»Well, I just got into town about
an hour ago …
Took a look around, see which way the wind
blow
Where the little girls in their Hollywood
bungalows
Are you a lucky little lady in the city of
light,
Or just another lost angel … city of
night
City of night, city of night, city of night
…«
THE DOORS, »L.A. Woman«

BIOLOGISCHE KRIEGSFÜHRUNG, PHASE I
INSEMINATION
20. DEZEMBER
New York
City
8:19 Uhr
(23 Stunden, 44 Minuten vor dem
prophezeiten Ende der Tage)
Manhattan: ein Insel-Mekka, umgeben von Wasser.
Der Harlem River wälzte sich an der Bronx vorbei nach Süden und verbreiterte sich zum East River – von Schaum gekrönte Wellen hinter einer starken Vier-Knoten-Strömung. Von der anderen Seite des New Yorker Hafens winkte die Freiheitsstatue den Reisenden zu. Weiter nördlich wurde der Wasserweg zum mächtigen Hudson; der Fluss trennte den Big Apple von der nordöstlichen Uferlinie New Jerseys.
Städtische Gewässer, eiskalt und trübe. Eine Augenweide für Grundstücksmakler und Touristen. Von Pendlern tagtäglich ignoriert, ein durch ein Dutzend Brücken und Tunnels neutralisiertes natürliches Hindernis.
Nicht heute.
Eine winterliche Sonne sprenkelte die Skyline von Manhattan mit flüchtigen goldenen Glanzlichtern. Wegen endloser Baustellen kam der Verkehr nur im Schneckentempo voran. Die Gemüter erhitzten sich. Zehntausende neuer Kurznachrichten starteten in den Cyberspace. Dampf stieg aus Gullydeckeln und Abluftschächten auf. Warme Inseln lockten die Obdachlosen an wie das Licht die Motten. Wogen von Fußgängern schenkten ihrer Schmach keine Beachtung. Ebenso wenig wie den Flüssen.
Die beißende Kälte schmerzte an ungeschützten Ohren und schniefenden Nasen. Der Schnee von gestern Abend, bereits zu Matsch zertrampelt. Weihnachtsbäume. Festbeleuchtung. Der Duft von warmem Plundergebäck und Zimt.
Donnerstag vor Weihnachten. Der bevorstehende Feiertag gab Manhattans Erwerbsbevölkerung neuen Schwung. Menschliche Sardinen füllten U-Bahnen und Züge. Eine halbe Million Fahrzeuge verwandelten die Schnellstraßen in Rushhour-Parkplätze. Geschäftemacher und Gauner. Einkäufer und Verkäufer. Anwälte und Laien und Eltern, die ihre Kinder zur Schule brachten. Angetrieben von Koffein und von Träumen und von nach Jahren im Großstadtdschungel verfeinerten Überlebensinstinkten. Zwei Millionen Pendler und Touristen kamen jeden Tag nach Manhattan. Zu dieser Zahl hinzu kamen weitere 1,7 Millionen Bewohner – die sich alle zusammen 60 Quadratkilometer Insel teilten.
Einhunderttausend menschliche Wesen, die jeden eingefrorenen Häuserblock im Stadtgebiet belegen. Gut und böse, alt und jung; Männer, Frauen und Kinder, die jede Altersgruppe und Nationalität auf dem Planeten repräsentieren. Ein Teil der Menschheit, der über einem Abgrund schwebt, der zu groß ist, um ihn zu begreifen; die Gleichgültigkeit dieser Menschen gegenüber der Not der Welt besudelt jede Unschuld, ihr Ableugnen ist sträflich.
Keine Schneeflocke in einer Lawine fühlt sich jemals verantwortlich.
Die Pendler schoben sich langsam nach Westen über die verstopfte Queensboro Bridge – Ratten, die sich anschickten, in das Labyrinth einzudringen. Die Fahrer, deren Autos Kennzeichen aus New York, New Jersey oder Connecticut tragen, braucht man nicht weiter zu beachten. Konzentrieren wir uns stattdessen auf den weißen Honda Civic mit dem Nummernschild aus Virginia. Es war ein Mietwagen, die Fahrerin eine Wissenschaftlerin, die die Vororte stets den Versuchungen des Großstadtlebens vorgezogen hatte. Doch nun war sie hier, nachdem sie die ganze Nacht gefahren war, nur um an diesem kühlen Donnerstagmorgen just in diesem Augenblick der menschlichen Geschichte in Manhattan zu sein. Eine Jungfrau in New York, man könnte einen Fall von Rushhour-Lampenfieber erwarten. Aber das Lächeln auf Mary Louise Klipots kantigem Gesicht war heiter, und die Achtunddreißigjährige mit den rubinroten Haaren strahlte eine Ruhe aus, wie sie nur durch inneren Frieden entstand. Haselnussbraune Augen, ohne Schminke und rot gerändert von zu wenig Schlaf, blickten auf die im Stau steckenden Fahrer zu ihrer Linken. Besorgte Gesichter, die, so sagte sie sich, alle von der ständigen Angst gezeichnet waren, die von Unsicherheit herrührte.
Mary Klipot war weder ängstlich noch unsicher. Sie war an einem Ort jenseits der Sorge, jenseits des menschlichen Makels. Ihre Überzeugungen speisten sich aus dem Glauben, und ihr Glaube reichte tief, denn sie reiste entlang eines Weges, der vom Allmächtigen persönlich geebnet worden war …
… und sie reiste mit Seinem Kind.
Natürlich hatte Andrew versucht, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Ihr Verlobter hatte beharrlich behauptet, dass er der Vater ihres ungeborenen Kindes sei. Doch sein Einwand war ohne Belang, weil dahinter Andrews unverhohlene Absicht steckte, Scythe an das Militär, die Geheimdienste oder irgendeine andere verdeckt operierende Gruppe von Schurken zu verkaufen, die ihre eigenen geopolitischen Perversionen pflegten. Hielt er die Mikrobiologin für eine Idiotin? Klein-Jesus von ihm? Wann hatte dieser angebliche »Paarungsakt« denn stattgefunden? Warum konnte sie sich nicht daran erinnern?
Nachdem sie den Teufel gezwungen hatte, seine Karten aufzudecken, hatte ihr »Anverlobter« ein Märchen über Verzweiflung ausgespuckt und behauptet, dass sie damals im März, als sie in Cancún Urlaub machten, miteinander geschlafen hätten. Andrew, der sexuell frustriert war, gab zu, eine Kleinigkeit in Marys Rum-Cola gegeben und dadurch dafür gesorgt zu haben, dass die Dämme ihrer Libido brachen. Es sei eine wilde Nacht voller Leidenschaft und Begierde gewesen – dass Mary sich daran nicht erinnern konnte, hatte mehr damit zu tun, dass sie sich nicht erinnern wollte, als mit dem harmlosen chemischen Gebräu, das er an ihr ausprobiert hatte.
Die giftige Lüge war Andrew teuer zu stehen gekommen. Nachdem sie ihren Verlobten an den Mittelpfosten des alten Viehstalls gebunden hatte, goss sie Säure über seine Handgelenke und Handschellen, bis hinauf zu den Ellenbogen. Andrew hatte geschrien, bis er ohnmächtig wurde. Die dicken Innenwände des verwahrlosten Baus dämpften das Geräusch, und der nächste Nachbar war ohnehin mehr als eine halbe Meile entfernt.
Nachdem sie ihn erneut am Mittelpfosten des Gebäudes festgebunden hatte, wartete sie geduldig, bis er aufwachte. Schließlich stupste sie ihn mit der Mündung der Schrotflinte an.
»Andrew, Liebling, mach die Augen auf. Mama hat was für dich.«
Die Druckwelle hatte Hirnmasse, Blut und Schädelsplitter über die gesamte Rückwand und die Dachsparren verspritzt. Durch den heftigen Rückstoß hatte Mary sich die rechte Schulter verstaucht, und der Ruck veranlasste Klein-Jesus, zehn Minuten ununterbrochen zu strampeln. Sie hatte sich im Futtertrog ausgeruht, bis er sich beruhigte, dann hatte sie den Stall mit Feuer gereinigt und ihren Verlobten auf seine Reise ohne Wiederkehr in die Vergessenheit geschickt. Mary war lange genug dageblieben, dass sie die örtlichen Feuerwehrleute davon überzeugen konnte, den uralten Bau völlig abbrennen zu lassen, dann hatte sie sich ein Hummer-Abendessen im Benito Grill gegönnt, bevor sie sich zu ihrem Biolabor in Fort Detrick aufmachte, um zu packen.
Die Nachricht kam im Radio und ließ sie aufhorchen.
»… treffen die Führer der Welt, offensichtlich uneins darüber, wie mit dem Iran zu verfahren sei, zu einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates in New York ein. Irans Oberster Rechtsgelehrter soll heute Vormittag um 9:15 Uhr im Saal der Generalversammlung zum Sicherheitsrat sprechen. Die Rede von Präsident Kogelo ist vorläufig für 10:30 Uhr vorgesehen, gefolgt von Chinas Generalsekretär am Nachmittag. Man geht unterdessen davon aus, dass der US-Flugzeugträger Theodore Roosevelt zu der bereits im Persischen Golf befindlichen Kampfgruppe USS Ronald Reagan stößt – eine direkte Reaktion auf den Verkauf von in Russland hergestellten Interkontinentalraketen an den Iran am 9. August. Und jetzt wieder Musik auf WABC New York.«
Mary schaltete das Radio aus, und ihr Herz schlug schneller, als sie von der Queensboro Bridge auf den FDR Drive South abfuhr – irgendwo weiter voraus lag das Gebäude der Vereinten Nationen. Heute würde sie der Elite eine Lektion erteilen. Heute würden deren Vertreter die volle Bedeutung von Matthäus 5,5 verstehen: »Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.«
Sie warf einen Blick auf den Stapel Decken, die ordentlich gefaltet im Fußraum auf der Beifahrerseite lagen, und bekämpfte das Verlangen, die wollene Tarnung beiseitezuziehen und das versteckte Objekt anzustarren – einen Aktenkoffer aus Metall, der ihren Schlüssel zur Himmelspforte enthielt. In Gottes Zeit, Mary. Der Herr ist mit dir, wenn du Ihn brauchst. Beschleunige das Leid nicht. Konzentriere dich nur auf die Gegenwart …
VA Medical
Center
East Side, Manhattan, New
York
Verloren in der Vergangenheit, träumte Patrick Shepherd …
Sie laufen die Straßen Bagdads hinunter, David Kantor zu seiner Rechten, Eric Lasagna zu seiner Linken. Drei Rattenfänger, gefolgt von einem Dutzend irakischer Kinder, die um Almosen betteln.
David bleibt stehen und erlaubt damit der jungen Horde, seine Kameraden zu umringen. »Hat einer von Ihnen beiden jemals Moby Dick gesehen?«
»Ich«, antwortet Lasagna. »Gregory Peck als Ahab. Ein Klassiker. «
»Erinnern Sie sich an die Szene, in der Ahab seinen Männern sagt, sie sollten auf die Vögel achten, dass die Vögel ihnen sagen würden, wenn Moby Dick sich zum Auftauchen bereitmacht? Die Einheimischen sind Ihre Vögel. Sie spüren, wenn Ärger im Anmarsch ist. Wenn Sie also sehen, dass sie die Straße freimachen, seien Sie bereit. Die Kids sind großartig, aber seien Sie einfach auf der Hut. Fanatiker schnallen ihnen manchmal Bomben um und zwingen sie, sich unseren Soldaten zu nähern.«
Ein dunkelhaariges siebenjähriges Mädchen mit strahlenden Augen lächelt Shep an – kein Zweifel, dass sie flirtet. Er greift in seinen Tornister und holt eine Notration heraus, und der Anblick der Marschverpflegung, die die Kinder wiedererkennen, sorgt für allgemeine Begeisterung. »Okay, mal sehen, was Uncle Sam uns heute eingepackt hat. Hat irgendjemand Interesse an zwei Tage alten Rindfleisch-Ravioli? Nein? Kann ich euch nicht verdenken. Moment, was ist das? M&Ms!«
Die Kinder hüpfen und winken und schreien auf Farsi.
Shep verteilt die Schokobonbons aus drei Schachteln, damit jedes Kind einen gleichen Anteil bekommt, wobei er die letzte, doppelte Portion für das lächelnde siebenjährige Mädchen aufspart.
Sie verputzt die Handvoll auf einen Schlag, und Schokoladenspeichel tropft von ihren Lippen. Shep beobachtet sie, verloren in ihren großen braunen Augen – Fenster zu einer Seele, die so viel Leid erlebt hat, sich aber dennoch in Unschuld verlieren kann.
Seine neue Freundin strahlt ihn mit einem Schokoladenmatschlächeln an. Sie wirft ihm eine Kusshand zu und läuft davon …
… und ihr Abgang beendet seine vorübergehende Gnadenfrist im Auge des Sturms und holt ihn in den Krieg zurück.
Morningside
Heights
Upper West Side, Manhattan, New
York
8:36 Uhr
Die Kathedrale St. John the Divine, gelegen auf fünf Hektar unmittelbar südlich des Hauptcampus der Columbia University, war die größte Kathedrale der Welt. Erbaut auf einem Vorgebirge mit Aussicht auf den Hudson River, war der Grundstein zu dem romanisch-byzantinischen Bau bereits im Jahr 1892 gelegt worden, doch noch immer war das Bauwerk unvollendet.
Pankaj Patel blieb auf der Amsterdam Avenue stehen, um das erhabene Gotteshaus anzustarren. Die Kathedrale war mit Lichterketten geschmückt, doch Patel war alles andere als festlich gestimmt. Es war mehr als drei Monate her, seit der Professor für Psychiatrie in die Gesellschaft der Neun Unbekannten Männer aufgenommen worden war, und die Anspannung infolge der heimlichen Begegnung mit dem Ältesten lastete noch immer auf seinem Gemüt.
Er starrte auf den Friedensbrunnen der Kathedrale. Die ihn umgebende Rasenfläche war von Schnee bedeckt und von bronzenen Tiergestalten eingefasst. Die detailreichen, in Stein gemeißelten Brunnenfiguren stellten den heroischen Kampf des Guten gegen das Böse dar – der Erzengel Michael enthauptete Satan, dessen gehörnter Kopf zu einer Seite herabhing. Noch ein Tag bis zur Wintersonnenwende – dem Tag der Toten. Wenn uns wirklich das Ende der Tage bevorsteht …
»Dad, mach schon! Ich komme zu spät zu unserer Weihnachtsfeier.«
Patel wandte sich seiner zehnjährigen Tochter Dawn zu. Die langen onyxfarbenen Haare des Mädchens, zu Zöpfen geteilt, hingen über ihren Wintermantel, und aus den Engelsaugen des Kindes sprach eine Kombination aus Sorge und Ungeduld. »Entschuldigung. War ich wieder geistig abwesend?«
»Total.« Sie zog ihn am Handgelenk und führte ihn zum Eingang der Domschule, die vom Kindergarten bis zur achten Klasse für Kinder aller Glaubensbekenntnisse offenstand. »Vergiss nicht, ich bleib nach der Schule zur Bandprobe. Wir sehen uns beim Abendessen.«
»Warte!« Er holte sie auf dem von Raureif bedeckten Rasen ein und ließ sich auf ein Knie nieder. »Du weißt, ich liebe dich. Du bist Gottes Geschenk für deine Mutter und mich, unser kleiner Engel.«
»Dad« – sie berührte mit ihren in Wolle gepackten Fingern seine Wange –, »jetzt ist dein Knie ganz nass.«
Schweren Herzens blickte er seinem einzigen Kind nach, wie es sich beeilte, zu den anderen Kindern zu stoßen, die vor dem Schuleingang zusammenliefen. Während er an dem nassen Fleck auf seinem rechten Hosenbein herumrieb, setzte er seinen Weg die Amsterdam Avenue hoch zum östlichen Campus der Columbia University fort.
Lower East Side,
Manhattan, New York
8:44 Uhr
Mary Klipots Arme zitterten, obwohl sie das Lenkrad gepackt hielt und ihre Hände die Perlen des Rosenkranzes so fest umklammerten, dass die Knöchel weiß hervortraten. Der Stop-and-go-Verkehr auf der First Avenue hatte sich seit zehn Minuten nicht von der Stelle gerührt, und das Polizeiaufgebot entlang der angrenzenden United Nations Plaza war überall.
Ihr Blick schnellte von der Digitaluhr am Armaturenbrett zum Innenspiegel. Sie starrte auf die ein Meter zwanzig große Gerippepuppe, die auf den Rücksitz geschnallt war. Die Figur trug ein Hochzeitskleid und auf dem Kopf eine rote Perücke, die zu Marys eigenem Haar passte. »Santa Muerte, ich habe keine Zeit mehr. Leite mich, Engel. Zeig mir den Weg.«
Es verstrichen einige Augenblicke. Dann ging es auf den zwei Spuren zu ihrer Linken wie durch ein Wunder plötzlich voran. Sie zog von ihrer rechten Spur rüber, kam auf einer vereisten Stelle kurz ins Rutschen und bog dann auf der verzweifelten Suche nach einem Parkplatz auf die East 45th Street ab.
Der Verkehr kroch in westlicher Richtung und überquerte die Second Avenue. Die Parkhäuser waren alle voll, und am Bordstein, wo sich der Schnee häufte, war Parken verboten. Die Digitaluhr rückte auf 8:54 Uhr vor. Frustriert schlug Mary mit den Handflächen aufs Lenkrad und zerbrach dabei den Rosenkranz.
Das ist nicht gut. Du fährst zu weit nach Westen.
Das Baby in ihrem Bauch strampelte, als sie nach rechts auf die Third Avenue und dann noch einmal auf die 46. Straße abbog. Nachdem sie einmal um den Block gekurvt war, fuhr sie abermals nach Osten in Richtung United Nations Plaza. Als sie die Second Avenue überquerte, hämmerte ihr Puls in den Schläfen. Bleib nicht wieder auf der First Avenue stecken, sonst kommst du zu spät. Sie schaute kurz hoch in den Innenspiegel. »Bitte, dünnes Mädchen, hilf mir, einen Parkplatz zu finden. «
Die Gasse zu ihrer Linken war so schmal, dass sie beinahe daran vorbeigefahren wäre. Eingezwängt zwischen zwei Hochhäusern, war es eine Nische, die nur für Lieferanten reserviert war. Mary bog in den Weg ein und folgte ihm etwa zwanzig Meter, bis er als Sackgasse an einem stählernen Abfallbehälter endete.
In Dunkel gehüllt, sodass man ungestört und trotzdem in Laufweite der UNO ist – perfekt! »Danke, Santa Muerte. Gott segne dich, mein Engel.«
Überall standen PARKEN VERBOTEN – FALSCHPAR-KER WERDEN ABGESCHLEPPT-Schilder, aber sie würde nur zehn, höchstens fünfzehn Minuten hier sein, und außerdem hatte Gott sie hierhergeführt; Er würde sie jetzt nicht im Stich lassen. Sie parkte vor dem riesigen braunen Abfallbehälter und schaltete den Motor ab.
Es wurde Zeit.
Mary zog die im Fußraum auf der Beifahrerseite gestapelten Decken weg, sodass der Diplomatenkoffer zum Vorschein kam. Ein Biogefahr-Warnhinweis zierte seine glatte Oberfläche, und das USAMRIID-Logo war mit einer silbernen Sense verziert.
Sie zog den Diplomatenkoffer auf ihren Schoß und wendete ihre Aufmerksamkeit dem Zahlenschloss zu. Sie stellte die siebenstellige Kombination auf 1266621 ein und ließ dann die zwei Riegel aufschnappen.
Die Stahlschlösser sprangen auf …
… und lösten eine Mikroschaltung aus, die ein abhörsicheres elektronisches Signal zu einem Empfänger schickte, der sich vierhundert Kilometer weiter südlich befand.
Medizinisches
Forschungsinstitut
der US Army für
Infektionskrankheiten (USAMRIID)
Fort Detrick, Frederick,
Maryland
8:56 Uhr
Von den drei Einrichtungen in den Vereinigten Staaten, zu deren Aufgaben die Arbeit mit hochgefährlichen Mikroben gehörte, waren die im USAMRIID gelegenen Bioabwehr-Laboratorien die größten und am besten ausgestatteten. Im Jahr 2008 erweitert, umfasste das Gelände von Fort Detrick inzwischen auch das National Biodefense Analysis & Countermeasures Center (NBACC), das Nationale Zentrum für Bioabwehr-Analyse und -Gegenmaßnahmen, ein 15 000 Quadratmeter großer Milliarden-Dollar-Komplex, der unter der Schirmherrschaft des Heimatschutzministeriums betrieben wurde. Die neue Einrichtung beherbergte auf 5500 Quadratmetern Labore der Biosicherheitsstufe 4, die es den Wissenschaftlern ermöglichen sollten, an den gefährlichsten bislang bekannten Bakterien zu forschen.
Das Büro von Dr. Lydia Gagnon lag in Gebäude 1425 auf dem National Interagency Biodefense Campus (NIBC), einer der ursprünglichen Anlagen, die noch in Gebrauch war. Die Pathologin aus Ontario leerte ihre zweite morgendliche Pepsi und gönnte sich noch eine Minute, bevor sie zu ihrer Neun-Uhr-Mitarbeiterbesprechung losmusste. Sie las gerade eine private E-Mail von ihrer Schwester, als der Bildschirm sich unerwartet abschaltete.
ACHTUNG: VERSTOSS GEGEN BIOGEFAHRENSTUFE 4
Die Warnung blinkte immer wieder auf, und die verschlüsselte Mitteilung veranlasste sie, ihren Sicherheitscode einzugeben. Sie tippte die siebenstellige Identifikationsnummer ein, und während sie las, weiteten sich ihre blauen Augen hinter den Brillengläsern vor Angst. Nach dreißig Sekunden schnappte sie sich ihr Bürotelefon und tippte die drei Ziffern für eine Nebenstelle ein.
»Hier ist Gagnon im NIBC. Wir haben einen Verstoß gegen Biogefahrenstufe 4 – wiederhole, wir haben einen Verstoß gegen Biogefahrenstufe 4. Ich will in sechs Minuten zwei AITs einsatzbereit auf dem Hubschrauberlandeplatz. Sagen Sie Colonel Zwawa, ich bin auf dem Weg nach oben!«
Lower East Side,
Manhattan, New York
8:56 Uhr
Mary Klipot öffnete den Metallkoffer, dessen Innenleben aus Formschaumstoff-Fächern bestand. In den Fächern steckten drei Gegenstände: ein Inhalationsapparat, der über Nase und Mund angebracht wurde, ein Aerosolinjektor-Aufsatz und eine 85-ml-Ampulle, die eine klare Flüssigkeit enthielt und deren Verschlusskappe mit einem orangefarbenen Biogefahr-Aufkleber versiegelt war.
Systematisch entnahm sie nun zuerst den leeren Aerosolinjektor. Schraubte das obere Ende auf. Setzte ihn in eines der Formfächer, sodass er aufrecht stand. Vorsichtig entnahm sie anschließend die Ampulle. Zog den Aufkleber ab. Goss behutsam 30 ml auf den Boden des leeren Aerosolspenders.
Einmal Luft holen, um die Nerven zu beruhigen. Dann griff sie in ihre Jackentasche und zog ein Reagenzröhrchen aus Plexiglas heraus, das eine kreideartige graue Substanz enthielt. Ein genetischer Modifikator: das gewisse Etwas ihrer ganzen Anstrengungen. Sie schraubte die Kappe ab, die gleichzeitig als Griff eines winzigen internen Messlöffels von der Größe eines Reißzweckenkopfs diente. Sie füllte den Löffel mit dem grauen Pulver. Klopfte den Überschuss ab. Gab den Löffel voll Pulver zu der klaren Flüssigkeit in dem Aerosolspender, verschloss dann das Reagenzglas und stellte es in ein freies Schaumstofffach. Setzte den Deckel des Aerosolspenders wieder auf und schüttelte die verschlossenen Zutaten ein Dutzend Mal leicht. Zufrieden befestigte sie den Spender auf dem Inhalationsgerät und legte den Apparat dann auf die Schaumstoffpolsterung.
Sie sah auf die Uhr: 8:59 Uhr.
Sie nahm den Umschlag, der den gefälschten Ausweis der Vereinten Nationen enthielt. Mary blickte auf ihr Foto, dem nun der Name Dr. Bogdana Petrowa, Russische Botschaft, zugewiesen war. Dr. Petrowa war eine Kollegin von ihr gewesen. Mary hatte sie vor sieben Jahren auf einer internationalen Tagung in Brüssel kennengelernt. Sechs Wochen später waren Bogdanas sterbliche Überreste in Moskau in einem Müllcontainer aufgetaucht. Man schob ihren Tod auf eine Internet-Verabredung, die übel ausgegangen sei.
Wir werden ihnen heimzahlen, was sie dir angetan haben, Dana. Was sie all unseren Kollegen angetan haben.
Sie streifte sich den an dem Ausweis befestigten Schnürsenkel über den Kopf, dann nahm sie das Inhalationsgerät in die Hand. Ihr Herz klopfte, ihre Hand zitterte. Das ist es, Mary, das ist es, warum du auserwählt wurdest. Dem Baby kann Scythe nichts anhaben, du hast die Plazenta bereits geimpft, aber es muss richtig inseminiert werden, um die Entrückung herbeizuführen.
Während sie im Innenspiegel auf die Puppe der Schnitterin mit ihrer roten Perücke starrte, rezitierte sie die neunte Passage aus dem neuntägigen Gebetszyklus für Santisima Muerte, die sie dem Novene-Büchlein entnommen hatte, das sie zwei Monate zuvor in Mexiko erhalten hatte. »Selige Beschützerin, Frau Tod: Kraft der Tugenden, die Gott Dir schenkte, bitte ich, dass Du mich von allem Übel, jeglicher Gefahr und Krankheit befreist und dass Du mir stattdessen Glück, Gesundheit, Zufriedenheit und Geld schenkst, dass Du mir Freunde und Freiheit von meinen Feinden schenkst, außerdem Jesus, den Vater meines Kindes, veranlasst, vor mir zu erscheinen, demütig wie ein Schaf, dass Du Seine Versprechen hältst und immer liebevoll und gehorsam bist. Amen.«
Sie presste sich das Inhalationsgerät auf Nase und Mund. Drückte den Auslöser und nahm einen tiefen Lungenzug von dem scharfen Elixier.
Nach vollbrachter Tat legte sie den Kopf in den Nacken. Ihr Herz schlug wild. Ihre Augenlider flatterten. Ihr Körper bebte vor Adrenalin.
Die innere Stimme, durch die Medikamente unterdrückt, mahnte sie nun zur Eile.
Sie stieg aus dem Wagen, schlug die Tür zu und verriegelte sie, bevor ihr der verräterische Diplomatenkoffer einfiel. Durch Anklicken der Funkfernbedienung öffnete sie die Tür wieder und schnappte sich den Koffer, während sie auf der mit Schneematsch bedeckten Straße mit den Füßen stampfte, um bei den drei Grad Kälte ihre volle Blase unter Kontrolle zu halten.
Verzweifelt sah sie sich um. Dann sah sie den Müllcontainer. Sie warf den Diplomatenkoffer hinein und lief schnell weg. Der Koffer sprang auf, als er mit einem lauten Poltern im Innern des leeren Stahlbehälters landete.
Sie hastete aus der Gasse. Wandte sich nach links und lief auf der 46. Straße nach Osten.
Beulen-Mary beschleunigte ihre Schritte, während sich die ansteckende Kombination von Toxinen rasch in ihrem Blutkreislauf verteilte.
VA Medical
Center
East Side, Manhattan, New
York
9:03 Uhr
Leigh Nelson saß hinter ihrem Schreibtisch und nippte an der in der Mikrowelle heiß gemachten Tasse Kaffee. Donnerstagmorgen, keine Rügen. Sie hatte ihren Mantel anbehalten, die Kälte saß ihr noch in den Knochen von ihrem vier Blocks langen Fußmarsch. Draußen sind ein Grad minus, bei dem Wind gefühlte minus zwölf, und die müssen ausgerechnet heute mit den Bauarbeiten auf dem Mitarbeiterparkplatz anfangen.
Sie öffnete ihren Laptop, loggte sich ins Internet ein und überprüfte ihren Posteingang, wobei sie die offensichtlichen Spam-Mails fortlaufend löschte. Bei der Betreffzeile VERMISSTENANFRAGE stoppte sie und klickte auf die E-Mail.
Dr. Nelson,
vielen Dank für Ihre Anfrage bezüglich des Aufenthaltsortes von BEATRICE SHEPHERD, Alter 30 – 38, EIN KIND (weiblich), Alter 14 – 16. Die TOP 5 der Bundesstaaten, für die eine Suche erbeten wurde: NY. NJ. CT. MA. PA. Die folgenden Personen, auf welche die Beschreibung passt, wurden gefunden:
Manhattan, New York: Ms. Beatrice
Shepherd
Vineland, New Jersey: Mrs. Beatrice
Shepherd
Siehe auch: Mrs. B. Shepherd (NY –
4)
Mrs. B. Shepherd (NJ – 1)
Mrs. B. Shepherd (MA – 6)
Mrs. B. Shepherd (PA – 14)
Um Ihnen die qualitativ besten Ergebnisse zu bieten, schlagen wir unseren Detektiv-Service STUFE 2 vor. Gebühr: $ 149,95.
Nelsons Blick blieb an dem Treffer in Manhattan haften. Sie klickte auf den Link:
Shepherd, Beatrice – 201 West Thames Street, Battery
Park
City, NY. Tochter: Karen (Alter unbekannt)
Telefon: (212) 798-0847 (neuer Eintrag)
Familienstand: verheiratet (getrennt lebend)
STADTPLAN – hier klicken:
Sie druckte die Information aus. Sah auf die Uhr. Leise fluchend schnappte sie sich ihr Klemmbrett und zog los, zehn Minuten zu spät für ihre Morgenvisite.
Der Lärm von Pfiffen und Schreien war deutlich den Gang hinunter zu hören. Leigh Nelson beschleunigte ihre Schritte, fiel in einen leichten Trab und stürmte durch die Doppeltüren von Station 27.
Die Veteranen skandierten von ihren Betten aus. Die mit Händen hatten Geldscheine in den Fäusten, die ohne waren genauso lebhaft. Den Mittelpunkt des Spektakels bildete Alex Steven Timmer, ein Veteran vom US Marine Corps. Der Beinamputierte balancierte auf seinem rechten Bein und der Prothese, einen Baseballschläger über die rechte Schulter gelegt. Das Frühstückstablett zu seinen Füßen diente als Home Plate, eine an der Badezimmertür lehnende Matratze war der Backstop. Eine Aluminium-Bettpfanne, die sie der Matratze umgebunden hatten, war die Strike Zone, und ein Baseball war bereits in ihre Vertiefung geraten.
Auf der anderen Seite der Station, zwanzig Meter entfernt, stand Patrick Shepherd im Mittelgang. Seltsam stattlich. Einen Baseball locker im Griff seiner rechten Pranke.
»Was zum Teufel ist denn hier los? Das ist eine Krankenstation, nicht das Yankee-Stadion!«
Die Männer verstummten. Shep wandte den Blick ab.
Master Sergeant Rocky Trett sprach die wütende Frau von seinem Bett aus an. »Timmer hat College-Baseball für die Miami Hurricanes gespielt. Behauptet, er hätte bei der College World Series 0,379 erzielt und dass Shep ihn an seinem besten Tag nicht schlagen könnte. Wir dachten natürlich, eine Wette wäre in Ordnung.«
»Na los, Schmollmund, geben Sie uns noch zwei Würfe, damit wir die Wette beenden können!«
»Yeah!« Die Männer fingen wieder an zu johlen.
Alex Timmer nickte der Brünetten zu. »Noch zwei Würfe, Doc. Lassen Sie uns die Sache wie Männer regeln. «
»Noch zwei Würfe! Noch zwei Würfe! Noch zwei Würfe!«
»Schluss jetzt!« Sie blickte in die Runde und wog die Bedürfnisse ihrer Patienten ab gegen die reale Möglichkeit, dass sie ihren Job verlieren könnte. »Noch zwei Würfe. Danach will ich, dass alles wieder normal ist.«
Die Männer jubelten ungestüm, als sie den Mittelgang hinuntermarschierte, um mit Shep zu sprechen. »Können Sie mit einem Arm überhaupt einen Baseball werfen? Werden Sie nicht das Gleichgewicht verlieren?«
»Kein Problem. Hab ’n bisschen trainiert im Keller.«
Sie warf einen Blick über die Schulter auf Timmer. »Er sieht so aus, als ob er gut schlagen könnte. Können Sie ihn out kriegen, ohne irgendwas kaputtzumachen?«
Shep lächelte gequält.
»Würger! Würger! Würger!«
»Zwei Würfe.« Sie ging hinter der Schwesternstation neben Amanda Gregory in Deckung. Die Schwester zuckte die Achseln. »Halb so wild. Wenigstens denken sie nicht über den Krieg nach.«
Alex Timmer zeigte nach Art von Babe Ruth mit seinem Schläger auf Shep. »Versuch’s nur, du Sportskanone. Direkt über die Plate.«
Shep wandte sich ab, änderte seinen Griff um den Ball und benutzte seinen Oberschenkel als Hebel. Weil er bei einem vollen Windup, frontal zur Home Plate stehend, das Gleichgewicht nicht halten konnte, musste er zur imaginären dritten Base gewandt werfen. Er stellte sich auf und richtete dann den Blick, ohne den Schlagmann zu beachten, auf das Ziel. Er warf das linke Bein hoch, bis sein Knie in Brusthöhe war, bevor er einen kräftigen Ausfallschritt nach vorn machte, bei dem er zugleich seinen rechten Arm streckte, eine Schleuder, die einen wirbelnden weißen Schatten durch die Luft pfefferte, den Mittelgang hinunter, vorbei an dem verblüfften Schlagmann, eine volle Sekunde bevor der seinen unbeholfenen, an einen Aufwärtshaken erinnernden Schwung zu Ende brachte, während der Two Seamer die Bettpfanne genau in der Mitte eindellte.
Strike zwei.
Die Männer waren aus dem Häuschen. Geld wechselte den Besitzer, ein paar Gemüter erhitzten sich, darunter das des Schlagmanns. »Noch einen, Shepherd, gib mir noch einen Fastball. Duck dich lieber, der nächste kommt durch die Mitte zurück.«
Shep ließ sich von einem der Veteranen den letzten Ball zurückgeben. Er griff ihn auf den Nähten etwas anders, und seine Miene nahm es mit denen der besten Pokerspieler in Vegas auf.
Nichts änderte sich. Nicht die Wurfgeschwindigkeit, nicht der Winkel seines Arms oder der Abwurf – nur der Griff. Auf seinem Weg zur provisorischen Home Plate und dem wartenden Schlagmann flog der Ball, nur mehr als weißes Zischen durch die Luft sichtbar, an einem Meer stählerner Betten vorbei, bevor er urplötzlich im Sturzflug zu einem aus der geraden Flugbahn ausbrechenden Slider wurde, der gut zwanzig Zentimeter unter Alex Timmers wirbelndes Holz geriet – wobei der ins Leere gehende Schwung den Schlagmann so heftig aus dem Gleichgewicht brachte, dass es den einbeinigen Veteranen spiralförmig einmal um die eigene Achse drehte. Eschenholz traf Beinprothese, und die Vorrichtung zerbarst in Aluminium-und Stahlsplitter, sodass Timmer unsanft auf dem Hintern landete. Er heulte auf, als ein Metallstück seine linke Pobacke durchbohrte.
Schweigen überkam die Meute. Dr. Nelson stand an der Schwesternstation, ihr Gesicht so blass wie ihr Laborkittel.
»Verdammt, Shepherd! Acht Monate hab ich auf dieses Bein gewartet! Acht Monate! Was soll ich jetzt machen?«
Shep zuckte die Achseln. »Lass ihn das nächste Mal abtropfen.«
Die Männer johlten und brüllten vor Lachen.
Der Einbeinige schnappte sich die nächste Gehhilfe, zog sich vom Linoleumboden hoch und humpelte durch den Gang, wild entschlossen, auf den Einarmigen loszugehen. Dr. Nelson blieb erstarrt an ihrem Platz und sah sprachlos zu, während ihre Assistenzärzte sich beeilten einzuschreiten.
Ihr Funkrufempfänger vibrierte in ihrer Tasche. Sie tastete nach dem Gerät. Las die Kurznachricht:
DIE VIPS SIND EINGETROFFEN.
United Nations
Plaza
9:06 Uhr
Ihre Glaubenszuversicht schwand, an ihre Stelle trat ein Gefühl der Angst. Sie verspürte ein Gefühl der Beklemmung in der Brust. Übelkeit stieg in ihrem Magen hoch. Ein dumpfer Schmerz setzte sich in ihren Schläfen fest, und das unablässige Läuten von Glocken verschlimmerte den Kopfschmerz. Der Weihnachtslärm wurde lauter, als sie sich der Kreuzung 46. Straße/First Avenue näherte und die United Nations Plaza in Sicht kam.
Heath Shelby hörte auf, die Glocke zu läuten. Er streifte einen Handschuh ab und kratzte sich das Gesicht unter dem Weihnachtsmannbart. Shelby, ein freiberuflicher Autor, arbeitete auch als Sprecher für Werbespots im Lokalradio. Er war seit zwei Jahren Freiwilliger bei der Heilsarmee – eine der Bedingungen seiner Frau Jennifer, als sie einwilligte, ihre gemeinsame Familie aus der gewohnten Umgebung in Arkansas herauszureißen.
Heath hatte kein Problem mit ehrenamtlicher Arbeit für einen wohltätigen Zweck. Die Heilsarmee stellte Hilfsdienste und warme Mahlzeiten für die weniger vom Glück Begünstigten bereit, samt Geschenken für Kinder an Weihnachten. Was er hasste, war, diesen unbequemen dicken Anzug zu tragen, dazu den kratzigen weißen Bart und die Weihnachtsmannstiefel aus Lederimitat, die wenig bis gar keinen Schutz gegen den vereisten Gehweg boten. Er stand jetzt seit heute Morgen sieben Uhr mit Sammelbüchse und Glocke an der Ecke. Ihm taten die Füße und das Kreuz weh. Schlimmer war, dass er Halsschmerzen bekam. Angesichts von drei neuen Werbespots im Hörfunk, die für nächste Woche vereinbart waren, war eine Erkältung das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte.
Scheiß drauf. Wirf einen Zwanziger in die Dose und mach Feierabend für heute. Besser noch, schnapp dir ein Taxi runter zum Battery Park und arbeite an dem Boot. Noch ein paar Stunden Arbeit, und es müsste seetüchtig sein. Kann’s nicht abwarten, Collins Gesicht zu sehen … Der Junge hat nicht mehr gefischt, seit wir aus Possum Grape weg sind. Hol dir noch eine Kiste Fiberglas-Harz, bevor du rüberfährst, und …
Ohne auf das blinkende DO NOT WALK-Zeichen zu achten, trat die schwangere Rothaarige vom Bordstein und in den Verkehr. Eine Hupe ertönte. Ein Taxi geriet ins Schleudern …
… Heath packte die Frau am Ellenbogen und zog sie aus der Gefahrenzone. »Alles in Ordnung?«
Verblüfft blickte Mary zu dem Weihnachtsmann empor. »Ich darf mich nicht verspäten.«
»Verspätet ist besser als tot. Sie müssen auf die Ampeln achten. Sind Sie sicher, dass Ihnen nichts fehlt? Sie sehen irgendwie blass aus.«
Mary nickte. Heftig hustend durchwühlte sie ihre Manteltasche und warf loses Kleingeld und Flusen in die Dose des Weihnachtsmanns. Die Ampel sprang wieder um auf Grün, und sie folgte der nächsten Welle von Fußgängern über die Kreuzung.
Vor ihr tauchte das neue Konferenzgebäude der Vereinten Nationen auf. Der noch immer teilweise im Bau befindliche Komplex erhob sich dort, wo einst der Nordrasen gewesen war. Rechter Hand lag das Sekretariatsgebäude, dessen glänzende Fassade aus grünem Glas und Marmor achtunddreißig Stockwerke hoch aufragte und dessen untere Etagen es mit dem alten Konferenzgebäude verbanden sowie dem South Annex, der Bibliothek … und ihrem Ziel – dem Gebäude der Generalversammlung.
Mary starrte auf den geschwungenen rechteckigen Bau mit der Kuppel in der Dachmitte. Genau wie in meinen Träumen. Sie folgte dem Gehweg zur Plaza und war entsetzt, als sie die Größe der wartenden Menge sah.
Gut tausend Demonstranten überschwemmten die sieben Hektar große Dag Hammarskjöld Plaza. Mitglieder der Tea-Party-Bewegung. Protestschilder. Gesänge über Megafone. Ermutigt von einem Dutzend Kamerateams, die alles für News at Noon aufzeichneten. Dieses Menschenmeer war so dicht, dass Mary ihre Umgebung kaum einschätzen konnte. Sie ging auf das Gebäude der Generalversammlung und die Absperrung aus Polizisten in Schutzkleidung zu, als weiße Lichtflecke ihr Sehvermögen beeinträchtigten und sich ihr vor Übelkeit der Magen umdrehte.
Ich muss mich jetzt beeilen, bevor die Bazillen in Leber und Milz eindringen.
Sie hielt sich ihren Wollschal vor Mund und Nase und schützte mit ihrem freien Arm ihren vorstehenden Bauch, während sie sich durch die Menge schob. Ellenbogen stießen gegen ihre Schultern und ihren Schädel. Der graue Winterhimmel verschwand hinter einer menschlichen Wand, die sie auf den kalten Asphalt schubste und vollständig verschlang. Auf Händen und Knien kam sie an der Absperrung heraus; ihre Hilfeschreie wurden von dem überwältigenden Lärm der Menge verschluckt. Verzweifelt rappelte sie sich wieder hoch und streckte der Reihe von Helmen und Panzerwesten, welche die Postenkette bildeten, ihren Ausweis entgegen.
Schleim sammelte sich in ihrer Lunge. Ein Hustenanfall schüttelte sie, während in ihrem Rücken die Menge wogte und sie abermals zu Boden ging und dabei unter die hölzerne Absperrung gedrückt wurde.
Ein Polizeibeamter, dessen Messingmarke ihn als BECK auswies, zerrte sie auf die Füße. Er rief ihr etwas zu, zog sie auf seine Seite der Barrikade, und plötzlich konnte sie wieder sehen.
»Los!« Er zeigte auf den Eingang.
Mary winkte ihm zum Dank nach und hetzte zur nächsten Sicherheitsschleuse, während der Krankheitserreger durch ihren Körper raste.
USAMRIID –
Rettungshubschrauber-Einheiten Alpha &
Delta
300 Kilometer südwestlich von
Manhattan, New York
9:07 Uhr
Die zwei Sikorsky UH-60Q-Blackhawk-Helikopter flogen mit einer Geschwindigkeit über Grund von annähernd 150 Knoten über das ländliche Maryland hinweg. Beide Aeromedizinischen Isolations-Teams (AIT) waren mit einem tragbaren Sicherheitslaboratorium für Biogefahren und einem mobilen Patienten-Transportisolator ausgerüstet. Zum Flugpersonal gehörten ein Arzt der Army, eine Krankenschwester und drei Sanitäter. Die anderen Mitglieder dieser schnellen Eingreiftruppen waren Offiziere für Spezialeinsätze, geübt im Umgang mit tödlichen Infektionskrankheiten, biologischen Waffen und der Isolierung von Patienten – Letzteres gab oftmals den Ausschlag dafür, ob eine örtliche Bevölkerung überlebte oder starb.
Das Kommando über die beiden Helikopter-Eingreiftruppen hatten die Captains Jay und Jesse Zwawa; die beiden Männer waren die jüngeren Brüder von Colonel John Zwawa, dem befehlshabenden Offizier des USAMRIID. Jay Zwawa, der Feldkommandeur des Alpha-Teams, war ein Veteran der Army, der drei Jahre im Irak gedient hatte. Jay, der in seiner Kaserne als »Z« oder der »Polnische Hansdampf« bekannt war, maß einen Meter dreiundneunzig und brachte beeindruckende 120 Kilo auf die Waage. Der über und über tätowierte frühere Army-Scharfschütze war geprüfter Gatling-Geschütz-Bediener und Mechaniker für Dieselmotoren und hatte sich einen Ruf als Spaßvogel erworben. Doch wenn man ihn reizte, hatte Z noch jeden Herausforderer mit einem einzigen Schlag auf die Bretter geschickt.
Der jüngere Bruder, Jesse, war kleiner als seine zwei älteren Brüder, galt aber als der klügste der drei Zwawa-Jungen, zumindest in den Augen ihrer Schwester Christine. Die beiden AIT-Kommandeure befanden sich im Frachtraum des Führungshubschraubers und halfen sich gegenseitig in ihre Überdruckanzüge – orangefarbene Polyvinylchlorid-Schutzanzüge, die abgedichtete Kapuzen und eine autonome Sauerstoffversorgung besaßen. Die Zwawa-Brüder kannten ihr Flugziel, waren aber über den Charakter der Mission nicht informiert worden. Was auch immer ihr älterer Bruder John vorhatte – der Colonel ging kein Risiko ein. Die beiden Besatzungen, die nach Manhattan flogen, waren schwer bewaffnet und hatten Befehle, die sie befugten, die hoheitlichen Aufgaben von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten sowie sämtlicher Dienststellen der Stadtverwaltung zu übernehmen.
9:11 Uhr
Die abkommandierten bewaffneten Posten standen in Habachtstellung vor der Tür zum Saal der Generalversammlung, wo der Sicherheitsrat heute tagte, um all jene unterbringen zu können, die bei der Sitzung zugegen sein wollten. Mary wippte auf den Absätzen hin und her und wartete, während ihr gefälschter Ausweis von einem UN-Sicherheitsbeamten unter die Lupe genommen wurde. Sein Kollege durchsuchte ihre Handtasche.
»Danke, Dr. Petrowa. Arme hoch, bitte. Ich muss Sie nach Waffen abtasten.« Er zögerte, ihren geschwollenen Bauch zu berühren.
»Schon in Ordnung, er mag Sie.« Sie nahm die Hand des Polizeibeamten und drückte sie rechtzeitig an ihren Bauch, damit er fühlen konnte, wie das Baby strampelte.
»Toll, das ist … unglaublich.« Er wandte sich zu seinem Partner um. »Sie ist sauber, lass sie durch.« Der Beamte gab ihr die laminierte Karte zurück, ohne auch nur einen Moment ihren aufgesetzten russischen Akzent anzuzweifeln oder sich darüber zu wundern, dass sie blass war und stark schwitzte, wobei ihr Schweiß einen säuerlichen Moschusgeruch verströmte.
Im Auditorium herrschte reges Leben, die Menge wartete, um die Rede von Irans Oberstem Rechtsgelehrten zu hören. Mary schlängelte sich einen der Hauptgänge hinunter. Aus tränenden Augen starrte sie auf die Bühne. Ein Wandgemälde, das einen vom Schlachtfeld aufsteigenden Phönix zeigte, diente als Hintergrund für eine eigens aufgebaute hufeisenförmige Anordnung der Stühle, die alle um einen rechteckigen Tisch standen, der für die fünfzehn Mitglieder des Sicherheitsrats reserviert war.
Ich bin der aufsteigende Phönix …
Der Raum drehte sich. Mary schüttelte den Kopf und bemühte sich krampfhaft, die Kontrolle zu behalten. Du musst die Überträger inseminieren. Sie hustete Schleim in jede Handfläche. Berührte in aller Unschuld einen französischen Delegierten, als sie sich an seinem Tisch vorbeiquetschte. Infizierte mit einem Niesen England und Dänemark. Hustete in die Richtung von Brasilien und Bulgarien. Drängelte sich durch einen anderen Gang zurück und ging auf einen Tisch mit Arabern in dunklen Geschäftsanzügen zu. Ein Schild wies sie als Iraker aus.
Auf der Bühne nahm der iranische Mullah seinen Platz am Rednerpult ein, und seine Worte wurden via Kopfhörer simultan in Dutzende von Sprachen übersetzt. »Exzellenzen, ich komme heute zu Ihnen in der Hoffnung, einen Konflikt abzuwenden, der unweigerlich zu einem weiteren Krieg führen würde. Ich vertrete meine Sache vor der Generalversammlung, weil ich weiß, dass der Sicherheitsrat von den Besatzern Afghanistans und Iraks korrumpiert worden ist …«
Mary tippte einem irakischen Delegierten auf die Schulter, der auf dem Weg zu seinem Platz war. »Bitte? Wo ist die iranische Delegation?«
Der lebende Tote blickte auf ihren geschwollenen Bauch. Deutete auf einen leeren Tisch.
Eine Welle der Panik brachte ihren Puls zum Rasen. Die Sanftmütigen werden das Erdreich besitzen, nicht die Mullahs. Sie hastete aus dem Raum und kehrte zum Security-Schalter zurück. »Bitte, ich komme zu spät zu meinem Treffen mit der iranischen Delegation. Wo kann ich sie finden?«
Die Frau an dem Schalter überflog ihr Klemmbrett. »Raum 415.« Sie zeigte den Flur hinunter. »Nehmen Sie den Fahrstuhl in die vierte Etage.«
»Spasiba!« Mary eilte den Korridor hinunter und hustete einen dicken Klumpen Schleim in ihre Hand ab. Sie überprüfte ihn auf Blut, wischte ihn an ihrer Jacke ab, drückte dann den AUFWÄRTS-Knopf und wartete, während ihre innere Uhr tickte.
VA Medical
Center
East Side, Manhattan, New
York
9:13 Uhr
Leigh Nelson führte ihren VIP, seine beiden Gäste und deren Security-Tross den Gang hinunter zur Station 27 und betete, dass alle Spuren der frühmorgendlichen Baseballwette beseitigt worden waren.
Bertrand DeBorns Besuch im Veteranenkrankenhaus war weit mehr als bloß ein Fototermin. Während Präsident Kogelo später an diesem Vormittag zu den Vereinten Nationen sprechen sollte in der Hoffnung, militante Forderungen nach einer Invasion des Iran zu beschwichtigen, bereitete der neue Verteidigungsminister den Boden für eine privat finanzierte verdeckte Kampagne, die eine neue Generation junger Amerikaner für das Militär rekrutieren sollte.
Zwei langwierige Kriege machten es erforderlich, die Vorstellung der Öffentlichkeit von Krieg und Kampf zu ändern. In Zusammenarbeit mit einer der größten New Yorker Werbeagenturen wollte DeBorn Amerikas verwundete Veteranen als die neue Elite der Nation präsentieren – als die wahren Patrioten, deren finanzielle Bedürfnisse befriedigt würden, deren Gesundheitsversorgung garantiert sei und deren Familien einer strahlenden Zukunft entgegensähen. Wenn man ihm das Sternenbanner verpasste, konnte sogar ein Scheißkerl als liebreizender Bursche verkauft werden – vorausgesetzt, das ausgewählte männliche Aushängeschild entsprach dem Image.
DeBorn holte die Ärztin ein und packte die zierliche Brünette am Ellenbogen, wobei sein Handrücken sich gegen ihre rechte Brust drückte. »Keine Querschnittsgelähmten oder Krebspatienten mehr, Doktor. Der ideale Kandidat muss gut aussehen und aus der Mittelschicht kommen, möglichst weiß, gottesfürchtig und christlich sein. Was die Verletzungen betrifft, so dürfen sie sichtbar sein, aber ohne Ekel-Faktor. Keine Kopfverletzungen oder fehlende Augen.«
Leigh knirschte mit den Zähnen und schob die aufdringliche Hand weg. »Mir wurde gesagt, ich soll Ihnen unsere verwundeten Veteranen zeigen. Wen Sie für Ihre Rekrutierungskampagne aussuchen, bleibt Ihnen überlassen. «
Sheridan Ernstmeyer schaltete sich in das Gespräch ein. »Was ist mit geistiger Klarheit?«
DeBorn dachte über die Frage nach. »Ich weiß nicht. Colonel, Sie sind der Experte. Was meinen Sie?«
Lieutenant Colonel Philip Argenti, ein ordinierter Geistlicher, war der ranghöchste Vertreter der Geistlichkeit in den Streitkräften und von DeBorn persönlich dazu bestimmt worden, die neue Rekrutierungskampagne des Militärs zu leiten. Mit einer Bibel in der einen Hand und einem Gewehr in der anderen, wollte Argenti Familien, die noch unter der Rezession litten, ebenso ansprechen wie treue Anhänger des Militärs – Apfelkuchen essende, Flagge tragende Landeier aus dem Süden, für die der Militärdienst noch immer die ultimative Definition von Patriotismus war. »Geistige Klarheit ist sicherlich erwünscht, aber nicht absolut erforderlich, Herr Minister. Wir werden alles auf kurze prägnante Zitate und Beiträge auf Twitter beschränken.«
Beifall und schrille Pfiffe empfingen Leigh Nelson, als sie DeBorns Gruppe auf Station 27 führte. Verlegen trat sie die verbeulte Bettpfanne von vorhin lässig beiseite und hoffte, dass die Männer sich seit ihrem letzten Besuch beruhigt hatten. »Danke, Freunde, ihr erfüllt ein Mädchen aus West Virginia mit Stolz. Vergesst nur nicht, dass mein Opa mir als kleinem Mädchen beigebracht hat, wie man Schweine kastriert, also treibt’s nicht zu bunt. Ich habe einen ganz besonderen Besucher mitgebracht. Wie wär’s mit einer herzlichen Begrüßung für unseren neuen Verteidigungsminister, Bertrand DeBorn. «
Die ausbleibende Reaktion ignorierend, schritt der rüstige weißhaarige Mann schnell den Mittelgang hinunter, nickte höflich und lief weiter, während er im Geiste jeden verwundeten Kriegsveteranen inventarisierte. Hispanisch … hispanisch … schwarz … Der ist weiß, hat aber das falsche Aussehen. An allen Gliedmaßen gelähmt, nicht gut. Der hier sieht weiß aus, ist aber viel zu mager, wahrscheinlich auf Drogen … DeBorn hielt seine Begleitung auf Trab, derweil seine Enttäuschung wuchs, als wäre er ein besessener Hundezüchter, der in einem Zwinger voller Pudel und Dackel einen Jagdhund sucht, bis Sheridan Ernstmeyer ihn am Arm packte. Die frühere CIA-Attentäterin winkte ihn zu dem letzten Bett auf der linken Seite. Der Vorhang um das Bett war teilweise zugezogen, aber nicht weit genug, um den invaliden Soldaten zu verhüllen – ein Afroamerikaner Ende dreißig, wahrscheinlich Offizier, von der Hüfte abwärts gelähmt.
»Falsches … Aussehen, Sherry.«
»Nicht er, Bert. Der Krankenpfleger.«
Der Mann, er trug ein weißes T-Shirt und einen OP-Kittel, war weiß und Anfang dreißig, seine langen, dunklen Haare hatte er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er hatte eingefallene Wangen, war einen Meter dreiundneunzig groß, wog etwa neunzig Kilo und hatte den Körperbau eines Sportlers … Der Pfleger wechselte gerade die Bettwäsche seines Patienten, wobei er ihn mit der rechten Hand auf die Seite rollte, seine andere Schulter als Hebel benutzte und ihn mühelos bewegte – trotz des Umstands, dass er keinen linken Arm hatte.
»Dr. Nelson, dieser Pfleger da – ist das ein Veteran?«
»Sie meinen Shep?«
»Shep?«
»Patrick Shepherd. Ja, Sir, er hatte vier turnusmäßige Dienstzeiten im Irak. Aber ich glaube nicht …«
»Er ist perfekt. Genau das, was wir suchen. Colonel Argenti?«
»Strammer junger Mann, offensichtlich Sportler. Und arbeitet so fleißig, um seinen Kameraden zu helfen. Er ist bemerkenswert, Herr Minister. Toll.«
Sheridan warf dem Geistlichen einen kurzen Blick zu.
Leigh versuchte DeBorn beiseitezuziehen. »Sir, es gibt ein paar Dinge, die Sie über diesen Sergeant wissen müssen …«
»Auftrag ausgeführt, Doktor. Sagen Sie dem Sergeant, er soll sich in zehn Minuten in Ihrem Büro einfinden. Miss Ernstmeyer, sorgen Sie dafür, dass Dr. Nelson uns seine Personalakte mailt.« Er sah auf die Uhr. Noch ein paar Stunden bis zu der Besprechung. »Colonel, kommen Sie mit nach draußen. Ich brauche eine Zigarette.«
9:26 Uhr
»… doch es ist weder eine iranische Kriegsflotte, die im Persischen Golf stationiert ist, noch ist es die Hisbollah, die Militärbasen im Irak und in Afghanistan errichtet hat. Es ist der Große Satan, der für diesen Konflikt verantwortlich ist – ich kann seine schwefelige Gegenwart sogar jetzt in diesem Gebäude spüren. An ihn richte ich die folgende Warnung: Die muslimische Welt wird Ihnen nicht erlauben, die Islamische Republik Iran zu überfallen und unser Öl zu stehlen, so wie Sie es mit unseren Brüdern im Irak gemacht haben. Wir werden kämpfen …«
Der Sicherheitsbeamte regelte die Lautstärke der Rede des iranischen Führers auf seinem Bildschirm herunter, während er Mary Klipots Ausweis kontrollierte. Zufrieden drückte er einen Knopf unter seinem Schreibtisch und rief in Konferenzraum 415 an. »Sie haben eine Besucherin. Russische Botschaft.«
Mary biss die Zähne zusammen und bemühte sich, die Lungenkrämpfe zu beherrschen, die einen Hustenreiz verursachten.
Ein metallisches Klicken, als die Tür zu Raum 415 aufgeschlossen und geöffnet wurde, woraufhin ein iranischer Wachmann zum Vorschein kam. »Was wollen Sie?«
»Ich soll eine Nachricht von Ministerpräsident Putins Büro für den Attaché des Höchsten Führers überbringen. «
»Ihr Ausweis.«
Sie hielt ihn hoch, damit er ihn lesen konnte. Der Iraner schloss die Tür wieder.
Mary Klipots Haut war heiß und klamm, ihr Fieber stieg auf über 38,5 Grad. Sie hustete Galle in ihren Schal. Während sie das Blut schmeckte, wischte sie ihn mit der rechten Handfläche ab, sodass der Schleim auf ihrer Haut blieb.
Der Sicherheitsbeamte, der draußen vor der Tür saß, duckte sich. »Das ist ein grässlicher Husten. Bleiben Sie mir vom Leib damit.«
Die Tür ging wieder auf. »Sie haben zwei Minuten.«
Mary betrat den Konferenzraum, und der Wachmann bedeutete ihr, in der Nähe der Tür zu bleiben. Zwei Dutzend Männer, einige in Anzügen, andere in traditionellen persischen Gewändern, verfolgten die Rede des Höchsten Führers auf den überall in der Suite angebrachten Flachbildschirmen der hausinternen Übertragungsanlage.
Sie bekam Herzrasen, als sie den iranischen Präsidenten entdeckte, der auf der anderen Seite des Raums mit einem Mullah sprach.
Ein Mann in einem Geschäftsanzug kam auf sie zu, begleitet von zwei großen Männern, die Ohrhörer trugen. »Ich bin der Attaché des Höchsten Führers. Überbringen Sie Ihre Nachricht.«
Marys Augen tränten vor Fieber. Ihre Glieder zitterten. Ihr Kleid und ihre Strumpfhose waren schweißnass. Ihre Brust zog sich zusammen, und sie krümmte sich in einem Hustenanfall. »Ministerpräsident Putin möchte … (Husten) dass der Höchste Führer sich mit ihm … (Husten) eine Stunde nach der Rede von Präsident Kogelo in Verbindung setzt.«
Die Augen des Mannes verengten sich. Er griff nach Marys Ausweis, um sich das Foto genauer anzusehen …
… und Mary nahm seine Hand zwischen ihre feuchten Handflächen. »С Рoждеством…и c Новьɪм Гoдoм!«
Der Mann befreite seine Hand. Er rasselte etwas auf Persisch herunter, woraufhin die beiden Wachmänner sie unsanft zur Tür geleiteten.
Mary trat auf den Gang hinaus und beeilte sich, einen Fahrstuhl zu erwischen. Es gelang ihr, zwischen den sich schließenden Türen, die ihr von einem mexikanischen Delegierten Ende vierzig aufgehalten wurden, hineinzuschlüpfen. Der Mann wich instinktiv zur Rückwand der Kabine zurück, als er einen Hauch von Marys strenger werdendem Körpergeruch einatmete.
Ein boshaftes Lächeln zuckte über das Gesicht der schwangeren Frau, als ihr fiebriger Verstand die russische Redewendung, die sie gegenüber dem Iraner geäußert hatte, übersetzte: Frohe Weihnachten – und ein gutes neues Jahr!
Die Migräne setzte in dem Moment ein, als sie aus dem Fahrstuhl trat. Schnörkelige violette Linien beeinträchtigten ihr Sehvermögen. Ein plötzlicher Anfall von Übelkeit ließ sie in die Damentoilette rennen. Kaum hatte sie es in eine leere Kabine geschafft, brach der blutige Auswurf aus ihren Eingeweiden hervor und versengte ihr den Rachen. Mehrere Augenblicke lang würgte sie den restlichen Inhalt ihres Magens in die Toilette, während sie am ganzen Körper zitterte, als sie das kalte Porzellan gegen ihren sich verkrampfenden Unterleib presste.
Als die Übelkeit abgeklungen war, fühlte sie sich schwach und zittrig. Sie zog sich auf die Füße hoch und wankte aus dem Verschlag zu einer Reihe von Waschbecken. Sie erschrak vor ihrem eigenen Spiegelbild.
Sie war leichenblass, fast grau. Ihre Augen waren eingefallen und rot. Ihre Adern zeichneten ein schwaches blaues Gitterwerk quer über ihre Stirn. Ein roter Fleck von der Größe einer Walnuss war oberhalb des Lymphknotens an ihrem Hals zu sehen. Scythe ist in Phase 2 eingetreten. Sieh zu, dass du zum Auto zurückkommst. Benutze den Impfstoff …
»Miss? Geht es Ihnen gut?«
Die kleine, etwas stämmige weiße Frau, die das Abzeichen einer Catering-Firma trug, starrte sie entgeistert an.
»Schwangerschaftsübelkeit.« Mary spülte ihren Mund aus und strich sich die feuchten Haarsträhnen aus der Stirn. Sie verließ die Toilette. Trat aus dem Gebäude.
Die kühle Luft bewahrte sie davor, ohnmächtig zu werden. Sie inhalierte die Dezemberkälte in ihre verunreinigte Lunge. Fand einen Weg an der Polizeiabsperrung vorbei und schob sich durch das Gewühl der Demonstranten; jedes Mal, wenn sie hustete, bekam die gesichtslose Menge Spritzer verpesteten Blutes ab.
Nachdem sie sich aus der Horde befreit hatte, wartete sie an der First Avenue, bis das DO NOT WALK-Zeichen umsprang. Ihre Gedanken jagten hin und her, während sie sich Halt suchend an den Ampelmast klammerte. Im Fieberwahn, aber siegreich, eine wahre Kriegerin Christi. Ihre fiebrigen Augen starrten auf den schwarzen Abschleppwagen, der nach Norden auf die First Avenue abbog …
… und ihren weißen Honda Civic am Haken hatte!
»Nein … nein!« Blutiger Auswurf gluckste in ihrem Rachen. Halb torkelte, halb rannte sie quer über die vierspurige Kreuzung.
Hupen ertönte, Bremsen quietschten, Fußgänger schrien.
Eine Menschenmenge sammelte sich um den Körper von Mary Klipot, der ausgestreckt auf der First Avenue lag.