Die Blumen von Edo
Herbst. Ein blasser Vollmond schwebte über dem alten Edo, verhüllt nur von zartem Dunst. Der perlmuttene Schein war wie das matte Licht einer Geishalampe, das durch ein altes Moskitonetz filterte.
Zwei schwitzende Läufer zogen eine mit eisernen Rädern ausgestattete Rikscha nach Süden, in Richtung Ginza. Dies war der Kabukiza-Distrikt, und niedrige, mit hölzernen Schindeln gedeckte Läden säumten die Straßen: Küfer und Böttcher, Tabakverkäufer, Händler, die billiges Tuch anboten; der beißende Geruch von Färbemitteln drang durch Riedvorhänge und Papierfenster. Hinter den Geschäften erstreckte sich ein Labyrinth aus dicht an dicht stehenden Hütten und Baracken. An den Holzwänden bildeten Kletterpflanzen girlandenartige Muster, und Fliegen schwirrten über den trockenen Strohdächern.
Es war spät. Im Kabukiza-Distrikt gab es keine Geishas, und die Leute, die sich mit ehrlicher Arbeit ihr Brot verdienten, schliefen bereits. Die schmutzigen Straßen wurden nur vom Mondschein und den wenigen Lampen erhellt, die neben Aufgängen hingen. Die beiden Läufer hatten ihre eigene Laterne bei sich, die an dem Zugbalken der Rikscha hin und her schwankte. Im kräftesparenden Laufschritt trotteten sie dahin und wichen den tiefsten Schlaglöchern und den größten Pfützen aus. Immer dann, wenn sich das Gefährt von einer Seite zur anderen neigte, läuteten die kleinen Messingglocken am Schutzdach.
Plötzlich knirschten die eisernen Räder über glattes Steinpflaster. Sie hatten das Neue Ginza erreicht, und hier konnte man den seltsamen und fremdartigen Geruch von Mörtel und Ziegelsteinen wahrnehmen.
Das erstaunliche Neue Ginza war auf der Asche des Alten Ginza entstanden. Die Blumen vom Edo hatten dem Alten Ginza den Tod gebracht. Von allen Feuern der Meiji-Ära war jene Katastrophe die schlimmste – und gleichzeitig aufregendste – gewesen. Aufgrund der Feuer genoß Edo einen besonderen Ruf, und der Brand des Alten Ginza stellte etwas Einzigartiges dar. Drei Tage lang hatte jenes Feuer gewütet, bis hinab zum Fluß.
Nach der Betrauerung der Toten machten sich die Edokko sofort an den Wiederaufbau. Dazu waren sie dauernd bereit. In Feuersbrünsten und Erdbeben sahen sie ständige Begleiter ihres täglichen Lebens. Es geschah nur sehr selten, daß irgendein Gebäude in der Unteren Stadt zwanzig Jahre lang von den Blumen von Edo verschont wurde.
Doch es handelte sich nicht mehr um das alte Edo des Shogun, sondern das Kaiserliche Tokio. Der Gouverneur kam mit seiner pferdegezogenen Kutsche aus der Hohen Stadt und betrachtete die rauchenden Ruinen Ginzas. Die Bewohner der Unteren Stadt sprachen noch immer darüber, erinnerten sich gegenseitig daran, wie der Gouverneur die Arme ausbreitete – auf diese Weise –, wie er die Ärmel seiner aus dem Westen stammenden Kutte bis zu den Handgelenken hochschob. Wie er finster die Stirn runzelte. Die Bewohner Edos hatten sich bereits an dieses Gebaren gewöhnt, an das so überaus bedeutend wirkende Stirnrunzeln des Gouverneurs, daran, daß seine dichten Brauen bei solchen Fällen einen buschigen Bogen dicht über den Augen bildeten, in denen Zivilisation und Erleuchtung funkelten.
Und der Gouverneur streifte die Ärmel seiner modernen Kutte noch weiter zurück, winkte großzügig und gab seinen ausländischen Architekten Bescheid. Die Engländer eilten sofort herbei und fielen wie ein Heer in den Distrikt ein. Aber sie führten nicht etwa Kanonen bei sich, sondern Karten und Diagramme, rasselnde Maschinen und Karren mit Ziegelsteinen und Mörtel. Es war, als öffnete sich der Himmel, als regnete es gleichmäßig geformte Steine auf Asche und schwelendes Holz. Große Berge aus roten Ziegeln entstanden. Waren das Häuser, fragten sich die Menschen, in denen man wohnen konnte? Es gab viele Geschichten über die Fremden und ihre sonderbaren Heime. Die langen Nasen – um angesichts der dicken Steinwände besser zu atmen. Die blasse Haut – weil Ziegel, wie es hieß, Menschen ihre Lebenskraft raubten und sie schwach und kränklich werden ließen.
Die Rikscha hielt ruckartig an, und die Messingglocken läuteten ein letztes Mal. Der ältere der beiden Läufer schnappte nach Luft und fragte: »Ist das weit genug, Gov?«
»Ja, in Ordnung«, erwiderte einer der beiden Passagiere und stieg aus. Er hieß Encho Sanyutei und war der Sohn und Nachfolger eines bekannten Varietékomikers. Als Fünfunddreißigjähriger hatte er sich selbständig gemacht – und bereits einen gewissen Ruf erworben. Er hatte seinem Begleiter von der Ziegelstadt Ginza erzählt, dabei die Arme verschränkt, die Unterlippe vorgestülpt und so das Gebaren des Gouverneurs von Tokio nachgeahmt.
Die Wirkung des zuvor genossenen Reisweins war nicht ganz ohne Wirkung auf Encho geblieben, und er reichte dem älteren Läufer mehr Kupfermünzen, als nötig gewesen wären. »Hier, Kumpel«, sagte er. »Hau mal richtig auf den Putz!« Die beiden Männer deuteten eine Verbeugung an und trotteten davon, um sich in dem Ginza-Gedränge andere Kunden zu suchen.
Ein großer Teil Tokios kam niemals zur Ruhe, und dazu gehörte auch der Yoshiwara-Distrikt, das Viertel der Geishas und billigen Absteigen. Die beiden Reisenden kamen aus dem Asakusa-Distrikt, wo es ebenfalls ständig heiß her ging: In jenem Stadtteil gab es Hunderte von Bars, Kabuki-Theater und Varietés.
Auch die Ziegelstadt Ginza schlief nie – wenn auch aus anderen Gründen. Diesem Viertel mangelte es an dem in der Unteren Stadt herrschenden primitiven Verlangen nach Sex und Vergnügen. Die Edokko wurden von etwas anderem auf die eisenharten Straßen Ginzas gelockt, von etwas, das ebenso neu wie seltsam war.
Gaslampen. Sie standen auf schwarzen Säulen, und ihr geisterhaftes Licht fiel auf die Menge und verdrängte den Glanz des Mondes. Insgesamt gab es fünfundachtzig solche Wunder, und sie bildeten eine lange schnurgerade Reihe, die durch ganz Ginza reichte, von Shiba bis nach Kyobashi.
Die Edokko, die sich an den Lampen drängten, verhielten sich erstaunlich still. Von erbarmungsloser Erleuchtung wie betäubt, irrten sie durch die steinernen Straßen. Manche von ihnen trugen hohe Holzschuhe, andere geschlossene Sandalen aus Leder. Einige von ihnen waren in Hakama-Hemden oder Jinbibaori-Jacken gekleidet, und Encho sah auch einige modern anmutende Hosen. Da und dort fiel sein Blick auf Zylinder oder steife Filzhüte.
Betrunken wankten der Komiker und sein Begleiter in Richtung der Lampen, und ihre polierten Lederschuhe knarrten und quietschten fröhlich. Die progressiv eingestellten Bewohner Tokios fanden gerade an dem Quietschen besonderen Gefallen, und die Schuhe Enchos und seines Gefährten verfügten über Einlagen aus ›singendem Leder‹, was den besonderen Effekt noch verstärkte.
»Ihr Verhalten gefällt mir überhaupt nicht«, knurrte der Begleiter Enchos. Sein Name lautete Onogawa, und bis zur sogenannten ›Restauration der kaiserlichen Macht‹ war er Samurai gewesen. Doch inzwischen hatte ein kaiserliches Dekret das Tragen von Schwertern verboten, und deshalb mußte Onogawa für eine Handelsgesellschaft arbeiten, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er runzelte die Stirn und rieb sich die Nase; das daran klebende Blut war inzwischen geronnen. »Mit den modernen Rikschas ist es auch nicht mehr so, wie es einmal war. Hast du die beiden Typen gesehen? Sie haben uns angestarrt, hatten überhaupt keinen Respekt.«
»Reg dich ab!« sagte Encho. »Es waren doch nur zwei einfache Straßenläufer. Wen kümmert's, was solche Kerle denken? Himmel, du führst dich auf, als glaubtest du, es seien zwei Aufseher des Shogun gewesen.« Encho lachte schallend und wischte sich übertrieben die Hände an der Hose ab. Die heimtückischen und überall herumschnüffelnden Spione, die einem dauernd mit konfuzianischen Litaneien kamen, gehörten jetzt ebenso der Vergangenheit an wie der Shogun selbst. Sie waren schlicht und einfach aus der Mode gekommen.
»Aber dein Gesicht ist in der ganzen Stadt bekannt«, wandte Onogawa ein. »Was ist, wenn sie herumerzählen, daß sie uns gesehen haben? Dann wissen bald alle Bescheid, was drüben geschah.«
»Vielleicht bekommen wir dann einige neue Verehrer«, erwiderte Encho und grinste.
Seit der Schlägerei im Asakusa-Distrikt war Onogawa bereits ein wenig nüchterner geworden. Nach dem Auftritt Enchos kam es zu einem Handgemenge, in dessen Mittelpunkt Onogawa stand – der einige alte Bekannte hatte, denen er lieber nicht wiederbegegnen wollte. Encho bahnte sich mit den Fäusten einen Weg durch das Gedränge, lenkte die Verfolger Onogawas ab und ermöglichte seinem Gefährten so die Flucht.
Für Onogawa war die Situation alles andere als leicht, denn er zeichnete sich durch ein ausgeprägtes Ehrgefühl aus und neigte außerdem zum Grübeln. Er war in Satsuma geboren, in einer Provinz, in der es sehr starke und eherne Samurai-Traditionen gab. Doch ein zehnjähriger Aufenthalt in der Hauptstadt hatte Onogawa verändert und ihn ebensosehr auf das Schauspiel fixiert wie die meisten Edokko. In gewisser Weise empfand es Onogawa als eine Schande, geradezu süchtig geworden zu sein nach den Spottsketchen und ironischen Rollenspielen Enchos.
Schon seit Monaten trieb sich Onogawa mindestens zweimal wöchentlich in den Varietés Asakusas herum. Seine Frau und sein kleiner Sohn lebten in einem bescheidenen Heim Nihombashis, in einem ziemlich prüden und konservativen Viertel der Hohen Stadt in dem vorwiegend junge Bankangestellte und Beamte lebten, die ganz in ihrem Beruf aufgingen. Alte Freunde aus seiner bewegten Vergangenheit hatten ihm zu einem Posten bei einer recht erfolgreichen Handelsgesellschaft verholfen. Er hätte natürlich die Stellung in der Armee vorgezogen, doch das Heer war recht klein und nahm nur selten neue Rekruten auf.
Gerade das war eine der größten Enttäuschungen Onogawas, und sie hatte ihn gründlich verändert. Aufgrund seiner einschlägigen Erfahrungen mit dem Gesetz wußte er, daß es kein gutes Ende nehmen würde, wenn er sich noch länger so gehen ließ. Doch bei dem Zwischenfall dieses Abends handelte es sich nicht etwa um irgendeinen Geishaskandal, über den man mit einem Augenzwinkern hinweggehen konnte, der ihm vielleicht sogar die Bewunderung einiger Leute eingebracht hätte. Statt dessen war er in eine ganz gewöhnliche Prügelei mit einfachen Bürgern geraten.
Schlimmer noch: Er hatte es einem bekannten Bürger jenes Standes zu verdanken, daß er noch einmal davongekommen war. Onogawa konnte sich nicht dazu durchringen, seinen Gesichtsverlust hinzunehmen und sich zu bedanken. Er rückte sich den Filzhut zurecht, starrte Encho düster an und fragte: »Wo wohnt denn nun der Bursche mit dem besonderen Schnaps, den du mir versprochen hast?«
»Hab Geduld«, erwiderte Encho geistesabwesend. »Mein Freund hat eine kleine Bude hier in Ziegelstadt. Eine ganz besondere Art von Absteige. Liegt ein wenig abseits.« Sie setzten ihren Weg durch Ginza fort, und Encho zog sich den Hut aus steifer Seide tiefer in die Stirn, so daß man ihn nicht auf den ersten Blick erkennen konnte.
Er schritt langsamer aus, als sie an vier jungen Frauen vorbeikamen, die vor dem modernen Glasfenster eines Tuchladens standen. Das Geschäft war zwar geschlossen, aber die Frauen bewunderten die Puppen des Schneiders. Die Kleidung der jungen Damen entsprach mit ihrem auffallend modernen Stil fast denen der reglosen Gestalten im Schaufenster: Ihre Aufmachung bestand aus kleinen Sonnenschirmen, knapp sitzenden Reitjacken in glänzendem Purpur und weiten Röcken mit großen Turnüren. »He, nicht übel, was?« brummte Encho, als sie näher herankamen. »Die Ausländer verstehen sich offenbar darauf, Frauen hübsch zu verpacken.«
»Frauen tragen einfach alles«, erwiderte Onogawa, hob den einen Fuß und streckte die Zehen im engen und quietschenden Lederschuh. »Ich finde einen schlichten Kimono mit einem Obi viel besser.«
»Jedenfalls ginge das Ausziehen dann wesentlich schneller«, sagte Encho und lächelte hintergründig. Neben der hübschesten Frau blieb er stehen, einem jungen Mädchen, dessen Brauen natürlich gewachsen waren und das keine Zahnschwärze benutzt hatte: Im Licht der Gaslampen glänzten ihre Zähne weiß wie Elfenbein.
»Verehrte Dame, verzeih mir bitte meine Kühnheit«, sagte Encho. »Aber ich glaube, ein Kätzchen ist unter deinen Rock gekrochen.«
»Bitte?« erwiderte die junge Frau verwirrt und mit einem leichten Akzent, wie man ihn in der Unteren Stadt hören konnte.
Encho schürzte die Lippen, und von unten erklang ein klägliches Miauen. Das Mädchen sah überrascht zu Boden und hob den Rock rasch bis zum Knie. »Ich helfe dir«, bot sich Encho an und bückte sich. »Ja, jetzt sehe ich das Kätzchen! Es klettert am Unterrock empor!« Er drehte sich um. »Du solltest mir besser zur Hand gehen, Bruder! Sieh dir das an!«
Onogawa war so verblüfft, daß er nicht sofort reagierte. Erneut war ein leises Miauen zu hören, und Encho schob den Kopf ganz unter den Rock der jungen Frau. »Da ist es! Es will sich in der Turnüre verstecken!« Das Kätzchen fauchte laut. »Ich hab es!« rief der Komiker. Er richtete sich wieder auf und hielt die Hände auseinander. »Da ist der kleine Schlingel, an der Wand!« Encho drehte die Hände, und im Schein des Lampenlichts war an der nahen Ziegelwand ein Schatten zu sehen, der einer Katze ähnelte.
Onogawa begann schallend zu lachen. Er taumelte an die Wand und krümmte sich, schnappte glucksend nach Luft. Die Frauen starrten ihn einige Sekunden lang groß an, und dann eilten sie fort und kicherten mädchenhaft. Diejenige aber, die Encho verulkt hatte, brach in Tränen aus.
»Achtung!« brachte Encho hervor. »Ihr Ehemann.« Er duckte sich, holte tief Luft und preßte sich ruckartig die Hände auf die Wangen. Ein plötzlicher Trompetenstoß hallte laut über die Straße. Er hörte sich genauso an wie das schallende Fanfarensignal eines Busses von Tokio, und Onogawa zuckte unwillkürlich zusammen, blickte sich rasch um und rechnete offenbar damit, einen Fuhrmann zu sehen, der an den Zügeln seines Gespanns zerrte.
Encho griff nach dem Ärmel seines Gefährten und zog Onogawa mit sich, bevor sich die anderen Passanten von ihrer Überraschung erholen konnten. »Hier entlang!« Sie wankten durch eine halbdunkle Gasse und setzten ihren Weg durch das Labyrinth der Ziegelstadt Ginzas fort. Onogawa lachte noch immer und bekam keine Luft mehr. Nach einigen Dutzend Metern verharrte er keuchend. »Warte!« schnaufte er, gluckste erneut und wischte sich Tränen aus den Augen. »Ich … haha … kann nicht mehr!«
»Na schön«, erwiderte Encho ruhig. »Aber hier können wir nicht bleiben.« Er deutete nach oben. »Oder willst du etwa unter diesen Dingern stehen?« Über ihnen spannten sich dunkle Telegrafendrähte.
Onogawa bemerkte sie erst jetzt und trat rasch zur Seite. »Kuwabara, Kuwabara«, brummte er – ein Zauberspruch, der Blitzschlag verhüten sollte. Die unheilvollen magischen Drähte gab es überall in der Ziegelstadt, und sie führten an den großen und übel riechenden Gebäuden vorbei.
Es war allgemein bekannt, warum die Ausländer ihre Telegrafendrähte an hohen Pfählen befestigten. Auf diese Weise konnten die dämonischen Botschafter darin nicht entkommen, um den ehrbaren Bürgern Verderben zu bringen. Es hieß, jene gespenstischen und unsichtbaren Geister sausten mindestens so schnell dahin wie Schwalben, und sie übermittelten den geheimen Zauber der christlichen schwarzen Magie. Wenn man unter solchen Drähten stand, forderte man das Unheil geradezu heraus.
Encho musterte Onogawa und lächelte schief. »Es besteht keine Gefahr, solange wir in Bewegung bleiben«, sagte er. »Es ist nicht schlimm, für kurze Zeit in der Nähe der Drähte zu verweilen. Mach dir keine Sorgen!«
Onogawa atmete tief durch und straffte seine Gestalt. »Sorgen?« wiederholte er. »Ich fürchte mich nicht.« Er folgte Encho die Straße hinunter.
Die steinernen Häuser wirkten häßlich und irgendwie formlos. Sie wiesen keine hübschen Riedvorhänge auf, und es fehlten Markisen an den übergroßen Fenstern, die mit ihrem matt schimmernden Glas aussahen wie die starrenden Augen teuflischer Wesen. Es gab keine gemütlichen Veranden, keinen Schmuck aus kleinen Bambusröhren, die die Stimme des Windes einfingen, und das Zirpen der Grillen und Zwitschern von Vögeln schienen nur noch Erinnerungen zu sein. Die beiden Männer sahen nicht einmal eine Prunkwinde Edos, nicht eine einzige Ranke von der Art, die selbst die einfachsten Hütten in der Stadt schmückte. Stumm ragten die Mauern in die Höhe, fest und massiv, wie eine wortlose Drohung. Die meisten Häuser standen leer. Zwar war ihr Bau recht teuer gewesen, und außerdem konnten sie nicht einfach niederbrennen, doch trotzdem fand sich kaum jemand bereit, darin zu wohnen. Es ging das Gerücht, die roten Ziegel raubten den Menschen ihre Lebenskraft, suchten sie mit Beriberi oder gar der Schwindsucht heim.
Steine pflasterten die Straße. Steinerne Wände erhoben sich rechts und links, vor und hinter Encho und seinem Gefährten. Wohin sie auch sahen: Überall fiel ihr Blick auf rote Ziegel. Hunderte waren es, Tausende – und noch viel mehr. »Was sind Ziegel eigentlich?« wandte sich Onogawa an den größeren Encho. »Ich meine, woraus bestehen sie?«
»Die Ausländer stellten sie her«, erwiderte Encho und zuckte mit den Schultern. »Ich glaube, es handelt sich dabei um so etwas wie Töpferwaren.«
»Sind sie ungesund?«
»Das behaupten viele Leute«, sagte Encho, »aber die Fremden leben in solchen Häusern, und in der letzten Zeit hat sich die Anzahl der Ausländer nicht verringert.« Er blieb stehen. »Ah, da wären wir. Laß uns um das Gebäude herumgehen. Mein Bekannter wohnt oben.«
Sie schritten an der Außenwand des zweistöckigen Hauses entlang und sahen empor. Hinter einem der oberen Fenster verbreitete eine der alten Öllampen einen angenehm vertrauten Schein. »Sieht ganz danach aus, als sei dein Freund noch auf den Beinen«, stellte Onogawa fest, wobei seine Stimme fröhlicher klang.
Encho nickte. »Taiso Yoshitoshi schläft nicht viel. Er ist ein wenig überempfindlich. Man könnte ihn auch als seltsam bezeichnen.« Er trat an die große, mit Schnitzereien verzierte Tür heran, die, wie bei den Ausländern üblich, an zwei dicken Messingangeln hing. Dort zögerte er kurz und zog an dem Knauf einer Klingel.
»Seltsam«, wiederholte Onogawa nachdenklich. »Das wundert mich nicht, wenn er in einem solchen Gebäude wohnt.« Sie warteten.
Mit einem verhaltenen Knirschen schwang die Tür nach innen auf. Ein Mann mit zerzaustem Haar sah ihnen entgegen und hob einen schlichten Halter aus billigem Zinn, in dem eine halb heruntergebrannte Kerze steckte. »Wer ist da?«
»Ach, komm schon, Taiso!« entgegnete Encho ungeduldig. Erneut schürzte er die Lippen, und ganz in der Nähe schienen Enten zu quaken.
»Oh, du bist es, Encho-san, Encho Sanyutei. Mein alter Freund. Komm herein!«
Sie betraten den dunklen Flur, und dort blieben die beiden Besucher kurz stehen und zogen sich ihre ledernen Schuhe aus. Durch eine offenstehende Tür blickte Encho in ein nahes Zimmer und sah ein Durcheinander aus großen Papierrollen, Werkzeugkisten und flachen Ablagen. Hinter einer breiten hölzernen Presse schlief ein Lehrling und schnarchte. Die feuchte Luft roch nach Druckerschwärze und Spänen.
»Dies ist Onogawa Azusa«, sagte Encho. »Einer meiner Verehrer aus der Hohen Stadt. Onogawa, ich möchte dir Taiso Yoshitoshi vorstellen. Er ist einer der angesehensten Künstler Edos.«
»Oh, Yoshitoshi der Künstler!« entfuhr es Onogawa, der sich erst jetzt an den Namen erinnerte. »Natürlich! Sie handeln mit erlesenen Druckprodukten. Vor einer Weile habe ich eine ganze Serie Ihrer Werke gekauft: Achtundzwanzig schändliche Morde – mit erläuternden Versen.«
»Ah,« machte Yoshitoshi. »Es ehrt mich sehr, daß Sie sich an meine ersten und eher dürftigen Leistungen auf dem Gebiet der Druckkunst erinnern.« Der Ukiyo-e-Druckkünstler war ein kleiner untersetzter Mann mit gebeugten rundlichen Schultern. Seine Wangen wirkten ein wenig aufgedunsen, und unter den Augen zeigten sich dunkle Ringe. Das kurzgeschnittene Haar wies einige lichte Stellen auf, und die Lippen waren auffallend dick. Er trug eine weiße Tunika, auf der sich einige verblaßte Muster zeigten, die Margeriten nachempfunden sein mochten. »Sollen wir nach oben gehen, meine Herren? Mein Lehrling ist müde und braucht Ruhe.«
Sie stiegen eine schmale hölzerne Treppe hinauf, deren Stufen unter ihren Schritten knarrten, und kurz darauf gelangten sie in das Arbeitszimmer Yoshitoshis, das von Öllampen erhellt wurde. An den Wänden hingen verschiedene Drucke, und einige Dutzend andere lagen zusammengerollt in Regalen oder auf dem Boden. Die Fenster waren fest verschlossen, die dicken Vorhänge davor zugezogen. Die unverhüllten Ziegelwände schienen zu schwitzen, und Encho nahm einen sonderbaren Geruch wahr, wie von Schimmel und altem Tabak. Das Fenster in der Wand zur Straße hin wies zusätzliche Läden auf, die am inneren Sims festgenagelt und mit einigen Querlatten versehen waren. »Wegen der Telegrafendrähte draußen«, erklärte Yoshitoshi, als er die verwunderten Blicke seiner Gäste bemerkte. Der Künstler deutete vage auf einige fleckige Bodenkissen. »Nehmt Platz!«
Die beiden Besucher hockten sich auf die schmutzigen und schäbigen Kissen und versuchten höflich, es sich möglichst bequem zu machen. Yoshitoshi kniete sich auf ein anderes Polster, das neben seinem Arbeitstisch lag. Auf der niedrigen Werkbank aus einfachem Kiefernholz lagen ein Tintenstift und ein Schleifstein. Daneben stand eine kleine Schale mit Wasser. Ein Bambuskorb enthielt mehrere Pinsel, einen Kompaß sowie ein Lineal. Offenbar hatte Yoshitoshi an einem dünnen, fast durchsichtigen Blatt aus Reispapier gearbeitet: Ein Muster aus feinen schwarzen Linien zeigte sich darauf.
»Nun …«, sagte Encho, lächelte und sah sich in dem eher ärmlichen Heim des Künstlers um. »Wie ich hörte, bist du in der letzten Zeit ziemlich gut zurechtgekommen. Man kann deutlich sehen, daß es dir besser geht. Du hast jetzt wieder richtige Regale. Und die Bücher lassen bestimmt nicht mehr lange auf sich warten.«
Yoshitoshi erwiderte das Lächeln. »Ach, ich habe noch immer viele Schulden – die Bücher kommen erst an letzter Stelle. Aber du hast recht: Inzwischen geht es mir weitaus besser. Ich bin wieder gesund, und ich habe ein Arbeitszimmer. Außerdem kehrte Toshimitsu, einer meiner Lehrlinge, zu mir zurück. Er ist nicht der begabteste derjenigen, die ich damals verlor, aber wenigstens der ehrlichste von ihnen.«
Encho holte eine kurze ausländische Bruyèrepfeife hervor und öffnete den Tabakbeutel, der an seinem Gürtel hing. Dabei handelte es sich um eine mit Stickmustern versehene Tasche, auf die jeder achtbare Bewohner Edos stolz gewesen wäre. Während er die Pfeife stopfte, blickte er auf und fragte beiläufig: »Hat die Kabuki-Sache was gebracht?«
»Und ob«, erwiderte Yoshitoshi und strahlte. »Ich habe Blutflecken auf die Rüstung Onoe Kikugoros des Fünften gemalt. Für seine Rolle in ›Kawanakajima-Insel‹ Ich bin dir sehr dankbar, daß du mir zu jenem Auftrag verholten hast.«
»He, das Stück kenne ich«, sagte Onogawa überrascht und erfreut. »Und es waren prächtig anzusehende Blutflecken. Noch besser als die des Mörder-Drucks Kasamori Osen – von ihrem Stiefvater bei lebendigem Leibe in Stücke geschnitten. Der Druck stammt doch von Ihnen, nicht wahr?« Onogawa betrachtete die an den Wänden hängenden Bilder, und der vertraute Stil weckte Erinnerungen in ihm. »Ein Wahnsinniger, der mit einem Messer über ein junges Mädchen herfiel, auf dessen nackten Körper überall blutige Striemen zu sehen waren …«
Das Lächeln Yoshitoshis wuchs in die Breite. »Hat es Ihnen gefallen, Herr Onogawa?«
»Nun«, sagte Onogawa, »es war zweifellos ein beachtliches Kunstwerk.« Einem Mann wie Azusa fiel es sicher leicht zuzugeben, daß er Gefallen fand an der bürgerlichen Kunst der Unteren Stadt. Ein wenig leiser fügte er hinzu: »Früher besaß ich eine ganze Reihe Ihrer Bilder, damals, vor zehn Jahren – bevor die Restauration begann.« Er lächelte verträumt. »Zu meiner Sammlung gehörten natürlich die Achtundzwanzig Morde. Und einige der Hundert Gespenstergeschichten. Ja, ich entsinne mich jetzt daran, daß ich mehrere Sonderausgaben hatte. Zum Beispiel Tamigoro, der sich mit seinem Gewehr in den Kopf schoß. Bei jenem Bild waren die Muster aus Blutspritzern besonders gelungen.«
»Oh, ich erinnere mich daran«, warf Encho ein. »Damals wurde die rote Tinte, die das Blut darstellen sollte, noch mit Katzengoldpulver gemischt. Um ein besonderes Schimmern zu bewirken.«
»Heute ist das zu teuer«, sagte Yoshitoshi niedergeschlagen.
Encho zuckte die Achseln und sah Onogawa an. »Kennst du auch das Bild Maosuke Gombero ermordet seinen Herrn ? Der irre Diener hockt auf der Brust des Adligen und zerfetzt ihm mit den Fingernägeln das Gesicht …« Mit entsprechenden Geräuschen beschrieb der Komiker das Gebaren des Mörders.
»O ja!« entgegnete Onogawa. »Ich besaß eine Kopie davon – was wohl daraus geworden ist?« Betrübt schüttelte er den Kopf. »Nun, angesichts meines Alters und meiner Stellung konnte ich solche Dinge nicht im Haus behalten. Die Kinder hätten Alpträume bekommen. Und möglicherweise kämen die Bediensteten auf die Idee, dem Beispiel nachzueifern.« Er lachte.
Inzwischen hatte Encho die kurze Pfeife gestopft, und er beugte sich zu einer Öllampe vor, um sie anzuzünden. Onogawa griff in seinen Ärmel und zog seine eigene Pfeife hervor, die wesentlich länger war und eiserne Beschläge aufwies. »Das Ding ist hin«, brachte er hervor und starrte auf das verbogene Mundstück. »Sieh nur! Meine beste Pfeife, zerstört während der Schlägerei mit den Halunken!«
»Ach, das ist also eine Pfeife?« erwiderte Encho. »Du hast damit so auf die Angreifer eingeschlagen, daß ich dachte, es sei eine Keule.«
»Selbstverständlich begebe ich mich nicht in die Untere Stadt, ohne irgendeine Art von Waffe bei mir zu tragen«, hielt ihm Onogawa empört entgegen. »Und da die neue Regierung das Tragen von Schwertern verboten hat, mußte ich mir irgend etwas einfallen lassen. Als Waffe taugt eine Pfeife nicht viel, aber wie du gesehen hast, ist sie besser als gar nichts.«
»Ich wollte dir nicht zu nahe treten«, sagte Encho rasch. »Schließlich sind wir Freunde, und Freunde beleidigen sich nicht! Verzeih mir bitte, wenn meine Worte ironisch geklungen haben, aber schließlich verdiene ich mir gerade damit meinen Lebensunterhalt! Nun, wir sollten einen guten Tropfen trinken und uns entspannen …«
Die Aufmerksamkeit Yoshitoshis hatte die ganze Zeit über dem unvollständigen Bild auf seinem Arbeitstisch gegolten. Er starrte noch einige weitere Sekunden darauf, zwinkerte schließlich und wandte den Kopf. »Ein guter Tropfen! Oh!« Er richtete sich auf. »Da fällt mir ein: Ich habe da etwas ganz Besonderes, bestens geeignet für Leute wie euch. Eine Flasche, die aus Yokohama stammt, von der ausländischen Handelszone.« Rasch kroch Yoshitoshi über den Boden, die Knie vom Stoff der langen Tunika geschützt. Er öffnete eine hölzerne Kiste und entnahm ihr eine Flasche, die in ein Tuch gehüllt war. Dann griff er nach drei Sake-Bechern und kehrte zu seinen Gästen zurück.
Die fehlerlose Symmetrie der Flasche deutete auf eine ausländische Produktion hin. Sie war mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllt und mit einem Korken verschlossen. Das aus Papier bestehende Etikett zeigte das auf geradezu groteske Weise bärtige Gesicht eines Amerikaners. Die fremdartigen Buchstaben blieben für Encho und Onogawa ohne Sinn.
»Wer ist das?« fragte Onogawa verwundert. »Ihr König?«
»Nein, das Gesicht des Händlers, der das Zeug herstellte«, behauptete Yoshitoshi im Brustton der Überzeugung. »In Amerika genießen solche Händler einen ausgezeichneten Ruf. Dort kann jemand, der der Händlergilde angehört, sogar Soldat werden. Oder Bauer oder Priester – was er will.«
»Hmm«, machte Onogawa, der einen ähnlichen Werdegang hinter sich hatte und keineswegs angenehme Vorstellungen damit verband. »Darf ich mal sehen?« Er betrachtete alle Einzelheiten des Etiketts. »Dem Fremden scheinen die Augen aus den Höhlen zu treten. Er sieht aus wie ein Irrer kurz vor einem Wutanfall.«
Als er diese Worte vernahm, versteifte sich Yoshithoshi ein wenig, und eine Zeitlang herrschte betretenes Schweigen. Onogawas peinliche Bemerkung schien in dem Raum so lange nachzuhallen, bis alle ihre Bedeutung begriffen. Yoshitoshi war erst vor kurzem wieder gesund geworden, doch seine Genesung betraf nicht etwa ein körperliches Leiden. Niemand gab auch nur einen Ton von sich, und doch wurde allen die Wahrheit klar. Nach einer Weile räusperte sich Onogawa. »Natürlich ist es schwer, die Mimik von Ausländern richtig zu deuten.«
Yoshitoshi befeuchtete sich die dicken Lippen, und der Schatten, der seine Züge verdunkelte, verflüchtigte sich wieder.
»Nun«, sagte er ruhig, »meine Freunde von der Liberalen Partei haben mir alles erzählt. Einige von ihnen waren in Amerika und beherrschen die Sprache der Ausländer, können sie sogar lesen. Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, Herr Onogawa, so sollten Sie ihre überregionale Zeitung lesen, die Lamp of Liberty, für die ich als Illustrator tätig bin.«
Onogawa bedachte Encho mit einem kurzen Blick. Er war nicht sonderlich belesen und hatte nur vage Vorstellungen davon, was eine ›liberale Partei‹ oder eine ›überregionale Zeitung‹ sein mochte. Er fragte sich, ob Encho darüber Bescheid wußte. Offenbar war das der Fall, denn der Komiker machte ein ernstes Gesicht.
Yoshitoshi fuhr fort: »Einer meiner politischen Freunde gab mir die Flasche, die er in Yokohama von Amerikanern kaufte. Die Amerikaner haben dort viele solcher Flaschen – ein ganzes Lager ist voll davon. Sie legten deshalb einen Vorrat an, weil im nächsten Jahre der amerikanische Shogun, Generalissmo Guranto, eintreffen wird, um unserem Kaiser zu huldigen. Und Guranto – man nennt ihn auch ›Puresidento‹ – möchte nirgends auf sein Lieblingsgetränk verzichten, auf den sogenannten Borubona, den man in der amerikanischen Präfektur Kentakki herstellt.«
Yoshitoshi zog den Korken aus der Flasche und füllte die drei Sake-Becher. »Sollten wir die Flüssigkeit nicht erst erwärmen?« fragte Encho.
»Dies ist kein Reiswein, mein Freund. Manchmal geben die Ausländer sogar Eis hinzu!«
Onogawa nahm einen vorsichtigen Schluck und keuchte. »Meine Güte, ist das stark! Das Zeug brennt wie chinesischer Pfeffer.« Er zögerte. »Aber es schmeckt nicht schlecht.«
»Es schmeckt sogar ganz hervorragend!« entfuhr es Encho überrascht. »Wenn man Sake mit einer alten Öllaterne vergleicht, dann ist dieser Borubona wie eine der neuen Gaslampen – heiß und feurig.« Er leerte seinen Becher. »Wie schade, daß kein hübsches Mädchen zugegen ist, um uns die nächste Runde zu servieren.«
Darum kümmerte sich Yoshitoshi: Er griff nach der Flasche und schenkte nach. »Was die hübsche junge Frau angeht …«, sagte Onogawa. »Sie müßte ebenfalls heiß und feurig sein, so temperamentvoll wie eine Tigerin.«
Encho hob die Augenbrauen. »Du überraschst mich. Ich dachte, du seiest ein zufriedener Familienvater.«
Der Bourbon schien Onogawa die Zunge zu lockern, und er grinste und erwiderte! »Oh, ich glaube, inzwischen könnte man mich durchaus als gesetzt bezeichnen. Aber wenn du mich vor zehn Jahren kennengelernt hättest, vor der Restauration … Damals war ich ziemlich wild, ebenso radikal wie die anderen. Weißt du, wir dachten wirklich, die Welt verändern zu können. Und vielleicht haben wir tatsächlich dazu beigetragen.«
Encho lächelte amüsiert. »Aha! Du gehörtest also zu den Shishi?«
Onogawa nahm einen weiteren Schluck. »Und ob!« Er hielt die Hand auf den Rücken. »So lang war mein Haar, und ich wusch mich nie! Und nicht ein einziges Mal habe ich Geld genommen! Wir wären lieber gestorben! Nein, wir hausten in Hütten und Ställen, und wir ernährten uns von braunem Reis, den wir aus hölzernen Näpfen aßen. Ja, wir besuchten die Kendo-Schule, übten uns im Umgang mit dem Schwert und überlegten, welchen alten Narren wir demnächst umzubringen versuchen sollten …« Schwermütig schüttelte Onogawa den Kopf. Die beiden anderen Männer hörten ihm aufmerksam zu.
Der Bourbon und die Erinnerungen an die alte Zeit schienen Onogawa langsam in Fahrt zu bringen, und die verlorenen Ideale der Restauration erfüllten ihn mit Kummer. »Ich war das schwarze Schaf meiner Familie«, fuhr er fort. »Ich verließ meinen Clan, mein Daimyo. Wißt ihr, wir Shishi-Radikalen glaubten nur an unsere Schwerter und den Kaiser. Sonno joi! Entsinnt ihr euch an diesen Ausspruch?« Onogawa lächelte schief, und er spürte nicht die Tränen des Mono, die ihm der pathetische Stolz auf seine Vergangenheit in die Augen trieb.
»Sonno joi! Diesen Ruf konnte man damals überall hören. ›Rühmt den Kaiser, verjagt die Fremden!‹ Wir wollten, daß der Kaiser die vollständige Macht zurückerhält! Wir verlangten es laut, auf den Straßen! Denn die Schergen des Shogun zitterten wie ängstliche alte Frauen. Sie fürchteten sich vor den schwarzen Schiffen, vor den schwarzen Kriegsschiffen der Amerikaner, ihren Dampfmaschinen und Kanonen. Vor den Schiffen Admiral Perrys.«
»Der Name wird ausgesprochen wie ›Peruri‹«, berichtigte Encho freundlich.
»Nun gut, Peruri … Ich muß zugeben, wir Shishi gingen damals ein wenig zu weit. Wir hatten einige üble Angewohnheiten. Zum Beispiel drohten wir den Städtern damit, Harakiri zu begehen, wenn sie uns nichts zu essen gaben. Zu solchen Problemen kam es, weil wir kein Geld nahmen. Einige der Ladenbesitzer sind noch immer wütend auf uns, weil wir sie damals auf diese Weise unter Druck setzten. Und das war auch der Grund für die Schlägerei heute abend, Encho. Manche Leute scheinen nicht vergessen zu können.«
»Oh, jetzt verstehe ich«, sagte Encho.
»Es waren besondere Zeiten«, fügte Onogawa hinzu, »sie veränderten mich, veränderten alles. Ich schätze, Leute wie wir wissen noch, wo sie waren und was sie taten, als die Ausländer die Bucht von Edo erreichten.«
»Ich erinnere mich daran«, sagte Yoshitoshi. »Ich war damals vierzehn und arbeitete als Lehrling bei Kuniyoshi. Ich hatte gerade meinen ersten Druck fertiggestellt: Der Heikla-Clan und sein schreckliches Ende auf dem Meer.«
»Ich habe sie einmal beim Tanz beobachtet«, bemerkte Encho. »Die amerikanischen Seeleute, meine ich.«
»Wirklich?« fragte Onogawa.
Encho nickte, gestikulierte bedeutsam und fuhr im Tonfall eines erfahrenen Geschichtenerzählers fort: »Ja, mein Vater Entaro nahm mich mit. Eigentlich durften nur die Gesandten des Shogun und ihre Freunde zugegen sein, aber wir schlichen uns an den Wächtern vorbei. Die Ausländer schienen sich ihrer Blässe zu schämen, denn sie bemalten sich die Hände und Gesichter mit schwarzer Farbe und schmückten ihre Wangen mit weißen Strichen. Anschließend nahmen sie alle in einer Reihe Platz, standen nacheinander auf und hielten kurze Vorträge. Ein anderer Fremder antwortete, und es folgte allgemeines Gelächter. Später holten zwei von ihnen sonderbar anmutende Musikinstrumente hervor, die runden Samisen ähnelten, die mit langen abgeflachten Stangen verbunden waren. Und mit schrillen Stimmen sangen sie traurige Lieder. Nach einer Weile wurde die Musik fröhlicher, und die Fremden sprangen umher und tanzten. Immer wieder streckten sie die Beine und drehten sich. Einige der Botschafter des Shogun gesellten sich ihnen hinzu.« Encho zuckte mit den Schultern. »Es war alles sehr eigentümlich. Noch heute frage ich mich, was es zu bedeuten hatte.«
»Nun«, meinte Onogawa, »die Erklärung liegt auf der Hand: Ganz offensichtlich ging es ihnen darum, sich zu tarnen, Aussehen und Gestalt zu verändern.«
»Ebensogut könnte man behaupten, es seien Magier«, erwiderte Encho und schüttelte den Kopf. »Sie haben zwar lange Nasen, aber das bedeutet nicht, daß sie Bergkobolde sind. Es handelt sich um Menschen, um gewöhnliche Männer: Sie essen, schlafen und vergnügen sich mit Frauen. Frag die Geishas in Yokohama, wenn du mir nicht glaubst.« Encho grinste. »Ihre eigentliche Macht gründet sich auf Kupferdrähte, schwarzen Stahl und glühende Kohlen. Auf Dinge wie die Eisenbahnstrecke zwischen Tokio und Yokohama, die die Engländer in unserem Auftrag bauten. Bist du schon einmal in einem solchen Zug unterwegs gewesen?«
»Natürlich!« bestätigte Onogawa stolz. »Schließlich bin ich modern eingestellt.«
»Derartige Macht brauchen wir heute. Zivilisation und Erleuchtung. Als du im Zug warst … hast du da gesehen, wie die Bewohner Omoris herbeieilten und Wasser auf die Lokomotive gossen? Um sie abzukühlen – so als sei sie ein müdes Pferd!« Er schnalzte verächtlich mit der Zunge.
Onogawa ließ sich erneut seinen Becher füllen. »Sie schütten also Wasser auf die Lokomotive«, stellte er gelassen fest. »Na und? Damit richten sie doch keinen Schaden an.«
»Es ist reiner Aberglaube!« entfuhr es Encho. »Verstehst du denn nicht: Wir müssen lernen, mit den Maschinengeistern ebensogut umzugehen wie die Ausländer. Gewiß sind sie beleidigt, wenn man sie wie Pferde behandelt. Stimmt's, Taiso?«
Yoshitoshi sah von seiner neuesten Arbeit auf und zwinkerte verwirrt und ein wenig schuldbewußt.» Ich bitte um Verzeihung, Encho-san. Was sagtest du gerade?«
»Worin besteht dein jüngstes Werk? Darf ich es mir ansehen?« Encho schob sich näher an den Tisch heran.
Hastig entfernte Yoshitoshi die Reißzwecken und rollte das Papier zusammen. »O nein, nein, ich kann es dir noch nicht zeigen, erst dann, wenn es fertig ist. Sieh dir statt dessen das hier an …« Er streckte die Hand nach einem nahen Stapel aus und zog geschickt eine Rolle daraus hervor. »Dieses Werk gehört zu einer Serie, die ich Schönheiten der Sieben Nächte nenne.«
Encho hielt den Druck so, daß auch Onogawa das Bild betrachten konnte. Es zeigte eine Frau, die nur ihre Unterwäsche trug. Ihr mit scharlachroten Blumenmustern geschmückter Kimono hing über einem nahen Wandschirm. Sie hatte sowohl natürliche als auch künstliche Brauen, was ihre hohe Stirn betonte und sie besonders reizvoll wirken ließ. Ihr langes pechschwarzes Haar wies im Nacken einige kleine Locken auf. Die Frau stand in der Tür eines Zimmers, in der ein glücklicher Mann auf sie zu warten schien, und sie hatte sich vorgebeugt, um das Licht einer im Flur hängenden Laterne zu löschen. In der einen Hand hielt sie eine kleine Rolle mit Papiertaschentüchern.
»Ich hab's!« sagte Onogawa. »Jene wunderschöne Geisha löscht das Licht, um anschließend im Dunkeln zu einem Mann ins Bett zu kriechen. Und die Papiertaschentücher nimmt sie mit, um nach den erotischen Spielchen sowohl sich selbst als auch ihren Partner zu reinigen.«
Encho starrte nach wie vor auf das Bild und runzelte die Stirn. »Einen Augenblick«, sagte er. »Hier unten steht: ›Ihre Ladyschaft Yanagihara Aiko‹. Die Frau ist eine kaiserliche Hofdame!«
»Die Idee stammt von einigen meiner Freunde bei der Zeitung«, warf Yoshitoshi ein und nickte. »Warum soll man bei solchen Drucken immer nur alte Männer, Soldaten und Geishas zeigen? Das wird schnell langweilig. Außerdem leben wir doch in einem modernen Zeitalter!«
»Aber dieses Werk, Taiso … Es deutet an, daß der Kaiser mit seinen Hofdamen schläft.«
»Nein, nur mit Lady Yanagihara Aiko«, widersprach Yoshitoshi ruhig. »Außerdem ist allgemein bekannt, daß er ein Auge auf sie geworfen hat. Die anderen Sieben Schönheiten des Kaiserlichen Hofes stelle ich dar, wie … wie sie sich gerade schmücken … oder Blumen binden.« Er lächelte. »Ich hoffe, daß sich diese Serie gut verkauft. Sie ist ziemlich aktuell, nicht wahr?«
Onogawa war schockiert. »Damit fordern Sie nachgerade einen Skandal heraus! Ach, was ist nur aus der guten alten Zeit geworden, aus den prächtigen Blutspritzereien.«
»Für solche Bilder interessiert sich niemand mehr«, hielt ihm Yoshitoshi entgegen. »Glauben Sie mir, ich habe alles versucht! Ich schuf ein Werk mit dem Titel: Yoshitoshis Sammlung literarischer Gestalten. Eine Prachtausgabe, wenn Sie mir diese Bemerkung gestatten – weit und breit die besten Zeichnungen berühmter Helden. Aber sie verstaubten in den Regalen. Dann widmete ich mich der Serie Bezaubernde Schönheiten in den Restaurants von Tokio. Es waren wirklich außergewöhnlich schöne Frauen, aber ich benutzte den alten Geishastil, und das erwies sich als ein Fehler. Reine Zeitverschwendung, meine Herren. Und die Folge war eine katastrophale Pleite – wir bekamen nicht eine einzige Kupfermünze! Ich mußte die Dielenbretter als Feuerholz verwenden! Ich sah mich dazu gezwungen, Druckmuster für Baumwolltücher zu entwerfen – zwei Yen für die Arbeit einer ganzen Woche! Meine Frau verließ mich! Meine Lehrlinge machten sich auf und davon! Und dann ging es mit meiner Gesundheit bergab … mein Gehirn … ich hatte nichts mehr zu essen … überhaupt nichts … Aber … nun, jetzt ist das alles überstanden.«
Yoshitoshi schauderte und wischte sich den Schweiß von der Oberlippe. Anschließend schenkte er mit einer nur ganz leicht zitternden Hand Bourbon nach. »Ich mußte mich den veränderten Zeiten anpassen, das ist alles. Es war sehr schwierig, aber inzwischen habe ich meine Lektion gelernt. Heute nenne ich mich Taiso, was ›Große Wiedergeburt‹ bedeutet. Zeitungen! Das ist heute der letzte Schrei! Die Tokyo Illustrated News bezahlt eine Menge für politische Karikaturen und Mordszenen. Zehntausend Ausgaben werden davon gedruckt, auf einen Schlag. Meine Arbeit wird jetzt überall bekannt – nicht nur in Edo, sondern im ganzen Land. Im ganzen Land, meinen Herren!« Er hob seinen Becher und trank. »Und das ist nur der Anfang. Die Lamp of Liberty wird noch weitere Verbreitung finden! Das Komitee der Liberalen Partei hat mir für das nächste Jahr eine Honorarerhöhung versprochen. Und eine eigene Rikscha.«
»Mir gefielen die alten Bilder«, sagte Onogawa.
»Das mag sein – aber Sie kaufen sie nicht«, erwiderte Yoshitoshi. »Die modernen Leute wollen wissen, was heute geschieht. Man nehme nur eins der traditionellen Themen – zum Beispiel Yorimitsu, der einem Oger den Arm abhackt. Wenn man so etwas zeichnet, wird man bald zum Hungerleider. Heutzutage haben die Menschen einen anderen Geschmack. Sie wollen Kanonenkugeln sehen, die echte Arme zerfetzen. Ich denke da nur an meine Augenzeugen-Illustrationen der Schlacht von Ueno. Eine Sensation! Nein, meine Herren, heute sind keine Druckkünstler mehr gefragt. Man muß journalistischer Illustrator sein, um Erfolg zu haben.«
»Leider hast du recht«, lallte Encho. Der Bourbon weckte den philosophischen Aspekt seines Wesens. »Du solltest mal hören, was man über mich sagt. Ich meine die modernen Schreiberlinge von der Universität. Sie schmieren sich Pomade ins Haar und tragen Brillen, weil sie glauben, dadurch sähen sie klüger aus. Und wenn sie ins Theater kommen, klemmen sie sich französische Romane unter den Arm und nehmen alle in der ersten Reihe Platz. Ich gebe die eine oder andere Geschichte zum besten, aber die jungen Leute bleiben ernst, lächeln nicht einmal, zucken mit keiner Wimper. Wenn ich sie anschließend frage, was sie von meinem Auftritt halten, antworten sie: ›Sie schaffen naturalistische Prosa und benutzen dabei eine exzessiv volkstümliche Mundart.‹ Vermutlich sehen sie eine Art Studienobjekt in mir.« Er seufzte und nahm einen Schluck. »Dieses Zeug ist das reinste Gift, Taiso. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wo mir der Kopf steht.«
»Und mir ist schwindelig«, stellte Onogawa fest. Draußen flüsterten die böigen Stimmen eines Herbstwindes. Eine Zeitlang saßen die drei Männer in benommenem Schweigen. Sie waren alle wesentlich betrunkener, als sie bisher geglaubt hatten. Der von den Ausländern stammende Borubona brodelte ihnen wie gärendes Tofu im Magen.
Und die bernsteinfarbene Flüssigkeit schien auch einige Phantome der Fremden zu enthalten. Es war, als sei das Zimmer selbst betrunken. Draußen raunte der Wind an den Telegrafenleitungen entlang, und seine ächzende Stimme drang durch die geschlossenen Fensterläden – ein dumpfes, geisterhaftes Stöhnen.
Das Stöhnen wurde lauter, schien zu ihnen in den Raum zu kriechen. Die Wände begannen im Takt des wortlosen Klagens zu knarren. Onogawa sah sich erschrocken um und bekam eine Gänsehaut.
»Hör auf!« sagte Yoshitoshi scharf. Encho entspannte sein Zwerchfell und lachte leise. »Er will uns Angst einjagen«, stellte Yoshitoshi fest. »Er liebt Gespenstergeschichten.«
Onogawa sprang auf. »Ein Dämon in den Drähten«, brachte er lallend hervor. »Ich habe sein Stöhnen gehört.« Er zwinkerte, rieb sich die geröteten Wangen und wankte ans Fenster heran. Umständlich hantierte er am Querbalken, achtete nicht auf den lauten Protest Yoshitoshis und klappte die Läden auf.
Im blassen Mondschein konnte man ganz deutlich die Drähte erkennen, die nur einige wenige Meter entfernt an einem Telegrafenmast befestigt waren. Es schien sich um einen Verteiler zu handeln, und die Enden einiger Kabel hingen wie Eingeweide aus Metall von hölzernen Dübeln. Kühle und frische Luft wehten ins stickige Zimmer und bewegten die an den Wänden hängenden Drucke. »He, Dämon der Fremden!« rief Onogawa. »Laß ehrbare Leute in Ruhe!«
Yoshitoshi und Encho wechselten einen vielsagenden Blick. »Wir haben zuviel getrunken«, sagte der Komiker. Er stemmte sich unsicher in die Höhe und hatte Mühe, das Gleichgewicht zu wahren. »Laß es gut sein, Onogawa. Wir brauchen jetzt …« Er rülpste. »Frauen. Ja, Frauen wären nicht schlecht.«
Doch die kalte Luft schien Onogawa erst richtig in Rage zu bringen. »Wir haben dich nicht hergebeten!« grölte er. »Wir brauchen dich nicht! Bevor du kamst, war hier alles in bester Ordnung, Dämon! Du und deine Diener aus der Fremde …« Er drehte sich halb um und starrte die beiden anderen Männer aus blutunterlaufenen Augen an. »Wo ist meine Pfeife? Ich glaube, die verdammten Drähte könnten eine Abreibung gebrauchen.«
Als er die Pfeife auf dem Boden liegen sah, taumelte er darauf zu und hob sie auf. Einige Male neigte er sich gefährlich weit zur Seite, stolperte, ging einige Schritte und hielt die Pfeife wie einen Knüppel. »Laß das!« sagte Encho und näherte sich seinem Gefährten. »Sei doch vernünftig! Ich kenne einige hübsche Mädchen in Asakusa. Sie haben ein Klavier und …« Er streckte die Hand aus.
Onogawa schob ihn beiseite. »Mir reicht's jetzt!« verkündete er. »Wenn ich in Wallung gerate, verwandle ich mich in einen Berserker! Runter mit den Drähten, bevor sie uns weitere Dämonen schicken – das ist mein Motto! Sonno joi!«
Er stürmte in Richtung des offenen Fensters. Doch bevor er es erreichen konnten, zischte etwas, und Dampf wallte, wie der Odem einer Lokomotive. Onogawas Herausforderungen hatten den Dämon offenbar erzürnt, und er verlor die Geduld und kam aus dem Kabel heraus. Die Wesenheit wogte durch das Fenster herein – ein graues dunstiges Etwas. In dem deformen Schädel glühten große und wütend funkelnde Augen. Das Geschöpf gab ein weithin hallendes Dampfpfeifenschrillen von sich und ging zum Angriff über.
Die drei Männer schrien entsetzt auf. Das arm- und beinlose Ungeheuer – wie eine graue Wolke an einer Leine – starrte sie aus seinen gläsernen Laternenaugen an und mahlte mit stählernen Zähnen. Funken stoben im weit aufgerissenen Rachen. Es pfiff erneut und schnappte jäh nach Onogawa.
Im Grunde seines Wesens war Onogawa noch immer ein Schwertkämpfer, und seine Reflexe reagierten sofort. Er wankte nur ganz leicht, als er zur Seite auswich, gleichzeitig mit seiner großen Pfeife ausholte und dem Monstrum einen kräftigen Hieb versetzte. Es krachte scheppernd – so als habe Onogawa nicht etwa den Kopf des Dämonen getroffen, sondern einen Topf aus Eisen. Das Wesen gab ein zischendes und grollendes Fauchen von sich, und heißer Dampf quoll aus seinen Nüstern. Onogawa schlug erneut zu, und die Pfeife hinterließ eine tiefe Beule in dem metallenen Schädel. Das Ungeheuer schien kurz zusammenzuzucken, und gleich darauf richtete es seinen unheilvollen Blick auf die beiden anderen Männer.
Encho und Yoshitoshi flohen rasch hinter ihren Helden. »Erledige es!« rief Encho. Onogawa trat zur Seite, als stählerne Zähne aufblitzten und der Dämon halbherzig versuchte, ihn zu verschlingen. Mit einem weiteren Schlag traf er ein Auge des Monstrums. Glas splitterte. Und der Pfeifenkopf flog davon.
Doch das gräßliche Wesen hatte genug. Mit einem knarrenden Kreischen, das an rostige Zahnräder erinnerte, zog es sich in Richtung der Telegrafendrähte zurück und verschwand in einem Kabel, wie ein Polyp in seinem Schlupfloch. Das Ungeheuer war nicht mehr zu sehen, aber es tanzten weiterhin Funken über den Draht.
»Du hast es gedemütigt!« sagte Encho, und seine Stimme brachte Ehrfurcht und Bewunderung zum Ausdruck. »Erstaunlich!«
»Du hast wohl genug, was?« rief Onogawa aus dem Fenster. »Es ist ja so einfach, hilflose Menschen mit irgendeinem Verderbenszauber zu erschrecken! Aber die Sache sieht völlig anders aus, wenn du es mit einem kaiserlichen Krieger zu tun bekommst! Ha!«
»Was für ein Kampf!« sagte Yoshitoshi, und seine zuvor so blassen Wangen glühten. »Ich widme ihm ein Bild, jawohl. Ein Meisterwerk mit dem Titel! Onogawa demütigt einen Ghoul. Hervorragend!«
Die Funken glitten an dem Kabel entlang, fort vom Fenster. »Das Monstrum macht sich auf und davon!« rief Onogawa. »Folgt mir!«
Er wirbelte um die eigene Achse und verließ das Arbeitszimmer des Druckkünstlers. Auf der Treppe verlor er den Halt, doch noch während er stürzte, rollte er sich zusammen, überschlug sich einmal und landete weiter unten auf den Beinen. Sofort riß er die Tür auf.
Encho folgte ihm dicht auf den Fersen. Sie hatten keine Zeit, die Lederschuhe anzuziehen und zuzuschnüren: Rasch griffen sie nach den Holzpantoffeln Yoshitoshis und seines Lehrlings und eilten nach draußen. Nur wenige Sekunden später standen sie unter den Telegrafendrähten und beobachteten die nach wie vor sprühenden Funken. »Komm herunter, Dämon!« verlangte Onogawa. »Oder bist du zu feige, dich mir zum Kampf zu stellen, du Ausgeburt der Hölle?«
Das Wesen huschte am Kabel hin und her und zischte leise. Weitere Funken leuchteten auf und verblaßten wieder. Das Ungeheuer verhielt sie wie eine Ratte, die in einer Sackgasse festsaß. Und dann sauste es plötzlich los.
»Es flieht nach Süden!« stellte Onogawa fest. »Kommt mit!«
Sie nahmen die Verfolgung auf, wobei Encho ein wenig zurückfiel: Er hatte die Holzschuhe des Lehrlings gewählt, und sie waren ihm ein wenig zu groß.
»Ich frage mich, welch eine Botschaft es überbringt«, schnaufte Encho.
»Sicher keine gute«, erwiderte Onogawa düster. Es fiel ihnen nicht leicht, mit dem Wesen Schritt zu halten. Nach einer Weile erreichten sie das südliche Ende der Ziegelstadt Ginzas und hasteten über ungepflasterte Straßen. Sie befanden sich nun im Shiba-Distrikt, Heimstatt der Diebe und Wallfahrtsort derjenigen, die im großen Zojoji-Tempel beten wollten. Sie folgten weiterhin dem Verlauf der Telegrafendrähte. »Aha!« rief Onogawa. »Der Dämon will zum Shinbashi-Bahnhof, zu seinen Freunden, den Lokomotiven!«
Onogawa legte einen Sprint ein, und es gelang ihm, das funkenstiebende Monstrum zu überholen. Unter dem Kabel blieb er stehen, und wütend schwang er den Pfeifenstil. »Ha!« brüllte er. »Zurück mit dir!«
Das Etwas wurde ein wenig langsamer und verharrte über ihm. Stinkende Ascheflocken regneten herab, konnten dem ehemaligen Samurai jedoch nichts anhaben. Voller Abscheu verzog Onogawa das Gesicht, sprang zur Seite und wischte sich den Schmutz von der Jacke. »Pah!« machte er.
Das Ungeheuer glitt weiter, und Encho schloß zu seinen Gefährten auf. »Es darf nicht zum Bahnhof gelangen!« keuchte der Komiker. »Mit den Lokomotiven würden wir nicht fertig.«
Onogawa holte tief Luft und versuchte, sich die letzten Reste der übelriechenden Asche von den Ärmeln zu streifen. »Nun, ich glaube, wir haben dem verdammten Monstrum eine Lektion erteilt, die es so schnell nicht vergessen wird.«
»In der Tat«, bestätigte Encho und schnappte nach Luft. Seine Wangen gewannen einen grünlichen Ton, und er beugte sich über einen nahen Holzzaun, hinter dem hohes Herbstgras wuchs. Deutlich war sein Würgen zu hören.
Onogawa begriff plötzlich, daß er nicht etwa ein Schwert in der Hand hielt, sondern einen abgebrochenen und mit einigen metallenen Ringen versehenen Pfeifenstiel. Er begann zu zittern. Dann brummte er einen Fluch und warf den nutzlos gewordenen Bambusstock fort. »Man hat uns die Schwerter genommen«, sagte er. »Wenn man aufrechten Soldaten wie uns die Schwerter zurückgäbe, so würden wir dieses Land rasch vom fremden Fluch befreien. Sieh nur, was das verdammte Ungeheuer mit meiner Jacke anstellte! Es hat mich beschmutzt.«
»Nein, nein«, erwiderte Encho und wischte sich den Mund ab. »Du warst unglaublich! Wie Shoki, der Dämonenschreck!«
»Shoki«, wiederholte Onogawa und klopfte seinen Hut ab. »Ich habe Bilder von Shoki gesehen. Er ist Krieger und Halbgott, und man stellt ihn mit rotem Gesicht und einem riesigen Schwert dar. Dauernd jagt er irgendwelche Ungeheuer, nicht wahr? Aber er ahnt nicht, daß sich die ganze Zeit über ein kleiner Dämon auf seinem Kopf versteckt …«
»Nun, ich wollte sagen, du warst wie Yoshitsune«, fügte Encho hastig hinzu und machte seinem Gefährten damit ein noch besseres Kompliment. Yoshitsune war ein legendärer Meister der Fechtkunst, ein nationaler Held ohnegleichen.
Unglücklicherweise war der berühmte Yoshitsune von den Helfershelfern seines heimtückischen Bruders, der die Macht über Japan an sich reißen wollte, mit Pfeilen gespickt und getötet worden. Heute führten Yoshitsune und seine hohen Ideale nur noch ein jämmerliches Schattendasein in den Volkssagen und -legenden. Weder Encho nach Onogawa verloren Worte darüber, doch die Melancholie jener alten Überlieferungen trübte ihre Stimmung und machte ihre Welt zu einem Jammertal. Dabei half natürlich auch der Bourbon.
»Wir sollten besser in die Ziegelstadt zurückkehren und unsere Schuhe holen«, schlug Onogawa vor.
»Na schön«, erwiderte Encho. In den beschlagnahmten Holzpantoffeln hatten sich Blasen an ihren Füßen gebildet, und als sie zurückgingen, schritten sie besonders langsam und vorsichtig aus.
Yoshitoshi erwartete sie im Flur. »Habt ihr den Dämon erwischt?«
»Er floh zum Bahnhof«, erklärte Encho. »Wir konnten ihn nicht aufhalten. Der Draht war zu hoch.« Er zögerte. »Sag mir, Freund: Rechnest du damit, daß das Ungeheuer hierher zurückkommt?«
»Selbstverständlich«, sagte Yoshitoshi und nickte. »Es lebt in den Kabelsträngen vor dem Fenster. Gerade deshalb habe ich die zusätzlichen Läden angebracht.«
»Hast du es denn schon einmal gesehen?«
»In der Tat«, brummte Yoshitoshi. »Ich habe viele Dinge gesehen. Es ist mein Beruf, aufmerksam Ausschau zu halten. Egal, was die Leute über mich sagen.«
Die beiden anderen Männer musterten ihn verwirrt, und nach einigen Sekunden zuckte Yoshitoshi verärgert mit den Schultern. »Eigentlich fühle ich mich hier recht wohl. Es ist still im Haus, und niemand stört mich. Außerdem wird keine hohe Miete verlangt.«
»Fürchten Sie keine Rache des Dämonen?« fragte Onogawa.
»Oh, irgendwie komme ich mit dem Ungeheuer klar«, sagte Yoshitoshi. »In gewisser Weise respektieren wir uns. Wie gute Nachbarn.«
»Oh«, machte Encho. Er räusperte sich. »Nun, äh, wir machen uns jetzt besser auf den Weg, Taiso. Vielen Dank für den Borubuna.« Rasch traten Onogawa und er in ihre ledernen Schuhe. »Ich wünsche dir weiterhin frohes Schaffen, Kumpel – und laß dir von deinen politischen Freunden keine Flausen in den Kopf setzen. Ehrlich gesagt: Ich finde ihre Ideen ein wenig verschroben. Und ich bezweifle, ob die Regierung etwas auf derartiges Gerede gibt.«
»Irgendwann wird sie auf uns hören müssen«, erwiderte Yoshitoshi überzeugt.
»Laß uns gehen«, sagte Onogawa und bedachte Yoshitoshi mit einem skeptischen Blick, bevor er sich umwandte und an der Seite Enchos auf die Straße zurückkehrte.
Immer wieder hob Onogawa den Kopf und beobachtete argwöhnisch die Telegrafendrähte. Er wartete, bis sie außer Hörweite waren. »Dein Freund ist wirklich seltsam«, wandte er sich dann an den Komiker. Er seufzte. »Was für eine Nacht!«
Encho runzelte die Stirn. »Mit seinen neuen Bildern bringt er sich bloß in Schwierigkeiten. Weißt du: Irgendwann trifft der Hammer den herausstehenden Nagel.« Sie wanderten durch den hellen Schein der Gaslampen, und inzwischen waren in Ginza nur noch wenige Nachtschwärmer unterwegs.
»Sagtest du nicht, du kennst einige Mädchen mit einem Klavier?« fragte Onogawa.
»Oh, sicher!« erwiderte Encho. Er pfiff laut und winkte eine Rikscha herbei. »Mit einem Klavier. Ein komisches Ding, das sehr sonderbare Geräusche erzeugt. Eine echte Abwechslung, wenn man an die üblichen Samisen der Geishas gewöhnt ist. Jene hellen und klimpernden und dauernd so traurig klingenden Töne kann ich einfach nicht mehr hören. Ständig spielen sie ›Oh, wie kläglich ist das Schicksal einer Kurtisane!‹ und ›Laß uns gemeinsam in den Tod gehen, auf daß unsere Liebe ewig währt!‹ Wer interessiert sich noch für solche Lieder? Niemand, sage ich dir. Wart nur ab, bis die Mädchen auf ihrem neuen Apparat einen ›Waltser‹ für uns spielen …«
Eisenräder knirschten über harten Stein, und kleine Glocken läuteten melodisch, als die Rikscha anhielt. »Wohin geht's, ihr Herren?«
»Nach Akasuka«, sagte Encho und stieg ein.
»Es ist bereits spät«, sagte Onogawa langsam. »Vielleicht macht sich meine Frau bereits Sorgen.«
»Komm schon!« sagte Encho und rollte mit den Augen. »Leb dich aus! Schließlich geht es nicht darum, deine Frau mit einigen billigen Huren zu betrügen. Ich mache dich mit einigen modernen und sehr gebildeten Mädchen vertraut. Dir steht eine neue kulturelle Erfahrung bevor.«
»Na gut«, fügte sich Onogawa. »Wenn es sich um Kultur handelt …«
»Bestimmt wirst du eine Menge lernen«, versprach ihm Encho.
Doch sie hatten erst einige hundert Meter zurückgelegt, als sie plötzlich, weit im Süden, den lauten Klang von Alarmglocken vernahmen.
»Ein Feuer!« entfuhr es Encho begeistert. »He, ihr Läufer, wir haben es uns anders überlegt! Fünfzig Sen für euch, wenn wir den Ort des Brandes erreichen, solange sich das Feuer noch ausbreitet!«
Die Läufer verharrten kurz, machten kehrt und stürmten erneut los. Die Rikscha donnerte über das steinerne Pflaster, und die beiden darin sitzenden Männer mußten sich festhalten, um nicht den Halt zu verlieren. »Großartig!« sagte Onogawa und grinste. »Ich freue mich, daß ich deine Bekanntschaft gemacht habe, Encho. In deiner Gesellschaft erlebt man dauernd aufregende Dinge!«
»Das ist das moderne Leben!« rief Encho. »Ein Abenteuer nach dem anderen!«
Sie sausten durch die dunklen Straßen und Gassen, und schließlich erreichten sie einen Ort, über dem der Himmel selbst in Flammen zu stehen schien. In der Nähe der Eisenbahnstrecke von Shinagawa hatte sich bereits eine große Menge eingefunden. Größtenteils handelte es sich um Bewohner der Unteren Stadt, und einige von ihnen waren halbnackt. Encho und Onogawa befanden sich nun in der Nähe des Shiba-Distrikts, in einem Arbeiterviertel. Das Feuer fand reichlich Nahrung, sprang von einem strohgedeckten Dach zum anderen.
Die beiden Männer sprangen aus der Rikscha, und Encho begann sofort damit, sich mit Hilfe seiner Ellbogen einen Weg durch das Gedränge zu bahnen. Unterdessen bezahlte Onogawa die beiden Läufer. »Aber er sprach von fünfzig Sen«, klagte der ältere von ihnen. Onogawa ballte drohend die Faust, und daraufhin nickten die Läufer hastig und machten sich auf und davon.
Inzwischen waren bereits die Feuerwehrleute zur Stelle, und sie gingen mit dem für sie typischen eiligen Geschick vor. Sie hatten sich in drei Gruppen aufgeteilt, und wie Ameisen schwärmten sie aus und kletterten in unmittelbarer Nähe der Flammen über die Dächer der Hütten, die noch nicht von dem Brand betroffen waren. Wie üblich versuchten sie gar nicht erst, das Feuer direkt zu bekämpfen. Das wäre in jedem Fall aussichtslos gewesen, denn das trockene Holz, die Papierfenster und Riedvorhänge brannten wie Zunder. Blumen aus strahlender Glut wuchsen in die Höhe.
Statt dessen machten sich die Männer daran, Schneisen zu schaffen, um den Brand einzudämmen. Immer wieder holten sie mit ihren Hämmern, Äxten und Latten aus und zerstörten alle Hütten, die den Flammen neue Nahrung geben mochten. Ihr Geschick war verständlich, denn immerhin arbeiteten alle Feuerwehrleute Edos auch als Tischler. Bannerträger standen auf den kahlen Firstbalken der einstürzenden Schuppen und hielten die Fahnen ihrer Einsatzgruppe so dicht wie möglich an die Flammen. Dabei ging es um mehr als nur Mut und Kühnheit: Es war ein ausgezeichnetes Geschäft. Sowohl ihr Ruf als auch die Dankbarkeit der Nachbarschaft hingen davon ab, wieviel Tapferkeit und Duchhaltevermögen sie bewiesen.
Einige der anwesenden Frauen – diejenigen, deren Hütten niedergebrannt waren – schluchzten und zählten ihre Kinder. Doch die meisten anderen freuten sich an dem Anblick, bejubelten die einzelnen Feuerwehrgruppen und schlossen Wetten ab.
Onogawa machte den seidenen Hut Enchos aus und schloß zu ihm auf. Als Encho den Kopf einzog und sich durch die Menge schob, folgte ihm sein Gefährte. Sie näherten sich der ersten Reihe des Publikums, jener Stelle, an der die Hitze des Feuers und die funkenstiebende Glut eine Art Grenzlinie schufen.
In der Nähe stand einer der Feuerwehrleute. Er trug einen knielangen, gefütterten und mit rechteckigen Mustern geschmückten Mantel, der ihn vor den Flammen schützen sollte. Der Kopf war halb unter einer dicken Kapuze verborgen, und unförmig wirkende Handschuhe reichten ihm bis zu den Ellbogen. Ein ähnlich gekleideter Lehrling betätigte eine aus Bambus bestehende Pumpe und bespritzte ihn mit einem fingerdicken Wasserstrahl. »Zurück, zurück«, sagte der Feuerwehrmann routinemäßig. Dann sah er auf. »He, bist du nicht Encho, der Komiker? Ich habe dich letzte Woche gesehen.«
»Das freute mich«, erwiderte Encho geehrt, und er mußte fast schreien, um das Tosen der Flammen zu übertönen. »Zur Abwechslung wohne ich jetzt einem eurer Auftritte bei.«
Der Feuerwehrmann betrachtete die Jacke Onogawas, auf der sich noch immer einige Ascheflecken zeigten. »Wohnt dein großer Freund hier in der Nähe? Zeig mir sein Haus! Ich verspreche dir, daß wir uns alle Mühe geben, es vor dem Feuer zu schützen.«
Onogawa machte ein finsteres Gesicht, und Encho erwiderte rasch: »Mein Freund kommt aus dem oberen Viertel! Er ist Bürger der Hohen Stadt!«
»Oh«, brummte der Feuerwehrmann und rollte mit den Augen.
Onogawa deutete auf den schindelgedeckten Speicher eines Händlers, einen größeren Schuppen, der ebenfalls von den Flammen bedroht wurde. »Warum unternehmt ihr nichts, um jenes Gebäude zu retten? Es wird nicht mehr lange dauern, bis das Feuer heran ist.«
»Das Haus gehört dem Kaufmann Shinichi«, erklärte der Mann in dem langen Mantel und runzelte die Stirn. »Im vergangenen Monat haben wir sein Lager im Kanda-Distrikt vor der Zerstörung bewahrt! Und er belohnte uns nur mit fünf Yen.«
»Das ist wirklich beschämend«, bemerkte Encho und schüttelte den Kopf.
»In diesem Haus befinden sich Hunderte von Stoffballen«, stellte der Feuerwehrmann zufrieden fest. »Seht nur zu: Bestimmt reichen die Flammen bis zum Himmel empor.«
»Wie kam es überhaupt zu dem Brand?«
»Offenbar durch Blitzschlag«, lautete die Antwort. »Irgendeine Art Feuerball sprang von der Telegrafenleitung.«
»Ach?« machte Encho kleinlaut.
»Das habe ich jedenfalls gehört.« Der Feuerwehrmann zuckte die Achsel. »Sie wissen ja, wie das so ist. Man erzählt sich die tollsten Dinge. Die Wirklichkeit aber sieht meistens ganz anders aus. Wahrscheinlich hat irgend jemand zuviel Sake getrunken und anschließend behauptet, etwas gesehen zu haben. Aber was soll's: Deshalb kann man niemandem Vorwürfe machen.«
Onogawa nickte nachdenklich.
Inzwischen hatten die anderen Feuerwehrleute gründliche Arbeit geleistet. Nur noch wenige Flammen loderten, und die Zuschauer beobachteten das Chaos aus Asche und verkohltem Holz. »Sieht gar nicht übel aus, was?« meinte der Mann im langen Mantel. »Seht nur, wie der Rauch das Licht des Herbstmondes verdunkelt!« Er seufzte zufrieden. »So ein Feuer bringt das Geschäft wieder richtig in Schwung. Ich meine natürlich das Geschäft der Tischler.« Er deutete auf die letzte Glut. »Wir schaffen hier wieder Ordnung, und im Anschluß daran machen wir uns an den Wiederaufbau. Ja, wir sichern uns einige langfristige und lukrative Verträge und schaffen eine neue und moderne Stadt.«
»Trägst du deshalb einen Mantel mit Ziegelsteinmuster?« fragte Onogawa.
Der Feuerwehrmann senkte den Kopf und starrte auf seinen tropfnassen Mantel. »Ja, sie sehen wirklich wie Ziegelsteine aus, nicht wahr?« Er lachte. »Kein übler Witz. Wart nur, bis ich ihn meinen Kollegen erzählt habe!«