Staatsrat Brooke kaufte das Boot. Er tauchte eines Nachmittags plötzlich mit seinem ergebenen Gefolge in der Werft auf. Sie brachten Kübel mit Erde und kleinen Bäumen mit. Sie schleppten sie sofort ins Gewächshaus und rannten eilig die Trittleiter zum lackierten Deck hinauf.

Brooke beaufsichtigte eine Weile das Stauen und prüfte einen Belegungsplan, den er aus der Seitentasche seiner weißen Seidenjacke zog. Dann deutete er mit dem Daumen auf die verglaste Front des Rechenzentrums. »Lassen Sie uns raufgehen und reden, Turner.«

Brooke hatte freundlicherweise sein Hörgerät dabei. Sie setzten sich auf zwei krachende, angeschimmelte Drehstühle. »Es ist ein gutes Schiff«, sagte Brooke.

»Danke.«

»Ich wußte, daß es gut werden würde. Es war nämlich meine Idee.«

Turner schenkte Kaffee ein. »Das paßt zu Ihnen«, sagte er.

Brooke gackerte. »Sie halten mich für verrückt, was? Roboter benutzen, um Badewannen aus billigem Leim und Abfallholz zu bauen. Aber Sie denken in die falsche Richtung, Junge. Ihr Ingenieure seid Mystiker. Ihr wollt immer wieder Gott mit einem neuen Turm von Babel herausfordern. Die Natur beherrschen, Zeit und Raum beherrschen. Auf die Sterne zielen und London treffen.«

Turner runzelte die Stirn. »Hören Sie, Tuan Staatsrat, ich habe nur meinen Job getan. Mein Vertrag zwingt mich nicht, für Ihre Politik einzutreten.«

»Nein«, sagte Brooke. »Aber das Sultanat könnte einen Mann wie Sie gebrauchen. Sie sind ein Bastler, Chong. Sie wissen sich zu behelfen. Sie können Dinge reparieren. Darum geht es ja beim Basteln – Müll und Abfall benutzen, um etwas Wertvolles daraus zu formen. Brunei ist jetzt zu arm, um mit ganz neuen Plänen zu beginnen. Wir haben nichts außer dem Müll, den uns der Westen angedreht hat, einschließlich neuer Coladosen und Doppelgaragen. Und jetzt müssen wir mit dem Müll leben und eine Gesellschaft daraus machen. Sie ist schwierig, diese Bastelei. Es braucht ganz besondere Männer mit einem guten Blick, um Blüten aus den Ruinen zu ziehen.«

»Nicht mich«, sagte Turner. Es war ausnahmsweise klar. Etwas an Brooke machte ihn vorsichtig. Brooke hatte eine eigenartige, hintergründige Verschlagenheit. Wahrscheinlich, weil er sein Leben lang Drogengesetze umgangen hatte.

Und Turner hatte diesen Vorstoß erwartet; die Leute in seinem kampong tuschelten schon seit Wochen. Sie wollten nicht, daß er ging; sie kamen immer wieder mit freundlichen kleinen Geschenken. »Das Land ist wie ein riesiges Gewächshaus«, sagte er. »Ihre kleinen kampongs sind wie Orchideen, sie wachsen nur unter Glas. Brunei ist schon vom Netz überzogen. Eines Tages platzen eure Glaskuppeln, und dann bricht die Welt über euch herein. Dann wird ein schwerer Regen fallen.«

Brooke starrte ihn an. »Mögen Sie Bob Dylan?«

»Wen?« sagte Turner verblüfft.

Brooke trank verwirrt einen Schluck Kaffee und verzog das Gesicht. »So was trinken Sie? Kein Wunder, daß Sie kaum schlafen.«

Turner funkelte ihn an. Dauernd mischten sich die Leute in sein Privatleben ein. Überall waren Augen und geschwätzige Zungen. »Sie wissen ja, was mir Sorgen macht.«

»Klar.« Brooke lächelte und zeigte ihm das funkelnde gelbe Gebiß. »Ich glaube, ich segle ein paar Tage stromaufwärts, Junge. Ich könnte einen technischen Berater gebrauchen, falls Sie sich in Gegenwart königlicher Personen benehmen können.«

Turners Herz machte einen Satz. Er lächelte zitternd. »Ich bin Ihr Mann, Staatsrat.«

 

Sie schlugen eine Flasche alkoholfreien Traubensaft über den mittleren Bug und tauften das Schiff auf den Namen Mambo Sun. Turners Arbeiter ließen es vom Stapel und setzten die Masten ein. Das Schiff wurde mit einer Dajak-Familie von einer Bohrplattform bemannt, eine alte Frau mit vier Söhnen. Es waren dunkle, anmutige Nachkommen kopfjagender Piraten, die handgefärbte Sarongs und alte Baseballmützen aus Plastik trugen. Ihre Sprache war völlig unverständlich.

Die Mambo Sun lag hoch im Wasser und ließ sich unter eigenartigem Krachen aus den hohlen Rümpfen in ihrem neuen Element nieder. Sie stachen unter einer steifen Landbrise in See.

Brooke stand aufgeregt unter dem hohen Vorsegel und schnaubte in der Seeluft. »Sie macht zwölf Knoten«, sagte er zufrieden. »Mein Gott, Turner, das wird schön, eine Weile nicht im Penthouse zu sitzen und nicht diese Trottel zu sehen.«

»Warum geben Sie sich überhaupt mit ihnen ab?«

»Geld, mein Junge. Das müßten Sie doch wissen.«

Turner schwieg. Brooke grinste ihn wissend an. »Die Macht des Geldes, Junge. Macht löst sich nicht auf. Wenn Sie sie nicht selbst benutzen, wird jemand Sie benutzen, um sie zu bekommen.«

»Wie ich hörte, hat man Sie mit dem Geld hier gefangen«, sagte Turner. »Ihre Konten werden eingefroren, wenn Sie fort wollen.«

»Ich ließ mich fangen«, sagte Brooke. »So gewann ich ihr Vertrauen.« Er faßte Turner am Arm. »Aber lassen Sie es mich wissen, wenn Sie hier Geldprobleme haben. Lassen Sie sich von den islamischen Banken am Ort keinen Unsinn einreden. Kommen Sie zuerst zu mir.«

Turner wehrte ab. »Was hat es Ihnen denn genützt? Sie sind von Jasagern umgeben.«

»Ich hatte vierzig Jahre meine eigene Crew.« Brooke lächelte wehmütig. »Sie hätten sie damals sehen sollen, '98 war das, als die Straßen voller moslemischer Fanatiker waren, die nach Blut schrien. Überall explodierten Molotow-Cocktails, sie kämpften mit den Chinesen, der Sultan wurde als Geisel festgehalten … aber meinen Leuten wurde kein Härchen gekrümmt. Sie hielten den Mob ab wie einen Haufen Fußballfans, als er mein Haus stürmen wollte. Die hatten Mumm, diese Jungs.«

Ein alter amerikanischer Hubschrauber knatterte über ihnen. Seine orangefarbenen Schwimmer berührten beinahe den Mast. Brooke rief der Mannschaft in ihrer seltsamen Sprache etwas zu. Sie holten die Segel ein und warfen den Anker. Sie waren eine halbe Meile vor der Küste. Der Hubschrauber wendete geschickt und ging in einem glänzenden Kreis aus plattgedrücktem Wasser nieder. Einer der Dajaks warf eine beschwerte Leine hinüber.

Sie holten das Seil ein. »Bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen, Sir!« sagte der Kronprinz. Er und Seria trugen frisches seemännisches Weiß. Sie kletterten über eine Strickleiter vom Schwimmer an Deck. Der dritte Passagier, der Copilot, übernahm die Kontrollen. Die Mannschaft lichtete den Anker und setzte die Segel, der Hubschrauber hob wieder ab.

Der Prinz schüttelte Turners Hand. »Ich glaube, Sie kennen meine Schwester schon.«

»Wir haben uns bei den Filmaufnahmen kennengelernt«, sagte Turner.

»Ah, ja, das war ein schöner Streifen.«

Brooke lockte den Prinzen mit bewundernswertem Takt ins Gewächshaus. Seria warf sich in Turners Arme. »Du hast seit zwei Tagen nicht geschrieben«, zischte sie.

»Ich weiß«, sagte Turner. Er sah sich rasch um und vergewisserte sich, daß die Dajaks beschäftigt waren. »Ich mußte an Vancouver denken. Wie ich mich fühle, wenn ich wieder dort bin.«

»Und wie du dein Dornröschen hinter der Dornenhecke zurücklassen mußtest? Du bist ein hoffnungsloser Romantiker, Turner.«

»Rede nicht so. Das tut weh.«

Sie lächelte. »Ich kann nichts für meine gute Laune. Wir haben zwei Tage nur für uns. Omar wird seekrank.«

 

Der Fluß strömte wie graues Leichtöl um die Schiffsrümpfe. Die Dschungelbäume lehnten sich vom Ufer herüber; dichte, knotige grüne Matten aus Blattwerk auf dürren, lichthungrigen Stämmen, überwuchert von Schlingpflanzen. Es war ein Schlangenland, ein Blutegelland, ein urweltlicher Gestank, der aus einer tödlichen Feuchtigkeit heraufkochte. Die Luft war so dick, daß die rauchigen Schreie der Vögel sie wie Sägen zu durchschneiden schienen. Insekten wirbelten in dichten Hochzeitsschwärmen über schleimigen Klecksen im Wasser. Verdächtige feuchte Stämme lauerten im grauen Schlamm. Manche Stämme hatten Schuppen und Augen.

Das Tal war gekrümmt wie eine Arterie. Es schlängelte sich giftgrün durch die hohen Hügel. Träge Nebelfahnen klebten auf den Kuppen. Wo es keine Bäume gab, erhoben sich efeubewachsene Steilklippen. Der Himmel war grau, die Sonne ein sumpfiges Glühen hinter Tonnen von Dunst.

Der Wind flaute ab, und Brooke setzte den winzigen Alkoholmotor des Schiffs in Gang. Turner stand auf dem mittleren Bug, während sie stromaufwärts knatterten. Er fühlte sich benommen und verträumt. Der Kulturschock hatte ihn erwischt; alles schien irreal. Er kam sich vor wie im Fernsehen. Instinktiv dachte er an Vancouver, an Segelbootfahrten hinaus zu sauberen Kieferninseln.

Seria und der Prinz kamen zu ihm in den Bug. »Hübsch, nicht?« sagte der Prinz. »Wir haben es zum Naturschutzgebiet erklärt. Irgendwann wird es hier wieder Tiger geben.«

»Das war klug, Hoheit«, sagte Turner.

»Die Stadt kann sich schließlich selbst ernähren. Viele alte Felder und Terrassen sind heute wieder Dschungel.« Der Prinz lächelte selbstzufrieden.

Am Abend legten sie am Kai einer Flußstadt an. Jahrzehnte zuvor war sie von einer Flut zerstört worden. Auf zertrümmerten Wänden spannten sich Ranken wie die Stahlgitter in Spannbeton. Ein ehemaliges Touristenhotel diente jetzt den Forstaufsehern als Wache.

Sie gingen an Land, um die Truppen zu inspizieren: Royal Malay Rangers in Dschungeltarnfarben und eine Gruppe schwedischer Ökologen vom World Wildlife Fund. Die beiden Aristokraten bereiteten sich begeistert auf einen Spaziergang im Dschungel vor. Während sie sich mit Insektenmitteln einrieben, schwatzten sie freundlich mit den Schweden. Brooke redete sich mit seinem Alter heraus, und auch Turner fand eine Entschuldigung.

Hinter der Stadt erhoben sich Funkantennen und vom Regen fleckige weiße Satellitenschüsseln.

»Störgeräte«, sagte Brooke zwinkernd. »Das Sultanat hat sie schon vor Jahren aufgebaut. Moslems, Malaien, Japaner – Sie würden sich wundern, wie gewalttätig manche Leute darauf bestehen, daß man ihnen zuhört.«

»Redefreiheit«, sagte Turner.

»Wo ist die Freiheit, wenn sich nur reiche Nationen das Reden leisten können? Das Netz ist teuer, Turner. Für Sie ist es eine Lebensart, aber für uns ist es nur ein riesiges Megaphon für Coca Cola. Wir haben diese Barriere gebaut, um das Gebrüll der übrigen Welt abzuhalten. Es schien uns am besten, die Anlagen hier in den Ruinen aufzubauen, wo sie niemand stören. Dies ist ein guter Ort, um Geheimnisse zu verbergen.« Brooke seufzte: »Sie wissen ja, wie verbreitet die Korruption ist. Jeder, der von ihr berührt wird, kommt in Versuchung. Wir benutzen diese Schüsseln als Nervenzentrum unseres kleinen Netzes. Sie können hier eine Leitung nach draußen schalten – eine richtige Leitung mit Bild. Kommen Sie, Turner, ich kann Ahornsirup einen kostenlosen Anruf in der Zivilisation verschaffen, wenn Sie wollen.«

Sie wanderten durch halb unter Laub verschüttete Straßen, in denen Schweine und magere Hühner mit wachsamen Augen herumhuschten. Turner sah in einem zerbrochenen Fenster im zweiten Stock ein tätowiertes Gesicht mit Kopfhörern. »Der Murut-Stamm dieses Ortes«, sagte Brooke, als auch er den Mann bemerkte. »Sie sind etwas scheu.«

Der Hauptschaltraum war ein kleiner weißer Betonkasten, der von wuchtigen Sonnenkollektoren umgeben war. Brooke zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete ein zerkratztes Vorhängeschloß. Das Innere des fensterlosen Kastens wurde trüb von den winzigen, grüngelben Kennlichtern altmodischer Antennenantriebe und Computer erhellt. Brooke schaltete eine Schreibtischlampe ein und setzte sich auf einen Stuhl, der mit verschimmeltem Plastikschaum gepolstert war. »Alles automatisch, sehen Sie? Die Regierung brauchte die Anlage seit Jahren nicht mehr zu warten. So kommt niemand in Schwierigkeiten.«

»Abgesehen von euch Eingeweihten«, sagte Turner.

»Wir machen Schwierigkeiten«, sagte Brooke. »Außerdem war dies von Anfang an meine Idee.« Er öffnete einen staubigen Weidenkorb und zog eine Videokamera aus einer gepolsterten Baumwollhülle. Er klappte sie auf, sprühte das Innere mit Silikon ein und setzte sie auf ein Stativ. »Fast wie zu Hause.« Er verließ den Betonkasten.

Turner zögerte. Er hatte endlich erkannt, was ihn an Brooke beunruhigte. Brooke war hip. Er benahm sich wie ein typischer Hippie, der genau von den Dingen begeistert war, die allen anderen verboten blieben. Es war erstaunlich, wie schmierig und verdächtig das bei jemand wirkte, der alt war.

Turner wählte die Privatnummer seines Bruders. Der Bildschirm blieb dunkel. »Wer ist da?« sagte Georgie.

»Turner.«

»Oh.« Eine Weile geschah nichts; dann leuchtete der Bildschirm auf und zeigte Georgie in einem kastanienbraunen Hausmantel. Sein Haar war noch vom Kopfkissen plattgedrückt. »Das ist gut. Wir hatten etwas Ärger mit fingierten Anrufen.«

»Wie läuft's so?«

»Er stirbt, Turner.«

Turner starrte ihn an. »Guter Gott.«

»Ich bin froh, daß du angerufen hast.« Georgie glättete mit zitternden Fingern sein Haar. »Wann kannst du hier sein?«

»Ich hab hier einen Job, Georgie.«

Georgie runzelte die Stirn. »Hör mal, ich werf dir nicht vor, daß du weggerannt bist. Du wolltest dein eigenes Leben leben; na schön. Aber dies ist eine Familienangelegenheit, kein Job irgendwo in einem Kaff.«

»Verdammt«, flehte Turner, »es gefällt mir hier, Georgie.«

»Ich weiß, wie du den alten Hund gehaßt hast. Aber er ist jetzt nur noch ein sterbender alter Mann. Hör mal, wir halten ein paar Wochen lang seine Hand, und dann gehört alles uns. Denk an die Riviera, Mann.«

»Das klappt nicht, Georgie«, sagte Turner. Er klammert sich an einen Strohhalm. »Er würde uns doch bescheißen.«

»Deshalb brauch ich dich doch hier. Wir müssen ihn ständig im Auge behalten, verstehst du?« Georgie starrte aus dem Bildschirm. »Denk an meine Kinder, Turner! Wir sind deine Familie, das bist du uns schuldig.«

Turners Verzweiflung wuchs. »Georgie, hier ist eine Frau …«

»Mein Gott, Turner.«

»Sie ist was Besonderes. Wirklich.«

»Schön. Dann wirst du sie also heiraten, ja? Und Kinder kriegen.«

»Also …«

»Warum verschwendest du dann meine Zeit?«

»Okay«, sagte Turner. »Ich muß mich um einiges kümmern. Ich ruf wieder an.«

 

Die Dajaks waren an Land gegangen. Der Prinz lud in Gönnerlaune die schwedischen Ökologen an Bord ein. Sie verbrachten den Abend, indem sie brav Orangensaft tranken und über Krakatau und das Sumpfrhinozeros diskutierten.

Nach dem Ende der Party wartete Turner eine quälende Stunde lang und schlich ins verlassene Gewächshaus.

Seria erwartete ihn in der feuchten grünen Hitze. Sie saß mit untergeschlagenen Beinen im wäßrigen Mondlicht, das durch die Gitter der Kuppel fiel, und bürstete sich das Haar. Turner setzte sich zu ihr auf die Matte. Sie trug ein aufreizendes, rotes Kunststoffnachthemd (das Erbstück einer von Brookes zahlreichen jungen Verehrerinnen), das vor Alter knisterte. Sie war in Parfüm gebadet.

Turner legte ihre Finger auf den kleinen Knoten in seinem Unterarm, wo unter der Haut ein Empfängnisverhüter saß. Er schleuderte seine Jeans fort.

Sie begannen vorsichtig und still und endeten zwei Stunden später in der uralten Intimität von geteiltem Geruch und Schweiß. Turner lag auf dem Rücken, ihr Kopf ruhte auf seinem nackten Arm, und genoß das Kitzeln einer tiefen, biologischen Freude.

Es war zauberhaft gewesen. Er fühlte sich, als sei eine ursprüngliche weibliche Energie aus ihrem Körper und durch ihn gespült und hätte ihn bis auf die Knochen durchtränkt. Plötzlich schien alles anders. Er hatte eine neue Welt entdeckt, eine Welt, in der ein Mann sein ganzes Leben verbringen konnte. Es war zehn Jahre seines Lebens wert, einfach hier zu liegen und ihre Haut zu riechen.

Der Gedanke, sie je wieder aus den Armen zu lassen, und sei es nur für einen Augenblick, erfüllte ihn mit einer archaischen Furcht, die beinahe schmerzte. Es mußte eine Million Arten geben, sich zu lieben, dachte er träge. Ebenso viele, wie es Arten zu reden oder zu denken gibt. Leidenschaftlich. Hingebend. Verspielt, zärtlich, besessen, besänftigend. Weil man es will, weil man es braucht.

Er bekam plötzlich Lust auf eine gemütliche Höhle – einen Ort mit einem Bett und einem Dach –, in der er die nächste Woche damit verbringen konnte, von dieser Million die ersten zwanzig oder dreißig Möglichkeiten auszuprobieren.

Aber dann durchrieselte ihn die Erinnerung an die Zwänge der Realität. Er riß sich aus seinen Träumen und dachte schmerzhaft an die Perversität des Lebens. Hier hatte er alles, was er brauchte – er wollte sie über sich ziehen wie eine Decke und die sinnlose Kompliziertheit des Lebens ausblenden. Und genau das konnte nicht sein.

Er lauschte ihrem friedlichen Atem und versank in düsteren Depressionen. Dies war eine Situation, die ungestüme romantische Gesten erforderte, die keiner von ihnen je machen würde. Sie durften sie nicht machen. Sie standen nicht in seinem Programm, sie waren in ihrem adat nicht vorgesehen, sie standen nicht in den Plänen.

Wenn er wieder in Vancouver war, würde er seine Erlebnisse hier nicht mehr für real halten. Mondlicht im Dschungel und erotischer Schweiß paßten nicht zum kühlen Bergnebel über Kiefernwäldern und zum Haus der Familie in der Churchill Street. Der Kulturschock würde seine Erinnerungen fortreißen und die unzähligen unsichtbaren Fäden, die zwischen Liebenden gesponnen werden, zerfetzen.

Während er allmählich einschlief, hatte er plötzlich eine sehr klare Vorahnung: Er sah sich im Mercedes seines Bruders auf dem Rücksitz, und die Maschine kurvte ihn ziellos in der Stadt herum. Er blickte durch sein Spiegelbild in der Scheibe zum harschigen Schnee im Queen Elizabeth Park hinaus und dachte: Ich werde sie nie wiedersehen.

Für ihn schien nur ein Augenblick vergangen, als sie ihn wachrüttelte. »Sch-scht!«

»Was?« murmelte er.

»Du hast im Schlaf gesprochen.« Sie knabberte an seinem Ohr und flüsterte weiter. »Was heißt ›Set-position Q-move‹?«

»Mein Gott«, flüsterte er zurück. »Ich hab in AML geträumt.« Er spürte den letzten Schwaden des Alptraums nach. Es war ein unaussprechlicher Schrecken aus kaltem Eisen und hilflos wiederholten Worten. »Meine Familie«, sagte er. »Sie waren alle Roboter.«

Sie kicherte.

»Ich hab versucht, meinen Opa zu reparieren.«

»Schlaf wieder, Liebling.«

»Nein.« Er war jetzt hellwach. »Wir gehen besser zurück.«

»Ich hasse die Kabine. Ich komme mit in dein Zelt auf Deck.«

»Nein, du würdest auffallen. Sie werden dir weh tun, Seria.« Er zog seine Jeans an.

»Das ist mir egal. Es ist eine einmalige Gelegenheit.« Sie zog sich ihr knisterndes Nachthemd über den Kopf.

»Ich will bei dir sein«, sagte er. »Wenn du mir gehören könntest, würde ich sagen, zum Teufel mit Familie und Job.«

Sie lächelte bitter. »Das würdest du später bereuen. Du kannst nicht für eine Affäre dein ganzes Leben wegwerfen. Du wirst in Vancouver eine andere Frau finden. Ich wünschte, ich könnte sie umbringen.«

Jedes Wort klang wahr, aber es schmerzte trotzdem. Sie hätte nicht an seiner Bereitschaft, sein Leben fortzuwerfen, zweifeln dürfen. »Auch du wirst eines Tages heiraten. Aus Gründen der Staatsräson.«

»Ich werde nie heiraten«, widersprach sie energisch. »Eines Tages werde ich fortlaufen. Das ist dann meine große romantische Geste.«

Sie würde es nie tun, dachte er mit schmerzhaftem Bedauern. Sie würde hier im Gewächshaus altern. »Eine große Geste war genug«, sagte er. »Aber wenigstens die hatten wir.«

Sie betrachtete ihn düster. »Sei nicht traurig, daß du gehen mußt, Liebster. Es wäre falsch, wenn ich dich bleiben lassen würde. Du weißt nicht viel über dieses Land und über meine Familie.«

»Jede Familie hat Geheimnisse. Deine kann nicht schlimmer sein als meine.«

»Meine Familie ist anders.« Sie wandte den Blick ab. »Die malaiischen Königsfamilien sind heilig, Turner. Heilig und unrein. Wir sind Aristokraten, Schilde für die Unschuldigen … Schmutz und Häßlichkeit trifft den Schild, nicht das Volk. Wir nehmen die Korruption auf uns. Alle Verbrechen, die der Staat begeht, sind unsere Verbrechen, verstehst du? Es sind Verbrechen meiner Familie.«

Turner blinzelte. »Nun, und? Sag es mir, laß es nicht zwischen uns stehen.«

»Es ist besser, wenn du es nicht weißt. Wir sind aus einem bestimmten Grund hier, Turner. Es ist Brookes Plan.«

»Der alte Gauner?« sagte Turner lächelnd. »Du hast romantische Vorstellungen von Leuten aus dem Westen, Seria. Er kommt dir großartig vor, aber er ist nur ein ausgebrannter alter Knacker.«

Sie schüttelte den Kopf. »Du verstehst das nicht. Das ist im Westen anders.« Sie umarmte ihre schlanken Beine und legte das Kinn auf die Knie. »Eines Tages werde ich rauskommen.«

»Nein«, sagte Turner. »Hier ist es anders. Im Westen lösen sich die Familien auf, das Geld reißt alles auseinander. Die Leute gehören sich dort nicht gegenseitig. Sie gehören dem Geld und ihren Institutionen … hier sind es wenigstens Menschen, die achtgeben und aufpassen …«

Sie knirschte mit den Zähnen. »Aufpassen. Ja, das ist es, immer. Du hast recht, ich muß fort.«

Er kroch durchs Moskitonetz in sein Zelt auf Deck, wo er noch lange im Dunkeln saß und mit seinem Schicksal haderte. Morgen würde der Hubschrauber den Prinzen und seine Schwester in die Stadt zurückbringen. Bald danach würde auch Turner zurückkehren, die letzten Einzelheiten regeln und abreisen. Er spielte mit seiner Phantasie: Mit einem fetten Barscheck aus Vancouver zurückkommen. Tee beim Sultan. Äh, hören Sie, Hoheit, mein Großvater hat im Heroinhandel Karriere gemacht. Hier sind zwei Millionen. Putzen Sie das Mädchen etwas heraus. Es wird ihr schon gefallen, die Frau eines Ingenieurs zu sein, glauben Sie mir …

Er hörte leichte, schlurfende Schritte auf Deck. Er spähte durch die Klappe vor dem Zelt und sah den Schein einer Taschenlampe. Es war Brooke. Er trug einen Koffer.

Der alte Mann sah sich verstohlen um und schlich über das Deck, um zum Kai hinunterzusteigen. Obwohl vom stundenlangen Brüten erschöpft, war Turner sofort hellwach, als er Brookes Heimlichkeit sah. Turner blieb noch einen Augenblick lang sitzen, während Neugierde und unangebrachte Wut seine Vernunft benebelten. Die Vernunft sagte ihm, daß die Geheimnisse Bruneis ihn nichts angingen, aber die Vernunft machte sein Leben zur Hölle. Alles war besser, als die ganze Nacht zu grübeln. Er zog rasch Hemd und Stiefel an.

Er schlich zur Reling und sah Brookes weißen Anzug im Mondlicht. Er folgte ihm. Brooke umrundete die Ruinen und schlug einen Pfad in den Dschungel ein. Der Weg war von unheildrohenden Ranken überwuchert und sah aus wie das Jagdgebiet von Schlangen. Unter der weichen Deckschicht aus Blättern und Moos war Teer. Der Weg war irgendwann einmal eine Hauptstraße gewesen.

Turner beschattete Brooke. Er war dankbar, daß der alte Mann das Knirschen seiner Stiefel nicht hören konnte. Der Pfad führte bergan ins Landesinnere. Brooke fluchte herzhaft, als eine Gruppe grunzender Schweine über den Weg stürmte. Eine halbe Meile später rastete er zehn lange Minuten im verrosteten Gehäuse eines Landrovers, während auf Turners nackter Haut bissige Insekten tafelten.

Sie umrundeten einen Hügel und erreichten ein Lager. Das Mondlicht schimmerte schwach auf einem drei Meter hohen Stacheldrahtzaun und vier dunklen Wachtürmen. Das Unterholz war rundherum ein paar Meter breit niedergebrannt. Drinnen standen Baracken.

Brooke marschierte selbstsicher zum Tor. Der Ort wirkte verlassen. Turner kroch in der schützenden Dunkelheit näher.

Das Tor ging auf. Turner kroch zwischen zwei Büsche und beobachtete.

Ein Suchscheinwerfer auf einem Turm wurde eingeschaltet und tauchte ihn aus vierzig Metern Entfernung in gleißendes Licht. Jemand rief ihn auf malaiisch durch eine Flüstertüte an. Turner sprang geblendet auf und hob die Hände. »Nicht schießen!« rief er mit brechender Stimme. »Nicht schießen!«

Das Licht ging aus. Turner stand blinzelnd im Dunkeln, dann sah er vier kleine rote Leuchtkäfer auf seiner Brust. Er erkannte sie und reckte in eisigem Schrecken die Hände noch höher. Die kleinen roten Leuchtkäfer waren die Ziellaser von automatischen Gewehren.

Die Wächter waren vor ihm, ehe er wieder sehen konnte. Dunkle Gestalten in Tarnanzügen. Er sah die schräg vorstehenden Magazine ihrer Gewehre, die auf seine Brust gerichtet waren. Sie hatten dicke Köpfe: Sie trugen Infrarotbrillen.

Sie legten ihm Handschellen an und schoben ihn ins Lager. »Sprecht ihr Englisch?« fragte Turner. Keine Antwort. »Ich bin Kanadier, okay?«

Brooke erwartete ihn erschrocken hinter dem Tor. »Oh«, sagte er, »Sie sind es. Was war das für eine bescheuerte Idee, Turner?«

»Stimmt, eine dumme Idee«, sagte Turner ehrlich.

Brooke sagte etwas auf malaiisch zu den Wachen. Sie senkten die Gewehre; einer befreite seine Hände. Sie verschwanden im Dunkeln.

»Was ist das hier?« sagte Turner.

Brooke richtete seine Taschenlampe auf Turners Gesicht. »Was glauben Sie, Sie Trottel? Ein Gefängnis für politische Gefangene.« Seine Stimme klang so kalt, daß Turner vor seinem inneren Auge ein Telegramm sah: SEHR GEEHRTE FRAU CHOI, WIR BEDAUERN IHNEN MITTEILEN ZU MÜSSEN, DASS IHR SOHN IM DSCHUNGEL VON BORNEO AUF EINE SCHLANGE GETRETEN IST. LEIDER KONNTEN IHN AUCH IHRE STIEFEL NICHT RETTEN …

Brooke sagte leise: »Dachten Sie wirklich, Brunei wäre nur Friede, Freude, Eierkuchen? Es ist ein Staat, verdammt, nicht Ihre Spielzeugeisenbahn. Also gut, bleiben Sie bei mir und halten Sie den Mund!«

Brooke winkte mit der Taschenlampe. Ein Wächter erschien aus der Dunkelheit und führte sie um die Ecke der Holzbaracken, die wegen des feuchten Bodens auf Betonklötzen standen. Sie gingen eine kurze Treppenflucht hinauf. Der Wächter legte einen Schalter um, und die Zelle wurde grell erleuchtet. Der Wächter lugte durch die engstehenden Stäbe in der schweren, eisenbeschlagenen Tür, dann schloß er auf. Scharniere quietschten.

»Kommen Sie!« sagte Brooke. Sie betraten die Zelle. Die Tür fiel hinter ihnen zu.

Ein dunkelhäutiger alter Mann blinzelte müde im grellen Licht. Er setzte sich auf seiner Eisenpritsche auf und schob das vergilbte Moskitonetz zur Seite. Er langte nach einer Drahtbrille auf dem Boden. Er trug graugestreifte Gefängniskleidung: Hose mit Gummiband und eine grobe Bluse mit Knöpfen. Er setzte die Brille vorsichtig auf und hob den Kopf. »Ah«, sagte er. »Jimmy.«

Es war eine kahle Zelle: Holzboden, ein Nachttopf, ein verbeulter Aluminiumkrug und ein Waschbecken. Auf zwei Drahtregalen über dem Bett standen Bücher in englischer und einer seltsamen Sprache, die Turner nicht lesen konnte.

»Das ist Dr. Vikram Moratuwa«, sagte Brooke. »Der Gründer der Partai Ekolojasi. Das ist Turner Choi, ein neugieriger junger Idiot.«

»Ah«, sagte Moratuwa. »Sind wir nun Zellengenossen, junger Mann?«

»Er steht nicht unter Arrest«, sagte Brooke. »Noch nicht.« Er öffnete den Koffer. »Ich habe Ihnen die Bücher mitgebracht.«

»Ausgezeichnet«, sagte Moratuwa gähnend. Er besaß noch die meisten seiner Zähne. »Ah, Mumford, Florman und Levi-Strauss. Danke, Jimmy.«

»Schon gut«, sagte Brooke, als er Turners erschrecktes Gesicht bemerkte. »Der Sultan übersieht diese kleinen wohltätigen Besuche, wenn ich diskret bin. Ich glaube, ich kann Ihren Kopf aus der Schlinge bekommen, auch wenn Sie so tolpatschig hineingestolpert sind.«

»Jimmy ist mein ältester Freund in Brunei«, sagte Moratuwa. »Es ist nichts dabei, wenn zwei alte Männer plaudern.«

»Glauben Sie ihm kein Wort«, sagte Brooke. »Dieser Mann ist ein gefährlicher Radikaler. Er wollte die Monarchie stürzen. Und mit ihr einen Staatsrat.«

»Jimmy, wir sind nicht hergekommen, um Aristokraten zu sein. Das ist nicht der Rechte Weg.«

Turner kannte den Begriff. »Sind Sie Buddhist?«

»Ja. Ich gehörte dem Sarvodaya Shramadana an, der buddhistischen technologischen Bewegung. Jimmy und ich lernten uns in Sri Lanka kennen, wo der Sarvodaya geboren wurde.«

»Sri Lanka ist ein schöner Ort, um Videos zu drehen«, sagte Brooke. »Ich war damals noch im Musikgeschäft, als Produzent. Finanzierung. Aber es wurde langweilig. Dann geriet ich in eine Sarvodaya-Versammlung. Hörte ihn reden. Es war verdammt aufregend!« Brooke grinste über die Erinnerung. »Er hatte auch da schon Schwierigkeiten. Auch vor dreißig Jahren waren seine Lehren schon etwas zu rein für den Seelenfrieden der Menschen.«

»Wir wurden nicht auf dieser Erde geboren, um uns bequem einzurichten«, schalt Moratuwa. Er blickte zu Turner. »Brunei gedeiht jetzt, junger Mann. Wir haben die Techniken, das Wissen, die Erfahrung. Es ist Zeit, die Tore aufzustoßen und der ganzen Welt den Rechten Weg zu zeigen. Brunei war unser Gewächshaus, aber die Äcker sind die ganze große Welt dort draußen.«

Brooke lächelte. »Choi baut die Boote.«

»Unsere Meeresarchen?« sagte Moratuwa. »Ah, ausgezeichnet.«

»Ich bin heute mit dem ersten Modell heraufgesegelt.«

»Welch frohe Kunde. Sie haben uns einen großen Dienst erwiesen, Mr. Choi.«

»Ich verstehe nicht«, sagte Turner. »Es sind doch nur Segelboote.«

Brooke lächelte. »Für Sie vielleicht. Aber stellen Sie sich vor, Sie wären ein malaiischer Hafenarbeiter, der von Fisch und einzelligem Protein lebt. Was würden Sie von einem Schiff halten, dessen Bau praktisch nichts kostet, dessen Betrieb nichts kostet und das Sie mit frischer Nahrung versorgt?«

»Oh«, sagte Turner gedehnt.

»Ihre Segelboote werden die Grüne Botschaft um den Globus tragen«, sagte Moratuwa. »Wir Lehrer kennen einen Spruch: ›Ich höre und vergesse; ich sehe und erinnere mich; ich handle und verstehe.‹ Predigten sind nur Worte. Wenn die Menschen unsere schwimmenden kampongs in den Häfen der ganzen Welt sehen, dann können sie unser Leben auf diesen Schiffen riechen und sehen, und dann werden sie unseren Weg verstehen.«

»Glauben Sie wirklich, daß das funktioniert?« sagte Turner.

»So haben wir hier begonnen«, sagte Moratuwa. »Wir hatten Lehrbücher über Stadtfarmen, Lehrbücher, die bei Ihnen im Westen entwickelt wurden. Einfache Technologien, die jeder benutzen kann. Jimmys Gebäude war unser erster grüner kampong, unser Demonstrationsmodell. Viele haben uns geholfen. Die Arbeitslosigkeit war hoch, und sie ist es immer noch auf der ganzen Welt. Aber müßige Hände können Fenster einsetzen, Mutterboden auftragen, einfache Windmühlen bauen. Nicht elegant, aber es bedeutet Essen und Gemeinschaft und Stolz.«

»Es war ein harter Kampf zwischen der Partei und den Moslem-Extremisten«, erklärte Brooke. »Sie wollten jede Spur des Westens verbrennen – wir wollten zurück zu den Wurzeln. Die Leute konnten die Zukunft, die wir anboten, sehen und berühren. Essen schmeckt besser als Gebete.«

»Ja, die armen Moslems«, sagte Moratuwa. »Nach so vielen Jahren sind sie immer noch hier. Sie müssen mit dem Sultan über eine Amnestie sprechen, Jimmy.«

»Sie haben seinen Bruder vor den Augen der ganzen Familie erschossen«, sagte Brooke. »Seria war dabei. Sie war noch ein Kind.«

Turner zuckte zusammen. Sie hatte es ihm nie erzählt.

Aber Moratuwa schüttelte den Kopf. »Die Königsfamilie ist zu weit gegangen, als sie ihre Macht schützte. Sie haben versucht, unseren Weg auf Flaschen zu ziehen und ihn mit ihrem königlichen adat zu kontrollieren. Aber sie können nicht ewig die Welt aussperren und alle Menschen einsperren, die frische Luft atmen wollen. Sie sperren sich im Grunde damit nur selbst ein. Fragen Sie Ihre Seria.« Er lächelte. »Buddha war auch ein Prinz, aber er verließ den Palast, als die Welt ihn rief.«

Brooke lachte verbittert. »Alte Unruhestifter sind störrisch.« Er blickte zu Turner. »Der alte Mann ist unserem alten Traum heute noch treu, dieser wilden Begeisterung, über die zwanzig Jahre weggegangen sind. Er könnte mit einem einzigen Wort hier herauskommen. Er müßte nur versprechen, den Mund nicht so weit aufzureißen und das adat zu befolgen. Es ist ein Verbrechen, ihn hier festzuhalten. Aber die Königsfamilie besteht nicht aus Heiligen. Sie sind Politiker. Sie können sich den Luxus der Unschuld nicht leisten.«

Turner dachte traurig darüber nach. Er erkannte jetzt, daß er den Geist hinter den alten Plakaten der Grünen Partei gefunden hatte, hinter den Sprüchen über die Geeinte Erde, die unter Sportwerbung und malaiischen Filmstars welkte. Dies war der Mann, der Serias Familie gerettet hatte – und zum Dank hatten sie ihn eingesperrt. »Der Sultan ist nicht sehr dankbar«, sagte Turner.

»Das ist nicht der Punkt. Wissen Sie, mein Freund hier schert sich im Grunde einen Dreck um Brunei. Er will die Gewächshaustüren aufbrechen, und wie es den Eingeborenen dabei geht, ist ihm egal. Es reicht ihm nicht, ein briefmarkengroßes Land zu retten. Er hat die ganze Welt im Auge.«

Moratuwa lächelte nachsichtig. »Und mein Freund Jimmy hat die Welt in seinem Computerterminal. Er ist ein hinterhältiger Westler. Er hat die einfachen Eingeborenen rein gehalten, während er in Whisky badete und im Netz spielte.«

Brooke zuckte zusammen. »Yeah. Im Grunde gehören wir beide nicht hierher. Wir sind beide Agitatoren von draußen. Wir sind zusammen hergekommen. Seine Worte, mein Geld – wir dachten, wir könnten überall die Dinge ändern. Brunei sollte unser Labor werden. Brunei war gerade klein und verzweifelt genug, um auf ein paar Idioten zu hören.« Er zupfte an seinem Hörgerät und starrte Turner an, der blöde lächelte. »Sie sind auch kein Gewinn, Choi. Wissen Sie, ich habe mich bei Ihnen geirrt. Ich bin froh, daß Sie abreisen.«

»Warum?« fragte Turner verletzt.

»Sie sind zu integer, und Sie machen zuviel Ärger. Ich hab Sie schon vor langer Zeit über das Netz überprüft – ich weiß alles über Ihren Großvater, diesen klugen Händler und diese Sache mit der Triade. Ich dachte, Sie wären in Ordnung. Aber statt dessen spielen Sie den Ritter in der glänzenden Rüstung – ein verdammter Roboter, das sind Sie.«

Turner ballte die Fäuste. »Tut mir leid, daß ich nicht Ihrem Programm gefolgt bin, Sie alter Hund.«

»Sie ist für mich wie eine Tochter«, sagte Brooke. »Eine schnelle Nummer, okay, das braucht man eben, aber Sie mußten sich unbedingt wie Prinz Eisenherz aufführen. Nun, morgen setzen wir Sie in den Hubschrauber, und dann schnurren Sie nach Babylon zurück.«

»Yeah?« sagte Turner trotzig. »Und wenn nicht, dann? Dann stecken Sie mich hier rein?«

Brooke schüttelte den Kopf. »Brauch ich gar nicht. Überlegen Sie, Mr. Choi. Sie wissen verdammt gut, wo Sie hingehören.«

 

Die Rückfahrt war schrecklich. Seria erfaßte seine Stimmung sofort. Als sie seinen Bösen-Cop-Blick sah, starb ihr Lächeln, das vom Morgen danach sprach, wie eine Motte im Sprühnebel. Sie wußte, daß es vorbei war. Sie sagte nicht viel. Das Dröhnen der Hubschrauberflügel hätte ihre Worte ohnehin übertönt.

Die Werft wurde vom Rahmen einer riesigen Meeresarche überragt. Es war leicht gewesen, das Verfahren mit den Programmen, die er geladen hatte, auf eine größere Dimension umzustellen. Die Arbeiter waren begeistert, aber Turners Vorfreude auf den Triumph war zu Asche zerfallen. Er druckte eine Kündigung aus und nahm sie zum Industrieminister mit.

Der kampong des Ministers dehnte sich immer noch aus. Sie hatten einen ganzen Block der Stadt mit großen, zeltähnlichen Planen aus durchsichtigem Plastik überzogen, die an den Wänden der Hochhäuser hingen wie riesige, taufeuchte Spinnennetze. Frauen und Kinder rissen gemächlich mit Hacken und Schaufeln die Straßen auf und legten die lange begrabene Erde frei. Die Kanalisation war ausgegraben und in lange Rinnen voller Wasserkresse verwandelt worden.

Der Minister lebte in einem langen, dünnen Zelt aus gebatikter Baumwolle. Er hielt in einer Hängematte, die an einer Hochhauswand und einem alten Laternenpfahl befestigt war, sein Mittagsschläfchen.

Turner weckte ihn.

»Ich verstehe«, sagte der Minister gähnend. Er zog seine Sandalen an. »Ein Familienangehöriger erkrankt? Ich fühle mit Ihnen. Wann dürfen wir Ihre Rückkehr erwarten?«

Turner schüttelte den Kopf. »Meine Arbeit ist erledigt. Die Roboter werden Schiffe bauen, bis die Welt untergeht.«

»Aber wir hatten noch zwei weitere Monate eingeplant. Sie sollten eigentlich die Anlage überwachen, bis wir sicher sind, daß es keine Abgänge mehr gibt.«

»Abstürze«, korrigierte Turner. »Es gibt keine.« Er war sicher. So einfache Schiffe zu bauen, war eine primitive Arbeit. Das hätten sogar Menschen geschafft.

»Es gibt hier noch reichlich Arbeit für einen Mann mit Ihren Fähigkeiten.«

»Stellen Sie jemand anders ein.«

Der Minister runzelte die Stirn. »Ich werde mich bei Kyocera beschweren.«

»Dann kündige ich.«

»Diesen großen Konzern verlassen? So früh in Ihrer Karriere? Ist das nicht unklug?«

Turner schloß die Augen und bemühte sein letztes Quentchen Geduld. »Das ist mir egal. Tuan Minister, ich habe die Firma noch nie gesehen.«

 

Turner machte mit den Schwarzbrennern in Etage 4 einen letzten Deal und schlich mit einem alten Benzinkanister mit Reisbier auf sein Zimmer. Das kleine Netz vor der Tülle filterte den dicken Bodensatz heraus. Er schenkte sich ein großes Glas ein und sah sich um. Er mußte packen.

Er nahm die Plakate von den Wänden und warf seine Andenken aufs Bett. Zwischendurch hielt er immer wieder inne und kippte schaudernd große Schlucke des warmen Reisbiers. Das Packen war schrecklich leicht. Er hatte nicht viel mitgebracht. Das Zimmer sah armselig aus. Er trank noch ein Bier.

Der Bonsai starb. Daran bestand jetzt kein Zweifel mehr. Der winzige Topf war mörderisch eng. »Du armer kleiner Kerl«, sagte Turner zum Baum. Seine Stimme war schwer vor Selbstmitleid. Impulsiv zerbrach er den Topf mit einem Tritt. Er trug den Baum vorsichtig durchs Zimmer und setzte die knotigen Wurzeln in die fette schwarze Erde der Kiste auf der Fensterbank. »So«, sagte er, während er sich die Hände an seiner Jeans abwischte. »Und jetzt wächst du, verdammt!«

Es war wieder Freitagabend. Wieder wurde unten im Park umsonst ein Film gezeigt. Turner ignorierte ihn und rief in Vancouver an.

»Wieder kein Bild?« sagte Georgie.

»Nein.«

»Egal. Ich bin froh, daß du anrufst. Es ist schlimm, Turner. Die Vettern aus Taipeh sind da. Sie belauern den alten Mann wie Geier.«

»Dann sind sie in bester Gesellschaft.«

»Mein Gott, Turner! Sag doch nicht so was! Hör mal, der Ehrenwerte Großvater fragt jeden Tag nach dir. Wann kannst du hier sein?«

Turner sah in sein Notizbuch. »Ich habe auf einem Frachter eine Überfahrt nach Labuan Island gebucht. Das gehört zu Malaysia. Dort kann ich ein Flugzeug erwischen, einen Inselhüpfer nach Manila. Von da aus mit der Japan Air nach Midway, umsteigen und weiter nach Vancouver. Damit müßte ich … äh … am Montag um zwanzig Uhr nach eurer Zeit ankommen.«

»Drei Tage?«

»Hier gibt's keine Flugzeuge, Georgie.«

»Na schön, wenn's nicht schneller geht. Zu schade, daß ich kein Bild bekomme. Hör mal, ruf ihn doch im Krankenhaus an, okay? Sag ihm, daß du kommst.«

»Jetzt?« sagte Turner erschrocken.

Georgie explodierte. »Ich hab keine Lust mehr, dir alles vorzukauen, Mann! Stell dich endlich mal deinen Verpflichtungen! Das Mindeste ist, daß du ihn anrufst und den braven Enkel spielst! Ich stell dich von hier aus durch.«

»Okay, du hast ja recht«, sagte Turner. »Tut mir leid, Georgie, ich weiß, daß das alles sehr anstrengend für dich ist.«

Georgie senkte den Blick und drückte auf eine Taste. Schnee tanzte auf dem Bildschirm, ein Telefon klingelte, dann sah Turner das Krankenzimmer seines Großvaters.

Der alte Mann lag im Sterben. Seine Wangenknochen standen wie Keile hervor, die Lippen waren blau und geschwollen. Neben seinem Bett blinkte eine Wand von Überwachungsgeräten. Turner sprach ihn zögernd auf Mandarin an. »Hallo, Großvater. Hier ist dein Enkel Turner. Wie geht's dir?«

Der alte Mann richtete seine schrecklichen Augen auf den Bildschirm. »Wo ist dein Bild, Junge?«

»Ich bin in Borneo, Großvater. Hier gibt es keine modernen Telefone.«

»Was ist das für ein Land? Haben die keinen Respekt?«

»Politik, Großvater.«

Großvater Choi runzelte die Stirn. Turner wurde es eiskalt. Mein Gott, dachte er, so werde ich auch aussehen, wenn ich alt bin. Sein Großvater sagte: »Ich kann mich nicht erinnern, dir die Erlaubnis gegeben zu haben.«

»Es waren doch nur acht Monate, Großvater.«

»Dir sind diese Barbaren lieber als deine eigene Familie, was?«

Turner schwieg. Das Schweigen zog sich schmerzhaft in die Länge. »Das sind keine Barbaren«, platzte er schließlich heraus.

»Wie war das, Junge?«

Turner sprach jetzt Englisch. »Sie gehören zum britischen Commonwealth wie damals Hongkong. Die Hälfte sind Chinesen.«

Großvater lächelte höhnisch und wechselte auch auf die englische Sprache über. »Warum brauchen sie dich dann?«

»Sie brauchen mich«, sagte Turner fest, »weil ich ein ausgebildeter Ingenieur bin.«

Sein Großvater starrte den leeren Bildschirm an. Er wirkte plötzlich sehr schwach. Er sprach wieder Chinesisch. »Ist das ein Trick? So redet der Sohn meines Jungen nicht. Was ist das für ein Heulen?«

Der Film unten erreichte seinen Höhepunkt. Ein böses Knirschen und wilde Schreie. Turner platzte der Kragen. »Wie gefällt dir der Krach, alter Mann? Erinnert er dich an die Bandenkriege der Triade?«

Sein Großvater erbleichte. »Das war's, Junge. Für dich ist es gelaufen.«

»Schön«, sagte Turner mit rasendem Herz. »Vielleicht können wir dann endlich einmal offen reden.«

»Deine Windeln wurden mit meinem Geld bezahlt, Junge.«

»Fang-pa«, sagte Turner. »Hundekacke. Du hast uns mit deinem Geld das Leben zur Hölle gemacht. Du hast meinen Vater zu einem Alkoholiker und meinen Bruder zu einem Arschlecker gemacht. Das ist Blutgeld von Fixern, und ich will nichts davon haben, selbst wenn du mich bittest, es zu nehmen!«

»Du schwingst große Reden, Junge, aber du zeigst nicht dein Gesicht«, sagte der alte Mann. Er hob eine verschrumpelte Faust. An seinem bandagierten Unterarm hingen Schläuche. »Wenn du hier wärst, würde ich dir eine Abreibung verpassen.«

Turner lachte albern. Er fühlte sich wie ein Held. »Du alter Gauner! Mach nur, gib den Kindern meines Onkels das Geld. Sie werden jeden Tag auf deinen Altar pinkeln, du dummer alter Narr.«

»Sie sind gute Kinder, nicht so wie du.«

»Sie hassen dich, alter Mann. Komm zu dir!«

»Ja, sie hassen mich«, gab der alte Mann düster zu. Die Wahrheit schien ihn mit einer grimmigen Befriedigung zu erfüllen. Er schmiegte den Kopf ins Kissen, bis er dalag wie eine Schildkröte im Panzer. »Sie wollen immer nur Geld, immer mehr, immer mehr. Du willst es auch, Junge, lüg mich nicht an.«

»Ich brauch's nicht«, sagte Turner überheblich. »Die Leute hier benutzen kein Geld.«

»Barbaren«, sagte sein Großvater. »Aber du brauchst es, wenn du heimkommst.«

»Ich bleibe hier«, sagte Turner. »Es gefällt mir hier. Ich bin hier frei, verstehst du? Frei vom Geld und frei von der Familie und frei von dir.«

»Böser Junge«, sagte sein Großvater. »Ich war früher genau wie du. Ich hab böse Sachen gemacht, um frei zu sein.« Er richtete sich mit einem wilden Funkeln in den Augen im Bett auf. »Aber ich habe wenigstens meiner Familie geholfen.«

»Ich könnte nie so sein wie du«, sagte Turner.

»Du wirst schon sehen, wie sie dir mit ausgestreckten Händen nachlaufen«, sagte sein Großvater und streckte eine faltige Hand aus. »Du bist nirgends auf der Welt vor ihnen sicher.«

»Was meinst du damit?«

Sein Großvater kicherte in gräßlicher Befriedigung. »Ich hinterlasse dir das ganze Geld, Mr. Große Freiheit. Du wirst schon sehen, wie es ist, in meinen Schuhen zu stecken.«

»Ich will's nicht«, rief Turner. »Ich geb alles an die Wohlfahrt!«

»Nein, das wirst du nicht«, sagte sein Großvater. »Du wirst dich an deine Pflicht der Familie gegenüber erinnern, wie ich es auch mußte. Von jetzt an bist du für sie verantwortlich, Mr. Streuner, Mr. Supermann und Superklug.«

»Nein!« rief Turner. »Das kannst du nicht machen!«

»Jetzt kann ich in Frieden sterben«, sagte sein Großvater und schloß die Augen. Er sank ins Kissen zurück und grinste schwach. »Ich würde gern ihre Gesichter sehen.«

»Das kannst du nicht mit mir machen!« brüllte Turner. »Ich gehe nicht zurück, verstehst du? Ich bleibe …«

Die Verbindung wurde unterbrochen.

 

Turner schaltete sein Telefon aus und verstaute es.

Er mußte mit Brooke reden. Brooke würde wissen, was zu tun war. Irgendwie würde Turner die beiden alten Männer gegeneinander ausspielen.

Turners Entsetzen über diese Wendung hielt sich, aber hinter der Verwirrung empfand er eine wachsende Zuversicht. Endlich hatte er sich seinem Großvater gestellt. Danach war Brooke kein Problem mehr. Brooke würde ein Schlupfloch in der bruneiischen Regierung finden, das ihn vor dem Vermächtnis des alten Mannes bewahrte. Turner würde gut aufgehoben in Brunei bleiben. Es war der ideale Ort, um den Banken des Weltnetzes zu entgehen.

Aber Brooke war noch mit seinem Boot auf dem Fluß.

Turner beschloß, Brooke sofort bei dessen Rückkehr in den Hafen aufzusuchen. Er konnte es kaum erwarten, Brooke von seiner Entscheidung zu erzählen, für immer in Brunei zu bleiben. Er hatte sein Leben aus dem Programm befreit; jetzt war alles anders. Er sah jetzt alles aus einem neuen Blickwinkel, mit den Augen eines Bastlers. Sein ganzes Leben wartete auf eine Umgestaltung.

Er fuhr mit dem krachenden Aufzug ins Erdgeschoß. Draußen im Park löste sich die Zuschauerschaft des Films auf. Turner fand eine Mitfahrgelegenheit im Tretauto einiger Teenager, die in einem kampong am Wasser lebten. Er übernahm auf dem ersten Stück das Treten und stieg einen Block vor dem Pier, das Brooke benutzte, wieder aus.

Die rissigen Betonkais wurden von einem langen, windschiefen Dach aus Blech und Bambuskuppeln geschützt. Ein halbes Dutzend Fischerboote dümpelte neben einem alten Hafenkahn im Wasser. Brookes erstes Boot, ein heruntergekommener Luxuskreuzer, war auf Kiel gelegt, die Dieselmotoren auseinandergenommen.

Die Leiterin des Hafen-kampong war eine dicke, mütterliche malaiische Großmutter. Sie hielt wie jeden Freitagabend mit ihren Freundinnen eine Putz- und Flickstunde ab und reparierte im gelben Schein einer Alkohollampe die Segel der Boote.

Brooke sollte erst am nächsten Morgen einlaufen. Turner war entschlossen, auf ihn zu warten. Er hatte nicht um Erlaubnis gebeten, außerhalb seines kampong zu übernachten, aber nach zähen, holprigen Übersetzungen machte er den Ortsansässigen klar, daß sie für ihn bürgen mußten. Er entfernte sich vom malaiischen Geschnatter und fand eine dunkle Ecke.

Er legte sich auf einen Stapel alter Reissäcke, aus denen Mehlstaub wallte, und beobachtete die Umgebung. Er konnte nicht schlafen. Sobald sich seine Augen schlossen, lief in seinem Gehirn ein innerer Monolog ab: Proben für das Gespräch mit Brooke.

Die Frauen arbeiteten weiter, in den milden Schein der Lampe getaucht. Sie genossen unschuldig ihre Arbeit, sicher aufgehoben im Gefühl ihrer Mütterlichkeit. Doch Turner wußte, daß Maschinen schneller und besser genäht hätten. Instinktiv zerlegte ein Teil seines Gehirns die Arbeit in Computerbefehle: vereinfachen, analysieren, reduzieren.

Aber zu welchem Zweck? Wozu war er gut, dieser technische Kram, den er gelernt hatte? Er war aus eigenem Entschluß Ingenieur geworden. Weil ihm dieser Beruf einen Ausweg bot, weil er schon immer seine Begabung dafür in Händen und Augen gespürt hatte … wegen der Belohnungen, die er ihm bot. Freiheit, Unabhängigkeit, Geld. Die Belohnungen des Westens.

Aber welche Kontrolle besaß er? Belohnungen konnte man ohne Vorwarnung wegnehmen. Er hatte andere über Bord gehen sehen, deren Spezialisierung plötzlich nutzlos wurde. Ausbildung und Training boten keinen Schutz. Nicht heute, wo man Spezialistenwissen in ein computerisiertes Expertensystem einprogrammieren konnte.

War er wirklich sicherer als diese Leute von Brunei? Ein Anruf, der dreißig Minuten dauern mochte, konnte diese Frauen überflüssig machen – eine Gesellschaft, die ihre Arbeit von Robotern erledigen ließ, brauchte keine Segel mehr. Innerhalb ihres kleinen Gewächshauses, in ihrer Miniaturwelt mit ihren sanften Technologien, hatten sie mehr Kontrolle als er.

Die Leute im Westen redeten über die technische Elite« – und Turner wußte genau, daß es eine Lüge war. Die Technik raste weiter, verbrannte auf Hochtouren die letzten Ölreserven der Welt, aber niemand stand am Steuer, nein. Große Institutionen, ob Regierungen oder Firmen, rangen um Kontrolle, aber sie begriffen nicht. Sie hatten kein Gefühl für Technik und ihre Bedeutung, für das schöne Gefühl, wenn man ein gutes Design berührte.

Die ›technische Elite‹ war ein Trupp Botenjungs. Sie entschieden nicht, was sie studieren sollten, woran sie arbeiten sollten, wo sie am nützlichsten waren und welchem Zweck sie dienten. Das wurde durch Geld entschieden. Die Techniker gehörten den abstrakten Daten und den Nullen in den Mikrochips von Bankern. Sie wurden von Schiebern in Seidenanzügen entlohnt, die noch nie im Leben einen Schraubenschlüssel in der Hand gehabt hatten. Wissen war keine Macht. Nein, nicht für Ingenieure. Es waren zu viele Abstraktionen im Weg.

Aber seine Begabung war eine Realität – das hatte auch Brooke ihm gesagt, und nun erkannte Turner, daß es die Wahrheit war. Das war ein Grund für einen Ingenieur: nicht das Geld, denn mit Aktenschieben konnte man mehr verdienen. Nicht die Macht; die lag in den Händen des Managements. Es war die Sache selbst.

Er lehnte sich im Dunkeln zurück und roch den Teer und den Reisstaub. Zum erstenmal in seinem Leben glaubte er wirklich zu verstehen, was er tat. Nun, da er seiner Familie und seiner Vergangenheit getrotzt hatte, sah er seine Arbeit in einem neuen Licht. Es war etwas Größeres als nur ein Notausgang. Es war eine Sache, die er um ihrer und seiner selbst willen tat: es ging um seine Würde.

Und nun paßte sich für ihn alles ins Bild ein, und er empfand die Wärme absoluter Stimmigkeit. Er gähnte und kuschelte seinen Kopf ins Sackleinen.

Er würde hier leben und ihnen helfen. Brunei war eine neue Welt, eine Welt, die nach menschlichen Maßstäben gebaut war. Hier kam es auf die Menschen an. Nein, hier gab es keine CAD-CAM-Elite mit Tonnen von Waren und kilometerlangen Computerausdrucken; hier gab es keine technische Perfektion in heroischen Dimensionen.

Aber trotzdem war es eine gute Arbeit. Ein Mann war kein Idiot, wenn er für Menschen statt für Abstraktionen arbeitete. Die grünen Technologien verlangten sogar mehr Intelligenz, mehr Vernunft, forderten die wahre Begabung eines Ingenieurs stärker heraus. Denn sie stemmten sich gegen die blinde Eigendynamik eines toten Jahrhunderts mit seinen rostenden Monumenten der Arroganz und Verschwendung …

Turner versank schläfrig in der kratzigen Behaglichkeit der Reissäcke, während eine Vision verblaßte. Irgendwo in ihm löste sich ein versteckter Knoten auf, eine Spaltung und eine Anspannung verschwand und brachte ihm eine neue, tiefe Erleichterung. Und wie immer wanderten seine Gedanken kurz vor dem Einschlafen zu Seria. Irgendwie würde er auch damit fertigwerden. Er war noch nicht ganz sicher, wie, aber das konnte warten. Jetzt, da er blieb, war alles anders. Es würde schon gut werden. Er war auf dem richtigen Weg.

Als er einschlief, hörte er das Rascheln einer kampong-Katze, die hinter den Säcken eine Ratte packte und zerriß.

 

Am nächsten Morgen weckte ihn ein Stauer. Sie brauchten den Reis. Turner setzte sich auf. Er war verkatert, seine Zunge war belegt. Sein T-Shirt und seine Hose waren mit Mehl bestäubt.

Brooke war schon da. Sie luden Vorräte auf sein Schiff: Säcke mit Reis, getrocknete Früchte, organischen Dünger. Turner warf sich lächelnd einen Sack über die Schulter und stolperte die Laufplanke hinauf.

Brooke überwachte die Ladearbeiten von seinem Klappstuhl aus. Er war unrasiert und zupfte nervös auf einer bunten akustischen Gitarre herum. Er fuhr erschrocken auf, als Turner ihm den Sack vor die Füße warf.

»Gott sei Dank, daß Sie hier sind!« sagte er. »Sie dürfen nicht gesehen werden!« Er packte Turner am Arm und zog ihn über das Deck ins Gewächshaus.

Turner folgte ihm widerwillig und stolpernd. »Woher wußten Sie, daß ich kommen würde?«

Brooke schloß die Tür des Gewächshauses. Er deutete durch eine mit Tau belegte Scheibe zum Kai. »Sehen Sie den kleinen Mann mit dem schwarzen songkak-Hut?«

»Yeah?«

»Er ist vom Ministerium für Islamisches Bankwesen. Er war gerade in Ihrem kampong. Er hat Sie gesucht. Große Neuigkeiten von den Gnomen in Zürich. Sie sind jetzt ein vermögender Mann, Junge.«

Turner verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. »Ich habe mich entschieden, Tuan Staatsrat. Ich bin ausgestiegen. Aus allem. Aus meiner Familie, aus dem Westen … ich will das Geld nicht. Ich lehne ab! Ich bleibe hier.«

Brooke ignorierte ihn. Er wischte mit dem Ärmel einen Fleck in der Scheibe frei. »Wenn die ihre Haken in Ihr Fleisch schlagen, Junge, dann kommen Sie hier nie mehr raus.« Brooke sah ihn beunruhigt an. »Sie haben doch nichts unterschrieben, oder?«

Turner sah ihn finster an. »Sie haben mir überhaupt nicht zugehört, was?«

Brooke tippte vor sein Hörgerät. »Was? Diese verdammten Batterien … Hören Sie, ich habe Reservebatterien in meiner Kabine. Wir gehen rüber, dann können wir reden.« Er hielt Turner zurück, öffnete die Gewächshaustür einen Spaltbreit und rief im Dajak-Dialekt einige Befehle zu den Arbeitern hinüber. »Kommen Sie!« sagte er zu Turner.

Sie benutzten eine zweite Tür und schlichen ein kurzes Stück über das offene Deck, dann ging es eine Sperrholztreppe hinunter in den Mittelrumpf.

Brooke nahm die weiche Decke von seiner Koje und hob eine alte Reisetruhe heraus. Er zog einen klimpernden Schlüsselbund aus der Tasche und schloß auf. Unter unordentlichen, verknitterten Hemden, seinem Rasierzeug und Haarspraydosen war der Koffer bis zum Rand mit elektrischer Konterbande vollgepackt: Coax-Kabel, Multiplexer, Buffer und Converter, glänzende, originalverpackte Steckkarten, Schwingungsdämpfer, die in schwarze Verlängerungskabel gewickelt waren. »Mein Gott«, sagte Turner. Es gab einen leisen Knall, als das Schiff ablegte, dann knatterte die Takelage. Die Mannschaft setzte die Segel.

Nach längerem Suchen fand Brooke die Batterien in einem Geheimfach. Er setzte sie ins Hörgerät.

Turner sagte: »Geben Sie's zu – Sie sind überrascht, mich zu sehen, was? Glauben Sie immer noch, daß Sie sich bei mir geirrt haben?«

Brooke sah ihn verblüfft an. »Überrascht? Haben Sie nicht Serias Nachricht im Netz bekommen?«

»Was? Nein. Ich habe letzte Nacht am Kai geschlafen.«

»Sie haben die Nachricht nicht erhalten?« sagte Brooke. Er grübelte. »Warum sind Sie dann hier?«

»Sie sagten, Sie könnten mir helfen, wenn ich Geldprobleme hätte«, sagte Turner. »Nun, jetzt ist es soweit. Sie müssen sich was überlegen, damit ich von dieser Erbschaft loskomme. Ich weiß, es sieht nicht danach aus, aber ich habe wirklich für immer mit meiner Familie gebrochen. Ich will hierbleiben und versuchen, mit Seria zusammenzukommen.«

Brooke runzelte die Stirn. »Das verstehe ich nicht. Sie wollen bei Seria bleiben?«

»Ja, hier in Brunei und bei ihr!« Turner setzte sich auf die Koje und fuchtelte aufgeregt mit den Armen herum. »Ich weiß, ich hab Ihnen gesagt, daß Brunei nur eine kleine Glaskugel ist, vom Rest der Welt abgetrennt und so weiter. Aber ich denke jetzt anders! Ich hab's mir überlegt, und jetzt verstehe ich mehr. Brunei ist wichtig! Es ist klein, aber es kommt auf die Idee an, nicht auf den Maßstab. Ich komme schon zurecht, ich füge mich hier ein – das haben Sie selbst gesagt.«

»Was ist mit Seria?«

»Okay, das ist ein Teil davon«, gab Turner zu. »Ich weiß, daß sie dieses Land nie verlassen würde. Ich kann mit meiner Familie brechen, das ist kein Problem, aber sie ist von königlicher Abstammung. Sie kann nicht fortgehen, ebensowenig, wie Sie Ihr ganzes Geld zurücklassen würden. So sind Sie beide hier gefangen. Also gut. Das kann ich akzeptieren.« Turner blickte auf. Sein Gesicht glühte vor Entschlossenheit. »Ich weiß, daß es für Seria und mich nicht einfach wird, aber es ist an mir, das Opfer zu bringen. Jemand muß eine große Geste machen. Nun, dann tue ich es eben.«

Brooke schwieg einen Augenblick lang, dann klopfte er ihm auf die Schulter. »Das ist ja ein ganz neuer Turner, den ich da sehe. Also haben Sie den alten raffinierten Techniker abgestreift? Und spielen jetzt den Helden!«

Turner kam sich dumm vor. »Hören Sie auf, Brooke!«

»Und Sie lehnen das ganze schöne Geld ab.«

Turner faltete unschlüssig die Hände. »Ich bin es leid, mich von alten Knackern manipulieren zu lassen.«

Brooke rieb sich das unrasierte Kinn und grinste. »Junge, Sie müssen noch eine Menge lernen.« Er ging zur Tür. »Aber das ist in Ordnung, ist ja nichts passiert. Es kann immer noch gutgehen. Lassen Sie uns an Deck gehen und sehen, ob wir wirklich weit genug draußen sind.«

Turner folgte Brooke zu seinem Deckstuhl an der Bambusreling. Das Schiff machte auf einem Kanal zwischen sumpfigen Niederungen gute Fahrt. Sie hatten den Hafen verlassen und fuhren parallel zu einem dicht mit Mangroven bewachsenen Ufer. Brooke setzte sich und öffnete ein Fernglasfutteral. Er musterte die Stadt hinter ihnen.

Turner sah entrückt und mit leichtem Kopf zu, wie der dreifache Bug durchs Wasser schnitt. Er lächelte, als sie die erste Bohrplattform passierten. Sie schien zum Angeln einzuladen.

»Diese Bank«, sagte Turner. »Wir müssen uns irgendwann mit ihr befassen – wohin fahren wir überhaupt?«

Brooke lächelte, ohne das Fernglas abzusetzen. »Junge, ich habe diesen Tag schon vor langer Zeit geplant. Ich setze alles auf eine Karte. Aber trotzdem, ich bin nicht stolz. Ich kann mich anpassen. Sie haben mir eine Menge Ärger gemacht. Sie sind mit Ihren verdammten Stiefeln herumgetrampelt, wo selbst Engel leise auftreten. Aber ich habe endlich eine Möglichkeit gefunden, Sie einzufügen. Turner, ich werde Ihr Leben umgestalten.«

»Wirklich?« sagte Turner. Er trat näher und beugte sich drohend über Brooke. »Was suchen Sie da eigentlich?«

Brooke seufzte. »Hubschrauber. Polizeiboote.«

Turner erschrak, als er es begriff. »Sie verlassen Brunei! Sie hauen ab!« Er starrte Brooke an. »Sie Hund! Und Sie haben mich an Bord festgehalten!« Er packte die Reling. Er riß an seinen schweren Stiefeln herum, bereit, ins Wasser zu springen und zurückzuschwimmen.

»Seien Sie nicht dumm!« sagte Brooke. »Sie machen ihr nur Schwierigkeiten!« Er senkte das Fernglas. »Mein Gott, da kommt Omar.«

Turner folgte seinem Blick und sah den Hubschrauber, der sich wie eine Mücke zwischen den Hochhäusern erhob. »Wo ist Seria?«

»Versuchen Sie's mal im Bug.«

»Sie meinen, sie ist hier? Sie will auch weg?« Er rannte polternd über das Deck.

Seria trug eine weite Seemannshose und eine fleckige Nylon-Windjacke. Mit Hilfe zweier Männer der Dajak-Crew installierte sie eine Satellitenantenne aus Draht auf einer im Deck verankerten Eisenplatte. Sie hatte ihr langes, gefärbtes Haar abgeschnitten. Sie blickte zu ihm auf, und einen Moment lang sah er eine Fremde. Dann veränderte sie ihren Gesichtsausdruck, und er erkannte die vertrauten Züge. »Ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen, Turner. Deshalb mußte ich es tun.«

Turner lächelte sie liebevoll an, zu erfreut über ihre Worte, um sie zu verstehen. »Was mußtest du tun, Engel?«

»Dein Telefon anzapfen natürlich. Ich hab es ursprünglich gemacht, weil ich eifersüchtig war. Ich mußte sicher sein. Du weißt schon. Aber als ich dann wußte, daß du fort wolltest, nun, ich mußte einfach noch ein letztes Mal deine Stimme hören. Ich hörte dein Gespräch mit deinem Großvater. Bist du mir böse?«

»Du hast mein Telefon angezapft? Du hast alles mitgehört?« sagte Turner.

»Ja, Liebster. Du warst wundervoll. Ich hätte nie gedacht, daß du es wirklich tust.«

»Nun«, sagte Turner, »ich hätte auch nie gedacht, daß du so ein Ding drehst.«

»Jemand mußte eine große Geste machen«, sagte sie. »Es lag bei mir, nicht? Aber ich hab dir das in meiner Nachricht erklärt.«

»Dann desertierst du? Du verläßt deine Familie?« Turner kniete sich benommen neben sie. Während er versuchte, die Teile zusammenzusetzen, fiel sein Blick auf einen Kreuzschlitzbolzen unter der Schüssel. Er nahm abwesend einen Schraubenschlüssel in die Hand. »Laß mich mal«, sagte er automatisch.

Seria saugte an einem aufgeschürften Knöchel. »Du hast meine letzte Nachricht nicht erhalten, was? Du bist von selbst gekommen?«

»Ja, yeah«, sagte Turner. »Ich hatte mich entschlossen zu bleiben. Du weißt schon. Bei dir.«

»Und jetzt entführen wir dich!« Sie lachte. »Wie romantisch!«

»Du wolltest zusammen mit Brooke weg?«

»Nicht nur ich, Turner. Schau nur!«

Brooke kam zu ihnen, und bei ihm war Dr. Moratuwa, neu eingekleidet mit safrangelben, weiten Hosen und einem T-Shirt. Die Arbeitskleidung eines buddhistischen Technikers. »Oh, nein«, sagte Turner. Er ließ den Schraubenschlüssel mit einem Knall fallen.

Seria sagte: »Nun weißt du, warum ich gehen mußte. Meine Familie hatte ihn eingesperrt. Ich mußte das adat brechen und Brooke helfen, ihn zu befreien. Es war meine Pflicht, mein dharma!«

»Das kann ich verstehen«, sagte Turner. »Ich brauch nur noch eine Weile. Hättest du mich nicht warnen können?«

»Ich hab's doch versucht! Ich hab dir über das Netz eine Nachricht geschickt!« Sie sah seine Niedergeschlagenheit und drückte seine Hand. »Ich glaube, die Pläne sind gescheitert. Aber wir können immer noch improvisieren.«

»Guten Tag, Mr. Choi«, sagte Moratuwa. »Es war sehr tapfer von Ihnen, uns Ihr Schicksal anzuvertrauen. Das war eine edelmütige Geste.«

»Danke«, sagte Turner. Er holte tief Luft. Also flohen sie alle. Es war ein Schock, aber damit konnte er zurechtkommen. Er mußte einfach noch mal beginnen und es aus einem neuen Blickwinkel sehen. Wenigstens war Seria bei ihm.

Er fühlte sich jetzt etwas besser. Er bekam die Situation unter Kontrolle.

Moratuwa seufzte. »Und ich wünsche immer noch, es hätte funktioniert.«

»Dein Bruder kommt«, sagte Brooke finster zu Seria. »Vergiß nicht, daß das alles meine Schuld war.«

Sie hatten einen guten Wind in den Segeln, aber der Hubschrauber des Kronprinzen holte sie mühelos ein. Das Summen schwoll zu einem Dröhnen an. Auf dem hellorangefarbenen Schwimmer unter der Kanzel hockte ein Gurkha-Palastwächter mit einem leichten Maschinengewehr. Seine goldbetreßte Uniform flatterte im Wind der Rotoren.

Der Hubschrauber umkreiste das Boot. »Wir haben es immerhin versucht«, sagte Brooke. »Wenigstens ist es kein Patrouillenboot mit diesen verdammten Exocet-Raketen. Da die Prinzessin an Bord ist, handelt es sich um eine Familienangelegenheit. Wir können uns auf das adat verlassen.« Er klopfte Moratuwa auf die Schulter. »Sieht so aus, als würden Sie doch noch einen Zellengefährten bekommen, alter Mann.«

Seria ignorierte ihn. Sie blickte ängstlich nach oben. »Armer Omar«, sagte sie. Sie legte die Hände vor den Mund. »Bruder, sei vorsichtig!« rief sie.

Der Copilot des Prinzen gab dem Wächter ein Megaphon. Der Wächter hob es und rief sie an.

Plötzlich veränderte sich der Ton der Hubschraubermaschine. Braune Qualmwolken quollen aus den verchromten Auspuffrohren. Der Prinz schwenkte plötzlich ab und kämpfte mit den Kontrollen. Der Wächter verlor das Gleichgewicht und stürzte ins Meer. Die Dajak-Matrosen, die auf den Befehl gewartet hatten, die Segel zu reffen, lachten laut.

»Was war das denn?« sagte Brooke.

Der Hubschrauber klatschte schwer in die Bucht und schwankte in der Heckwelle des Schiffs. Die Maschinen spuckten karamelfarbenen Qualm aus und erstarben mit einem schrecklichen Knirschen. Das Schiff segelte weiter. Sie sahen schweigend zu, wie der nasse Wächter langsam hinüberschwamm und sich auf den Schwimmer zog.

Brooke hob die Augen zum Himmel. »Großer Buddha, vergib mir meine Zweifel …«

»Zucker«, sagte Seria traurig. »Ich hab eine Tüte Zucker in den Benzintank gekippt. Ich hab seinen wundervollen Hubschrauber ruiniert. Armer Omar, er hat die Maschine wirklich geliebt.«

Brooke starrte sie an, dann platzte er gackernd heraus. Seria ignorierte ihn mit königlicher Würde. »Leb wohl, Brunei. Jetzt könnt ihr uns nicht mehr halten.«

»Wohin fahren wir?« sagte Turner.

»Nach Westen«, sagte Moratuwa. »Die Meeresarchen werden sich viele Jahre lang ausbreiten. Ich muß ein Zeichen setzen, indem ich die Botschaft zur weltgrößten Ballung überholter Industrien trage.«

Brooke grinste. »Er meint Amerika.«

»Wir werden in Hawaii beginnen. Es ist ein tropisches Land, in dem unser Wissen sofort umgesetzt werden kann.«

»Wartet«, sagte Turner. »Davon habe ich mich doch gerade verabschiedet! Ich habe ein Vermögen ausgeschlagen, um im Osten bleiben zu können.«

Seria nahm seinen Arm und strahlte ihn an. »Du bist doch ein Träumer, Liebster. Was für eine wundervolle Geste. Ich liebe dich, Turner.«

»Hören Sie«, sagte Brooke, »ich habe mein Haus zurückgelassen, meinen Adelstitel und alle alten Freunde. Ich bin älter als Sie, also ist meine romantische Geste größer.«

»Aber«, sagte Turner, »es war doch schon alles entschieden. Ich sollte euch in Brunei helfen. Ich hatte Ideen, Pläne. Jetzt ist alles hinfällig.«

Moratuwa lächelte. »Die Welt wird nicht nach Ihren Plänen gemacht, junger Mann.«

»Nach wessen Plänen denn?« fragte Turner. »Nach Ihren vielleicht?«

»Nach niemandes Plänen«, sagte Brooke. »Wir müssen uns einfach nach Kräften bemühen, ganz egal, was kommt. Basteln, erinnern Sie sich?« Brooke breitete die Arme aus. »Aber es ist eine Welt der Greise, Junge. Wir sind mehr als ihr. Schnelle Autos und der Zukunftsschock und der Trip des Westens … das ist ein vergangenes Jahrhundert. Wir mögen träge Sonnentage. Wir mögen einen Ort, an den wir gehören, und sanfte Dinge in unserer Umgebung.« Er lächelte. »Okay, Sie sind jetzt etwas durcheinander, aber bis wir Hawaii erreichen, werden Sie sich wieder beruhigt haben. Dort gibt es ziemlich viel umzugestalten. Sie werden einer von uns sein!« Er deutete auf die Satellitenantenne. »Sobald wir das Ding aufgebaut haben, rufen wir ihre Banken an.«

»Es ist eine gute Welt für uns, Turner«, sagte Seria drängend. »Nicht ganz im Osten, nicht ganz im Westen – wie wir zwei. Sie wurde für uns geschaffen, und dort sind wir am besten aufgehoben.« Sie umarmte ihn.

»Ihr seid entkommen«, sagte Turner. Niemand sagte mehr viel über die Dinge, die geschehen waren, nachdem Dornröschen erwacht war.

»Ja, ich habe mich befreit«, sagte sie und umarmte ihn fester. »Und ich nehme dich mit.«

Turner starrte über ihre Schulter nach Brunei zurück, zu den heißen grünen Mangrovenwäldern und dem warmen Schlamm. Allmählich begann er die Wahrheit zu begreifen. Sie nahm ihn auf wie feiner Treibsand. Er würde sich hineinfinden. Er konnte seine Zukunft sehen, klar und vorbestimmt wie fünfzig glückliche Jahre in Maschinensprache.

»Vielleicht wollte ich es so«, sagte er schließlich. »Wenn es auch absolut nicht das ist, was ich geplant hatte.«

Brooke lachte. »Ach, Sie fahren mit einer Prinzessin und acht Millionen Dollar nach Hawaii. Sie werden schon irgendwie damit zurechtkommen.«

 

Originaltitel: ›Green Days in Brunei‹

Copyright© 1985 by Davis Publications, Inc.

(erstmals erschienen in ›Isaac Asimov's Science Fiction Magazine‹,

Oktober 1985)

Copyright © 1990 der deutschen Übersetzung

by Wilhelm Heyne Verlag, München

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jürgen Langowski