9.

Der steinige Boden rutschte plötzlich unter Wallga-Wallgas Füßen weg. Ein dumpfes Grollen begleitete das erneute Aufbäumen des Quaders. Die alte Vettel, die nach irdischen Maßstäben 1207 Jahre zählte, versuchte irgendwo Halt zu finden.

Ihr verzweifelter Versuch war zum Scheitern verurteilt. Der Thron, der von den Knappen aus einer Vielzahl von technischen Geräten zusammengebastelt worden war, brach krachend und scheppernd unter ihrem breiten Gesäß zusammen. Selbst ihre vier Füße konnten ihr keinen festen Stand mehr bieten.

Der Quader rumorte nicht nur; er stellte auch wieder einmal sämtliche Schwerkraftwerte völlig auf den Kopf.

»Knappen!«, kreischte Wallga-Wallga. »Antreten! Aber etwas flotter als üblich. Die Königin des Quaders schwebt in Gefahr. Wollt ihr elenden Taugenichtse mir die letzten 28 Quumpies meines Lebens zur Hölle machen?«

Die Roboter reagierten nicht. In einer Situation wie dieser überwogen die vor vielen Zeiten programmierten Werte, die für die Selbsterhaltung der Maschinen sorgten. Nun war eine Gefahrensituation eingetreten, und die galt es zu meistern. Da konnte die Königin schreien, solange sie wollte.

Wallga-Wallga stürzte zu Boden. Der Aufprall war trotz des harten Felsgesteins weich, denn kurz bevor ihr überdimensioniertes Gesäß den Boden berührte, drehte sich die künstlich erzeugte Anziehungskraft des Quaders aus unerfindlichen Gründen um.

Sie wurde in die Höhe gerissen. Ihre vier Hände flogen instinktiv nach unten. Die Felswand kam schnell näher.

Dort sah sie die geheimnisvollen Bilder, die so lange geschwiegen hatten. Nun leuchtete eins davon plötzlich auf. Noch während ihres Fluges registrierte die einzige weibliche Pfullianorain die fremde Figur auf dem Bild. Ihr natürlicher Instinkt sagte ihr ohne Zeitverzug, dass es sich um ein ihr ähnliches Wesen handelte. Und dass dieses Wesen männlich war.

Gleichzeitig kam ein tiefes Bedauern in ihr auf. Das hatte zwei Gründe. Der Mann blickte traurig und verunsichert. Das war nicht so schlimm. Viel mehr erschütterte Wallga-Wallga, dass dieses Wesen nur die Hälfte der sonst üblichen Beine und Arme besaß.

Ihr Mitleid fand ein schnelles Ende, denn sie prallte mit ihrem Kopf gegen das Gestein, das einst die Decke ihrer Residenz gewesen war. Das drei Meter hohe, vielgliedrige Wesen wurde zurückgeschleudert. Der Aufprall schadete ihr nicht. Sie wusste, dass sie noch 28 Quumpies zu leben hatte. Also konnte ihr nun noch nichts Schlimmes geschehen.

»28 Quumpies«, quietschte ihre kratzige Stimme, während sich die Schwerkraft wieder normalisierte.

Bedauerlicherweise erlosch auch das Bild über ihrem Kopf. Nun würde sie vorerst nichts mehr über den weißhaarigen Eindringling erfahren, der sich in ihr Reich gewagt hatte.

Der Thron war nur noch ein Trümmerhaufen. Die vielen Einzelteile lagen kreuz und quer in der Höhle herum.

»Knappen der Quaderkönigin.« Ihre Stimme war nach den jüngsten Strapazen nur noch ein Röcheln. »Baut den Thron wieder auf.«

Sie wunderte sich nicht darüber, dass die Roboter ihren Befehlen nicht spontan folgten. Schon oft war es während der letzten tausend Quumpies vorgekommen, dass störende Einflüsse die Knappen in eine unwillige und ungehorsame Schar verwandelt hatten. Meistens hielt dieser Zustand jedoch nicht lange an.

Wallga-Wallga war ein mächtiges und schlaues Wesen. Das lag nicht nur an ihrem hohen Alter. Sie war eine Pfullianorain, und die Pfullianoras gehörten zu den am höchsten entwickelten Völkern ihrer Heimatgalaxis.

An die ferne Vergangenheit konnte sie sich nur verschwommen erinnern. Seit ihrer Aussetzung war einfach zu viel Zeit vergangen. Es war ihr Schicksal, dass sie als weibliches Wesen geboren worden war. Die Aussetzung war eine zwangsläufige Folge dieser Tatsache. Wenn die eitlen Männer auf Pfull doch je erfahren würden, wie tapfer sie sich geschlagen hatte. Sogar mehrere eigene Reiche hatte sie aufbauen können, bis sie in den Quader versetzt worden war.

Aber selbst hier hatte sie ihr Herrschaftsgebiet. Wenn die Knappen die technischen Einrichtungen dieses kleinen ehemaligen Raumkörpers besser verstanden hätten, wäre sie sogar in der Lage gewesen, den Quader gezielt an einen neuen Ort zu steuern, um dort ein weiteres Reich zu errichten. Dennoch fühlte sie sich als die unumschränkte Herrscherin des Quaders.

Sie stapfte auf ihren vier Beinen durch die Höhle und betrachtete die Zerstörungen mit bitterer Miene. Endlich begannen einige der Knappen, die Teile ihres Throns wieder zusammenzusetzen.

Äußerlich ähnelte Wallga-Wallga eher einem Haluter als einem Menschen. Nur ihr Kopf war menschlich. Die strähnigen Haare hingen weit über die breiten Schultern hinab und bedeckten ihren Oberkörper besser, als es die sackähnliche dunkelbraune Kleidung vermochte.

Die Haut in ihrem Gesicht war runzlig, aber in ihren Augen brannte das Feuer eines ungebrochenen Lebenswillens. Dass sie nur noch wenige Quumpies überdauern würde, änderte daran nichts. Es stimmte sie nicht einmal traurig, denn schließlich handelte es sich um den gewohnten Lauf der Dinge. Als weibliches Wesen von Pfull konnte sie ihr Lebensende genau vorherbestimmen.

Sie hatte nur eine einzige Sorge: Wer würde den Knappen die Befehle erteilen und für Ruhe und Ordnung im Quader sorgen, wenn sie nicht mehr war?

Vielleicht konnte der halbfertige Weißhaarige an ihre Stelle treten? Das war nur eine schwache Hoffnung. Viel wahrscheinlicher war es, dass sich das Biest auf ihrem Thron breitmachen würde. Sitzen würde es bestimmt nicht, denn sie hatte in all den vielen Quumpies, die seit seinem ersten Auftauchen vergangen waren, noch nie gesehen, dass das Biest die Materie des Quaders direkt berührt hatte. Stattdessen schwebte es lieber.

Der Thron war unter den geschickten Greifarmen der Knappen schnell wieder aufgebaut. Als der untere Teil fertig war, nahm sie ihren Platz ein. Ihr Blick ging nach oben, aber die Bilder blieben dunkel. Sie wusste genau, dass der Fremde, den sie kurz beobachtet hatte, irgendwo im Quader sein musste. Von draußen gab es keine Bilder, weder hier noch auf einer der anderen matten Flächen in den zahlreichen Höhlen ihrer kleinen Welt.

Der Knappe Zwyll brachte ihr die tägliche Nahrungsmenge. Gierig starrten ihre übergroßen Augen auf die Platte, auf der zwanzig der begehrten Weißpilze lagen. Ihre vier Hände streckten sich verlangend nach der Nahrung aus, die die Knappen in irgendeiner Nebenhöhle züchteten.

Die Beleuchtung begann zu flackern. Unmittelbar darauf klang erst ein dumpfes Grollen an ihre Ohren und dann mehrere heftige Explosionen. Neue Erschütterungen liefen durch den Boden. Der mühsam aufgebaute Thron brach wieder zusammen. Die Knappen rannten nach allen Seiten auseinander und suchten Schutz vor herabstürzenden Trümmerbrocken.

Wallga-Wallga stieß einen spitzen Schrei aus, aber keiner der Roboter nahm Notiz davon. Und genau in diesem Augenblick der Verwirrung erschien das Biest.

Es kam diesmal aus dem Boden direkt vor ihren Füßen. Noch nie vorher war sie dem glitzernden Ei so nahe gewesen. Nur eine Armlänge von ihr entfernt glitt es in die Höhe und verharrte dann vor ihrem breiten Kopf.

»Chybrain ... Chybrain ...«, flüsterte eine schwache Stimme.

»Hau ab, Biest!«, schrie Wallga-Wallga hysterisch auf. »Knappen! Zu Hilfe! Vernichtet das Glitzerei!«

Die Roboter kümmerten sich nicht um das Gekreische der alten Vettel. Die herrlichen Weißpilze wurden von einem herabstürzenden Gesteinsregen begraben. Die Quaderkönigin heulte wütend auf.

In den entstandenen Löchern an der Decke wurde das blanke Metall des Quaders sichtbar. Es trieb Wallga-Wallga den Schweiß auf die runzlige Stirn. Blankes Metall war ihr ein Gräuel.

Das Biest reagierte nicht auf die Unruhe, die in ihrem Reich herrschte. Es schwebte langsam von ihr weg. Ihre Hände schlugen ins Leere.

»Chybrain ist hier«, rief einer der Knappen, der sich unter einem hervorspringenden Felsbrocken verkrochen hatte.

»Das sehe ich selbst, du Narr!« Die Quaderkönigin hob einen Felsbrocken auf und warf ihn nach dem Knappen, doch der Roboter wich dem Geschoss geschickt aus.

»Fangt ihn ein!«, brüllte Wallga-Wallga.

Die Roboter blieben untätig. Bis jetzt waren alle Versuche, das glitzernde Ei festzusetzen, anzugreifen oder zu beschädigen, gescheitert. Wallga-Wallga wollte das nicht einsehen. Die Roboter jedoch reagierten gemäß der gemachten Erfahrungen und unternahmen nichts.

Chybrain war der erklärte Feind der Alten. Das Kristallei machte die alte Pfullianorain fast wahnsinnig, denn es tauchte nach Belieben in ihrem Reich auf und ließ sich durch nichts beeinflussen. Ganz zu Beginn ihres Aufenthalts hatte Wallga-Wallga angenommen, Chybrain sei einer der Roboter des Quaders. Diese waren in den unterschiedlichsten Formen vorhanden. Warum hätte nicht auch ein schwebendes Ei darunter sein sollen?

Da Chybrain aber keinen ihrer Befehle befolgt hatte und völlig eigenständig agierte, hatte Wallga-Wallga ihn automatisch zu ihrem Feind erklärt.

So war es auch diesmal. Chybrain schwebte dicht unter der Decke, wo die zahlreichen matten Flächen waren, auf denen in unregelmäßigen Zeitabständen Bilder aus dem Innern des Quaders erschienen. Das knapp zwanzig Zentimeter hohe und gut zehn Zentimeter dicke Ei glitt von einem Bildschirm zum anderen.

Die Alte beobachtete das seltsame Treiben des Biests mit zusammengekniffenen Augen.

Plötzlich erhellten sich alle Bilder auf einmal.

Wallga-Wallga stieß einen erstaunten Schrei aus. Auch die anwesenden Knappen richteten ihre künstlichen Augen auf die Decke.

Die meisten Bilder zeigten nichts Außergewöhnliches. Es waren Ausschnitte aus dem Innern des Quaders. Ein paar der seltsamen Tiere konnte die Alte erkennen. Auch identifizierte sie einige Regionen. Sie kannte sie noch von früher, als sie regelmäßig Ausflüge durch den Quader gemacht hatte, bis sie das blanke Metall nicht mehr ertragen konnte.

Dann entdeckte sie die Zweibeiner. Einer davon musste der Mann sein, den sie schon kurz zuvor beobachtet hatte.

Es waren mindestens zehn Wesen, die sich durch einen nur schwach beleuchteten Gang bewegten. Zu ihrer Freude bemerkte die Quaderkönigin, dass auch einige eindeutig weibliche Wesen darunter waren. Alle besaßen nur zwei Beine und zwei Arme.

Chybrain glitt vor das Bild mit den Fremden. So versperrte er Wallga-Wallga die Sicht.

»Hau ab, Biest!«, brüllte sie. Das Kristallei ließ nicht einmal erkennen, ob es ihre Stimme überhaupt vernahm.

Sie hob eines der noch herumliegenden Geräte auf, aus denen ihr Thron gebaut worden war, und schleuderte es mit aller Gewalt in die Höhe. Sie legte die ganze Kraft ihrer vier Arme in den Wurf. Das kantige Stück Technik glitt durch Chybrain hindurch, als wäre dieser gar nicht vorhanden. Dann prallte es auf den Bildschirm. Es gab einen lauten Knall, und das Bild wurde dunkel.

Auch das rief keine Reaktion bei dem Kristallei hervor. Seine vielen, leicht gewölbten gleichseitigen Sechsecke, die seine Oberfläche bildeten, pulsierten weiter gleichmäßig in hellgrünen und hellroten Farbtönen.

Wallga-Wallga sprang wütend hin und her und drohte dabei mit den Fäusten nach oben. Ihre ständigen Schreie lockten immer mehr Knappen aus den benachbarten Räumen herbei.

»Stellt euch übereinander!«, befahl sie den Robotern. »Baut mir eine Treppe nach oben. Ich will dieses Ei zerquetschen.«

Die Roboter berieten sich zögernd. An ein paar Lichtsignalen konnte die Alte erkennen, dass auf technischer Ebene Informationen zwischen den Knappen ausgetauscht wurden. Schließlich begannen sie sich miteinander zu verhaken und damit eine stufenförmige Pyramide aufzubauen.

Mit ihren acht Extremitäten kletterte Wallga-Wallga an den Maschinen hoch. Schließlich stand sie auf dem obersten Knappen, der in seiner Form einer flachen Kiste ähnelte. Chybrain schwebte direkt über ihr.

Sie holte mit allen vier Armen gleichzeitig aus und umschlang das glitzernde Ei. Seine leuchtende Materie bot ihr Widerstand, aber sie konnte den Körper nicht verrücken. Dafür hörte sie das Flüstern nun lauter als je zuvor.

»Chybrain ... Chybrain ...«

»Verdammtes Biest!« Wallga-Wallga trommelte mit den Fäusten auf dem Ei herum, aber auch damit erzielte sie keine Wirkung.

»Versuch es damit.« Ein Knappe aus der Pyramide reichte ihr eine schwere Eisenstange.

»Sehr gut«, rief die Alte. »Damit mache ich ihn fertig.«

Sie legte alle Wucht in den Hieb mit der Stange. Zu ihrem Entsetzen spürte sie diesmal jedoch keinen Widerstand. Die Eisenstange glitt, ohne etwas zu bewirken, durch das Kristallei hindurch.

Von ihrem eigenen Schwung nach vorn gerissen, verlor Wallga-Wallga das Gleichgewicht. Sie polterte über eine Seite der Roboterpyramide nach unten und schlug schwer auf dem Boden auf.

»Idioten«, schimpfte sie laut und trat mit zwei Füßen gleichzeitig gegen die Knappen. Die übereinandergetürmten Maschinen gerieten ins Wanken. Einige fielen um, andere sprangen schnell zur Seite. Der ganze Haufen stürzte innerhalb von Sekunden zusammen, und die zehn Zentner schwere Pfullianorain musste sich zur Seite wälzen, um nicht von den Knappen getroffen zu werden.

Ihr Blick ging dabei nach oben, wo das Biest noch immer unter der Decke schwebte. Die Bilder waren inzwischen allesamt erloschen.

Für Chybrain schien das ein Signal zu sein. Das Kristallei beschleunigte zur Seite hin. Es durchdrang eine Wand, ohne eine Spur zu hinterlassen. Dann war es verschwunden. Wallga-Wallga stieß einen wütenden Fluch aus.

»Räumt den Saal auf, Knappen.« Schwerfällig erhob sich die Quaderkönigin vom Boden. »Der Thron muss neu aufgebaut werden. Und besorgt mir eine neue Mahlzeit.«

Dann teilte sie weitere Gruppen der Knappen ein. Das Leben im Quader war ein ständiger Kampf gegen unvorhersehbare Ereignisse, aber auch ein Kampf um Nahrung, Wasser und Luft. Wallga-Wallga betrachtete sich als die Eigentümerin des ganzen Schiffes. Dass sie in Wirklichkeit nur einen Bruchteil des Quaders kannte und kontrollierte, spielte für sie keine Rolle.

Einer ihrer Knappen, wie sie die Roboter nannte, genoss eine besondere Vertrauensstellung. Sein Name war Zwyll. Normalerweise kümmerte sich die kleine Maschine nur um den Nachschub an Essen und Trinken. Da Zwyll aber im Unterschied zu den anderen Knappen besonders gut sprechen konnte, war er gleichzeitig ihr Unterhalter.

Die meisten Knappen konnten sich gar nicht durch Laute verständlich machen. Einige verfügten über einen begrenzten Wortschatz, aber alle gehorchten normalerweise ihren Befehlen.

»Zwyll«, rief sie. »Komm zu mir.«

Sie stellte sich mit dem kleinen Roboter an eine der Seitenwände, die ausnahmslos mit rohem Gestein verkleidet waren. So konnten die übrigen Knappen den Thron aufbauen.

»Zwyll«, sagte sie streng. »Hast du herausgefunden, wer dieser Chybrain ist und was er will?«

»Bedauerlicherweise nein.« Zwyll war etwa einen halben Meter groß. Sein Körper bestand aus einem röhrenförmigen Mittelteil, aus dem mehrere dünne Tentakel ragten. Am oberen Ende der Röhre befanden sich Sensoren. »Ich kann dir nur sagen, dass er keiner von uns ist. Bevor du in den Quader kamst, war er nicht hier. Du solltest ihn gar nicht beachten. Er schadet weder dir noch uns.«

»Ich weiß selbst, was ich zu tun habe.« Zwyll wich ihrem Fußtritt geschickt aus. »Jetzt habe ich Hunger.«

Der Roboter glitt auf seinen Rollen zum Ausgang. Die große Tür öffnete sich bei seiner Annäherung selbstständig.

Wallga-Wallga blickte ihm nachdenklich hinterher. Dann setzte sie sich auf ihren wieder aufgebauten Thron. Als die Knappen mit den Aufräumarbeiten fertig waren, kam auch Zwyll zurück. Seine Tentakel hielten eine flache Schüssel mit Weißpilzen und einen Becher mit Wasser. Er stellte beides vor Wallga-Wallga ab und verharrte dann bewegungslos.

»Hau endlich ab!«, schimpfte die Alte. Sie mochte es nicht, wenn ihr die Knappen beim Essen zusahen.

»Ich muss dir noch etwas mitteilen, Königin.« Zwylls Tentakel fuhren unkontrolliert durch die Luft. Das war ein Zeichen von Aufregung.

»Dann sprich. Aber fasse dich kurz. Ich habe Hunger.«

»Es liegen beunruhigende Meldungen vor. Die Luftversorgung in den oberen Kammern ist ausgefallen. Damit wird in Kürze auch diese Region und deine Residenz bedroht sein. Du weißt, dass uns Knappen das nichts ausmacht, aber wir denken an dich.«

Wallga-Wallga stand von ihrem skurrilen Thron auf und trat auf Zwyll zu. Sie kniete sich vor ihm hin.

»Wie lange reichen unsere Vorräte noch?«, fragte sie gedehnt.

»Etwa 30 Quumpies«, kam die Antwort. »Vielleicht 35. Wir haben ein Kommando zusammengestellt, das nach weiteren Luftvorräten suchen soll.«

»30 oder 35 Quumpies.« Die Quaderkönigin sprach mehr zu sich selbst als zu dem kleinen Knappen. »Das könnte es sein, was mein Ende herbeiführt.«

»Ich verstehe dich nicht«, beklagte sich Zwyll.

Die Alte winkte ab. »Es ist ohne Bedeutung für dich. Habt ihr irgendwo Fremde beobachtet? Ich meine richtige Lebewesen. Sie haben allerdings nur zwei Beine und zwei Arme.«

Zwyll verneinte. »Allerdings haben wir ein seltsames Rumoren in den oberen Decks vernommen. Es schien nicht von den jüngsten Unruhen und Explosionen herzurühren. Einer der Knappen meinte, dort seien schwere Arbeiten durchgeführt worden.«

»Ich will, dass sofort ein Kommando diese Zone untersucht. Außerdem sollen weitere Suchtrupps nach Luftvorräten forschen. Ich hebe die vorläufigen Grenzen des Reiches für diese Knappen auf. Es darf ab sofort der ganze Quader betreten werden.«

»Aber was ist mit den mächtigen Schüsseln auf der anderen Seite?«, fragte Zwyll besorgt. »Sie sind uns überlegen.«

»Ich besitze sichere Informationen«, antwortete Wallga-Wallga hart, »dass es sie nicht mehr gibt.«

Das war eine glatte Lüge, denn die schwachen Hinweise, die sie erhalten hatte, erlaubten allenfalls eine vage Vermutung.

»Ich werde deine Befehle weitergeben, Königin.« Zwyll drehte sich um und strebte dem Ausgang zu.

Dort tauchte in diesem Augenblick ein anderer Roboter aus dem Gefolge der Quaderkönigin auf. Es handelte sich um eine kopfgroße gelbe Kugel, die auf acht Beinen lief. Der ursprüngliche Zweck dieses Roboters ließ sich nicht mehr erkennen. Seine Sprechwerkzeuge waren beschädigt. Er hatte die Sprache der Pfullianorain nur unvollkommen erlernt.

»Böse! Böse!«, quietschte die gelbe Kugel. »Fremde Knappen. Alles kaputt. Luft weg.«

»Was redest du da?«, fauchte die alte Vettel den Roboter an.

»Warte.« Zwyll setzte sich auf seine eigene Art mit der Kugel in Verbindung. Nach einer Weile wandte er sich an seine Königin.

»Es sind fremde Roboter in deinem Reich aufgetaucht«, erklärte er. »Sie haben damit begonnen, in einer Halle die Geräte zu demontieren. Eine Folge davon ist der Ausfall der Luftversorgung.«

Gewichtig setzte sich Wallga-Wallga auf ihren Thron.

»Fremde Knappen?«, schrie sie dann plötzlich los. »Greift sie an! Verjagt sie, oder macht sie mir untertan!«

»Wir werden es versuchen.« Zwylls Stimme klang wenig überzeugend.

Noch bevor die beiden Knappen die Residenz verlassen hatten, ging erneut ein heftiger Stoß durch den Quader. Wallga-Wallgas Thron stürzte zum dritten Mal zusammen. Die Wände dröhnten.

Die Alte merkte mit aller Deutlichkeit, dass sie keinen Einfluss mehr auf die Entwicklung der Dinge hatte. Der Quader schien zu beschleunigen oder stark abzubremsen. Selbst das konnte sie nicht genau feststellen.

Fassungslos stand sie mitten in ihrem Raum und betrachtete die flackernden Lichtbänder. In diesem Augenblick tauchte Chybrain auf. Das Kristallei kam aus einer Seitenwand und strebte in Hüfthöhe quer durch den Raum. Über den Trümmern von Wallga-Wallgas Thron bog es ab und schoss auf die überraschte Alte zu.

Sie kreischte auf, als Chybrain auf ihren Bauch traf und diesen widerstandslos durchquerte. Dann verschwand das leuchtende Ei schnell in einer anderen Wand.