Das Schöne und das Erhabene
30. Mai 2070
Mein lieber MacLuhan,
Du, mein Freund, der Du die Wirren der Liebe aus eigener Erfahrung kennst, wirst meine Beziehung zu Leona Hillis verstehen.
Seit meinem letzten Brief an Dich habe ich Einblick in Leonas Seele gewonnen. Allmählich, beinahe gegen meinen Willen, entfalteten sich bei mir jene Gefühle der Zuneigung und der Sympathie, die eine einfache Liaison in etwas viel Bedeutungsvolleres verwandeln. In etwas, das an Erhabenheit grenzt.
Das ist Liebe, mein werter MacLuhan. Keine fleischliche Begierde, die leicht mit Tabletten zu stillen ist. Nein, eher könnte man es als agape bezeichnen, worunter die Griechen das hehre Streben nach einer Vereinigung der Seelen verstanden.
Ich weiß, daß unsere moderne Welt den Griechen nichts mehr abgewinnt, besonders nicht Plato mit seinem computerhaften Hang zum abstrakten Denken.
Verzeih mir also, wenn ich mich dieses etwas antiquierten Ausdrucks bediene. Aber ich will Dir frei und offen mitteilen, was ich empfinde.
Mit anderen Worten, dieser Beziehung haftet nichts Flüchtiges oder Vergängliches an, dieses Mal ist es keine meiner vorübergehenden Affären. Mir ist, als hätte ich Leona schon immer geliebt; sie nimmt den Platz in meiner Seele ein, den keine andere Frau auszufüllen vermag.
Ich weiß, daß ich überstürzt handelte, als ich Seattle verließ. Aksyonov wollte unbedingt, daß ich die Kulissen für sein neues Drama fertigstelle. Doch ich fühlte mich niedergeschlagen und unruhig und fürchtete ein Nachlassen meiner schöpferischen Kräfte. Inspirationen bezieht man aus der Natur, und ich war schon viel zu lange in dieser Stadt eingepfercht.
Als ich dann Leonas Einladung zur Geburtstags-Gala ihres Vaters im Grand Cañon erhielt, konnte ich der Verlockung nicht widerstehen. Sie vereinigte in sich das beste beider Welten: die Gesellschaft einer bezaubernden Frau vor dem Hintergrund eines in seiner Majestät und Erhabenheit einzigartigen Naturwunders.
Dem armen Aksyonov schickte ich per Interpost eine hastig hingekritzelte Nachricht, dann floh ich nach Arizona.
Welch eine Landschaft! Sich ins Unendliche erstreckende Hochebenen, die Blicke bis über den Horizont hinaus gestatten, ekstatische Sonnenuntergänge, deren Strahlenblitze den Zenit berühren. Das genaue Gegenteil von unserem grünen in sich gekehrten Seattle; ein helleuchtendes Yang gegenüber dem trüben Yin der nieselregenverhangenen Pazifikküste. Die würzige, scharf nach wildem Beifuß und Pinien duftende Luft reinigte das Gehirn wie mit einem Luffahandschuh. Ich spürte sogleich, wie der Appetit zurückkehrte, und mit frischem Schwung schritt ich aus.
Mit verschiedenen Einheimischen sprach ich über ihren Mondial-Park. Die Bewohner Arizonas sind ein sensibles, ja sogar edles Volk, das zutiefst erfüllt ist von der überwältigenden, ehrfurchtgebietenden Schönheit seines Landes. Ihre Ansichten sind eigentlich ganz modern, trotz des hohen Bevölkerungsanteils an Pensionären – verschrobene, schrullige Relikte aus dem Industriezeitalter.
Seit der Trockenlegung des Lake Powell hat man auf dem Grund des ehemaligen Stausees Campingplätze, Sportstätten und in begrenztem Maße Wohnsiedlungen angelegt. Auf diese Weise wird eine Überbevölkerung des Cañon selbst verhindert, der aufgrund einer umsichtigen und klugen Planung langsam in seinen ursprünglichen naturbelassenen Zustand zurückkehrt.
Für Dr. Hillis' Geburtstagsfeier hatte die Firma Hillis einen modernen Rundbau am nördlichen Rand des Cañon gemietet. Diese gewaltige zweigeschossige Kuppel aus Zedernholz und Sandstein fügt sich unauffällig und äußerst geschmackvoll in die natürliche Landschaft ein. Von einer breiten Veranda aus überblickt man den Fluß. Hinter der Kuppel erstreckt sich ein großer, von weißstämmigen Pinien begrenzter Steingarten.
Befreit von den veralteten Dämmen aus dem zwanzigsten Jahrhundert, tobt der ungezähmte Colorado zwischen den Felswänden dahin, schäumend und tosend, Wirbel bildend und Gischt sprühend, Felsen und Baumstämme mit sich reißend, gleich einem rasenden Tiger. Während der folgenden Tage hatte ich sein Zischen und Brausen ständig im Ohr.
Dort, wo einmal der künstlich angelegte See gewesen war, hat der sinkende Wasserspiegel skurril anmutende Spuren hinterlassen, die dem Oberlauf des Colorado einen zusätzlichen Reiz verleihen. Grüne Flecken überziehen die Schiefer- und Sandsteinwände der Schlucht. Böschungen aus Anschwemmungen säumen die mutwilligen Flußwindungen, bewachsen von hochstämmigen Pappeln und dichtem Gestrüpp.
Auf der dem Fluß zugewandten Terrasse stöpselte ich meinen Codeschlüssel in das Haussystem ein und teilte meine Ankunft mit. Auf der Veranda saßen zwei alte Leute. Anhand meines erst kürzlich aktualisierten Codeschlüssels wollte ich sie identifizieren, doch rücksichtslos, wie diese Generation nun mal ist, hatten sie es versäumt, ihre Daten in das Haussystem einzuspeisen. Also blieben sie mir auch weiterhin fremd.
Mit einer gewissen Erleichterung sah ich, wie unsere alte Freundin, Mari Kuniyoshi, aus dem Haus trat, um mich zu begrüßen. Seit ihrer Rückkehr aus Osaka hatten wir getreulich miteinander korrespondiert; meistens ging es um ihr Modegeschäft und die neueste Entwicklung auf dem Gebiet der japanischen Gebrauchsgraphik.
Ich gestehe, daß ich nie verstanden habe, warum Mari auf so viele Männer eine fast magnetische Anziehungskraft ausübt. Mich interessiert sie lediglich als begabte Designerin, während ich ihre Romanzen sehr gefühllos finde.
Durch meinen Codeschlüssel identifizierte ich ihre Begleiterin: Claire Berger, Maris Produktionsingenieurin und Cheftechnikerin. Mari war nach der allerneuesten Mode gekleidet, dem gängigen Geschmack weit voraus. Sie trug eine am Hals hochgeschlossene, mit einem Stehbündchen versehene Jacke aus pfirsichfarbenem Satin, dazu einen knöchellangen, raffiniert eng geschnittenen Rock. Claire Berger ging in Expeditionshosen, einer sportlichen Baumwollbluse und Wanderstiefeln. Es war wieder mal typisch für Mari, daß sie diese schlaksige junge Frau als Kontrast zur eigenen Person benutzte.
Bald saßen wir drei unter einem Sonnenschirm und tranken ganz tugendhaft Fruchtsäfte. Der Blick über den Cañon war atemberaubend. Während wir Höflichkeiten austauschten, wartete ich darauf, daß Mari damit herausrückte, was ihr auf dem Herzen lag. Denn daß sie irgendeinen Kummer pflegte, hatte ich ihr gleich angemerkt.
Wie sich dann herausstellte, bildete Maris derzeitiger Freund, ein neunzehnjähriges Model und angehender Schauspieler, eine ständige Quelle für Reibereien. Denn unter den geladenen Gästen befand sich auch ein früherer Verehrer Maris, der Globetrotter und ehemalige Kosmonaut Friedrick Solokov. Mit Freds Anwesenheit hatte Mari nicht gerechnet, obwohl er Dr. Hillis auf vielen seiner Reisen begleitet hatte. Maris jetzige Flamme, das Model, merkte, daß sich zwischen ihr und Fred Solokov wieder etwas anbahnte, und schäumte vor Eifersucht.
»Ich verstehe«, sagte ich. »Nun, bei Gelegenheit nehme ich deinen jungen Freund zu einem ausführlichen Gespräch beiseite. Er hat den Ehrgeiz, Schauspieler zu werden, sagst du? Unser Ensemble sucht ständig nach neuen Gesichtern.«
»Mein lieber Manfred«, seufzte sie, »wie gut du dich in meine Situation hineinversetzen kannst. Du siehst sehr flott aus heute. Ich bewundere dein Plastron. Ein ganz reizender Effekt. Bindest du es selbst oder benutzt du dazu eine Maschine?«
»Ich gestehe«, erwiderte ich, »daß dieses Plastron molekular vorstrukturierte Falten hat.«
»Oh«, ließ sich Claire Berger vernehmen, »wie primitiv!«
Ich wechselte das Thema. »Was macht Leona?«
»Ach, die arme Leona«, entgegnete Mari. »Du weißt doch, wie sehr sie die Einsamkeit liebt. Nun ja, während der Vorbereitungen für das Fest durchstreift sie diese grandiosen Cañons … erklettert Felsnadeln, von denen sie dann hinabschaut auf die Nebelschwaden des wild dahinbrausenden Flusses … Ihr Vater fühlt sich gar nicht wohl.« Bedeutungsvoll sah sie mich an.
»Hmm.« Es war kein Geheimnis, daß sich Dr. Hillis' exzentrisches, ja zuweilen grausames Wesen mit zunehmendem Alter immer stärker ausprägte. Er selbst hat die neue Gesellschaft, die er mit seinem beachtlichen Werk entstehen half, nie verstanden. Es ist wie einer dieser ironischen Streiche, an denen Du Dich so sehr ergötzen kannst, mein lieber MacLuhan.
Aber meine Leona hatte unter seinem reaktionären Starrsinn zu leiden, deshalb verging mir das Lachen. Die arme Leona, die ihm im Alter eine Stütze sein sollte, wurde von ihm zu einer Industrieprinzessin erzogen. Sie lernte, mit Gewinn- und Verlustrechnungen und Vierteljahresberichten umzugehen, ihr Vater verlangte von ihr eiserne Disziplin und unermüdlichen Fleiß. Er gebärdete sich, als wolle er sie zu einem spanischen Konquistador ausbilden. Nur ihrem unbestechlichen Geist verdanken wir es, daß sie soviel für uns getan hat.
»Man sollte nach ihr suchen«, meinte Mari.
»Sie hat ihren Codeschlüssel bei sich«, hielt Claire ihr entgegen. »Sie kann sich nicht verirren, es sei denn, sie will es so.«
»Entschuldigt mich bitte!« sagte ich, während ich mich erhob. »Es wird Zeit, daß ich unseren Gastgeber begrüße.«
Ich betrat das Innere der Kuppel. Vom Kamin her, in dem sich noch die kalte Asche eines Holzfeuers häufte, duftete es angenehm nach Harz. Ich bewunderte die Einrichtung: Sitzmöbel aus Büffelleder und farbenfrohe Webdecken, Hopi-Handarbeit, die alte Computermuster aufgriffen. Durch wabenförmige Dachluken fiel Licht auf einen Fußboden aus grobkörnigem maskulinen Sandstein.
Geführt von meinem Codeschlüssel, erreichte ich einen entzückenden Innenraum im zweiten Stock, wo ich mein Gepäck abstellte. Staunend sah ich mich um. An den weißgetünchten Wänden hingen kuriose bäuerliche Gerätschaften, geodätisch ausgerichtete Stützbalken aus roh gezimmerter Eiche trugen die Decke.
Den alten Hillis traf ich drunten im Gemeinschaftsraum, zusammen mit zweien seiner senil anmutenden Kumpane. Erschrocken bemerkte ich, wie stark er gealtert war. Mit der fahlen Haut und den eingefallenen Wangen wirkte er wie ein todkranker Mann.
Er saß in seinem Rollstuhl, um die verkrüppelten Beine einen Morgenmantel aus Büffelleder gewickelt. Seine Freunde sahen aus, als könnten sie immer noch gefährlich werden: krokodilartige Relikte aus einer versunkenen Zeit der Gewalt und der Fleischfresser. Die beiden hatten sich ebenfalls nicht vom Haussystem registrieren lassen, doch taktvoll übersah ich diese altmodische Unhöflichkeit.
Ich gesellte mich zu ihnen. »Guten Tag, Dr. Hillis. Es ist mir eine Freude, den festlichen Anlaß in Ihrem Hause zu begehen. Vielen Dank für die Einladung.«
»Das ist ein Freund meiner Tochter«, krächzte Hillis. »Manfred de Kooning aus Seattle. Ein Kü-ünstler.«
»Sind sie das nicht alle?« lästerte Krokodil Nr. 1.
»Wenn dem so ist«, entgegnete ich, »dann verdanken wir diesen glücklichen Umstand Dr. Hillis. Ein Grund mehr, mit ihm zu feiern.«
Krokodil Nr. 2 faßte sich in den altmodischen Anzug und holte – sage und schreibe – eine Zigarette heraus. Er zündete sie an und blies uns eine Wolke krebserregenden Qualms ins Gesicht. Unwillkürlich prallte ich zurück. »Wir sehen uns bestimmt später wieder«, sagte ich. »Jetzt möchte ich gern die Dame des Hauses begrüßen.«
»Leona?« Dr. Hillis runzelte die Stirn. »Sie ist nicht daheim. Sie unternimmt einen Spaziergang. Mit ihrem Verlobten.«
Ich dachte, mich träfe der Schlag. Doch ich wollte nicht glauben, daß Leona mich in Seattle getäuscht hatte. Wenn sie eine offizielle Liaison unterhielt, hätte sie mir davon erzählt.
»Sie hat sich verlobt?« hakte ich nach. »So plötzlich? Ließen sie sich von der Leidenschaft überwältigen?«
Krokodil Nr. 1 lächelte säuerlich, bis ich merkte, daß ich einen wunden Punkt berührt hatte.
»Verdammt noch mal!« schnauzte Hillis. »Es handelt sich nicht um irgendeine überspannte Angelegenheit mit Herz, Schmerz, Haareraufen und Liebesglut. Leona ist ein vernünftiges Mädchen mit konservativen Wertvorstellungen. Und Dr. Somps entspricht in jeder Hinsicht ihren Wünschen.« Er funkelte mich an, als wolle er jeden Widerspruch im Keim ersticken.
Natürlich kam es mir gar nicht in den Sinn, ihm zu widersprechen. Dr. Hillis ist ein schwerkranker Mann, und es wäre grausam gewesen, ihm Aufregung zu verursachen. Ich murmelte ein paar unverbindliche Floskeln und entfernte mich.
Draußen zog ich rasch meinen Schlüssel zu Rate. Er verschaffte mir die biographischen Daten, die Dr. Somps in das Haussystem für Gäste eingespeist hatte.
Mein Rivale hatte imponierende Erfolge aufzuweisen. Bereits als Kind fiel er durch seine überragende mathematische Begabung auf. Jetzt war er neunundzwanzig, zwei Jahre jünger als ich, und Professor für Aeronautik am Tsiolkovsky-Institut in Boulder, Colorado. Zwei Jahre hatte er als Gastkosmonaut in einer russischen Raumstation verbracht. Er hatte ein Lehrbuch über Tragflächenkinematik geschrieben. Auf dem Gebiet der Windkanal-Computersimulation galt er als führender Experte, und was Versuchsanordnungen für den von Hillis entwickelten Parallelprozessor betraf, so genoß er weltweit uneingeschränkte Anerkennung.
Du kannst Dir vorstellen, mein lieber MacLuhan, in welche Aufregung mich diese Informationen versetzten. Im Geist sah ich Leona, wie sie den Lockenkopf an die Schulter dieses smarten Raumfahrers schmiegte. Einen Augenblick lang gab ich mich völlig der Wut hin.
Eine nochmalige Prüfung des Codeschlüssels verriet mir indessen, daß der Alte gelogen hatte. Der Locator entdeckte Dr. Somps auf einem Plateau im Westen; in seiner Begleitung befand sich jedoch nicht Leona, sondern sein ehemaliger Crewgefährte im All, Fred Solokov. Leona war allein und erforschte gerade eine Schlucht im Osten des Cañongebiets, zwei Meilen weiter stromaufwärts.
Mein Herz drängte mich, sofort zu ihr zu eilen, und wie immer in solchen Fällen, gehorchte ich meiner inneren Stimme.
Es wurde ein anstrengender Marsch, vorbei an lotrechten Abgründen und Bergrutschen, während zu meiner Rechten der Colorado brauste und schäumte. Gelegentlich sah ich Boote voller wagemutiger Abenteurer über die Stromschnellen tanzen, die Leute paddelten wie verrückt, um nicht gegen die Felswände geschmettert zu werden. Die Fußwege waren jedoch wie ausgestorben.
Leona hatte einen Felsvorsprung erklettert, der wie eine Kralle über das Flußbett hinausragte. Sehen konnte ich sie nicht, aber mein Codeschlüssel half mir, sie zu finden. In meinem Eifer, zu ihr zu gelangen, verließ ich den Pfad und erklomm eine Böschung. Zwar handelte ich mir einige Kratzer durch Kaktusstacheln ein, dafür hatte ich die Genugtuung, unverhofft neben ihr aufzutauchen.
Mit einer schwungvollen Geste nahm ich den Hut ab. »Meine liebe Miss Hillis!«
Leona hockte auf einer karierten Wolldecke. Unter einer lose sitzenden Safarijacke trug sie eine Spitzenbluse, wobei die weißen Rüschen reizvoll mit dem strenggeschnittenen wadenlangen Serengetirock kontrastierten. Die türkisfarbenen Augen, die auf eine entzückende Weise leicht hervorquellen, waren vom Weinen gerötet.
»Manfred!« sagte sie, während sie eine Hand an die Lippen hob. »Du hast mich also doch gefunden!«
Ich war verblüfft. »Du hattest mich eingeladen. Glaubst du, ich könnte dir einen Wunsch abschlagen?«
Sie lächelte kurz über meine Galanterie, dann kehrte sie mir das Profil zu und starrte düsteren Blicks auf den Fluß hinab.
»Eigentlich sollte es eine ganz schlichte Feier werden; um Vater aus seiner trüben Stimmung zu reißen … Statt dessen haben sich meine Sorgen vervielfacht. Ach, Manfred, wenn du wüßtest …«
Ich setzte mich zu ihr auf die Decke und bot ihr ein Feldfläschchen Mineralwasser an. »Du mußt mir alles erzählen.«
»Wie kann ich deine Freundschaft in Anspruch nehmen?« fragte sie. »Ein, zwei gestohlene Küsse hinter der Bühne, ein paar liebe Worte – damit ist doch nichts vergolten. Am besten, du überläßt mich meinem Schicksal.«
Darüber mußte ich lächeln. Das arme Mädchen schloß vom Grad unserer körperlichen Intimität auf mein Verantwortungsgefühl; als ob bloße sexuelle Freiheiten etwas mit meiner Hingabe an sie zu tun hätten. In dieser Hinsicht dachte sie merkwürdig altmodisch, mit der übernommenen Mentalität des Industriezeitalters, in dem Dinge gekauft und Leistung mit Gegenleistung belohnt wurden.
»Unsinn!« wehrte ich ab. »Ich weiche nicht eher von deiner Seite, bis du mir dein Herz ausgeschüttet hast.«
»Du weißt, daß ich verlobt bin?«
»Ich vernahm es gerüchteweise.«
»Ich hasse ihn«, stieß sie zu meiner unendlichen Erleichterung hervor. »In einem schwachen Augenblick willigte ich in diese Verlobung ein. Mein Vater war so aufgebracht und von dieser Idee derart besessen, daß ich es seinetwegen tat, um ihm Aufregung zu ersparen. Er ist schwerkrank, und die Chemotherapie hat seinen seelischen Zustand nur noch verschlimmert. Er hat ein Buch geschrieben – voller grausiger, abscheulicher Dinge. Unter ganz bestimmten Umständen sollte es verlegt werden – dann nämlich, wenn er nachweisbar Selbstmord begangen hat. Er droht damit, sich umzubringen, um der Familie Schande zu bereiten.«
»Wie entsetzlich!« sagte ich. »Und was ist mit diesem Herrn?«
»Ach, Marvin Somps wird seit Jahren von meinem Vater protegiert. Bei Flugsimulationen wurde die Künstliche Intelligenz zum erstenmal eingesetzt. Dieses Fachgebiet liegt Vater sehr am Herzen, und Dr. Somps ist diesbezüglich ein Experte.«
»Wahrscheinlich hat Somps finanzielle Sorgen«, meinte ich. Ich war nie ein Anhänger der Naturwissenschaften, besonders jetzt nicht, da sie nur noch in stark beschränktem Rahmen betrieben werden. Doch ich konnte mich gut in Somps' Situation hineinversetzen, der befürchten mußte, daß sein Fonds zur Neige ging. Heutzutage gibt es kaum noch jemanden, der bereit ist, teures menschliches Denken zu finanzieren; lediglich Exzentriker vom Schlage Dr. Hillis' bilden da eine Ausnahme.
»Mit Sicherheit«, pflichtete sie mir bei. »Und die Wissenschaft ist sein Leben. Im Augenblick befindet er sich auf dem Flugplatz droben auf der Mesa. Er will irgendeine elende Maschine testen.«
Einen Moment lang tat Somps mir leid, doch ich verdrängte dieses Gefühl. Der Mann war mein Rivale; mithin war er mein Feind.
Ich konsultierte meinen Codeschlüssel. »Ich glaube, ich sollte mich mal mit Dr. Somps unterhalten.«
»Auf gar keinen Fall! Vater wäre sehr böse.«
Ich lächelte. »Ich respektiere deinen Vater als Genie. Aber ich fürchte mich nicht vor ihm.« Ich setzte mir den Hut auf und glättete die breite weiche Krempe. »Natürlich bleibe ich höflich, doch wenn Somps die Augen geöffnet werden sollen, dann bin ich der richtige Mann für diese Aufgabe.«
»Tu's nicht!« rief sie, meine Hand ergreifend. »Vater würde mich enterben.«
»Welche Rolle spielt der schnöde Mammon in unserer heutigen Zeit?« fragte ich. »Ruhm, Glanz – das Schöne und das Erhabene –, das sind die erstrebenswerten Ziele!« Ich packte sie an den Schultern. »Leona, dein Vater brachte dir bei, wie man seine abstrakten Reichtümer verwaltet. Aber für dieses versteinerte, mumifizierte Leben bist du zu seelenvoll, zu menschlich.«
»Das bilde ich mir auch gern ein«, erwiderte sie mit schmerzerfülltem Blick. »Aber, Manfred, ich bin weder so talentiert wie du noch so kultiviert wie deine Freunde. Sie tolerieren mich nur wegen meines Reichtums. Etwas anderes habe ich nicht zu bieten. Ich besitze nicht den Geschmack, die Anmut oder den Esprit einer Mari Kuniyoshi.«
Ich spürte, wie sehr sie unter ihrer Unsicherheit litt. Vielleicht passierte es in diesem Augenblick, mein werter MacLuhan, daß ich mich endgültig in sie verliebte. Es ist einfach, jemanden mit Grazie und Eleganz zu bewundern, sich vom raffinierten Faltenwurf eines Rocks oder einem verführerischen Blick einfangen zu lassen. In gewissen Kreisen ist es möglich, Affären zu unterhalten, die lediglich auf sprühendem Witz und nichts weiter beruhen.
Doch die wahre, die erhabene Liebe stellt sich dann ein, wenn sich das dunkle Yin der Seele freimütig dem Blick des Partners offenbart; Eitelkeiten und Unsicherheiten zu erkennen gibt, jene Kanten und Spalten enthüllt, die den Keim zu künftigem Schmerz in sich bergen.
»Unsinn«, entgegnete ich mit sanfter Stimme. »Selbst die beste Kunst ist nur ein Symptom für Seelentiefe. Und die reinste Kunst ist die stumme Bewunderung von Schönheit. Später kommt dann eine gewisse Berechnung hinzu, die die Blüte welken läßt, und an ihre Stelle tritt der äußere Schein, die Maske des Kultivierten. Doch ich schmeichle mir, daß ich den Dingen auf den Grund sehe.«
Danach ging alles sehr rasch. Die folgenden körperlichen Intimitäten waren bloße Begleiterscheinungen unseres seelischen Zustands. Indem wir nur wenige, bestimmte Kleidungsstücke ablegten, übten wir uns im herrlichen Spiel der carezza, jener Form der Umarmung, die Körper und Geist erregt, ohne gleich alles durch eine volle Befriedigung zu verderben.
Doch bei unserem Fest der Liebe belästigte uns ein Gespenst: Dr. Somps. Leona bestand darauf, unsere Liaison geheimzuhalten; deshalb riß ich mich von ihr los, ehe uns andere mit ihren Codeschlüsseln aufspüren und unliebsame Schlüsse ziehen konnten.
Als Verehrer war ich gekommen, als ihr Liebhaber verließ ich sie. Nichts sollte Leonas Glück stören. Sobald ich mich wieder auf dem Fußpfad befand, aktivierte ich meinen Codeschlüssel. Noch immer weilte Dr. Somps auf der Mesa, dem Tafelberg westlich der Wohnkuppel.
Ich lenkte meine Schritte in diese Richtung, doch noch ehe ich eine Meile weit gegangen war, hatte ich ein unverhofftes sonderbares Erlebnis. Hoch über meinem Kopf ertönte das laute Sirren künstlicher Flügel.
Nachdem ich meinen Schlüssel befragt hatte, blickte ich nach oben. Mari Kuniyoshis derzeitiger Begleiter, der angehende Schauspieler Percival Darrow, kam auf einem Hängegleiter angeflogen. Kybernetisch gesteuert, schwebte die Maschine längs der steilen gebänderten Felswand hinunter. Darrow vollführte eine Drehung, wobei er gewaltige Luftwirbel erzeugte; dann landete er mit sportlichem Sprung vor mir auf dem Pfad. In abwartender Haltung blieb er stehen.
Als ich ihn erreichte, hatte sich der Gleiter bereits selbsttätig zusammengefaltet und schmiegte sich ihm nun als ordentliches orangefarbenes Bündel an den Rücken. Mit der gespielten Lässigkeit eines Teenagers lehnte Darrow am sonnenerwärmten Felsen. Er trug eine hautenge Fliegermontur aus einem cremefarbenen glänzenden Stoff. Die elastischen Ärmel hatte er über die Ellbogen hochgezogen, so daß seine muskelbepackten Arme sichtbar wurden. Die Augen versteckte er hinter einer rosagetönten Fliegerbrille.
Ich grüßte höflich. »Guten Tag, Mister Darrow. Kommen Sie gerade vom Flugplatz?«
»Keineswegs.« Ein höhnisches Lächeln verunstaltete ihm die ansonsten ebenmäßigen Züge. »Ich flog bereits vor einer halben Stunde über Sie hinweg. Sie beide haben aber nichts bemerkt.«
»Na so was«, entgegnete ich kühl und ging weiter. Er eilte mir hinterher.
»Wohin gehen Sie?«
»Zum Flugplatz. Ich wüßte jedoch nicht, was Sie das angeht«, bemerkte ich.
»Solokov und Somps sind dort droben.« Plötzlich blickte er verzweifelt drein. »Hören Sie, es tut mir leid, daß ich vorhin erwähnte, ich hätte Sie und Miss Hillis beobachtet. Das war schlechter Stil. Aber wir haben beide einen Rivalen, Mister de Kooning. Und jetzt sind sie zusammen. Ich finde, wir zwei sollten zu einem Einverständnis kommen, meinen Sie nicht auch?«
Ich ging langsamer. Ich trug besseres Schuhwerk als er. Darrow verzog das Gesicht, während er in seinen hauchdünnen Flugslippern über das schrundige Gestein balancierte. »Was genau wollen Sie von mir, Mister Darrow?«
Er schwieg, und langsam kroch ihm die Röte in die gebräunten Wangen. »Von Ihnen will ich gar nichts«, entgegnete er nach einer Weile. »Von Mari Kuniyoshi alles.«
Ich räusperte mich.
»Behalten Sie Ihre Antwort für sich«, wehrte er mit erhobener Hand ab. »Ich weiß, was Sie sagen wollen. Mindestens ein dutzendmal hat man mich vor ihr gewarnt. Sie halten mich für einen Dummkopf. Wahrscheinlich haben Sie recht. Aber mit offenen Augen habe ich diese Liaison begonnen, und ich denke nicht daran, tatenlos zuzuschauen, wie ein anderer mein Glück zunichte macht.«
Ich wußte, daß ich unüberlegt handelte, wenn ich mich mit Darrow einließ, denn es mangelte ihm eindeutig an Diskretion. Doch ich bewunderte seinen Mut. »Percival, Sie sind ein Mann nach meinem Herzen«, gestand ich. »Mir gefällt Ihr tollkühnes Vorgehen. Sie haben größere Hindernisse zu überwinden als ich.« Ich bot ihm meine Rechte.
Er nahm sie und drückte sie kameradschaftlich. »Dann wollen Sie mir helfen?« erkundigte er sich.
»Gemeinsam werden wir uns einen Plan ausdenken«, antwortete ich. »Um die Wahrheit zu sagen, war ich gerade unterwegs zum Flugplatz, um mir ein Bild von unserer Opposition zu verschaffen. Wir haben es mit mächtigen Gegnern zu tun, und ein Verbündeter ist immer willkommen. Ich halte es jedoch für das beste, wenn man uns vorläufig nicht zusammen sieht.«
»In Ordnung«, entgegnete Darrow und nickte. »Ich habe schon einen Plan. Wollen wir uns heute abend treffen und darüber diskutieren?«
Wir trafen eine Verabredung für acht Uhr, um zu beratschlagen, wie wir unter den beiden Kosmonauten Verwirrung stiften konnten. Während ich den Pfad weitereilte, erkletterte Darrow ein Felssims, um einen geeigneten Platz zum Abheben zu finden.
Ich kehrte in die Wohnkuppel zurück, füllte meine Feldflasche und stärkte mich mit einem leichtem Imbiß. Eine kalte Dusche und eine schnellwirkende Pille lösten die Spannungen, die die carezza in mir hinterlassen hatte.
Die Aufregung und das Abenteuer taten mir gut. Sie fegten mir die Spinnweben aus dem Gehirn, die meine Kreativität blockierten. Lächle ruhig, mein lieber MacLuhan; aber ich versichere Dir, Kunst entspringt dem Leben, und so lebendig wie in jenem Augenblick hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt.
Bald war ich wieder unterwegs, erfrischt und ausgeruht. Ein langer Marsch und eine ausgiebige Klettertour brachten mich zum Gleiterfeld, einem Flugplatz auf dem Tafelberg, der früher einmal unter Wasser gelegen hatte, nun aber als Thron des Adonis bekannt ist.
Nach seinem Wiederauftauchen aus dem Lake Powell benannte man ihn nach einem Gott oder Halbgott wie die übrigen geologischen Erhöhungen im Grand Cahon-Mondialpark. Dort gibt es Berge, die die Namen Vishnu, Shiva oder Osiris tragen.
Das harte Sandsteinplateau war von Ablagerungen befreit und an einem Rand eingeebnet worden. Die Bauten bestanden aus einem geschmackvoll gestalteten unauffälligen Hangar in Leichtbauweise, einem Kontrollturm aus Fiberglas, Umkleidekabinen und einer bescheidenen Teestube.
Ungefähr drei Dutzend Flieger hielten sich auf dem Platz auf. Sie plauderten miteinander und charterten Gleiter oder ultraleichte düsengesteuerte Maschinen. Lediglich zwei von ihnen, Somps und Solokov, gehörten zu Dr. Hillis' Gästen.
Solokov war immer noch ganz der alte; untersetzt, kräftig, weltmännisch. Seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, war sein Haar ein wenig schütter geworden.
Somps überraschte mich. Er besaß eine große, vornübergebeugte, schlecht proportionierte Figur und eine Hakennase. Das stumpfe Haar war windzerzaust, die Hände baumelten linkisch an den Seiten herab.
Beide trugen Fliegermonturen. Die von Solokov bestand aus einem schicken braunen Cordstoff, Somps hingegen trug einen zerknitterten Arbeitsoverall von der Raumstation Kosmograd. Sie war grellorange, hatte Schmutzränder an den Ärmeln, und die aufgenähten Missionsabzeichen aus kyrillischen Buchstaben wirkten ausgefranst.
Sie unterhielten sich gerade über eine kleine Flugmaschine, die sich noch im Teststadium befand, da trat ich in ihr Blickfeld. Solokov erkannte mich und nickte; Somps befragte seinen Codeschlüssel und deutete ein zerstreutes Lächeln an.
Gemeinsam betrachteten wir die Flugmaschine. Es handelte sich um ein bizarres ultraleichtes Gerät mit vier paarweise angeordneten flachen Flügeln. Es erinnerte an eine Libelle.
Die transparenten Schwingen waren lang und dünn, über netzartige Plastikverstrebungen hatte man einen das Licht reflektierenden glänzenden Film gespannt. Ein gepolsterter Sitz unter den Flügeln nahm den Piloten auf, der mit zwei Steuerknüppeln den Flug kontrollierte. In dem wuchtigen Rumpf und dem langgezogenen, der Balance dienenden Heckteil befand sich der Motor.
Die Flügel waren beweglich und konnten auf und ab schlagen. Vor uns stand ein einsitziger, mit Motorenkraft angetriebener Ornithopter. Etwas Ähnliches hatte ich noch nie gesehen. Unwillkürlich ließ ich mich von der Eleganz dieser Konstruktion beeindrucken. Es fehlte der Farbanstrich, und der bloßliegenden wirren Verdrahtung sah man an, daß es sich um einen Prototyp handelte, doch die Grundstruktur entzückte das Auge.
»Wer fliegt das Ding?« fragte ich.
Solokov hob die Schultern. »Ich«, entgegnete er. »Mein längster Flug dauerte zwanzig Sekunden.«
»Warum so kurz?« Ich blickte in die Runde. »Ich nehme an, daß an freiwilligen Testpiloten kein Mangel herrscht. Ich hätte große Lust, selbst zu einem Probeflug zu starten.«
»Keine Avionik«, murmelte Somps.
Solokov schmunzelte. »Mein Kollege meint damit, daß die Libelle über keinen Bordcomputer verfügt, Mister de Kooning.« Er deutete auf die anderen ultraleichten Maschinen. »Diese Fluggeräte dort sind hochintelligent, deshalb kann jeder sie fliegen. Sie sind benutzerfreundlich, wie man zu sagen pflegt. Sie besitzen einen Sonar, Strömungsdetektoren, Tragflächenkontrollen, eine Überziehwarnanlage und so weiter und so fort. Sie steuern sich beinahe selbsttätig. Die Libelle hingegen ist ganz anders. Sie wird von Hand bedient.«
Du kannst Dir vorstellen, mein lieber MacLuhan, wie sehr mich diese Neuigkeit erstaunte und interessierte. Ohne Computer fliegen? Ebensogut könnte man versuchen, ohne Teller und Besteck zu essen. Mir kam der Gedanke, dieses Unterfangen könne mit einem hohen Risiko behaftet sein.
»Wieso?« fragte ich. »Warum verzichtet man auf die Kontrollen?«
Somps grinste zum erstenmal und entblößte dabei lange schmale Zähne. »Sie sind noch gar nicht erfunden worden. Bis jetzt gibt es für diese Schwingenkinematik keine Algorithmen. Vier auf und ab schlagende Flügel – dieser Vorgang erzeugt einen Auftrieb durch ineinander verwirbelte Strömungsfelder. Sie haben sicher schon Libellen fliegen sehen.«
»Ja?« ermunterte ich ihn zum Weitersprechen.
Solokov spreizte die Finger. »Es ist ein revolutionärer Durchbruch. Herkömmliche Maschinen fliegen mittels einfacher starrer Tragflächen. Sie lassen sich durch einen Computer steuern. Aber sehen Sie, mit den Berechnungen der Interaktionen von vier sich bewegenden Flügeln ist eine Automatik überfordert. Für diesen Mechanismus gibt es keine Programme. Die Computer können keine entsprechende Software erstellen, weil sie die Mathematik nicht kennen.« Er tippte sich an den Kopf. »Nur Marvin Somps kennt sie.«
»Libellen nutzen Störungen im Strömungsfeld aus«, sagte Somps. »Theorien über die kontinuierliche Aerodynamik erklären nicht, warum sich die Libelle in die Luft erhebt. Sämtliche Formen ihrer Fortbewegung lassen sich durch keine noch so komplizierte Mathematik erfassen. Das Insekt vermag in der Luft stillzustehen, kann Richtungsänderungen in jedem beliebigen Winkel und selbst unter hoher Beschleunigung vollführen, es beherrscht den Steilflug, Sturzflug sowie das ruhige Dahingleiten. Mit der konventionellen Lehre der Aerodynamik kommen wir hier nicht weiter.« Er kniff die Augen zusammen. »Das Geheimnis sind instabile, separate Aufwärtsströmungen.«
»Ach«, staunte ich. Ich wandte mich Solokov zu. »Ich wußte gar nicht, daß Sie sich in der Mathematik auskennen, Fred.«
Solokov schmunzelte. »Das ist auch nicht der Fall. Doch vor Jahren machte ich ein Kosmonautentraining mit. Dazu gehörte auch eine Grundausbildung zum Piloten. Ein paarmal mußten wir primitive Flugzeuge ohne Avionik fliegen, nur nach Gefühl, wie man ein Fahrrad fährt. Der Verstand spielt dabei eine untergeordnete Rolle, auf das Nervensystem kommt es an, auf den angeborenen Instinkt. Computer fliegen mit Hilfe ihrer Intelligenz, sie empfinden nichts.«
Ich spürte, wie meine innere Erregung wuchs. Somps und Solokov experimentierten mit den zentralen Wahrheiten unserer modernen Zeit. Gefühl; Stimmungen, Empfindungen, Intuition und Geschmack; dies sind die grundlegenden Elemente, die den Menschen von der oberflächlichen Logik unserer heutigen intelligenzgesteuerten Umwelt unterscheiden. Intelligenz ist billig; der Reiz, etwas aus eigener Kraft zu beherrschen, dafür um so köstlicher. Die Libelle zu fliegen, war keine Wissenschaft, sondern eine Kunst!
Ich wandte mich an Somps. »Haben Sie die Maschine ebenfalls ausprobiert?«
Somps blinzelte und nahm seine Demutshaltung wieder ein. »Ich leide unter Höhenangst.«
Diese Feststellung merkte ich mir. Lächelnd fragte ich: »Aber wie können Sie dieser Versuchung widerstehen? Ich spielte mit dem Gedanken, mir einen der herkömmlichen Gleiter zu chartern, doch nachdem ich diesen Apparat gesehen habe, kann mich nichts anderes mehr reizen.«
Somps nickte. »Ich denke genauso. Die Trendsetter … sie lieben das Neue. Glanz und Flitter. Die Maschine müßte sich gut verkaufen lassen, wenn sie erst einmal in die Produktion kommt. Serienmäßig, meine ich.« Sein Tonfall schwankte zwischen Resignation und Trotz. Ermutigend nickte ich ihm zu, während mir eine Reihe erlesener Beschimpfungen durch den Kopf gingen: Profitgeier, elender Vivisektionist und so weiter …
Die Idee selbst stand auf soliden Füßen. Jedes Gerät mit der anmutigen Eleganz dieser Flugmaschine mußte in unserer heutigen Freizeitgesellschaft Anklang finden. Doch zuerst war es erforderlich, den Apparat gründlich durchzustylen und mittels einer klugen Werbekampagne auf den Markt zu bringen. Und Somps, der mir wie ein Fachidiot vorkam, schien mir nicht der richtige Mann für diese Aufgabe zu sein.
An der Art und Weise, wie er über den Flugmechanismus sprach, erkannte man, daß er sein ein und alles war. Stundenlang hatte er auf diesem Plateau herumgewerkelt, sich mit Schaltungen und Drähten beschäftigt, während sich seine Verlobte halb zu Tode grämte.
Eine solche Hingabe an ein technisches Werk hätte in den Tagen der Dampfmaschine Anerkennung gefunden. Doch die heutige humanere Ära rückte Somps' Verhalten an die Grenze zum Kriminellen. Dieser Langweiler, der mit dem Kopf in den Wolken steckte, benutzte meine arme Leona dazu, sich die finanziellen Mittel für seine im Prinzip sinnlosen intellektuellen Experimente zu verschaffen.
Meine Begegnung mit den beiden Ex-Kosmonauten versorgte mich mit reichlich Stoff zum Nachdenken. Mit höflichen Komplimenten verabschiedete ich mich und mietete mir einen der ortsüblichen Hängegleiter. Um mich mit der Maschine vertraut zu machen, umkreiste ich ein paarmal den Thron des Adonis, dann flog ich hinüber zum Kuppelbau.
Die Wirkung war berauschend. Ich fühlte mich wie verzaubert. Sicher geborgen im starken und doch elastischen Gerüst der Maschine, die majestätisch und souverän dahinglitt, kam ich mir vor wie ein Erzengel. Dennoch ertappte ich mich bei der Vorstellung, welches Gefühl es wohl wäre, ohne die schützende Computersteuerung zu fliegen.
Man würde aus allen Poren schwitzen, sich der nackten Gefahr bewußt sein, Adrenalin durch die Adern pumpen; und die dämmrigen Schluchten tief unten wären nicht länger ein ehrfurchtgebietendes Panorama, sondern ein tödlicher Abgrund.
Ich gestehe, ich war froh, als ich die Maschine selbstgesteuert zur Mesa zurückschicken konnte.
Im Haus speiste ich dann zu Abend, wobei ich entschieden die Gerichte aus stinkendem versengten Fleisch zurückwies, an denen sich die älteren der Gäste delektierten. (›Barbecue‹ nannten sie diese eklige Barbarei. In meinen Augen ist es glatter Mord.) Ich saß an einer langen Tafel zusammen mit Claire Berger, Percival Darrow und einigen anderen von Leonas Freunden, die von der Westküste her angereist waren. Mari trat nicht in Erscheinung.
Leona kam später hinzu, als die Maschinen die Tische bereits abgeräumt hatten und die jüngeren Gäste sich um das Kaminfeuer versammelten. Leona und ich taten so, als gingen wir einander aus dem Weg, heimlich tauschten wir jedoch verstohlene Blicke. Das weiche Dämmerlicht und die grandiose Landschaft trugen dazu bei, daß das Gespräch sich bald um die beiden Pole der heutigen Existenz drehten: das Schöne und das Erhabene. Wir stellten Listen auf: Das Land ist schön, das Meer ist erhaben; der Tag ist schön, die Nacht ist erhaben; das Handwerk ist schön, die Kunst ist erhaben … und so weiter.
Die Behauptung, das Männliche sei schön, während das Weibliche erhaben sei, löste eine hitzige Diskussion aus. Während der Streit voll im Gange war, streiften Darrow und ich unsere Codeschlüssel von den Handgelenken und ließen sie im Gemeinschaftszimmer liegen. Jemand, der uns ausfindig machen wollte, mußte annehmen, wir befänden uns dort, während wir in Wirklichkeit pläneschmiedend zwischen den Maschinen in der Küche steckten.
Darrow erläuterte mir sein Vorhaben. Er wollte Solokov der Feigheit bezichtigen und seinen Rivalen ausstechen, indem er selbst einen Probeflug mit der Libelle riskierte. Notfalls scheute er nicht davor zurück, den Apparat zu stehlen. Solokovs Leistung bestand lediglich darin, daß er ein paarmal mühevoll über den Tafelberg gekreist war. Darrow hingegen plante, sich hoch in die Lüfte zu schwingen und die Maschine seinem Willen unterzuordnen.
»Mir scheint, Sie sind sich der Gefahren nicht voll bewußt«, warnte ich ihn.
»Ich fliege seit meiner Kindheit«, höhnte er. »Sagen Sie jetzt bloß nicht, Sie fürchten sich auch.«
»Die Maschinen, die Sie bis jetzt geflogen haben, waren computergesteuert«, hielt ich ihm entgegen. »Aber die Libelle ist sozusagen blind. Der Versuch könnte Sie das Leben kosten.«
»Draußen auf Big Sur pflegten wir sie zu manipulieren«, erwiderte er. »Wir schalteten den Autopiloten ab. Es ist ganz einfach, wenn man weiß, an welcher Stelle der Hauptsensor liegt. Es verstößt gegen das Gesetz, aber ich hab's trotzdem getan. Ihnen kann das Ganze doch nur recht sein. Wenn ich mir das Genick breche, steht Somps wie ein Krimineller da, oder etwa nicht? Seinen guten Ruf wäre er ein für allemal los.«
»Das ist eine Frechheit«, tadelte ich ihn, doch ich konnte mir ein Lächeln der Bewunderung nicht verkneifen. Zuweilen reagiere ich genauso heißblütig wie Darrow, und wenn ich den Plan auch nicht billigen konnte, so nötigte mir die Idee jedoch Hochachtung ab.
»Ich tu's auf jeden Fall«, beharrte Darrow. »Seien Sie meinetwegen unbesorgt. Sie sind nicht mein Aufpasser, und die Entscheidung liegt allein bei mir.«
Ich dachte nach. Mir war klar, daß ich es nicht schaffen würde, ihm seinen Plan auszureden. Ich hätte ihn verraten können, doch ein Vertrauensbruch ist völlig unter meinem Niveau. »Na schön«, sagte ich, während ich ihm auf die Schulter klopfte. »Wie kann ich Ihnen helfen?«
Unser Projekt machte rasche Fortschritte. Als alles besprochen war, kehrten wir zu den anderen Gästen zurück, nahmen unsere Plätze beim Kamin wieder ein und befestigten diskret die Codeschlüssel an den Handgelenken. Zu meinem Entzücken stellte ich fest, daß Leona eine private Mitteilung in meinen Schlüssel eingegeben hatte. Sie bat um ein mitternächtliches Rendezvous.
Nachdem sich die Gesellschaft zerstreut hatte, wartete ich in meinem Zimmer auf sie. Endlich sah ich den heißersehnten Schein einer Lampe im Korridor auftauchen. Geräuschlos öffnete ich die Tür.
Sie trug ein langes Nachthemd, das sie anbehielt, doch sonst versagten wir uns nichts, außer der endgültigen Befriedigung. Als sie mich eine Stunde später verließ, nachdem sie mir noch ein paar Zärtlichkeiten ins Ohr geflüstert hatte, summten und vibrierten mir die Nerven wie Synthesizer.
Ich zwang mich dazu, zwei Pillen zu schlucken, und wartete darauf, daß der Schmerz in meinen Lenden abflaute. Stundenlang lag ich wach und starrte gegen die Decke aus Zedernbalken. Ich träumte davon, Tage, Wochen, Jahre mit dieser bezaubernden Frau zu verbringen.
Darrow und ich standen am nächsten Morgen früh auf. Schlafmangel und durch die carezza bewirkte Adrenalinausstöße machten mich aggressiv und reizbar. Wir lauerten dem arglosen Solokov auf, der sein morgendliches Joggingpensum absolvierte.
Wir fingen ihn ab, als er ins Haus gehen wollte, um eine dringend notwendige Dusche zu nehmen. Ich sprach ihn an, indem ich ihm von meinem Flug mit dem Hängegleiter vorschwärmte. Wie zufällig näherte sich Darrow und machte ein paar bissige Bemerkungen, die sich auf die Libelle bezogen.
Anfangs blieb Solokov höflich und versuchte Streit zu vermeiden. Doch meine laut vorgetragenen scheinheiligen Fragen trieben den armen Fred in die Enge. Er bemühte sich krampfhaft, die Gründe für Somps' vorsichtiges Testprogramm zu erläutern.
Doch als er gezwungenermaßen zugeben mußte, daß er sich mit der Libelle nie länger als zwanzig Sekunden in der Luft befunden hatte, kicherten die Zuhörer, die sich nun um uns scharten.
Mit der Ankunft von Krokodil Nr. 1 brach eine gewisse Hektik aus. Ich hatte erfahren, daß dieser schrullige Alte Craig Deakin hieß und Doktor der Medizin war. Er hatte Dr. Hillis behandelt! Kein Wunder, daß Leonas Vater mit einem Bein im Grab stand!
Offen gestanden, hatte ich immer eine Todesangst vor Ärzten. Als ich das letzte Mal von einem richtigen menschlichen Arzt berührt wurde, war ich noch ein Kind, doch ich kann mich noch gut an die tastenden Finger und kalten Augen erinnern. Stell Dir vor, mein lieber MacLuhan – seine Gesundheit, ja sein Leben in die Hände eines fehlbaren Menschen zu geben, der betrunken sein könnte, vergeßlich oder gar bestechlich! Gott sei Dank ist diese Berufssparte seit dem Aufkommen der medizinischen Autosysteme so gut wie ausgestorben.
Deakin gesellte sich zu uns, indem er an Darrow eine ätzende Bemerkung richtete. Mittlerweile war mein Blut in Wallung, und ich verlor die Geduld mit diesem sauertöpfischen Fossil. Kurz und gut, es gab eine Szene, wobei Darrow und ich die Oberhand behielten. Darrows flammende Rhetorik und mein eisiger Sarkasmus bildeten eine ideale Kombination, so daß der arme Solokov, der ernsthaft verwirrt und verlegen war, sich nicht gegen uns wehren konnte.
Was Deakin betrifft, der blamierte sich schlichtweg.
Es bedurfte keiner Tricks oder Finessen, um ihn als den zu entlarven, der er war – ein arroganter, primitiver Schwindler, der mit der modernen Zeit nicht Schritt halten konnte.
Zum Schluß flüchtete sich Solokov zu den Duschen, und wir genossen unseren Triumph. Deakin, der immer noch Gift und Galle spuckte, schlurfte kurz darauf gleichfalls fort. Ich schmunzelte, als ich sah, wie unsere aufmerksam lauschende kleine Zuhörerschaft reagierte. Die Leute wichen vor Deakin zurück, als fürchteten sie, von ihm berührt zu werden. Kein Wunder! Man stelle sich vor, MacLuhan – dieser Mann faßte erkranktes Fleisch an, gegen Bezahlung! Dabei läuft es einem kalt über den Rücken.
Beflügelt von unserem Triumph, suchten wir dann den nichts ahnenden Marvin Somps auf.
Zu unserer Überraschung stellten wir anhand unserer Codeschlüssel fest, daß er sich in Gesellschaft von Mari Kuniyoshi und ihrem allgegenwärtigen Schatten Claire Berger befand. Die drei beobachteten die Vorbereitungen für die abendliche Feier: Im Steingarten hinter der Kuppel wurden Projektionswände und Lautsprecheranlagen aufgestellt.
Ich ging zu ihnen, während Darrow unter den Bäumen herumtrödelte. Mit höflicher Gleichgültigkeit begrüßte ich Somps, dann sonderte ich Mari unauffällig von den anderen ab. »Hast du deinen Mister Darrow kürzlich gesehen?« flüsterte ich ihr zu.
»Nein«, gab sie lächelnd zurück, »das habe ich dir zu verdanken, stimmt's?«
Bescheiden hob ich die Schultern. »Anscheinend klappt es mit dir und Fred vorzüglich. Wieso ist er eigentlich hier?«
»Ach«, entgegnete sie, »der alte Hillis bat ihn, Somps zu helfen. Somps hat irgendeine gefährliche Maschine erfunden, die kein Mensch kontrollieren kann. Außer Fred, natürlich.«
Ich blieb skeptisch. »Man munkelt, das Gerät habe sich kaum vom Erdboden gelöst. Ich hatte keine Ahnung, daß Fred der Pilot ist. Solche Furchtsamkeit sieht ihm doch gar nicht ähnlich.«
»Er war Kosmonaut«, versetzte Mari hitzig.
»Der da auch«, erwiderte ich, während ich Somps ansah und eine Braue lupfte. Die sanfte Brise zauste ihm das strähnige Haar, das wirr vom Schädel abstand. Er und Claire Berger unterhielten sich angeregt über technische Dinge wie Schrauben und Muttern. Linkisch gestikulierte er mit den großen Händen. In dem zerknitterten konservativen Anzug wirkte Somps wie das genaue Gegenteil eines tollkühnen, heldenmütigen Flugpioniers. Ich setzte ein zuversichtliches Lächeln auf. »Natürlich zweifle ich keine Sekunde lang an Freds Tapferkeit. Vermutlich mißtraut er Somps' Konstruktion.«
Aus leicht zusammengekniffenen Augen warf Mari ihm einen schrägen Blick zu. »Meinst du?«
Ich hob die Schultern. »Im Camp behauptet man, die Flüge hätten lediglich zehn Sekunden gedauert. Die Leute machen sich darüber lustig. Aber das ist nicht weiter schlimm. Ich glaube nicht, daß jemand weiß, wer der Pilot war. In dieser Hinsicht kann Fred ganz beruhigt sein.«
Maris Augen blitzten auf. Sie marschierte entschlossen zu Somps. Ich lüftete den Hut und strich mir übers Haar, das vereinbarte Zeichen für den im Hintergrund lauernden Darrow.
Nur zu gern ließ sich Somps in eine Diskussion über sein jüngstes Werk verwickeln. »Zehn Sekunden? O nein, es waren zwanzig! Ich selbst habe die Zeit gestoppt.«
Mari lachte verächtlich. »Zwanzig? Was ist denn los?«
»Wir befinden uns in der allerersten Testphase. Es handelt sich um vollkommen neue Hypothesen der Aerodynamik. Wir betreten unerforschtes Gebiet«, gab Somps in leierndem Ton von sich. »Die Tests machen nur langsame Fortschritte, aber auf diese Weise verringern wir das Risiko auf ein kalkulierbares Maß.« Aus seiner zerknitterten Jacke holte er ein mit Tintenklecksen beschmiertes Notizbuch. »Ich kann Ihnen ein paar Formeln über intermittierende Aufwärtsströmungen nennen …«
Mari blickte verdutzt drein. Ich mischte mich in das Gespräch. »Wie ich hörte, stammt der Vorschlag, das Projekt langsam anzugehen, von Ihrem Piloten.«
»Wie bitte? Meinen Sie Fred? O nein, damit hat er nichts zu tun! Er verfolgt lediglich meine Anweisungen.«
Darrow schlenderte heran, die Hände lässig in den Hosentaschen vergraben. Sein Blick ruhte auf allem möglichen, nur nicht auf uns vier. Er gab sich so betont leger, daß ich befürchtete, Mari könne sein Gehabe durchschauen. Doch die Anspielung auf den Spott der Öffentlichkeit hatte sie tief in ihrer japanischen Seele getroffen. »Er befolgt Anweisungen?« wiederholte sie mit gepreßter Stimme. »Die Leute lachen über ihn. Sie sind schuld daran, wenn Ihr Testpilot das Gesicht verliert.«
Ich nahm ihren Arm. »Um Himmels willen, Mari! Es handelt sich um ein kommerzielles Projekt. Du kannst von Dr. Somps nicht verlangen, daß er sein Flugzeug einem Draufgänger anvertraut.«
Dankbar lächelte Somps mir zu. Plötzlich ergriff auch Claire Berger für ihn Partei. »Um die Libelle steuern zu können, bedarf es einer speziellen Ausbildung und strenger Disziplin. Man kann nicht einfach hineinspringen und in die Höhe schnellen, wie eine Scheibe Toast aus einem Brotröster. Marvins Maschine fliegt ohne Computer.«
Ich gab Darrow ein Zeichen. Er schloß sich unserem Kreis an. »Was höre ich da vom Fliegen?« begann er scheinheilig. »Sind Sie auch unterwegs zum Flugplatz?«
»Wir sprechen gerade über Dr. Somps' Fluggerät«, erwiderte ich so natürlich wie möglich.
»Ach, das Zehn-Sekunden-Wunderding?« Darrow grinste verschmitzt. Er verschränkte die strammen Arme. »Ich brenne darauf, diese Maschine zu fliegen. Wie ich hörte, hat sie keinen Computer und muß rein nach Gefühl gelenkt werden. Eine tolle Herausforderung, was?«
Ich runzelte die Stirn. »Seien Sie kein Narr, Percival! Für einen Amateur wäre ein Probeflug viel zu riskant. Außerdem ist es Freds Job.«
»Es ist nicht sein Job«, brummte Somps. »Er tut mir bloß einen Gefallen.«
Doch Darrow fuhr ihm über den Mund. »Mir scheint, damit ist der alte Knabe ein bißchen überfordert. Sie brauchen jemanden mit erstklassigen Reflexen, Dr. Somps. Ich bin bereits früher nach Gefühl geflogen; schon sehr oft sogar. Wenn Sie jemanden brauchen, der bereit ist, ein Wagnis einzugehen, dann bin ich Ihr Mann.«
Somps blickte gequält drein. »Sie würden abstürzen. Ich brauche einen Techniker, keinen Heißsporn.«
»Ach«, entgegnete Darrow mit beißendem Hohn, »einen Techniker! Entschuldigung, ich hatte gedacht, Sie brauchten einen Flieger.«