Blick über die Grenzen des Denkens

Nikolaus von Kues: Die belehrte Unwissenheit (1440)

Menschen, die an eine Erfahrungsgrenze geführt werden, tun sich oft schwer, mit den uns verständlichen Ausdrucksmitteln das zu beschreiben, was sich hinter dieser Grenze auftut. Das, was sie uns zu sagen haben, nimmt häufig eine paradoxe oder geradezu negative Form an. Der russische Maler Kasimir Malewitsch stieß auf der Suche nach der vollendeten Form auf die »Monochromie«, auf die Ausschaltung jeglicher Farbenvielfalt, und schuf ein »weißes Quadrat auf weißem Feld«. Ebenso bewegt sich die Musik des estischen Komponisten Arvo Pärt von allem Hörbaren weg auf die Stille zu. In den östlichen Weisheitslehren von Laotse bis Buddha gilt das »Leere« oder das »Nichts« als höchste Form der Erkenntnis. Doch es handelt sich hier keineswegs um den Versuch, unsere Erkenntnis- und Wahrnehmungsmöglichkeiten zu verengen. Im Gegenteil: Mit der Blickrichtung auf das Gestaltlose, die Leere oder das Nichts eröffnen sich für unsere Erkenntnis oft völlig neue, unentdeckte Räume.

Auch in der Philosophie, die lange beansprucht hat, die höchste Form des Wissens zu repräsentieren, finden wir immer wieder Denker, die mit der provokanten These auftreten, dass das eigentliche Wissen im Bewusstsein des Nichtwissens besteht. Der bekannteste davon war Sokrates, einer der großen Gestalten der klassischen griechischen Philosophie, der mit dem Satz berühmt wurde: »Ich weiß, dass ich nichts weiß.« – »Und kaum das!«, fügte im 20. Jahrhundert der Philosoph und Sokrates-Verehrer Karl Popper hinzu.

Es blieb aber dem deutschen Kardinal Nikolaus von Kues vorbehalten, mit einem Werk über das Nichtwissen in der Philosophiegeschichte Furore zu machen. Wie in der Tradition der mittelalterlichen Philosophie üblich, stellte er das Thema »Gott« und dessen Verhältnis zur Welt und zum Menschen in den Mittelpunkt des Buches. Doch bereits im Titel seines Hauptwerks, De docta ignorantia, zu Deutsch: Die belehrte Unwissenheit, deutet Nikolaus Cusanus, wie er in der latinisierten Form auch heißt, die scheinbar paradoxe Antwort an, die er auf die Frage nach einer möglichen Erkenntnis Gottes gibt.

Für ihn steht Gott immer jenseits des Baus, den die menschliche Vernunft errichten kann. Das Wissen von Gott ist in Wahrheit ein Wissen des Nichtwissens: »Es wird einer umso gelehrter sein«, so Nikolaus im ersten Kapitel seines Buches, »je mehr er um sein Nichtwissen weiß.« Das »belehrte Nichtwissen« rückt die Erkenntnis Gottes in unerreichbare Ferne, doch der Blick hinter die Grenzen des Denkens erweitert gleichzeitig den Horizont unseres Blickes auf die Welt. Anders als für die Philosophen der mittelalterlichen Scholastik ist die Welt für Nikolaus kein überschaubarer Kosmos mehr. Als ein Abbild Gottes ist sie selbst unbegrenzt und bietet dem menschlichen Erkenntnisstreben unendlichen Raum. Damit stellt das »belehrte Nichtwissen« die Beziehung zwischen Gott, Welt und Mensch auf eine völlig neue Grundlage.

Eine neue Weltsicht brach sich im europäischen 15. Jahrhundert überall Bahn. Renaissance und Humanismus hatten in Italien, dem damals fortgeschrittensten europäischen Land, schon einhundert Jahre zuvor Fuß gefasst. Die Hinwendung zur Welt der Erfahrung und das Studium antiker Quellen sollten das Wissen neu fundieren. Nördlich der Alpen allerdings begann diese große kulturelle Veränderung erst sehr langsam zu greifen. Aber nicht nur deswegen musste Nikolaus einen langen Weg zurücklegen. Von der Herkunft ein deutscher Provinzler, von Stand ein Bürgerlicher, war es für ihn keineswegs selbstverständlich, an den großen Bildungs- und Reformbewegungen seiner Zeit teilzunehmen.

Dass er studieren konnte, verdankte er seinem Vater Johann Kryffts, der es in dem kleinen Dorf Kues, zwischen Trier und Koblenz an der Mittelmosel gelegen, als Kaufmann zu erheblichem Wohlstand gebracht hatte. »Kryffts« bedeutet »Krebs«, und den Krebs sollte auch der später berühmte Sohn im Wappen führen. Johann Kryffts besaß ein eigenes Schiff, mit dem er seine Waren auf den damals bedeutendsten Verkehrswegen, den Flüssen, bis nach Holland oder den Rhein hinauf bis nach Basel transportieren konnte. Sein Vermögen erlaubte es ihm, seinen im Jahr 1401 geborenen Sohn Niklas mit fünfzehn Jahren an die junge Heidelberger Universität zu schicken.

In Heidelberg wurde noch ganz im Geist der Scholastik unterrichtet und die christliche Lehre auf der Grundlage der Philosophie des Aristoteles interpretiert. Gott war die erste Ursache allen Geschehens und gleichzeitig der höchste und letzte Zweck, auf den die Ordnung der Welt ausgerichtet war. Er stand an der Spitze einer Hierarchie, in der alle Dinge, sei es in der Natur oder in der Gesellschaft, einen vorgegebenen Platz hatten. In dieser nach dem Bild des Feudalismus ausgerichteten Weltordnung war Gott für die Welt das, was der herrschende Fürst für das Gemeinwesen war. Da Gott als reiner Geist und die Welt als begrenzter Kosmos gedacht wurden, genoss derjenige, der auf dem Weg der empirischen Forschung die Weltkenntnis erweitern wollte, nur geringes Ansehen. Wer etwas über die Welt wissen wollte, sollte nicht beobachten, sondern die heiligen Schriften lesen.

Als Nikolaus nach einem Jahr an die Universität Padua wechselte, fand er dort ein völlig anderes geistiges Klima vor. Er befand sich nun in einem der intellektuellen Zentren des neuen Zeitalters. Hier wandte man sich auf allen Gebieten des Wissens neuen Entdeckungen zu. Ging es um Texte, so erforschte man die Quellen. Ging es um die Natur, so machte man Experimente. Astronomen beobachteten neue Himmelskörper, Mediziner erforschten die menschliche Anatomie, Architekten die Statik antiker Bauwerke und Ökonomen die Entwicklung der Geldwirtschaft. Vor allem die Mathematik avancierte zu einer Schlüsselwissenschaft in einem Zeitalter, in dem sich die Überzeugung durchzusetzen begann, dass alle Welterkenntnis auf der Grundlage des Messens und Berechnens beruht. Die modernen empirischen Naturwissenschaften auf der Basis der Mathematik waren hier schon geboren.

Auch in der Haltung gegenüber den Hierarchien in Kirche und Staat herrschte hier ein offener Geist. Hundert Jahre vor der Reformation wurde bereits die Rechtfertigung päpstlicher und weltlicher Autorität heiß diskutiert. Ein Sohn der Stadt, Marsilius von Padua, hatte schon im 14. Jahrhundert die revolutionäre These vertreten, dass alle Bürger vor dem Gesetz gleich sind und dass politische Herrschaft sich auf die Zustimmung der Bürger stützen müsse. Marsilius war für seine Thesen mit dem Kirchenbann bestraft worden, doch seine Philosophie wirkte fort in einer Zeit, in der heftig um eine Reform der Kirche und die Beziehungen zwischen geistlicher und weltlicher Herrschaft gestritten wurde.

Nikolaus erwarb in Padua eine umfassende Bildung und empfing hier Anregungen, die sein gesamtes künftiges Denken prägen sollten. Insbesondere seine mathematischen Kenntnisse lieferten ihm eine rationale und zugleich symbolisch verwendbare Sprache, mit deren Hilfe er seine philosophischen Anliegen ausdrücken konnte. Zwar stand für ihn nach wie vor außer Frage, dass wahre Philosophie im Dienst der Theologie steht und den christlichen Glauben mit rationalen Argumenten untermauern muss. Doch seine Hinwendung zu antiken Quellen und seine Offenheit gegenüber den neuen wissenschaftlichen Entwicklungen ließen ihn zu einem Denker der Renaissance werden.

In Padua baute Nikolaus ein Netzwerk sozialer Beziehungen auf, das seiner späteren Karriere höchst förderlich war. Von besonderer Bedeutung war die Freundschaft mit Guiliano Cesarini, der aus einem alten römischen Adelsgeschlecht stammte und bereits als Dozent in Padua lehrte, als Nikolaus dort sein Studium aufnahm. Bereits mit 28 Jahren Kardinal, wurde der nur wenige Jahre ältere Cesarini zu einem der wichtigsten Diplomaten der Kurie und gleichzeitig zu einem Mentor des jungen Deutschen. Der Kardinalsrang, den auch Nikolaus in seinem späteren Leben erlangen sollte, war dem eines Fürsten gleich und mit zahlreichen politischen und administrativen Aufgaben, aber auch mit entsprechendem Einfluss verbunden. Cesarini wurde für Nikolaus beides: philosophischer Anreger und Karriereförderer.

Diese Karriere fand innerhalb der Kirche statt, denn einem Bürgerlichen war das Fortkommen in einer vom Feudalismus geprägten Welt enge Grenzen gesetzt. Nikolaus ließ sich zum Priester weihen und promovierte im Alter von 22 Jahren im Fach Kirchenrecht, eine in der damaligen Zeit ideale Vorbereitung für einen Aufstieg innerhalb der kirchlichen Hierarchie. Rechtsstreitigkeiten zwischen weltlichen und geistlichen Herrschern sowie der Streit um die innere Organisation der Kirche waren an der Tagesordnung.

Nach dem Studium begann das rastlose, physisch aufreibende und mit ständigen Ortswechseln verbundene Leben des Nikolaus von Kues im Dienste geistlicher Herrschaft. Seine philosophischen Schriften entstanden in den wenigen Ruhepausen. Er kehrte zunächst nach Deutschland zurück und trat eine Stelle bei seinem heimischen Landesherrn, dem Bischof von Trier, an.

In dessen Auftrag nahm er auch an einem der bedeutendsten kirchenpolitischen Ereignisse des frühen 15. Jahrhunderts teil, dem Baseler Konzil, das 1431 begann und erst 1449 seinen Abschluss fand. Dort ging es auch um die Auseinandersetzung zwischen konservativen Vertretern, die die Macht des Papstes stärken wollten, und Vertretern des reformatorischen Flügels, den sogenannten »Konziliaristen«, die für eine Demokratisierung der Kirche eintraten. Hier gelang dem jungen deutschen Priester der Durchbruch als Intellektueller. Im Dienste der Konziliaristen schrieb er 1433 seine erste größere Schrift über die Einheit innerhalb der katholischen Kirche, De concordantia catholica.

Das Problem der »Einheit« rückte für Nikolaus zunehmend ins Zentrum seines Denkens. Es war ein kirchenpolitisches Problem, das aber in einem philosophischen Problem wurzelte: Gab es eine Wahrheit, in der die Widersprüche, in die sich die Aussagen über Gott und die Welt immer wieder verstrickten, aufgelöst werden konnten?

Während er in der Verfolgung dieser Frage sein Leben lang konsequent blieb, wechselte er schon 1437 kirchenpolitisch die Fronten. Zusammen mit seinem Freund Guiliano Cesarini ging er auf die Seite des Papstes über, ein Wechsel, der seiner Karriere nützte, seiner Glaubwürdigkeit unter den Konzilsteilnehmern aber erheblich schadete. Bis heute wird darüber spekuliert, ob päpstliches Geld dabei eine Rolle gespielt hat. Ein Ergebnis dieses Frontenwechsels war jedenfalls, dass der Papst ihn zum Mitglied einer Delegation machte, die im Juli 1437 mit dem Schiff nach Konstantinopel reiste, um den byzantinischen Kaiser samt Gefolge nach Italien zu bringen, mit dem Ziel, Ost- und Westkirche wieder miteinander zu vereinigen.

Die Reise nach Konstantinopel ermöglichte Nikolaus eine mehrmonatige kreative Pause, in der – inspiriert von Gesprächen und Diskussionen – die Grundidee für sein Hauptwerk Die belehrte Unwissenheit entstand. Im Zentrum stand wiederum das Thema der »Einheit«. Einheit als Überwindung der Vielheit war ein altes philosophisches Thema, insbesondere in der Tradition der platonischen Philosophie, die im Neuplatonismus der Spätantike zu einer Form der philosophischen Mystik weiterentwickelt wurde. Platons Welt der »Ideen« war eine Welt der unveränderlichen idealen Formen, die als eine wahre Wirklichkeit der immer wechselnden, veränderlichen Welt der sinnlichen Wahrnehmung entgegenstand. Sie gipfelte in der »Idee des Guten« als dem Inbegriff des Wahren, Guten und Schönen.

Der Begründer des Neuplatonismus, Plotin, entwickelte daraus sein oberstes Wirklichkeitsprinzip »des Einen« als unveränderlichen, geistigen Ursprung und Ziel alles Wirklichen. Für Plotin war das Eine nicht mehr durch Sprache und Vernunft, sondern nur durch eine mystische Vision erfassbar. Spätantike und frühmittelalterliche Anhänger des Neuplatonismus wie Boethius oder der bis heute nicht identifizierte Mystiker, der sich Dionysios Areopagita nannte, identifizierten dieses Eine mit dem christlichen Gott. Im Hochmittelalter dominierten zwar die Bemühungen, Glauben und Vernunft miteinander zu versöhnen, doch auch der mystische Gott als Einheitsprinzip jenseits aller rationalen Erkenntnis lebte fort. Einflussreich für Nikolaus wurde vor allem der jüdische Philosoph Moses Maimonides, der als »Rabbi Salomon« in seinen Schriften zitiert wird, und der von der Kirche verurteilte Dominikanermönch Meister Eckart.

Diese Einflüsse eines mystischen Neuplatonismus wurden durch die Begegnung mit dem oströmischen Philosophen Plethon noch verstärkt. Plethon befand sich im Gefolge des byzantinischen Kaisers, der sich, von der päpstlichen Delegation abgeholt, zwischen November 1437 und Februar 1438 auf die Reise von Konstantinopel nach Italien gemacht hatte. Plethon betrachtete die verschiedenen christlichen Konfessionen als volkstümliche Varianten der einen, unteilbaren Wahrheit, die Platon mit seiner höchsten Idee des Guten und Plotin mit seinem Begriff des Einen formuliert hatte.

Konnte man diese Einheit für den menschlichen Geist fassbar machen, auch wenn Vernunft und Sprache hier an eine Grenze stießen? In einem späteren Brief an Giuliano Cesarini berichtet Nikolaus, dass ihm die Idee der »belehrten Unwissenheit« auf der »Rückkehr aus Griechenland auf dem Meerwege« gekommen sei, auf jener Reise, bei der er mit Plethon zusammentraf. Hier formierten sich seine Grundgedanken, nämlich dass unsere rationale Erkenntnis sich in einem Netz sich ausschließender Gegensätze und logischer Widersprüche bewegt: Wenn etwas existiert, so kann es nicht sein, dass es gleichzeitig nicht existiert, und wenn etwas eckig ist, kann es nicht gleichzeitig rund sein. Wenn wir uns Gott nähern wollen, müssen wir diese Gegensätze allerdings überschreiten. Gott ist die Einheit im Sinne einer »Koinzidenz«, einer Vereinigung oder eines Zusammenfalls von Gegensätzen auf einer höheren Ebene. Das Wissen um diese Einheit ist aber verbunden mit dem Verzicht auf »Wissen« im üblichen Sinn: Es ist ein Wissen des Nichtwissens.

Genau um dieses Verhältnis von Wissen und Nichtwissen und um die Möglichkeit der rationalen Erkenntnis, sich dem Einheitsgedanken anzunähern, ging es in der Schrift, die nun Gestalt annahm. Man kann vermuten, dass Nikolaus sich bereits auf dem Schiff erste Notizen gemacht hat. Doch es dauerte noch knapp zwei Jahre, bis, wie er später in seinem Buch schrieb, die »großartige Lehre des Nichtwissens« ausformuliert war.

Das Tagesgeschäft im Dienst der Kurie nahm den größten Teil seiner Zeit in Anspruch. Nachdem Ost- und Westkirche auf dem Unionskonzil in Florenz 1439 ein Einigungsdokument unterzeichnet hatten, wurde Nikolaus von der Kurie wieder nach Deutschland geschickt, um die Landesfürsten auf die päpstliche Seite zu ziehen. Bezeugt sind u. a. Aufenthalte in Mainz, Frankfurt, Lahnstein und Koblenz. Erst zu Beginn des neuen Jahres 1440 kam er dazu, sich für einige Wochen in seinen Heimatort Kues zurückzuziehen, wo er in einer konzentrierten Anstrengung das Manuskript seines Buches am 12. Februar vollendete. Gewidmet ist es seinem wichtigsten Freund, Mentor und Dialogpartner Guiliano Cesarini, »dem gottgeliebten hochwürdigsten Vater und Herrn Julian, dem erlauchten Kardinal des Heiligen Apostolischen Stuhles, seinem verehrten Lehrer«.

Der Titel De docta ignorantia signalisiert: Es geht in dem Buch um eine besondere Art der »ignorantia«, der Unwissenheit. Es ist die Unwissenheit über Gott als der Einheit aller Gegensätze in der Welt. Indem wir aber den Grund dieser Unwissenheit kennen lernen und uns über die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit klar geworden sind, wird sie zu einer bewussten und »belehrten« Unwissenheit, einer Unwissenheit, die mit einem neuen Wissen verbunden ist.

Die belehrte Unwissenheit besteht aus drei Bänden: Der erste und meistgelesene behandelt Gott als die Einheit, »in der die Gegensätze zusammenfallen«. Der zweite Band widmet sich dem Universum und der dritte der Rolle Jesus Christus als dem Bindeglied zwischen Gott, Welt und Mensch. Grob gesagt: Der erste Band hat einen metaphysischen, der zweite einen kosmologischen und der dritte einen theologischen Schwerpunkt.

Wenn das Reden und rationale Argumentieren über die höchste Einheit an Grenzen stößt, so muss man auf bildliche oder symbolische Ausdrucksweisen zurückgreifen. Nikolaus bedient sich zu diesem Zweck der ihm vertrauten Sprache der Mathematik. Anknüpfend an einen Gedanken, der bis auf die frühgriechische Philosophie der Pythagoreer zurückgeht, nimmt er an, dass zwischen der für uns zugänglichen Welt und der uns verborgenen Welt Gottes eine Verbindung besteht, die sich in Form mathematischer Relationen verdeutlichen lässt. Wie viele seiner Zeitgenossen in der Renaissance ist Nikolaus von den Erkenntnisleistungen der Mathematik fasziniert und deshalb davon überzeugt, dass »wegen ihrer unverrückbaren Sicherheit« mathematische Symbole sich dazu eignen, das Sichtbare mit dem Unsichtbaren und das Diesseitige mit dem Transzendenten zu verknüpfen.

Bereits in der Art, wie Nikolaus sein Thema formuliert, sind die Anleihen bei der Mathematik deutlich. Er bedient sich der Sprache der Quantifizierung, der Sprache der Größen und Messverhältnisse. Sowohl bei Gott als auch bei dem Universum und auch bei Jesus Christus handelt es sich um eine Form des »Maximums«, des jeweils »Größten«. Gott ist ein Maximum gegenüber allem anderen, was existiert; das Universum ist ein Maximum gegenüber allen einzelnen Dingen in der Welt; und auch Jesus Christus ist als Gott und zugleich Mensch eine besondere Art des Maximums. Die Fragen, die zu klären sind, lauten also: Welche besondere Art des Maximums ist Gott, welches Maximum ist die Welt und welches Jesus Christus?

Gott ist, so Nikolaus, das »schlechthin und absolut« Größte, das alle Proportionen übersteigt. Der Versuch, ihn als extreme Größe sowohl am oberen als auch am unteren Ende der Zahlenskala festzumachen, stößt immer an Grenzen. Denn jede sogenannte größte Zahl könnte, sofern sie quantifizierbar ist, immer noch übertroffen werden, indem man eine weitere endliche Zahl, also z. B. eine Eins, hinzufügt. Die gleiche Rechnung kann man anstellen, wenn man das Maximum in der anderen Richtung sucht, also die sogenannte kleinste Zahl. Auch sie kann, sobald sie als Zahl fassbar ist, durch Subtraktion immer noch kleiner gedacht werden.

Symbol für Gott als Maximum ist eine Zahl, die in Wahrheit keine richtige Zahl ist, weil wir mit ihr nicht wie mit einer normalen Zahl rechnen können: das Unendliche. So bleibt das Unendliche immer noch das Unendliche, auch wenn wir eine endliche Zahl addieren. Es gibt kein Unendliches plus eins. Wie das Unendliche eine Größe ist, auf die die Zahlenreihe zuläuft, ohne sie je zu erreichen, ist Gott das Maximum, auf das alles in der Welt zuläuft, ohne ihn zu erfassen. Gott ist das Maß aller Dinge, das selbst nicht gemessen werden kann, da, so Nikolaus, »Maß und Gemessenes trotz aller Angleichung immer verschieden bleiben«. Man kann lediglich symbolisch auf ihn hindeuten.

Geometrische Symbole für Gott sind auch Kugel und Kreis. Der Kreis steht in einem vergleichbaren Verhältnis zu den Vielecken wie Gott zur erfassbaren Welt. Der Kreis ist die nie erreichte Verwirklichung des unendlichen Vielecks, wie viele Ecken wir auch immer anfügen. Ebenso können wir unsere Erkenntnis der Welt unendlich erweitern, ohne je zur Erkenntnis Gottes zu gelangen. Der Mensch bleibt, bildlich gesprochen, im Denken der Vielecke befangen. Er erfasst die Wahrheit immer nur als Annäherungswert. Wir ergreifen Gott, so formuliert es Nikolaus, immer nur »in der Weise des Nichtergreifens«.

Auch wenn wir von Gott als »Einheit« sprechen, müssen wir unser normales Verständnis von »Einheit« vergessen. Kein einziges konkretes Beispiel für Einheit kann das ausdrücken, was Gott wirklich ist. So sieht die menschliche Rationalität in Begriffen wie »Einheit« und »Verschiedenheit« Gegensätze. Doch Gott gehört einem Bereich der Wirklichkeit an, in dem alle Unterschiede und Gegensätze zusammenfallen und keine sprachlich fassbare Bedeutung mehr haben. Er ist immer jenseits dessen, was unser Verstand begreifen kann, er ist eine nicht begreifbare Einheit aus Einheit und Verschiedenheit, aus Sein und Nicht-Sein. »Wenn es auch den Anschein hat«, so Nikolaus, »als ob ›Einheit‹ dem Namen des Größten ziemlich nahe käme, so bleibt er doch vom wahren Namen des Größten, der das Größte selbst ist, unendlich weit entfernt.«

Gott ist »alles, was sein kann«, eine Formulierung, mit der Nikolaus auch immer wieder in die Nähe des Pantheismus gerückt wird, eine philosophische Anschauung, in der Gott und Welt miteinander identifiziert werden. Der cusanische Gott jedoch ist in dem Sinne umfassend, dass er auch das in einer Einheit umschließt, was unserer Rationalität als paradox und unvereinbar erscheint. Alle Prädikate, die wir vergeben können, treffen gleichzeitig auf ihn zu und auch nicht zu. Sprache und Logik laufen leer, wenn sie Gott qualifizieren wollen. Eine Theologie, die dies nicht berücksichtigt und beansprucht, Gott erklären und seine Eigenschaften benennen zu können, lehnt Nikolaus ab. Eine solche »affirmative« Theologie kann lediglich ein vorläufiges Hilfsmittel sein, um zu der wahren, nämlich »negativen« Theologie zu gelangen, die die »heilige Unwissenheit« und die »Unaussprechlichkeit« Gottes lehrt.

Die negative Theologie ist eine Theologie der Verneinungen. Sie stellt alles, was wir über Gott aussagen, in Frage. Wenn wir wirklich etwas von Gott erkennen wollen, müssen wir über den Bereich rationaler Erkenntnis hinausgehen. Eine Möglichkeit sieht Nikolaus in einer intuitiven, mystischen Erkenntnis, welche er mithilfe der Bildlichkeit von Dunkelheit und Licht beschreibt, die in der Geschichte der philosophischen Mystik eine lange Tradition hat und sich bereits bei Platon findet. Es ist eine Erkenntnis, so Nikolaus, »bei der die genaue Wahrheit im Dunkel unserer Unwissenheit in der Weise des Nichterfassens aufleuchtet«. Rationales Nichtwissen wird also in einer nicht-rationalen »Erleuchtung« überwunden.

Nikolaus’ Kosmologie, d. h. seine Theorie des Universums, war für die zeitgenössische Theologie ebenso provozierend wie seine Lehre vom rational unerkennbaren Gott. Die Welt als ein Abbild Gottes verlor ihre Begrenztheit und wurde nun ebenfalls unendlich. In unserem Versuch, die Welt »messbar« zu erfassen, können wir nie an ein Ende gelangen. Es gibt keine »abschließende« Erkenntnis der Welt, sondern immer nur Annäherungen. Allerdings unterscheidet Nikolaus die Unendlichkeit der Welt von der Unendlichkeit Gottes: Es ist eine relative oder eingeschränkte Unendlichkeit. Während Gott jenseits jeder Mess- und Zählbarkeit steht und damit absolut unendlich ist, ist die Welt dadurch eingeschränkt unendlich, dass wir die Menge der Dinge nie überschauen können. Die absolute Unendlichkeit Gottes spiegelt sich in einer sinnbildlichen Form in der relativen Unendlichkeit der Welt.

Auch das Universum ist eine Art Maximum, aber ein Maximum, das durch die Vielheit, die vielen einzelnen Dinge, die die Welt ausmachen, begrenzt ist. Es gibt kein Universum als Einheit unabhängig von den vielen Dingen. Auch die Gattungen und Arten, mit denen wir die Welt der Dinge einteilen, schaffen keine Einheit unter den Dingen. Jedes einzelne Ding ist ein Individuum, jedes Pferd ist anders als jedes andere Pferd. Die im Mittelalter heftig geführte Diskussion, ob das Allgemeine oder das Einzelne Vorrang in unserer Sicht der Wirklichkeit haben soll, wird bei Nikolaus zugunsten des Einzelnen entschieden. Er öffnet damit den Blick für die Vielfalt der Welt und unterstreicht die Bedeutung der Beobachtung und empirischen Forschung. Den Weg dieser Erforschung hat Gott selbst geebnet: »Gott«, so Nikolaus, »hat bei der Erschaffung der Welt sich der Arithmetik, der Geometrie, der Musik und der Astronomie bedient, Künste, die auch wir anwenden, wenn wir nach proportionalen Verhältnissen der Dinge, der Elemente und der Bewegungen forschen.« Mit anderen Worten: Gott hat dem Menschen Mathematik, Musik und Astronomie an die Hand gegeben, damit er den göttlichen Bauplan des Universums nachvollziehen kann.

Allein aus einer philosophischen Argumentation heraus kam Nikolaus zu Schlüssen, die Erkenntnisse der späteren Naturwissenschaften vorwegnehmen: Das Universum hat für ihn keinen geographischen Mittelpunkt mehr. Sein wahrer Mittelpunkt ist der überall präsente Gott. Es gibt auch keine Peripherie der Welt mehr. Die Erde ist ein in Bewegung befindlicher Planet irgendwo im All. Sie verliert dadurch aber nicht ihre göttliche Prägung und ihren Adel, denn »ihre Gestalt ist edel und kugelförmig«, womit sie an die göttliche Vollkommenheit erinnert. Allerdings ist die Erde nicht vollkommen kugelförmig, ebenso wie ihre Bewegung nicht vollkommen kreisförmig ist. Es ist ein Universum, das überall an Gott erinnert und gleichzeitig unbegrenzte Möglichkeiten in sich birgt. So hält Nikolaus auch die Existenz von Bewohnern anderer Planeten und anderer Regionen des Universums für möglich.

Bei allen revolutionären philosophischen Überlegungen, die Nikolaus über Gott und das Universum anstellt, darf man nicht vergessen, dass er ein Theologe war, der fest auf dem Boden der Glaubenslehre der Kirche stand. Wenn er im dritten Band der Belehrten Unwissenheit Überlegungen über die Rolle von Jesus Christus im Verhältnis zwischen Gott und Mensch anstellt, so hat dies vor allem theologische Gründe: Es musste die These untermauert werden, dass Jesus als Gottes Sohn zugleich Gott und Mensch ist.

In der Sprache der Belehrten Unwissenheit hieß das: Jesus Christus musste zugleich ein absolutes Maximum und ein eingeschränktes Maximum sein. Dass dies eine sehr schwierige Denkfigur ist, war Nikolaus wohl bewusst. Wenn wir uns, so seine Argumentation, ein Maximum innerhalb einer bestimmten Gattung, also z. B. der Gattung der Pferde, vorstellen, so müsste dieses Pferd alle Eigenschaften der Gattung in Vollkommenheit besitzen. Es wäre damit weiterhin Teil der Welt, also eine eingeschränkte Größe, hätte aber auch etwas von der absoluten Einheit, die nur in Gott ist. Stellen wir uns nun ein Ding in der Welt vor, das das Maximum aller möglichen Dinge ist, das also alle Eigenschaften aller Dinge in Vollkommenheit umfasst. Dies könnte, so Nikolaus, nur ein Exemplar der vollkommensten Gattung sein, also ein Mensch. Denn der Mensch ist so etwas wie ein Mikrokosmos der Welt, er umfasst sowohl Materie als auch Geist, Sinnlichkeit und Vernunft. Dieser vollkommene Mensch, der das Maß aller Dinge für den Menschen ist, wäre in seiner Absolutheit gleichzeitig Menschensohn und Gottessohn. Auf diese Weise findet die Menschheit in Jesus Christus ihre wahre, in Gott begründete Einheit.

Von hier schlägt Nikolaus am Ende des Buches noch einmal den Bogen zu dem Thema, das ihn als Kirchenpolitiker sein Leben lang beschäftigte: die Einheit der Kirche. Sie findet in jener »Einung der Naturen in Christus« erst ihre Begründung. Nicht ohne Seitenblick auf das Einigungskonzil zwischen Ost- und Westkirche und einhundert Jahre vor einer erneuten Spaltung der Kirche in der Reformation postulierte er: »Einigung der Kirche aber ist die größte kirchliche Einigung.«

 

Wie die modernen Künstler und Denker des Negativen, des Leeren und Gestaltlosen war Nikolaus von Kues im Grunde ein Neuerer und Avantgardist, der seine Zeitgenossen zunächst verstörte. Doch sowohl sein Gottesbegriff als auch seine Weltsicht hinterließen in der Philosophiegeschichte tiefe Spuren. Die These von der Unendlichkeit der Welt und der Undenkbarkeit Gottes fand Eingang in das Werk Giordano Brunos, der dafür auf dem Scheiterhaufen starb. Dass die Widersprüche, in die sich die menschliche Vernunft verwickelt, von ihr selbst nicht gelöst werden können, findet sich in der sogenannten »Antinomienlehre« in Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft wieder. Im Unterschied zu Nikolaus verzichtete Kant aber darauf, hieraus einen Gottesbegriff abzuleiten.

Der cusanische Gott machte auch im Deutschen Idealismus eine bemerkenswerte Karriere. Die »Einheit von Einheit und Verschiedenheit« wurde zur entscheidenden Denkfigur in Hegels Dialektik. Aus dem Gott der cusanischen Theologie machte Hegel das Entwicklungsgesetz, mit der sich die Weltvernunft in der Menschheitsgeschichte durchsetzt.

Fruchtbar wurde aber vor allem das Projekt, die Grenze der menschlichen Erkenntnisfähigkeit in den Mittelpunkt der philosophischen Diskussion zu stellen. Dass die Anerkennung des Nichtwissens, dass also intellektuelle Bescheidenheit dem Menschen die Welt nicht verschließt, sondern ihre produktive Aneignung erst ermöglicht: Dies ist das Erbe der Belehrten Unwissenheit, das bis in die Gegenwart reicht.

 

Ausgabe:

Nicolai de Cusa: De docta ignorantia. Die belehrte Unwissenheit. Lateinisch-Deutsch. 3 Bände. Buch I und II übersetzt und herausgegeben von Paul Wilpert. Buch III übersetzt und herausgegeben von Hans Gerhard Senger. Hamburg: Meiner 1964  1977.