Spider Rose
Spider Rose fühlte nichts, oder beinahe nichts. Es hatte Gefühle gegeben, ein Geflecht verknoteter, zweihundert Jahre alter Emotionen. Sie hatte sie mit einer Gehirninjektion zerschmettert. Was jetzt noch von ihren Gefühlen übrig war, ähnelte einer Küchenschabe nach einem Schlag mit dem Hammer.
Spider Rose kannte sich mit Küchenschaben aus; sie waren das einzige tierische Leben in den Orbitalstationen der Mechanisierer. Sie hatten von Anfang an die Raumfahrt behelligt; sie waren zu zäh, vermehrten sich zu schnell und waren zu anpassungsfähig, um ausgerottet zu werden. Die Mechanisierer hatten aus der Not eine Tugend gemacht und mit Hilfe genetischer Techniken, die sie ihren Rivalen, den Formern, gestohlen hatten, die Schaben in farbenfrohe Haustiere verwandelt. Einer von Spider Roses Lieblingen war eine dreißig Zentimeter lange Schabe, deren glänzender schwarzer Chitinpanzer mit gelben und roten Pigmentpusteln bedeckt war. Das Tier hockte auf ihrem Kopf und trank den Schweiß von ihrer ebenmäßigen Stirn, aber Rose bemerkte es nicht. Sie war abwesend, sie hielt Ausschau nach Besuchern.
Sie beobachtete den Weltraum durch acht Teleskope, deren Bilder gebündelt und durch eine Nerven-Kristall-Schnittstelle an ihrer Schädelbasis direkt ins Gehirn eingespeist wurden. Sie hatte jetzt acht Augen, genau wie ihr Symbol, die Spinne. Ihre Ohren waren mit den schwachen, gleichmäßigen Impulsen eines Radars verbunden, und sie lauschte und wartete auf die eigenartigen Verzerrungen, welche die Gegenwart eines Investiererschiffes verrieten.
Rose war klug. Im Grunde war sie verrückt, aber ihre Überwachungstechnik sorgte dafür, daß die chemische Grundlage geistiger Gesundheit künstlich aufrechterhalten wurde. Für Spider Rose war das normal.
Und es war normal; nicht für menschliche Wesen, sondern für eine zweihundert Jahre alte Mechanisiererin, die in einem rotierenden Netz den Planeten Uranus umkreiste. In ihrem Körper kochten Verjüngungshormone, ihr kluges, altersloses Gesicht war glatt, als wäre es gerade aus der Gußform gekommen, ihr langes weißes Haar schien wie ein Büschel Glasfasern mit kleinen Lichtperlen an den zugespitzten Enden, die wie winzige Edelsteine funkelten … Sie war alt, aber darüber dachte sie nicht nach. Sie war einsam, aber sie hatte das Gefühl mit Drogen zermalmt. Und sie besaß etwas, das die Investierer wollten; etwas, für dessen Besitz diese reptilischen außerirdischen Händler ihre Augen gegeben hätten.
Sie saß in ihrem Netz aus polymerisierten Kohlenstoffen, in dem weitgespannten Frachtnetz, dem sie ihren Namen verdankte, und sie besaß einen Edelstein in der Größe eines Busses.
Und so beobachtete sie, das Gehirn direkt mit den Instrumenten verbunden, unermüdlich, nicht übermäßig interessiert, aber gewiß nicht gelangweilt. Langeweile war gefährlich. Langeweile erzeugte Unruhe, und Unruhe konnte in einer Raumstation tödlich sein, wo ein dummer Streich oder sogar bloße Achtlosigkeit schon töten konnten. Das richtige Verhalten zum Überleben war dieses: im Mittelpunkt des geistigen Netzes lauern, euklidische Spinnenfäden der Rationalität in alle Richtungen aussenden, die gekrümmten Beine bereit, um beim leichtesten Zittern aktiv zu werden. Und wenn sie dieses zerrende Gefühl in den Fäden spürte, dann eilte sie hin, erwürgte, zerstückelte und spießte das Opfer sauber und genießerisch mit ihrem Giftstachel auf …
Da. Ihre achtfältigen Augen erblickten in einer Viertelmillion Meilen Entfernung die Verwerfungen eines Investiererschiffs. Die Investiererschiffe hatten keine konventionellen Triebwerke und strahlten keine meßbaren Energien ab; das Geheimnis ihres Sternenantriebs wurde streng gehütet. Alles, was die Parteien (die immer noch als »Menschheit« bezeichnet wurden, weil ein besserer Begriff fehlte) mit Sicherheit über den Antrieb der Investierer wußten, war, daß er ausgedehnte parabolische Verzerrungen vom Heck der Schiffe aussandte und vor dem Hintergrund der Sterne eine Art Wellenmuster erzeugte.
Spider Rose löste sich teilweise aus ihrem statischen Beobachtungsmodus und spürte wieder ihren Körper. Die Computersignale waren verstummt und wurden vom Spiegelbild ihres Gesichts in einer Glasscheibe, durch die sie blickte, überlagert. Sie wies die Anlage über eine Tastatur an, einen Kommunikationslaser auf das Investiererschiff zu richten und eine Kennung abzustrahlen: ein Geschäftsangebot. (Funk war zu gefährlich, denn er konnte Neuformer-Piraten anlocken; sie hatte schon drei von ihnen töten müssen.)
Sie wußte, daß sie gehört und verstanden worden war, als das Investiererschiff augenblicklich abbremste und in einem Winkel weiterflog, der allen Gesetzen der Raumdynamik Hohn sprach. Während sie wartete, lud Spider Rose ein Übersetzungsprogramm für die Investierersprache. Es war fünfzig Jahre alt, aber die Investierer waren ein unbeweglicher Haufen; nicht wirklich konservativ, sondern eher an Veränderungen einfach nicht interessiert.
Als das Investiererschiff zu nahe an ihrer Station war, um mit dem Sternenantrieb zu manövrieren, entfaltete es mit Hilfe von Gasdruck ein geschmücktes Sonnensegel. Das Segel war groß genug, um einen kleinen Mond wie ein Geschenk einzuwickeln, und dünner als zweihundert Jahre alte Erinnerungen. Obwohl es zart wie ein Windhauch war, trug es Zeichnungen, die nur eine einzige Molekülschicht dick waren: Titanische Szenen von Investierer-Flotten, deren gerissene Händler winzige Zweifüßler betrogen; leichtgläubige Gasbeutel von überschweren Planeten, die vor Reichtum und Wasserstoff fast platzten. Gewaltige juwelbeladene Königinnen der Investiererrasse prahlten, umgeben von bewundernden männlichen Harems, über kilometerhohen Investoren-Hieroglyphen, auf Notenlinien gesetzt, damit der Betrachter die Tonart erkannte, mit ihrer Sangeskunst.
Der Bildschirm vor ihr knisterte statisch, dann erschien ein Investierergesicht. Spider Rose zog den Stecker aus ihrem Hals. Sie musterte das Gesicht: die riesigen glasigen Augen, halb versteckt hinter Nickhäuten, der Regenbogenkragen hinter stecknadelkopfgroßen Ohren, die höckrige Haut, das reptilische Grinsen, Zähne in der Größe von Zeltpfählen. Das Ding machte Geräusche: »Hier ist der Schiffsbeauftragte«, übersetzte ihr Computer. »Lydia Martinez?«
»Ja«, erwiderte Spider Rose und schenkte sich die Mühe zu erklären, daß ihr Name sich geändert hatte. Sie hatte viele Namen.
»Wir hatten schon früher profitable Kontakte mit Ihrem Mann«, sagte der Investierer neugierig. »Wie geht es ihm?«
»Er ist vor dreißig Jahren gestorben«, sagte Spider Rose. Sie hatte den Kummer zerquetscht. »Neuformer-Mörder haben ihn umgebracht.«
Der Investiereroffizier ließ seine Halskrause flackern. Er war nicht verlegen. Verlegenheit war unter Investierern ein unbekanntes Gefühl. »Schlecht fürs Geschäft«, sagte er bedauernd. »Wo ist dieser Edelstein, den Sie erwähnten?«
»Ich schicke die Daten«, sagte Spider Rose und tippte auf ihrer Tastatur herum. Sie sah zu, wie auf dem Bildschirm ihre sorgfältig vorbereitete Verkaufsstrategie abrollte. Der Kommunikationsstrahl war abgeschirmt, damit keine feindlichen Organe mithören konnten.
Es war ein einmaliger Fund gewesen. Das Ding war als Teil eines gletscherähnlichen Eismondes des Protoplanten Uranus ins Leben gekommen; es war zerschmettert worden, geschmolzen und im unendlich langen, erbarmungslosen Bombardement der kosmischen Strahlung neu kristallisiert. Der Mond war mindestens viermal zerbrochen, und jedesmal waren unter ungeheurem Druck Mineralien in die Risse gepreßt worden: Kohlenstoff, Magnesiumsalze, Beryllium, Aluminiumoxid. Als der Mond schließlich zum berühmten Ringkomplex zerlegt wurde, war der massive Eisbrocken unendlich lange Zeit durch den Weltraum getrieben, war in harte Strahlung geraten, hatte im elektromagnetischen Oszillieren, das für alle Ringformationen typisch war, Ladungen aufgenommen und wieder abgegeben.
Und in einem entscheidenden Augenblick vor einigen Millionen Jahren hatte er als Erdung für einen titanischen Blitz gedient, eine dieser geräuschlosen, unsichtbaren elektrischen Entladungen, durch welche sich über Jahrzehnte aufgebaute Spannungen auflösten. Der größte Teil der Außenhülle des Eisbrockens war als Plasma davongeweht. Der Rest war – verändert. Mineralische Einschlüsse waren jetzt Adern und Venen aus Beryllium, die sich hier und dort zu Klumpen aus Rohsmaragd, groß wie Investiererköpfe, verdichteten. Durch den ganzen Körper zogen sich Haarlinien von rotem Korund und purpurnem Granat. Es gab Klumpen von geschmolzenen Diamanten, verrückt gefärbten, glitzernden Diamanten, die aus dem durch die Strahlung veränderten metallischen Kohlenstoff entstanden waren. Sogar das Eis selbst hatte sich in etwas Prächtiges, Einzigartiges und nach Definition deshalb Wertvolles verwandelt.
»Sie führen uns sehr in Versuchung«, sagte der Investierer. Für seine Verhältnisse hatte er damit große Begeisterung ausgedrückt. Spider Rose lächelte. Der Gesandte fuhr fort: »Das ist eine ungewöhnliche Ware, deren Wert schwer zu bestimmen ist. Wir bieten Ihnen eine Viertelmillion Gigawatt.«
Spider Rose sagte: »Ich habe genug Energie, um meine Station zu betreiben und mich zu verteidigen. Ihr Angebot ist großzügig, aber soviel könnte ich gar nicht speichern.«
»Wir würden Ihnen zur Speicherung außerdem ein stabilisiertes Plasmagitter überlassen.«
Diese unerwartete, sagenhafte Großzügigkeit sollte sie überwältigen. Die Konstruktion von Plasmagittern überstieg die menschlichen technischen Fähigkeiten bei weitem, und eins zu besitzen wäre ein neues Weltwunder. Aber es war das letzte, was sie wollte. »Kein Interesse«, sagte sie. .
Der Investierer hob seine Halskrause. »Sie sind nicht an der grundlegenden Währungseinheit des galaktischen Handels interessiert?«
»Nicht, wenn ich nur bei Ihnen etwas dafür bekomme.«
»Der Handel mit jungen Rassen ist eine undankbare Aufgabe«, bemerkte der Investierer. »Dann nehme ich an, Sie wollen lieber Informationen. Ihr jungen Rassen wollt immer Technologie eintauschen. Wir können Ihnen einige Former-Techniken verkaufen – sind Sie daran interessiert?«
»Industriespionage?« sagte Spider Rose. »Das hätten Sie vor achtzig Jahren bei mir versuchen können. Nein, ich kenne euch Investierer nur zu gut. Im Gegenzug verkauft ihr dann Mechanisierertechniken an sie, damit das Gleichgewicht der Macht gewahrt bleibt.«
»Wir lieben den Konkurrenzkampf des freien Marktes«, gab der Investierer zu. »Das hilft uns, schmerzliche Monopolsituationen zu vermeiden wie jene, mit der wir jetzt gerade bei den Verhandlungen mit Ihnen zu tun haben.«
»Ich will keine Macht irgendeiner Art. Status bedeutet mir nichts. Zeigen Sie mir etwas Neues.«
»Kein Interesse an Status? Was sollen Ihre Gefährten dazu sagen?«
»Ich lebe allein.«
Der Investierer versteckte seine Augen hinter den Nickhäuten. »Haben Sie Ihre geschlechtlichen Instinkte unterdrückt? Das ist eine gefährliche Entwicklung. Nun, dann versuche ich etwas anderes. Was halten Sie von Waffen? Wenn Sie bestimmten Regelungen in bezug auf ihre Benutzung zustimmen, können wir Ihnen einzigartige und mächtige Waffen geben.«
»Ich komme auch so zurecht.«
»Wir könnten Ihnen unseren politischen Einfluß anbieten. Wir können die wichtigsten Former-Gruppen beeinflussen und Sie vertraglich vor ihnen schützen. Es würde zehn oder zwanzig Jahre dauern, aber es wäre möglich.«
»Die müssen eher Angst vor mir haben«, sagte Spider Rose, »nicht umgekehrt.«
»Wie wäre es dann mit einer neuen Station?« Der Investierer zeigte Geduld. »Sie könnten in massivem Gold leben.«
»Mir gefällt, was ich habe.«
»Wir haben auch einige Artefakte, über die Sie sich sicher amüsieren«, sagte der Investierer. »Bereiten Sie sich auf Datenübernahme vor.«
Spider Rose verbrachte acht Stunden mit der Begutachtung der angebotenen Waren. Es bestand kein Grund zur Eile. Sie war zu alt, um ungeduldig zu sein, und die Investierer liebten den Handel.
Man bot ihr farbenfrohe Algenkulturen, die Sauerstoff und exotische Parfüme produzierten. Es gab mehrschichtige Hüllen aus kollabierten Atomen, die gegen Strahlung schützen und zu ihrer Verteidigung beitragen konnten. Ausgefallene Techniken, die Nervenfasern in Kristall verwandelten. Ein glatter schwarzer Stab, der Eisen so weich machte, daß man es mit bloßen Händen biegen und gestalten konnte. Ein kleines Luxusunterseeboot für die Erforschung von Ammoniak- und Methanmeeren aus durchsichtigem metallischen Glas. Selbstreproduktive Kugeln aus bunten Silikaten, die heranwuchsen und ein Schauspiel von Geburt, Wachstum und Niedergang einer außerirdischen Kultur zeigten. Ein Land-Meer-Luftfahrzeug, das so winzig war, daß man es wie einen Anzug überstreifen konnte. »Planeten sind mir gleichgültig«, sagte Spider Rose. »Schwerkraft gefällt mir nicht.«
»Unter gewissen Umständen könnten wir auch einen Schwerkraftgenerator liefern«, sagte der Investierer. »Er müßte natürlich gegen Eingriffe geschützt sein wie der Stab und die Waffen und würde eher geliehen als verkauft. Wir müssen verhindern, daß diese Technologien unserer Kontrolle entzogen werden.«
Sie zuckte die Achseln. »Unsere eigenen Technologien haben uns ohnehin fast vernichtet. Wir können schon nicht mehr mit dem umgehen, was wir selbst haben. Ich sehe keinen Grund, mich mit noch mehr zu belasten.«
»Dies ist alles, was wir Ihnen anbieten können und was nicht auf der Verbotsliste steht«, sagte er. »Dieses Schiff führt eine große Anzahl Waren mit sich, die nur für Rassen geeignet sind, die bei äußerst niedriger Temperatur und unter extrem hohem Druck leben. Und wir haben Dinge, die Sie wahrscheinlich sehr genießen würden, die Sie aber wahrscheinlich umbringen würden, Sie oder Ihre ganze Rasse. Die Literatur der … (unübersetzbar) … zum Beispiel.«
»Ich kann die Literatur der Erde lesen, wenn ich einen fremdartigen Standpunkt sehen will«, sagte sie.
»… (unübersetzbar) … ist im Grunde keine Literatur«, sagte der Investierer wohlwollend. »Es ist eher eine Art von Virus.«
Eine Schabe landete auf ihrer Schulter. »Haustiere!« sagte er. »Haustiere! Lieben Sie Haustiere?«
»Sie sind der Trost in meiner Einsamkeit«, sagte sie, während sie das Tier an der Nagelhaut ihres Daumens knabbern ließ.
»Das hätte ich mir denken können«, sagte er. »Geben Sie mir zwölf Stunden.«
Sie ging schlafen. Als sie aufwachte, betrachtete sie, während sie weiter wartete, das fremde Raumschiff mit ihrem Teleskop. Alle Investiererschiffe waren mit phantastischen Mustern aus gestanztem Metall bedeckt: Tierköpfe, Metallmosaiken, reliefartig eingeritzte Szenen und Inschriften, dazu Frachtluken und Instrumente. Aber Experten hatten nachgewiesen, daß der Grundriß unter dem Schmuck immer der gleiche war: ein einfaches Achteck mit langen rechteckigen Seitenflächen. Die Investierer hatten sich einige Mühe gegeben, diese Tatsache zu verbergen; die landläufige Theorie besagte, daß die Schiffe von einer noch weiter fortgeschrittenen Rasse gekauft, bei ihr gefunden oder von ihr gestohlen worden waren. Die Investierer waren mit ihrer launischen Einstellung gegenüber Wissenschaft und Technologie eindeutig unfähig, sie selbst zu bauen.
Der Gesandte nahm den Kontakt wieder auf. Seine Nickhäute waren weiter geöffnet als üblich. Er hielt ein kleines geflügeltes Reptil hoch. Sein Rücken war gefärbt wie die Halskrause der Investierer. »Das ist das Maskottchen unseres Kommandanten. Es heißt ›Kleine Profitnase‹. Wir lieben es alle! Es fällt uns sehr schwer, uns von ihm zu trennen. Wir mußten uns entscheiden, ob wir bei diesem Geschäft unser Gesicht oder seine Gesellschaft verlieren.« Er spielte mit dem Tier. Es packte seine dicken Daumen mit kleinen schuppigen Händen.
»Er ist … niedlich«, sagte sie, als sie endlich das halb vergessene Wort aus ihrer Kindheit gefischt hatte. Sie sprach es mit einer unwilligen Grimasse aus. »Aber ich werde meinen Fund nicht gegen eine fleischfressende Eidechse eintauschen.«
»Aber denken Sie doch an uns!« klagte der Investierer. »Unsere kleine Nase in ein fremdartiges Lager zu setzen, in dem es vor Bakterien und riesigem Ungeziefer nur so wimmelt … aber da kann man nichts machen. Hier ist unser Vorschlag. Sie nehmen unser Maskottchen für siebenhundert plus oder minus fünf Ihrer Tage. Dann werden wir auf dem Rückweg aus Ihrem Heimatsystem wieder hier vorbeikommen. Sie können sich dann entscheiden, ob Sie es behalten oder den Handel nicht abschließen wollen. Sie müssen versprechen, den Stein in der Zwischenzeit nicht zu verkaufen und niemand sonst über seine Existenz zu informieren.«
»Meinen Sie damit, daß Sie mir Ihr Haustier als eine Art Anzahlung auf den Handel hierlassen?«
Der Investierer bedeckte die Augen mit den Nickhäuten und schob die knotigen Lider halb darüber. Es war ein Anzeichen akuten Unbehagens. »Es ist eine Geisel für Ihre grausame Unentschlossenheit, Lydia Martinez. Offengestanden bezweifeln wir, daß wir in diesem System überhaupt etwas finden, daß Sie mehr zufriedenstellen könnte als unser Maskottchen. Abgesehen vielleicht von einer neuen Art des Selbstmordes.«
Spider Rose war überrascht. Sie hatte noch nie gesehen, daß ein Investierer sich emotional derart einließ. Gewöhnlich schienen sie das Leben mit einer gewissen Distanziertheit zu betrachten und zeigten manchmal sogar Verhaltensweisen, die beinahe an Humor erinnerten.
Sie hatte ihren Spaß. Sie war schon lange über den Punkt hinaus, wo die normalen Waren der Investierer sie hätten in Versuchung führen können. Im Grunde tauschte sie ihren Edelstein gegen einen Bewußtseinszustand ein: es ging nicht um eine Emotion, denn die zerschmetterte sie ohnehin, sondern um ein schwächeres und saubereres Gefühl: um Interessiertheit. Sie wollte interessiert sein, sie wollte etwas finden, mit dem sie sich, von toten Steinen und dem Weltraum abgesehen, beschäftigen konnte. Und dieses Tier sah interessant aus.
»Also gut«, sagte sie. »Einverstanden. Siebenhundert plus oder minus fünf Tage. Und ich halte den Mund.« Sie lächelte. Sie hatte seit fünf Jahren mit keinem Menschen mehr gesprochen, und sie würde jetzt nicht damit anfangen.
»Geben Sie gut acht auf unsere Kleine Profitnase«, sagte der Investierer halb flehend und halb warnend und betonte diese Nuancen so deutlich, daß ihr Computer sie übersetzen konnte. »Wir werden es immer noch haben wollen, auch wenn Sie es in irgendeiner Art geistiger Verwirrung nicht haben wollen. Es ist ein sehr wertvolles und seltenes Tier. Wir schicken Ihnen Instruktionen über seine Pflege und Ernährung. Bereiten Sie die Datenaufnahme vor.«
Sie feuerten die Frachtkapsel mit dem Wesen in das straff gespannte polymere Kohlenstoffnetz ihrer Spinnenwohnung. Das Netz ruhte auf einem Rahmen aus acht Speichen, und diese Speichen wurden mit Hilfe der Zentrifugalkraft stabilisert, die durch die Drehung von acht tropfenförmigen Kapseln entstand. Als die Frachtkapsel auftraf, gab das Netz anmutig nach, und die acht massiven Metalltränen wurden in kleinen, eleganten Bögen zum Zentrum des Netzes gezogen. Sonnenstrahlen glitzerten auf den Fäden des Netzes, als es sich im Gegenschwung wieder ausdehnte, nachdem die Drehung durch den Aufprall der Kapsel etwas langsamer geworden war. Es war eine billige und wirkungsvolle Anlegetechnik, denn eine Umdrehungszahl war wesentlich leichter zu kontrollieren als ein schwereloser Körper.
Industrieroboter mit Greiffüßen rannten rasch über die Kohlenstoffäden und packten die Kapsel mit dem Maskottchen mit Klauen und magnetischen Platten. Spider Rose lenkte den Führungsroboter selbst, indem sie durch seine Kameras und Tastorgane sah und fühlte. Die Roboter schoben die Frachtkapsel in eine Luftschleuse, nahmen den Inhalt heraus und befestigten eine kleine Lenkrakete daran, um die leere Kapsel zum Mutterschiff der Investierer zurückzuschießen. Nachdem die kleine Rakete zurückgekehrt und das Investiererschiff abgeflogen war, wanderten die Roboter zu ihren Garagen in den Tropfen zurück und schlossen sich ein, um auf die nächste Erschütterung des Netzes zu warten.
Spider Rose löste ihre Verdrahtung und öffnete die Luftschleuse. Das Maskottchen flog in den Raum. In den Händen des Investierers war es winzig erschienen, doch die Investierer waren riesige Wesen. Das Maskottchen ging ihr bis zum Knie und mochte beinahe zwanzig Pfund wiegen. Es pfiff musikalisch in der unvertrauten Luft, flog im Raum herum, änderte unsicher mehrmals die Richtung.
Eine Schabe löste sich von der Wand und flog mit lautem Flügelflattern durch den Raum. Das Maskottchen fiel erschrocken aufs Deck und blieb liegen. Es untersuchte seine spindeldürren Arme und Beine mit komischen Bewegungen nach Schäden. Es hatte die knotigen Augenlider halb geschlossen. Fast wie die Augen eines Investiererkindes, dachte Spider Rose plötzlich, obwohl sie noch nie einen jungen Investierer gesehen hatte und bezweifelte, daß irgendein anderer Mensch je ein solches Wesen erblickt hatte. Sie hatte eine undeutliche Erinnerung an etwas, das sie vor langer Zeit einmal gehört hatte – etwas über Haustiere und Babies, über große Köpfe, große Augen, weiche Körper und Abhängigkeit. Sie erinnerte sich, daß sie höhnisch über die Idee gelacht hatte, ein matschiges, abhängiges Wesen wie ein ›Hund‹ oder eine ›Katze‹ könnte gegen die Anspruchslosigkeit und Effizienz einer Schabe bestehen.
Das Investierermaskottchen hatte seine Haltung zurückgewonnen und hockte mit gekrümmten Knien, mit sich selbst gackernd, auf dem Algenteppich. Sein winziges Drachengesicht zeigte eine Art verschlagenes Grinsen. Die halb zusammengekniffenen Augen blickten wachsam, und die streichholzgroßen Rippen bewegten sich bei jedem Atemzug auf und nieder. Es hatte riesige Pupillen. Spider Rose stellte sich vor, daß es das Licht wahrscheinlich sehr trüb fand. In Investiererschiffen brannten gleißende, blaue Bogenlampen mit starken Ultraviolettanteilen.
»Wir müssen einen neuen Namen für dich finden«, sagte Spider Rose. »Ich spreche nicht Investor, deshalb kann ich den Namen nicht benutzen, den sie dir gegeben haben.«
Das Maskottchen starrte sie freundlich an und hob kleine, halb durchsichtige Klappen über die winzigen Ohrlöcher. Investierer hatten diese Klappen nicht, und sie war durch diese Abweichung von der Norm eher bezaubert. Abgesehen von den Flügeln sah das Wesen aus wie ein viel zu kleingeratener Investierer. Der Effekt war beängstigend.
»Ich werde dich Teddy nennen«, sagte sie. Das Tier hatte keinen Pelz. Es war ein Privatwitz, aber alle ihre Witze waren privat.
Das Maskottchen hüpfte über den Boden. Die durch die Rotation erzeugte künstliche Schwerkraft war hier schwächer, sie lag unter den 1.3 ge, die auf den Investiererschiffen herrschten. Das Wesen umarmte ihr nacktes Bein und beleckte mit einer rauhen Sandpapierzunge ihre Kniescheibe. Sie lachte, etwas beunruhigt, aber sie wußte, daß die Investierer strikt nicht-aggressiv waren. Ihre Haustiere waren keinesfalls gefährlich.
Das Wesen zirpte aufgeregt und kletterte auf ihren Kopf, wo es mit beiden Händen die glitzernden Glasfasern packte. Sie setzte sich vor ihre Datenkonsole und rief die Anweisungen für die Pflege und Ernährung des Wesens ab. Die Investierer hatten sicher nicht damit gerechnet, daß sie ihr Haustier eintauschen mußten, denn die Instruktionen waren fast unlesbar. Sie klangen wie die zweite und dritte Übersetzung aus einer Sprache von noch fremdartigeren Wesen. Doch der Investierertradition entsprechend waren die rein pragmatischen Hinweise besonders hervorgehoben.
Spider Rose entspannte sich. Anscheinend fraß das Maskottchen fast alles, wenn es auch rechtsdrehende Proteine vorzog und gewisse leicht zu beschaffende mineralische Spurenelemente brauchte. Es war Giften gegenüber extrem widerstandsfähig und hatte keine eigene Darmflora. (Die hatten die Investierer selbst auch nicht; sie betrachteten Rassen, die eine Darmflora besaßen, als eine Art Wilde.)
Sie las die Anweisungen über die Atemluft durch, als das Maskottchen von ihrem Kopf sprang und über die Kontrolltafel hüpfte, wobei es fast das Programm abgebrochen hätte. Sie scheuchte das Tier herunter und suchte zwischen dem Wust fremdartiger Schriftzeichen und verstümmelter technischer Anweisungen nach etwas, das sie verstehen konnte. Plötzlich bemerkte sie etwas, das sie nur dank ihrer Ausbildung als Industriespionin erkannte: eine Genkarte.
Sie runzelte die Stirn. Anscheinend hatte sie die wichtigen Abschnitte überschlagen und befand sich in einem ganz anderen Kapitel. Sie spulte weiter und entdeckte die dreidimensionale Darstellung eines unglaublich komplizierten genetischen Codes mit langen Helixketten außerirdischer Gene, die in grellen Farben markiert waren. Die Genketten waren um lange Spiralen oder Spindeln gewickelt, die radial einem kompakten Zentralknoten entsprangen. Weitere Ketten eng gedrehter Helices verbanden die Spindeln untereinander. Anscheinend aktivierten diese Ketten in ihren Verbindungspunkten in den Spindeln unterschiedliche Sektionen genetischen Materials, denn sie konnte Tochterketten von Proteinen sehen, die sich aus einigen aktivierten Genen herausschälten.
Spider Rose lächelte. Von diesen Plänen konnte ein geschickter Former-Genetiker zweifellos sehr profitieren. Sie dachte amüsiert daran, daß kein Former diese Pläne je sehen würde. Offenbar war dies eine künstliche extraterrestrische Genstruktur, denn es gab hier mehr genetische Hardware, als irgendein lebendes Wesen je brauchen konnte.
Sie wußte, daß die Investierer selbst nie mit der Gentechnik herumpfuschten. Sie fragte sich, welche der neunzehn bekannten intelligenten Rassen dieses Ding erfunden haben mochte. Vielleicht stammte es sogar aus einem Bereich jenseits der ökonomischen Einflußsphäre der Investierer oder war das Überbleibsel einer ausgestorbenen Rasse.
Sie fragte sich, ob sie die Daten löschen sollte. Wenn sie starb, konnten sie in falsche Hände geraten. Als sie an ihren Tod dachte, wurde sie von den ersten heranschleichenden Vorboten einer tiefen Depression aufgestört. Sie erlaubte dem Gefühl noch einen Moment, sich weiter aufzubauen, während sie überlegte. Die Investierer waren sehr sorglos gewesen, als sie ihr diese Informationen überlassen hatten; oder sie hatten die gentechnischen Fähigkeiten der raffinierten und findigen Former mit ihren spektakulär aufgeblasenen Intelligenzquotienten unterschätzt.
In ihrem Kopf begann etwas zu wackeln. Ihr wurde einen Augenblick schwindlig, als die aufgestaute Energie der chemisch unterdrückten Emotionen mit voller Kraft durchbrach. Sie beneidete die Investierer um ihre dumpfe Arroganz und ihr Selbstvertrauen, mit dem sie zwischen den Sternen umherkreuzten und die vermeintlich unterlegenen Rassen über den Tisch zogen. Sie wollte eine von ihnen sein. Sie wollte ein Zauberschiff besteigen und das Brennen einer fremden Sonne auf der Haut spüren, irgendwo ein paar Lichtjahre von jeder menschlichen Schwäche entfernt. Sie wollte schreien und sich wie das kleine Mädchen fühlen, das vor hundertdreiundneunzig Jahren auf einer Achterbahn in Los Angeles geschrien und sich gefürchtet hatte: Schreie, die aus reinem, starkem Gefühl kamen, ähnlich den berauschenden Empfindungen, die sie in den Armen ihres Mannes gehabt hatte, des Mannes, der seit dreißig Jahren tot war. Tot … seit dreißig Jahren …
Mit zitternden Händen öffnete sie eine Schublade unter der Kontrolltafel. Sie roch den schwachen medizinischen Ozongeruch des Sterilisiergeräts. Blind schob sie das glitzernde Haar vom Plastikanschluß in ihrem Schädeldach herunter, drückte die Spritze dagegen, atmete einmal tief ein, schloß die Augen, atmete zweimal tief ein und zog die Spritze wieder ab. Ihre Augen wurden glasig, während sie die Spritze nachfüllte und in das Weichplastik-Etui in der Schublade zurücklegte.
Sie hob die Flasche und starrte sie an. Es war noch genug da. Sie hatte noch einige Monate Zeit, ehe sie Nachschub synthetisieren mußte. Ihr Gehirn fühlte sich an, als wäre jemand draufgetreten. So war das immer, wenn sie ihre Gefühle zerquetscht hatte. Sie schaltete die Investiererdaten aus und speicherte sie abwesend in eine Ecke ihres Computergedächtnisses um. Das Maskottchen, das auf der Lasercom-Schnittstelle hockte, sang eine kurze Melodie und putzte seine Flügel.
Kurz danach war sie wieder sie selbst. Sie lächelte. Diese plötzlichen Anfälle waren etwas, mit dem man leben mußte. Sie schluckte noch einen Tranquilizer, um das Zittern ihrer Hände zu unterdrücken, und Mittel gegen die Magensäure, die sich durch den Stress gebildet hatte.
Dann spielte sie mit dem Maskottchen, bis es müde wurde und einschlief. Vier Tage lang fütterte sie es vorsichtig und gab sich besondere Mühe, es nicht zu überfüttern, denn wie seine alten Herren, die Investierer, war es ein gieriges kleines Biest. Sie hatte Angst, es könnte sich selbst Schaden zufügen. Trotz der rauhen Haut und der Kaltblütigkeit begann sie das Wesen zu lieben. Wenn es keine Lust mehr hatte, um Essen zu betteln, spielte es stundenlang mit Kabeln oder saß auf ihrem Kopf und beobachtete den Bildschirm, während sie die Minenroboter überwachte, die draußen in den Ringen unterwegs waren.
Am fünften Tag stellte sie beim Erwachen fest, daß es vier ihrer größten und fettesten Schaben getötet und gefressen hatte. Sie tat nichts gegen ihren selbstgerechten Zorn, sondern suchte das Biest in der ganzen Station.
Sie fand es nicht. Statt dessen fand sie nach einigen Stunden Suche einen Kokon in der Größe des Maskottchens unter der Toilette.
Es war in eine Art Winterschlaf gefallen. Sie vergab ihm, daß es die Schaben gefressen hatte. Sie waren leicht zu ersetzen und aus der Sicht des Maskottchens Rivalen. In gewisser Weise war es schmeichelhaft. Doch sie vergaß diesen Gedanken sofort wieder und begann sich Sorgen zu machen. Sie untersuchte den Kokon aus der Nähe.
Er bestand aus überlappenden Tafeln einer spröden, durchscheinenden Substanz – getrockneter Schleim? –, die sie leicht mit dem Fingernagel abkratzen konnte. Der Kokon war nicht vollkommen rund; es gab einige kleine Vorsprünge, hinter denen Knie und Ellbogen stecken mochten. Sie setzte sich eine weitere Injektion.
Die Woche, die das Wesen im Winterschlaf verbrachte, war für sie eine Periode akuter Angst. Sie durchforstete die Bänder der Investierer, aber sie waren für ihren beschränkten Sachverstand zu hoch.
Wenigstens wußte sie, daß das Wesen nicht tot war, denn der Kokon fühlte sich warm an, und manchmal regten sich die Knoten darin.
Sie schlief, als das Wesen aus dem Kokon brach. Doch sie hatte Monitore aufgestellt, um rechtzeitig gewarnt zu werden, und eilte sofort hin.
Der Kokon spaltete sich. In den brüchigen überlappenden Platten erschien ein Riß, und ein warmer Tiergeruch drang in die wiederaufbereitete Luft.
Dann tauchte eine Pfote auf: eine winzige, fünffingrige Pfote, die mit einem glitzernden Pelz bedeckt war. Eine zweite Pfote folgte ihr, und dann packten die beiden Pfoten die Kanten des Spaltes und rissen den Kokon auf. Das Wesen kam ans Licht, trat die Hülle mit einer sehr menschlichen Bewegung beiseite und grinste.
Es sah aus wie ein kleiner Affe, klein, weich und mit glänzendem Fell. Hinter menschlich grinsenden Lippen waren winzige menschliche Zähne. Es hatte kleine, weiche Babyfüße an den Enden seiner runden, federnden Beine, und es hatte die Flügel verloren. Seine Augen waren gefärbt wie ihre Augen. Die weiche Säugetierhaut in seinem runden Gesicht hatte den rosigen Ton perfekter Gesundheit.
Es sprang in die Luft, und sie sah eine rosa Zungenspitze, als es laut plappernd menschliche Silben von sich gab.
Es machte einen Schritt und umarmte ihr Bein. Sie war erschreckt, erstaunt und tief erleichtert. Sie tätschelte das weiche, schimmernde Fell auf dem kleinen, harten Kopf.
»Teddy«, sagte sie. »Ich bin froh. Sehr froh.«
»Wa wa wa«, machte das Tier, mit zirpender Kinderstimme ihren Tonfall imitierend. Dann ging es zum Kokon zurück, und begann, ihn sich grinsend mit beiden Händen in den Mund zu stopfen.
Sie verstand jetzt, warum die Investierer dieses Maskottchen so widerstrebend aus den Händen gegeben hatten. Es war ein Handelsartikel von phantastischem Wert. Ein genetisches Artefakt, fähig, die emotionalen Bedürfnisse und Wünsche einer fremden Rasse zu erkennen und sich binnen weniger Tage darauf umzustellen.
Sie begann sich zu fragen, warum die Investierer das Wesen überhaupt abgegeben hatten; falls sie die Fähigkeiten ihres Schoßtieres überhaupt verstanden. Gewiß bezweifelten sie, daß Spider Rose die komplizierten Daten, die sie mitgeliefert hatten, verstanden hatte. Höchstwahrscheinlich hatten sie das Maskottchen von anderen Investierern in reptilischer Form erworben. Es war sogar möglich (der Gedanke machte ihr Angst), daß es älter war als die ganze Investiererrasse.
Sie starrte es an: sie blickte in die klaren, arglosen, vertrauensvollen Augen. Das Wesen packte mit kleinen, warmen, sehnigen Händen ihre Finger. Sie konnte einfach nicht widerstehen und nahm es in den Arm, und es brabbelte freudig. Ja, es konnte ohne weiteres schon Hunderttausende von Jahren leben und seine Liebe (oder äquivalente Emotionen) unter Dutzenden verschiedener Rassen verteilt haben.
Und wer würde einem solchen Wesen schon weh tun? Selbst die armseligsten und am stärksten verhärteten Angehörigen ihrer eigenen Rasse hatten geheime Schwächen. Sie erinnerte sich an Geschichten von Wachen in Konzentrationslagern, die ohne mit der Wimper zu zucken Männer und Frauen abschlachteten, aber mit Tränen in den Augen im Winter hungrige Vögel fütterten. Furcht bringt nur Furcht und Haß hervor, aber wie konnte man Furcht oder Haß gegen dieses Geschöpf wenden, wie konnte man seinen unglaublichen Kräften widerstehen?
Es war nicht intelligent; es brauchte keine Intelligenz. Außerdem war es geschlechtslos. Die Fähigkeit, sich fortzupflanzen, hätte seinen Wert als Handelsgegenstand gemindert. Außerdem bezweifelte sie, daß etwas so Kompliziertes in einem Schoß gewachsen war. Die Gene waren mit Sicherheit in einem unvorstellbaren Labor, Spirale um Spirale, künstlich aufgebaut worden.
Tage und Wochen vergingen. Seine Fähigkeit, ihre Stimmungen zu erfassen, war beinahe wunderbar. Wenn sie es brauchte, war es immer zur Stelle, und wenn sie es nicht brauchte, verschwand es. Manchmal hörte sie es mit sich selbst schnattern, wenn es seine seltsamen akrobatischen Kunststücke aufführte oder Schaben jagte und fraß. Es war nie bösartig, und bei den seltenen Gelegenheiten, wenn es Essen herumwarf oder etwas umstieß, räumte es unauffällig wieder auf. Es ließ seine kleinen, unaufdringlichen Fäkalklöße in den gleichen Recycler fallen wie sie.
Das waren die einzigen Anzeichen für Gedanken, die über rein tierische Gehirnprozesse hinausgingen. Einmal, ein einziges Mal nur hatte es sie nachgeahmt und absolut perfekt einen Satz wiederholt. Sie war schockiert gewesen, und es hatte ihre Reaktion sofort gespürt. Es versuchte nie wieder, sie nachzuahmen.
Sie schliefen im gleichen Bett. Manchmal spürte sie im Schlaf, wie seine warme Nase über ihre Haut schnüffelte, als könnte es ihre unterdrückten Stimmungen und Gefühle durch die Poren wittern. Manchmal rieb es die kleinen festen Hände über ihren Nacken oder ihre Wirbelsäule, und es gab immer einen verspannten Muskel, der sich dankbar entspannte. Tagsüber erlaubte sie dies nie, doch in der Nacht, wenn ihre Disziplin im Schlaf nachließ, entstand zwischen ihnen eine kleine Verschwörung.
Die Investierer waren seit mehr als sechshundert Tagen fort. Sie lachte, als sie daran dachte, welches Geschäft sie machte.
Das Geräusch ihres eigenen Lachens erschreckte sie nicht mehr. Sie hatte sogar die Dosierung der Unterdrückungsmittel und Emotionshemmer zurückgenommen. Ihr Schoßtier schien viel glücklicher, wenn sie glücklicher war, und wenn es zur Stelle war, schien ihre alte Traurigkeit viel leichter zu ertragen. Nach und nach stellte sie sich alten Verletzungen und Traumata, während sie ihr Schoßtier nahe an sich hielt und heilende Tränen in den glitzernden Pelz tropfen ließ. Das Tier leckte ihre Tränen nacheinander auf, schmeckte die emotionalen Chemikalien, die sie enthielten, roch ihren Atem und ihre Haut, und hielt sie, während sie sich vor Weinen schüttelte. Es waren so viele Erinnerungen. Sie fühlte sich alt, schrecklich alt, doch zur gleichen Zeit erwachte ein neues Bewußtsein ihrer Ganzheit, das es ihr erlaubte, diese Gefühle zu ertragen. Sie hatte in der Vergangenheit Dinge getan – grausame Dinge – und sich nie den unbequemen Schuldgefühlen gestellt. Sie hatte sie mit Drogen zerschmettert.
Nun spürte sie das erste Mal seit Jahrzehnten unbestimmt das Erwachen einer Art von Sinn. Sie wollte wieder Menschen sehen – Dutzende von Menschen, Hunderte von Menschen, und alle würden sie bewundern, sie beschützen, sie wertvoll finden, und sie wollte für diese Menschen sorgen, und diese Menschen würden sie ihrerseits sicherer beschützen, als sie es mit nur einem Gefährten sein könnte …