4.
»Wir sollten uns so bald wie möglich trennen«, sagte Atlan, der noch immer an jenem farbigen Kreis stand, der den Weg nach unten markierte. »Wenn wir zwei Gruppen bilden, können wir in verschiedenen Richtungen nach der Zentrale suchen. Unsere Erfolgsaussichten würden sich verdoppeln.«
»Warum nicht vier Gruppen?«, fragte Tamir Gordan. »Eine könnte unter der Leitung von Bjo Breiskoll, eine unter der von Gavro Yaal, eine unter der von Joscan Hellmut und eine unter deiner stehen.«
»Damit würden wir uns zu sehr zersplittern«, wies der Arkonide den Vorschlag ab. »Der Quader hätte es leichter, uns nacheinander auszuschalten, weil die einzelnen Gruppen zu klein wären.«
Er winkte Joscan Hellmut zu sich heran und betrat mit ihm den Kreis.
Einige Ferraten und Buhrlos folgten ihnen. Als Atlans Fuß ein rotes Quadrat berührte, senkte sich die Platte, auf der sie standen, rasch ab.
In einer metallenen Röhre glitt das Vorauskommando etwa zwanzig Meter weit nach unten. Dann öffnete sich ein Durchgang, durch den die Männer und Frauen auf eine farbenprächtige, abstrakte Wandmalerei schauen konnten. Atlan verließ die Platte und trat auf einen Gang hinaus, der sich links und rechts von ihm bis in die Unendlichkeit zu erstrecken schien.
»Alles in Ordnung«, sagte er zu den anderen, die noch auf der Platte warteten.
Joscan Hellmut signalisierte nach oben, dass man ihnen beruhigt folgen konnte, dann schlossen sich er und die anderen dem Arkoniden an, und die Platte schwebte wieder nach oben, um Breiskoll, Yaal, die Buhrlos und die Ferraten aufzunehmen.
»Wir gehen nach links«, entschied Atlan, als auch die zweite Gruppe bei ihm war.
»Gut«, stimmte der Katzer zu. »Dann versuchen wir unser Glück auf der anderen Seite.«
Als sie sich etwa zweihundert Meter weit voneinander entfernt hatten, erkannten beide Gruppen, dass sie einer optischen Täuschung zum Opfer gefallen waren. Obwohl der Gang scheinbar gradlinig verlief, konnte man sich nicht mehr sehen und stand vor Stahlwänden, an denen der Gang zu Ende zu sein schien.
Atlan hielt die Optik seines Armbandkombigeräts vor die Schriftzeichen, die sich neben dem Schott befanden. Er hoffte, dass sie Informationen über die Zentrale enthielten, doch er wurde enttäuscht. Die Positronik des Kombigeräts lieferte nur eine verstümmelte und kaum verständliche Übersetzung, in der lediglich Hinweise darüber enthalten waren, wie das Schott zu öffnen war.
»Verrückt«, kommentierte Tamir Gordan. »Wieso bauen die erst ein so kompliziertes Schloss ein, das kaum jemand öffnen kann, und geben dann eine ausführliche Gebrauchsanweisung dazu, die auch der Dümmste begreifen muss?«
Keiner der anderen ging auf seine Worte ein, da niemand eine Erklärung hatte. Joscan Hellmut kümmerte sich um den Mechanismus, und kurz darauf glitt die Stahlwand zur Seite. Überrascht blickten die Männer und Frauen auf das Bild, das sich ihnen bot.
Sie standen in einer Halle, in der ein düsteres Halbdunkel herrschte. Ein tropischer Urwald bildete eine nahezu undurchdringliche Wand vor ihnen. In den Bäumen, Büschen und Schlinggewächsen schien es von fremdartigem Leben geradezu zu wimmeln. Vielfältige Geräusche schlugen dem Einsatzkommando entgegen.
»Macht das Schott wieder zu«, forderte einer der Buhrlos furchtsam. »Hier finden wir die Zentrale bestimmt nicht. Wir müssen es woanders versuchen.«
Atlan schaltete den Sender seines Kombigeräts ein und rief Bjo Breiskoll.
»Du wirst es nicht glauben«, sagte der Katzer, »aber wir stehen ebenfalls vor einer grünen Wand. Vor uns liegt ein Urwald.«
Nach kurzer Diskussion brach der Arkonide das Gespräch ab. Er war sich mit Breiskoll einig, dass es wenig sinnvoll gewesen wäre, umzukehren, denn einen anderen Weg ins Innere des Schiffes schien es nicht zu geben.
»Wir sind bewaffnet, und wir können uns einen Pfad durch den Dschungel brennen«, sagte der Arkonide. »Also haben wir nichts zu befürchten.«
»Ich halte es für möglich, dass wir in diesem Urwald auf Intelligenzen treffen, die mit der Hauptpositronik des Quaders kommunizieren«, bemerkte Joscan Hellmut. »Auf jeden Fall müssen wir uns hier umsehen.«
Ein gewisses Unbehagen befiel jedoch auch ihn. Ebenso wenig wie die anderen hatte er damit gerechnet, mitten in einem Raumschiff auf einen Dschungel zu stoßen.
Atlan betrat die Halle. Er ließ sich von einem der Ferraten einen Desintegratorstrahler geben und schnitt sich damit einen Weg durch das Gewirr der Schlinggewächse. Schwärme von Insekten stoben aus dem Dickicht auf und umkreisten die Männer.
»Ob der Quader ein Expeditionsschiff gewesen ist?«, fragte Tamir Gordan. »Vielleicht hatte es die Aufgabe, von fremden Planeten jeweils ein Stück Natur mitzubringen.«
»Ja, danach sieht es aus«, erwiderte Joscan Hellmut. »Das würde die Baumaschinen und auch diesen Dschungel hier mitten im Schiff erklären.«
Er spürte die hohe Belastung durch die Gravitation. Sie erschwerte den Weg durch den Urwald zusätzlich. Die Luft war heiß und stickig, sodass Atlan und seinen Begleitern der Schweiß ausbrach und ihre Kleidung durchnässte. Das wiederum lockte die Insekten an, sodass die meisten Ferraten bald die Tatsache verfluchten, dass sie die Raumanzüge abgelegt hatten.
»Die Halle kann nicht groß sein«, versuchte der Arkonide seine Begleiter zu trösten. »Wir haben es bald geschafft.«
Er blickte nach oben, konnte die Decke der Halle jedoch nicht erkennen, da ihm dichtes Blätterwerk die Sicht versperrte.
Im Geäst der Bäume und Büsche knackte es.
»Hört doch«, sagte Joscan Hellmut leise. »Irgendein Tier ist in unserer Nähe.«
Atlan blieb stehen und horchte. Deutlich vernahm er das Knurren und Atmen eines großen Tieres, das sich durch den Urwald bewegte. Es schien nicht weit von ihnen entfernt zu sein.
»Da ist es«, flüsterte Tamir Gordan, als ein riesiger Schatten zwischen den Bäumen auftauchte und sofort wieder verschwand. Für einen kurzen Moment war eine bizarre Gestalt erkennbar gewesen, die keinerlei Ähnlichkeit mit irgendetwas aufwies, was Atlan jemals gesehen hatte.
»Glaubst du, dass dieser Dschungel auch zu der kybernetischen Einheit gehört?«, fragte er Joscan Hellmut.
Der Kybernetiker wollte sich nicht festlegen.
»Es könnte so sein, wie Gordan gesagt hat. Dieser Urwald könnte ein Beutestück sein. Was hier lebt, gehört möglicherweise nicht zum Schiff. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Quader uns mit Absicht hierher geleitet hat.«
»Als Futter für die hungernden Tiere«, fügte Emar Wust sarkastisch hinzu.
»Ich kann aber auch nicht ausschließen, dass die Fremden, die die SOL angegriffen haben, gar nicht die Intelligenzwesen waren, die über den Quader bestimmen. Vorstellbar wäre, dass es in diesem Dschungel irgendetwas gibt, was die tatsächliche Macht an Bord ausübt.«
Atlan zuckte mit den Schultern und ging weiter. Als er einige Minuten später einen Bach überquerte, bemerkte er, dass es vor ihnen heller wurde. Offenbar näherten sie sich einer Lichtung.
Emar Wust drängte sich nach vorn. Er streckte Atlan die Hand entgegen.
»Wenn du willst, löse ich dich für einige Zeit ab«, sagte er.
Der Arkonide lächelte verstohlen, da der Ferrate sich ausgerechnet zu einem Zeitpunkt anbot, als das Schwerste überstanden war. Der Wald wurde lichter, und es war einfacher voranzukommen. Dennoch gab er ihm den Desintegrator und trat zur Seite.
»Danke!«
Wust nickte gönnerhaft und trennte eine Liane mit dem Desintegrator durch. Dann sprang er über einen Stein hinweg und wollte etwas durchschneiden, was wie ein umgestürzter Baumstamm aussah. Doch als sich der blau schimmernde Energiestrahl aus der Waffe dem vermeintlichen Baum näherte, erwachte dieser plötzlich zum Leben. Der verschorfte Leib einer gigantischen Schlange fuhr hoch, und bevor Emar Wust überhaupt erfasste, was geschah, umklammerte das Tier ihn mit seinem Leib. Es schnellte sich senkrecht in die Höhe. Der obere Teil des Körpers ringelte sich um den Ast eines Baumes und zog den unteren Teil, der den Ferraten umfasste, nach oben.
Einer der Buhrlos schoss, verfehlte die Schlange jedoch. Der Energiestrahl zischte am Ziel vorbei und verlor sich irgendwo im Blätterwerk der Bäume.
Wust, von dem nur noch die Beine zu sehen waren, hatte das Bewusstsein verloren. Schlaff hing er in den Körperschlingen der Bestie.
Atlan zielte mit seinem Paralysator auf den Kopf des Tieres. Er löste die Waffe erst aus, als er sicher war, dass er treffen würde.
Die Wirkung trat schlagartig ein. Die Schlange rutschte vom Baum und stürzte ins Gebüsch. Die tödlichen Schlingen, die den Ferraten gehalten hatten, lösten sich und gaben ihr Opfer frei. Tamir Gordan legte dem Freund die Hand an den Hals.
»Er lebt noch«, rief er erleichtert. »Ich kann seinen Pulsschlag fühlen.«
»Wir müssen ihn tragen«, sagte der Arkonide. »Helft Gordan.«
Zwei Ferraten nahmen ihrem Anführer die Arbeit ab. Sie hoben Emar Wust auf und schleppten ihn durch das Gebüsch, nachdem der Arkonide ihnen den Weg freigeschnitten hatte.
Fast hätte es dich erwischt, stellte der Extrasinn überflüssigerweise fest. Und wer weiß, ob die anderen besonnen genug gewesen wären, dich zu befreien.
Sie erreichten eine Lichtung, die einen Durchmesser von fast zweihundert Metern hatte. In ihrer Mitte lag ein See, aus dem sich ein roter Hügel erhob.
Das ist kein Hügel, korrigierte der Logiksektor. Das ist ein Lebewesen!
Das Ding glich einer riesigen Qualle. An den Außenseiten seines Körpers schien es zahllose Beine zu besitzen. Genau konnte der Arkonide das nicht erkennen, weil der gewaltige Leib zu tief im Wasser steckte.
Er blickte Joscan Hellmut an und erinnerte sich daran, dass dieser etwas von einer Intelligenz gesagt hatte, die sich möglicherweise in diesem Urwald aufhielt und die mit der Schiffspositronik in Verbindung stand.
Sollte der Kybernetiker recht haben? War das ein intelligentes Wesen? Empfahl es sich daher, Verbindung mit ihm aufzunehmen? Oder war es nur ein Tier, das möglicherweise ebenso gefährlich war wie zuvor die Schlange?
Bjo Breiskoll wäre am liebsten umgekehrt. Er wusste, dass es in dem Urwald, vor dem er stand, vor Leben nur so wimmelte. Unter normalen Umständen hätte er zahllose Gedankenimpulse empfangen müssen. Doch im Augenblick vernahm er nichts.
Das Summen und Surren, welches das Schiff erfüllte, machte ihn parapsychisch taub. Seine telepathischen Sinne schienen ihm abhandengekommen zu sein.
Unwillkürlich fragte er sich, ob irgendjemand an Bord des Quaders wusste, dass er ein Telepath war, und das Störgeräusch aus diesem Grunde erzeugte, oder ob das Summen zufällig war.
»Wir müssen weiter«, drängte Gavro Yaal. »Das kleine Stück durch den Urwald werden wir schon schaffen.«
»Und was ist, wenn wir auf der anderen Seite der Halle keinen Ausgang finden?«, fragte einer der Ferraten.
»Dann schneiden wir uns durch die Wand«, antwortete Breiskoll.
»Das können wir auch hier schon tun«, bemerkte Yaal.
»Sicher. Aber dann hätten wir es mit anderen Hindernissen zu tun, die auch nicht leichter zu überwinden sind als dieses. Und je mehr Zerstörungen wir anrichten, desto heftiger wird die Positronik auf uns reagieren.«
Der Katzer ging durch das Schott in den Dschungel hinein. Einige leuchtend gelbe Vögel flogen erschrocken vor ihm auf, und eine faustgroße Spinne zog sich zischend in eine Erdhöhle zurück.
»Ihr braucht keine Angst vor den Tieren zu haben«, sagte Gavro Yaal zu den Ferraten und Buhrlos. »Sie flüchten vor uns. Nur wenn sie sich bedroht fühlen und keinen anderen Ausweg mehr wissen, werden sie uns angreifen.«
»Oder wenn sie Hunger haben«, fügte einer der Buhrlos hinzu.
Bjo Breiskoll bemerkte ein riesiges, katzenähnliches Wesen, das etwa fünfzig Meter von ihm entfernt zwischen den Büschen auftauchte. Er fühlte sich an einen Tiger erinnert, obwohl das Tier mit einem solchen nur eine entfernte Ähnlichkeit hatte.
Das Wesen war nur für Sekundenbruchteile zu sehen. Dann verschwand es wieder im Dickicht. Dennoch glaubte Breiskoll sehen zu können, dass es zwei überaus stark ausgeprägte Hinterläufe, aber nur einen Vorderlauf hatte, der zudem verkümmert wirkte. Aus seiner Brust ragten zwei spitze Dornen. Im Nacken des klobig aussehenden Kopfes erhoben sich bizarre Gebilde, deren Funktion der Telepath in der kurzen Zeit nicht erkennen konnte. Sie glichen jedenfalls den Fühlern und Antennen von Insekten.
Die Augen des Tigerwesens waren gelb und leuchtend. Bjo war sicher, dass sie auf ihn gerichtet gewesen waren. Er glaubte, die Blicke noch lange nach dem Verschwinden der Bestie zu spüren. Und er fühlte sich bedroht.
Allmählich wurde ihm bewusst, warum er eine Ähnlichkeit zwischen diesem Wesen und einer Katze wahrgenommen hatte. Es waren ebenjene Augen gewesen. Das fremdartige Wesen hatte die Augen einer Katze. Und plötzlich glaubte Bjo zu wissen, dass es sich nicht vor ihnen zurückziehen, sondern in ihrer Nähe bleiben würde, um sie zu belauern und vielleicht anzugreifen.
Er warnte Gavro Yaal.
»Und wennschon«, erwiderte der Botaniker. »Wir sind bewaffnet. Unsere Energiestrahlen werden dem Biest nicht besonders gut bekommen.«
Die Ferraten und Buhrlos rückten ein wenig näher zueinander. Sie hielten ihre Strahler schussbereit in den Händen, und als es einige Meter von ihnen entfernt in einem Gebüsch raschelte, schoss einer von ihnen.
Die Glut fuhr in das Gebüsch und setzte es augenblicklich in Brand. Ein kleines Pelztier floh laut quiekend ins Unterholz.
»Schießt nicht sinnlos herum«, warnte Breiskoll. »Wir zerstören nicht mehr als unbedingt notwendig.«
Der Ferrate, der geschossen hatte, trat hastig das Feuer aus.
Erneut tauchte das katzenartige Wesen etwa zwanzig Meter von Breiskoll entfernt unter den Bäumen auf und verschwand sofort wieder im dichten Grün. Da sich die beiden Schläfer mit ihren Helfern mittlerweile etwa hundert Meter von dem Eingangstor entfernt hatten, konnte kein Zweifel daran bestehen, dass das Tier in ihrer Nähe bleiben wollte und ihnen folgte.
Bjo fühlte sich versucht, blindlings in die Richtung zu schießen, in der er es gesehen hatte, senkte den schon erhobenen Thermostrahler jedoch wieder, weil ihm bewusst wurde, wie sehr er die anderen mit einem solchen Schuss verunsichert hätte.
Flüchtig dachte er daran, das seltsame Geschöpf zu suchen, aber auch das tat er nicht, weil ihm aufging, wie sinnlos eine solche Tat gewesen wäre.
Plötzlich wurde es still.
Breiskoll und seine Begleiter blieben stehen.
Der Wald schwieg. Die Vögel verstummten. Selbst die Insekten schienen sich vor den Eindringlingen zurückzuziehen.
Es war, als hole der Dschungel selbst tief Luft, um ... ja, um was zu tun?
Yonlies war zutiefst erschrocken.
Völlig überraschend war ein Wesen in der Halle aufgetaucht, das in irgendeiner Weise mit ihm verwandt zu sein schien.
Er hatte es genau beobachtet. Diese katzenhafte Art sich zu bewegen, die Körperhaltung und vor allem die Augen machten deutlich, dass dieses Wesen die gleiche Entwicklung durchgemacht hatte wie er.
Damit war alles ganz anders gekommen, als er gedacht hatte. Seit seiner Entführung von Arzeiss war er entschlossen gewesen, sich zu rächen und jeden zu töten, der ihm in die Quere kam.
Er erinnerte sich noch deutlich an den Überfall.
Das fremde Raumschiff war über Arzeiss erschienen. Riesige Maschinen waren gelandet und hatten damit begonnen, ein Stück Urwald wegzuschleppen – mit allem, was darin lebte.
Die unerwünschten Besucher aus dem All hatten sich nicht darum gekümmert, was die Entführung dieses Stück Waldes für seine Bewohner bedeutete. Sie hatten ihm noch nicht einmal die Chance gegeben, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen. Unsichtbare Kräfte waren durch den Wald gerast und hatten alles gelähmt, was darin hauste.
Yonlies war zusammengebrochen. Hilflos hatte er unter den Bäumen gelegen und mit seinen telepathischen Sinnen verfolgt, wie die Fremden Stück um Stück des Waldes gestohlen und in ihr Raumschiff gebracht hatten.
Korr, der im See lebte, war es nicht anders gegangen. Er war ebenfalls entführt worden. Auch seine parapsychischen Sinne waren wach gewesen, aber er hatte nichts tun können.
An Bord des Raumschiffs war alles anders geworden. Seit Yonlies hier war, hörte er ein Summen und Surren, das seine Sinne betäubte. Dadurch konnte er die Gedanken der Fremden nicht erfassen. Er hatte den Kontakt zu seiner Umwelt verloren.
Dennoch begriff er, dass die Fremden, die vor Kurzem in seine Welt eingedrungen waren, nicht mit jenen identisch waren, die ihn entführt hatten. Das war jedoch kein Grund, sie nicht als Feinde zu betrachten
Sie befanden sich auf dem Schiff der Entführer, und sie waren bewaffnet. Einer von ihnen hatte sogar geschossen. War das nicht Beweis genug dafür, dass sie auf der Seite der Kidnapper standen?
Und doch konnte Yonlies sich nicht entschließen, sie anzugreifen und einige von ihnen zu töten, denn da gab es dieses Wesen, das ihm irgendwie ähnlich war.
Yonlies beschloss abzuwarten und zu versuchen, mit diesem Wesen Verbindung aufzunehmen. Er wollte mit ihm sprechen, um zu erfahren, weshalb das alles geschehen war.
Durch die Entführung war das Volk von Arzeiss in geradezu unbeschreiblicher Weise beleidigt worden, da Korr und er nur wenige Tage vorher von den Priestern zu Göttern erklärt worden waren. Sie hatten sich zur Läuterung und Meditation in den Dschungel zurückgezogen, und niemand auf Arzeiss hätte gewagt, sie dort zu stören.
Die Fremden hatten jedoch keine Rücksicht genommen. Sie hatten sie nicht nur gestört, sondern sogar gegen ihren Willen verschleppt.
Yonlies dachte daran, welchen Schock dieses Verbrechen bei seinem Volk ausgelöst haben musste. Früher oder später würden die Priester Späher aussenden, weil die gewählten Götter nicht zum vorgesehenen Zeitpunkt in die Stadt der Zeitlosen zurückkehrten. Die Späher würden nur noch ein Erdloch vorfinden, wo vorher der Wald gewesen war.
Noch niemals zuvor war so etwas geschehen, und Yonlies fürchtete, dass sich das ihm anvertraute Volk niemals mehr von diesem Schlag erholte.
Korr dachte nicht anders, doch er strebte die blutige Rache ohne jede Rücksicht an. Yonlies gelang es dagegen, seine Hassgefühle zu überwinden. Er kam zu der Ansicht, dass es besser war, mit dem Katzenwesen zu sprechen. Vielleicht konnte er auf diese Weise erfahren, ob die Ereignisse einen versteckten Sinn ergaben. Und vielleicht geschah sogar ein Wunder, und man brachte sie nach Arzeiss zurück.
Yonlies ließ sich hinter einem Baum auf den Boden sinken. Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen, doch das fiel ihm schwer. Mal dachte er an Rache, mal hoffte er, dass doch noch alles gut ausgehen würde.
Das Raumschiff war für ihn wie ein Wunder. Die Priester von Arzeiss wussten, dass es die Raumfahrt gab. Überlieferte Berichte mit fotografischen Aufnahmen zeugten von mehreren Besuchen aus dem Weltraum. Doch die lagen schon Jahrhunderte zurück.
Yonlies hatte zeitlebens gehofft, dass wieder einmal Besucher aus dem Weltraum nach Arzeiss kommen würden, doch als sie dann wirklich gekommen waren, war seine Freude von blankem Entsetzen abgelöst worden.
Er schreckte aus seinen Gedanken hoch, als er einen Ultraschallpfiff Korrs hörte. Plötzlich schwiegen die Tiere des Waldes. Yonlies sprang auf.
Er wusste, dass Korr sich bedroht fühlte, und er fürchtete, dass es zu einem Kampf kommen würde, der alle Verständigungsbemühungen unmöglich machte.
Korr war unbeherrscht und voller Hass. Er würde nicht lange überlegen, sondern sofort zuschlagen, wenn sich einer der Fremden in seine Nähe wagte.
Atlan wartete, bis Joscan Hellmut bei ihm war.
»Was hältst du davon?«, fragte er und zeigte auf das quallenähnliche Wesen im See.
Der Kybernetiker blickte zu dem Gewässer hinüber und deutete mit einer Geste an, dass er nicht wusste, was er antworten sollte.
»Wir haben zu wenig an Informationen über diesen Dschungel und das, was in ihm lebt«, sagte er schließlich.
»Wir gehen näher heran«, entschied der Arkonide.
Doch schon nach wenigen Schritten blieb er wieder stehen. Ihm fiel auf, dass die Lichtung nahezu kreisrund war. Am Ufer des Sees wuchsen nur niedriges Gras und vereinzelt einige Büsche. An mehreren Stellen waren Schleifspuren, die zum Wasser führten.
»Vorsicht!«, warnte Atlan. »Hier stimmt etwas nicht.«
Einer der Ferraten hatte sich bereits ein paar Meter weiter vorgewagt.
»Komm zurück«, rief Joscan Hellmut ihm zu. »Sofort!«
Doch es war schon zu spät.
Plötzlich schoss ein armdicker Tentakel aus dem Wasser auf den Mann zu. Der Greifarm schlang sich um den Ferraten, und Saugnäpfe drückten sich ihm ins Gesicht. Bevor irgendeiner der anderen reagieren konnte, verschwand der Mann im Wasser.
Tamir Gordan rannte auf den See zu.
»Nicht schießen«, brüllte Joscan Hellmut.
Doch Gordan ließ sich nicht zurückhalten. Er feuerte seinen Thermostrahler auf das quallenförmige Wesen ab. Der sonnenhelle Energiestrahl fuhr in den runden Körper. Wasser verkochte zischend und brodelnd.
Das Wesen löste sich in mehrere Teile auf, während es sich senkrecht aus dem Wasser schnellte. Gallertartige Masse spritzte zu den Seiten weg. Für einen kurzen Moment wirbelte die Gestalt des Ferraten, den das Wesen gepackt hatte, durch die Luft. Dann tauchte er in dem dampfenden Chaos unter und verschwand im Wasser.
Atlan glaubte, einen Schrei hören zu können, doch er war sich dessen nicht sicher.
Tamir Gordan feuerte abermals und zerstörte die Reste des Giganten.
»Was soll das?«, herrschte Joscan Hellmut ihn an. »Bist du taub? Es hätte genügt, das Ding zu paralysieren. Dann hätten wir den Mann vielleicht noch retten können.«
»Du hast wohl keine Augen im Kopf?«, brüllte der Ferrate zurück. Er war kreidebleich und würgte vor Schreck und Entsetzen. »Hast du nicht gesehen, was dieses Biest mit ihm gemacht hat? Er war schon tot, bevor ich geschossen habe.«
»Beruhigt euch«, mahnte Atlan. »Es ist ohnehin zu spät. Der Schaden ist angerichtet. Wir hätten erkennen müssen, dass rund um den See eine Zone existiert, in der alles gefährdet ist, was sich dort blicken lässt. Die Schleifspuren zeigen, dass der Ferrate nicht das erste Opfer war.«
Er machte sich Vorwürfe, weil er nicht aufmerksam genug gewesen war.
Und was, wenn das kein Tier, sondern ein intelligentes Wesen war, das Verbindung mit der Schiffspositronik hatte?, flüsterte der Extrasinn.
Dann haben wir womöglich einen verhängnisvollen Fehler gemacht, antwortete Atlan.