6.

Yonlies war mit sich zufrieden.

Er hatte die Gruppe der Unbekannten um ein Wesen reduziert. Dabei war es überraschend leicht gewesen, den Fremden zu töten. Belustigt beobachtete er, welche Aufregung seine Tat verursachte und welche Maßnahmen sie zur Folge hatte.

Sie würden nichts nützen. Er würde seinen Plan durchführen und die Fremden allesamt töten. Selbst als er bei seinem zweiten Angriff entdeckt und beschossen wurde, verlor er seinen Optimismus nicht. Die Energieblitze fuhren an ihm vorbei und blendeten ihn nur ein wenig. Sonst bewirkten sie nichts.

Unruhig wurde Yonlies erst, als er bemerkte, dass die Fremden die Wand der Halle erreicht hatten und sich mit einem Schloss befassten, mit dem sie offenbar eine Tür öffnen konnten. Er selbst war einige Male bei diesem Schloss gewesen, hatte damit jedoch nichts anfangen können. Trotz aller Bemühungen war es ihm nicht gelungen, es zu öffnen. Was, wenn die Fremden weniger Probleme damit hatten?

Er pirschte sich lautlos an sie heran, wobei er befriedigt feststellte, dass sie offenbar für nichts anderes Augen hatten als für den vermeintlichen Ausgang. Geschmeidig glitt er durch das Unterholz und überwand alle Hindernisse, als seien sie nicht vorhanden, bis er nur noch etwa zwei Meter von dem Ersten der Fremden entfernt war. Dieser blickte direkt in seine Richtung, entdeckte ihn jedoch nicht.

Der Weißhaarige hob einen Arm und gab dem Mann am Schloss ein Zeichen. Unmittelbar darauf glitt eine Stahlwand zur Seite.

Yonlies sprang auf und stieß einen gellenden Schrei aus. Er stürzte sich auf den Weißhaarigen.

Im gleichen Moment blickte er aber auch in den Gang, der sich vor ihm aufgetan hatte. Er sah eine riesige Maschine, aus der Feuer hervorschoss. Ein Blitz zuckte auf ihn zu.

Yonlies breitete die Arme aus. Abermals schrie er, doch dieses Mal beabsichtigte er nicht, seinen Gegner damit zu lähmen, denn er erkannte, dass er einen tödlichen Fehler gemacht hatte.

Der Energiestrahl aus der Kanone des gigantischen Roboters traf ihn in der Körpermitte und verbrannte ihn in Bruchteilen von Sekunden zu Asche. Die Glut raste durch ihn hindurch in den Dschungel hinein und ließ zahlreiche Bäume in Flammen aufgehen.

Yonlies sah nicht mehr, dass der Weißhaarige seinen Energiestrahler blind um die Ecke des Schottes hielt und in Richtung Roboter abfeuerte, und er hörte die donnernde Explosion nicht mehr, die der Fremde damit auslöste.

 

Glühende Hitze wallte durch die Öffnung in die Halle, sodass die Männer um Atlan in das Grün des Dschungels flüchten mussten. Lediglich Joscan Hellmut blieb am Schott zurück. Er legte den linken Arm schützend vor das Gesicht und betätigte mit der rechten Hand die Tastatur des positronischen Schlosses, bis das Schott sich endlich in Bewegung setzte.

Doch es glitt nur langsam vor die hitzeglühende Öffnung, sodass auch der Kybernetiker sich zurückziehen musste. Er floh bis zu einem Bach. Erschöpft ließ er sich mit dem Kopf voran ins Wasser fallen, um das Gesicht zu kühlen.

Als er sich schließlich wieder erhob, rückten die anderen bereits wieder auf das Schott zu.

Atlan führte das Kommando zur Wand. Er wählte eine Stelle, die etwa fünfzig Meter neben dem Schott lag, das sich allmählich verfärbte, erst dunkelrot und dann weiß wurde.

Joscan Hellmut wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. Er eilte zu dem Arkoniden hinüber.

»Was hast du vor?«, fragte er.

»Wir brechen durch die Wand.«

»Den Roboter hat es voll erwischt.«

»Wir können von Glück reden, dass ich ihn so gut getroffen habe. Wenn er aus dem Gang herausgekommen wäre, hätte er uns alle erledigt.« Der Arkonide fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn. »Ich habe das Gefühl, dass wir der Zentrale schon ziemlich nahe sind. Der Widerstand der Positronik wird heftiger.«

Nachdenklich beobachtete Atlan die Ferraten und die Buhrlos, die an der Wand arbeiteten, um mithilfe des Desintegrators einen Durchbruch zu schaffen. Eine große Hilfe waren sie ihm alle nicht gewesen. Sie hatten ihn nicht behindert, aber sie hatten das Vordringen ins Schiff auch nicht beschleunigt. Doch das mochte sich noch ändern.

Zu den Buhrlos hatte er seltsamerweise mehr Vertrauen als zu den Ferraten, ohne eine Erklärung dafür zu haben. Von den Rostjägern hatte er lediglich zu Tamir Gordan und Emar Wust Kontakt gefunden. Die anderen waren ihm fremd geblieben, und sie schienen auch kein Interesse daran zu haben, sich mit ihm zu unterhalten.

Anders dagegen die Buhrlos, die häufiger das Gespräch mit ihm suchten. Das galt vor allem für die drei weiblichen Weltraumgeborenen Dirsa Lefter, Studia St. Felix und Ghuna Heck. Sie hatten zahlreiche Fragen. Sie wollten vor allem mehr über die Vergangenheit der SOL und die Geschichte der Erde wissen. Keiner von ihnen hatte Terra je gesehen, und keiner von ihnen hätte dort leben wollen, aber sie waren neugierig.

Atlan fiel es schwer, sie auseinanderzuhalten. Die Mitglieder des Trios sahen sich ausgesprochen ähnlich, und sie waren alle zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt.

»Was glaubst du? Wie weit sind wir noch von der SOL entfernt?«, fragte der Kybernetiker.

»Keine Ahnung.«

»Wir hätten jemanden an der Schleuse zurücklassen sollen, der uns laufend über Funk hätte informieren können.«

»Ein Glück, dass wir das nicht getan haben.«

Joscan Hellmut blickte den Arkoniden überrascht an.

»Wieso das?«

»Diese Nachrichten hätten nur für Unruhe gesorgt. Wir versuchen ja, so schnell wie möglich voranzukommen. Dabei sind die Leute einigermaßen ruhig. Was glaubst du, was hier los wäre, wenn alle paar Minuten die Nachricht käme, dass SOL und Quader wieder näher zusammengerückt sind?«

»Natürlich. Du hast recht.«

Mit dumpfem Krach fiel eine große Platte um, die die Ferraten und Buhrlos aus der Wand geschnitten hatten. Dahinter erhob sich eine zweite, die noch herausgetrennt werden musste.

Mittlerweile breitete sich in der Halle eine immer stärkere Hitze aus. Der Dschungel brannte, obwohl er vor Feuchtigkeit dampfte. Im Unterholz gab es jedoch so viel dürres Geäst, dass die Flammen immer neue Nahrung fanden.

Atlan brauchte niemandem zu sagen, dass er sich beeilen musste. Die Rostjäger und die Weltraumgeborenen arbeiteten so schnell sie konnten. Einige von ihnen sanken bereits erschöpft auf den Boden. Die Atemluft wurde knapp.

Endlich war es so weit. Ein Durchgang entstand, durch den das Einsatzkommando in eine sich anschließende Halle fliehen konnte. Hier standen zwölf würfelförmige Beiboote, aus deren Seiten zahlreiche Energiestrahlprojektoren ragten.

Bestürzt blieben die Männer und Frauen stehen. Einige von ihnen drehten sich Hilfe suchend nach Atlan und Joscan Hellmut um. Sie dachten alle dasselbe.

Die Hauptpositronik hatte möglicherweise auch die Beiboote unter Kontrolle. Wenn das der Fall war, dann konnte sie mithilfe der Bordkanonen auf sie schießen.

»Schnell«, sagte der Kybernetiker. »Lauft. Wir haben keine andere Wahl.«

 

Bjo Breiskoll blieb stehen, als sich plötzlich eine flimmernde Energiewand vor ihm aufbaute. Gavro Yaal drehte sich um.

»Verdammt. Wir sitzen in der Falle«, sagte er.

Zwanzig Meter hinter dem letzten Mann, einem Ferraten, versperrte eine zweite Energiemauer den Weg.

»Durch die Wand!«, befahl der Katzer rasch, doch bevor irgendjemand seiner Anordnung folgen konnte, schob sich ein unsichtbares Energiefeld unter ihre Füße und hob sie einige Zentimeter weit an. Gavro Yaal versuchte, die Wand neben sich zu berühren. Es gelang ihm nicht. Einige Zentimeter davon entfernt stießen seine Finger auf ein unsichtbares Hindernis.

Die beiden ehemaligen Schläfer blickten sich an. Sie wussten, dass dies das Ende war und dass sie sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien konnten.

Breiskoll schaltete sein Funkgerät ein und rief Atlan, doch aus den winzigen Lautsprechern kam nur monotones Rauschen.

»Aus«, sagte der Botaniker niedergeschlagen. »Wir hätten es eigentlich wissen müssen.«

Einer der Ferraten schrie auf. Als die beiden Schläfer sich zu ihm umdrehten, sahen sie, dass direkt neben ihm in der Wand die Verkleidung zerschmolz. Ein rot glühender Fleck entstand, der rasch in sich zusammenfiel. Dann wälzten sich grelle Energiebahnen gegen das abschirmende Feld, ohne es jedoch durchbrechen zu können.

Der Katzer und Gavro Yaal blickten sich überrascht an. Wieso errichtete jemand eine Falle für seinen Gegner, wenn er ihn danach nicht mehr angreifen konnte?

Etwa zwanzig Meter von ihm entfernt endete der Gang an einer Tür. Diese öffnete sich nun, und ein eigenartiges Geschöpf trat auf die Gefangenen zu. Es war nur etwa einen Meter hoch und hatte lange weiße Haare, die ihm vom Kopf bis auf den Boden reichten. Auf vier säulenartigen Beinen schleppte es sich mühsam durch den Gang. Der Rumpf sah aus wie ein mit borstiger Rinde besetzter Baumstamm.

Unter dem weißen Haar blickten tiefrote Augen hervor. Zwei dünne Ärmchen reichten von den Seiten bis knapp zu den angewinkelten Knien hinab.

Das Wesen schien sich kaum noch auf den Beinen halten zu können. Aus den Augen sprach eine große Müdigkeit. Die Solaner, die es auf sich zukommen sahen, wären nicht überrascht gewesen, wenn es vor ihnen zusammengebrochen wäre.

Doch das seltsame Geschöpf hob seine beiden Ärmchen und begann zu sprechen.

»Wer seid ihr?«, fragte es mit schriller Stimme.

Verwundert musterte Bjo Breiskoll den Fremden, der Interkosmo gesprochen hatte. Dann aber entdeckte er, dass unter dem schütteren weißen Haar ein kleines Kästchen versteckt war. Er vermutete, dass es sich dabei um einen Translator handelte.

»Solaner«, antwortete er.

»Das Schiff kämpft gegen euch«, stellte das weißhaarige Geschöpf fest. »So, wie es auch gegen mich kämpft. Ich bin Guschuz.«

»Das Schiff wehrt sich gegen uns. Das ist richtig«, bestätigte der Katzer. »Wir müssen zur Zentrale. Weißt du, wo sie ist?«

»Natürlich weiß ich das«, erwiderte Guschuz. »Was wollt ihr denn dort?«

Breiskoll beschrieb die Situation, in der sich die SOL und der Quader befanden.

»Wir müssen verhindern, dass die beiden Raumer zusammenstoßen«, schloss er. »Das können wir nur von der Hauptleitzentrale aus erreichen, und das auch nur, wenn wir rechtzeitig dorthin gelangen.«

Guschuz lachte schrill, als habe Breiskoll einen Witz gemacht. Die Spitzen seiner winzigen Finger trommelten gegen seine Knie.

»Was ist aus der Besatzung des Schiffes geworden?«, wollte er dann wissen.

»Sie hat uns angegriffen und dabei den Tod gefunden«, antwortete Breiskoll wahrheitsgemäß. Er blickte zu der Stelle hinüber, an der ein Roboter versuchte, mithilfe eines Energiestrahlers zu ihnen durchzubrechen. Die Maschine feuerte immer wieder, obwohl sie nicht den geringsten Erfolg erzielte.

»Ich habe euch beobachtet«, eröffnete Guschuz den Solanern überraschend. »Euch und die andere Gruppe. Auch sie hat sich tapfer geschlagen. Jetzt aber ist es Zeit einzugreifen.«

Er gestikulierte mit den dünnen Ärmchen, und plötzlich verschwand das Energiefeld, das ihn von den Solanern trennte.

»Folgt mir. Ihr seid meine Gäste.«

Erleichtert und erfreut hatte der Katzer verfolgt, wie das Energiefeld in sich zusammensank. Nun aber schlug ihm ein stechender, äußerst unangenehmer Geruch entgegen, sodass er sich am liebsten die Nase zugehalten hätte.

Den anderen erging es ähnlich. Einige husteten und wandten sich ab. Guschuz schien nicht zu bemerken, dass der von ihm ausgehende Geruch den Solanern förmlich den Atem raubte.

»Kommt, kommt, kommt!«, rief er. »Hier seid ihr in Sicherheit.«

Bjo Breiskoll und die anderen folgten ihm, als er sich durch den Gang zu der Tür zurückschleppte, durch die er gekommen war, und einen großen Raum betrat, der neben einigen Möbeln allerlei Gerümpel, Maschinen, Werkzeuge, Vasen, Skulpturen, Bücher, Uhren und Bildkassetten enthielt. Hier herrschte ein geradezu unerträglicher Gestank. Ungeziefer krabbelte über den Boden und steigerte das Unbehagen der Solaner noch.

Er muss schon viele Jahre hier leben, dachte der Katzer. Wahrscheinlich hat er diesen Raum und einige angrenzende Kammern so gut wie nie verlassen.

»Wer bist du?«, fragte Gavro Yaal. Er rieb sich die Kehle. »Wie kommst du hierher?«

»Ursprünglich haben mich die Leute vom Schiff ebenso entführt wie jene in der Urwaldhalle«, antwortete Guschuz bereitwillig. »Ich weiß nicht, zu welchem Zweck sie es getan haben. Jedenfalls gelang es ihnen nicht, mich so zu bändigen, wie sie es gerne gehabt hätten. Kaum war ich an Bord, als ich mich auch schon verdrückt und hier eingenistet habe. Ich konnte einige Maschinen an mich bringen und ein Energiefeld um mich herum errichten, das sie nicht durchdringen können. Seit Jahren versuchen sie es schon, aber es ist ihnen bis heute nicht geglückt. Von hier aus habe ich ihnen manchen Schlag versetzt – immer in der Hoffnung, dass sie mich eines Tages wieder dorthin bringen, woher ich gekommen bin. Nach Yackarat. Ich bin der Einzige, den sie bekämpfen mussten.«

»Dann leben noch mehr Wesen an Bord, die gar nicht zur ursprünglichen Besatzung gehören?«, fragte Gavro Yaal weiter.

Guschuz kicherte.

»Das wirst du schon noch erleben«, sagte er und lachte erneut, als sei ihm etwas besonders Witziges eingefallen. »Für mich ist es auf jeden Fall zu spät. Ich werde Yackarat nicht mehr wiedersehen, denn meine Tage sind gezählt.«

Möglicherweise war Guschuz ein Genie, dachte Breiskoll. Es mochte sein, dass er viele Probleme an Bord gelöst hatte, obwohl er ein Gefangener war. Mit Hygiene schien er sich dabei allerdings nicht befasst zu haben.

»Wo ist Atlan?«, fragte Gavro Yaal. »Wo sind unsere Freunde? Leben sie noch?«

Guschuz schleppte sich keuchend und ächzend zu einem Schaltpult, das über und über mit Schmutz bedeckt war. Insekten krochen darauf herum. Er wischte sie achtlos zur Seite und drückte einige Tasten. Ein Bildschirm erhellte sich. Darauf zeichneten sich die Gestalten der Männer und Frauen der anderen Einsatzgruppe ab.

Atlan, Joscan Hellmut, die Ferraten und die Buhrlos rannten an mehreren Beibooten vorbei auf ein Ziel zu, das nicht zu erkennen war. Guschuz lachte abermals.

»Sie haben Angst, dass die Schiffspositronik mit den Beibootkanonen auf sie schießt«, erläuterte er. »Das würde sie sicherlich auch gerne tun, aber ich habe es ihr unmöglich gemacht. Ich habe die Verbindung zwischen der Positronik und den Beibooten unterbrochen.«

Er seufzte und ließ sich auf den Boden sinken.

»Sie wären sonst längst tot«, fügte er hinzu.

»Ich muss mit ihnen reden«, sagte Breiskoll erregt.

Guschuz erhob sich wieder und drückte eine Taste auf dem Computerterminal.

»Sprich!«, forderte er den Katzer auf. »Sie können dich jetzt hören.«

»Danke!«

Der Katzer beugte sich voller Widerwillen über das Mikrofon, das vor Schmutz starrte. Daneben lagen verschimmelte Reste von Nahrungsmitteln.

»Atlan? Hier spricht Bjo«, rief er. »Verstehst du mich?«

Er blickte auf den Bildschirm und bemerkte, dass der Arkonide den Kopf hob.

»Ich spreche aus einem sicheren Raum«, fuhr er danach fort. »Habt keine Angst. Die Beiboote werden nicht auf euch schießen. Sie sind von der Hauptpositronik abgekoppelt.«

Atlan blieb stehen. Er hob die Arme und zeigte den anderen an, dass ihre Flucht vorläufig zu Ende war.

»Wo bist du?«, hallte seine Stimme aus den Lautsprechern vor Bjo.

»Wo sind wir?«, fragte der Katzer ihren Gastgeber.

»Weit entfernt. Wenn sie den Hangar jedoch durch das rote Schott verlassen, werden sie zu einem Antigravschacht kommen, der direkt hierher führt. Sie können sich ihm ruhig anvertrauen. Die Positronik kann auch dort nichts gegen sie ausrichten.«

»Du scheinst ein mächtiger Mann zu sein«, bemerkte Gavro Yaal anerkennend.

Guschuz fuhr sich mit den Händen durch das Haar.

»Erstens bin ich kein Mann, und zweitens bin ich nicht mächtig«, widersprach er. »Ich habe einen winzigen Teil des Schiffes unter meine Kontrolle gebracht, weil ich gehofft habe, irgendwann fliehen zu können. Doch die Zeit hat mich eingeholt. Es ist zu spät.«

Der Katzer gab die Anweisung an Atlan weiter und beobachtete dann auf dem Bildschirm, wie der Arkonide seine Gruppe durch ein rotes Schott aus dem Hangar führte.

 

Mehrere Stunden harrte das Einsatzkommando in der Sicherheitszelle des Eremiten aus. Mithilfe der Anlagen, die Guschuz im Lauf der Jahre errichtet hatte, konnte man sich darüber informieren, wie weit der Quader noch von der SOL entfernt war. Nur noch etwa hundertfünfzig Meter trennten die beiden Schiffe voneinander, und sie kamen sich weiterhin näher.

Zusammen mit dem Einsiedler bereiteten Atlan, Breiskoll, Hellmut und Gavro Yaal ihren Vorstoß in die Zentrale vor, bis zu der sie nur noch etwa zweihundert Meter zurückzulegen hatten. Der Weg zum Ziel führte über einen Gang, der bis an die kugelförmige Sicherheitszelle reichte, in der die Zentrale lag. Roboter der verschiedensten Art riegelten diese ab, sodass nur ein gewaltsamer Durchbruch möglich zu sein schien.

Einige Male versuchte Atlan, Funkverbindung mit der SOL aufzunehmen, doch der Quader hatte Störfelder errichtet, die eine Kommunikation mit dem Raumschiff unmöglich machten.

Mittlerweile hatten die Buhrlos und die Ferraten aufgeräumt und den Schmutz, der sich im Lauf der Jahre angesammelt hatte, in eine Ecke gekehrt.

»Ich weiß immer noch nicht, wie wir an den Robotern vorbeikommen sollen«, sagte Gavro Yaal, nachdem er die vorbereitenden Arbeiten von Atlan und Joscan Hellmut eine Zeit lang schweigend verfolgt hatte.

»Ich sehe nur einen Weg«, erwiderte der Kybernetiker. »Wir müssen eine Bedrohung für den Quader schaffen, durch die er sich noch stärker gefährdet sieht als durch uns.«

»Wie willst du das machen?«, fragte der Botaniker.

»Guschuz ist es gelungen, einen Hangar mit insgesamt vierzehn Beibooten unter seine Kontrolle zu bringen«, erläuterte Atlan. »Er hat Energiefelder um diesen Hangar errichtet, die der Quader bis jetzt nicht aufbrechen konnte.«

»Ich verstehe«, bemerkte Gavro Yaal. »Wenn wir das Schiff mit den Beibooten angreifen, wird es zunächst versuchen, sich dagegen zu verteidigen.«

»Richtig«, bestätigte Joscan. »Die Positronik muss sich entscheiden. Sie ist zwar leistungsfähig genug, um einen Mehrfrontenkrieg führen zu können, doch wir haben immerhin vierzehn Beiboote. Das bedeutet, dass sie sich auf insgesamt fünfzehn Gegner einstellen muss. Und das könnte auch für sie zu viel sein, zumal Guschuz auch noch in anderen Bereichen des Schiffes für Probleme sorgen wird. Wir werden dem Schiff die Möglichkeit geben, zurückzuschlagen, indem wir die Energiefelder um den Hangar herum aufheben. Dadurch zwingen wir den Quader zur Reaktion.«

Der Eremit beteiligte sich kaum noch an den Gesprächen. Meistens saß er teilnahmslos auf dem Boden und blickte mit leeren Augen vor sich hin. Hin und wieder betonte er, dass seine Zeit bald abgelaufen sei, doch darauf gab niemand etwas. Das Alter dieses seltsamen Wesens war nicht zu bestimmen, und da Bjo Breiskoll seine telepathischen Fähigkeiten innerhalb des Quaders verloren hatte, konnte auch er nichts über Guschuz in Erfahrung bringen.

Bei einigen Mitgliedern des Einsatzkommandos zeigten sich Ermüdungserscheinungen. Sie litten unter der hohen Gravitation, die an Bord des Quaders herrschte, und drängten darauf, das Unternehmen möglichst bald abzuschließen. Sie wollten auf die SOL zurück. Doch Atlan ließ sich nicht beirren. Er bereitete den Ansturm auf die Zentrale Schritt für Schritt vor, um das Risiko zu minimieren.

Schließlich verteilte er die Buhrlos und Ferraten auf die vierzehn Beiboote und setzte Tamir Gordan als verantwortlichen Kommandanten für den Hangar ein. Als dessen Stellvertreter benannte er Emar Wust.

Als Gordan ihm meldete, dass alle Beiboote kampfbereit seien, nahm er mithilfe von Guschuz Verbindung mit der Hauptpositronik des Quaders auf. Er forderte sie auf, die Hauptleitzentrale zu räumen und ihm Zugang zu gewähren. Wie erwartet, lehnte die Hauptpositronik ab.

Guschuz teilte ihr daraufhin mit, dass die Beiboote das Feuer eröffnen würden, wenn sie die Roboter nicht innerhalb einer Stunde abzog. Die Hauptpositronik antwortete nicht, doch das Ultimatum lief.

Atlan war mit Breiskoll, Gavro Yaal, Joscan Hellmut und Guschuz allein. Schweigend warteten sie ab, bis die Stunde verstrichen war. Auf den Monitorschirmen am Kommunikationspult sahen sie, dass sich nach wie vor zwei Kampfroboter vor der Zentrale aufhielten. Die Hauptpositronik ließ sich nicht beeindrucken.

Atlan gab Tamir Gordan den Befehl anzugreifen.

Sekundenbruchteile später feuerten die Besatzungen der Beiboote mit den Bordkanonen auf die Wandungen des Hangars, wobei sie hauptsächlich in Richtung Schiffsmitte schossen.

Zentimeterdicke Energiestrahlen bohrten sich durch Stahlplastik-und Panzerplatten. Ein Feuersturm rollte auf das Schiffsinnere zu, ohne allerdings die großen Zerstörungen anzurichten, die die Ferraten zunächst befürchtet hatten.

»Die Positronik reagiert«, rief Joscan Hellmut erregt.

Er zeigte auf die Bildschirme. Atlan sah, dass die beiden Kampfroboter über einen Gang davoneilten.

»Lasst euch nicht täuschen«, entgegnete der Arkonide. »Vielleicht versucht sie einen Bluff.«

Die vier Männer nahmen ihre Thermostrahler auf. Guschuz schleppte sich zu seinem Schaltpult. Ächzend kletterte er auf einen Hocker, von dem aus er alle notwendigen Kommandos geben konnte. Als er eine Taste drückte, öffnete sich ein Schott.

»Viel Glück«, rief er den vier Männern zu.

Atlan, der Katzer, Gavro Yaal und Joscan Hellmut rannten auf den Gang hinaus, der zur Hauptleitzentrale des Quaders führte. Sie hielten ihre Waffen schussbereit in den Händen. Jeden Moment mussten sich ihnen Kampfroboter entgegenstellen.

Sie spürten, dass der Quader von den Feuerstößen erschüttert wurde. Die Energien, die das Schiff durchrasten, hinterließen ihre Spuren.

 

»Feuer!«, schrie Gordan in die Mikrofone. Im gleichen Augenblick drückte Emar Wust eine Taste.

Ein zentimeterdicker Energiestrahl raste auf die Hangarwand zu und durchbrach sie. Die Plastikverkleidung der Wand verwandelte sich in Bruchteilen von Sekunden in flüssige Glut. Rot leuchtende Gaswolken stiegen vom Boden des Hangars auf.

Auf den Monitorschirmen beobachtete Tamir Gordan, dass auch die Besatzungen der anderen Beiboote schossen. Befehlsgemäß richteten sie die Bordkanonen gegen das Schiffszentrum. Die Hauptpositronik musste die Existenz des Schiffes gefährdet sehen, und das war nur der Fall, wenn die Energiestrahlen möglichst tief in das Schiff eindrangen, vielleicht gar seine statische Stabilität gefährdeten.

Eine halbe Minute verstrich, während Tamir Gordan Feuerstoß auf Feuerstoß befahl. Dann brachen die erwarteten Kampfroboter durch die Wände des Hangars und griffen die Beiboote an. Es waren vier Meter hohe, eiförmige Kolosse, die sich auf schweren Raupen bewegten.

»Vernichtet sie!«, befahl der Kommandant der Ferraten. »Sie dürfen uns nicht erreichen.«

Emar Wust hatte sich längst auf die Kampfroboter vorbereitet. Er brauchte nur eine Taste zu drücken. Die Energiekanonen schwenkten herum und richteten sich auf die Maschinen. Sie feuerten, als sie ihre Ziele erfasst hatten, und das totale Chaos brach aus. Die Energiestrahlen durchbohrten die Roboter und lösten heftige Explosionen aus. An mehreren Stellen stürzte der Boden des Hangars ein, und zwei Beiboote verschwanden in der Tiefe. Emar fluchte.

Gordan blickte zu ihm hinüber. Wust zeigte auf einen der Bildschirme, auf dem ein Kampfroboter zu sehen war, der sich durch die Glut gekämpft hatte und sich nun dem Schiff näherte.

»Was ist los?«

»Das verfluchte Ding schafft es«, antwortete Wust. »Es ist im toten Winkel. Ich erwische es nicht mehr.«

Tamir Gordan sprang auf und hastete zur nächsten Schleuse. Er wusste, dass Atlan die Hauptleitzentrale noch nicht erreicht und dort die entscheidenden Schaltungen vorgenommen haben konnte.

In der Schleusenkammer wartete er voller Ungeduld darauf, dass sich das Schott öffnete. Er warf sich auf den Boden. In den Armen hielt er einen schussbereiten Energiestrahler. Erst als sich das Außenschott zur Seite schob, wurde er sich seines Fehlers bewusst. Er trug keinen Kampfanzug und war daher gegen die Gluthitze ungeschützt. Für eine Flucht war es jedoch zu spät.

Tamir Gordan sah aus fast geschlossenen Augen, wo der Roboter war. Er zielte kurz und feuerte die Waffe ab, wobei er den Auslöser so lange durchdrückte, bis er die Hitze nicht mehr ertrug. Er stemmte sich hoch und warf sich gegen die Wand, wo er den Schalter für die Schottautomatik wusste. Viel zu langsam schloss sich der Durchgang hinter ihm und schirmte ihn gegen die lodernde Glut ab.

Er kam nur etwa zehn Schritt weit, dann brach er bewusstlos zusammen.