12.

Der riesige, vieleckige Quader entfernte sich immer weiter von der SOL. Seine Außenflächen wiesen zahlreiche Narben, farbliche Veränderungen und verbrannte oder anderweitig beschädigte Stellen auf. Das kantige Gebilde mit einer Unzahl von Türmen, Auswüchsen, Kuppeln, Antennen und Luken besaß einen Durchmesser von knapp drei Kilometern.

An Bord gab es kein lebendes Wesen, das die lange Geschichte dieses Raumschiffs zur Gänze kannte. Die einstigen Herren waren verschwunden. Ein Teil der Maschinen arbeitete noch normal, andere waren ausgefallen oder teilweise gestört.

Die Bewegung des Quaders zeigte zwei charakteristische Merkmale. Kennzeichnend war die stetige Annäherung an ein unbekanntes Sonnensystem mit 23 Planeten, das die Solaner »Mausefalle« getauft hatten. Ein energetischer Zugstrahl zerrte jeden Gegenstand oder Körper aus der näheren Umgebung dieses Raumsektors in das System hinein. Das Ziel war zweifellos der siebte Planet. Das hatte man schon vor längerer Zeit auf der SOL vermutet und dann auch bestätigt.

Aus unerklärlichen Gründen bewegten sich die verschiedenen Körper mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten auf Mausefalle VII zu. Die Bewegungen selbst waren für einen einzelnen Körper jedoch nicht gleichmäßig. Es gab immer wieder Phasen stärkerer und schwächerer Beschleunigung. Der Zugstrahl selbst war dabei permanent aktiv. Nur seine Kraft unterlag Schwankungen.

Da die durchschnittliche Geschwindigkeit des Quaders erheblich über der der SOL lag, war es zu einem Vorbeiflug gekommen. Die unmittelbare Nähe zur SOL hatte der Quader längst verlassen. Für die Menschen an Bord des Hantelraumers ergab sich daher die zweite charakteristische Größe der Bewegung des Quaders: Sein Abstand zur SOL wuchs ununterbrochen.

Für den High Sideryt und die Magniden bedeutete das, dass man nun ein Objekt vor sich hatte, dessen Verhalten man in der Nähe der Quelle des Zugstrahls beobachten und studieren konnte. Atlan, den Schläfern und den auf dem Quader zurückgebliebenen Buhrlos gab man keine großen Überlebenschancen mehr, wenngleich die von den Ferraten gelegten Bomben nicht die erhoffte Wirkung erzielt hatten.

Für den Arkoniden und seine Begleiter bedeutete das Vorauseilen des Quaders etwas ganz anderes. Obwohl man ihre Verbindung zur SOL gekappt hatte, sah Atlan darin eine Chance. Er würde mit einem nicht unerheblichen zeitlichen Vorsprung auf Mausefalle VII eintreffen. Vielleicht gelang es ihm und seinen Helfern, den Zugstrahl abzuschalten und das Hantelschiff zu retten.

Voraussetzung dafür war jedoch ein rechtzeitiges Entkommen aus dem Quader. Seit ihrem Aufenthalt hatte man allerdings noch kein wirklich raumflugtaugliches Fluchtschiff gefunden. Und selbst wenn man ein solches besessen hätte, wäre es fraglich gewesen, ob man es außerhalb des Quaders hätte benutzen können, denn der Zugstrahl war allgegenwärtig.

Es gab keine auch nur halbwegs abgesicherte Vermutung über das, was sie in dem unbekannten Sonnensystem erwartete. Dies galt sowohl für die Solaner als auch für Atlan und sein kleines Team. Nur ein Lebewesen machte sich um all diese Dinge keine Gedanken: die Pfullianorain Wallga-Wallga. Die Worte der Fremden, in denen von einer Gefahr die Rede gewesen war, hatte sie längst wieder vergessen.

Für die Quaderkönigin zählte nur ein Ziel: Sie musste in der kurzen Zeitspanne, die sie noch zu leben hatte, eine würdige Nachfolgerin finden.

Die Knappen berichteten ihr von der erneuten Festnahme der elf Fremden. Ihre Freude darüber mischte sich mit Bedauern. Eigentlich hatte sie erwartet, dass die männlichen Wesen die geheimnisvolle Folterkammer nicht überleben würden.

Wallga-Wallga konnte die Funktion des eiförmigen Raums gut beurteilen, denn sie selbst war vor langer Zeit versehentlich in ihn hineingeraten und einer schrecklichen Prozedur ausgesetzt worden. Sie hatte sie überstanden. Für sie war damit bewiesen, dass weibliche Lebewesen die Martern überstehen konnten.

Sie beschloss, ihren Gefangenen entgegenzugehen und sie in der roten Halle zu empfangen. Dort gab es alle Möglichkeiten, um die Auserwählte zu identifizieren.

»Folgt mir, Knappen«, rief sie den anwesenden Robotern zu. Dann stapfte sie auf ihren vier Säulenbeinen aus der Residenz.

 

»Der Quader beginnt wieder zu rumoren«, flüsterte Bjo Breiskoll Atlan zu. Auch der hatte die anfangs noch schwachen Erschütterungen bemerkt.

Vor ihnen huschte der kleine Zwyll durch die unbekannten Gänge und Korridore. Alles war hier peinlich sauber und sehr gepflegt. Hinter den Menschen schritten stumm die beiden bewaffneten Roboter.

»Das kann uns nur recht sein«, antwortete der Arkonide leise. »Bei der erstbesten Gelegenheit schlagen wir zu und schalten die beiden Kampfmaschinen aus. Ich bin nicht bereit, mich weiter mit dieser verrückten Alten herumzuschlagen.«

Der Katzer nickte kaum merklich. Die beiden Männer verständigten sich so leise, dass Zwyll nicht misstrauisch wurde.

Noch bevor sie ihr Ziel erreichten, wurde das Stampfen des Quaders heftiger. Starke Erschütterungen liefen durch das alte Raumschiff. Die Roboteskorte reagierte nicht darauf.

»Beschleunigen wir, oder bremsen wir ab?«, fragte Atlan.

Breiskoll zuckte nur mit den Schultern. Eine Sichtverbindung nach draußen gab es schon seit vielen Stunden nicht mehr. Der Kontakt zur SOL war komplett abgerissen. Andere Hilfsmittel standen den Männern nicht zur Verfügung.

»Ich glaube nicht, dass wir noch lange warten müssen«, vermutete der Mutant. »Mein Gefühl sagt mir, dass wir schon in der Nähe von Mausefalle VII sind. Etwas wird passieren. Es muss schließlich einen Sinn haben, dass wir in dieses System gezerrt werden.«

»Schlimmer als hier kann es auf dem Planeten auch nicht sein.«

»Ruhe!«, brüllte Zwyll und fuchtelte wild mit seinen Tentakeln. »Wir sind in der Nähe der Königin.«

Er bog ab und tippelte auf ein großes Tor zu. Bei seiner Annäherung glitten auch hier die beiden Torflügel selbstständig zur Seite.

»Folgt mir, Gefangene«, tönte der Kleine selbstbewusst.

Der Raum, in den sie traten, war mit unbekannten Maschinen angefüllt. Auffällig war die samtartige rote Verkleidung auf dem Boden, an den Wänden und an der Decke. Selbst die meisten Maschinen waren damit überzogen.

Noch während sie eintraten, bemerkte Atlan Wallga-Wallga. Sie saß auf einem Podest, das im Unterschied zu dem roten Überzug mit einem Material aus schmutzigem Grau bedeckt war. Die Alte hatte ihre vier Arme in die breiten Hüften gestemmt und starrte die Ankömmlinge höhnisch an.

Bjo Breiskoll stieß Atlan sanft in die Seite.

»Hier gibt es eine Störstrahlung«, flüsterte er. »Ich spüre ihre Gedanken nicht mehr.«

Atlan zog die Stirn kraus. Er versuchte, aus dem Aussehen der Maschinen ihre Funktionen herzuleiten, aber die Geräte waren zu fremdartig. Die wenigen Bildschirme, die er sah, blieben dunkel.

Zwyll eilte auf die Alte zu. Nach einem kurzen Zwiegespräch kehrte er zu den Solanern zurück. Die zahllosen anderen Roboter, die sich in der Nähe der Alten aufhielten, blieben untätig.

»Eine von den drei Frauen wird jetzt zur Nachfolgerin von Wallga-Wallga bestimmt«, verkündete der Roboter. »Es wird diejenige sein, die als Einzige überlebt. Die unverrückbaren Knappen der roten Halle werden die entsprechenden Prüfungen vornehmen. Ich bin ...«

Das leise Rumoren des Quaders ging urplötzlich in schwere Erschütterungen über. Ein schwerer Aufprall ließ das alte Schiff erbeben. Die Menschen wurden von den Beinen gerissen. Den Robotern erging es nicht besser. Nur Bjo Breiskoll blieb aktionsfähig. Mit einem Ruck zog er seine Waffen.

Aus dem Stand schnellte er herum und feuerte. Er traf die beiden Kampfroboter voll. Hinter sich hörte er den gellenden Aufschrei Wallga-Wallgas.

Auch Atlan, Hellmut und die Buhrlos blieben nicht untätig. Sie konnten sich zwar nicht so sicher bewegen wie der Mutant, aber sie erkannten ihre Chance. Ihre Waffen spien Feuer auf die Knappen der Alten und auf die Projektoren, die aus den Maschinen fuhren. Unterdessen hielten die schweren Erschütterungen des Quaders unvermindert an. Hinzu kamen die Explosionen der getroffenen Roboter und der Einrichtungen der Halle.

»Zurück zum Eingang«, brüllte Atlan. »Und nichts wie raus hier!«

Die Buhrlos befolgten seine Anweisung zuerst. Nun erst griffen die Maschinen der Halle, die noch nicht getroffen waren, in den Kampf ein. Sie stießen schrille Töne aus, die teilweise im Ultraschallbereich lagen und die die Ohren der Menschen quälten.

Während sich Atlan und Bjo Breiskoll auf den Ausgang zubewegten, feuerten sie weiter auf jeden Projektor, den sie ausmachen konnten. Der Arkonide bemerkte in dem Getümmel, dass sich Wallga-Wallga zur entgegengesetzten Seite des Raumes orientierte. Dicht neben ihr huschte Zwyll über den Boden. Da die beiden offensichtlich keine Waffen mit sich führten, ließ er sie laufen. Schließlich schlossen sich vor ihm die beiden Flügeltüren der roten Halle.

Mehrere Gänge führten von hier fort. Die Buhrlos, die es plötzlich sehr eilig hatten, rannten voran. Sie wählten einen anderen Korridor als den, durch den sie gekommen waren.

»Wir müssen einen sicheren Ort finden«, rief Atlan dem Katzer zu.

Breiskoll nickte und setzte sich an die Spitze der Gruppe. Dann jagte er mit großen Sprüngen voraus.

Das Tempo der Gläsernen verringerte sich schnell wieder. Sie waren zu erschöpft, wenngleich ihnen der Aufenthalt in der breiigen Masse eine kurze Erholung verschafft zu haben schien. Atlan überzeugte sich davon, dass ihnen niemand folgte. Gavro Yaal drängte sich an seine Seite.

»Ich bekomme allmählich Panikattacken«, bekannte er kleinmütig. »Die Vorstellung, dass wir uns immer weiter von der SOL entfernen, macht mich wahnsinnig. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so lange von meiner Heimat entfernt aufgehalten.«

»Es bleibt dir nichts anderes übrig als durchzuhalten, Gavro«, antwortete der Arkonide. »Auch ich wäre jetzt lieber auf der SOL.«

Der ehemalige Botaniker schwieg und trottete weiter. Nach einiger Zeit kam ihnen Breiskoll entgegen.

»Ich habe eine große Kammer entdeckt«, berichtete er, »in der gute Luft herrscht. Es gibt dort keine erkennbaren Maschinen, die uns gefährlich werden könnten. An der Decke leuchtet eine kleine Kunstsonne, die es unseren Buhrlos ermöglichen sollte, den Sauerstoffvorrat in ihrer Haut zu ergänzen.«

Die Nachricht elektrisierte die Weltraumgeborenen geradezu. Sie folgten Breiskoll ohne Zögern.

Die Erschütterungen des Quaders waren inzwischen weitgehend abgeklungen. Die Solaner eilten hinter dem Mutanten her, bis sie die bezeichnete Kammer erreicht hatten. Die Buhrlos legten sich sofort auf den Boden und ließen die Strahlen der künstlichen Sonne auf ihren Körpern wirken.

»Es funktioniert«, sagte Studia St. Felix erleichtert.

Atlan und die drei Schläfer suchten den etwa hundert mal hundert Meter großen Raum ab, aber sie fanden nichts Ungewöhnliches. Es gab mehrere Ausgänge, die sich alle automatisch öffneten, wenn man sich ihnen näherte. Da der Raum nicht so gepflegt aussah wie die Regionen, durch die sie Zwyll zuvor geführt hatte, vermutete Atlan, dass er nicht zum eigentlichen Herrschaftsbereich von Wallga-Wallga gehörte. Sie waren hier also vorerst sicher.

Die Männer hockten sich zu den Gläsernen und bedienten sich aus den Vorräten.

»Wegen meines Zellaktivators bin ich am wenigsten erschöpft«, sagte Atlan nach einer Weile. »Daher werde ich auf weitere Erkundung gehen. Hier können wir nicht ewig bleiben. Sobald die Buhrlos wieder einigermaßen fit sind, sollten wir verschwinden.«

»Ich werde dich begleiten«, meinte Bjo Breiskoll. »Zwei Mann sind besser als einer. Ich kann Wallga-Wallga noch schwach orten, obwohl es auch hier Störfelder zu geben scheint. Andere Lebewesen spüre ich nicht.«

Die anderen waren mit dem Vorschlag einverstanden, zumal die Weltraumgeborenen behaupteten, dass sie mindestens noch zwei Stunden Erholung unter den Strahlen der Kunstsonne benötigten.

»Kannst du mir sagen, wie weit wir von der SOL entfernt sind?«, fragte Gavro Yaal den Katzer. »Du musst doch noch in Verbindung zu unserer Heimat stehen.«

Breiskoll schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich spüre nur Leere, wenn ich mich nach draußen taste. Das besagt aber nichts, denn da ist etwas, was meine Sinne einschränkt.«

Sie fuhren hoch, als sich in ihrer Nähe ein Tor öffnete. Sofort lagen die Waffen in ihren Händen.

Es war Zwyll, der in den Raum trat. Der kleine Roboter kam langsam auf die Menschen zu.

»Ich bin allein«, rief er schon von Weitem. »Bitte tut mir nichts. Es besteht keine Gefahr mehr für euch.«

Er glitt auf Atlan zu. »Bist du der König deines Volkes?«

»Wenn du damit den Anführer dieser Gruppe meinst, dann ja.«

»Gut«, sagte Zwyll kleinlaut. »Meine Königin schickt mich. Ich soll euch sagen, dass ihr mächtige Waffen besitzt und sehr stark seid. Sie wird nichts mehr gegen euch unternehmen, aber sie bittet euch, nicht mehr in ihr Reich einzudringen.«

»Ich glaube«, antwortete der Arkonide etwas verdutzt, »damit kann ich mich einverstanden erklären.«

»Danke! Aber ich soll euch noch etwas berichten. Wallga-Wallga wird in elf Quumpies sterben. Wir Knappen sind dann ohne Königin. Nach elf Quumpies dürft ihr über uns verfügen, denn wir brauchen eine Aufgabe.«

Nun war Atlan endgültig verblüfft. »Das höre ich gern. Wie lange dauern elf Quumpies?«

»Nach eurer Zeitrechnung sind das etwa vier Stunden.«

»Und woher will Wallga-Wallga wissen, dass sie in vier Stunden stirbt?«

»Sie hat es schon immer gewusst«, lautete die Antwort, »denn sie ist ein weibliches Wesen von Pfull.«

Atlan gab sich mit dieser dürftigen und unverständlichen Erklärung zufrieden. Er kannte weder eine Welt namens Pfull, noch hatte er eine Vorstellung von den Eigenheiten der dortigen Ureinwohner.

»In Ordnung, Zwyll. Du wirst also jetzt noch keine Befehle von mir befolgen, aber ich werde dir trotzdem sagen, was zu tun ist. Der Quader wird von einem Sonnensystem, genau genommen von einem Planeten dieses Systems, angezogen. Wir wissen nicht, was geschehen wird, wenn wir am Ziel dieser Reise sind. Aber eines steht fest: Wir müssen hier weg. Der Quader muss geräumt werden, bevor er auseinanderbricht oder sich auflöst. Das wäre unser aller Tod. Ich will nicht hoffen, dass die Todesahnung deiner alten Königin damit im Zusammenhang steht. Ihr Knappen solltet daher alles tun, um eine Evakuierung vorzubereiten.«

Zwyll überlegte kurz.

»Ich werde deinen Wunsch vorsorglich an die anderen Knappen weitergeben«, meinte er dann. »Einige werden sicher bereits damit beginnen, nach einem Ausweg für euch zu suchen, denn sie brauchen ein Ziel. Nicht alle Knappen gehorchen der Quaderkönigin aufs Wort. Ich kann dir aber schon jetzt sagen, dass die Suche erfolglos sein wird. Es gibt keine Möglichkeit, den Quader zu verlassen. Es sei denn, man geht in den freien Weltraum. Eine Landung auf einem Planeten ist unmöglich. Dafür ist der Quader nicht gebaut worden. Wenn er sich mit seiner ganzen Masse einem großen Planeten nähert, werden seine Maschinen überlastet. Es gäbe eine Explosion, die alles vernichtet. Vielleicht ist das Wallga-Wallgas Todesahnung.«

»Das sind ja prächtige Aussichten«, knurrte Gavro Yaal, als Zwyll wieder gegangen war. Atlan, Joscan Hellmut und Bjo Breiskoll sahen sich an.

»So kann und darf es nicht enden«, sagte Atlan. Dann straffte er sich.

»Und so wird es auch nicht enden!«, fügte er entschlossen hinzu.