Wie jedes Jahr hat unser Kindergarten »Freche
Früchtchen« auch diesmal ein Konzert im Altersheim des Bezirks
gegeben, sie sind irgendwie Partnerstätten. Vor zwei Jahren sang
meine Tochter dort bereits das Lied »Wir sind die Frechen
Früchtchen – und kommen aus Berlin«. Nun war mein Sohn dran, der
sonst nie als großer Sänger aufgefallen ist. Ich holte ihn vom
Altersheim ab. Er mochte nichts über seinen Auftritt sagen.
»Wie war es denn?«, quälte ich ihn. »Viele alte Omas da?«
»Nein«, meinte Sebastian, »mehr so junge Omas.«
Er habe den Text vergessen und nur so getan, als ob er singen würde, kam aber trotzdem gut an: »Die Omas klatschten wie verrückt.«
Vom Lied hatte er nur einen Vierzeiler auswendig gelernt, dafür aber anscheinend für immer: »Wir sind die Frechen Früchtchen – und kommen aus Berlin – So heißt auch unsere Kita – Da geh’n wir gerne hin!«
Zu Weihnachten beschlossen wir, Urlaub von Berlin zu nehmen. Für ein paar Tage in eine kleine lauschige Kleinstadt zu ziehen und Freunde zu besuchen. Auf beide »Freche Früchtchen« hat diese Reise einen großen Eindruck gemacht, glaube ich. Alle gingen dort so langsam über die Straße, und wenn zwei Bekannte sich von weitem sahen, dann riefen sie: »Hallo! Du wieder da? Was für eine Überraschung! Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen? Ach, gestern Abend? Und wie geht es so?«
Auf den sauber gefegten und parfümierten Straßen saßen kleine lauschige Bettler auf bestickten Samtkissen. Sie lächelten und hielten sauber beschriebene Bettelschilder in der Hand. Die Bewohner gaben ihnen ein bisschen Geld und bedankten sich dabei. Sie schafften es immer wieder, sich jeden Tag erneut über ihre schöne kleine Stadt, die Kirche, das Rathaus und die tollen Nachbarn zu freuen und dass jeder Tag dort so herrlich ist. Alle wirkten so, als wären sie Kollegen.
»Sie sind aber nicht von hier?«, fragte uns der Wirt in einer Kneipe.
»Nee, wir kommen aus Berlin«, sagte ich.
»Da ist unsere Kita, da geh’n wir gerne hin«, ergänzte Sebastian.
Der Wirt nickte verständnisvoll. So hatte er sich wahrscheinlich schon immer Berliner vorgestellt, mit leichtem russischen Akzent und frechen Reimen. Zu essen bekamen wir von ihm nichts, wir waren zu spät dran, der Koch machte Mittagspause und mit ihm die ganze Stadt.
In der Kleinstadt machten alle immer alles zusammen. Alle gingen zur gleichen Zeit essen oder einkaufen, sie wählten zusammen Deutschlands Superstar und zappten nicht während der Werbung herum. Sie interessierten sich für alles, aber nicht zu doll. Zu Weihnachten installierten sie an ihren Fenstern große funkelnde Sterne, und wenn mal bei dem einen oder anderen in seinem Fenster nichts funkelte, dann klopften die Nachbarn vorsichtshalber an die Tür. Vielleicht war etwas passiert? Vielleicht brauchte der Mensch Hilfe? Vielleicht war er gestorben oder hatte einen Kurzschluss in der Leitung? Vormittags standen sie alle draußen in der Fußgängerzone, aber mit Einbruch der Dunkelheit wurden die Straßen dort sofort und freiwillig geräumt. Zum Durchdrehen schön war dort das Leben! So still und stressfrei.
»Wann fahren wir endlich zurück nach Berlin?«, quengelten die Kinder bereits am zweiten Tag.