Wo finden wir die erste Philosophie? Bei den Griechen oder, vielleicht noch früher, in den orientalischen Hochkulturen oder in den Weisheitslehren Indiens und Chinas?
Die Antwort, die ein Philosoph geben würde, wäre vermutlich: Die erste Philosophie finden wir überall dort, wo die philosophischen Grundfragen gestellt werden, wo es um jene letzten Wahrheiten geht, auf denen alle anderen Einsichten aufbauen. Diese erste Philosophie hat nichts mit einer zeitlichen Reihenfolge zu tun, sondern mit einem Vorrang in der Sache. Dem griechischen Philosophen Aristoteles verdanken wir das Verständnis von »erster Philosophie«, das unter Fachleuten bis heute geläufig ist.
Aristoteles war derjenige, der zum ersten Mal das Knäuel philosophischer Fragen und Probleme aufgedröselt und in eine Ordnung gebracht hat. Auf ihn geht es zurück, wenn wir heute zwischen Ethik, politischer Philosophie, Logik, Naturphilosophie und anderen philosophischen Disziplinen unterscheiden. Als wichtigste und grundlegendste aller philosophischen Disziplinen sah er jene an, die er »Erste Philosophie« nannte. In ihr geht es um die Grundprinzipien und den Bauplan dessen, was wir »Welt« oder »Wirklichkeit« nennen. Ihre Geburt erlebt diese in den Lehrbüchern häufig großgeschriebene »Erste Philosophie« in jenem ungeheuer einflussreichen Werk des Aristoteles, das den Titel Metaphysik trägt. »Metaphysik« war schließlich auch der Name, unter dem die »Erste Philosophie« zur Königsdisziplin der Philosophie wurde.
Aristoteles nimmt sich den allgemeinsten Begriff der Philosophie, den Begriff des »Seins«, vor und will klären, was wir überhaupt meinen, wenn wir davon sprechen, dass etwas so oder so »ist«. Es gibt nämlich, so Aristoteles, sehr verschiedene Arten zu »sein«, und es kommt darauf an, die wichtigsten und wesentlichen Arten des Seins zu unterscheiden. Dies ermöglicht uns, einen Blick auf die Tiefenstruktur der Wirklichkeit zu werfen. Sie wird, so Aristoteles, von einem obersten Prinzip in Bewegung gehalten, das er »Gott« nennt, eine Wesenheit, die, in seinen eigenen Worten, »Leben und Ewigkeit« zugleich ist und die höchste Form der Wirklichkeit verkörpert. Auf diesen Gott führt alles zu, wenn wir die letzten Gründe des »Seins« erkunden. Die Metaphysik des Aristoteles zeichnet einen Bauplan unserer Wirklichkeit, über den sich viele Jahrhunderte lang Vertreter der westlichen Philosophie gebeugt haben.
Die Rolle des Lehrers und Erziehers hat das Leben des Aristoteles stark geprägt. Er wurde 384 v. Chr. in Stageira im heutigen Nordgriechenland geboren, einem Ort, der zu Zeiten des Aristoteles zu Makedonien gehörte. Die Makedonier wurden von den Griechen im Süden nicht als »hellenisch« angesehen. Sie galten als »Barbaren«, und ihre politischen Ambitionen waren gefürchtet.
Die Eltern des Aristoteles waren keine Makedonier, sondern griechischen Ursprungs und sprachen einen ionischen Dialekt. Der Vater, Nikomaches, unterhielt allerdings als Leibarzt des makedonischen Königs enge Kontakte zum Hof. Die Beziehungen der Familie zum makedonischen Königshaus sollten auch im Leben des Aristoteles eine große Rolle spielen. Schon als Junge freundete er sich mit dem Sohn des Königs, Philipp, an.
Nach dem frühen Tod des Vaters kam Aristoteles in die Obhut von Verwandten in Assos, einem Ort an der kleinasiatischen Küste gegenüber der Insel Lesbos. Im Alter von siebzehn Jahren schließlich tat er den für seine Zukunft als Philosoph entscheidenden Schritt: Er ging nach Athen und trat in die Akademie des Philosophen Platon ein, die damals bereits wichtigste Ausbildungsstätte für Philosophen in Griechenland. Dort blieb er zwanzig Jahre lang, zunächst als Schüler und später als Lehrer. Die Metaphysik entwickelte sich aus den Diskussionen, die innerhalb der platonischen Akademie geführt wurden.
Ziel dieser im Jahr 387 v. Chr. von Platon gegründeten Philosophenschule war die Heranbildung einer Elite, die in der Lage war, sowohl geistige als auch politische Führung zu übernehmen. Grundlage dafür sollte eine wissenschaftliche Bildung sein, die in der Philosophie als der höchsten Form des Wissens gipfelte. Dies entsprach der Überzeugung Platons, dass philosophische Erkenntnis die einzig verlässliche Voraussetzung für eine gerechte politische Herrschaft sein kann.
Die platonische Akademie lässt sich eher mit einem religiösen Orden als mit einer heutigen Universität vergleichen. Die Mitglieder lebten nach einem klösterlich streng geregelten Tagesablauf und verehrten Platon wie einen Guru. Als Aristoteles in die Akademie eintrat, befand sich Platon gerade auf einer mehrjährigen Reise nach Sizilien. In späteren Jahren entwickelte sich dann eine enge Verbindung zwischen dem Meister und seinem brillantesten Schüler.
Der junge Aristoteles, der in der Akademie den Beinamen »der Leser« erhielt, lernte hier alle zeitgenössischen philosophischen Theorien kennen. Einigkeit herrschte bei den meisten griechischen Philosophen darüber, dass die Wirklichkeit im Grunde von einer Art Weltvernunft beherrscht wird und dass der Mensch aufgrund seiner eigenen rationalen Fähigkeiten die Möglichkeit hat, diese Vernunft zu erkennen. Einer der Hauptstreitpunkte entwickelte sich über der Frage, in welchem Verhältnis diese Weltvernunft, die man sich als eine ewige und unveränderliche Einheit dachte, zu den Verschiedenheiten und Veränderungen der Welt stand, in der alles einem Rhythmus von Leben und Tod, Blüte und Zerfall unterworfen war.
Unter den vorsokratischen Philosophen, also den Philosophen vor Sokrates, übte der im 5. vorchristlichen Jahrhundert lehrende Anaxagoras einen besonderen Einfluss auf Aristoteles aus. Ähnlich wie die spätere aristotelische Gottesvorstellung ist für ihn die Weltvernunft »nous«, also reiner Geist, der hinter den Veränderungen der Welt steht, sie aber gleichzeitig auch steuert.
Die Lehre, mit der Aristoteles sich aber fast 20 Jahre lang intensiv beschäftigen sollte, war die sogenannte »Ideenlehre« Platons. Sie hatte ihre wichtigsten Wurzeln in zwei anderen vorsokratischen Denkern: Parmenides und Pythagoras. Für Parmenides gab es zwischen dem Werden und Vergehen einerseits und der Weltvernunft andererseits eine tiefe Kluft. Dem wahren, unveränderlichen Sein, das in sich selbst ruht, stellte er die Welt der Täuschungen entgegen, die sich unserer Wahrnehmung bietet. Erst in der visionären Anschauung des Seins erfassen wir, was wahrhaft wirklich ist. Pythagoras wiederum und seine Schule hatten eine ausgesprochene Vorliebe für die Mathematik, weil sie glaubten, dass die vernünftige Tiefenstruktur der Wirklichkeit sich durch Zahlenverhältnisse ausdrücken lässt.
Von Parmenides übernahm Platon die Ansicht, dass der Mensch sich von der Welt der Veränderungen völlig abwenden müsse, um zum wahren Sein zu gelangen. Diesem Sein gab er allerdings eine etwas komplexere Struktur, die es ermöglichte, die Beziehung zwischen dem unveränderlichen Bereich der Vernunft und dem Bereich der von uns wahrgenommenen veränderlichen Dinge herzustellen. Diesen Dingen steht nämlich nach Platon die Welt ewiger, unveränderlicher und idealer Formen gegenüber, die er »Ideen« nannte. So befindet sich über den vielen Pferden der Wahrnehmungswelt die unveränderliche »Idee« des Pferdes. Für jede »Gattung« wie Tisch, Pferd, Wolke gibt es eine Idee. In der Idee liegen zugleich der Ursprung und das Vorbild der Dinge. Nur indem das konkrete Pferd Merkmale der Idee des Pferdes aufweist, oder, wie Platon sagte, an der Idee des Pferdes »teilhat«, können wir es überhaupt als »Pferd« wahrnehmen. Die Idee ist Urbild, das Ding Abbild. Die Welt der Ideen und die Welt der Dinge verhalten sich zueinander wie die Welt im Sonnenlicht und die Welt im Schatten. Die Ideenwelt kann nicht durch die sinnliche Wahrnehmung, sondern nur durch eine intuitive Schau erkannt werden, die den rational Geschulten, den Philosophen, vorbehalten bleibt.
Aufgabe der philosophischen Erziehung innerhalb der Akademie war es deshalb auch, den Aufstieg von der Sinnenwelt zur Welt der Ideen einzuüben. Dabei spielte die Mathematik eine wichtige Rolle. Weil sie die Fähigkeit zur Abstraktion schulte, galt sie als die Vorhalle zur Philosophie und damit zur Erkenntnis der Weltvernunft.
Aristoteles erlebte die Akademie in einer Zeit, in der das Werk Platons bereits in seine Spätphase eingetreten und die Ideenlehre Gegenstand kritischer Diskussionen geworden war. Wir wissen, dass er mit seinen Einwänden bei diesen Diskussionen eine wichtige Rolle gespielt hat. Sehr wahrscheinlich entstanden schon in der frühen Akademiezeit erste Notizen, die später ausgearbeitet wurden und in die Metaphysik eingeflossen sind.
Eines der Probleme war, ob es nicht nur für sinnlich wahrnehmbare Gegenstände wie Pferde oder Tische, sondern auch für abstrakte Begriffe wie »Einheit« Ideen gibt. Damit verbunden war das Problem einer Ordnung der Ideenwelt, also die Frage nach den Beziehungen der Ideen untereinander. Gab es eine Hierarchie innerhalb der Ideenwelt? Mit der »Idee des Guten« als der vollendetsten Form des Seins, dem Maßstab für Wahrheit und Gerechtigkeit und dem Ziel philosophischer Erkenntnis hatte Platon bereits die Existenz einer obersten Idee behauptet und den Grundstein für eine Hierarchie der Ideen gelegt. Sehr knifflig war vor allem das Problem der Beziehung zwischen der Welt der Dinge und der Welt der Ideen, die Platon als »Teilhabe« bezeichnet hatte.
Eines bestritt Aristoteles nie: dass philosophische Erkenntnis darin besteht, die Wirklichkeit in einer reinen, rationalen Schau zu erfassen, in der alle praktischen Erwägungen ausgeblendet sind. In seiner Schrift Protreptikos (»Mahnrede«), die etwa um das Jahr 350 v. Chr.– also mitten in seiner Akademiezeit – entstanden ist, definiert er das Ziel der Philosophie in diesem Sinne als »theoria«, als reine »theoretische« Erkenntnis, die ihren Sinn und Zweck in sich selbst hat. In dieser Schau verwirklicht sich der Mensch als vernünftiges Wesen und wird damit, ganz im Sinn der Ideenschau der platonischen Akademie, zum »Weisen«.
Aristoteles verließ die Akademie nach dem Tod Platons im Jahr 347. Möglicherweise spielte dabei die Tatsache eine Rolle, dass nicht er, sondern Platons Neffe Speusipp zum Leiter der Akademie bestimmt wurde. Wichtiger für seinen Entschluss waren aber sicherlich die Anfeindungen der Athener, die in ihm den »Makedonier« sahen, was zu diesem Zeitpunkt nichts Gutes bedeutete. 348 hatten die Makedonier Olynth erobert, eine mit Athen verbündete Stadt, und bedrohten nun auch den Süden Griechenlands.
Angesichts des vergifteten Klimas verließ Aristoteles Athen und ging nach Kleinasien zurück. Er betrachtete sich noch als Platoniker, doch seine Forschungsinteressen unterschieden sich bereits von denen der Akademie: Nicht abstrakte mathematische Studien, sondern Beobachtungen der Natur standen für ihn im Mittelpunkt. Die Welt der sinnlich wahrnehmbaren Dinge hatte für ihn einen höheren Stellenwert als für seinen Lehrer Platon.
Etwa im Jahr 343 holte ihn sein Jugendfreund Philipp, inzwischen makedonischer König, als Erzieher seines Sohnes, des späteren Alexander des Großen, nach Makedonien zurück. Bei dieser Aufgabe blieb ihm aber offenbar noch genügend Zeit, seine Forschungen weiter zu betreiben und sich einen Namen in der Gelehrtenwelt Griechenlands zu machen.
Nachdem Athen unter makedonische Herrschaft gefallen war, kehrte Aristoteles unter dem Schutz des makedonischen Königshauses 335 dorthin zurück und gründete mit seinem Freund und späteren Nachfolger Theophrast eine eigene Philosophenschule. Sie ging nach seinem Tod, in Anspielung auf die Wandelgänge des Gebäudes, als »Peripatos« (griech. »peripatein« = »umherwandeln«) in die Philosophiegeschichte ein. Die peripatetische Schule lehrte und verbreitete von nun an – als Konkurrenzunternehmen zur Akademie – die aristotelische Philosophie.
Allerdings war es Aristoteles nicht vergönnt, sein Leben im Umkreis des Peripatos zu beschließen. Mit dem Tod Alexanders 323 und der Lockerung der makedonischen Herrschaft wachten auch die antimakedonischen Ressentiments in Athen wieder auf. Als makedonischer Günstling bekam Aristoteles sofort zu spüren, dass sich der Wind gedreht hatte. Man klagte ihn wegen Untergrabung des Götterglaubens an, eine Anklage, die man einige Jahrzehnte vorher bereits gegen Sokrates, den Lehrer Platons, erhoben und die zum Todesurteil geführt hatte. Aristoteles hatte kein Interesse daran, das Schicksal des Sokrates zu teilen, und er flüchtete aus Athen mit dem Hinweis, er wolle den Athenern keine Gelegenheit geben, sich zum zweiten Mal an der Philosophie zu vergehen. Er zog sich auf ein von seiner Mutter ererbtes Gut auf der Insel Euböa zurück, wo er im Oktober des Jahres 322 starb.
Als Lehrer des Peripatos schrieb Aristoteles an jenen Manuskripten weiter, die uns heute in Gestalt der Metaphysik vorliegen und die, so weit wir wissen, nie vollendet wurden. Man merkt ihrem trockenen und nüchternen Stil an, dass sie für den Lehrbetrieb entstanden sind, in dem der Dozent sich immer wieder mit der Tradition auseinandersetzt und wichtige Thesen in verschiedenen Zusammenhängen wiederholt. Anders als bei Platon, dessen Akademievorträge verloren gegangen, aber dessen für das allgemeine Publikum verfasste Schriften erhalten sind, besitzen wir keines von Aristoteles’ populären, »offiziell« veröffentlichten Büchern mehr. Deshalb ist es etwas unfair, den »dichterischen« Charakter der Dialoge Platons gegenüber den nüchtern argumentierenden Schriften des Aristoteles hervorzuheben.
Die Metaphysik ist also kein einheitliches Buch, sondern ein Konvolut von Vorlesungsnotizen. Erst Andronikos von Rhodos machte sich im 1. Jahrhundert n. Chr. daran, die zeitweise verschollenen Manuskripte des Aristoteles zu Werken zusammenzustellen. Dabei ging es nicht unbedingt immer nach den Regeln der heutigen wissenschaftlichen Philologie zu. So wissen wir, dass das 11. Buch (in der Antike wurden die Kapitel häufig als »Bücher« bezeichnet) einen ganz anderen Verfasser hat und irrtümlich in die Metaphysik hineingerutscht ist. Andronikos ist auch verantwortlich für den Titel »Metaphysik« (wörtl. »nach« oder »hinter der Physik«), der entweder bedeuten kann, dass die Metaphysik in der Reihenfolge der aristotelischen Werke hinter die Physik eingeordnet wurde, oder auch, dass in ihm Themen behandelt werden, die die Physik, d. h. die Naturwissenschaft und Naturphilosophie, übersteigen.
Der Leser der Metaphysik sollte sich deshalb, ohne Rücksicht auf den Zusammenhang einzelner Teile, in jedes Kapitel wie in eine neue Vorlesung begeben. Obwohl das Werk eine hohe Konzentration und eine Satz-für-Satz-Lektüre erfordert, bleibt er nie darüber im Unklaren, wovon Aristoteles spricht.
In den ersten Kapiteln entwirft Aristoteles das Programm der »Ersten Philosophie«, die nach den »Prinzipien und Ursachen des Seienden, und zwar sofern es Seiendes ist«, fragt. Er diskutiert Methoden und Ziele dieser Grundlagendisziplin, um schließlich ab dem 7. Kapitel seine Version von den »Prinzipien und Ursachen des Seienden, und zwar sofern es Seiendes ist«, also von der vernünftigen Grundordnung der Wirklichkeit, zu entwickeln.
Diese »Erste Philosophie« unterscheidet sich nach Aristoteles von allen anderen Wissenschaften und Disziplinen dadurch, dass sie keinen bestimmten Bereich der Wirklichkeit untersucht, sondern, wie er sagt, »tò òn hê ón«, das Wirkliche oder Seiende, insofern es »seiend«, d. h. wirklich ist.
In der Biologie untersuchen wir die Vorgänge der Tier- und Pflanzenwelt, in der Astronomie die Welt der Planeten und Sterne. Aber was bedeutet es, wenn wir von dem »Sein« der Sterne oder dem »Sein« der Pflanzen reden? Was macht einen Stern zum »Stern« und eine Pflanze zur »Pflanze«? Was bedeutet es überhaupt, wenn wir von »etwas« reden, also einem Gegenstand, den wir von anderen Gegenständen unterscheiden können und von dem wir sagen können, dass er »ist«? In den einzelnen Wissenschaften setzen wir solche Bedeutungen ganz selbstverständlich voraus. Die Welt erscheint uns wie ein wohlsortiertes Kaufhaus, in dem die Waren geordnet und unterschieden sind.
Die »Erste Philosophie« aber macht genau diese Voraussetzungen zum Thema und überlegt, warum wir die Wirklichkeit so und nicht anders sortieren. Genau deshalb ist sie eine Grundlagendisziplin, die uns zu dem führen soll, was auch alle anderen Philosophen vor Aristoteles im Auge hatten: die vernünftige Grundordnung der Welt, die Erkenntnis der Art, wie die Wirklichkeit »tickt«.
Dass die menschliche Vernunft fähig ist, diese Grundordnung zu erkennen, daran zweifelt Aristoteles ebenso wenig wie sein Lehrer Platon. Er ist sogar der Meinung, dass der Mensch »von Natur aus« dazu bestimmt ist, ein solches Wissen zu erwerben, dass also die menschliche Selbstverwirklichung darin besteht, sich dem Erkennen der vernünftigen Ordnung der Welt zu widmen.
Anders als bei Platon führt bei Aristoteles der Weg dorthin aber nicht über die abstrakten Zahlenverhältnisse der Mathematik. Gegenüber der Welt der sinnlich wahrnehmbaren Dinge nimmt er eine ganz andere Haltung als sein Lehrer ein: Nicht die Mathematik ist für ihn der Vorhof der Philosophie, sondern Physik und Biologie sind es, die Anschauung der Vorgänge in der Natur und der uns umgebenden, sinnlich wahrnehmbaren Welt.
Wenn wir dort fragen, warum etwas so und nicht anders ist, stoßen wir nach Aristoteles auf vier verschiedene Ursachen: die Stoffursache, die Formursache, die Bewegungsursache und die Zweckursache. Nehmen wir das Beispiel einer Statue: Die Stoffursache der Statue liegt in dem Material, also dem Marmor, aus dem sie gemeißelt wurde, die Form- oder Wesensursache in der vorliegenden Gestalt der Statue. Die Tätigkeit der Bearbeitung des Marmors ist die Bewegungs- oder Wirkursache, und die Idee, die dem Künstler bei der Arbeit vorschwebte, ist die Zweckursache.
Die Fachphilosophen benutzen normalerweise die lateinischen Begriffe »causa materialis«, »causa formalis«, »causa efficiens« und »causa finalis«, um die vier aristotelischen Ursachen zu bezeichnen. Heute verwenden wir den Begriff »Ursache« normalerweise nur noch für die causa efficiens, die Wirkursache. Wenn Wissenschaftler und Philosophen von »Kausalität« oder »kausalen Vorgängen« reden, meinen sie in der Regel, dass ein Ereignis ein anderes Ereignis bewirkt, d. h. gemäß einem allgemeinen Naturgesetz hervorruft. Die anderen drei von Aristoteles genannten Ursachen sind in der Geschichte der Wissenschaften völlig in den Hintergrund getreten. Wenn es bei Aristoteles allerdings um die Analyse des »Seins« geht, so sind zwei andere Ursachenformen, nämlich die Formursache und die Zweckursache, viel wichtiger, und zwar deshalb, weil beide mit dem Begriff »Substanz« verknüpft sind.
Mit dem Begriff der »Substanz« erreichen wir das Herzstück der Metaphysik. Aristoteles beschäftigt sich mit dem Substanzbegriff ausführlich in den Kapiteln 7 bis 9, die von den Fachleuten auch als »Substanzabhandlung« bezeichnet werden.
Wenn wir von einem Gegenstand sagen, dass er »ist«, so meinen wir nach Aristoteles keineswegs immer dasselbe. In dem Satz »Peter ist in Wirklichkeit Paul« dient das »ist« dazu, eine Identifikation herzustellen. In dem Satz »Es ist wirklich so, wie du sagst« benutzen wir das »ist«, um die Wahrheit eines Sachverhalts zu bekräftigen. In dem Satz »Etwas ist kahl« wiederum dient uns das »ist« dazu, einem Gegenstand bestimmte Eigenschaften zuzusprechen.
Im Mittelpunkt der Betrachtungen der Metaphysik steht gerade jenes »Etwas«, dem man zwar Eigenschaften zuspricht, das aber selbst mehr ist als ein Bündel von Eigenschaften. Die Verwendungsweise von »ist«, die Aristoteles deshalb am meisten interessiert, ist die, wenn wir sagen: »Dieses große dunkle Etwas vor meinem Fenster ist eigentlich ein Baum.« Ein Baum wird nicht dadurch zu einem Baum, dass er grüne Blätter oder einen dicken Stamm hat. Bäume können auch dünne Stämme haben und kahl sein. Wir müssen also unterscheiden zwischen den wechselnden Eigenschaften eines Gegenstandes und seinem Wesenskern. Genau dieser Wesenskern ist es, auf den das eigentlich wichtige »ist« abzielt. Aristoteles nennt ihn »Substanz«, die wechselnden Eigenschaften wie »kahl« oder »grün« hingegen nennt er »Akzidentien«.
Wir können also sagen: Etwas »ist« im eigentlichen Sinne, wenn es Substanz ist. Die Substanz bezeichnet ein selbstständiges, von anderen Dingen getrennt existierendes Ding, das wechselnde Eigenschaften hat, aber selbst immer mit sich identisch bleibt. Ein Baum bleibt ein Baum, ob er grünt oder nicht. Nur im Märchen ist der Prinz einmal ein Mensch und ein andermal ein Frosch.
Wir sprechen von dem »Seienden«, so Aristoteles, zwar in verschiedener Bedeutung, aber im Hinterkopf haben wir immer die Substanz, jenes wahre Seiende, zu dem die anderen Formen des »ist« in einer Art Analogie stehen. Die Substanz ist auch genau jenes »Etwas«, auf das wir alle möglichen Arten von »ist« beziehen können.
Aber was ist dieses Wesentliche eigentlich, das Aristoteles »Substanz« nennt? Der Leser sei vorgewarnt: Die Diskussion darüber ist bis heute nicht beendet. Zwei Aspekte lassen sich bei dem Begriff »Substanz« unterscheiden: ein konkreter und ein etwas allgemeinerer. Substanz ist zum einen das konkrete Ding, der Baum, der vor meinem Fenster steht, dessen Alter ich kenne und der für mich immer der gleiche Baum bleibt, ob er kahl ist oder grünt.
Gleichzeitig ist mit der Substanz aber auch etwas gemeint, das mein konkreter Baum mit allen anderen Bäumen gemeinsam hat. Substanz ist, wie Aristoteles sich ausdrückt, das »tò tí ên eînai«, das »Wesenswas« eines Dinges. Es ist das, was den Baum zu einem Baum macht. Dies drückt sich in dem Allgemeinbegriff »Baum« aus, der sich auf alle Bäume anwenden lässt. Wenn wir von »Baum« sprechen, ohne auf einen konkreten Baum zu verweisen, meinen wir die Art, die Gattung »Baum«. Die Griechen benutzten dafür den Begriff »eidos«. Es ist genau jener Begriff, mit dem Platon die »Idee« bezeichnet hatte. Es ist auch der Begriff, den Aristoteles für »Form« benutzt, für die Gestalt, die uns vor Augen steht, wenn wir uns einen Baum vorstellen.
Genau an dieser Stelle kommen Formursache und Zweckursache wieder ins Spiel. Für Aristoteles lassen sich nämlich der konkrete und der allgemeine Aspekt des Substanzbegriffs miteinander verbinden. Die Substanz ist auch ein irdisches Kind der platonischen Idee, indem sie nicht nur ein konkretes Ding, sondern auch die Gestalt meint, die alle Exemplare einer bestimmten Art und Gattung gemeinsam haben. Der Begriff, den Aristoteles für »Substanz« verwendet, ist »ousia«, im Deutschen meist mit »Wesen« oder »Wesenheit« übersetzt. Es ist aber auch der Begriff, den er für die Formursache benutzt, die deshalb auch »Wesensursache« genannt wird. »Ousia«, die Substanz, manifestiert sich in der Form, im »eidos«.
Die Substanz ist das wahrhaft Seiende, das immer unverändert und mit sich identisch bleibt, das aber nicht mehr in einer abstrakten, von den natürlichen Dingen entfernten Welt, sondern in den natürlichen Dingen selbst zu finden ist. Damit hatte sich das in der platonischen Akademie diskutierte Problem der »Teilhabe« der Dinge an den Ideen erledigt.
Der Grund dafür, dass Aristoteles das Wesen eines Dings mit seiner Form identifiziert, liegt in seiner Naturanschauung. Der Baum ist dann erst ein richtiger Baum, wenn er ausgewachsen vor uns steht, also seine vollendete Form erreicht hat. Einen Baumsamen können wir noch nicht als Baum ernst nehmen. Wir sagen dann höchstens: Das wird erst mal ein Baum. Jeder konkrete Baum wird erst durch seine Form erkennbar, die ihn als Baum identifiziert.
Ebenso ist es mit allen anderen Dingen. Die Substanz als das Wesen eines Dinges zeigt sich in der voll entwickelten Form. Jede dieser Formen entfaltet sich nach einem vorgegebenen Muster, nach einem im Ding selbst angelegten Zweck. Der Same eines Baums entwickelt sich, wenn wir ihn einpflanzen, zu einem Baum und nicht zu einem Kaktus. Aristoteles hatte also etwas im Auge, das wir heute als »genetische Programmierung« bezeichnen würden. Form und Zweck hängen aufs Engste miteinander zusammen. Die Form als verwirklichter Zweck ist das, was ein Ding zu dem macht, was es ist. Im Falle des Menschen wird Aristoteles sogar sehr konkret: Der Mensch wird erst zum Menschen im eigentlichen Sinne, wenn er den in ihm angelegten Zweck des Menschseins, nämlich die Fähigkeit zu rationaler theoretischer Erkenntnis, verwirklicht. Es ist also die Vernunft, die den Menschen zum Menschen macht.
Die Vielfalt der Formen ist somit gleichzeitig eine Vielfalt verwirklichter Zwecke. Die Welt ist für Aristoteles ein Reich der Zwecke, ein Universum, in dem Form- bzw. Wesensursachen und Zweckursachen immer wieder Substanzen entstehen lassen und in dem sich die Dinge nach Art eines genetischen Codes entwickeln. Abgeleitet von dem griechischen Wort für Zweck, »telos«, wird das aristotelische Weltbild deshalb auch als »teleologisches« Weltbild bezeichnet.
Mit seiner teleologischen Weltdeutung hatte Aristoteles auch den Schlüssel in der Hand, um das zu erklären, was bei Parmenides und Platon als Welt des Scheins und der Täuschung links liegen gelassen wurde: die Welt der Veränderung nämlich. Unsere natürliche, wahrnehmbare Welt ist zwar eine Welt des Werdens und Vergehens. Aber diese Veränderungen folgen einem in der Vernunftordnung der Welt verankerten Gesetz: dem Gesetz, das Substanzen schafft und aus angelegten, möglichen Formen immer wieder verwirklichte Formen macht. Veränderung ist Entwicklung, ist Übergang von Möglichkeit zu Wirklichkeit, oder, wie Aristoteles sagt, von »dynamis« zu »energeia«. Es ist eine Welt, in der sich Substanzen unendlich fortzeugen und aus Stoff oder Materie immer wieder Form entsteht.
Aber, so stellt sich die Frage, hat dieser Prozess irgendwann einmal begonnen? Was war zuerst, Huhn oder Ei, Same oder Baum? Auch Aristoteles stellt diese Frage und beantwortet sie in dem berühmten 12. Buch der Metaphysik, die viele für das Kernstück des Werks halten. Es gibt etwas, was die Welt von ewig her in Bewegung hält und die Entwicklung von Möglichkeiten zu Wirklichkeiten steuert, ohne selbst von dieser Entwicklung betroffen zu sein. Dieses Etwas ist reine Wirklichkeit, eine Ursache, die Bewegung entstehen lässt, ohne selbst bewegt zu werden. Es ist der sogenannte »unbewegte Beweger«, den Aristoteles »Gott«, aber auch, in Anlehnung an Anaxagoras, »nous«, d. h. reine Vernunft, nennt. Dieser unbewegte Beweger ist – charakteristisch für Aristoteles – keine Wirkursache. Er gibt der Welt keinen Tritt, um sie in Gang zu setzen. Er ist vielmehr Zweckursache aller Entwicklung. Er ist die Supersubstanz, die immer schon wirklich ist und auf die alle Entwicklungslinien zulaufen.
Hier erst begegnen wir der Weltvernunft in reiner Gestalt. Der unbewegte Beweger ist weder ein persönlicher Gott noch ein Schöpfergott, sondern das vernünftige Wesen der Welt, zeitloses Denken, das sich selbst denkt. Wie das Sein des Parmenides oder die Idee des Guten bei Platon ist er erste Ursache, materielose, reine Form, eine ewige, immer mit sich identische Einheit. Von diesem Gott war Aristoteles nicht nur theoretisch fasziniert: Die um sich selbst kreisende Weltvernunft ist für ihn auch »hedoné«, also Lust und Freude, sie ist Tätigkeit, die sich selbst genügt, und damit auch Vorbild für ein erfülltes menschliches Leben.
Die Metaphysik des Aristoteles hat die Geschichte der Philosophie wie ein Sauerteig durchsetzt. Nachdem in den Wirren des frühen Mittelalters die Kenntnis der aristotelischen Philosophie im Westen verloren gegangen war, wurde sie über die Vermittlung islamischer Denker im Hochmittelalter zur bestimmenden geistigen Kraft, zur Grundlage von Wissenschaft und Philosophie. Thomas von Aquin machte Aristoteles zum theoretischen Vordenker eines neuen christlichen Weltbildes und nannte ihn schlicht »den Philosophen«.
Auch als das wissenschaftliche Weltbild sich in der Neuzeit von Aristoteles löste, blieben seine Spuren in allen großen Systemen der Metaphysik erkennbar. Die Idee einer alles durchziehenden Weltvernunft wurde von Spinoza, der Gedanke einer in der Welt angelegten, gesetzmäßigen Vernunftentwicklung von Hegel aufgegriffen. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts bezeichnete ein Kritiker des teleologischen Denkens, Nicolai Hartmann, dieses als eines der Hauptmerkmale der gesamten westlichen Philosophie. Aber auch in der modernen Logik und Sprachphilosophie finden sich viele Unterscheidungen wieder, die auf Aristoteles zurückgehen.
Die Faszination des ersten großen Systematikers der Philosophie beruht auf der einzigartigen Verbindung von enzyklopädischem Wissen, logisch scharfer Argumentation und visionärer Kraft. Wenn auch viele heute bezweifeln, dass das Ziel, den rationalen Bauplan der Welt zu entziffern, jemals gelingen kann, so sind doch auf dem Weg, auf den Aristoteles die Philosophie geschickt hat, unzählige Entdeckungen gemacht worden.
Ausgabe:
Aristoteles: Metaphysik. Übersetzt von Hermann Bonitz (ed. Wellmann). Auf der Grundlage der Bearbeitung von Héctor Carvallo und Ernesto Grassi neu herausgegeben von Ursula Wolf. Reinbek bei Hamburg: Rowohlts Klassiker 1994.