Krieg und Frieden in der Bildung
Aufmerksam verfolgten wir die Debatte über die deutsche Bildung. Unsere Kinder, der Junge ist vier und das Mädchen sechs Jahre alt, werden bald auch in eine deutsche Schule gehen müssen. Den zahlreichen Medienberichten, die Angst und Schrecken vor dem deutschen Schulwesen verbreiteten, schenkten wir keinen Glauben, weil die Medien immer auf Krawall aus sind und oft und gerne übertreiben. Stattdessen sprachen wir mit unseren Nachbarn und mit Freunden und Bekannten, die Kinder im schulpflichtigen Alter haben. Wir wollten alles genau wissen. Wie blöd sind die deutschen Schüler wirklich? Wie gut sind sie bewaffnet? Was nehmen sie für Drogen?
»Alles halb so schlimm«, meinten unisono alle Eltern, »die Schule ist eben so, wie man sie aus der eigenen Kindheit kennt.« Ob in Moskau oder in Berlin mache keinen Unterschied. Wichtig sei allerdings, dass die Kinder bereits vor der Schule über bestimmte Kenntnisse verfügen, das heißt, dass sie zum Beispiel schon lesen, schreiben und rechnen können. Die Statistik zeige, dass Kinder, die im Vorschulalter rechnen und schreiben können, es auch noch nach der Schule tun – egal, wie dämlich diese war. Diese wichtige Kulturleistung müssten aber die Eltern ihnen persönlich beibringen – und nicht dem Staat überlassen, erklärten uns unsere Freunde.
Also kauften wir große Stapel Papier, Buntstifte und machten aus unserer Wohnung eine gemütliche Vorschule. Schon bald konnte Sebastian »Mama« schreiben und auch »Mamam«. Nicole verfasste sogar einen ganzen Liebesbrief an einen Freund aus der Kita: »Lieber Miron, bei uns im Keller gibt es fette Schaben, ich liebe dich. Nicole.« Auch bei den vier Grundrechenarten kamen die beiden ziemlich schnell voran. Sebastian konnte bis zehn, Nicole bis hundert zählen. Bald mischte sich die ganze Familie in den Unterricht ein, und Oma und Opa überschütteten ihre Enkelkinder mit immer neuen Rechenaufgaben: »Der Großvater hat innerhalb einer Woche drei Sechserpack Bier gekauft, wie viele Flaschen pro Tag säuft der Großvater also?«, fragte die Oma. »Die Großmutter verbringt jeden Tag sechs Stunden vor der Glotze«, konterte der Opa, »wie lange sieht die Großmutter pro Woche fern?«
Unsere Kinder lernten schnell. Nun, dachte ich, zum Wissensgut der neuen Generation gehört zweifellos auch der Umgang mit den interaktiven Medien. Die Kinder müssen ins Netz, bevor sie in die Schule gehen! Im russischen Internet fand ich dazu eine passende Seite: »Online-Lehrspiele für Kinder von 3 bis 6«. Das erste Spiel hieß: »Dein Geburtshaus brennt«. Eine blonde Krankenschwester musste möglichst viele Babys aus der brennenden Gynäkologie retten. Die Babys fielen aus den Fenstern, die Krankenschwester fing sie mit einem Tuch auf. Brennende Fernsehgeräte, große Steine und andere Dinge, die ebenfalls aus den Fenstern fielen, aber nicht wie Babys aussahen, sollte sie dagegen meiden. Bekam die Krankenschwester einen Fernseher auf den Kopf, musste sie eine Minute pausieren.
Ich bin eigentlich ein guter Spieler: Vor zehn Jahren erledigte ich haufenweise Ungeheuer im Computerspiel »Doom« und flog stundenlange Einsätze mit einer F117 gegen den Irak und Palästina. Von den möglichen dreißig Babys rettete ich locker fünfundzwanzig. Wenn aber zwei Babys gleichzeitig aus verschiedenen Fenstern fielen, machte eines davon »Plumps«, und auf dem Asphalt bildete sich eine blutrote Pfütze.
»Wo sind die Babys nach dem ›Plumps‹ hin?«, fragte meine Tochter mit zitternder Stimme.
»Keine Sorge, sie bleiben im Internet«, murmelte ich.
Auch die anderen Spiele erwiesen sich als absolute Schweinerei. In einem kam Graf Dracula aus dem Grab und grunzte wie ein Ferkel. Daraufhin bekam er von uns eine Ladung Silber direkt ins Herz und fiel in sein Grab zurück. Doch keine Sekunde verging, schon stand er wieder auf der Matte und grunzte. Die blöde Online-Sau war unsterblich. In dem dritten Spiel lief das gelbe Teletubby Lala Amok. Mit zwei Maschinengewehren in der Hand stürmte Lala das Teletubby-Häuschen und metzelte alle ihre Freunde nieder; sie wehrten sich nicht einmal und sagten nur jedes Mal »O-o!«, wenn sie getroffen wurden.
Der Lehrgang »Interaktive Medien« machte uns also keine große Freude und sorgte für einige schlaflose Nächte in der Familie. Die Kleinen hatten Angst vor Albträumen und blieben lange wach; ich nutzte die Nacht, um Dracula in Abwesenheit der Kinder bloßzustellen, mit anderen Waffen und anderen Strategien. Man muss alle Gefahren, die auf die Kinder in der Zukunft warten, gut kennen, nur dann ist man ein guter Vater, sagte ich mir – und ballerte weiter auf Dracula. Leider vergeblich. Er war tatsächlich unsterblich!