Die Käfer
Als Hartley aus Ägypten zurückgekehrt war, stellten seine Freunde fest, daß er sich verändert hatte. Es war nicht so leicht herauszufinden, worin diese Veränderung lag, denn alle seine Bekannten bekamen ihn nur sehr flüchtig zu Gesicht. Er tauchte einmal kurz im Klub auf und zog sich dann in die Abgeschiedenheit seiner Wohnung zurück. Er benahm sich so abweisend, fast feindselig gesinnt, daß nur ein paar alte Freunde den Versuch unternahmen, ihn zu besuchen. Aber auch die mußten unverrichteter Dinge wieder abziehen, denn er machte die Tür nicht auf.
Durch dieses seltsame Benehmen kam er sehr ins Gerede. Einige Gerüchte machten die Runde. Die, die Arthur Hartley aus der Zeit vor seiner Expedition her kannten, standen seiner drastischen Veränderung völlig fassungslos gegenüber. Hartley war als kluger Gelehrter und als bahnbrechender Einzelgänger auf dem Gebiet der Archäologie bekannt. Aber abgesehen davon war er eine ungemein charmante Persönlichkeit. Ihn umgab das Fluidum des Weltmannes, über das er sich mit gekonnten Witzen selber lustig machte. Er war der Typ des Mannes, der im richtigen Moment den richtigen Wein bestellte und gleichzeitig grinste, als wäre er darüber genauso erstaunt wie seine Gäste des Abends. Seine Freunde waren von Hartleys gesellschaftlicher Sicherheit, die er nicht großartig zur Schau stellte, sehr angetan. Er übertrug diese Art, mit seinem Wissen nicht zu protzen, auch auf seine Arbeit. Obwohl jeder wußte, wie sehr er sich für die Archäologie interessierte und einen Namen auf diesem Gebiet hatte, brachte er es fertig, von seinen Studien als einem ›Herumspielen mit alten ausgebuddelten Steinen‹ zu sprechen.
Demzufolge war sein seltsames Benehmen nach der Expedition für alle ein völliges Rätsel.
Das einzige, was alle mit Bestimmtheit wußten, war, daß er acht Monate lang in Ägypten gewesen war. Gleich nach seiner Rückkehr hatte er alle Verbindungen zu dem Institut, für das er gearbeitet hatte, abgebrochen. Alles, was sich auf dieser Expedition zugetragen haben sollte, war nichts weiter als Mutmaßungen seiner alten Freunde. Aber daß sich etwas zugetragen hatte, darüber konnte kein Zweifel bestehen.
Der Abend, an dem er im Klub war, hatte es bewiesen. Er war leise hereingekommen – viel zu leise. Hartley gehörte zu den Leuten, die normalerweise nicht einen Raum betreten, sondern einen Auftritt haben. Sein großer, schlanker Wuchs, sein Abendanzug, der so tadellos saß, wie man es sonst nur in Modezeitschriften sah, seine Löwenmähne mit den silbergrauen Haarsträhnen: Das alles waren Attribute, die nicht zu übersehen waren. Er konnte überall als Mann von Welt gelten oder als ein Zauberkünstler, der auf das Stichwort wartet, um die Bühne zu betreten. An diesem Abend hatte er die Klubräume still und bescheiden betreten. Er trug zwar wie immer einen Abendanzug, aber seine Schultern hingen, und sein Gang hatte jede Elastizität verloren. Seine Haare waren grauer geworden und fielen wirr über seine gebräunte Stirn. Sein Gesicht hatte trotz der Bräune der ägyptischen Sonne einen krankhaften Anstrich. Seine Augen wanderten unstet umher. Sein Gesicht schien die Form verloren zu haben; seine Mundwinkel hingen herab.
Er grüßte niemanden und setzte sich allein an einen Tisch. Seine alten Freunde gingen natürlich zu ihm hin und redeten mit ihm. Aber er bat keinen, an seinem Tisch Platz zu nehmen. Das Seltsame war, daß auch keiner von ihnen darauf bestand, was sie normalerweise lärmend getan hätten. Sie hätten sich mit einer Selbstverständlichkeit unaufgefordert neben ihn gesetzt, um ihn aus seiner trüben Stimmung zu reißen. Und sie wußten aus Erfahrung, daß das bei ihm sehr einfach war. Trotzdem wandten sich an diesem Abend alle, nachdem sie ein paar Worte mit Hartley gesprochen hatten, wieder ab.
Sie fühlten schon damals, daß irgend etwas mit Hartley nicht stimmte. Einige waren der Meinung, daß Hartley vielleicht noch immer an einer furchtbaren Krankheit litt, die er sich in Ägypten zugezogen hatte. Aber ich bin überzeugt davon, daß sie das im Grunde ihres Herzens selbst nicht glaubten. Alle, die ihn gesehen hatten, machten einen reichlich verstörten Eindruck und schienen das nicht zu beschreibende Fremde, das von ihm ausging, zu spüren. Das war ein Arthur Hartley, den sie nie gekannt hatten. Das war ein alter Sonderling mit einer quengeligen Stimme, der jeden mißtrauisch anschaute, der ihn nach seiner Reise befragte. Er war wirklich ein Sonderling, denn er schien nicht einmal die Leute, die ihn grüßten, zu erkennen. Und wenn er sie erkannte, verhielt er sich abstrakt. Das ist in diesem Zusammenhang ein seltsames Wort; aber wie sollte man es sonst bezeichnen, wenn ein alter Freund, der ihn trifft, einem schweigenden Mann gegenübersteht, dessen Augen so unverwandt ins Leere starren, als erblicke er in der Ferne ein Grauen, vor dem er sich fürchtet? Es war etwas Seltsames, was sie alle bei Hartley entdeckten. Er hatte Angst. Furcht lastete auf seinen hängenden Schultern. Furcht ließ seine Wangen einfallen und rief das Mißtrauen in seiner Stimme hervor. Furcht grinste aus diesen Augen, die ins Leere starrten. Als ich von dem allen erfuhr, machte ich mich auf, um Arthur Hartley in seiner Wohnung zu besuchen. Die anderen hatten mir von ihren Bemühungen erzählt, in der Woche nach seinem Erscheinen im Klub Einlaß in seine Wohnung zu finden. Sie sagten, daß er die Tür nicht aufgemacht hätte, und beklagten sich darüber, daß er das Telefon abgestellt hatte. Aber ich war überzeugt, daß das etwas mit seiner Furcht zu tun haben mußte.
Ich wollte Hartley nicht fallenlassen. Erstens war ich ein ziemlich guter Freund von ihm, und zweitens muß ich gestehen, daß ich hinter alledem ein Geheimnis witterte. Aus diesen beiden Gründen wurde das Verlangen, ihn zu sehen, unwiderstehlich. Eines Nachmittags ging ich zu seiner Wohnung hinauf und läutete.
Nichts rührte sich. Ich trat dicht an die Tür heran, um vielleicht Schritte oder ein anderes Lebenszeichen von drinnen zu hören. Nichts rührte sich. Es war absolut still. Mir kam der flüchtige Gedanke an Selbstmord, aber dann verscheuchte ich meine aufkommende Angst mit einem Lachen. Das war blanker Unsinn – aber auf der anderen Seite waren alle, die Hartley gesehen oder mit ihm gesprochen hatten, einer Meinung, was seinen Geisteszustand anging. Und wenn alle den gleichen Eindruck von Hartley hatten, waren meine Befürchtungen vielleicht nicht ganz so ungerechtfertigt. Jedoch Selbstmord …
Ich läutete noch einmal. Es war mehr eine Geste als ein zweiter Versuch. Dann drehte ich mich um und ging die Treppe hinunter. Ich erinnere mich, daß ich eine gewisse unerklärliche Erleichterung verspürte, als ich mich entfernte. Der Gedanke an Selbstmord hatte mir ein Unbehagen eingeflößt.
Als ich die Haustür erreichte und sie öffnete, hörte ich ein Geräusch hinter mir. Ich drehte mich um und sah Hartley auf der Treppe.
Ich sah ihn zum erstenmal nach seiner Rückkehr aus Ägypten, und er machte in dem schummerigen Treppenhaus einen gespenstischen Eindruck auf mich. Er sah bejammernswert aus. Sein Kopf war gesenkt. Er blickte erst auf, als ich ihn grüßte. Sein Blick versetzte mir einen Schock. Seine Augen lagen tief in den Höhlen. Er starrte mich zu Tode erschrocken an. Vor mir stand nicht der Hartley, den ich kannte, sondern ein Fremder – ein gehetzter Fremder.
Er trug einen verschlissenen Mantel, der um seine magere Gestalt schlotterte. Ich sah, daß er unter dem Arm ein großes, in braunes Papier gehülltes Bündel trug.
Ich sagte irgend etwas, aber ich weiß nicht mehr, was. Ich weiß nur noch, wie schwer es mir fiel, mein Erschrecken über sein Aussehen zu verbergen. Ich glaube aber, daß ich von einer penetranten Höflichkeit und Herzlichkeit war, denn ich befürchtete, daß er mir jeden Augenblick den Rücken zuwenden und, ohne mit mir zu reden, in seine Wohnung zurückgehen würde. Gegen so viel Herzlichkeit war er machtlos, und er konnte schließlich nicht umhin, mich in seine Wohnung zu bitten.
Als wir eingetreten waren, bemerkte ich, daß er die Tür zweimal hinter uns abschloß. Diese Handlung bewies mir, wie sehr er sich verändert hatte. In alten Zeiten hatte Hartley im wahrsten Sinne des Wortes ein offenes Haus geführt. Es konnte sein, daß ihn die Arbeit länger im Institut aufhielt, aber ein unerwarteter Besucher fand seine Tür immer weit offen. Und jetzt verschloß er sie doppelt!
Ich sah mich suchend in der Wohnung, um. Ich kann nicht sagen, was ich zu sehen erwartete, aber ich war darauf vorbereitet, irgend etwas zu entdecken, was Hartleys Veränderung erklären könnte. Nichts dergleichen. Die Möbel standen an derselben Stelle, und die Bilder hingen noch an den Wänden. Die leeren Bücherkisten waren noch in einer Ecke aufgestapelt.
Hartley entschuldigte sich und verschwand im Schlafzimmer. Als er sich seines Mantels entledigt hatte, kam er zurück. Ehe er Platz nahm, ging er zum Kaminsims und zündete vor einer kleinen Bronzefigur, die Horus darstellte, ein Streichholz an. Sekunden später fühlte ich mich in ein exotisches Märchen versetzt, denn vor der kleinen Figur erhob sich eine dicke graue Rauchspirale, und ich wurde von dem beißenden Weihrauchduft fast eingenebelt.
Das war das erste Rätsel, das etwas mit Hartleys Veränderung zu tun haben mußte, dachte ich. Ich war unbewußt in die Rolle eines Detektivs verfallen, der nach Anhaltspunkten sucht – oder vielleicht auch in die eines Psychiaters, der bei seinem Patienten fieberhaft nach psychoneurotischen Neigungen fahndet. Und der Weihrauch war zweifellos für den Arthur Hartley, den ich kannte, etwas Fremdes.
»Das beseitigt den Geruch«, bemerkte er.
Ich fragte weder ›welchen Geruch‹, noch erkundigte ich mich nach seiner Reise, noch nach dem Grund, weshalb er meine Korrespondenz, nachdem er Khartoum verlassen hatte, nicht mehr beantwortet hatte, noch warum er mir in der Woche nach seiner Rückkehr aus dem Wege gegangen war. Statt dessen ließ ich ihn reden.
Zuerst einmal sagte er gar nichts. Dann brachte er ein paar belanglose unzusammenhängende Sätze hervor, die seine geistige Abwesenheit deutlich kennzeichneten. Er erzählte mir, daß er seinen Posten aufgegeben hätte, und deutete an, daß er vielleicht in Kürze die Stadt verlassen und zu seiner Familie aufs Land ziehen würde. Er wäre krank gewesen. Ägypten und seine begrenzten Möglichkeiten hätten ihn enttäuscht. Er haßte die Dunkelheit, und die Heuschreckenplage in Kansas hätte sich vergrößert.
Seine Rede war schon mehr als wirr.
Aber jetzt war mir alles klar: Arthur Hartley war verrückt. ›Die begrenzten Möglichkeiten Ägyptens‹, ›Ich hasse die Dunkelheit‹, ›Die Heuschreckenplage von Kansas‹.
Aber ich sagte nichts und schaute ihm schweigend zu, als er jetzt die großen Kerzen im Zimmer anzündete. Ich blickte ihn durch die Weihrauchwolken hindurch schweigend an. Der Kerzenschein fiel auf seine zuckenden Gesichtszüge.
Dann brach er zusammen.
»Du bist mein Freund«, sagte er, aber es klang wie eine Frage. In seiner Stimme lag soviel Verzweiflung und ängstliches Mißtrauen, daß mich plötzlich das Mitleid mit ihm packte. Es war schrecklich, Zeuge seiner Geistesgestörtheit zu sein. Trotzdem nickte ich ernsthaft.
»Du bist mein Freund«, wiederholte er, und jetzt klangen seine Worte wie eine Feststellung. Er holte tief Luft und schien sich zu einem Entschluß durchgerungen zu haben.
»Weißt du, was in dem großen Bündel war, das ich unter dem Arm hatte?« fragte er plötzlich.
»Nein.«
»Ich will es dir sagen: Insektenpulver! Genau das: Insektenpulver!«
Seine Augen flammten so triumphierend auf, daß mich das kalte Grauen packte.
»Ich bin seit einer Woche nicht aus dem Haus gegangen. Ich darf die Plage nicht verbreiten. Sie folgen mir, mußt du wissen. Aber heute hatte ich die Idee. Sie ist so simpel, daß ich mich frage, wieso sie mir nicht früher eingefallen ist. Ich bin ausgegangen und habe Insektenpulver gekauft. Pfundweise. Dann habe ich mir auch noch flüssiges Insektengift besorgt. Das ist eine besondere Mischung, die noch tödlicher als Arsen ist. Ich weiß, daß das ein sehr prosaisches Mittel ist, aber vielleicht kann ich damit die Mächte des Bösen ausrotten.«
Ich nickte wie ein Narr und überlegte, ob es mir gelingen würde, ihn noch heute abend fortschaffen zu lassen. Vielleicht konnte ich über meinen Freund, Doktor Sherman …
»Jetzt sollen sie kommen. Es ist meine letzte Chance … Der Weihrauch hilft nicht, und selbst wenn ich das Licht brennen lasse, kriechen sie in den Ecken herum. Es ist eigentlich komisch, daß das Holz noch nicht durchlöchert ist.«
»Was sagst du da?«
»Entschuldige«, murmelte Hartley, »ich habe vergessen, daß du davon nichts weißt. Ich rede von der Plage. Und dem Fluch.« Er beugte sich vor, und die Schatten, die seine weißen Hände auf die Wand warfen, glichen Polypen. »Zuerst habe ich darüber gelacht«, fuhr er fort. »Die Archäologie ist nicht gerade eine Wissenschaft, die sich mit dem Aberglauben befaßt. Und Flüche, die über alte Ruinen und brüchige Statuen verhängt sein sollen, haben mich nie sonderlich interessiert. Aber die Ägyptologie – das ist etwas anderes. Diese menschlichen Körper da … Es sind zwar Mumien, aber irgendwie doch noch menschlich. Die alten Ägypter waren schon ein beachtliches Volk! Sie kannten bereits wissenschaftliche Geheimnisse, die wir heute noch nicht ganz ergründet haben. Und wir kennen selbstverständlich nicht ihre Begriffe der Mythologie.«
Aha! Da lag also der Hund begraben! Ich hörte gespannt zu.
»Ich habe auf dieser letzten Reise viel gelernt. Wir hatten uns an die Ausgrabung kürzlich entdeckter Gräber gemacht. Sie stammten aus der Zeit der alten Dynastien und hatten natürlich ihre besondere religiöse Bedeutung. O ja, ich kenne alle Mythen aus dieser Zeitepoche …
Wir machten in diesen Gräbern großartige Funde. Wir konnten herrliche Tongefäße, guterhaltene Schmuckstücke bergen. Aber das kannst du alles in dem Bericht lesen, der in Kürze über die Expedition erscheint. Wir fanden dort auch Mumien. Verfluchte Mumien.« Ich glaubte jetzt zu wissen, was mit ihm los war.
»Und ich Narr habe etwas getan, was ich nie hätte tun dürfen. Nicht aus ethischen Gründen, sondern aus anderen, weit wichtigeren Gründen. Es sind Gründe, die mich meine Seele kosten können.« Ich mußte mich zusammenreißen und mir klar vor Augen halten, daß er verrückt war. Denn sonst wäre ich in der Dunkelheit des Zimmers ohne weiteres bereit gewesen zu glauben, daß es irgendeine geheime Macht gab, die meinen Freund an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hatte.
»Ja, ich habe es getan. Ich habe es getan, obwohl ich den Fluch des Skarabäus, des heiligen Käfers, gelesen hatte. Wie konnte ich auch ahnen, daß dieser Fluch wirklich zutrifft. Ich glaubte nicht daran. Keiner glaubt an solche Dinge, bis sie einmal eintreffen. Das ist ebenso wie mit dem Phänomen des Todes. Man liest über den Tod, weiß, daß er bei anderen eintritt, und kann sich doch nicht vorstellen, daß man selber einmal sterben muß … Ja, genauso ist es mit dem Fluch des Skarabäus.«
Ich dachte über den heiligen Käfer von Ägypten nach. Dabei fielen mir auch die sieben Plagen ein. Ich wußte, was er jetzt sagen würde . »Dann fuhren wir zurück. Ich entdeckte sie auf dem Schiff. Sie krochen jede Nacht aus den Ecken hervor. Wenn ich das Licht anmachte, verschwanden sie, aber sobald ich einschlafen wollte, kamen sie wieder. Zuerst zündete ich Weihrauch an. Als das nichts half, zog ich in eine andere Kabine um. Aber sie folgten mir.
Ich wagte mit keinem darüber zu sprechen. Die meisten meiner Freunde hätten mich ausgelacht, und die Ägyptologen in unserer Gruppe hätten mir auch nicht helfen können. Außerdem konnte ich mein Verbrechen nicht zugeben. So behielt ich mein schreckliches Geheimnis für mich.«
Seine Stimme hatte sich in ein heiseres Flüstern verwandelt.
»Es war die reinste Hölle. Als ich eines Tages sah, wie nachts an Bord die schwarzen Biester in meinem Essen herumkrochen, ließ ich mir fortan die Mahlzeiten immer in meiner Kabine servieren. Dort aß ich allein. Ich traute mich überhaupt nicht mehr, mit jemandem zu sprechen, weil ich Angst hatte, man könnte die Wesen, die mich verfolgten, bemerken. Und sie folgten mir immer. Wenn ich über das Deck schlich, krochen sie hinter mir her. Sie verschwanden nur beim Sonnenlicht oder beim Anblick einer offenen Flamme. Ich wurde bei meinen Bemühungen, eine plausible Erklärung für ihre Anwesenheit auf dem Schiff zu finden, bald wahnsinnig. Ich suchte eine Antwort auf die Frage, wie sie auf das Schiff gekommen waren. Die Wahrheit, die ich im Grunde meines Herzens wußte, wollte ich nicht wahrhaben. Der Fluch hatte sie an Bord gebracht! Als ich hier ankam, habe ich sofort meine Arbeit niedergelegt. Wenn meine Schuld bekanntgeworden wäre, hätte es sowieso einen Skandal gegeben. Also kündigte ich lieber gleich. Außerdem kann ich mich sowieso auf keine Arbeit konzentrieren, weil sie mich ständig verfolgen. Ich habe Angst, jemandem ins Gesicht zu schauen. Ich habe es natürlich versucht – aber es war hoffnungslos. Der Abend neulich im Klub war eine Qual. Ich sah, wie sie über den Teppich liefen und an meinen Stuhlbeinen emporkletterten. Es hat mich übermenschliche Energien gekostet, nicht aufzuschreien und davonzulaufen.
Nach diesem Abend habe ich meine Wohnung nicht mehr verlassen. Ich wollte keinen Menschen sehen. Aber ehe ich irgendwelche Pläne für meine Zukunft machen kann, muß ich den Fluch, der auf mir lastet, loswerden. Das ist das einzige, was mir helfen kann.«
Ich wollte eine Bemerkung machen, aber er wischte sie mit einer Handbewegung beiseite und fuhr verzweifelt fort:
»Es hat auch keinen Zweck zu fliehen. Sie würden mir über den Ozean genauso folgen wie jetzt über die Straße. Ich könnte mich einschließen, und sie würden sich doch den Weg zu mir bahnen. Sie kommen Nacht für Nacht und kriechen an meinem Bett hoch. Ich muß wachbleiben, damit sie nicht an mein Gesicht kommen … Aber wenn ich nicht bald einmal schlafe, werde ich verrückt. Sie kriechen nachts über mein Gesicht … sie kriechen über mein Gesicht …«
Es war schrecklich mit anzusehen, wie er diese Worte zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervorstieß und sich wie ein Wahnsinniger bemühte, nicht die Kontrolle über sich zu verlieren.
»Vielleicht tötet sie das Insektenpulver. Daran hätte ich schon vorher denken sollen, aber meine panische Angst hat mich völlig durcheinander gebracht. Aber jetzt setze ich mein ganzes Vertrauen auf das Insektenpulver. Ist es nicht ein Witz, daß ich gegen einen jahrtausendalten Fluch mit Insektenpulver angehen will?«
Endlich sagte ich etwas: »Es sind Käfer, nicht wahr?«
Er nickte. »Ja, Skarabäen. Du kennst den Fluch. Den Mumien, die unter dem Schutz dieser Käfer stehen, darf keine Gewalt angetan werden.«
Ja, ich kannte den Fluch. Er war einer der ältesten der Geschichte und hatte, wie alle Legenden, ein ewiges Leben. Aber vielleicht gelang es mir, mit Hartley vernünftig zu reden.
»Aber was kann der Fluch dir denn anhaben?« fragte ich. O ja, ich würde mit Hartley vernünftig reden. Das ägyptische Fieber hatte ihn so geschwächt, daß die Geschichte mit dem Fluch bei ihm zu einer fixen Idee geworden war. Wenn ich logisch mit ihm redete, konnte ich ihn vielleicht davon überzeugen, daß er nur an einer Halluzination litt. »Was kann der Fluch dir denn anhaben?« wiederholte ich.
Er sagte nicht gleich etwas. Und dann schien er sich die Worte abzuringen.
»Ich habe eine Mumie gestohlen«, sagte er mühsam. »Ich habe die Mumie einer Tempelgöttin gestohlen. Ich muß verrückt gewesen sein, als ich es getan habe. In dem Sarg waren Gold und Juwelen – und der geschriebene Fluch. Ich habe jetzt beides – die Mumie und den Fluch.«
Ich starrte ihn an und wußte, daß er in diesem Fall die Wahrheit sagte.
»Darum mußte ich meinen Posten niederlegen. Ich habe die Mumie gestohlen, und ich bin verflucht. Ich habe es nicht geglaubt, aber die kriechenden Wesen sind genauso erschienen, wie es die Inschrift verkündet hat.
Zuerst dachte ich, der Fluch besagte, daß die Käfer überall dorthin gehen, wo auch ich hingehe, daß sie mich verfolgen und daß sie mich dadurch für immer von den Menschen fernhalten. Aber seit kurzem denke ich anders über den Fluch. Ich habe das Gefühl, daß die Käfer die Funktion von Rächern haben, die mich umbringen wollen.«
Das war ein haarsträubender Unsinn.
»Ich habe mich seitdem nicht getraut, den Kasten mit der Mumie aufzumachen. Ich habe Angst, die Inschrift noch einmal zu lesen. Der Kasten befindet sich hier im Hause, aber ich habe ihn abgeschlossen, und ich werde ihn dir nicht zeigen.
Ich möchte ihn verbrennen, aber ich darf ihn auch nicht aus der Hand geben. Er ist in gewisser Weise der Beweis dafür, daß ich nicht verrückt bin. Und wenn diese Biester mich umbringen …«
»Hör mit diesem Unsinn auf«, brüllte ich ihn an. Ich holte tief Luft, und dann legte ich los. Ich kann heute nicht mehr sagen, welche Worte ich gebrauchte, aber ich weiß genau, daß es einige herzerfrischende Dinge waren. Als ich schließlich fertig war, setzte er ein Märtyrerlächeln auf.
»Täuschungen? Nein, die Käfer sind keine Einbildung. Aber wo kommen sie her? Ich kann nicht ein einziges Loch in der Wand finden. Und trotzdem kommen sie jede Nacht in mein Schlafzimmer, kriechen an meinem Bett hoch und wollen an mein Gesicht heran. Diese schwarzen kriechenden Biester, die nur ein paar Zentimeter lang sind, kommen zu Hunderten. Ich fege sie beiseite. Doch sobald ich einschlafe, kommen sie wieder. Sie sind sehr schlau und schnell. Ich habe noch nie einen Käfer erwischen können. Sie scheinen genau zu wissen, wie es um mich steht – oder die Macht, die sie schickt, weiß es …
Sie kommen Nacht für Nacht aus der Hölle gekrochen. Ich kann das nicht mehr aushalten. Eines Abends werde ich einschlafen. Dann werden sie über mein Gesicht kriechen und dann …«
Er sprang plötzlich auf seine Füße und schrie.
»Da – da – die Ecke – direkt aus der Wand.«
Schwarze Schatten bewegten sich.
Ich sah einen Fleck und glaubte das Rascheln von kriechenden Wesen zu hören.
Hartley schluchzte trocken.
Ich drehte das elektrische Licht an. Wie nicht anders zu erwarten, war nichts von seinen Käfern zu sehen. Ich blickte ihn wortlos an und verließ ihn dann sehr plötzlich. Hartley saß zusammengesunken auf dem Stuhl und stützte seinen Kopf in die Hände.
Ich ging auf der Stelle zu meinem Freund, Doktor Sherman.
Die Diagnose, die er stellte, war genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte. Neurose und Halluzinationen. Hartleys Schuldkomplex wegen der gestohlenen Mumie ließ ihn nicht los. Das Resultat war, daß er sich einbildete, Käfer zu sehen, die ihn verfolgten.
Sherman sagte in der Geheimsprache der Ärzte noch einiges mehr, aber im Grunde handelte es sich um diese kurze Diagnose. Wir riefen dann zusammen in dem Institut an, in dem Hartley gearbeitet hatte. Sie konnten die ganze Geschichte bestätigen, denn sie wußten inzwischen auch, daß Hartley eine Mumie gestohlen hatte. Sherman hatte noch eine Verabredung, aber er wollte sich um zehn Uhr mit mir treffen, und dann wollten wir gemeinsam zu Hartley gehen. Ich hatte auf diesem zweiten Besuch bei Hartley bestanden, denn ich hatte das Gefühl, daß keine Zeit mehr zu verlieren wäre. Vielleicht sah ich auch zu schwarz, aber diese seltsame Nachmittagssitzung hatte mich aus der Ruhe gebracht.
Ich verbrachte die frühen Abendstunden in einer entnervenden Ruhelosigkeit. Meine Gedanken gingen ständig im Kreise. Vielleicht wirkten sich alle sogenannten ›Ägyptischen Flüche‹ so wie bei Hartley aus. Der Schuldkomplex trieb die Grabschänder so weit, daß sie Schatten zu sehen glaubten, die sie bestraften. Sie hatten Halluzinationen von einer Vergeltung, die sie vielleicht in den Selbstmord treiben konnten. Darum hatte ich auch alles darangesetzt, daß Sherman Hartley gleich heute aufsuchte. Mich ließ der Gedanke an Selbstmord seit dem heutigen Nachmittag nicht los. Denn wenn ein Mann jemals am Rand eines vollständigen Zusammenbruchs stand, dann war es gewiß Arthur Hartley.
Es wurde allerdings elf Uhr, ehe Sherman und ich vor Hartleys Tür standen und läuteten.
Nichts rührte sich!
Wir standen im dunklen Treppenhaus und schauten uns nicht an. Nach einem zweiten vergeblichen Läuten hämmerte ich mit den Fäusten an die Tür. Als sich auch daraufhin nichts rührte, bekam ich es mit der Angst zu tun und entschloß mich, meinen Dietrich zu benutzen.
Ich glaube, der Zweck heiligt die Mittel.
Wir traten ein.
Das Wohnzimmer war leer. Nichts hatte sich seit dem Nachmittag verändert. Ich konnte das mühelos feststellen, denn alle Lampen brannten, und die Kerzenreste glommen noch.
Der scharfe Geruch des Insektenpulvers drang in unsere Nasen; der ganze Fußboden war mit einer weißen Schicht bedeckt.
Wir machten uns natürlich bemerkbar, ehe wir das Schlafzimmer betraten. Der Raum war dunkel und – wie ich glaubte – leer, aber als ich das Licht anschaltete, fiel mein Blick auf die zusammengekrümmte Gestalt unter der Bettdecke. Es war Arthur Hartley. Ich brauchte kein zweites Mal hinzuschauen, um festzustellen, daß sein weißes Gesicht vom Tod verzerrt war.
Hier in diesem Raum roch es am stärksten nach Insektenpulver und brennendem Weihrauch. Und trotzdem war hier noch ein anderer Geruch, ein modriger Geruch, wie ihn oft Tiere an sich haben.
»Was sollen wir machen?« fragte ich.
»Ich werde hinuntergehen und die Polizei anrufen«, sagte er. »Rühren Sie nichts an.«
Als er davoneilte, ging ich auch aus dem Schlafzimmer. Ich fühlte, wie sich mein Magen umdrehte. Der Ausdruck auf Hartleys Gesicht hatte mich so erschreckt, daß ich es nicht übers Herz brachte, seinen Körper zu untersuchen. Selbstmord – Mord – Herzanfall – ich wollte nicht einmal wissen, auf welche Art mein Freund gestorben war. Der Gedanke war zu schrecklich, daß wir zu spät gekommen waren.
Als ich aus dem Schlafzimmer kam, schlug mir der widerliche Gestank verstärkt entgegen. Und auf einmal wußte ich, was das für ein Geruch war. Käfer!
Aber wie sollten hier Käfer hergekommen sein? Das Ganze hatte sich der arme Hartley doch nur eingebildet. Und selbst dessen verwirrter Geist hatte festgestellt, daß die Wände keine Löcher hatten, durch die die Käfer kriechen konnten.
Aber der Gestank wurde immer stärker! Als ich ihm nachging, führte er mich zu dem zweiten Schlafzimmer. Ich brach die Tür auf.
Die Kiste mit der Mumie lag auf dem Bett. Hartley hatte gesagt, er hätte die Mumie hier eingeschlossen. Der Deckel der Kiste war zwar zugeklappt, aber nicht abgeschlossen.
Ich öffnete ihn. An den Seiten waren Inschriften. Eine davon mußte der Fluch des Skarabäus sein. Ich weiß es nicht, denn ich starrte auf die schauerliche, unbedeckte Gestalt, die in der Kiste lag. Es war eine vertrocknete Mumie. Es war nichts weiter als eine leblose Hülle mit einem großen Loch im Bauch. Als ich in das Loch schaute, konnte ich undeutlich ein paar kleine schwarze Tiere mit großen Fühlern erkennen. Sie schreckten vor dem Licht zurück, aber ich konnte gerade noch das heilige Zeichen auf ihren Rückenpanzern sehen.
Hier war das Geheimnis des Fluches!
Das Innere der Mumie hatte die Käfer beherbergt. Sie hatten das Loch in den toten Körper hineingefressen und dann dort genistet. Und sobald die Nacht heranbrach, krochen sie aus ihrem Unterschlupf hervor.
Es stimmte also!
Mich überfiel ein schrecklicher Gedanke. Ich schrie auf und raste in Hartleys Schlafzimmer. Ich hörte auf der Treppe polternde Schritte. Das mußte die Polizei sein. Aber ich konnte nicht warten. Mein Herz zog sich vor Grauen zusammen.
Sollte Hartleys ganze Geschichte stimmen? Sollten die Käfer vielleicht eine göttliche Rache ausüben?
Ich beugte mich über sein Bett und tastete mit bebenden Händen den gekrümmten Körper ab. Ich suchte eine Wunde, denn ich mußte wissen, wie er gestorben war.
Aber ich entdeckte kein Blut, keine Wunde, keine Waffe neben ihm. Also mußte doch ein Herzschlag seinem Leben ein Ende gesetzt haben. Dieser Gedanke erleichterte mich seltsamerweise. Ich richtete mich auf und ließ den Körper meines Freundes in die Kissen zurücksinken.
Während meine Hände den Körper abgetastet hatten, waren meine Augen im Zimmer umhergeschweift. Ich suchte die Käfer. Hartley hatte die Käfer, die aus der Mumie herauskrochen, so sehr gefürchtet. Sie waren nach seinen Worten Nacht für Nacht in dieses Zimmer gekommen, an dem Bett hochgeklettert und über die Kissen gekrochen.
Wo waren sie jetzt? Sie hatten die Mumie verlassen und waren verschwunden, und Hartley war tot. Wo also waren sie jetzt?
Ich schaute plötzlich wieder auf Hartley. Irgend etwas stimmte mit der Leiche nicht. Mich überfiel plötzlich die Erkenntnis, daß der Körper, den ich eben hochgehoben hatte, viel zu leicht für einen ausgewachsenen Mann war. Ich schaute nachdenklich in sein verzerrtes Gesicht.
Auf einmal zuckte ich zusammen und glaubte meinen Augen nicht zu trauen.
Irgend etwas ging in dem Körper vor.
Seine Brust schien sich schwach zu heben und zu senken. Und plötzlich fiel sein Kopf mit einem Ruck zur Seite.
Er lebte – oder irgend etwas in ihm lebte!
Als sich jetzt sein verzerrtes Gesicht bewegte, schrie ich wie ein Wahnsinniger. Ich wußte auf einmal, wie Hartley gestorben war und was ihn getötet hatte. Ich erkannte die Auslegung des Fluches und wußte, warum die Käfer die Mumie verlassen hatten, um sein Bett zu suchen. Ich wußte, was sie erreichen wollten und was sie heute durchgeführt hatten.
Als ich Hartleys Gesicht sah, schrie ich so laut, daß ich hoffte, meine Stimme könnte das grauenhafte Rascheln, das den Raum erfüllte und aus Hartleys Körper kam, übertönen.
Ich wußte, daß ihn der Fluch des Skarabäus getötet hatte.
Als ich sein Mund langsam öffnete, schrie ich, und mein Schreien hatte nichts Menschliches mehr an sich. In dem Augenblick, als ich ohnmächtig wurde, sah ich gerade noch, wie Arthur Hartleys tote Lippen sich öffneten und einen Schwarm schwarzer Skarabäuskäfer ausspuckten, die eilig über das Kissen krochen.
ENDE