DAS ENDE DES TAGES

21. DEZEMBER

New Jersey/Luftraum über New York
7:50 Uhr
(13 Minuten vor dem prophezeiten Ende der Tage)


Die drei MH-53J Pave Low-III der Air Force flogen in Staffelformation über New Jersey in Richtung Osten nach Manhattan. Die »Jolly Green Giants«, mächtige, ungelenk wirkende Hubschrauber, waren speziell dafür vorgesehen, abgestürzte Piloten zu bergen und Spezialeinsatzkräfte zu unterstützen. Zu ihrer heutigen Mission waren sie jedoch deswegen ausgewählt worden, weil sie gut mit schlechtem Wetter zurechtkamen – und weil sie eine Heckklappe besaßen, mit der sich eine besondere Ladung abwerfen ließ.

Die erste Neutronenbombe war im Jahr 1958 entwickelt worden, doch Präsident Kennedy hatte das Projekt gestoppt, und später hatte Jimmy Carter eine Fortführung immer wieder aufgeschoben. Erst unter Ronald Reagan war es 1981 zu einer energisch verfolgten Weiterentwicklung gekommen. Bei der Bombe handelte es sich um eine taktische Waffe, die gegnerische Truppen vernichten und gleichzeitig die Infrastruktur des Zielgebiets erhalten sollte. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Atomsprengköpfen waren die drei ERWs in den Pavelows chemisch gezündete Kernwaffen, die für den Einsatz gegen unterirdische Bunker entwickelt worden waren. Gezündet wurden sie beim Kontakt des Sprengmaterials mit Sauerstoff, und das dabei entstehende Feuer setzte jeden Kubikzentimeter des betroffenen Luftraums in Brand, bevor die Flammen sich selbst erstickten.

Exakt drei Minuten nach acht sollten die Hubschrauber an den dafür vorgesehenen Stellen ihre Bomben oberhalb der über Manhattan schwebenden Kohlendioxidwolke abwerfen. Die Neutronenbomben würden dann durch die künstliche Isolationsschicht fallen, detonieren – und jedes Lebewesen in New York City in Flammen aufgehen lassen, gleichgültig, ob es zu diesem Zeitpunkt bereits tot war oder nicht.



Battery Park, Manhattan, New York
7:52 Uhr


Ein kalter Wind peitschte über den Hafen von New York und ließ die dunklen Wellen aufschäumen. In der Ferne konnte man Liberty Island erkennen. Die Freiheitsstatue schien die Mitglieder der kleinen Gruppe herüberzuwinken.

Sie hatten sich direkt am Ufer an der Bootsrampe aus Beton versammelt. Die Patels und die Familie Minos. David Kantor und seine Tochter. Der zierliche tibetische Mönch, den nichts zu erschüttern schien, und die Attentäterin, die wütend auf die ganze Welt war. Die Schüler und die befreiten Sexsklavinnen waren im warmen Schulbus geblieben, der sich mit dem Anbruch der Morgendämmerung vielleicht doch noch in einen Scythe-Brutschrank verwandeln konnte.

Unter ihrem Mantel drückte Francesca Minos ihren neugeborenen Sohn an ihre Brust und wärmte ihn mit ihrem Körper. »Was sollen wir jetzt tun?«

Paolo schirmte seine Frau und sein Kind vom Wind ab. »Wir müssen ein anderes Boot finden.«

»Es gibt keine anderen Boote«, rief David. »Es gibt keine weitere Möglichkeit, die Insel zu verlassen, es sei denn, man würde schwimmen. Aber ohne Neoprenanzug würde man nach zwei Minuten unterkühlen und ertrinken. «

Dawn Patel saß auf einer Parkbank neben ihrer Mutter. Das Mädchen musterte Patrick Shepherds Armprothese. »Mutter, das ist merkwürdig. Sieh dir die hebräischen Buchstaben an. Sie bilden lauter Dreiergruppen. «

»Darf ich?« Der tibetische Mönch lächelte das Mädchen entwaffnend an. Pankaj trat ebenfalls hinzu und musterte über die Schulter des Asiaten hinweg die eingravierten Buchstaben. »Das ist höchst erstaunlich. Das ist kein Hebräisch. Das ist Aramäisch.«

»Na und?«, erwiderte Manisha. »Pankaj, komm her zu deiner Familie.«

»Einen Augenblick. Was ist daran so erstaunlich?«

»Pankaj, Aramäisch ist ein metaphysisches Werkzeug, das vom Schöpfer benutzt wurde. Es ist die einzige Sprache, die Satan nicht verstehen kann.«

»Diese Buchstaben … Sie waren zuvor noch nicht da.«

»Sind Sie sicher?«

»Nachdem Patrick meine Familie gerettet hatte, habe ich geholfen, ihn vom Belvedere Castle wegzutragen. Die Gravur war noch nicht da. Ich bin mir ziemlich sicher. Können Sie die Botschaft lesen?«

»Das ist keine Botschaft, Pankaj, und das sind auch keine Worte, die sich übersetzen ließen. Was hier in den Stahl gegraben wurde, sind die zweiundsiebzig Namen Gottes.«

»Was haben Sie gesagt? Zeigen Sie mal her.« Paolo ließ seine Frau mit dem neugeborenen Sohn stehen und ging zu den anderen. »Woher wissen Sie, dass das die zweiundsiebzig Namen sind?«

»Ich sehe diese Worte jeden Tag vor mir. Jeder dieser Buchstaben gehört zu den Namen, die in den drei Versen in Exodus, Kapitel 14, Vers 19 bis 21, verschlüsselt sind. Dieser Abschnitt der Tora beschreibt die Teilung des Roten Meeres durch Moses.«

Paolo nahm dem Tibeter den stählernen Arm aus den Händen und starrte die Buchstaben an. »Das war nicht Moses. Virgil hat gesagt, dass das Rote Meer in Wahrheit von einem anderen, tief gläubigen Mann geteilt wurde.«

»Sie haben recht. Die wahre Geschichte der Israeliten, die ihre Knechtschaft abschütteln wollten, hatte nichts mit Sklaverei zu tun. Es ging vielmehr darum, Chaos, Schmerz und Leid zu entfliehen. Die Teilung des Roten Meeres war kein Wunder, sondern eine Manifestation – eine Wirkung, die durch die Fähigkeit verursacht wurde, die zweiundsiebzig Namen in Moses’ Stab als übernatürliches Werkzeug zu benutzen und die Materie durch den Geist zu kontrollieren.«

»Glauben Sie, dass Patrick der Gerechte war, den Gott auserwählt hat, um die Menschheit zu erlösen?«

David und Gavi näherten sich den anderen. »Worüber redet ihr?«

»Es könnte sein, dass die Rolle, die dein Freund beim Ende der Tage spielt, einem höheren Zweck dient«, erklärte Pankaj.

»Hört zu, Leute. Über das Ende der Tage und ähnlichen Kram weiß ich nichts, aber ich habe Patrick Shepherd gekannt, und glaubt mir: Er war ganz sicher keiner der Gerechten.«

Paolo starrte den stählernen Arm an. Er zitterte am ganzen Leib. Seine Gedanken rasten … Er grübelte.

Mit dem Baby auf dem Arm trat Francesca zu ihm. »Paolo, was ist?«

»Warte hier.« Er umklammerte die Armprothese und ging aufs Wasser zu.

»Paolo, was tust du da? Paolo, bist du verrückt?«

Die Überlebenden versammelten sich um Paolo, der die stählerne Armprothese in den Himmel hob. Er zögerte. Dann ging er entschlossen die Bootsrampe hinab in den Hafen.

Die Berührung mit dem eisigen Wasser traf ihn wie ein elektrischer Schlag. Sie presste ihm die Luft aus der Lunge und ließ sein Blut und seine Arme und Beine bleischwer werden. Mühsam schob er sich bis zu den Hüften in die Fluten, bis er schließlich eine unsichtbare Schwelle überschritt und plötzlich unter Wasser sank.

Francesca schrie auf.

Nur Sekunden später tauchte der Kopf ihres Mannes wieder auf. Starr vor Kälte schnappte er nach Luft, während er zur Rampe zurückschwamm. David und Pankaj packten ihn bei den Armen und zogen den frommen Mann in Sicherheit.

Gavi rannte zum Bus, um eine Decke zu holen.

Sheridan Ernstmeyer lachte. »So viel zum direkten Eingriff Gottes in den Lauf der Welt.«

Der tibetische Mönch trat auf Paolo zu, der am Ufer kniete und nach Atem rang. »Mr. Minos, warum haben Sie versucht, das Wasser des Hafens zu teilen? Wie kamen Sie auf die Idee, dass Sie einer solchen Aufgabe würdig wären?«

»Die zweiundsiebzig Namen … Ich habe die Geschichte geglaubt, ich habe sie für wahr gehalten.« Der Italiener zitterte unkontrollierbar. Sein Gesicht war völlig bleich, seine Lippen purpurfarben. Völlig verwirrt sah er zu Gelut Panim auf. »Ich habe es genauso gemacht, wie Virgil gesagt hat. Es hat nicht funktioniert.«

»Beim Durchschreiten der Flut wird die Gewissheit auf die Probe gestellt. Nicht der Glaube.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Mein Freund, Sie besitzen den Glauben, aber nicht die Gewissheit. Sie haben einen Moment lang gezögert, und das ist ein Zeichen dafür, dass Sie erwartet haben zu scheitern. Gewissheit ist mehr als ein Gebet. Sie ist Wissen. Es gibt da die Geschichte eines Gläubigen, der nachts einen Berghang hinunterklettert. Seine Kräfte lassen nach. Er klammert sich mit beiden Händen fest und ist wie Sie kurz davor zu erfrieren. Also bittet er Gott, ihn zu retten. Gott antwortet ihm und sagt, er solle loslassen. Der Mann löst eine Hand vom Fels, doch er fürchtet sich davor, Gott ganz zu gehorchen. Stattdessen ruft er andere um Hilfe an in der Nacht. Als ihn am nächsten Morgen die Dorfbewohner finden, hängt er erfroren am Fels, anderthalb Meter über dem Boden.«

Gavi reichte dem vor Kälte zitternden Mann eine Decke.

»Wie können Sie sich anmaßen, meine Glaubensstärke zu beurteilen? Ich bin direkt ins Wasser gegangen. Ich habe mit beiden Händen losgelassen.«

»Ich wollte Sie nicht beleidigen. Als Gott Abraham aufforderte, seinen Sohn Isaak zu opfern, war das eine Prüfung seiner Gewissheit. Sie dagegen haben sich einfach nur tollkühn in die Fluten gestürzt.«

»Dad, sieh mal dort!« Gavi deutete nach Liberty Island im Südwesten, wo drei Militärhubschrauber am Horizont auftauchten. »Kommen sie, um uns zu retten? «

David schluckte heftig. »Nein, Liebling. Diesmal nicht.«



Governor’s Island, New York
7:55 Uhr


Leigh Nelson wurde aus dem Schlaf gerissen. Jemand zerrte die Ärztin gewaltsam aus ihrem Feldbett auf die Beine, sodass sie plötzlich Jay und Jesse Zwawa gegenüberstand.

»Was ist? Ist etwas nicht in Ordnung?«

»Sie haben uns angelogen, Lady.«

Leigh fühlte, wie ihr Blutdruck absackte. »Angelogen? Worüber?«

»Den Scythe-Impfstoff. Wir haben ihn analysiert.« Jay Zwawa drückte ihr ein halb leeres Fläschchen in die Hand. »Das ist nichts als Wasser.«

»Was? Das ist unmöglich …«

Jesse Zwawa gab den Wachsoldaten ein Zeichen. »Bringt diese Verräterin nach draußen und erschießt sie.«



Battery Park, Manhattan, New York
7:56 Uhr


Marquis Jackson-Horne hatte die Farben seiner Gang aufgegeben, aber nicht seine Pistole. Der achtzehnjährige Latino mit den geflochtenen Haarsträhnen und seine sechs Jahre alte Schwester gingen auf die kleine Gruppe der Scythe-Überlebenden zu. Alle betrachteten den Horizont im Westen, von wo aus drei dunkle Kampfhubschrauber in einem langen Bogen der Küste von New Jersey in nördlicher Richtung folgten.

Marquis nickte Pankaj zu: »Seid ihr hier, um evakuiert zu werden?«

»Tut mir leid.«

»Es tut dir leid?« Er betrachtete den zitternden, in eine Decke gewickelten Italiener. »Was ist denn mit dem passiert? Und wo ist der Einarmige?«

»Du hast Patrick gekannt?«

»Er hat mir den Impfstoff gegeben. Hat mich und meine kleine Schwester gesund gemacht. Wo ist er?«

Pankaj sah dem ehemaligen Bandenchef in die Augen. »Er ist bei seiner Familie.«

Auch Paolo war bei seiner Familie, aber er musste immer wieder an die verletzenden Worte des Asiaten denken. Sein ganzes Leben lang hatte er sich nach den Vorschriften der katholischen Kirche gerichtet. War zur Messe gegangen. Hatte die Kommunion empfangen. Hatte auch dann etwas gespendet, wenn er es sich kaum leisten konnte. Er hatte für die Obdachlosen gekocht und sogar seine kleinsten Sünden gebeichtet. Und jetzt, in den letzten Augenblicken seines Lebens, wurde ihm gesagt, dass er der Gnade nicht würdig war … dass er Zweifel im Herzen hege.

Er ließ Francesca samt seinem neugeborenen Sohn stehen und ging mit unsicheren Schritten auf den tibetischen Mönch zu. »Ich weiß nicht, wer Sie sind, aber ich weiß, dass Sie sich mit den zweiundsiebzig Namen auskennen. Benutzen Sie sie, um uns zu retten!«

»Unglücklicherweise kann ich das nicht. Vor langer Zeit habe ich die Entscheidung getroffen, das Wissen für meine eigenen selbstsüchtigen Bedürfnisse zu missbrauchen. Deshalb ist mein Leben nicht das Leben des Gerechten. «

»Dann bringen Sie mir alles Notwendige bei. Sagen Sie mir, was ich tun muss.«

»Das habe ich bereits.« Die undurchdringlichen Augen des Ältesten funkelten. Ermutigend legte er Paolo die Hand auf die Schulter. »Betrachten Sie es als Taufe.«

Paolo zitterte unkontrollierbar. Sein Blick sprang zwischen den drei Militärhubschraubern, dem Asiaten und dem so zerbrechlich wirkenden Kind auf dem Arm seiner Frau hin und her.

Doch er stellte sich seiner größten Furcht, warf die Decke ab und ging zu den beiden Menschen zurück, mit denen er am tiefsten verbunden war. »Francesca, gib mir unseren Sohn.«

Sie sah den Blick in seinen Augen. Und den stählernen Arm in seiner Hand. »Nein!«

»Francesca, bitte.«

Die anderen versammelten sich schweigend um die kleine Familie.

Fasziniert und zugleich beschämt betrachtete der Mönch die Ereignisse.

»Francesca, ein Wunder hat uns hierhergebracht. Jetzt müssen wir der Ursache dieses Wunders vertrauen.«

Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Liebste, Gott hat uns die Werkzeuge gegeben. Jetzt liegt es an uns zu handeln.«

Sie zögerte. Dann reichte sie ihrem Mann das in eine Decke gewickelte Neugeborene. »Tu, was du willst. Opfere deinen Sohn. Opfere dich selbst. Ich halte das alles nicht mehr aus.«

Mit dem stählernen Arm in der rechten Hand und seinem kleinen Sohn auf dem linken Arm ging Paolo die Bootsrampe hinab in das Wasser des Hafens.



Areal des ehemaligen World Trade Center,
Manhattan, New York
7:57 Uhr


Am Himmel wogte der braune Mahlstrom, sodass das Licht der Dämmerung nicht bis hierhin durchdrang. Ein kalter Dezemberwind wirbelte Bauschutt und Erde zu Miniaturtornados auf und legte sich schließlich.

Alleine, verängstigt und verloren saß Patrick Shepherd am Rand der Baugrube.

Wieder frischte der Wind auf und fuhr pfeifend durch die Nietlöcher in den nackten Stahlträgern.

Patrick …

Die flüsternde Stimme gehörte einem Mann und klang merkwürdig vertraut. Shep sah unsicher auf.

Du hast eine verdammt anstrengende Reise hinter dir, mein Sohn. Jetzt müssen wir anfangen, an deinem mentalen Spiel zu arbeiten.

»Coach? Coach Segal? Ist das wirklich … Aber was sage ich denn da?« Er griff sich in sein langes braunes Haar und zerrte daran. Dann sank er von Schmerz überwältigt nach vorn. »Verschwinde aus meinem Kopf! Verschwinde aus meinem Kopf! Ich halte das nicht mehr aus!«

Ich bin keine Halluzination, Patrick. Du wusstest das schon, als ich das erste Mal mit dir Kontakt aufgenommen habe. Auf dem Dach des VA Hospital.

Sheps Haut kribbelte. Er stand auf und drehte sich dem Wind zu. »Du hast mich davon abgehalten zu springen? «

Du hast mir damals vertraut, also vertraue mir auch jetzt. Alles, was du erlebt hast, war real – bis auf die Täuschung des Dämons, der das Bild meiner Tochter benutzt hat. Aber auch diese List hast du durchschaut, denn du hast deinem Instinkt vertraut.

»Das stimmt. Ich wusste, dass das nicht Trish war. Ich wusste, dass sie das niemals sein konnte. Wenn ich mit ihr zusammen bin, dann fühle ich mich … dann fühle ich mich …«

»Erfüllt.«

Shep zuckte zusammen. Sein Blick suchte nach dem Besitzer dieser neuen Stimme. Er hörte sich nähernde Schritte – das Knirschen von Stiefeln auf Kies – und drehte sich um.

Virgil Shechinah kam hinter einem Bagger hervor und trat in einen schmalen Sonnenstrahl, der aus einer kleinen Lücke in den Wolken zur Erde fiel. »Und sie sagten, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis in den Himmel reicht, auf dass wir uns einen Namen machen. Nun, Meister Dante, habt Ihr Euren Weg durch die Hölle auf der Suche nach Eurer geliebten Beatrice genossen?«

Die Erwähnung von Dantes toter Angebeteter machte Shep nur noch wütender. »Du bist ein Lügner, alter Mann, weißt du das? Du hast mir gesagt, du hättest mit meiner Seelengefährtin gesprochen. Doch sie ist tot. Sie starb zusammen mit meiner Tochter genau an diesem Ort. Vor elf Jahren.«

»Ja, das stimmt. Und sie macht sich große Sorgen um dich.«

»Was soll das denn heißen? Bist du so eine Art Medium, das mit ihrem Geist Kontakt aufgenommen hat? Oder vielleicht bist du ja ein Engel? Bist du das, Virgil? Ein Engel, der von Bertrand DeBorn angeheuert wurde, mich in den Wahnsinn zu treiben?«

»Kein Engel. Und ich habe auch nie behauptet, dass ich Psychiater bin, genauso wenig, wie der verstorbene Mr. DeBorn mich an dich verwiesen hat. Das waren nur deine eigenen Vermutungen.«

»Okay, du bist also kein Seelenklempner. Was bist du dann? Warum hast du mich im VA Hospital besucht? Nein, warte. Das hatte ich ja ganz vergessen. Meine tote Seelengefährtin hat sich Sorgen um mich gemacht, also hat sie dich zu mir geschickt.«

Virgil lächelte. »Die Augen sind die Fenster der Seele. Schau mir in die Augen. Sag mir, was du siehst.« Er nahm seine rosarote Brille ab. »Nur zu. Ich beiße nicht.«

Shep trat einen Schritt näher und starrte in die blauen Augen des alten Mannes – und plötzlich wurde sein Bewusstsein von einer Woge ätherisch weißen Lichts überwältigt, dessen Wärme durch sein Gehirn drang und jede Zelle seines Körpers mit einer heilenden Energie erfüllte, die so tröstlich und so liebevoll war, dass er kichern musste.

Es war, als erwache er. Er lag desorientiert auf dem Boden und öffnete lächelnd die Augen. »Gott, war das ein Ansturm.«

»Belassen wir’s doch im Augenblick bei Virgil, oder?«

Shep setzte sich auf. Unglaublicherweise war die Erschöpfung der langen Nacht verschwunden, und die Kälte hatte keine Wirkung mehr auf ihn. »Ich weiß nicht, was du gerade getan hast, aber wenn wir das in Flaschen abfüllen könnten, würden wir ein Vermögen damit machen.«

»Was du erfahren hast, war kether, das Licht aus der obersten sefirot … der höchsten der zehn Dimensionen der Existenz. Nur einmal im Jahr hat der Mensch Zugang zu dieser Energie – nämlich während der Morgendämmerung, die auf die neunundvierzig Tage der inneren Reinigung nach Pessach folgt. Dieser Zeitpunkt ist der Erinnerung an die Verbindung zur Unsterblichkeit gewidmet, die vor vierunddreißig Jahrhunderten auf dem Berg Sinai existierte.«

»Na wunderbar, noch mehr Rätsel.« Kopfschüttelnd stand Shep auf. »Hör zu, wer immer du auch sein magst, in den letzten vierundzwanzig Stunden hast du dich mir gegenüber wie ein echter Freund verhalten. Doch vielleicht könntest du mir nur ein einziges Mal eine klare Antwort geben, in Anbetracht der Tatsache, dass wir wahrscheinlich schon in ein paar Minuten vom Verteidigungsministerium in ein Häufchen Asche verwandelt werden.«

»Im übernatürlichen Reich hat die Zeit keinen Platz, Patrick. Sieh dich um. Die Zeit existiert nicht mehr.«

Patrick hob den Kopf. Aus irgendeinem merkwürdigen Grund bewegten sich die braunen Wolken nicht mehr. Es war, als seien sie an Ort und Stelle erstarrt. »Verdammt, was ist das denn? Nein, warte. Ich hab’s kapiert. Das ist eine weitere Halluzination, die mir dieser fürchterliche Impfstoff eingebrockt hat.«

»Alles war real. Und was den Impfstoff betrifft – der ist nichts als Wasser.«

»Wasser? Ich bitte dich!«

»Wasser ist der entscheidende Bestandteil der Existenz in der physischen Welt. Vor langer Zeit war Wasser mit der Essenz des Lichts durchtränkt, die ihm die Macht verlieh, zu heilen und zu erneuern und den Menschen auf Zellebene zu schützen. Die Menschen lebten damals sehr viel länger. Erst das überwältigende negative Bewusstsein der Menschheit konnte die Natur des Wassers nach der Sintflut beflecken. Dieser Prozess ist jedoch umkehrbar durch gewisse Segensformeln und Meditationsübungen, die das Wasser in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen. Der Impfstoff war eine hoch konzentrierte Form dieses reinigenden Wassers, die Pinchas-Wasser heißt. Das Verteidigungsministerium hat eine gewisse Menge davon konfisziert; eigentlich wollten Menschen, die über dieses Wissen verfügen, es dazu verwenden, um Teile Tschernobyls zu reinigen. Ein edles Bemühen, das wie so vieles durch das Ego des Menschen zunichtegemacht wurde. Mary Klipot hatte in Fort Detrick Zugang zu diesem Wasser.«

»Und das hat uns vor der Pest geschützt?«

»Was dich geschützt hat, war dein Glaube. Das Wasser war nur das Mittel, um deine Gedanken auf den richtigen Weg zu bringen. Um es mit einer Formulierung zu sagen, die du sicher noch nie gehört hast: Es geht um die Macht des Geistes über die Materie.«

»Aber das ist verrückt … Oder vielleicht bin ich verrückt. « Shep ging unruhig hin und her. Er konnte das alles nicht so schnell verarbeiten. »Oder vielleicht bin ich doch nicht verrückt, sondern habe nur vereinzelte Wahnvorstellungen. Warte mal … Genau, das ist es. Jetzt ergibt alles einen Sinn. Dieses ganze Zauberer-von-Oz-Abenteuer begann mit der Bruchlandung meines Hubschraubers im Wald. Alles, was ich danach erlebt habe … dein wundersames Auftauchen im Inwood Park, mein Weg durch die neun Höllenkreise Dantes, der mich zurück zu meiner Familie führen sollte, die Helfergestalten, denen wir bequemerweise unterwegs begegnet sind, und sogar der düstere Schnitter, der mich im Hades erwartet hat – das alles war nur ein Traum. Nichts davon ist wirklich passiert. In Wahrheit liege ich noch immer bewusstlos im Hubschrauber – oder noch besser: Ich liege irgendwo in einem Krankenhaus in der Bronx, wo man mich mit Medikamenten ins Koma versetzt hat. Und dieser Ansturm des Lichts, als ich in deine Augen gesehen habe … das war wahrscheinlich eine Vitamin-B 12-Injektion, die die Schwester in meine Infusionslösung gegeben hat.« Shep schenkte Virgil ein strahlendes Lächeln. »Das ist es, nicht wahr? Mein Gott, bin ich gut. Damit bist nicht du gemeint, Virgil, das ist einfach nur der Ausdruck, den man benutzt, wenn man mit der Figur ganz oben spricht, mit dem Kerl am höchsten Ende der Leiter.«

»Mit dem Typen, der immer über seinen Aufgaben einschläft? «

»Genau.«

»Dann machen wir doch einfach einen Test.« Virgil hob die Hand und zwickte Patrick in die Wange.

»Aua! Das war dein Test?«

»Du kommst mir völlig wach vor. Aber es ist natürlich immer sinnvoll, ganz sicherzugehen.«

Shep zuckte zusammen, als eine geisterhafte Empfindung seinen schwer verletzten Deltamuskel plötzlich mit einer heilenden Wärme erfüllte. Verblüfft sah er, wie auf wundersame Weise ein Oberarmknochen aus seiner Schulter wuchs, den nach und nach ein Gewebe aus Nerven und Blutgefäßen, Sehnen und Muskeln umhüllte und der schließlich um einen Unterarm, ein Handgelenk, eine Hand und fünf Finger verlängert wurde, die sich mit Fleisch und Haut bedeckten, bis am Ende unter seinen faszinierten Blicken ein kompletter und voll funktionsfähiger linker Arm entstanden war.

Shep fiel auf die Knie und bewegte immer wieder seine Finger. Ihm wurde schwindelig. Im Gegensatz zu seiner Erfahrung im neunten Höllenkreis war ihm instinktiv klar, dass der Arm real war. »Wie …?«

»Stammzellen. Eine erstaunliche Sache. Es ist eine Schande, dass die Menschheit so lange gewartet hat, sie zu nutzen. Stell dir nur die grenzenlose Freude vor, die die ganze Welt erfüllt hätte, wäre es schon früher möglich gewesen, neue Arme und Beine für Amputierte, neue Wirbelsäulen für Gelähmte, neue Organe für die Hinfälligen oder neue Therapien für die verschiedensten Krankheiten zu entwickeln – Dinge, die den Menschen in seiner Entwicklung zum Guten hin hätten fördern können. Unglücklicherweise ist es dem Widersacher gelungen, euch an die organisierte Religion zu fesseln. Das war Satans Trumpf, und das menschliche Ego hat sich darauf gestürzt wie auf Opium.«

Shep starrte Virgil an, als sehe er den alten Mann zum ersten Mal. »Du bist wirklich Gott, nicht wahr?«

»Gott ist eine menschliche Vorstellung, das leicht verdauliche Bild eines Herrschers auf einem Thron, eines höchsten Wesens, an das man sich wendet, wenn man in der Lotterie gewinnen will oder sich mit dem Tod konfrontiert sieht. Ich bin das Verlangen des Schöpfers, Sich dir im Licht der Weisheit zu offenbaren, und ich erscheine dir als ein reflektiertes, endliches Bild, das dein Geist akzeptieren und in sich aufnehmen kann.«

»Das Licht der Weisheit?«

»Die Essenz der Existenz.« Virgils blaue Augen tanzten hinter seiner rosaroten Brille. »Du möchtest wissen, wie all das um dich herum entstanden ist.«

»Bitte.«

»Gut. Aber was ich dir jetzt erklären werde, sind übernatürliche Dinge – Dinge, die weder Raum noch Zeit einnehmen, noch materielle Manifestationen darstellen, und die somit nichts mit genau jenen Elementen zu tun haben, die üblicherweise deine Sinne und deine Umgebung dominieren. Es sind Dinge, die du vielleicht nicht verstehen oder akzeptieren kannst, und doch wird deine Seele instinktiv wissen, dass sie wahr sind. Kämpfe nicht gegen dein Bauchgefühl an, indem du die Logik des Endlichen auf diese Worte anwendest.«

»Du willst mir damit sagen, dass mein Gehirn zu klein ist, um mit all diesen Dingen zurechtzukommen.«

»Ich will damit sagen, dass deine Sinne fest mit dem malchut, der physischen Welt, verbunden sind. Das Obere Reich ist eine vollkommen andere Realität. Es ist, als ob du, ein dreidimensionales Wesen, einer zweidimensionalen Comic-Figur deine Existenz erklären müsstest. Du würdest dich auf eine zweidimensionale Sprache beschränken müssen, um dreidimensionale Vorstellungen zu beschreiben.«

»Das ist Algebra, und ich bin nur ein Erstklässler. Ich hab’s kapiert. Muss ich noch etwas wissen?«

»Wie ich schon sagte: Zeit und Raum existieren im spirituellen Reich nicht. Wenn ich also das Wort vor benutze, bezieht es sich auf eine Ursache. Wenn ich nach sage, geht es um eine Wirkung.«

»Alles klar. Und jetzt sag mir … Was ist wirklich da draußen? Und wie ist alles entstanden?«

»In der Realität des Unendlichen gibt es den Schöpfer, es gibt das unerkennbare Wesen des Schöpfers, und es gibt das Licht, das vom Schöpfer kommt. Das Licht existiert im Endlosen. Das Licht ist die Vollkommenheit. Und obwohl du den Schöpfer selbst niemals erkennen kannst, ist Seine wesentliche Eigenschaft erkennbar. Diese Eigenschaft besteht darin zu teilen. Doch weil es am Anfang nichts gab, mit dem irgendetwas zu teilen möglich gewesen wäre, war eine entgegengesetzte Energie notwendig, um den Kreislauf zu vollenden – oder überhaupt erst in Gang zu setzen. In diesem Fall bedeutet das: Es war ein Gefäß erforderlich, das das unendliche Licht des Schöpfers empfangen konnte.

Und so wurde das Gefäß geschaffen. Sein einziger Sinn bestand darin zu empfangen. Dieses Gefäß war die vereinte, die all-einige Seele. So gab es im Endlosen nun also zwei Arten von Licht: Das Licht der Weisheit, das die Essenz der Existenz bildet, die nur aus Geben besteht, und das Licht der Gnade – das Gefäß –, dessen ganzes Verlangen darin bestand zu empfangen. Erinnerst du dich noch an das Beispiel, das ich dir einmal gegeben habe? Wenn das Licht der Weisheit der elektrische Strom in deinem Haus ist, dann ist das Licht der Gnade – das Gefäß – die Lampe, die man mit einer Steckdose verbindet, damit sie Zugang zu dieser Energie hat. Ohne die Lampe wird es nicht hell, und ohne das Licht der Gnade kann sich die Weisheit nicht offenbaren. «

»Das ist genau das, was du mir im Zusammenhang mit Dawn erklärt hast – es ist wie mit der Sonne. Die Sonne strahlt Energie aus, doch die Strahlung kann man nur sehen, wenn sie von einem Himmelskörper reflektiert wird … wie zum Beispiel der Erde.« Shep hielt inne. Seine Gedanken rasten. »Virgil, du hast gesagt, dass du das Verlangen des Schöpfers bist, sich mir im Licht der Weisheit zu offenbaren. Soll das bedeuten, dass … du mein Licht der Gnade reflektierst?«

Virgil lächelte. »Kehren wir zur Schöpfungsgeschichte zurück. Im Endlosen, das die Gesamtheit der Existenz ausfüllte, gab es das Licht des Schöpfers, das sich bedingungslos verströmte, sowie – aufgrund von Ursache und Wirkung – auch das Gefäß, das Behältnis der vereinten Seele; diese vereinte Seele war die einzig wahre Schöpfung überhaupt. Die Tora gibt diesem Gefäß einen Namen: Adam. Doch das Gefäß Adam besaß, genau wie eine Batterie, zwei Aspekte oder Energien. Nämlich die männliche Energie aus positiv geladenen Protonen und die negativ geladene weibliche Energie, das Elektron, das die Schöpfungsgeschichte Eva nennt. Das Gefäß wollte nichts als empfangen, und das Licht wollte nichts als geben, und so kam es zu grenzenloser Erfüllung. Und doch war sich Adam dieses erfüllten Zustands nicht bewusst, denn wie soll man Gott erleben und Ihn wertschätzen, wenn man noch nie die Erfahrung der Abwesenheit Gottes gemacht hat?«

»Was ist passiert?«

»Ursache und Wirkung. Indem das Licht das Gefäß erfüllte, gab es die Essenz des Schöpfers weiter, die aus seinem Verlangen zu teilen besteht. Das Geschöpf, das nur geschaffen worden war, um zu empfangen, verspürte jetzt das Verlangen, zu teilen und die Ursache seiner eigenen Erfüllung zu sein. Doch das Gefäß besaß keine Möglichkeit zu teilen, und darüber hinaus empfand es Scham, weil es das endlose Licht und die Erfüllung empfing, ohne diese verdient zu haben. Und deshalb mied das Gefäß das Licht des Schöpfers, um so wie der Schöpfer zu sein.

Dieser Akt des Widerstands schuf den tzimtzum, die Konzentration oder Kontraktion. Ohne das Licht zog sich das Gefäß zu einem winzigen Punkt der Dunkelheit innerhalb der endlosen Welt zusammen. Das Unendliche gebar das Endliche. Das Gefäß, das sich plötzlich vom Schöpfer getrennt fand, dehnte sich aus, um das Licht erneut zu empfangen. Diese plötzliche Kontraktion und Expansion, die ihr als Urknall bezeichnet, war die Ursache, die das physische Universum hervorbrachte, wodurch Einstein sein raum-zeitliches Kontinuum erhielt. Und doch ist diese Blase der Existenz nicht die wahre Realität. Die wahre Realität der Existenz liegt in den neunundneunzig Prozent dessen, was es darüber hinaus noch gibt … im Endlosen. Was ist?«

»Es fühlt sich richtig an. Es ist nur schwierig, das alles in klare Gedanken zu fassen. Aber mach weiter … bitte.«

»Als der tzimtzum erschien, bildete die Kontraktion die zehn Dimensionen oder sefirot. Sechs dieser zehn sefirot verdichteten sich und entfalteten sich zu einer einzigen Super-Dimension, dem ze’ir anpin

»Warum zehn Dimensionen? Wozu dienen sie?«

»Die sefirot filtern das Licht des Schöpfers. Die oberen drei Reiche – kether, chochmah und binah – sind dem Schöpfer am nächsten und haben keinen direkten Einfluss auf die physische Welt des Menschen. Eine Gruppe von sechs weiteren sefirot, die sich unmittelbar außerhalb der beschränkten menschlichen Wahrnehmung befindet, bildet die Quelle allen Wissens und aller Erfüllung, die die Menschheit innerhalb der physischen Welt finden kann. Die physische Welt, die unterste der zehn sefirot, heißt malchut. Auch wenn das Universum noch so gewaltig erscheinen mag, es stellt nur ein Prozent der gesamten Existenz dar, und dieses eine Prozent basiert überdies auf einer Täuschung, die durch die beschränkte menschliche Sinneswahrnehmung noch verstärkt wird.«

»Unglaublich. Und was ist mit der Seele?«

»Jede Seele ist ein Funke aus dem zerstörten Gefäß Adam. Als das Gefäß zerbrach, trennte sich das männliche Prinzip Adam vom weiblichen Prinzip Eva. Genau wie auf die Empfängnis im Mutterleib die Teilung der Zelle folgt, teilte sich das zerstörte Gefäß, und seine Funken wurden männliche und weibliche Seelen. Geringere Funken erfüllten Tiere, Bäume, Gräser und so weiter. Sie durchdrangen jeden Aspekt von Materie und Energie, die den Kosmos bilden.«

»Aber meine Seele ist nicht vollständig, oder, Virgil? Sie ist noch immer geteilt. Du hast mir versprochen …«

Das Licht erschien vor ihm in Gestalt einer schimmernden blauen Erscheinung. Es war dieselbe Erscheinung, mit der schon Dawn Patel gesprochen hatte. Vor seinen Augen verdichtete sich der Schimmer zur Gestalt einer Frau. Die Frau trug dasselbe Kleid wie auf dem versengten Polaroid, ihr gewelltes blondes Haar fiel ihr über die Schultern bis ins Kreuz.

Patricia Ann Segal lächelte ihren lange verlorenen Seelengefährten an. »Hey, Baby.«

»Oh Gott …« Patrick fiel auf die Knie, und Tränen strömten aus seinen Augen, als er die Erscheinung an der Hüfte umarmte. Von einem Augenblick zum anderen hatte grenzenlose Freude die Leere aus seinem Herzen vertrieben.

Virgil schenkte ihm ein strahlendes, engelhaftes Lächeln. »Die Wiedervereinigung von Seelengefährten ist eine Kraft des Lichts, die sich nicht verleugnen lässt. Sie ist sogar noch gewaltiger als die Teilung des Roten Meeres.«

Trish zog Shep auf die Beine. Er küsste ihr Gesicht. Er atmete ihren Duft. Unter ihrer Berührung erwärmte sich das Fleisch seiner stoppeligen Wangen.

Der alte Mann beobachtete das Paar wie ein stolzer Vater. »Frauen schließen ihre spirituelle Besserung in der Regel schneller ab als ihre männlichen Partner. Es ist möglich, dass die Seele einer Frau im Oberen Reich ausharrt, während sie versucht, ihrem Seelengefährten auf dem Weg seiner eigenen Besserung zu helfen.«

Shep löste sich aus der Umarmung. »Was ist mit unserem kleinen Mädchen?«

»Sie ist bereits wiedergekehrt.« Trish sah ihm in die Augen. »Hat dir das dein Herz noch nicht gesagt?«

»Oh mein Gott … es ist Dawn! Die Tochter der Patels … In ihr wohnt die Seele unseres kleinen Mädchens.«

»Ich habe sie immer im Auge behalten … genauso wie dich.«

»Trish … Ich habe schreckliche Dinge getan. Ich bin zum Militär gegangen, um deinen Tod zu rächen. Ich habe gemordet. Ich habe die Dunkelheit in das Leben anderer gebracht.« Zitternd wandte sich Shep zu Virgil um, warf sich auf den Boden, umfasste die Beine des alten Mannes und drückte seine Brust gegen dessen Stiefel. »Es tut mir leid, Gott, bitte vergib mir.«

»Deine Reue wurde angenommen, mein Sohn.«

Shep wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Er stand auf und nahm die Hand seiner Seelengefährtin. »Werden wir zusammen sein?«

»Bald. Doch deine Seele muss erst noch gereinigt werden, bevor sie wieder in das Obere Reich zurückkehren kann, auch wenn deine Sündenlast durch deine selbstlosen Handlungen während der letzten vierundzwanzig Stunden geringer geworden ist. Je mehr Licht eine Seele verlangt und empfängt, umso höher steigt sie auf. Alles, was du um dich herum siehst – alles, was in der physischen Welt von Zeit und Sterblichkeit existiert –, wurde geschaffen, damit sich die Seele spirituell verwandelt, von einer Empfangenden zu einer Gebenden wird und sich ihre Unsterblichkeit und Erfüllung im Endlosen selbst verdienen kann. Das ist die Wahrheit, um die die Seele in Form des Gefäßes Adam gebeten hat, und der Schöpfer hat diese Bitte erfüllt, denn Er liebt Seine Kinder bedingungslos.«

»Aber wenn Er uns so sehr liebt, warum ist dann so viel Hass in der Welt? So viel Gewalt? So viel Schmerz und Leid?«

»Darüber haben wir schon gesprochen. Es ist nur möglich, sich die unendliche Erfüllung zu verdienen, wenn der Wille frei ist. Damit der freie Wille eine Herausforderung findet, muss es den Widersacher geben. Die gegnerische Mannschaft. Und das Spiel darf nicht manipuliert sein, denn sonst hätte ein Sieg keinerlei Bedeutung. Der Widersacher ist das menschliche Ego auf genetischer Ebene. In der Schöpfungsgeschichte besteht er im Verzehr der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis. Wollust, Unersättlichkeit, Raffsucht, Zorn, Gewalt, Betrug, Gier und Verrat – all das sind Anzeichen für ein entfesseltes Ego, und jede selbstsüchtige Handlung lenkt das Licht des Schöpfers hin zu Satan. Die Sünde ist die Weigerung des Menschen, seine wahre Bestimmung zu erfüllen. Würde der Mensch einfach sein Gefäß erweitern mithilfe der Werkzeuge, die ihm gegeben wurden, gäbe es nie wieder Leid auf der Welt.«

»Und wie können wir das tun?«

»Wie gesagt: indem ihr euer Gefäß erweitert und mehr Licht einlasst. Indem du deinen Nächsten liebst wie dich selbst – auf jene Art, wie der Schöpfer alle Seine Kinder liebt: bedingungslos. Die Liebe ist eine Waffe des Lichts. Sie hat die Macht, alle Formen der Dunkelheit auszulöschen. Spiritualität bedeutet nicht, immer nett zu sein, Patrick; sie bedeutet, die ganz und gar nicht netten Eigenschaften, die man so hat, umzuwandeln. Wenn es dir gelingt, sogar deine Feinde zu lieben, dann vernichtest du ihre Dunkelheit und ihren Hass. Und was noch wichtiger ist: Du vertreibst die Dunkelheit, die in dir selbst steckt. Was danach zurückbleibt, sind zwei Seelen, die den Funken der Göttlichkeit erkennen, den sie beide teilen. Denk darüber nach. Es ist keiner von deinen immer schon guten Charakterzügen, der den Lichtschalter umlegt. Das Licht geht an, wenn jemand die eigene Negativität, das eigene reaktive Verhalten erkennt, an der Wurzel packt und in etwas anderes umwandelt. Wenn sich die große Mehrheit der Menschen dieses Wissen zu eigen macht, werden alle unendliche Erfüllung und Unsterblichkeit erringen können. Wenn jedoch umgekehrt das negative Verhalten der großen Mehrheit einen bestimmten Punkt überschreitet, dann hat der Todesengel freie Bahn, und selbst die Gerechten werden Leid erfahren.«

»Ist es das, was hier gerade geschieht, Virgil? Läuft das Böse so sehr Amok, dass die Menschheit noch einmal ganz von vorne beginnen muss?«

Der alte Mann wirkte auf einmal sehr ernst. »Die Generation Noahs war verstockt und frevlerisch genug, um vor aller Augen zu sündigen. Die Generation der großen Flut ist zurückgekehrt.«

»Dann war ich also wirklich Noah?«

»Die Seele, die deine Existenz als Patrick Shepherd bewohnt, war auch Teil jenes physischen Wesens namens Noah – eines Gerechten, der in einer Zeit der Gier und der Verdorbenheit geboren wurde. Gemeinsam mit deiner Seelengefährtin Naama wurdest du wiedergeboren, um Zeuge des Endes einer neuen Generation zu werden.«

Errötend drückte Shep Trishs Hand. »Du wirst doch nicht allen Ernstes sechs Milliarden Menschen auslöschen? «

»Sechs Millionen oder sechs Milliarden – in beiden Fällen ist es nicht der Schöpfer, der zerstört. Das Verlangen des Menschen, ungehemmt vom Baum der Erkenntnis zu essen, und die Art, wie er hartnäckig darauf besteht, alle Dinge ausschließlich zugunsten seines eigenen Selbst zu empfangen – das hat den Todesengel herbeigerufen und lässt ihn über die Erde streifen wie vor 666 Jahren während der letzten Pandemie dieser Art.«

»Aber du könntest ihn aufhalten. Und du könntest diesem ganzen Wahnsinn ein Ende bereiten. Du beschreibst die Menschen als aus eigenem Antrieb Handelnde, aber was ist mit dir?«

Patrick erbleichte. Er zitterte. »Was ist mit dem Jungen, von dem du gesprochen hast?«

»Das war dein Leben, Patrick, dein zweiter Einsatz, wie du es nennen würdest. So hast du erfahren, wie ernst es um Noahs tikkun steht.«

»Wieso hast du nichts getan? Als die Flugzeuge in die Türme rasten …«

»Und unschuldige Familien von amerikanischen Soldaten abgeschlachtet wurden? Wie ich schon sagte, Patrick, Gott ist kein Verb. Das Licht fließt jenseits aller Absichten. Es geht immer wieder um den freien Willen. Diejenigen, die ihr Leben im Einklang mit den Geboten des Schöpfers führen, werden bewahrt werden. Doch eine wundersame Rettung bei diesem Stand der Dinge würde nur als religiöses Ereignis gedeutet werden und schließlich genau zu dem Krieg führen, den du zu vermeiden versuchst. Ein solches Wunder würde Satan dienen, der durch diese Taten der Dunkelheit immer mächtiger wird.«

»Das ist mir egal. Mag sein, dass Noah untätig zugesehen hat, wie die Welt unterging. Ich werde das nicht tun. Du und ich, wir haben nach der Flut einen Bund geschlossen. Die Arche war unser Bund. Du hast versprochen, die Menschheit nie wieder auszulöschen!«

»Es ist nicht der Schöpfer, der die Menschheit zerstören wird, Patrick. Sieh hin!«

Im Westen teilte sich die braune Wolkendecke, sodass die drei Hubschrauber zu sehen waren, die in der Zeit erstarrt über dem Hudson schwebten. »Für diese Sintflut ist der Mensch verantwortlich, und durch seine Taten wächst Satans Macht.«

Virgil deutete auf den Rand der Baugrube, wo sich der Todesengel materialisiert hatte. Der düstere Schnitter war von der Sense seines weiblichen Gegenstücks aufgespießt worden. Die Klinge steckte in der Basis seines verödeten Schädels.

»Was ist mit ihm passiert? Wie kann man einen Engel umbringen?«

»Jedes Element der Schöpfung besteht aus einem männlichen und einem weiblichen Aspekt. Das gilt auch für den Todesengel. Der Schnitter und die Schnitterin wurden einst in der physischen Welt als Menschen geboren. Wenn für einen Todesengel die Zeit gekommen ist, weiterzuziehen, wählt er unter den Lebenden jemanden aus, der an seine Stelle tritt. Der weibliche Aspekt des Todes, der durch die Verdorbenheit des Mannes immer stärker geworden ist, lässt sich nicht mehr im Zaum halten. Wenn die Menschheit nicht ausgelöscht wird, wird die Schnitterin ungehindert über die Erde ziehen und den malchut vergiften, sodass das Licht in dieser Dimension nie wieder offenbart werden kann.«

Shep starrte den Sensenmann an. Die übernatürliche Kreatur vibrierte. In ihren Augenhöhlen war nur noch ein schwaches Flackern, ihre Lebensenergie schwand rasch dahin.

»Ich habe mein tikkun noch nicht vollendet, oder, Virgil? Nicht als Noah und auch jetzt nicht, als Patrick Shepherd. Aber du hast gesagt, jede Seele hätte vier Einsätze. «

»Das war dein letzter.«

»Wer war ich sonst noch? Ein Massenmörder? Ein Alkoholiker wie mein Vater?«

»Ehrlich gesagt warst du ein Dichter, ein Mensch, der vom Licht inspiriert war und gleichzeitig so wenig Disziplin besaß, dass er sich ständig an der verbotenen Frucht berauschte. James Douglas Morrison. Seine Freunde nannten ihn Jim.«

»Moment mal. Jim Morrison von den Doors?« Patrick wandte sich an Trish. »Ich war Jim Morrison?«

Die einstige Pamela Courson drückte die Hand des verstorbenen Rockmusikers.

Der alte Mann legte die Hand auf Patricks Schulter. »Bist du bereit, deine Reise fortzusetzen, mein Sohn?«

»Nein … Das heißt, warte. Warte noch eine Sekunde. Du hast gesagt, dass jede Seele ihr tikkun zu Ende führen muss, bevor sie in das Obere Reich eingeht. Wie kann ich mit meiner Seelengefährtin im Oberen Reich wiedervereint werden, wenn ich mein tikkun noch nicht beendet habe? Und wie kann ich mein tikkun beenden, wenn du zulässt, dass diese Pandemie die Menschheit auslöscht?«

»Die Menschheit hat die Wahl getroffen, sich vom Licht zu entfernen. Die Generation der Pest wird an der zukünftigen Welt keinen Anteil haben.«

»Dann lässt du es also geschehen, dass Scythe alles Leben ausradiert? Einfach so?«

»Gott ist nicht der Diener der Menschheit. Gott ist einfach nur. Es ist der Mensch, der handeln muss, nicht der Schöpfer. Genau darin besteht die Prüfung der Existenz. «

Frustriert ballte Shep die Fäuste. »Weißt du was, Gott? Du gehst mir als Vater ganz furchtbar auf die Nerven. «

»Shep …«

»Nein, Trish. Das muss er sich schon anhören. Du sagst, dass wir uns vom Licht entfernen. Aber vielleicht ist das ja auch dein Fehler. Vielleicht hätten wir etwas mehr spirituelle Führung gebraucht. Oder wie wär’s, wenn du uns gelegentlich gezeigt hättest, dass du nicht über deinen Aufgaben eingeschlafen bist? Verdammt, es wäre wirklich nett gewesen, auf dieser Welt ein paar Beispiele für Gerechtigkeit zu sehen.«

»Über jede Seele wird zu gegebener Zeit das Urteil gesprochen werden. Der Schöpfer greift nicht mehr in kleinem Maßstab in die Einzelheiten der Schöpfung ein, Patrick. Das würde nur zu noch mehr religiösen Dogmen und noch mehr falschen Propheten führen. Und zu noch mehr Chaos.«

»Dann benenne doch jemanden, der im kleinen Maßstab in die Einzelheiten der Schöpfung eingreift. Schicke mich auf eine letzte Mission. Lass mich mein tikkun erfüllen als … er!« Shep deutete auf den Sensenmann.

»Baby, nein. Du weißt nicht, was du sagst.«

»Er ist mir durch ganz Manhattan gefolgt, Trish. Ich glaube, er hat mich auserwählt. Die Menschheit braucht jemanden, der die grimmige alte Dame in Schach hält, die sich sein Gegenstück nennt, und für das Obere Reich ist es wichtig, dass das Gleichgewicht im malchut wiederhergestellt wird. Nun, ich melde mich freiwillig. Ich werde auf keinen Fall tatenlos zusehen, wie alle diese Menschen sterben. Nicht dieses Mal. Kommt überhaupt nicht infrage!«

»Aber du solltest die Grundregeln kennen, Patrick, bevor du freiwillig in einen neuen Krieg ziehst. Der Todesengel ist ein übernatürliches Wesen, das Zugang zu höheren und tieferen Welten hat. Da draußen gibt es Dämonen … Wesenheiten der Existenz, die sich nicht einmal Dante vorzustellen wagte. Wenn deine Wachsamkeit nachlässt, wird es den Kräften der Dunkelheit mühelos gelingen, deine Seele zu verderben.«

»Meine Seelengefährtin wird mich beschützen. Sie wird dafür sorgen, dass mein Wesen im Licht verankert bleibt.« Shep drückte Trishs Hand. »Es ist die einzige Möglichkeit, wie wir wieder zusammen sein können. Es ist die einzige Möglichkeit, wie ich unsere Tochter beschützen kann.«

»Bittest du kraft deines eigenen freien Willens darum?«

»Ja, das tue ich.«

Virgil sah Patricia an. Patricia nickte.

»Dann sei dieser Bund geschlossen. Alle, die du zur Rettung auserwählst, werden fruchtbar sein und sich mehren. Alle, deren Verdammnis du beschließt, werden zugrunde gehen. Und wenn die Welt wieder im Gleichgewicht ist, wird dein tikkun beendet sein, und du wirst im Oberen Reich mit deiner Seelengefährtin wiedervereint werden.«

Shep umarmte Trish und drückte sie fest an sich. »Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich.«

Virgil wartete, bis die beiden sich voneinander gelöst hatten.

»Eine letzte Frage. Warum ich? Es ist fast unmöglich, noch weniger einem Gerechten zu ähneln als ich.«

»Was für alle großen Weisen gilt. Das größte Licht, Patrick, entsteht bei der größten Verwandlung.«

Noch immer hielt Shep die Hand seiner Seelengefährtin. »Es gibt keine Zufälle, Virgil, nicht wahr? Du hast das alles arrangiert.«

»Nein, mein Sohn. Das warst du selbst.« Er legte seine Hände um Sheps und Trishs Hand. »Denk immer daran: Der freie Wille funktioniert in beide Richtungen. Noah hat es nicht geschafft, sich im malchut selbst zu beschränken, und wurde kastriert. Sollte es dir nicht gelingen, dich im übernatürlichen Reich selbst zu beschränken, werden dich die Kräfte der Dunkelheit verderben, sodass sogar das Licht und die Liebe deiner Seelengefährtin dich nicht vor dem Fegefeuer bewahren können, das du ganz alleine über dich bringen würdest. «

Patricia drückte Sheps Hand … und ließ los. Ihre Aura löste sich in Licht auf.

»Bist du bereit?«

»Ja.« Shep schluckte heftig. »Gibt es noch irgendeinen letzten spirituellen Rat, den du mir mit auf den Weg geben willst?«

Der alte Mann nahm ihn bei der Hand und führte ihn zum düsteren Schnitter, dessen Körper in das Licht eines Regenbogens getaucht war. »Denk immer daran: Deine Seele ist bis in alle Ewigkeit mit dem Licht des Schöpfers verbunden. Manchmal können deine Handlungen diese Verbindung wie mit einem Schleier verhüllen, doch sie kann niemals durchtrennt werden. Nie.«

»Danke. Und was die Bemerkung betrifft, dass du ein lausiger Vater bist …«

»Bedingungslose Liebe ist bedingungslos, Patrick. Umarme das Chaos. Benutze es, um die negativen Züge in dir selbst auszulöschen, dann wirst du deine Verwandlung vorantreiben und ein echter tzadik werden … ein Heiliger.«

Shep holte tief Luft. Dann hob er den Arm und berührte die Knochenhand des Sensenmannes.



Battery Park, Manhattan, New York
7:58 Uhr


Von Gewissheit erfüllt trug Paolo Salvatore Minos seinen Sohn auf dem Arm, hielt die lädierte Stahlprothese in seiner freien Hand und schritt in das eisige Wasser des Hafens von New York. Er war so konzentriert, dass er die Kälte überhaupt nicht spürte. Das Wasser stieg über seine Knie … doch nichts geschah.

Betrachten Sie es als Taufe. Er ging weiter, und kurz darauf reichte ihm das Wasser bis an die Brust. Die zwei Grad kalten Fluten waren nur noch wenige Zentimeter von der Decke des Babys entfernt – und plötzlich konnte er nichts mehr hören und den Himmel nicht mehr sehen, als er über die unsichtbare Betonkante hinaustrat und unter Wasser sank.

Sein Herz hämmerte vor Entsetzen, während er mit der linken Hand nach dem Gesicht des Kindes tastete und seinem kleinen Sohn die Nase zudrückte. Panisch zwang er sich zu einem weiteren Schritt, und schließlich gewann sein linker Fuß neuen Halt. Mit der Armprothese als Krücke fand er das Gleichgewicht wieder und ging die Rampe hinauf zurück, um sein Kind zu retten. Doch als er seinen Kopf wieder über Wasser halten und die Nase seines Sohnes loslassen konnte, sah er, dass er nicht auf der Bootsrampe stand, sondern auf einer Eisscholle.

Die Fluten des Hafens hatten sich nicht geteilt. Stattdessen gefror nach und nach das Wasser in seiner unmittelbaren Umgebung zu einer drei bis viereinhalb Meter breiten Eisscholle, die sich langsam in südwestlicher Richtung durch den Hafen von New York erstreckte.

Er stieß die eisige Luft aus seiner Lunge und zitterte am ganzen Leib. Tränen strömten aus seinen roten, angeschwollenen Augen. Er ging zurück zum Ufer, wo ihm seine Frau mit Tränen in den Augen das weinende Kind abnahm und ihn in eine trockene Decke wickelte. »Paolo … wie?«

»Gewissheit.«

David und Pankaj sahen einander an. Sie wussten nicht, was sie tun sollten.

Der tibetische Mönch packte sie heftig bei den Ellbogen, sodass sie sich aus ihrer Erstarrung lösten. »Analysiert die Manifestation nicht. Benutzt sie, um uns alle von der Insel zu schaffen!«

»Pankaj, kümmere dich um Gavi! Ich hole die anderen! « David rannte zurück zum Schulbus, um die Kinder zu wecken, während Pankaj und Manisha Dawn und Gavi halfen, auf die Eisscholle zu klettern, die zwar hin und her schwankte, sich jedoch auf den Fluten behaupten konnte.

Die Kinder stürmten aus dem Bus ans Ufer, als drei Hubschrauber einen Kilometer entfernt im Norden den Hudson überflogen.

»Los, los, los, bewegt euch! Wir müssen uns beeilen! «

David und Marquis Jackson-Horne reichten die Kinder an Pankaj und Manisha weiter. Alle hielten sich bei den Händen und bildeten hinter Paolo und Francesca eine lange Reihe. Der Italiener und seine Frau führten die Gruppe in einem raschen Exodus von der Insel durch den Hafen. Die älteren Schüler und die ehemaligen Sexsklavinnen halfen den kleineren Kindern und trieben sie auf der glatten Eisscholle zur Eile an. David kletterte zu seiner Tochter auf das Eis.

Der Älteste hielt Marquis auf. »Du musst dich entscheiden, welchen Weg dein restliches Leben nehmen soll. Und zwar jetzt.«

Marquis’ kleine Schwester nickte.

Der ehemalige Bandenchef griff in seinen Hosenbund, zog seine 9-Millimeter-Pistole heraus und warf sie in den Hafen. Dann folgte er seiner Schwester auf das Eis.

Schließlich kletterte der Älteste ihm nach. Er war der Letzte der Gruppe.

Sheridan Ernstmeyer wartete, bis die sechsunddreißig Männer, Frauen und Kinder sich gut dreißig Meter vom Ufer entfernt hatten, bevor sie überzeugt war, dass sie ihnen folgen konnte. Vorsichtig trat sie auf die gefrorene Wasseroberfläche. »Das ist verrückt.«

An der Spitze der Gruppe schlitterten Paolo und Francesca über die rutschige, dunkle Oberfläche, als würden sie Schlittschuh laufen. Liberty Island war nicht einmal mehr vierhundert Meter entfernt, doch die Freiheitsstatue verschwand in einem dichten weißen Nebel, der sich um den gefrorenen Pfad herum bildete und den Exodus aus Manhattan für fremde Augen unsichtbar machte – während die Kälte des Nebels dafür sorgte, dass die Reaper-Drohnen mit ihren Wärmebildkameras die Körperwärme der Fliehenden nicht erkennen konnten. Paolo konzentrierte sich auf die Eisscholle, die sich wenige Meter vor ihm immer weiter verlängerte und verfestigte, als er plötzlich eine schneidende Kälte spürte, die ihm bis auf die Knochen drang, sein Rückgrat hinaufstieg und ihn schaudern ließ.

Er wandte sich nach rechts und sah, wie eine dunkle Gestalt aus dem Dunst auftauchte und wie ein Wachposten an den Rand des eisigen Pfades trat.

Die Gestalt trug einen schwarzen Umhang, ihr Kopf war von einer Kapuze bedeckt, und in ihrer linken Knochenhand hielt sie eine Sense. Der Todesengel stand an der Kante des sich neu bildenden Eises und gab ihnen das Zeichen, näher zu kommen.

Paolo wandte den Blick ab und führte die Gruppe an der Gestalt des Todes vorbei, während er die Armprothese noch etwas heftiger umklammerte. »Bewegt euch. Haltet eure Blicke auf das Eis gesenkt! Seht nirgendwo anders hin.«

Dawn ignorierte die Warnung. Sie sah zum Sensenmann auf und lächelte. »Danke, Patrick.«

David Kantors Augen wurden immer größer, doch der Älteste zog den ehemaligen Militärarzt und seine Tochter mit sich. Seinen eigenen Blick hatte er abgewandt, obwohl er die mächtige Präsenz des übernatürlichen Wesens spürte.

Sheridan Ernstmeyer sah den düsteren Schnitter erst, als sie fast unmittelbar vor ihm stand. »Verdammt, was soll das denn sein?«

Der Todesengel grinste – und das Eis brach unter der Attentäterin ein. Mit den Füßen voran sank sie in die erbarmungslosen Tiefen des Hudson.



Governor’s Island, New York
8:01 Uhr


Ihre Beine bewegten sich, doch sie spürte sie nicht. Die von Angst verursachte Taubheit machte ihren Weg über das Gelände zu einer Art außerkörperlicher Erfahrung.

Halb trugen, halb schleppten die beiden Wachsoldaten sie über den Hof und durch ein schmales Tor in der Festungsmauer.

Leigh Nelson starrte hinaus in den nebligen Hafen, ihre Arme und Beine zitterten unkontrollierbar. Sie dachte an ihren Mann und an ihre Kinder. Sie betete, dass ihre Familie von der Pandemie verschont bliebe.

Der Wachsoldat zu ihrer Linken drückte seine Pistole gegen ihren Hinterkopf und – brach tot zusammen. Vor Entsetzen traten dem zweiten Soldaten die Augen aus den Höhlen, und dann traf ihn das Schicksal seines Kameraden.

Leigh sah sich um. Ihr war schwindelig vor Erleichterung.

Dann sackten ihre Beine weg, und vollkommen verblüfft sah sie eine große Gestalt in Kapuze und Umhang vor sich. In den runden Höhlen im Kopf des fremden Wesens zuckten drei Augenpaare.

Entsetzt auf allen vieren kriechend, blickte sie auf. »Bitte … tu … mir … nicht … weh.«

Der Sensenmann sprach. Seine raue Stimme klang vertraut. »Ich habe eine Grundregel: Nach Mittwoch hole ich nie eine gute Seele.«

»Shep?« Leigh Nelsons Augen rollten nach oben, als sie in Ohnmacht fiel.



Hoch über Manhattan erreichten die drei Militärhubschrauber ihre vorgesehenen Abwurfzonen. Um Vergebung für diese Tat betend, klinkten die verzweifelten Piloten ihre Bombenfracht aus.


VA Medical Center
East Side, Manhattan, New York
8:02 Uhr


Nachdem der Strom ausgefallen war, blieben die Flure leer und dunkel. Herbstliche Kühle erfüllte das Gebäude, dessen Stille nur manchmal von Hustenanfällen und Stöhnen unterbrochen wurde, die aus den Krankenstationen kamen, in denen die Vergessenen lagen. Mit Worten hatte man ihnen Respekt gezollt, doch für ihr Opfer hatten sie nie eine Gegenleistung erhalten. Die Veteranen ferner Kriege waren ein Problem von gestern – eine Last für die Gesellschaft, wie der verrückte Onkel, der zu keiner Hochzeit eingeladen wird und an dessen Grab niemand trauert. Sich mit Amputierten und heimgekehrten Soldaten zu beschäftigen, die unter Krebs litten, schien den patriotischen Massen eine deprimierende Sache zu sein und hatte auch für Kongressabgeordnete eine nur sehr geringe Priorität, denn Letztere fanden eine größere Erfüllung darin, neue Massenvernichtungswaffen zu finanzieren, als sich um die verheerenden Folgen von zwei schier endlosen Kriegen zu kümmern.

Gewiss, all diejenigen, die es sich zu ihrer Lebensaufgabe gemacht hatten, etwas Licht in das Leben der verwundeten Veteranen zu bringen, verhielten sich anders, doch Scythe hatte selbst diese geduldigen Verteidiger ethischen Handelns vertrieben.

Nachdem die Pest die Mitarbeiter aus der Klinik verjagt hatte, war sie wie ein hungriger Wolf durch die antiseptischen Flure gestrichen. Gierig nach Beute Ausschau haltend, wurde sie von neuem Leben erfüllt, als ein fliehender Techniker der Wartungscrew vergessen hatte, die Luftschleuse zu schließen, die zu den Stationen führte, auf denen die Veteranen lagen.

Offene Wunden und bewegungslose Opfer. Frisches menschliches Fleisch wie aufgereihte Würste.

Zwölf Stunden später gab es hier nichts mehr außer den Brutschränken des Todes.


Das Lebenszeichen war wie eine Blume, die mitten in der öden Pampa erblüht; die isolierte Blase, in der es sich befand, wurde von einer Batterie genährt, die gänzlich unabhängig vom Stromnetz war. Das Neugeborene, ein noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden altes Mädchen mit kastanienbraunem Haar, schlief friedlich unter den wachsamen Augen seiner Mutter.

Mary Louise Klipot starrte ihre Tochter an und sehnte sich danach, sie in den Armen zu halten … und ihr die Liebe und Fürsorge zu schenken, die sie selbst nie bekommen hatte. Sie sah auf, als eine dunkle Silhouette über dem Plexiglas-Brutkasten in der Kinder-Intensivstation erschien. »Verschwinde, Tod! Du wirst mein Baby nicht stehlen! Santa Muerte beschützt es.«

Der düstere Schnitter rammte den hölzernen Stiel seiner Sense in den Kachelboden. Als hätte das Wesen mit einem Vorschlaghammer zugeschlagen, teilte ein zwanzig Zentimeter breiter Riss den Raum in zwei Hälften.

»Was willst du? Nicht mein Kind!«

»Du musst für die zehntausend kleinen Kinder Rede und Antwort stehen, die deine Taten heute gestohlen haben. Bis in alle Ewigkeit wirst du den Schmerz ernten, den du gesät hast, und dein Kind wird ein Teil dieser Ernte sein.«

»Nein!« Sie stürzte sich auf den Brutkasten und begann, um Gnade zu flehen. »Bitte, vergelte meine Sünden nicht dadurch, dass du noch ein unschuldiges Leben raubst! Gott, ich weiß, dass du da draußen bist … Bitte vergib mir … Sei der Seele meiner Tochter gnädig.«

Der Sensenmann betrachtete das unschuldige Neugeborene. »Sage dich los von Santa Muerte, und ich werde dein Kind verschonen.«

Mary sah auf, als außerhalb des Krankenzimmers ein leuchtend weißes Licht die Stadt erfüllte …

»Ich sage mich los von ihr!«

… und die alles durchdringende Hitze den Schrei gleichsam aus ihrem Kehlkopf herausbrannte und das verflüssigte Fleisch von ihren Knochen tropfen ließ.


Vorsichtig stiegen Paolo und Francesca vom Eis auf die Pier von Liberty Island. Die Kinder und die Jugendlichen rannten an ihnen vorbei und eilten über den gepflasterten Weg zur Freiheitsstatue.

David Kantor trat die verschlossenen Türen an der Basis des Denkmals ein, und die kleine Gruppe ging hinauf zur Aussichtsplattform des Sockels – als eine blendend weiße Hitzeexplosion wie ein immer weiter anwachsender Blitz den gesamten Nordosten erfüllte.



Governor’s Island, New York
8:12 Uhr


Präsident Eric Kogelo öffnete die Augen. Der Schmerz, der während der letzten sechs Stunden seinem Kopf und seinen inneren Organen so sehr zugesetzt hatte, war verschwunden, und er hatte auch kein Fieber mehr.

Mehrere Augenblicke blieb er einfach nur im Bett liegen und genoss es, sich wieder wohlzufühlen, bis ein überwältigendes Gefühl der Beklemmung ihn zum Handeln zwang. Desorientiert und noch ein wenig schwach setzte er sich auf und stellte überrascht fest, dass er sich alleine in einem Isolationszimmer befand, dessen Tür von innen abgeschlossen war.

Plötzlich trieb ihn eisige Furcht auf eine Seite des Betts.

Die hagere, von Kapuze und dunkler Robe verhüllte Gestalt stand in einer Ecke des Zimmers und musterte ihn aus Augenhöhlen, in denen Hunderte winziger Pupillen zuckten. Blut tropfte von der geschwungenen, olivfarbenen Sense, die das fremde Wesen erhoben hatte.

Das lebende Skelett trat an den Fuß von Kogelos Bett.

»Hilfe! Jemand muss sofort ins Zimmer kommen!«

Ein Schwall eisiger Luft strömte aus dem Mund des düsteren Schnitters, als der uralte Schädel zu sprechen begann. »Es ist niemand hier, der dir helfen könnte. Die Arche, die deine Leute gebaut haben, um die gescheiterten Führer der Menschheit zu retten, ist leckgeschlagen. Außer dir und einer unschuldigen Frau hat die Pest jedes Lebewesen auf dieser Insel geholt.«

»Oh Gott.« Der Präsident schnappte nach Luft. Schließlich gelang es ihm, sich zu sammeln, und er war bereit, seinem unmittelbar bevorstehenden Tod ins Auge zu sehen. »Sag mir nur eins, bevor du mich holst. Wird die Menschheit an ihrer eigenen Dummheit zugrunde gehen?«

»Das bleibt abzuwarten.«

»Wird mein Tod einen höheren Sinn haben?«

»Nein. Aber dein Leben kann noch immer Licht in die Welt bringen.«

Das Adrenalin, das plötzlich durch Kogelos Körper strömte, ließ seine Haut kribbeln. »Du verschonst mich?«

»Du bist ein rechtschaffener Mann, der in einer Zeit voller Gier und Verderbtheit geboren wurde. Der Wille der Massen hat dir den Auftrag erteilt, Frieden zu bringen. Doch du bist nicht weit genug gegangen. Mehrfach hast du dich auf einen Handel mit den dunklen Kräften eingelassen, und dabei bist du manipuliert worden. Um das Licht zu enthüllen, musst du den Krieg beenden. Um den Hass zu beenden, musst du Frieden mit deinen Feinden schließen.«

»Das ist nicht leicht. Zwei Kriege zu beenden … Im Irak ist so vieles noch ungeklärt. Afghanistan ist komplex, und wir müssen uns mit Pakistan auseinandersetzen. Es gibt verschiedene Streitpunkte, aber wir machen Fortschritte. Ich könnte einen neuen Zeitplan aufstellen …«

»Sollten im Irak zehn weitere Unschuldige sterben, wird der elfte deine Frau sein.«

»Was?«

»Sollten in Afghanistan zehn weitere Unschuldige sterben, wird der elfte dein Kind sein. Das ist mein Zeitplan. «

Kogelo fiel auf die Knie. Seine Kehle war wie zugeschnürt. »Bitte, tu das nicht. Nimm mein Leben, das macht mir nichts aus. Aber nicht meine Frau und meine Tochter. Ich flehe dich an.«

»Ursache und Wirkung. Du hast die Macht über Leben und Tod. Du wirst ernten, was du säst.«

Von Verzweiflung getrieben, fand der Präsident zu einer Art Mut zurück. »Ich werde den Krieg beenden. Aber die Feinde sind real. Es gibt große Gruppen von Menschen, die die Dunkelheit dem Licht vorziehen. Wie kann ich den Frieden bringen, wenn sie nichts anderes wollen als Krieg?«

»Für all diejenigen, die nur den Schaden und das Leid anderer im Sinn haben, ist der Tag des Gerichts gekommen. Das ist der Bund, den ich mit dir schließe.«

Der düstere Schnitter streckte seine rechte Hand aus – und plötzlich umschlossen Muskeln und Sehnen, Nerven und Blutgefäße das gesamte uralte Skelett, und alles Fleisch wurde von einer Schicht warmer, heller Haut bedeckt.

Für einen kurzen Augenblick wäre Eric Kogelo beinahe in Ohnmacht gefallen, doch dann gelang es ihm, die Hand zu schütteln und ihrem Besitzer ins Gesicht zu sehen.

Der Mann, der ihn ansah, war etwa Mitte dreißig. Seine Züge ähnelten denen von Jim Morrison, und sein langes, braunes Haar passte zu seinen Augen. Die Erkennungsmarke, die er um den Hals trug, wies ihn als amerikanischen Soldaten aus. Blinzelnd las Kogelo die eingestanzte Markierung. Sgt. Patrick Ryan Shepherd

Shep trat einen Schritt zurück, ließ die Hand des Präsidenten los und gab seine Existenz als Mensch auf …

… indem sich seine Seele in die Unterwelt stürzte.