Ihre Netzstation näherte sich dem gefährlichsten Teil ihrer Umlaufbahn. Sie durchquerten die Ebene der Ringe. Hier hatte sie am meisten damit zu tun, die freitreibenden Stücke von Rohstoffen – Eis, kohlenstoffhaltige Chondrite, Metallerze – aufzusammeln, die ihre ferngesteuerten Minenroboter entdeckt und ihr geschickt hatten. In diesen Ringen gab es Mörder: räuberische Piraten, paranoide Siedler, die erst schossen und dann Fragen stellten.
In ihrem normalen Orbit, weit außerhalb der Ebene der Ekliptik, war sie sicher. Aber hier mußte man Befehle senden, Energie aufwenden, die eingefangenen Asteroiden, die schon mit Masseantrieben versehen waren, mußten als ihr Besitz beansprucht und ausgebeutet werden. Es war ein unvermeidliches Risiko. Selbst die beste Station war kein völlig geschlossenes System, und ihre war groß und alt.
Man fand sie.
Drei Schiffe. Zuerst hatte sie versucht, sie durch einen Bluff abzulenken, indem sie ihnen eine Standardwarnung über eine ferngesteuerte Sendeboje schickte. Sie fanden die Boje und zerstörten sie, aber dadurch erfuhr Rose, wo sich ihre Gegner befanden, und sie konnte durch die beschränkten Sinnesorgane der Boje einige verzerrte Daten aufschnappen.
Drei schlanke Schiffe, schillernde Kapseln, halb metallisch und halb organisch, mit langen gerippten, libellenhaft schimmernden Sonnensegeln, die dünner waren als ein Ölfilm auf Wasser. Former-Schiffe, übersät mit den Kuppeln von Sensoren, mit den Spindeln magnetischer und optischer Waffensysteme, mit langen Frachtmanipulatoren, die wie die Arme von Gottesanbeterinnen gefaltet waren.
Sie saß in ihrem Sessel und hatte ihre Sensoren angeschlossen. Sie studierte ihre Gegner und registrierte die ständig einlaufenden Daten: Entfernung, Zielgenauigkeit, Waffenstatus. Radar war zu gefährlich; sie beobachtete sie optisch. Laser wären ausgezeichnet, aber die Laser waren nicht ihre besten Waffen. Sie sollte sich einen besorgen, aber andere hatten auch Laser. Es war besser, stillzuhalten, während sie die Ringe durchsuchten und Spider Rose sachte aus der Ekliptik glitt.
Aber sie hatten sie gefunden. Sie sahen, wie sie ihre Segel einfaltete und die Ionenmaschinen startete.
Sie schickten einen Funkspruch. Sie schaltete die Sendung auf den Bildschirm, da sie die Störung nicht in ihrem Kopf haben wollte. Ein Formergesicht tauchte auf, anscheinend aus einer orientalischen Genlinie: glattes rabenschwarzes Haar, mit juwelenbesetzten Nadeln zurückgesteckt, schmale schwarze Augenbrauen, die sich über dunklen Augen mit der asiatischen Falte schwangen, bleiche, zu einem leichten, gewinnenden Lächeln gekrümmte Lippen. Ein glattes, sauberes Schauspielergesicht mit den glitzernden, alterslosen Augen eines Fanatikers. »Jade Prime«, sagte sie.
»Colonel-Doctor Jade Prime«, sagte der Former, indem er auf die goldenen Rangabzeichen am Kragen seiner schwarzen Militärrobe deutete. »Nennen Sie sich immer noch Spider Rose, Lydia? Oder haben Sie das aus Ihrem Gedächtnis gelöscht?«
»Warum sind Sie ein lebender Soldat und keine Leiche?«
»Die Zeiten ändern sich, Spider. Unsere hellen jungen Lichter werden von euch alten Freunden ausgepustet, und die unter uns, die weitreichende Pläne verfolgen, müssen die Schulden begleichen. Was wissen Sie über alte Schulden, Spider?«
»Sie glauben, Sie würden diese Begegnung überleben, was, Prime?« Die Muskeln ihres Gesichts verspannten sich in einem wilden Haß, den zu unterdrücken sie keine Zeit hatte. »Drei Schiffe, die mit Ihren eigenen Klonen bemannt sind. Wie lange haben Sie sich in Ihren Felsen verkrochen wie ein Wurm im Apfel? Klonen und immer wieder Klonen. Wann haben Sie zum letzten Mal eine Frau gehabt?«
Sein ewiges Lächeln wurde höhnisch. Er zeigte blendend weiße Zähne. »Das ist zwecklos, Spider. Sie haben schon siebenunddreißig von mir getötet, und wie Sie sehen, komme ich immer wieder zurück. Sie armes altes Miststück, was ist überhaupt ein Wurm? Ist das so etwas wie dieser Mutant auf Ihrer Schulter?«
Sie hatte gar nicht bemerkt, daß ihr Schoßtier gekommen war, und plötzlich durchfuhr sie ein heißer Schreck. »Kommen Sie ja nicht näher!«
»Schießen Sie doch! Schießen Sie doch, Sie verseuchte alte Vettel! Schießen Sie doch!«
»Sie sind es gar nicht«, sagte sie plötzlich. »Sie sind nicht der Erste Jade! So! Er ist tot, was?« Das Gesicht des Klons verzerrte sich vor Wut. Laser flammten auf, und drei ihrer Substationen verdampften. Wolken aus metallischem Plasma stiegen auf. Ein letzter, siedendheißer und unerträglich greller Impuls blitzte aus drei schmelzenden Teleskopen in ihr Gehirn.
Sie antwortete mit einer gepfefferten Breitseite von magnetisch beschleunigten Eisengeschossen. Mit vierhundert Meilen pro Sekunde zersiebten sie das erste Schiff, das seine Luft in Eisschauern aus gefrorener Luft verspritzte.
Zwei Schiffe feuerten. Sie benutzten Waffen, die sie noch nie gesehen hatte, und zwei weitere Substationen wurden wie von Riesenfäusten zerquetscht. Das Netz machte unter dem Aufschlag einen Satz, das Gleichgewicht war verloren. Sie wußte sofort, welche Waffensysteme ihr noch blieben, und erwiderte das Feuer mit metallummantelten Geschossen aus Ammoniakeis. Sie schlugen durch die halborganischen Flanken des zweiten Former-Schiffs. Die winzigen Löcher versiegelten sich sofort wieder, aber die Besatzung war erledigt; das Ammoniak verdampfte im Innern und tränkte die Luft mit augenblicklich tödlichen Nervengiften.
Das letzte Schiff hatte eine Chance von eins zu drei, ihr Kommandozentrum zu erwischen. Rose hatte zweihundert Jahre lang Glück gehabt. Das war jetzt vorbei. Statische Elektrizität fegte ihr die Hände von den Kontrollen. In ihrer Station gingen alle Lichter aus, und der Computer brach zusammen. Sie kreischte und wartete auf den Tod.
Der Tod kam nicht.
In ihrem Mund sammelte sich der bittere Geschmack der Übelkeit. Sie öffnete im Dunklen die Schublade und spritzte sich ein flüssiges Beruhigungsmittel direkt ins Gehirn. Keuchend lehnte sie sich im Stuhl zurück. Ihre Panik war zerschmettert. »Ein elektromagnetischer Impuls«, sagte sie. »Alles lahmgelegt.«
Das Haustier murmelte einige Silben. »Wenn er könnte, hätte er uns schon erledigt«, erklärte sie ihrem Haustier. »Die Verteidigungsmechanismen der Substationen müssen selbständig reagiert haben, als das Hauptsystem zusammenbrach.«
Sie spürte eine leichte Erschütterung, als das Tier vor Angst zitternd in ihren Schoß sprang. Sie umarmte es abwesend und kraulte seinen schmalen Nacken. »Mal sehen«, sagte sie zur Dunkelheit. »Das Ammoniak ist verbraucht, das habe ich vorhin abgeschossen.« Sie zog den nutzlosen Stecker aus ihrem Hals und riß sich das Kleid von ihrem feuchten Körper. »Also war es das Spray. Eine hübsche, dichte Wolke aus radioaktivem, ionisiertem metallischen Kupfer. Das hat ihnen alle Sensoren lahmgelegt. Er fährt jetzt blind in einem Metallsarg durch die Gegend. Genau wie wir.«
Sie lachte. »Nur, daß die alte Rose noch einen Trick im Ärmel hat, Baby. Die Investierer. Sie werden mich suchen. Ihn wird niemand suchen. Und ich habe noch meinen Stein.«
Sie saß schweigend im Dunkeln, und ihre künstliche Gelassenheit ließ sie an Dinge denken, die undenkbar waren. Das Tier regte sich unbehaglich und schnüffelte an ihrer Haut. Es war unter ihren streichelnden Händen etwas ruhiger geworden. Sie wollte nicht, daß es litt.
Sie legte ihm die freie Hand über den Mund und verdrehte ihm den Hals, bis er brach. Die künstliche Schwerkraft hatte ihre Muskelkraft bewahrt. Das Tier hatte keine Chance, sich zu wehren. Ein letztes Zittern fuhr durch seine Glieder, während sie es im Dunkeln hochhob und nach dem Herzschlag tastete. Ihre Fingerspitzen spürten den letzten Schlag hinter den dünnen Rippen.
»Nicht genug Sauerstoff«, sagte sie. Zerschmetterte Emotionen begannen sich zu regen und scheiterten. Sie hatte noch reichlich Unterdrücker. »Die Teppichalgen werden die Luft einige Wochen sauberhalten, aber ohne Licht werden sie sterben. Und ich kann sie nicht essen. Nichts zu essen, Baby. Die Gärten sind weg, und selbst wenn sie nicht zerschossen sind, könnte ich die Lebensmittel nicht hereinholen. Ich kann die Roboter nicht bedienen, ich kann nicht einmal die Schleusen öffnen. Wenn ich lange genug lebe, kommen sie und holen mich heraus. Ich muß meine Chancen verbessern. Das ist nur vernünftig. In einer solchen Situation muß man vernünftig sein.«
Wenn die Schaben – oder wenigstens alle, die sie im Dunkeln fangen konnte – verbraucht waren, mußte sie lange Zeit in der Dunkelheit fasten. Dann würde sie das nicht verwesende Fleisch ihres Haustieres essen und in ihrem halb betäubten Zustand hoffen, daß es sie vergiftete.
Als sie das blendende blaue Lichte der Investierer vor der zerschmetterten Schleuse aufblinken sah, kroch sie auf knochigen Händen und Knien hinüber und schirmte die Augen ab.
Der Investierer trug einen Raumanzug, um sich vor Bakterien zu schützen. Sie war froh, daß er den Gestank ihrer pechschwarzen Gruft nicht riechen konnte. Er sprach in der flötenden Sprache der Investierer, doch ihr Übersetzer war tot.
Sie glaubte für einen Moment, daß sie einfach wieder ablegen und sie halbverhungert, geblendet und kahlköpfig in ihrem Bett aus ausgerissenem Fiberglashaar liegenlassen würden. Doch sie nahmen sie an Bord, fütterten sie mit brennenden Keimtötern und versengten ihre Haut mit bakterientötenden Ultraviolettstrahlen.
Sie hatten den Edelstein, aber das wußte sie schon. Was sie wollten (und das war schwer) – was sie wissen wollten, war, was mit ihrem Maskottchen geschehen war. Es war schwer, ihre Gesten und ihre armseligen Brocken menschlicher Sprache zu verstehen. Sie hatte sich selbst etwas Schlimmes angetan, das wußte sie. Überdosierung im Dunkeln. Sie hatte im Dunkeln mit dem großen schwarzen Käfer der Angst gekämpft, der die dünnen Fasern ihres Spinnennetzes durchbrach. Sie fühlte sich sehr schlecht. Irgendwo in ihr war etwas nicht in Ordnung. Ihr unterernährter Bauch war gespannt wie eine Trommel, und ihre Lungen fühlten sich an, als würden sie zerquetscht. Mit ihren Knochen war etwas nicht in Ordnung. Sie konnte nicht weinen.
Sie bemühten sich um sie. Sie wollte sterben. Sie wollte ihre Liebe und ihr Verständnis. Sie wollte –
Ihr Hals wurde eng. Sie konnte nicht sprechen. Sie legte den Kopf zurück, und ihre Augen zogen sich im brennenden Licht der Deckenlampen zusammen. Sie hörte krachende Geräusche, als ihr Unterkiefer sich aushakte, doch sie empfand keinen Schmerz.
Sie hörte auf zu atmen. Es war eine Erlösung. Krampflösende Mittel pochten in ihrem Bauch, ihr Mund füllte sich mit einer Flüssigkeit.
Etwas Lebendiges, Weißes drang aus ihren Lippen und Nasenlöchern. Ihre Haut kitzelte bei der Berührung, dann strömte es über ihre Augäpfel, versiegelte und beruhigte sie. Eine umfassende Gelassenheit und Kühlheit nahm sie auf, während Welle auf Welle der durchsichtigen Flüssigkeit sie einhüllte, über ihren Körper spülte und ihn umgab. Sie entspannte sich, erfüllt von sinnlicher, schläfriger Dankbarkeit. Sie war nicht hungrig. Sie hatte erheblich mehr Masse, als sie brauchte.
Acht Tage später durchbrach sie die spröden Platten ihres Kokons, flatterte mit Schuppenschwingen heraus und suchte nach Beute.
Originaltitel: ›Spider Rose‹
Copyright © 1982 by Mercury Press, Inc.
(erstmals erschienen in
›The Magazine of Fantasy & Science Fiction‹, August 1982)
Copyright © 1990 der deutschen Übersetzung
by Wilhelm Heyne Verlag, München
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jürgen Langowski