»Alle Schwäche entspringt der Wut.«


ELIYAHU JIAN

AUGUST

Manhattan, New York


Die Uhr im Armaturenbrett war in der kurzen Zeit, die die dunkle Brünette am Steuer des Dodge Minivan gebraucht hatte, um sich auf dem Major Deegan Expressway Richtung Süden einen Weg durch das Minenfeld des fließenden Verkehrs zu bahnen, irgendwie von 7:56 auf 8:03 Uhr vorgesprungen.

Nunmehr offiziell verspätet, gelang es ihr, sich auf die rechte Spur zu zwängen, hinter das Kohlenmonoxid speiende Hinterteil eines Greyhound-Busses. Die Götter der Rushhour verspotteten sie, indem ein Fahrzeug nach dem anderen sie links überholte. Sie besann sich auf das Einzige, was sie noch tun konnte, und schlug mit beiden Händen aufs Lenkrad; der lange Hupton sollte die vor ihr grasende stählerne Kuh aus der Fassung bringen.

Stattdessen verwandelte sich die Warteschleifenmusik in ihrem Freisprechhandy in eine Zenartige männliche Stimme mit einem rhythmisch-sanften Hindu-Akzent, die sie mit »Guten Morgen. Danke, dass Sie drangeblieben sind. Darf ich fragen, mit wem ich spreche?« begrüßte.

»Leigh Nelson.«

»Danke, Mrs. Nelson. Dürfte ich aus Sicherheitsgründen den Mädchennamen Ihrer Mutter erfahren?«

»Deem.«


8:06 Uhr


»Danke für diese Information. Und wie kann ich Ihnen heute helfen?«

»Wie Sie mir helfen können? Ihre verdammte Bank hat die letzte Einzahlung meines verdammten Ehemanns gesperrt, wodurch acht von meinen verdammten Schecks geplatzt sind, für die Sie mir dann 35 Dollar pro Scheck in Rechnung gestellt haben, sodass mein Konto gewaltig überzogen wurde, und ich flippe gleich aus!«

»Tut mir leid, dass das passiert ist.«

»Nein, tut es Ihnen nicht.«


8:11 Uhr


»Ich sehe, dass der Scheck Ihres Mannes am 4. eingereicht wurde.«

Sie schiebt sich langsam nach rechts auf den Seitenstreifen und kann jetzt an dem rußfleckigen Greyhound-Bus vorbeisehen. Die Ausfahrt FDR South ist nur noch gut hundert Meter entfernt, und das Einzige, was ihr eingekeiltes Fahrzeug von der erlösenden Freiheit trennt, ist der Pannenstreifen. Sie sinnt über die Gelegenheit nach wie Cool Hand Luke in Der Unbeugsame, der in einer Sträflingskolonne arbeitet.

Ich schüttle ihn ja, Boss.

Sie beschleunigt durch die Lücke, nur um von einem schwarzen Lexus geschnitten zu werden, dessen Fahrer die gleiche Idee hatte. Bremsen! Hupe! Mittelfinger!

»Der Scheck wird am Dienstag freigegeben.«

»Dienstag ist zu spät. Seit wann wird eine Einzahlung von General Motors eine Woche gesperrt?«

»Tut mir leid wegen der Unannehmlichkeiten. Leider ist das eine neue Bankrichtlinie bei allen Schecks aus einem anderen Bundesstaat.«

»Hören Sie zu. Mein Mann hat gerade seinen Job verloren, und die nächsten vier Wochen wird er kein Arbeitslosengeld bekommen. Erstatten Sie wenigstens die Gebühren für die geplatzten Schecks zurück.«

»Noch einmal, tut mir leid, aber ich kann die Bankrichtlinie nicht ändern.«

Was ihm fehlt, ist für mich ganz eindeutig. Dieser Mensch ist ohne jedes Vertrauen.

»Mir tut’s auch leid. Tut mir leid, dass die Regierung euch mit 800 Milliarden Dollar von unseren Steuergeldern aus der Patsche geholfen hat!«

»Möchten Sie mit meinem Vorgesetzten sprechen?«

»Klar! In welchem verdammten Teil von Indien lebt er denn?«


9:17 Uhr


Der Dodge Minivan kroch auf der East 25th Street am Baustellenverkehr vorbei. Bog auf den Mitarbeiterparkplatz des Veterans Administration Hospital, des Krankenhauses der Veteranenverwaltung, ein. Stellte sich so schräg in eine Parklücke, dass der Besitzer des Wagens zur Rechten sich mit Sicherheit ärgern würde.

Die Brünette drehte den Innenspiegel zu sich. Zog hastig Mascara durch die Wimpern ihrer graublauen Augen. Tupfte Make-up auf ihre Stupsnase. Schmierte sich eine frische Lage neutralen Lippenstift auf ihre dicken Lippen. Blickte schnell auf die Uhr, schnappte sich dann ihre lederne Aktentasche vom Kindersitz und hastete aus dem Minivan zum Eingang der Notaufnahme. Sie hoffte inständig, nicht dem Verwaltungsleiter des Krankenhauses über den Weg zu laufen.

Die Doppeltüren glitten auf, und die Klinik empfing sie mit gekühlter Luft, die mit dem Geruch der Kranken verpestet war. Im Wartebereich gab es nur Stehplätze. Husten und Krücken und weinende Kinder, abgelenkt von der Today Show, die auf Flachbildschirmen lief, die mit Stahlkabeln an den Betonziegeln der Wand befestigt waren.

Sie schaute weg, Aufnahmeschalter und Unmut hinter sich lassend.

Auf halbem Weg den Hauptflur hinunter blieb sie stehen, um ihren weißen Laborkittel überzustreifen, was die Aufmerksamkeit eines groß gewachsenen Inders Anfang vierzig erregte. Er rang nach Luft. »Bitte … Wie komme ich zur Intensivstation?«

Sein gequälter Gesichtsausdruck zügelte ihr Verlangen, Dampf abzulassen, zumal sie seiner äußeren Erscheinung ablesen konnte, dass dies nicht der Bankangestellte war, mit dem sie vorhin gesprochen hatte. Anzughemd mit Schwitzflecken. Fliege. Rechtes Hosenbein mit einem Gummiband fixiert. Ein Professor, der einen kranken Kollegen besucht. Ist wahrscheinlich auf seinem Fahrrad vom Campus hergeradelt. »Folgen Sie dem Flur linker Hand. Dann nehmen Sie den Aufzug in den siebten Stock.«

»Danke.«

»Dr. Nelson!«

Die Stimme von Jonathan Clark schreckte sie auf.

»Wieder zu spät? Lassen Sie mich raten … Verkehrsstau in New Jersey? Nein, Moment, heute ist Montag. Montags sind Schwierigkeiten bei der Kindererziehung angesagt.«

»Ich habe keine Schwierigkeiten bei der Kindererziehung, Sir. Ich habe zwei reizende Kinder, das jüngere ist autistisch. Heute Morgen beschloss die Kleine, die Katze mit Hafermehl zu schminken. Doug hat ein Vorstellungsgespräch, mein Babysitter rief krank aus Wildwood an und …«

»Dr. Nelson, Sie kennen meine Philosophie, was Ausreden betrifft. Es hat noch nie einen erfolgreichen Menschen gegeben, der eine brauchte, und …?«

Ihr Blutdruck stieg. »Es hat noch nie einen Versager gegeben, der um eine verlegen war.«

»Ich ziehe Ihnen einen halben Tageslohn ab. Machen Sie sich jetzt an die Arbeit, und vergessen Sie nicht, wir haben um sechs eine Mitarbeiterbesprechung.«

Reiß dich zusammen, Luke. »Ja, Boss.«

Leigh Nelson flüchtete den Flur hinunter in ihr Büro. Warf ihre Tasche oben auf einen Aktenschrank und ließ sich auf den knarrenden Holzstuhl fallen, der ständig auf seinem seitlich versetzten Fuß schwankte; ihr Blutdruck spottete jeder Beschreibung.

Die Montage im VA waren mentale Bärenfallen. An Montagen sehnte sie sich jedes Mal zurück nach ihrer Zeit als Wildfang damals auf der Schweinefarm ihres Großvaters in Parkersburg, West Virginia.

Es war ein schwieriger Sommer gewesen. Das New York Harbor Health Care System der Veteranenverwaltung bestand aus drei Klinikkomplexen – einem in Brooklyn, einem in Queens und ihrem eigenen hier in Manhattans East Side. In dem Versuch, einen geradezu lächerlichen Betrag einzusparen, war der Kongress zu der Überzeugung gelangt, dass man sich nur zwei prothetische Behandlungszentren leisten könne. Und das trotz zweier Kriege und einer Truppenaufstockung. Eine Million Dollar pro kämpfendem Soldat, aber nur Pennys für die Behandlung seiner Wunden. War Washington verrückt geworden? Lebten diese Leute in der realen Welt?

In ihrer Welt bestimmt nicht.

Längere Arbeitszeiten, dieselbe Bezahlung. Bleib bei der Stange, Nelson. Steck’s weg und wiederhol den Standardspruch: Sei froh, dass du noch einen Job hast.

Leigh Nelson hasste Montage.


Zwanzig Minuten, ein Dutzend E-Mails und einen halb gegessenen Donut später war sie bereit, die Krankenakten durchzusehen, die sich auf ihrem Schreibtisch stapelten. Sie hatte kaum die zweite Akte durch, als Geoff Payne ihr Büro betrat.

»Morgen, Schmollmund. Hab gehört, du bist im letzten Zug nach Clarksville erwischt worden.«

»Ich hab zu tun, Geoff. Komm zur Sache.«

Der Leiter der Aufnahme reichte ihr eine Personalakte. »Ein Neuzugang aus Deutschland. Patrick Shepherd, Sergeant, United States Marines, Alter vierunddreißig. Noch ein IED-Amputierter, nur dass dieser arme Schwachkopf die Bombe auch noch in die Hand nahm, als sie losging. Vollständige Abnahme des linken Arms direkt unterhalb der Bizepsinsertion. Dazu kommen Prellungen und eine Schwellung an der Gehirnbasis, ein kollabierter linker Lungenflügel, drei gebrochene Rippen und ein ausgerenktes Schlüsselbein. Er leidet noch immer unter Schwindelanfällen, Kopfschmerzen und schweren Gedächtnislücken. «

»Posttraumatischer Stress?«

»Schlimmer geht’s nicht. Seine psychosoziale Diagnose ist in der Akte. Auf Antidepressiva spricht er nicht an, und psychologische Betreuung hat er abgelehnt. Seine Ärzte in Deutschland hatten ihn rund um die Uhr unter Selbstmord-Beobachtung.«

Leigh schlug die Akte auf. Sie warf einen Blick auf die Bewertung der posttraumatischen Belastungsstörung und las dann laut die militärische Vorgeschichte des Patienten. »Vier Einsätze: Al-Qaim, Haditha, Falludscha und Ramadi plus eine Zeit in Abu Ghuraib. Herrgott, der hat eine Tour durch die Hölle hinter sich. Wurde ihm eine Prothese angepasst?«

»Noch nicht. Lesen Sie seine persönliche Vorgeschichte, Sie werden sie besonders interessant finden.«

Sie überflog den Paragrafen. »Echt? Er hat Profi-Baseball gespielt?«

»Hat für die Red Sox geworfen.«

»Na gut, dann lassen Sie sich Zeit mit der Bestellung der Prothese.«

Geoff lächelte. »Wir haben noch mal Glück gehabt. Dieser Bursche hätte die Yankees glatt gekillt. Im ersten Jahr an der Spitze ist er ’ne Anfängersensation, acht Monate später ist er im Irak.«

»War er so gut?«

»Er war der kommende Star. Ich erinnere mich, in Sports Illustrated was über ihn gelesen zu haben. Boston wählte ihn ’98 als Erstrunden-Nachwuchsspieler, hat ihn aber nie übernommen. Drei Jahre später beherrscht er die Single-A-Liga. Die Sox verloren einen ihrer Stammspieler, und plötzlich ist der Bursche Werfer in der Profiliga. «

»Er machte den Sprung von der Single A zu den Profis in einer Saison? Donnerwetter.«

»Der Frischling hatte Eiswasser in den Adern. Die Fans gaben ihm den Spitznamen ›Würger von Boston‹. Im ersten Spiel an der Spitze lässt er als Werfer nur zwei Hits der Yanks zu, was ihn zum Kulthelden bei den Red-Sox-Fans machte. Im zweiten Spiel geht er über neun Innings und gibt einen einzelnen Run ab, bevor die Sox das Spiel im Zehnten verloren. Seine Neuauflage mit den Yankees war für Mitte September vorgemerkt, nur dass dann 9/11 dazwischenkam. Als die Saison wieder anfing, war er weg.«

»Wie meinst du das, er war weg?«

»Er haute einfach ab. Verließ die Sox und trat ins Marine Corps ein. Verrückter Schwachkopf.«

»Im Lebenslauf steht, er ist verheiratet und hat eine Tochter. Wo ist seine Familie jetzt?«

»Sie hat ihn verlassen. Er will nicht darüber reden, aber ein paar von den anderen Veteranen erinnern sich, Gerüchte gehört zu haben. Sie sagen, seine Frau hätte die Kleine genommen und sei abgehauen, als er sich meldete. Wahrscheinlich war sie stinksauer. Wer könnte es ihr verdenken? Statt mit einem zukünftigen Multimillionär und berühmten Sportler verheiratet zu sein, muss sie ihre kleine Tochter alleine großziehen und mit der Besoldungsgruppe eines gemeinen Soldaten auskommen. Traurig, echt, aber wir erleben es die ganze Zeit. Affären und Kampfeinsätze waren einer guten Ehe noch nie zuträglich. «

»Moment mal – er hat seine Familie seit Kriegsanfang nicht mehr gesehen?«

»Noch mal, er will nicht darüber reden. Vielleicht ist es am besten so. Nach allem, was dieser Bursche durchgemacht hat, würde ich nicht neben ihm schlafen wollen, wenn er anfängt, vom Krieg zu träumen. Weißt du noch, was Stansbury mit seiner Alten gemacht hat?«

»Gott, erinnere mich nicht daran. Wo ist der Sergeant jetzt?«

»Wird gerade mit seiner ärztlichen Untersuchung fertig. Willst du ihn kennenlernen?«

»Überweise ihn auf Station 27 – ich werd ihn später ausfindig machen.«


Intensivstation
Siebter Stock


Das Zimmer roch. Nach Bettpfannen und Ammoniak. Krankheit und Tod. Eine Zwischenstation zum Grab.

Pankaj Patel stand am Fußende des Bettes und starrte in das Gesicht des älteren Mannes. Krebs und Chemotherapie hatten sich verbündet, um das physische Dasein seines Mentors jeglicher Lebenskraft zu berauben. Sein Gesicht war blass und ausgemergelt. Die Haut hing ihm von den Knochen. Die Augenhöhlen waren dunkelbraun und eingesunken.

»Jerrod, es tut mir so leid. Ich war in Indien bei meiner Familie. Ich bin hergekommen, sobald ich es erfuhr.«

Jerrod Mahurin öffnete die Augen, der Anblick seines Protegés riss ihn aus der Bewusstlosigkeit. »Nein … Nicht dorthin! Stell dich neben mich, Pankaj … Schnell.«

Patel ging zur linken Seite des Bettes. »Was gibt’s? Haben Sie etwas gesehen?«

Der ältere Mann schloss die Augen und mobilisierte seine letzten Kraftreserven. »Der Todesengel wartet am Fußende des Bettes auf meine Seele. Du warst zu nahe dran. Sehr gefährlich.«

Entnervt wandte Patel sich um und blickte zurück auf den leeren Platz. »Sie haben ihn gesehen? Den Todesengel? «

»Keine Zeit.« Jerrod streckte die linke Hand nach seinem Protegé aus. Das blasse Fleisch war babyweich und gezeichnet von einem Minenfeld verräterischer Blutergüsse von einem Dutzend Infusionen. »Du warst ein außergewöhnlicher Schüler, mein Sohn, aber dieses Stückchen Körperlichkeit, das wir Leben nennen, ist bei Weitem noch nicht alles. Alles, was du siehst, ist nur eine Illusion, unsere Reise ist eine Prüfung, und wir versagen jämmerlich. Das Ungleichgewicht lässt die Waage sich neigen, sodass das Böse dem Guten, die Dunkelheit dem Licht vorgezogen wird. Politik, Gier, der kriegerische Kapitalismus. Und doch sind all die Dinge, denen wir uns entgegengestemmt haben, lediglich Symptome. Was treibt einen Mann an, unmoralisch zu handeln? Eine Frau zu vergewaltigen? Oder ein Kind? Wie kann ein menschliches Wesen vollkommen gewissenlos einen Mord begehen oder den Tod von Zehntausenden oder sogar Millionen unschuldiger Menschen befehlen? Um die wahren Antworten zu finden, muss man sich auf die eigentliche Ursache, die Wurzel der Krankheit, konzentrieren.«

Der ältere Mann schloss die Augen und hielt inne, um einen Klumpen Schleim herunterzuschlucken. »Es ist eine direkte Ursache-Wirkung-Beziehung im Spiel, eine Beziehung zwischen der negativen Kraft und dem Ausmaß an Gewalttätigkeit und Gier, die abermals zugenommen haben, um die Menschheit zu quälen. Der Mensch wird nach wie vor durch die unmittelbare Befriedigung seines Egos verleitet, was uns weiter vom Licht Gottes entfernt. Das kollektive Handeln der Menschheit hat den Todesengel heraufbeschworen, und mit ihm das Ende der Tage.«

Die Blutgefäße unter Patels Haut erweiterten sich und hinterließen eine Gänsehaut. »Das Ende der Tage? Der Konflikt im Nahen Osten – wird er zum Dritten Weltkrieg führen? Zu einem nuklearen Holocaust? Jerrod?«

Der Sterbende schlug die Augen wieder auf. »Symptome«, stieß er hustend hervor. Der schlechte Geruch verstärkte sich.

Patel suchte ein unberührtes Frühstückstablett, nahm mit einem Löffel ein Eisstückchen auf und legte es seinem Lehrer in den Mund. »Vielleicht sollten Sie sich ausruhen.«

»Gleich.« Jerrod Mahurin schluckte das Eis, während er seinen Lieblingsschüler durch die Schlitze seiner fiebrigen Augen beobachtete. »Das Ende der Tage ist ein überirdisches Ereignis, Pankaj, ins Werk gesetzt vom Schöpfer selbst. Die Menschheit … entfernt sich vom Licht Gottes. Der Schöpfer wird nicht zulassen, dass die dingliche Welt von jenen ausgerottet wird, die Kraft aus der Dunkelheit schöpfen. Wie bei Sodom und Gomorra, wie bei der großen Sintflut wird Er die Menschheit auslöschen, bevor die Frevler Seine Schöpfung zerstören, und das abschließende Ereignis, was auch immer es sein mag, wird bald eintreten.«

»Mein Gott.« Patels Gedanken wanderten zu seiner Frau, Manisha, und ihrer gemeinsamen Tochter, Dawn.

»Das Folgende ist wichtig. Nachdem ich verschieden bin, wird ein Mann von großer Weisheit dich ausfindig machen. Ich habe dich ausgewählt.«

»Mich ausgewählt? Für was?«

»Als meine Vertretung. Eine Geheimgesellschaft … Neun Männer, die hoffen, das Gleichgewicht wiederherzustellen. «

»Neun Männer? Was muss ich tun?«

Ein kranker Atem kam aus Jerrod Mahurins Mund, leise pfeifend wie ein sich entleerender Blasebalg; der Geruch war schal und streng.

Pankaj Patel wich zurück. »Jerrod, diese Männer – können sie das Ende der Tage abwenden? Jerrod?« Der Schüler langte nach einem weiteren Eisstückchen, das er seinem Lehrer behutsam auf die Zunge legte.

Wasser tröpfelte aus der offenen Mundspalte des älteren Mannes.

Ein Moment verstrich, bis die Stille von dem anhaltenden Piepton des Herzmonitors unterbrochen wurde.

Dr. Jerrod Mahurin, Europas führende Kapazität auf dem Gebiet psychopathischen Verhaltens, war tot.



Station 27


Leigh Nelson betrat Station 27, einen von einem Dutzend Bereichen, die ihre Kollegen als »Aquarium des Leidens« bezeichneten. Hier wurde alles zur Schau gestellt, das Gemetzel, das seelische Strandgut, die hässliche Seite des Krieges, an die niemand außerhalb des Krankenhauses erinnert werden wollte.

Während des gesamten Ersten Golfkrieges waren nur vierzehn Amputierte behandelt worden, aber die Invasion des Irak durch die Regierung von George Bush II. war eine ganz andere Geschichte. Zehntausende amerikanischer Soldaten hatten seit der Besetzung im Jahr 2003 Gliedmaßen verloren. Ihre langfristige Pflege erdrückte ein ohnehin schon überlastetes Gesundheitswesen; ihre Qualen wurden der Öffentlichkeit bewusst vorenthalten. Und der Krieg wütete immer noch.

Die tägliche Arbeit auf einer Station für Kriegsamputierte erfordert einen ganz besonderen Schlag von Therapeuten. Nach Bombenexplosionen ist der menschliche Körper schwer gezeichnet von Brandmalen und Granatsplitter-Verletzungen. Die Schmerzen können fürchterlich sein, die Operationen scheinbar endlos. Depressionen sind endemisch. Viele verwundete Veteranen sind erst zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, einige sogar noch im Teenageralter. Mit dem das ganze Leben verändernden Verlust eines Körperteils fertigwerden zu müssen kann verheerend für das Opfer, seine Familie und die Pflegekraft sein.

So schlimm es tagsüber war – nachts war es immer noch viel schlimmer.

Leigh blieb am ersten Bett zu ihrer Rechten stehen, das von Justin Freitas belegt war. Der Feldsanitäter hatte zehn Wochen zuvor beim Versuch, eine Bombe zu entschärfen, beide Augen und Hände verloren. Er war gerade mal neunzehn.

»He, Dr. Nelson. Woher wusste ich, dass Sie es sind?«

»Sie haben mein Parfüm gerochen.«

»Genau! Ich hab Ihr Parfüm gerochen. He, Doc, ich hab die Fernbedienung für den Fernseher fallen gelassen – können Sie sie mir geben?«

»Justin, wir haben gestern darüber gesprochen.«

»Doc, ich glaube fast, Sie sind diejenige, die blind ist. Ich habe Hände, ich kann sie spüren.«

»Nein, Herzchen. Es sind die Nervenenden, die verwirren Ihr Gehirn.«

»Doc, ich kann sie spüren!«

»Ich weiß.« Nelson kämpfte mit den Tränen. »Wir werden Ihnen neue Hände besorgen, Justin. Noch ein paar Operationen und …«

»Nein … keine Operation mehr. Ich will keine Operation mehr! Ich will keine Zangen! Ich will meine Hände! Wie kann ich mein kleines Mädchen ohne Hände halten? Wie kann ich meine Frau berühren?«

Die Wut entzündete sich wie ein Pulverfass. Dr. Nelson hatte kaum Zeit, ein Zeichen zu geben, dass sie Hilfe brauchte, bevor sie gezwungen war, mit ihrem Patienten zu ringen, ihn unter vollem Körpereinsatz daran zu hindern, mit den Stümpfen seiner bandagierten Unterarme gegen das Bettgeländer aus Aluminium zu schlagen.

Ein Pfleger stürzte herbei und half ihr, Justin Freitas’ Arme mit Klettbändern zu fesseln, sodass sie ein Beruhigungsmittel in seine Tropfinfusion injizieren konnte, das ihn in ein Narkosedelirium versetzte.

Dr. Nelson hielt kurz inne, um zu verschnaufen, während sie sich Notizen auf dem Krankenblatt machte. Sechzehn weitere Amputierte lagen in Lauerstellung auf dieser Station. Der ersten von acht.


Jede Station hatte gleichsam ihren Pförtner, einen Kriegsveteranen, der genau wusste, wie seine Kameraden tickten. Auf Station 27 war es Master Sergeant Rocky Allen Trett. Acht Monate zuvor durch eine raketengetriebene Granate verwundet, saß der doppelt Beinamputierte aufrecht im Bett und wartete darauf, sie zu begrüßen.

»Morgen, Schmollmund, Sie sind spät dran. Hat die Kleine Ihnen zu Hause das Leben schwergemacht?«

»Wie war noch mal der Ausdruck, den Sie gern benutzen? Fordernd? Sie scheinen gute Laune zu haben.«

»Mona ist mit den Kindern vorbeigekommen.«

»Okay, sagen Sie nichts … Die Jungs heißen Dustin und Logan, Ihre Tochter heißt Molly.«

»Megan. Blaue Augen, genau wie Ihre. Großartige Kinder. Kann’s nicht abwarten, nach Hause zu kommen. Hören Sie, ich hab versprochen, nicht zu fragen …«

»Ich hab unseren Prothetiker heute Vormittag noch mal angerufen. Er hat mir versprochen, nicht später als Mitte September.«

»Mitte September.« Rocky bemühte sich, seine Enttäuschung zu verbergen. Nach ein paar Augenblicken gewann er seine Fassung zurück und zeigte über den Mittelgang. »Passen Sie auf Swickle auf. Er hat sich vorhin die Augen ausgeheult. Seine Alte hat ihm zum Frühstück die Scheidungspapiere überreicht. Meint, sie kann nicht damit umgehen, einen Krüppel zum Mann zu haben.«

»Allerliebst. Rocky, was ist mit dem neuen Burschen … Shepherd?«

Rocky schüttelte den Kopf. »Vergessen Sie den Prothetiker; der Junge braucht einen Seelenklempner.«

»Herzchen, wir brauchen alle einen Seelenklempner.« Mit einem Kuss auf die Stirn brachte sie sein Lächeln zurück, dann ging sie weiter zu Station 17, einem von mehreren Bereichen, die der Privatsphäre halber durch einen Vorhang abgeteilt worden waren. »Sergeant Shepherd, mein Name ist Dr. Nelson, und ich bin Ihre …«

Sie zog den Vorhang zurück.

Das Bett war leer.


Der Himmel über Manhattan schwamm in Blau. Eine stete Brise, die vom East River kam, reduzierte den Geruch nach Ruß auf ein Minimum. Ganze Reihen industrieller Klimaanlagen brummten in der Nähe, und das mechanische Ächzen ihrer rotierenden Ventilatoren ließ die Asphaltdecke des Daches vibrieren. Sieben Stockwerke darunter mischte sich der Verkehrslärm in die Serenade, und mit dem schnellen Näherrücken der Mittagspause verstärkte sich die Hupfrequenz allmählich.

Der Hubschrauberlandeplatz des VA Hospital war leer, der Rettungshubschrauber im Einsatz.

Der schlaksige Mann in der grauen Trainingshose und dem weißen T-Shirt lief barfuß die zwanzig Zentimeter breite Betonkante entlang, die den Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach umgab. Lange braune Haare flatterten in der Brise, und seine Gesichtszüge und der verträumte Blick erinnerten an Jim Morrison, den verstorbenen Leadsänger der Doors. Der Soldat teilte die ruhelose Seele des Künstlers, die eingeschlossen war in einer Gruft aus Fleisch.

Er hatte ein Gefühl in der linken Hand, als hätte er den Ellenbogen tief in Lava getaucht. Die Schmerzen waren fürchterlich und trieben ihn an den Rand des Wahnsinns. Da ist kein Arm, du Arschloch. Die Schmerzen sind ein Phantom – genau wie deine Existenz.

Patrick Ryan Shepherd schloss die Augen, und der einarmige Mann lockte die Geräusche und Gerüche des Großstadtdschungels, durch das Loch in seiner Erinnerung zu strömen …

… und Bilder einer längst verloren geglaubten Vergangenheit aufzuspüren …


Die Brise ist stetig, der Himmel schwimmt in Blau. Die geballten Fäuste des Jungen halten den Stickball-Schläger fest gepackt.

Patrick ist elf Jahre alt, der Jüngste in dem Spiel. Brooklyn besteht aus ethnisch getrennten Wohnvierteln, und Bensonhurst ist fest in italienischer Hand.

Patrick ist Ire, der Kleinste und Schwächste des Wurfs.

Ein Außenseiter, der so tut, als würde er dazugehören.

Es ist Samstag. Samstage haben eine andere Atmosphäre als Sonntage. Sonntage sind trister. Sonntage sind Anzughosen und Kirche. Klein-Patrick hasst die Kirche, aber seine Großmutter zwingt ihn hinzugehen.

Sandra Kay Shepherd ist behindert, seit sie bei der Arbeit von einer Leiter gefallen ist. Außerdem ist die Einundsechzigjährige Diabetikerin und auf Insulin angewiesen. Sandras zweiter Ehemann hat sie vor zwölf Jahren ohne Erklärung verlassen.

Patricks Mutter starb an Brustkrebs, als er sieben war. Patricks Vater ist im Gefängnis und sitzt das vierte Jahr einer fünfundzwanzigjährigen Haftstrafe wegen Totschlags aufgrund von Trunkenheit am Steuer ab.

Zwei Outs, die Bases sind besetzt, nur dass es keine Bases gibt. Die erste und dritte sind geparkte Autos. Die zweite ist ein Gullydeckel. Die Home Plate ist ein Pizzakarton.

Klein-Patrick lebt für diese Momente. In diesen Momenten ist er nicht mehr der Kleinste und Schwächste. In diesen Momenten kann Patrick der Held sein.

Michael Pasquale steht auf der Werferplatte, dem Pitcher’s Mound, und wirft. Der Dreizehnjährige ist von dem jüngeren Iren schon zweimal arg in Verlegenheit gebracht worden. Der Italiener platziert den ersten Wurf auf Patricks Kopf.

Patrick ist bereit. Er macht einen Schritt zurück und drischt mit dem Besenstiel auf den mit Gumminoppen versehenen Ball, sodass der Base Hit am linken Ohr des Werfers vorbeisaust. Die springende Kugel kullert unter mehrere geparkte Autos, bevor sie außer Sichtweite verschwindet.

»Kloakenball! Ground-Rule-Double. Geh ihn holen, Deutscher Schäferhund.«

»Meinst du nicht Irischer Schäferhund?«

Patrick jammert, als die älteren Jungs ihn zum Gully eskortieren. Die Stickball-Regeln sind einfach: Der, der den Ball schlägt, holt ihn zurück.

Zwei Jungs heben den Gullydeckel hoch, womit sie einen Brechreiz erzeugenden Geruch freisetzen. Die flüssige Jauche ist anderthalb Meter weiter unten, und Gary Doroshow, der normalerweise eine Metallharke mitbringt, ist mit seinen Eltern auf Coney Island.

»Runter mit dir, Shepherd.«

»Bist du sicher, dass er da reingefallen ist? Ich kann ihn nicht mal sehen.«

»Du nennst mich einen Lügner?«

»Schwing deinen Irenarsch runter in dieses Loch.«

Patrick steigt hinab, Sprosse um Sprosse; gegen den durchdringenden Gestank nach flüssiger Scheiße hat er sich den Kragen seines T-Shirts hoch über die Nase gezogen.

Der blaue Himmel verschwindet plötzlich, als der Gullydeckel mit einem dumpfen Geräusch zurück an seinen Platz geschoben wird.

»He!«

Das gedämpfte Geräusch von Gelächter verursacht Patrick Herzrasen.

»He! Lasst mich raus!« Er stemmt sich mit der Schulter gegen den gusseisernen Deckel, unfähig, ihn unter dem Gewicht von Michael Pasquale von der Stelle zu bewegen. Rechter Hand ist eine schmale Lücke zwischen Bordstein und Straße. Er versucht sich herauszuzwängen, nur um von tretenden Turnschuhen empfangen zu werden.

»Lasst mich raus! Hilfe! Oma, Hilfe!«

Er würgt, dann erbricht er sein Frühstück in die Jauche.

Schweiß strömt ihm übers Gesicht. Ihm ist schwindelig. »Lasst mich raus, lasst mich raus!«

Panik macht sich bemerkbar, er kann nicht atmen. Adrenalin verwandelt seine Schultern in Rammböcke, und er attackiert den Gullydeckel, wobei die Kraft seiner Stöße Michael Pasquale kurz aus dem Gleichgewicht bringt. Durch das Gewicht eines zweiten Jungen wird der Widerstand schnell verdoppelt.

Patrick fühlt sich schwach. Er kommt sich klein vor, und er hat Angst. Der Krebs hat ihm seine Mutter geraubt, der Alkohol seinen Vater. Der Sport ist der Kitt, der ihn bis jetzt zusammengehalten hat, und seine sportlichen Fähigkeiten ebneten ihm das Spielfeld des Lebens. Als das Gelächter anschwillt und der letzte Funken Würde seinen Körper verlässt, lockert er den Griff um die Leitersprosse, fest entschlossen, seine Leere mit der ertränkenden Umarmung der Jauche zu füllen.

Dann hört er die Stimme eines Mädchens, energisch und fordernd. Unterstützt durch die Anwesenheit von jemand Älterem männlichen Geschlechts.

Die Turnschuhe rennen los.

Der Gullydeckel wird hochgehoben.

Patrick Shepherd blickt empor in den blauen Augusthimmel auf seinen Engel.

Das Mädchen scheint in seinem Alter zu sein, nur sehr viel reifer. Welliges blondes Haar, lang und seidig. Unter dem kurzen Pony schauen grüne Augen auf ihn herab. »Und? Willst du den ganzen Tag dort unten bleiben?«

Patrick klettert aus der Kanalisation und ins Licht; ein Mann in Hemdsärmeln und mit kastanienbrauner Krawatte hilft ihm heraus. Sein graues Wollsakko hat er sich über die Schulter geworfen. »Nichts für ungut, Junge, aber du musst dir ein paar neue Freunde suchen.«

»Sie sind nicht … meine Freunde.« Patrick hustet und versucht das Schluchzen zu verbergen.

»Übrigens, das war ein schöner Schlag … so wie du deine Handgelenke zurückgehalten hast. Versuch die Finger von Würfen außerhalb der Strike Zone zu lassen.«

»Die können nicht besser auf mich werfen. Wenn er über der Plate ist, kann ich ihn tief nehmen, bloß verlieren wir zu viele Bälle. Obwohl, eigentlich bin ich Werfer, nur dass sie auch nicht möchten, dass ich werfe …«

» … weil du so gut bist, hä?« Das Mädchen grinst.

»Wie heißt du, Junge?«

»Patrick Ryan Shepherd.«

»Tja, Patrick Ryan Shepherd, wir sind gerade auf dem Nachhauseweg von der Synagoge, anschließend fahren wir rüber zur Roosevelt High, um uns das Gerangel der Baseball-Mannschaft anzusehen. Warum schnappst du dir nicht deinen Handschuh und triffst dich dort mit uns? Vielleicht lass ich dich beim Schlagtraining werfen.«

»Schlagtraining? Moment … Sind Sie der neue Baseball-Coach? «

»Morrie Segal. Das ist meine Tochter …«

»… Nein, komm mir nicht zu nahe, du stinkst. Geh nach Hause, duschen, Shep.«

»Shep?«

»Das ist dein neuer Spitzname. Dad lässt mich allen Spielern Namen geben. Jetzt geh, bevor ich deinen Namen in Stinkender Pete ändere.«

Coach Segal zwinkert, dann führt er seine Tochter fort.

Der Himmel schwimmt in Blau, der Augusttag ist prächtig …

… der Tag, an dem sich für Patrick Shepherd das Leben veränderte – der Tag, an dem er sich verliebte.


Der Mann ohne linken Arm öffnete die Augen. Der Phantomschmerz war abgeklungen, ersetzt durch etwas viel Schlimmeres.

Es war elf Jahre her, seit er zum letzten Mal die einzige Frau geküsst hatte, die er je geliebt hat, elf lange Jahre, seit er sie in den Armen gehalten oder zugesehen hatte, wie sie mit ihrer gemeinsamen kleinen Tochter spielte. Die Sehnsucht zerriss ihn im Innersten; sein Herz war wie ein Damm, der kurz davorstand, zu brechen und dabei einen angeschwollenen Fluss aus Frustration und Wut freizusetzen.

Patrick Shepherd verabscheute sein Dasein. Jeder Gedanke war Gift, jede Entscheidung der letzten elf Jahre verflucht. Tagsüber erlitt er die Demütigung des Opfers, nachts wurde er der Schurke, dessen Handlungen in vergangenen Kämpfen in herzzerreißenden, schädelerschütternden, nervenzerfetzenden Albträumen menschlicher Gewalttätigkeit wiederholt wurden, deren Realität kein Horrorstreifen jemals auf Zelluloid bannen konnte. Und doch, sosehr er sich selbst verachtete, noch mehr hasste Patrick Gott, denn es war sein verwünschter Schöpfer, sein ewiger Hüter der Gleichgültigkeit, der auftauchte wie ein Dieb in der Nacht und die Erinnerung an Sheps Familie aus seinem Gehirn entfernte und an ihrer statt ein leeres Loch zurückließ. Sosehr er sich auch bemühte, Patrick konnte die Leere nicht füllen, und die Frustration, die er empfand – die schiere Wut –, ist viel mehr, als ein einzelner Mensch ertragen kann.

Seine nackten Zehen krallten sich in die Betonkante. Ein seltsames Gefühl der Ruhe übermannte sein Dasein, wie eine wohltuende Flut. Patrick blickte ein letztes Mal nach oben in den klaren, blauen Augusthimmel. Ließ einen gutturalen Urschrei los, der seinen Tod ankündigte, und …

Nein.

Er verharrte in der Bewegung, unsicher auf einem Bein balancierend. Die geflüsterte Stimme war männlich und vertraut; sie zischte durch seinen Kopf wie eine Stimmgabel. Patrick Shepherd fuhr erschrocken mit dem Kopf herum. »Wer hat das gesagt?«

Der leere Hubschrauberlandeplatz verhöhnte ihn. Dann öffnete sich plötzlich der Dachausgang, und aus dem Treppenhausschacht tauchte eine dunkelhaarige Schönheit auf. Ihr weißer Arztkittel flatterte im Wind. »Sergeant Shepherd?«

»Nennen Sie mich nicht so. Nennen Sie mich niemals so!«

»Tut mir leid.« Dr. Nelson trat vorsichtig näher. »Ist es in Ordnung, wenn ich Sie Patrick nenne?«

»Wer sind Sie?«

»Leigh Nelson. Ich bin Ihre Ärztin.«

»Sind Sie Kardiologin?«

Auf diese Erwiderung war sie nicht gefasst. »Brauchen Sie eine?« Sie sah die Tränen. Seinen gequälten Gesichtsausdruck. »Hören Sie, ich habe eine Grundregel: Wenn Sie sich umbringen wollen, warten Sie wenigstens bis Mittwoch.«

Shepherds Gesichtsausdruck veränderte sich, seine Wut milderte sich zu Verwirrung. »Wieso Mittwoch?«

»Mittwoch ist die Mitte der Arbeitswoche. Spätestens am Mittwoch hat man den Freitag klar im Blick, dann hat man das Wochenende, und wer will sich schon an einem Wochenende abmurksen? Wo die Yankees im Moment so gut spielen.«

Die Andeutung eines Lächelns umzuckte Patricks Mundwinkel. »Eigentlich sollte ich die Yankees hassen.«

»Das muss ein ziemliches Problem gewesen sein, ein Sohn Brooklyns, der für die Red Sox wirft. Kein Wunder, dass Sie springen wollen. Wie auch immer, Sie können mich Dr. Nelson nennen oder Leigh, was immer Ihnen lieber ist. Wie soll ich Sie nennen?«

Patrick betrachtete die hübsche Brünette, und seine innere Leere wurde für einen Moment durch ihre Schönheit überwunden. »Shep. Meine Freunde nennen mich Shep.«

»Na schön, Shep, ich wollte gerade schnell einen Kaffee trinken und einen Donut essen. Mit Schokocremefüllung, denn es war ein beschissener Montag. Warum leisten Sie mir nicht Gesellschaft? Wir können uns unterhalten. «

Patrick Shepherd dachte über sein Leben nach. Seelisch erschöpft, atmete er verärgert aus und trat von der Kante herunter. »Ich trinke keinen Kaffee – von Koffein kriege ich Kopfschmerzen.«

»Ich bin mir sicher, wir werden etwas finden, das Sie mögen.« Ihren Arm um seinen schlingend, führte sie ihren neuesten Patienten wieder ins Innere des Krankenhauses.