1.
Tamir Gordan blieb an der gelb gekennzeichneten Schleuse stehen und lehnte sich gegen die Wand. Zahlreiche Männer und Frauen zogen lärmend und schwatzend an ihm vorbei. Sie schleppten Kisten, Kästen und Körbe, die sie mit allerlei Waren gefüllt hatten. Keiner von ihnen beachtete den Ferraten, der über seiner blauen Uniformjacke eine Weste aus einem schwarzen, lederähnlichen Material trug. Einige von ihnen konnten offenbar gar nicht erwarten, bis sie den ihnen zugewiesenen Verkaufsplatz in dem sich anschließenden Gang erreicht hatten. Sie verkündeten schon bei ihrem Einzug in die sogenannte Markthalle, was sie anzubieten hatten.
In der SOL gab es zahlreiche Verteilerstellen. Von ihrem Angebot machten auch alle Gebrauch, soweit es ihnen möglich war. Doch Verteilerstellen waren planwirtschaftliche Einrichtungen und ohne Reiz. Die Waren, die von dort zu beziehen waren, zeichneten sich vor allem durch Gleichförmigkeit aus und waren damit ebenso langweilig wie das Leben an Bord, wobei es hier wie dort Ausnahmen gab.
Wesentlich beliebter waren die freien Märkte, auf denen selbst produzierte Erzeugnisse angeboten wurden. Tamir Gordan fühlte sich von ihnen jedoch nicht sonderlich angezogen. Er war aus einem anderen Grund hier.
Emar Wust, ein dunkelhaariger Ferrate, blieb bei ihm stehen und blickte ihn forschend an.
»Hast du schon gehört, Tamir?«, fragte er. »Es heißt, dass jetzt alles in Bewegung kommt. Atlan ist an Bord. Ja, wirklich, es ist jener Atlan, von dem schon die Legenden berichten.«
Tamir Gordan schien die Worte nicht gehört zu haben. Sein Gesicht blieb ausdruckslos. Emar bemerkte die Narbe, die sich dicht über dem Kragen seiner Uniformjacke über den Hals zog. Ein Messer hatte diese Spur hinterlassen. Wust kam es wie ein Wunder vor, dass Tamir überlebt hatte.
»Der Andrang ist mal wieder groß«, sagte er und lachte verlegen. »Die Leute freuen sich, wenn sie etwas zu tun haben. Hoffentlich gibt es nicht wieder Ärger.«
Tamir verschränkte die Arme vor der Brust. Durch das offene Schott beobachtete er das Treiben im Gang. Dicht an dicht saßen die Männer und Frauen auf dem Fußboden und priesen die Waren an, die sie vor sich ausgebreitet hatten. Fast alle waren Ferraten, und nahezu alle hatten ihr Angebot selbst hergestellt.
Unter den Besuchern des Marktes dagegen sah er Vertreter aller Wertigkeiten, sogar ein Magnide tauchte für einige Minuten auf. Keiner von ihnen schien das Knacken und Knistern in den Wänden der SOL zu bemerken, und wenn das Schiff sich schüttelte, als sei es gegen ein unsichtbares Hindernis geflogen, stockten die Gespräche nur kurz.
»Sie haben sich an die Unruhe gewöhnt«, stellte Emar Wust fest. Er befeuchtete sich die Lippen mit der Zunge und rückte ein wenig näher an Tamir heran. »Es scheint sie kaum noch zu beunruhigen. Dabei ist die Gefahr noch längst nicht beseitigt. Im Gegenteil. Wir rasen nach wie vor auf diesen verfluchten Planeten zu, und es sieht wahrhaftig nicht so aus, als könnten wir verhindern, dass wir darauf abstürzen. Oder?«
Tamir Gordan wandte sich ihm flüchtig zu. Noch immer zuckte kein Muskel in seinem sanft gebräunten Gesicht, das hart und kantig war. Die grauen Augen schienen aus Stein und ohne inneres Feuer zu sein. Doch das änderte sich, als eine blonde Ferratin an den beiden Männern vorbeiging. Plötzlich belebten sich die Augen, und winzige Fältchen bildeten sich in ihrer Nachbarschaft.
Das Mädchen blieb stehen und nickte Tamir zu. Sie hatte ein ovales, ausdrucksvolles Gesicht mit dunklen, fast schwarzen Augen, die Intelligenz wie auch eine gewisse Hilflosigkeit erkennen ließen.
»Sei vorsichtig, Tamir«, flüsterte das Mädchen. »Mein Bruder kommt. Wenn er dich sieht ...«
Sie presste die Lippen zusammen und ging weiter, wobei sie Tücher, die sie mit farbenprächtigen Mustern bestickt hatte, an sich presste.
»Keine Angst, Pyka, ich passe schon auf«, erwiderte er und lächelte ein wenig.
Kaum war das Mädchen an ihm vorbei, als ein heftiger Schlag die SOL erschütterte. Unmittelbar darauf krachte es über den Menschen im Gang, und Dichtungsmaterial rieselte von der Decke herab.
Die Gespräche verstummten. Die Augen aller Marktbesucher richteten sich gegen die Decke. Von dort kam nun ein bedrohliches Knirschen und Ächzen.
»Wir hätten den Markt nicht abhalten dürfen«, sagte Emar Wust besorgt. Unwillkürlich legte er Gordan die Hand an die Schulter, ließ sie jedoch sogleich wieder erschrocken sinken, als er merkte, dass er damit den Unwillen des anderen erregte. »Jedenfalls nicht hier unmittelbar an der Außenwand des Schiffs. Was ist, wenn sie aufplatzt?«
Tamir Gordans Haltung änderte sich nicht. Gelassen und scheinbar von unerschütterlicher Ruhe erfüllt, lehnte er an der Wand.
Ein verwachsener Ferrate näherte sich ihnen. Er war kleiner als sie. Seine Hände waren dagegen auffallend groß und dicht behaart. Sein Kopf saß tief zwischen den Schultern, die sich zu einem Buckel aufwölbten. So abstoßend jedoch die Gestalt dieses Mannes war, so schön war sein Gesicht. Es war ebenmäßig und glatt und spiegelte den Ausdruck vollkommenen inneren Friedens wider.
Doch dieser Eindruck täuschte, denn von innerem Frieden war der Mann weit entfernt. Eifersüchtig wachte er über seine Schwester.
Als der Verwachsene Tamir Gordan bemerkte, änderte sich seine Miene. Sie verzerrte sich, und die Augen sprühten vor Hass. In der rechten Hand des Krüppels erschien plötzlich ein Messer, und Emar Wust befürchtete schon, dass Tamir Gordan sich zu einem Kampf stellen musste. Doch der Mann in der Lederweste schürzte lediglich verächtlich die Lippen. Er tat, als bemerke er den Bruder des Mädchens nicht, das ihn eben noch mit einem Lächeln begrüßt hatte.
»Das Messer weg«, befahl Emar Wust, »oder ich sorge dafür, dass du irgendwo in den Maschinenräumen verschwindest! Dies ist ein friedlicher Ort.«
Der Verwachsene stieß einige Männer zur Seite, die ihn weiterschieben wollten. Doch sie dachten nicht daran, sich aufhalten zu lassen. Sie wollten in die Markthalle, und als er sich ihnen gegenüber gar zu rücksichtslos verhielt, packten sie ihn und schleiften ihn mit sich, ohne sich um sein wütendes Geschrei zu kümmern. Emar Wust lachte. Er legte Gordan die Hand an den Arm.
»Du hast recht gehabt«, sagte er belustigt. »Um solche Zwerge kümmert man sich am besten gar nicht.«
Auch jetzt antwortete Gordan nicht. Seine Blicke richteten sich gegen die Decke des Ganges, in der es immer lauter krachte. Die SOL schien sich zu krümmen, da das andere Raumschiff ihr immer näher rückte, und die gravitatorischen Auswirkungen des Riesen stärker wurden.
Einige Schweißnähte platzten auf, und eine Deckenplatte lockerte sich so weit, dass sie an einer Seite heruntersackte.
Emar Wust blickte erst den Mann neben sich und dann die Ferraten im Gang an. Er begriff, dass etwas Entscheidendes geschah.
»Wir müssen hier weg«, sagte er. »Tamir, dieser Bezirk muss geräumt werden. Die SOL bricht auseinander.«
Gordan löste sich von der Wand. Er spürte, wie der Boden unter seinen Füßen erzitterte, und abermals schien die SOL von einem schweren Gegenstand getroffen zu werden. Die Schiffshülle dröhnte wie eine riesige Glocke, doch davon schien in der Markthalle niemand etwas zu bemerken. Bis eine Bodenplatte unter einer Frau nachgab und sie schreiend in die Tiefe stürzte. Einige Männer in ihrer Nähe versuchten, sie zu halten. Sie krallten ihre Finger in ihre Uniform, doch der dünne Stoff zerriss, und die Frau verschwand in der Öffnung.
Unmittelbar darauf löste sich eine Platte von der Decke.
»Aufpassen!«, schrie Emar Wust.
Seine Warnung kam gerade noch rechtzeitig. Drei Männer und eine Frau, die direkt unter der Platte gestanden hatten, sprangen zur Seite. Dann zersplitterte die Wandverkleidung hinter einer Frau, die auf dem Boden hockte und Metallschmuck anbot. Wie Geschosse wirbelten die Plastiksplitter durch den Gang – wie durch ein Wunder, ohne jemanden ernsthaft zu verletzen.
Tamir Gordan eilte zu dem Schott und drückte den Alarmknopf.
»Diesen Bezirk sofort räumen!«, rief er. »Verschwindet von hier! Schnell!«
Er hätte nichts zu sagen brauchen. Eine Panik brach aus. Die Männer und Frauen rafften ihre Habseligkeiten zusammen und stürmten in wilder Flucht durch das Schott. Tamir sprang zurück und presste sich mit dem Rücken gegen die Wand, während Emar Wust mitgerissen wurde. Gordan sah ihn in der Menge verschwinden.
»Tamir, hilf mir!«, schrie eine helle Stimme aus dem Gewühl der flüchtenden Ferraten.
Gordan versuchte, in den Gang einzudringen, doch es gelang ihm nicht. Die Männer und Frauen drängten sich ihm rücksichtslos entgegen. Ihre Gesichter waren bleich und vor Angst verzerrt. Die Augen wollten ihnen geradezu aus den Höhlen quellen. Einige Männer schlugen wild um sich, da sie fürchteten, zu stürzen und am Boden zu Tode getrampelt zu werden.
»Tamir«, schrie Pyka Gaern erneut. »Hilf mir!«
Ihre Stimme versank im Geschrei der Menge, das sich noch steigerte, als abermals eine Deckenplatte herunterfiel und zwei Männer unter sich begrub. Niemand versuchte, den beiden Unglücklichen zu helfen. Tamir Gordan beobachtete, wie die Menge über die Platte hinwegrannte, unter der die beiden Männer lagen.
Nun kämpfte er sich energischer voran. Er schlug mit gezielten Hieben nach jedem, der ihm nicht Platz machte. Dabei wusste er, dass er den beiden Verunglückten unter der Platte vorläufig nicht helfen konnte. Er wollte Pyka jedoch nicht allein lassen.
Er sah sie bereits und erkannte, dass sie mit einem Fuß in einem Bodenspalt feststeckte. Offenbar konnte sie sich nicht aus eigener Kraft befreien. Über ihr hing eine Deckenplatte, die sich an neun von zwölf Verankerungspunkten gelöst hatte und jeden Moment herabbrechen konnte.
»Ich komme, Pyka«, schrie der Ferrate.
Sie sah ihn, und ihre Augen leuchteten auf.
Eine verkrüppelte Gestalt wühlte sich durch die Beine einiger flüchtender Männer und kroch auf Tamir Gordan zu. In ihrer Hand blitzte ein Messer. Geschickt verstand der Verwachsene, jede sich ihm bietende Deckung auszunutzen. Er wartete, bis Gordan an ihm vorbei war, dann richtete er sich auf und stürzte sich von hinten auf ihn.
»Tamir, hinter dir!«, schrie Pyka entsetzt.
Gordan fuhr herum. Mit einer schnellen Handbewegung fing er das auf sich herabfahrende Messer ab. Dann aber rempelte ihn einer der fliehenden Männer an und warf ihn zu Boden. Im letzten Moment gelang es ihm, die tödliche Klinge zur Seite zu drücken. Dabei verletzte er sich allerdings an der Hand. Die Wunde blutete stark.
Der Verwachsene riss sich los und griff erneut an. Er war so stark und geschickt, dass Tamir Gordan sich ganz auf ihn konzentrieren musste. Ein wilder Kampf begann, der völlig ausgeglichen war. Was Tamir an Geschicklichkeit und Erfahrung in die Waagschale warf, das setzte sein Gegner ihm an Kraft, Rücksichtslosigkeit und Brutalität entgegen. Darüber hinaus hatte der Bruder Pykas einen erheblichen Vorteil, denn während er Tamir um jeden Preis töten wollte, bemühte Gordan sich darum, ihn nicht ernsthaft zu verletzen.
So tobte der Kampf minutenlang hin und her, ohne dass ihn einer der beiden für sich entscheiden konnte. Dann aber erzitterte die SOL unter einem weiteren Schlag. Decken und Wände platzten donnernd auseinander, und ein armlanger Plastiksplitter drang dem Krüppel von hinten in den Hals. Er tötete ihn auf der Stelle.
Betroffen richtete Tamir Gordan sich auf. Erst jetzt merkte er, dass er mit dem Bruder des Mädchens, das er liebte, allein war. Der Boden schwankte so heftig unter seinen Füßen, dass er Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten. Er erkannte, dass er nicht länger bleiben durfte, und kämpfte sich durch die Trümmer zum Schott vor. Er schloss es hinter sich.
Dann erinnerte er sich daran, dass Pyka in Not gewesen war und dass er ihr hatte helfen wollen. Er wollte das Schott wieder öffnen.
»Nicht doch«, sagte jemand hinter ihm. »Dadurch würdest du uns nur unnötig in Gefahr bringen.«
Er drehte sich um und sah einen hochgewachsenen Mann mit weißen Haaren und rötlichen Augen vor sich. Pyka kam aus einem Seitengang und blickte ängstlich zu ihm hinüber. Er ließ den Weißhaarigen stehen und eilte zu ihr.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte er. Sie nickte.
»Ich bin nicht verletzt. Der Weißhaarige hat mich herausgeholt. Was ist mit meinem Bruder?«
Tamir senkte den Kopf, und erst jetzt fiel ihm auf, dass seine rechte Hand noch immer blutete.
»Er ist tot«, erwiderte er.
Sie wich vor ihm zurück.
»Du hast ihn getötet«, klagte sie ihn an.
»Nein. Ein herumirrender Splitter hat ihn getroffen.«
Sie drehte sich abrupt um und eilte ohne ein weiteres Wort davon.
Tamir Gordan versuchte nicht, sie aufzuhalten. Sein Gesicht war wie aus Stein gemeißelt. Er blickte ihr nach, bis sich ein Schott hinter ihr schloss. Dann drehte er sich um. Er wollte mit dem Weißhaarigen sprechen, doch dieser war nicht mehr auf dem Gang. Er musste in einen der Antigravschächte gestiegen und ins Schiffsinnere zurückgekehrt sein.
Müde ging Gordan zu der Deckenplatte hin, die zwei Männer unter sich begraben hatte. Er stemmte sie hoch und drückte sie zur Seite. Die beiden Ferraten waren bewusstlos, aber sie schienen nicht lebensgefährlich verletzt zu sein.
Als Atlan die Hauptleitzentrale der SOL betrat, waren dort die meisten Magniden um den High Sideryt Chart Deccon versammelt. Als wolle eine unsichtbare Macht unterstreichen, um welches Thema es ging, wurde die SOL gerade in diesem Moment von einem heftigen Schlag erschüttert, der bis in das Innerste des Schiffes spürbar war.
»Wir sind uns einig darin, dass etwas geschehen muss«, erklärte Chart Deccon, der Anführer der SOLAG. »Mehrere Außenbereiche des Schiffes sind schwer beschädigt worden, und die Zerstörungen werden weitergehen. Der Quader nähert sich uns immer mehr.«
»Wir werden mit dem Quader zusammenstoßen, wenn wir nichts unternehmen«, entgegnete der Magnide Wajsto Kolsch.
Chart Deccon nickte gewichtig.
»Der Meinung bin ich auch«, sagte er und blickte Atlan flüchtig an.
Der High Sideryt war ein Mann von vierundachtzig Jahren, eine imponierende Persönlichkeit, die ein klar umrissenes Ziel für die SOL hatte. Atlan hatte mittlerweile erkannt, dass Chart Deccon eine Bestimmung für die SOL finden und dadurch die Zeit des ziellosen Dahintreibens beenden wollte. Auf diese Weise hoffte er zugleich auch der Kämpfe, dem Verfall und der Krisen an Bord Herr zu werden. Doch unter den gegebenen Umständen hatte er kaum eine Chance, sein Vorhaben zu verwirklichen. Zunächst musste der Sturz der SOL beendet und die Gefahr durch den Quader beseitigt werden.
Chart Deccon stand unter dem Hauptbildschirm, auf dem sich das gewaltige Gebilde des anderen Raumschiffs abzeichnete. Das Ding sah aus wie ein vieleckiger Würfel mit marmorierter Oberfläche und zahlreichen Einschnitten, die durch Energiebeschuss entstanden waren. Es hatte einen Durchmesser von annähernd 2800 Metern, wirkte aber durch die zahllosen Türme, Kuppeln, Antennen, Projektoren, Geschütze, Greifwerkzeuge und Luken auf seiner Oberfläche noch größer. Der Quader stürzte ebenso wie die SOL auf den siebten Planeten des Sonnensystems mit dem Namen Mausefalle zu. Von ihm wurden sie mit unwiderstehlicher Gewalt angezogen. Das andere Raumschiff bewegte sich jedoch schneller als die SOL, und von ihm gingen gewaltige gravitatorische Kräfte aus, gegen die der High Sideryt und seine Helfer bisher keine Abwehrmittel gefunden hatten.
»Wir hätten längst mit Bordwaffen feuern sollen«, kritisierte Curie van Herling, eine untersetzte, füllige Frau. Sie war sich dessen bewusst, dass sie nicht gerade eine Schönheit war, und sie litt darunter. In ihrer Eitelkeit versuchte sie, die Unregelmäßigkeiten ihres Gesichts zu übertünchen, nahm dabei jedoch regelmäßig zu viel Make-up. »Warum haben wir den Quader nicht in seine Bestandteile zerlegt?«
»So etwas kannst auch nur du fragen«, entgegnete Gallatan Herts mit unüberhörbarer Verachtung. Er war der Kleinste der Magniden, weshalb man ihn hinter seinem Rücken meist Rumpelstilzchen nannte. Er war dürr und verwachsen. Mit seinen tief liegenden, wasserblauen Augen pflegte er diejenigen scharf zu fixieren, die er angesprochen hatte, als suche er nach einer Schwachstelle. Da er streitsüchtig war, gingen die anderen Magniden ihm meist aus dem Weg. Niemand hatte Lust, sich privat mit ihm zu unterhalten. Symptomatisch für ihn war, dass er sich eine hundeähnliche Kreatur namens Kyr-Kyr hielt, die ihn so sehr hasste, dass er ihr grundsätzlich nicht den Rücken zudrehte.
»Wir alle wissen, dass es mit deiner Intelligenz nicht weit her ist. Du solltest lieber den Mund halten.«
Curie van Herling errötete vor Ärger über diese Worte. Mit einer derartigen Bosheit schien sie nicht gerechnet zu haben. Hilfe suchend wandte sie sich an den High Sideryt, dem jedoch nichts aufgefallen zu sein schien. Chart Deccon blickte an ihr vorbei. Er lächelte, als sei er mit der Entwicklung des Gesprächs zufrieden.
»Das verstehe ich nicht ganz«, bemerkte Lyta Kunduran, das jüngste Mitglied der Kaste der Magniden. Sie war erst vor einem Jahr in diesen Kreis berufen worden und noch unsicher. Sie galt als außerordentlich ehrgeizig und rechtfertigte ihre Berufung zu den Magniden vor allem durch ihre schon fast paranormale Begabung für alles, was mit Positroniken zu tun hatte. »Könnte man das nicht etwas deutlicher sagen?«
»Mit dem größten Vergnügen, obwohl wir, wie ich meine, doch schon alles erklärt haben«, entgegnete Gallatan Herts herablassend. »Wenn wir mit Bordwaffen auf den Quader schießen, dann wird dieser fraglos zerstört werden. Bei einem Schiff dieser Größenordnung müssen wir davon ausgehen, dass es eine Menge Waffen an Bord gibt, die sich durchaus mit unseren vergleichen lassen. Wenn das der Fall ist, dann ist es wahrscheinlich, dass einige davon explodieren oder dass es zu anderen energetischen Wechselwirkungen kommt, und das wiederum hätte verheerende Folgen für die SOL. Die beiden Raumschiffe sind sich nämlich mittlerweile so nahe, dass ein explodierender Quader die SOL zerfetzen würde. War das klar und deutlich genug für einen weiblichen Magniden?«
»Danke! Es reicht.« Lyta Kunduran wandte sich erbost ab. Sie ärgerte sich maßlos über die Antwort, die Gallatan Herts ihr gegeben hatte, zumal sie sich nun daran erinnerte, dass diese Frage schon einmal erörtert worden war.
»Ich plädiere für eine Einsatzgruppe«, bemerkte Palo Bow, ein fettleibiger Afro-Solaner. Er war der einzige männliche Vertreter der Fortschrittlichen unter den Magniden und galt als ein Mann der Ruhe und des Ausgleichs. Allerdings war er oft schwer zugänglich und kaum ansprechbar. Man sagte ihm nach, dass er enge Beziehungen zu einer Solanerin unterhielt, aber Genaueres wusste niemand.
»Das hört sich gut an«, erwiderte Chart Deccon. »Lass dich näher darüber aus.«
Das Gesicht Palo Bows behielt seinen mürrischen Ausdruck. Wenn dieser 78 Jahre alte Magnide sich dadurch geschmeichelt fühlte, dass sein Vorschlag Anklang gefunden hatte, so ließ er es sich nicht anmerken.
»Eine Gruppe von vielleicht zwanzig Solanern muss in den Quader eindringen. Sie wird kaum auf Schwierigkeiten stoßen, da die Besatzung das Schiff vermutlich längst verlassen hat. Das Kommando wird einen Brückenkopf errichten und von dort aus das Schiff erobern. Das geschieht natürlich am einfachsten dadurch, dass es die Zentrale aufsucht und die Schaltungen vornimmt, mit denen die Gravitationsfelder beseitigt werden, die uns an den Quader fesseln.«
»Ausgezeichnet«, lobte Chart Deccon, der nicht zu erkennen schien, dass ein derartiges Unternehmen, wie Palo Bow es geschildert hatte, bei Weitem nicht so einfach durchzuführen war, wie es den Anschein hatte.
»So ein Kommando muss natürlich von einem erfahrenen Mann geleitet werden«, fügte der Dunkelhäutige hinzu.
Die Blicke der Magniden richteten sich auf Atlan, der schweigend an der Tür stehen geblieben war.
»Ich wüsste jemanden«, erklärte Gallatan Herts. »Atlan. Niemand könnte einen solchen Auftrag besser ausführen als er. Wenn auch nur annähernd richtig ist, was die Legenden berichten, dann hat er so etwas schon oft gemacht. Er kennt sich mit Raumschiffen besser aus als jeder von uns.«
Chart Deccon lehnte sich in seinem Sessel zurück. Sein aufgequollenes Gesicht spannte sich, und seine Augen schienen völlig in den Höhlen zu verschwinden.
Der High Sideryt trug eine Art blau schimmernde Rüstung, die aus Metallschuppen zusammengesetzt war. An einer goldenen Kette, die ihm um den Hals lag, hing ein kleines Kästchen, das er offenbar nie ablegte. Atlan hatte bereits einige Magniden danach gefragt, doch niemand schien zu wissen, was es damit auf sich hatte.
»Gut«, sagte Chart Deccon. »Atlan soll mit dem Kommando zum Quader gehen. Er kann sich aussuchen, wie viele Ferraten und Buhrlos er neben Bjo Breiskoll, Joscan Hellmut und Gavro Yaal mitnehmen will.«
»Die Frage ist, ob er mit einem Beiboot fliegt«, meldete sich Ursula Grown zu Wort, die ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit bisher geschwiegen hatte. Sie pflegte sich fast immer in ausschweifenden Ausführungen zu ergehen und hatte zu jedem Thema etwas zu sagen. Ihre äußere Erscheinung wirkte künstlich. Sie trug stets eine blau gefärbte Perücke, und es war kein Geheimnis, dass sie ihrer Schönheit mit synthetischem Hautgewebe nachgeholfen hatte.
»Was hast du dazu zu sagen, Atlan?«, fragte der High Sideryt. »Ich gehe davon aus, dass du den Auftrag übernimmst.«
»Mir bleibt wohl nichts anderes übrig«, erwiderte der Arkonide gelassen. »Ich verzichte jedoch auf ein Beiboot. Wir werden Raumanzüge benutzen. Sollte drüben noch jemand sein, der uns mit Abwehrfeuer empfängt, dann hat er es mit vierzig oder fünfzig Einzelzielen schwerer als mit einem einzigen.«