Obwohl unsere Kinder noch nicht richtig lesen können und mehr auf die Bilder als auf den Text achten, haben sie schon eine klare Trennlinie in ihrer gemeinsamen Kinderbibliothek gezogen. Die Geschmäcker der beiden sind unterschiedlich. Der Junge ist an Action interessiert, am liebsten am Leben mittelgroßer Monster. Das Mädchen will über die Liebe lesen. Deswegen stehen bei uns im Kinderzimmer links die Jungsbücher im Regal: Die Wikinger, Die große Drachenschlacht, eine Dinosaurier-Enzyklopädie und Die unglaublichen Abenteuer der Digitalmonster am Berg der Unendlichkeit. Auf der anderen Seite stehen Mädchenbücher: Schneewittchen, Cinderella und Die kleine Meerjungfrau von Hans Christian Andersen. Auf diese Weise findet jeder sein Buch, schnell und unproblematisch.
In der letzten Zeit bekommen wir aber immer mehr Bücher aus Russland, die zu keiner der beiden Seiten passen. Zum Beispiel alte russische Märchen, Denkmäler der Volkskultur, die lange von den Kommunisten verheimlicht oder zensiert wurden und erst jetzt in ihrer ursprünglichen Form neu verlegt werden, üblicherweise in einem schweren goldenen Umschlag. Neulich stand ich im Kinderzimmer mit dem Märchenbuch Russische Recken unterwegs in der Hand und überlegte, wohin damit. Einerseits wird dort geschlachtet, was das Zeug hält, das Böse wird jedes Mal auf brutalste Weise zerschlagen, aber auch die Liebe kommt darin vor.
Eigentlich müsste man für dieses Buch ein Extraregal aufstellen. Es zeigt eine vollkommen neue Art von Literatur, das so genannte Macho-Märchen. Man kann das Buch auf jeder beliebigen Seite aufschlagen, die Fabel ändert sich in keiner Weise. Im Mittelpunkt steht immer der Hüne Ilia, ein ruhiger und zurückhaltender Mensch, der für Gerechtigkeit und Ordnung eintritt. Wenn es irgendwo Streit gibt, wird er vom Volk gerufen. Und irgendeinen Streit gibt es immer.
»Ilia«, sagt das Volk zu ihm, »der schlimme Räuber Suchman ist wieder aufgetaucht. Er stellt ein Problem dar, sei bitte du die Lösung.«
Also geht der Hüne Ilia in den Keller und holt seine berühmte Streitkeule aus der Truhe. Er holt noch seine andere Ersatz-Streitkeule, für alle Fälle, und noch eine ganz kleine mit scharfen Nadeln drauf, falls die ersten zwei versagen, setzt sich auf sein Pferd und reitet los, bis er auf den Räuber trifft. Die Einzelheiten des Streites interessieren ihn überhaupt nicht, er geht gleich zur Sache.
»Wie willst du es haben?«, fragt er den Räuber. »Soll ich dich mit einem Schlag in die Erde hacken oder ist dir Stück für Stück lieber?«
»Du hast eine große Klappe«, antwortet der Räuber Suchman, zieht seinen krummen Säbel aus der Hose und geht auf den Hünen los. Danach streiten sie ungefähr zwei Seiten lang: Booms! Bams! Booms! Bams … Am Ende bekommt der Hüne Ilia gute Laune, der Räuber Suchman ist schon zwei Meter unter die Erde gehackt worden, für Ilia ist es aber noch zu früh, um nach Hause zu gehen. Also reitet er weiter, besucht den Bruder des Räubers Suchman, seinen Schwager und seinen Cousin: Booms, Bams, Booms, Bams. Abschließend besucht er eine Prinzessin. Sie freut sich natürlich. Sie trinken zusammen Tee.
»Ich war hier zufällig geschäftlich unterwegs«, erzählt der Hüne Ilia, »und dachte, schau ich einfach mal vorbei.«
»Toll«, sagt die Prinzessin, »du kannst bei mir übernachten, wenn du willst.«
Am nächsten Morgen will er los. Die Prinzessin sagt, er könne diesmal länger bleiben, wenn er Lust habe.
»Nö«, sagt Ilia, »keine Zeit, ich muss weiter.«
Die Prinzessin weint. Der Hüne streichelt ihr zärtlich die Wange.
»Weine nicht«, sagt er. »Ich werde bestimmt noch mal vorbeischauen, irgendwann. Aber nicht jetzt, jetzt muss ich noch etwas erledigen.«
Im Wald haben sich die dunklen Mächte wieder zusammengezogen, die Enkelkinder von Suchman oder weiß der Geier wer. Also reitet er erneut seinen Feinden entgegen: Booms, Bams, Booms, Bams … Und jedes Mal, wenn er sich an die Prinzessin erinnert und ihr Haus sucht, findet er ein anderes Haus und eine andere Prinzessin darin.
»Hmm«, denkt Ilia, »das ist wahrscheinlich mein Schicksal. Und gegen das Schicksal hilft keine Streitkeule, man muss einfach damit leben.«
Unglaubliches ist passiert. Das Schicksal von Hüne Ilia berührt beide Kinder gleichermaßen. Das Mädchen und der Junge hören gespannt zu.