Lou Suffern musste immer zwei Dinge zur gleichen Zeit tun. Oder an zwei Orten gleichzeitig sein. Wenn er schlief, träumte er. Zwischen den Träumen ging er die Ereignisse des vergangenen Tages noch einmal durch, machte aber auch schon Pläne für den nächsten, was dazu führte, dass er, wenn um sechs Uhr morgens sein Wecker klingelte, nicht sonderlich gut ausgeruht war. Trotzdem probte er unter der Dusche seine Präsentationen und beantwortete gelegentlich sogar – eine Hand durch den Duschvorhang gestreckt – auf seinem BlackBerry die neuesten E-Mails. Beim Frühstück las er die Zeitung, und wenn seine fünfjährige Tochter ihm auf ihre kindlich-weitschweifige Art eine Geschichte erzählte, hörte er nebenher die Morgennachrichten. Sein dreizehn Monate alter Sohn lernte jeden Tag etwas Neues, und Lou nahm es zwar mit interessiertem Gesicht zur Kenntnis, aber sein Gehirn war währenddessen fieberhaft damit beschäftigt zu analysieren, warum er genau das Gegenteil empfand und sich tierisch langweilte. Wenn er sich mit einem Kuss von seiner Frau verabschiedete, dachte er dabei an eine andere.
Jede Handlung, jede Bewegung, jede Verabredung – alles, was er tat oder dachte, wurde von einer weiteren Tätigkeit oder einem anderen Gedanken überlagert. Die Fahrt {32 }zur Arbeit war mit Hilfe der Freisprechanlage gleichzeitig eine Telefonkonferenz. Aus einem Frühstück wurde Lunch, aus dem Lunch ein Aperitif. Der Aperitif ging seinerseits über in ein Abendessen, das Abendessen in einen Drink danach, der Drink in … nun ja, das hing davon ab, wie es für ihn lief. An Abenden, an denen ihm der Zufall gewogen war und er das in irgendeiner Wohnung oder einem Hotelzimmer auskostete, erzählte er denjenigen, die mit einem solchen Arrangement aus verständlichen Gründen weniger einverstanden gewesen wären – also vornehmlich seiner Frau –, dass er woanders war. In solchen Fällen befand er sich für sie dann in einer wichtigen Sitzung, saß auf dem Flughafen fest, musste noch dringend irgendwelchen Papierkram erledigen oder kam im wahnsinnigen Weihnachtsverkehr nicht schneller voran. Also befand er sich, wie durch Zauberei, an zwei Orten gleichzeitig.
Bei Lou Suffern überlappte sich alles, er war immer in Bewegung, immer auf dem Sprung und unterwegs nach anderswo. Wenn er sich mit jemandem traf, verbrachte er gerade so viel Zeit wie nötig mit dem Betreffenden, schaffte es aber, bei seinem Gegenüber trotzdem ein zufriedenes Gefühl zu hinterlassen. Er war gewissenhaft, pünktlich und in seinem Beruf ein meisterhafter Zeitmesser. Doch im normalen, privaten Leben benahm er sich wie eine kaputte Taschenuhr. In seinem Streben nach Vollkommenheit und Erfolg verfügte er über scheinbar grenzenlose Energien. Doch genau das – sein Perfektionismus, sein Ehrgeiz, seine immer höher gesteckten Ziele – führte dazu, dass er in diesem ständigen Höhenflug das Allerwichtigste aus den Augen verlor. In seinem Terminplan war kein Zeitfenster für diejenigen eingeplant, die ihm auf vielerlei Weise hätten mehr geben und größere Zufriedenheit schenken {33 }können als irgendein noch so sagenhafter neuer Geschäftsabschluss.
An einem besonders kalten Dienstagmorgen schlenderten Lous schwarze, blitzblankpolierte Lederschuhe selbstbewusst durch das sich rasant entwickelnde Dubliner Hafengebiet und gerieten dabei ins Blickfeld eines besonderen Mannes. Dieser Mann beobachtete die Schuhe an diesem Morgen genauso aufmerksam, wie er es tags zuvor getan hatte und es vermutlich am nächsten Tag wieder tun würde. Die beiden Schuhe waren einander absolut ebenbürtig, keiner von beiden drängte sich vor, jeder Schritt war exakt gleich lang und die Ferse-Zehen-Abstimmung absolut präzise: Die Schuhspitzen zeigten nach vorn, die Ferse setzte als Erste auf, der Fuß rollte nach vorn auf den Ballen, die Zehen stießen sich ab, der Knöchel wurde gebeugt. Perfekt, jedes Mal. Rhythmisch bewegten sich die Schuhe übers Pflaster, ohne Stampfen oder erdbebenhafte Erschütterungen, wie es bei den anderen Kopflosen, die um diese Zeit – noch im Halbschlaf, obwohl sich ihr Körper bereits an der frischen Luft befand – vorüberhasteten. Nein, diese Schuhe brachten lediglich ein gleichmäßiges Klackgeräusch hervor, das so eindringlich war wie der Regen auf dem Dach des Wintergartens, und der Saum der Hose flappte wie die Fahne am achtzehnten Loch in einer leichten Brise.
Der Beobachter erwartete fast, dass die Pflastersteine aufleuchteten, wenn diese Schuhe sie berührten, und ihr Eigentümer vor Freude über den prima-prachtvollen Tag einen Stepptanz vollführte. Für den Beobachter jedenfalls würde der Tag mit Sicherheit prima und prachtvoll werden.
Normalerweise schwebten die glänzendpolierten schwarzen {34 }Schuhe unter dem makellosen schwarzen Anzug elegant an unserem Beobachter vorüber, eilten durch die Drehtür und hinein in das große Marmorportal des brandneuen ultramodernen Glasgebäudes, das in Windeseile aus den Ritzen der Kais in den Dubliner Himmel gewachsen war. Aber an diesem besonderen Morgen blieben die Schuhe stehen, direkt vor unserem Beobachter. Und dann machten sie mit einem knirschenden Geräusch auf dem kalten Beton kehrt. So blieb dem Beobachter nichts anderes übrig, als den Blick von den Schuhen zu heben und nach weiter oben zu schauen.
»Bitte schön«, sagte Lou und reichte dem Mann einen Kaffee. »Leider nur ein Americano, ich hoffe, das stört Sie nicht. Die hatten Probleme mit ihrer Maschine, deshalb gibt’s heute keinen Latte.«
»Dann können Sie das Zeug ruhig behalten«, sagte der Beobachter und betrachtete naserümpfend die dampfende Tasse, die Lou ihm hinhielt.
Die Bemerkung stieß auf erstauntes Schweigen.
»War nur ein Scherz.« Der Beobachter lachte über das erschrockene Gesicht des Schuhbesitzers, griff schnell – falls der Witz nicht ankam und sein Wohltäter die nette Geste samt Kaffee zurücknahm – nach dem Becher und umfasste ihn mit seinen vor Kälte schon ganz starren Fingern. »Seh ich vielleicht aus, als interessierte ich mich für aufgeschäumte Milch?«, grinste er, und dann erschien pure Verzückung auf seinem Gesicht. »Mmmm.« Er hielt die Nase dicht an den Becherrand, sog den Geruch der Kaffeebohnen ein und schloss die Augen, als wollte er sich durch nichts und niemanden von dem göttlichen Duft ablenken lassen. Die Papptasse war so heiß – oder die Hände so kalt –, dass die Berührung auf seiner Haut brannte und {35 }Hitzeschauer durch den ganzen Körper schickte. Bis zu diesem Moment hatte der Beobachter gar nicht gewusst, wie kalt ihm eigentlich war. »Ganz herzlichen Dank.«
»Kein Problem. Ich habe im Radio gehört, dass heute der kälteste Tag des Jahres sein soll.« Die polierten Schuhe stampften auf den Betonplatten hin und her, und die Lederhandschuhe rieben sich aneinander, um das Gesagte zu demonstrieren.
»Tja, das kann ich gerne glauben. Schweinekalt ist das. Man friert sich den Arsch ab, wie man so schön sagt. Aber das hier wird helfen.« Der Beobachter blies auf das heiße Getränk und setzte den Becher an die Lippen, um den ersten Schluck zu probieren.
»Er ist ohne Zucker«, erklärte Lou entschuldigend.
»Ach du liebe Zeit.« Der Beobachter verdrehte die Augen und setzte den Becher so schnell wieder ab, als enthielte er ein tödliches Gift. »Auf geschäumte Milch kann ich verzichten, aber ohne Zucker, das geht zu weit.« Er streckte Lou den Kaffee wieder hin.
Doch nun war Lou in den Humor eingeweiht und lachte. »Okay, okay, ich hab verstanden.«
»Arme Leute können nicht wählerisch sein, oder? Bedeutet das auch, wer wählerisch ist, kann nicht arm sein?« Der Beobachter zog eine Augenbraue in die Höhe, lächelte und trank nun endlich den ersten Schluck. So hingebungsvoll vertiefte er sich in das Gefühl, mit dem die Wärme und das Koffein sich in seinem Körper ausbreiteten, dass er gar nicht merkte, wie aus ihm, dem Beobachter, auf einmal der Beobachtete wurde.
»Oh. Ich bin übrigens Gabe.« Er streckte die Hand aus. »Gabriel eigentlich, aber alle, die mich kennen, nennen mich Gabe.«
Lou nahm die dargebotene Hand. Warmes Leder berührte kalte Haut. »Ich bin Lou, aber alle, die mich kennen, nennen mich Arschloch.«
Gabe lachte. »Tja, das hat man von der Ehrlichkeit. Wie wäre es, wenn ich Sie Lou nenne, bis wir uns besser kennen?«
Sie lächelten sich an, dann schwiegen sie in einer plötzlichen Anwandlung von Verlegenheit. Wie zwei kleine Jungen, die auf dem Schulhof Freundschaft schließen. Auf einmal begannen die glänzenden Schuhe nervös zu trippeln, tipptapp, tapptipp, hin und her, auf und ab, eine Kombination aus Warmhaltetaktik und Unentschlossenheit. Sollten sie bleiben oder gehen? Ganz langsam drehten sich die Spitzen zum Bürogebäude nebenan. Bald würde der Schuhbesitzer dorthin folgen.
»Viel zu tun heute Morgen, was?«, fragte Gabe leichthin, und die Schuhe wandten sich ihm sofort wieder zu.
»Bald ist Weihnachten, da wird es immer hektisch«, bestätigte Lou.
»Je mehr Leute unterwegs sind, desto besser für mich«, sagte Gabe, als klirrend eine Zwanzig-Cent-Münze in seiner Tasse landete. »Danke«, rief er der Frau nach, die ohne stehen zu bleiben wortlos weiterhastete. Ihrer Körpersprache nach hätte man fast eher denken können, dass ihr das Geldstück aus der Manteltasche gefallen war, als dass sie es hergeschenkt hatte. Gabe blickte Lou mit großen Augen an und grinste breit. »Sehen Sie? Morgen geb ich den Kaffee aus«, kicherte er.
Lou versuchte sich so unauffällig wie möglich vorzubeugen, um einen Blick in die Tasse zu werfen. Das Zwanzig-Cent-Stück lag ganz allein auf ihrem Boden.
»Ach, keine Sorge. Ich leere den Pott hin und wieder {37 }aus. Schließlich möchte ich ja nicht, dass die Leute denken, mir geht es zu gut«, lachte Gabe. »Sie wissen doch, wie das ist.«
Lou war derselben Ansicht. Und doch auch wieder nicht.
»Die Leute sollen lieber nicht wissen, dass mir das Penthouse da drüben gehört«, sagte Gabe mit einer Kopfbewegung zur anderen Seite des Flusses.
Lou wandte sich um und blickte über die Liffey. Dort stand der Wolkenkratzer, den Gabe meinte – der neueste am Dublin Quay. In seiner Glasfront spiegelte sich fast das ganze Stadtzentrum: Von dem restaurierten Wikinger-Langschiff, das am Kai ankerte, über die zahllosen Kräne und modernen Büro- und Gewerbegebäude, die die Liffey säumten, bis zum stürmischen, wolkenverhangenen Himmel fing das hohe Bauwerk alles ein und gab das Bild wie ein riesiger Plasmabildschirm an die City zurück. Das Bauwerk war geformt wie ein Segel, wurde nachts von blauen Scheinwerfern angestrahlt, und in den ersten Monaten nach der Fertigstellung hatte man überall in der ganzen Stadt darüber geredet. So lange, bis etwas noch Neueres, Interessanteres ihm den Rang ablief.
»Gefällt Ihnen die Hütte?«, fragte Lou, der das Hochhaus immer noch fasziniert anstarrte.
»Es ist mein Lieblingshochhaus, vor allem nachts. Unter anderem deswegen hab ich mir den Platz hier ausgesucht. Natürlich auch, weil so viel los ist. Von der schönen Aussicht allein kann ich mir ja leider kein Abendessen kaufen.«
»Das haben wir gebaut«, erklärte Lou und wandte sich seinem Gesprächspartner wieder ganz zu.
»Wirklich?« Gabe musterte Lou etwas aufmerksamer. {38 }Mitte bis Ende dreißig, glattrasiertes Gesicht, weich wie ein Babypopo, teurer Haarschnitt, gleichmäßig von ein paar grauen Strähnen durchzogen – fast so, als hätte jemand einen Salzstreuer genommen und im Verhältnis eins zu zehn mit dem Grau auch ordentlich Charme auf diesem Kopf verteilt. Gabe fand, dass Lou aussah wie ein Filmstar alter Schule, kultiviert und elegant, verpackt in einen langen schwarzen Kaschmirmantel.
»Ich wette, davon konnten Sie sich ein schönes Abendessen leisten«, lachte Gabe, aber im gleichen Moment spürte er einen kurzen Stich der Eifersucht, der ihn sehr störte, denn bevor er Lou so intensiv studiert hatte, hatte er nichts dergleichen empfunden. Seit er Lou begegnet war, hatte er zwei Erfahrungen gemacht, die alles andere als angenehm waren: Ihm war kalt, und er war neidisch. Dabei hatte er sich vorhin angenehm warm und zufrieden gefühlt. Obwohl er in seiner eigenen Gesellschaft immer glücklich gewesen war, schwante ihm nun, dass er, sobald dieser Mann nicht mehr da war, eine Einsamkeit spüren würde, die ihm bis dato nicht bewusst gewesen war. Dann würde er neidisch, verfroren und einsam sein. Die perfekten Zutaten für hausgemachte Bitterkeit.
Das segelförmige Hochhaus hatte Lou natürlich weit mehr eingebracht als ein schönes Dinner. Seine Firma hatte mehrere Preise eingeheimst, und er persönlich hatte sich ein Haus in Howth gekauft und seinen Porsche gegen das neueste Modell eingetauscht, das allerdings erst nach Weihnachten ausgeliefert werden würde. Aber all das erzählte Lou dem Mann lieber nicht, der, in eine wahrscheinlich flohverseuchte Decke gehüllt, hier auf dem eiskalten Straßenpflaster kauerte. Stattdessen lächelte er höflich, ließ seine Jacketkronen blitzen und war wie üblich mit zwei {39 }Dingen gleichzeitig beschäftigt. Dachte das eine und sagte etwas anderes. Aber Gabe konnte zwischen den Zeilen lesen, und so stieg die Verlegenheit auf ein Niveau, das für beide nicht angenehm war.
»Na dann, ich glaube, ich sollte mal los zur Arbeit … «
»Nach nebenan, ich weiß. Ich kenne Ihre Schuhe. Die sind für mich eher auf Augenhöhe«, grinste Gabe. »Obwohl Sie diese hier gestern nicht anhatten. Gerbleder, wenn ich mich nicht irre.«
Lous ordentlich gezupfte Augenbrauen ruckten ein Stück in die Höhe. Wie ein Stein, der im Wasser landet, verursachte das eine Reihe von Wellenfurchen auf seiner noch botoxfreien Stirn.
»Keine Sorge, ich bin kein Stalker«, versicherte Gabe, nahm eine Hand von der heißen Tasse und hob sie verteidigend in die Höhe. »Ich sitze nur schon eine ganze Weile hier. Wenn überhaupt, sind es Sie und Ihre Kollegen, die immer wieder bei mir auftauchen.«
Lou lachte und blickte dann etwas unsicher auf seine Schuhe hinunter, die so unvermittelt das Gesprächsthema geworden waren. »Eigentlich unglaublich – ich hab Sie noch nie hier bemerkt«, dachte er laut vor sich hin, und als er die Worte aussprach, ging er in Gedanken jeden Morgen durch, an dem er auf diesem Weg zur Arbeit gekommen war.
»Aber ich bin hier, von früh bis spät, jeden Tag«, sagte Gabe mit falscher Munterkeit in der Stimme.
»Tut mir leid, aber ich hab Sie nie wahrgenommen … « Lou schüttelte verwundert den Kopf. »Aber ich bin ja auch immer so in Eile, telefoniere im Gehen oder bin schon für irgendeinen Termin spät dran. Ich muss immer an zwei Orten gleichzeitig sein, sagt meine Frau. Manchmal wünsche {40 }ich mir, jemand würde mich klonen, so viel hab ich zu tun.« Er lachte.
Gabe lächelte ihn seltsam an. »Apropos Eile – heute ist das erste Mal, dass ich die beiden Jungs hier nicht an mir habe vorbeirennen sehen«, sagte er mit einer Kopfbewegung zu Lous Schuhen. »Hätte die beiden beinahe nicht erkannt, wenn sie stillstehen. Heute kein Schwung dahinter?«
Wieder lachte Lou. »Doch, da ist immer Schwung dahinter, das können Sie ruhig glauben.« Er machte eine rasche Bewegung mit dem Arm, als wollte er ein Kunstwerk enthüllen, und sein Mantelärmel rutschte gerade weit genug herauf, um seine goldene Rolex sichtbar werden zu lassen. »Aber ich bin immer der Erste im Büro, also gibt es momentan keinen Grund zur Eile.« Er sah konzentriert auf die Uhr, leitete dabei aber im Kopf bereits das für den Nachmittag anberaumte Meeting.
»Heute Morgen sind Sie aber nicht der Erste«, stellte Gabe trocken fest.
»Wie bitte?« Lou unterbrach das Meeting und stand wieder auf der kalten Straße vor seinem Bürogebäude, wo der eisige Atlantikwind den Menschenmassen, die warm eingemummelt zur Arbeit eilten, gnadenlos ins Gesicht peitschte.
Gabe kniff die Augen zusammen. »Braune Slipper. Ich hab schon ein paarmal beobachtet, wie Sie den Besitzer dieser Schuhe begleitet haben. Und der ist jetzt schon im Büro.«
»Braune Slipper?« Lou lachte, erst verwirrt, dann beeindruckt und schließlich etwas besorgt, weil er sich fragte, wer es da vor ihm zur Arbeit geschafft hatte.
»Sie kennen ihn – ziemlich arroganter Gang. Bei jedem {41 }Schritt hüpfen diese kleinen Wildlederquasten, so eine Art Mini-Cancan. Weiche Sohlen, kommen aber schwer auf. Kleine breite Füße, und er geht auf dem Außenrist. An den Stellen sind die Sohlen immer abgelaufen.«
Lous Stirn legte sich in nachdenkliche Falten.
»Samstags trägt er Schuhe, als käme er gerade von Bord einer Yacht.«
»Alfred!«, rief Lou in plötzlicher Erkenntnis. »Der ist dann sicher tatsächlich gerade von seiner Ya– … « Er brach ab. »Alfred ist schon da?«
»Seit ungefähr einer halben Stunde. Ist reingestapft, anscheinend ziemlich eilig, in Begleitung eines weiteren Paars schwarzer Slipper.«
»Schwarze Slipper?«
»Ja, schwarze Herrenschuhe. Blitzeblank, aber nicht besonders schick. Schlicht und sachlich. Praktisch. Schuhe, die das tun, was Schuhe tun sollen. Ich kann sonst nicht viel über sie sagen, abgesehen von der Tatsache, dass sie sich im Allgemeinen etwas langsamer bewegen als die anderen Schuhe.«
»Sie sind sehr aufmerksam.« Lou betrachtete den Mann auf der Decke nachdenklich und überlegte, was er wohl gemacht haben mochte, bevor er hier auf dem kalten Boden eines Hauseingangs gelandet war. Gleichzeitig versuchte sein Gehirn fieberhaft zu analysieren, wer all diese Menschen waren, von denen Gabe sprach. Dass Alfred heute so früh zur Arbeit erschienen war, brachte ihn völlig durcheinander.
Einer ihrer Kollegen – Cliff – hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten, und nun waren alle ganz aufgeregt – jawohl, aufgeregt! –, weil eine gute Stelle frei geworden war. Wenn Cliff nicht wieder gesund wurde – was Lou {42 }insgeheim hoffte –, würde es in der Firma weitreichende Veränderungen geben, und jedes ungewöhnliche Benehmen seitens Alfreds war bedenklich. Genau genommen war Alfreds Verhalten allerdings immer irgendwie bedenklich.
Gabe zwinkerte. »Sie haben da drin nicht zufällig Arbeit für einen aufmerksamen Menschen, oder?«
Lou breitete seine behandschuhten Hände aus. »Nein, tut mir leid.«
»Kein Problem, Sie wissen ja, wo Sie mich finden, falls Sie mich doch brauchen sollten. Ich bin der Typ mit den Doc Martens.« Er lachte und hob seine Decke kurz hoch, so dass die hohen schwarzen Stiefel zum Vorschein kamen.
»Ich frage mich, warum die so früh dran sind«, sagte Lou gedankenverloren und starrte Gabe dabei an, als hätte dieser übersinnliche Fähigkeiten.
»Da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen. Aber letzte Woche sind sie zusammen zum Lunch gegangen. Oder sie haben zumindest das Gebäude gemeinsam zu einer für Otto Normalverbraucher üblichen Lunchzeit verlassen, sind durchschnittlich lange weg gewesen und dann auch zusammen zurückgekommen. Was sie dazwischen gemacht haben, lässt sich nicht allzu schwer erraten«, schmunzelte er. »Dafür muss man kein Genie sein. Zum Glück, denn heute kann einem echt das Hirn einfrieren.«
»An welchem Tag war denn dieser Lunch?«
Gabe schloss nachdenklich die Augen. »Am Freitag, glaube ich. Der Kerl ist Ihr Konkurrent, stimmt’s? Der mit den braunen Slippern?«
»Nein, er ist mein Freund. So eine Art Freund jedenfalls. Eigentlich eher ein Bekannter.« Zum ersten Mal merkte man Lou an, dass er beunruhigt war. »Er ist mein Kollege, {43 }aber Cliffs Zusammenbruch ist für uns beide eine Riesenchance, na ja, Sie verstehen schon … «
»Eine Chance, Ihrem kranken Kollegen den Job wegzunehmen«, vollendete Gabe den Satz mit einem Lächeln. »Wie nett. Die langsamen Schuhe, die schwarzen, die haben übrigens neulich abends das Büro gemeinsam mit einem Paar Louboutins verlassen.«
»Loub– … was ist das denn?«
»Damenschuhe. Zu erkennen an der roten Sohle. Die fraglichen hatten einen Zwölf-Zentimeter-Absatz.«
»Zwölf Zentimeter?«, fragte Lou. »Rote Sohle, aha«, fügte er dann hinzu, nickte und versuchte, sich einen Reim auf diese Information zu machen.
»Sie könnten doch Ihren Freund Querstrich Bekannten Querstrich Kollegen einfach fragen, mit wem er sich getroffen hat«, schlug Gabe mit einem schelmischen Glitzern in den Augen vor.
Aber Lou ging nicht auf den Vorschlag ein. »Na gut, ich muss los. Ich muss Dinge treffen und Leute erledigen, und auch noch beides gleichzeitig, ist das zu glauben«, meinte er augenzwinkernd. »Danke für Ihre Hilfe, Gabe.« Er steckte einen Zehn-Euro-Schein in Gabes Tasse.
»Danke, Mann«, strahlte Gabe, holte den Schein sofort aus der Tasse, stopfte ihn in die Jackentasche und klopfte mit dem Finger darauf. »Die anderen sollen nichts davon mitkriegen, erinnern Sie sich?«
»Stimmt«, gab Lou ihm recht.
Aber genau im gleichen Moment war er völlig anderer Meinung.