Na klar«, antwortete er und erwiderte ihr Lächeln, aber erst im Weggehen, als er sich bereits dem Konferenzraum näherte, begriff er endlich, was sie damit gemeint hatte.

Als Lou den Konferenzraum betrat, standen alle zwölf Teilnehmer an dem runden Tisch auf, um ihm zu applaudieren, lächelten von einem Ohr zum anderen, mit blitzenden Zähnen, aber ohne dass das Lächeln die müden Morgenaugen erreichte, und an manch einer gestressten Schulter, die dringend eine Massage nötig gehabt hätte, erkannte man sogar eine gewisse Anspannung und Gereiztheit. Mit solchen Problemen musste sich jeder, den Lou kannte, auseinandersetzen. Die meisten bekamen nicht genug Schlaf, die meisten waren unfähig, sich von der Arbeit und den ganzen dazugehörigen Geräten wie Laptops, Handhelds und Handys loszureißen, und es gab mit Sicherheit kein Familienmitglied, das die ganzen Apparate nicht am liebsten ins Klo geschmissen und runtergespült hätte. Natürlich freuten sich diese Leute für Lou, aber eben auf ihre eigene gestresste, von elektromagnetischer Energie überladene Art. Sie funktionierten alle, um zu überleben und ihre Hypotheken abzuzahlen, sie machten ihre Präsentationen, bemühten sich, dem Chef zu gefallen, fuhren morgens extra früh los, um nicht in den Stoßverkehr zu geraten, und blieben abends länger, damit die schlimmsten Staus sich schon wieder aufgelöst hatten. Alle in diesem Raum Versammelten schoben unglaubliche Mengen von Überstunden, um vor Weihnachten rechtzeitig mit ihrer Arbeit fertig zu werden, und erreichten damit zuerst und vor allem, dass der Haufen persönlicher Probleme, der sich in ihrem Posteingang stapelte, ins Unermessliche anwuchs. Dieser Berg musste dann über Weihnachten abgetragen werden, wenn endlich Zeit {244 }war für Familienprobleme, die man das ganze Jahr über tunlichst beiseitegeschoben hatte. Das Fest des Familienwahnsinns.

Angeführt wurde der Applaus von Mr Patterson, der übers ganze Gesicht strahlte, und alle stimmten ein – alle außer Alfred, der sich auffallend langsam erhob. Als die anderen schon standen, war er noch dabei, umständlich seinen Stuhl zurückzuschieben, als die anderen klatschten, zupfte er noch seine Krawatte zurecht und knöpfte seine Goldknöpfe zu. Immerhin schaffte er es, einmal zu klatschen, bevor der Beifall wieder erstarb, ein einzelner Knall, der eher klang, als wäre ein Luftballon geplatzt.

Lou ging um den Tisch herum, schüttelte Hände und klopfte Schultern. Als er bei Alfred ankam, hatte sein Freund sich bereits wieder gesetzt und streckte Lou nur seine schlaffe, nervös verschwitzte Hand entgegen.

»Ah, der Mann der Stunde«, sagte Mr Patterson herzlich, ergriff mit seiner Rechten Lous Hand und legte die Linke fest auf seinen Oberarm. Dann trat er einen Schritt zurück und musterte Lou so stolz wie ein Großvater seinen Enkel am Kommunionstag, strahlend vor Stolz und Bewunderung.

»Sie und ich werden uns nachher noch unterhalten«, sagte Patterson leise, während die anderen noch unter sich redeten. »Wie Sie wissen, wird es nach Weihnachten hier ein paar Veränderungen geben, das ist ja kein Geheimnis«, meinte er feierlich und wählte seine Worte so, dass sie ihm nicht als Respektlosigkeit Cliff gegenüber ausgelegt werden konnten.

»Ja.« Lou nickte eifrig. Insgeheim war er sehr glücklich, persönlich in dieses Geheimnis eingeweiht zu werden – auch wenn natürlich jeder längst Bescheid wusste.

»Nun, wir unterhalten uns, okay?«, wiederholte Mr Patterson abschließend, und als die Gespräche um sie herum allmählich verstummten, setzte er sich, und alle wurden still.

Mit dem Gefühl zu schweben nahm Lou Platz, fand es aber schwierig, sich auf den Rest der morgendlichen Diskussion zu konzentrieren. Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, dass Alfred zumindest einen Teil von Mr Pattersons Bemerkung mitbekommen hatte.

»Sie sehen müde aus, Lou, haben Sie gestern Abend gefeiert?«, erkundigte sich ein Kollege.

»Ich war die ganze Nacht auf, weil meine kleine Tochter und meine Frau Magen-Darm-Grippe hatten. War ziemlich anstrengend.« Er lächelte, als er daran dachte, wie Lucy gut zugedeckt im Bett gelegen hatte, das Gesicht halb unter ihren dichten Ponyfransen versteckt.

Alfred lachte, laut und keuchend wie üblich.

»Mein Sohn hatte die Grippe letzte Woche auch schon«, sagte Mr Patterson. »Das Zeug geht wirklich um zurzeit.«

»Ja, das Zeug geht um, das kann man wohl sagen«, wiederholte Alfred und sah Lou an.

Wie Hitze von einem Highway in der Wüste aufsteigt, so strahlte Alfred aus allen Poren Aggression aus. Sie sickerte aus seiner Seele, verpestete die Luft um ihn herum, und Lou fragte sich nur, ob die anderen es auch bemerkten. Gleichzeitig hatte er Mitleid mit Alfred, denn er konnte sehen, wie verloren und ängstlich er im Grunde war.

»Sie sollten nicht nur mir gratulieren«, verkündete er in die Runde. »Alfred war an dem New-York-Deal genauso beteiligt. Und das mal wieder sehr erfolgreich.«

»Absolut.« Schlagartig hellte sich Alfreds Gesicht auf, {246 }auf einmal war er wieder ganz bei der Sache und fingerte an seiner Krawatte herum, was Lou wie immer nervös machte. »Es war nett von Lou, sich gegen Ende des Treffens doch noch bei mir einzufinden – gerade rechtzeitig, um den Abschluss mitzukriegen.«

Am Tisch lachten alle, aber die Bemerkung traf Lou an einer Stelle, die ziemlich wehtat. In diesem Moment war er plötzlich wieder Aloysius, acht Jahre alt und Mitglied im Fußballverein. Beim Endspiel um die Meisterschaft wurde er wenige Minuten vor dem Schlusspfiff vom Platz genommen, weil ein Teamkollege, der ihm seine Erfolge neidete, ihn so übel zwischen die Beine getreten hatte, dass Lou auf die Knie fiel, mit hochrotem Gesicht nach Luft schnappte und sich um ein Haar übergeben hätte. Genau wie jetzt bei Alfreds Kommentar war es auch weniger der Tritt zwischen die Beine, der wehtat, sondern weit mehr die Tatsache, dass jemand ihm so etwas antat – und aus einem so niederträchtigen Grund. Die Hand auf die Leiste gedrückt, das Gesicht heiß und verschwitzt, hatte er damals auf dem Platz gelegen und mit seiner Enttäuschung gekämpft, während seine Mannschaftskameraden um ihn herumstanden, ihn angafften und sich wahrscheinlich fragten, ob Lous Qualen nur Theater waren.

»Ja, wir haben Alfred auch schon gelobt«, sagte Mr Patterson, ohne Alfred dabei anzuschauen, »aber zwei Deals auf einmal, Lou – wie in aller Welt haben Sie das bloß geschafft? Wir wissen ja alle, dass Sie was von Multitasking verstehen, aber das war ein außergewöhnlich erfolgreiches Zeitmanagement. Und obendrein natürlich noch eine Meisterleistung Ihres Verhandlungstalents.«

»Ja, außergewöhnlich«, stimmte Alfred seinem Chef zu. Sein Ton war beinahe scherzhaft, aber darunter spürte man {247 }Gift und Galle. »Geradezu unglaublich. Vielleicht sogar unnatürlich. Was war es denn, Lou – Speed?«

Ein paar nervöse Lacher ließen sich hören, ein Husten, dann war es still. Schließlich brach Mr Patterson das peinliche Schweigen, indem er das Meeting in Gang setzte, aber der Schaden war nicht mehr rückgängig zu machen. Alfreds Bemerkung hing unwidersprochen in der Luft, und hinter der ganzen Bewunderung für Lou stand plötzlich ein Fragezeichen. Die Saat des Zweifels war ausgestreut. Ganz gleich, ob man Alfred nun glauben wollte oder nicht, von nun an würde jedes Mal, wenn Lou etwas Besonderes leistete oder wenn auch nur sein Name erwähnt wurde, für einen Moment – wenn auch vielleicht nur unbewusst, aber trotzdem – dieser Verdacht wieder auftauchen. Der Samen würde aufgehen, bis sich ein hässlicher Schössling aus dem schmutzigen Boden erhob und weiterwucherte.

Lou hatte lange und hart geschuftet, hatte um der Arbeit willen seine Familie sträflich vernachlässigt, war zu den unpassendsten Zeiten von zu Hause weggerannt, um rechtzeitig ins Büro zu kommen, hatte Ruth hastig auf die Wange geküsst, um anschließend einem Wildfremden ausführlich und in aller Ruhe die Hand zu schütteln – und nun war endlich seine Stunde gekommen. Aber sie hatte bestenfalls zwei Minuten gedauert, zwei Minuten Schulterklopfen und Applaus. Gefolgt von der Saat des Zweifels.

 

»Sie sehen zufrieden aus«, bemerkte Gabe und legte ein Päckchen auf einen Schreibtisch in der Nähe.

»Gabe, mein Freund, ich werde Ihnen ewig zu Dank verpflichtet sein«, strahlte Lou beim Verlassen des Konferenzraums und hätte Gabe um ein Haar umarmt. Dann {248 }senkte er die Stimme. »Kann ich diese … kann ich bitte die Tabletten zurückhaben? Ich war heute Morgen sehr müde und emotional, und ich weiß nicht, was da in mich gefahren ist. Ich glaube nämlich inzwischen an die pflanzlichen Dinger, ohne Wenn und Aber!«

Doch Gabe reagierte nicht, sondern verteilte gelassen weiter Umschläge und Päckchen auf die verschiedenen Schreibtische. Lou schaute ihm mit hoffnungsvollem Gesicht zu, wie ein Hund, der darauf wartet, endlich Gassi gehen zu dürfen.

»Ich vermute, dass ich noch eine ganze Menge von der Sorte brauchen werde«, sagte Lou schließlich und zwinkerte verschwörerisch. »Verstehen Sie?«

Gabe sah ihn fragend an.

»Cliff kommt nicht mehr zurück.« Lou sprach leise und versuchte, seine Erregung zu unterdrücken. »Er ist total am Ende.«

»Ach – der arme Mann, der den Zusammenbruch hatte?«, fragte Gabe, ohne im Postverteilen innezuhalten.

»Ja.« Lous Stimme überschlug sich fast. »Aber verraten Sie bloß niemandem, dass ich Ihnen das gesagt habe.«

»Dass Cliff nicht zurückkommt?«

»Ja, das und … na, Sie wissen schon.« Er sah sich um. »Noch andere Sachen. Vielleicht gibt’s einen neuen Job für mich, höchstwahrscheinlich eine Beförderung. Nette dicke Gehaltserhöhung.« Er grinste. »Garantiert wird der Chef bald mit mir darüber reden wollen.« Er räusperte sich. »Aber was auch immer er für mich in petto hat, dafür werde ich diese kleinen Dinger brauchen. Ich kann unmöglich mein bisheriges Arbeitspensum aufrechterhalten, ohne entweder bald geschieden zu sein oder mir die Radieschen von unten anzusehen.«

»Ach so. Die Dinger meinen Sie. Tja, die können Sie aber leider nicht mehr kriegen.«

Gabe schob seinen Wagen weiter den Korridor hinunter. Lou folgte ihm eifrig, wie ein Terrier, der nach den Hacken des Postboten schnappt.

»Ach, kommen Sie, ich zahle Ihnen alles, was Sie verlangen. Wie viel wollen Sie?«

»Ich möchte gar nichts.«

»Okay, Sie möchten das Wundermittel wahrscheinlich selbst behalten. Verstehe. Aber dann sagen Sie mir wenigstens, wo ich das Zeug kriegen kann.«

»Das kann man nirgends kriegen. Ich hab die Dose weggeworfen. Sie hatten nämlich ganz recht, die Tabletten taugen nichts. Psychologisch gesehen. Und wer weiß, was für körperliche Nebenwirkungen sie haben. Auf Dauer schaden sie den Leuten wahrscheinlich nur. Ich glaube nicht, dass man sie über längere Zeit anwenden sollte, Lou. Vielleicht waren sie Teil eines wissenschaftlichen Experiments und sind irgendwie aus dem Labor geschmuggelt worden.«

»Was haben Sie mit ihnen gemacht?«, fragte Lou in Panik, ohne auf all das zu achten, was Gabe sonst gesagt hatte. »Wo sind die Pillen denn jetzt?«

»Im Müllcontainer.«

»Na, dann holen Sie sie bitte wieder raus. Und wenn Sie reinsteigen und sie suchen müssen«, verlangte Lou wütend. »Wenn Sie sie erst heute Morgen reingeworfen haben, sind sie bestimmt noch da. Kommen Sie schon, los, beeilen Sie sich!« Er stupste Gabe ungeduldig in den Rücken.

»Sie sind weg, Lou. Ich hab die Tonne aufgemacht und die Pillen einzeln reinfallen lassen, und wenn man daran denkt, was Sie letzte Nacht dort unten deponiert haben, würde ich davon lieber wegbleiben.«

Aber Lou packte ihn am Arm und zerrte ihn zum Aufzug. »Zeigen Sie mir die Stelle.«

 

Gabe deutete auf den großen, schmutzig gelben Container im Hinterhof, und Lou stürzte sich sofort darauf. Als er hineinschaute, entdeckte er das Tablettendöschen ganz oben auf dem anderen Müll, so nahe, dass er ihn fast berühren konnte, und daneben lag ein Häufchen Tabletten in einer grünlich-braunen Pfütze. Der Gestank war nahezu unerträglich, und Lou musste sich die Nase zuhalten, weil sein Magen sich umzudrehen drohte. Was immer die grünliche Substanz sein mochte, die Pillen waren jedenfalls davon durchtränkt. Was sollte er jetzt machen? Hastig zog er das Jackett aus und warf es Gabe zum Festhalten zu. Dann krempelte er die Ärmel hoch und machte sich bereit, mit den Händen in den stinkenden Schmodder zu fassen. Aber dann hielt er doch noch einmal inne.

»Wenn ich die Pillen nicht rausangeln kann, wo kann ich dann welche kaufen?«

»Nirgends«, antwortete Gabe gelangweilt von der Hintertür her, wo er reglos mit verschränkten Armen stand und Lous Anstrengungen beobachtete. »Sie werden nicht mehr hergestellt.«

»Was?« Lou fuhr herum. »Wer hat sie denn früher hergestellt? Ich bezahle jeden Preis dafür!«

So ging es eine Weile hin und her, und Lou löcherte Gabe, woher er die Tabletten bekommen könnte, bis er schließlich zu seinem großen Entsetzen einsehen musste, dass das, was direkt vor ihm lag, das Einzige war, was er haben konnte.

»Scheiße. Vielleicht kann ich sie abwaschen«, überlegte er, trat näher und beugte sich über den Rand des Containers. {251 }Der Gestank brachte ihn sofort wieder zum Würgen. »Was zum Teufel ist das denn für ein ekliges Zeug?« Er trat einen Schritt zurück. »Verdammt«, schimpfte er, gab dem Container einen Tritt und bereute es sofort, als der Schmerz einsetzte.

»Oh, sieh mal an«, sagte Gabe in gelangweiltem Ton. »Sieht aus, als hätte ich eine Tablette auf den Boden fallen lassen.«

»Was? Wo?« Augenblicklich war der Schmerz im Zeh vergessen, und Lou rannte zurück zur Mülltonne, wie ein Kind, das bei der Reise nach Jerusalem den letzten freien Stuhl zu ergattern versucht. Hoffnungsvoll erforschte er den Boden um die Tonnen herum. In den Ritzen des Kopfsteinpflasters blitzte etwas Weißes. Er bückte sich – tatsächlich, es war eine Pille!

»Heureka! Ich hab eine gefunden!«

»Ja, ich musste das Zeug nämlich aus einiger Entfernung hineinwerfen, weil es hier so stinkt«, erklärte Gabe. »Da sind wohl ein paar runtergefallen.«

»Ein paar? Wie viele denn?«

Lou ging auf Hände und Knie und begann zu suchen.

»Lou, Sie sollten jetzt wirklich reingehen. Heute war ein guter Tag für Sie. Warum belassen Sie es nicht einfach dabei? Lernen etwas daraus und lassen die Vergangenheit hinter sich?«

»Ich habe doch etwas daraus gelernt!«, erwiderte er ungehalten, die Nase dicht über dem Kopfsteinpflaster. »Ich habe gelernt, dass ich mit den Dingern hier der Held bin. Aha, da ist noch eins.« Vorerst zufrieden mit den beiden Pillen, die er gerettet hatte, wickelte er sie in sein Taschentuch, stopfte alles in die Tasche, stand auf und klopfte sich die Hosenbeine ab.

»Zwei reichen mir fürs Erste«, verkündete er, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte. »Ich sehe zwar noch zwei Tabletten direkt unter dem Container, aber die lasse ich erst mal dort liegen.«

Er erhob sich. Seine Hose war an den Knien schmutzverkrustet, seine Haare waren zerzaust, doch als er sich umdrehte, bemerkte er, dass sich noch ein Zuschauer eingefunden hatte: Neben Gabe stand nun auch Alfred, auch er mit verschränkten Armen, einen selbstgefälligen Ausdruck im Gesicht.

»Hast du was verloren, Lou? Na, schau sich das mal einer an. Der Mann der Stunde, also wirklich.«