Die Käfer

 

Als Hart­ley aus Ägyp­ten zu­rück­ge­kehrt war, stell­ten sei­ne Freun­de fest, daß er sich ver­än­dert hat­te. Es war nicht so leicht her­aus­zu­fin­den, worin die­se Ver­än­de­rung lag, denn al­le sei­ne Be­kann­ten be­ka­men ihn nur sehr flüch­tig zu Ge­sicht. Er tauch­te ein­mal kurz im Klub auf und zog sich dann in die Ab­ge­schie­den­heit sei­ner Woh­nung zu­rück. Er be­nahm sich so ab­wei­send, fast feind­se­lig ge­sinnt, daß nur ein paar al­te Freun­de den Ver­such un­ter­nah­men, ihn zu be­su­chen. Aber auch die muß­ten un­ver­rich­te­ter Din­ge wie­der ab­zie­hen, denn er mach­te die Tür nicht auf.

Durch die­ses selt­sa­me Be­neh­men kam er sehr ins Ge­re­de. Ei­ni­ge Ge­rüch­te mach­ten die Run­de. Die, die Ar­thur Hart­ley aus der Zeit vor sei­ner Ex­pe­di­ti­on her kann­ten, stan­den sei­ner dras­ti­schen Ver­än­de­rung völ­lig fas­sungs­los ge­gen­über. Hart­ley war als klu­ger Ge­lehr­ter und als bahn­bre­chen­der Ein­zel­gän­ger auf dem Ge­biet der Ar­chäo­lo­gie be­kannt. Aber ab­ge­se­hen da­von war er ei­ne un­ge­mein char­man­te Per­sön­lich­keit. Ihn um­gab das Flui­dum des Welt­man­nes, über das er sich mit ge­konn­ten Wit­zen sel­ber lus­tig mach­te. Er war der Typ des Man­nes, der im rich­ti­gen Mo­ment den rich­ti­gen Wein be­stell­te und gleich­zei­tig grins­te, als wä­re er dar­über ge­nau­so er­staunt wie sei­ne Gäs­te des Abends. Sei­ne Freun­de wa­ren von Hart­leys ge­sell­schaft­li­cher Si­cher­heit, die er nicht groß­ar­tig zur Schau stell­te, sehr an­ge­tan. Er über­trug die­se Art, mit sei­nem Wis­sen nicht zu prot­zen, auch auf sei­ne Ar­beit. Ob­wohl je­der wuß­te, wie sehr er sich für die Ar­chäo­lo­gie in­ter­es­sier­te und einen Na­men auf die­sem Ge­biet hat­te, brach­te er es fer­tig, von sei­nen Stu­di­en als ei­nem ›Her­um­spie­len mit al­ten aus­ge­bud­del­ten Stei­nen‹ zu spre­chen.

Dem­zu­fol­ge war sein selt­sa­mes Be­neh­men nach der Ex­pe­di­ti­on für al­le ein völ­li­ges Rät­sel.

Das ein­zi­ge, was al­le mit Be­stimmt­heit wuß­ten, war, daß er acht Mo­na­te lang in Ägyp­ten ge­we­sen war. Gleich nach sei­ner Rück­kehr hat­te er al­le Ver­bin­dun­gen zu dem In­sti­tut, für das er ge­ar­bei­tet hat­te, ab­ge­bro­chen. Al­les, was sich auf die­ser Ex­pe­di­ti­on zu­ge­tra­gen ha­ben soll­te, war nichts wei­ter als Mut­ma­ßun­gen sei­ner al­ten Freun­de. Aber daß sich et­was zu­ge­tra­gen hat­te, dar­über konn­te kein Zwei­fel be­ste­hen.

Der Abend, an dem er im Klub war, hat­te es be­wie­sen. Er war lei­se her­ein­ge­kom­men – viel zu lei­se. Hart­ley ge­hör­te zu den Leu­ten, die nor­ma­ler­wei­se nicht einen Raum be­tre­ten, son­dern einen Auf­tritt ha­ben. Sein großer, schlan­ker Wuchs, sein Abend­an­zug, der so ta­del­los saß, wie man es sonst nur in Mo­de­zeit­schrif­ten sah, sei­ne Lö­wen­mäh­ne mit den sil­ber­grau­en Haar­sträh­nen: Das al­les wa­ren At­tri­bu­te, die nicht zu über­se­hen wa­ren. Er konn­te über­all als Mann von Welt gel­ten oder als ein Zau­ber­künst­ler, der auf das Stich­wort war­tet, um die Büh­ne zu be­tre­ten. An die­sem Abend hat­te er die Klubräu­me still und be­schei­den be­tre­ten. Er trug zwar wie im­mer einen Abend­an­zug, aber sei­ne Schul­tern hin­gen, und sein Gang hat­te je­de Elas­ti­zi­tät ver­lo­ren. Sei­ne Haa­re wa­ren grau­er ge­wor­den und fie­len wirr über sei­ne ge­bräun­te Stirn. Sein Ge­sicht hat­te trotz der Bräu­ne der ägyp­ti­schen Son­ne einen krank­haf­ten An­strich. Sei­ne Au­gen wan­der­ten un­s­tet um­her. Sein Ge­sicht schi­en die Form ver­lo­ren zu ha­ben; sei­ne Mund­win­kel hin­gen her­ab.

Er grüß­te nie­man­den und setz­te sich al­lein an einen Tisch. Sei­ne al­ten Freun­de gin­gen na­tür­lich zu ihm hin und re­de­ten mit ihm. Aber er bat kei­nen, an sei­nem Tisch Platz zu neh­men. Das Selt­sa­me war, daß auch kei­ner von ih­nen dar­auf be­stand, was sie nor­ma­ler­wei­se lär­mend ge­tan hät­ten. Sie hät­ten sich mit ei­ner Selbst­ver­ständ­lich­keit un­auf­ge­for­dert ne­ben ihn ge­setzt, um ihn aus sei­ner trü­ben Stim­mung zu rei­ßen. Und sie wuß­ten aus Er­fah­rung, daß das bei ihm sehr ein­fach war. Trotz­dem wand­ten sich an die­sem Abend al­le, nach­dem sie ein paar Wor­te mit Hart­ley ge­spro­chen hat­ten, wie­der ab.

Sie fühl­ten schon da­mals, daß ir­gend et­was mit Hart­ley nicht stimm­te. Ei­ni­ge wa­ren der Mei­nung, daß Hart­ley viel­leicht noch im­mer an ei­ner furcht­ba­ren Krank­heit litt, die er sich in Ägyp­ten zu­ge­zo­gen hat­te. Aber ich bin über­zeugt da­von, daß sie das im Grun­de ih­res Her­zens selbst nicht glaub­ten. Al­le, die ihn ge­se­hen hat­ten, mach­ten einen reich­lich ver­stör­ten Ein­druck und schie­nen das nicht zu be­schrei­ben­de Frem­de, das von ihm aus­ging, zu spü­ren. Das war ein Ar­thur Hart­ley, den sie nie ge­kannt hat­ten. Das war ein al­ter Son­der­ling mit ei­ner quen­ge­li­gen Stim­me, der je­den miß­trau­isch an­schau­te, der ihn nach sei­ner Rei­se be­frag­te. Er war wirk­lich ein Son­der­ling, denn er schi­en nicht ein­mal die Leu­te, die ihn grüß­ten, zu er­ken­nen. Und wenn er sie er­kann­te, ver­hielt er sich ab­strakt. Das ist in die­sem Zu­sam­men­hang ein selt­sa­mes Wort; aber wie soll­te man es sonst be­zeich­nen, wenn ein al­ter Freund, der ihn trifft, ei­nem schwei­gen­den Mann ge­gen­über­steht, des­sen Au­gen so un­ver­wandt ins Lee­re star­ren, als er­bli­cke er in der Fer­ne ein Grau­en, vor dem er sich fürch­tet? Es war et­was Selt­sa­mes, was sie al­le bei Hart­ley ent­deck­ten. Er hat­te Angst. Furcht las­te­te auf sei­nen hän­gen­den Schul­tern. Furcht ließ sei­ne Wan­gen ein­fal­len und rief das Miß­trau­en in sei­ner Stim­me her­vor. Furcht grins­te aus die­sen Au­gen, die ins Lee­re starr­ten. Als ich von dem al­len er­fuhr, mach­te ich mich auf, um Ar­thur Hart­ley in sei­ner Woh­nung zu be­su­chen. Die an­de­ren hat­ten mir von ih­ren Be­mü­hun­gen er­zählt, in der Wo­che nach sei­nem Er­schei­nen im Klub Ein­laß in sei­ne Woh­nung zu fin­den. Sie sag­ten, daß er die Tür nicht auf­ge­macht hät­te, und be­klag­ten sich dar­über, daß er das Te­le­fon ab­ge­stellt hat­te. Aber ich war über­zeugt, daß das et­was mit sei­ner Furcht zu tun ha­ben muß­te.

Ich woll­te Hart­ley nicht fal­len­las­sen. Ers­tens war ich ein ziem­lich gu­ter Freund von ihm, und zwei­tens muß ich ge­ste­hen, daß ich hin­ter al­le­dem ein Ge­heim­nis wit­ter­te. Aus die­sen bei­den Grün­den wur­de das Ver­lan­gen, ihn zu se­hen, un­wi­der­steh­lich. Ei­nes Nach­mit­tags ging ich zu sei­ner Woh­nung hin­auf und läu­te­te.

Nichts rühr­te sich. Ich trat dicht an die Tür her­an, um viel­leicht Schrit­te oder ein an­de­res Le­bens­zei­chen von drin­nen zu hö­ren. Nichts rühr­te sich. Es war ab­so­lut still. Mir kam der flüch­ti­ge Ge­dan­ke an Selbst­mord, aber dann ver­scheuch­te ich mei­ne auf­kom­men­de Angst mit ei­nem La­chen. Das war blan­ker Un­sinn – aber auf der an­de­ren Sei­te wa­ren al­le, die Hart­ley ge­se­hen oder mit ihm ge­spro­chen hat­ten, ei­ner Mei­nung, was sei­nen Geis­tes­zu­stand an­ging. Und wenn al­le den glei­chen Ein­druck von Hart­ley hat­ten, wa­ren mei­ne Be­fürch­tun­gen viel­leicht nicht ganz so un­ge­recht­fer­tigt. Je­doch Selbst­mord …

Ich läu­te­te noch ein­mal. Es war mehr ei­ne Ges­te als ein zwei­ter Ver­such. Dann dreh­te ich mich um und ging die Trep­pe hin­un­ter. Ich er­in­ne­re mich, daß ich ei­ne ge­wis­se un­er­klär­li­che Er­leich­te­rung ver­spür­te, als ich mich ent­fern­te. Der Ge­dan­ke an Selbst­mord hat­te mir ein Un­be­ha­gen ein­ge­flö­ßt.

Als ich die Haus­tür er­reich­te und sie öff­ne­te, hör­te ich ein Ge­räusch hin­ter mir. Ich dreh­te mich um und sah Hart­ley auf der Trep­pe.

Ich sah ihn zum ers­ten­mal nach sei­ner Rück­kehr aus Ägyp­ten, und er mach­te in dem schum­me­ri­gen Trep­pen­haus einen ge­spens­ti­schen Ein­druck auf mich. Er sah be­jam­merns­wert aus. Sein Kopf war ge­senkt. Er blick­te erst auf, als ich ihn grüß­te. Sein Blick ver­setz­te mir einen Schock. Sei­ne Au­gen la­gen tief in den Höh­len. Er starr­te mich zu To­de er­schro­cken an. Vor mir stand nicht der Hart­ley, den ich kann­te, son­dern ein Frem­der – ein ge­hetz­ter Frem­der.

Er trug einen ver­schlis­se­nen Man­tel, der um sei­ne ma­ge­re Ge­stalt schlot­ter­te. Ich sah, daß er un­ter dem Arm ein großes, in brau­nes Pa­pier gehüll­tes Bün­del trug.

Ich sag­te ir­gend et­was, aber ich weiß nicht mehr, was. Ich weiß nur noch, wie schwer es mir fiel, mein Er­schre­cken über sein Aus­se­hen zu ver­ber­gen. Ich glau­be aber, daß ich von ei­ner pe­ne­tran­ten Höf­lich­keit und Herz­lich­keit war, denn ich be­fürch­te­te, daß er mir je­den Au­gen­blick den Rücken zu­wen­den und, oh­ne mit mir zu re­den, in sei­ne Woh­nung zu­rück­ge­hen wür­de. Ge­gen so viel Herz­lich­keit war er macht­los, und er konn­te schließ­lich nicht um­hin, mich in sei­ne Woh­nung zu bit­ten.

Als wir ein­ge­tre­ten wa­ren, be­merk­te ich, daß er die Tür zwei­mal hin­ter uns ab­schloß. Die­se Hand­lung be­wies mir, wie sehr er sich ver­än­dert hat­te. In al­ten Zei­ten hat­te Hart­ley im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes ein of­fe­nes Haus ge­führt. Es konn­te sein, daß ihn die Ar­beit län­ger im In­sti­tut auf­hielt, aber ein un­er­war­te­ter Be­su­cher fand sei­ne Tür im­mer weit of­fen. Und jetzt ver­schloß er sie dop­pelt!

Ich sah mich su­chend in der Woh­nung, um. Ich kann nicht sa­gen, was ich zu se­hen er­war­te­te, aber ich war dar­auf vor­be­rei­tet, ir­gend et­was zu ent­de­cken, was Hart­leys Ver­än­de­rung er­klä­ren könn­te. Nichts der­glei­chen. Die Mö­bel stan­den an der­sel­ben Stel­le, und die Bil­der hin­gen noch an den Wän­den. Die lee­ren Bü­cher­kis­ten wa­ren noch in ei­ner Ecke auf­ge­sta­pelt.

Hart­ley ent­schul­dig­te sich und ver­schwand im Schlaf­zim­mer. Als er sich sei­nes Man­tels ent­le­digt hat­te, kam er zu­rück. Ehe er Platz nahm, ging er zum Ka­min­sims und zün­de­te vor ei­ner klei­nen Bron­ze­fi­gur, die Ho­rus dar­stell­te, ein Streich­holz an. Se­kun­den spä­ter fühl­te ich mich in ein exo­ti­sches Mär­chen ver­setzt, denn vor der klei­nen Fi­gur er­hob sich ei­ne di­cke graue Rauch­spi­ra­le, und ich wur­de von dem bei­ßen­den Weih­rauch­duft fast ein­ge­ne­belt.

Das war das ers­te Rät­sel, das et­was mit Hart­leys Ver­än­de­rung zu tun ha­ben muß­te, dach­te ich. Ich war un­be­wußt in die Rol­le ei­nes De­tek­tivs ver­fal­len, der nach An­halts­punk­ten sucht – oder viel­leicht auch in die ei­nes Psych­ia­ters, der bei sei­nem Pa­ti­en­ten fie­ber­haft nach psy­cho­neu­ro­ti­schen Nei­gun­gen fahn­det. Und der Weih­rauch war zwei­fel­los für den Ar­thur Hart­ley, den ich kann­te, et­was Frem­des.

»Das be­sei­tigt den Ge­ruch«, be­merk­te er.

Ich frag­te we­der ›wel­chen Ge­ruch‹, noch er­kun­dig­te ich mich nach sei­ner Rei­se, noch nach dem Grund, wes­halb er mei­ne Kor­re­spon­denz, nach­dem er Khar­toum ver­las­sen hat­te, nicht mehr be­ant­wor­tet hat­te, noch warum er mir in der Wo­che nach sei­ner Rück­kehr aus dem We­ge ge­gan­gen war. Statt des­sen ließ ich ihn re­den.

Zu­erst ein­mal sag­te er gar nichts. Dann brach­te er ein paar be­lang­lo­se un­zu­sam­men­hän­gen­de Sät­ze her­vor, die sei­ne geis­ti­ge Ab­we­sen­heit deut­lich kenn­zeich­ne­ten. Er er­zähl­te mir, daß er sei­nen Pos­ten auf­ge­ge­ben hät­te, und deu­te­te an, daß er viel­leicht in Kür­ze die Stadt ver­las­sen und zu sei­ner Fa­mi­lie aufs Land zie­hen wür­de. Er wä­re krank ge­we­sen. Ägyp­ten und sei­ne be­grenz­ten Mög­lich­kei­ten hät­ten ihn ent­täuscht. Er haß­te die Dun­kel­heit, und die Heu­schre­cken­pla­ge in Kan­sas hät­te sich ver­grö­ßert.

Sei­ne Re­de war schon mehr als wirr.

Aber jetzt war mir al­les klar: Ar­thur Hart­ley war ver­rückt. ›Die be­grenz­ten Mög­lich­kei­ten Ägyp­tens‹, ›Ich has­se die Dun­kel­heit‹, ›Die Heu­schre­cken­pla­ge von Kan­sas‹.

Aber ich sag­te nichts und schau­te ihm schwei­gend zu, als er jetzt die großen Ker­zen im Zim­mer an­zün­de­te. Ich blick­te ihn durch die Weih­rauch­wol­ken hin­durch schwei­gend an. Der Ker­zen­schein fiel auf sei­ne zu­cken­den Ge­sichts­zü­ge.

Dann brach er zu­sam­men.

»Du bist mein Freund«, sag­te er, aber es klang wie ei­ne Fra­ge. In sei­ner Stim­me lag so­viel Ver­zweif­lung und ängst­li­ches Miß­trau­en, daß mich plötz­lich das Mit­leid mit ihm pack­te. Es war schreck­lich, Zeu­ge sei­ner Geis­tes­ge­stört­heit zu sein. Trotz­dem nick­te ich ernst­haft.

»Du bist mein Freund«, wie­der­hol­te er, und jetzt klan­gen sei­ne Wor­te wie ei­ne Fest­stel­lung. Er hol­te tief Luft und schi­en sich zu ei­nem Ent­schluß durch­ge­run­gen zu ha­ben.

»Weißt du, was in dem großen Bün­del war, das ich un­ter dem Arm hat­te?« frag­te er plötz­lich.

»Nein.«

»Ich will es dir sa­gen: In­sek­ten­pul­ver! Ge­nau das: In­sek­ten­pul­ver!«

Sei­ne Au­gen flamm­ten so tri­um­phie­rend auf, daß mich das kal­te Grau­en pack­te.

»Ich bin seit ei­ner Wo­che nicht aus dem Haus ge­gan­gen. Ich darf die Pla­ge nicht ver­brei­ten. Sie fol­gen mir, mußt du wis­sen. Aber heu­te hat­te ich die Idee. Sie ist so sim­pel, daß ich mich fra­ge, wie­so sie mir nicht frü­her ein­ge­fal­len ist. Ich bin aus­ge­gan­gen und ha­be In­sek­ten­pul­ver ge­kauft. Pfund­wei­se. Dann ha­be ich mir auch noch flüs­si­ges In­sek­ten­gift be­sorgt. Das ist ei­ne be­son­de­re Mi­schung, die noch töd­li­cher als Ar­sen ist. Ich weiß, daß das ein sehr pro­sa­i­sches Mit­tel ist, aber viel­leicht kann ich da­mit die Mäch­te des Bö­sen aus­rot­ten.«

Ich nick­te wie ein Narr und über­leg­te, ob es mir ge­lin­gen wür­de, ihn noch heu­te abend fort­schaf­fen zu las­sen. Viel­leicht konn­te ich über mei­nen Freund, Dok­tor Sher­man …

»Jetzt sol­len sie kom­men. Es ist mei­ne letz­te Chan­ce … Der Weih­rauch hilft nicht, und selbst wenn ich das Licht bren­nen las­se, krie­chen sie in den Ecken her­um. Es ist ei­gent­lich ko­misch, daß das Holz noch nicht durch­lö­chert ist.«

»Was sagst du da?«

»Ent­schul­di­ge«, mur­mel­te Hart­ley, »ich ha­be ver­ges­sen, daß du da­von nichts weißt. Ich re­de von der Pla­ge. Und dem Fluch.« Er beug­te sich vor, und die Schat­ten, die sei­ne wei­ßen Hän­de auf die Wand war­fen, gli­chen Po­ly­pen. »Zu­erst ha­be ich dar­über ge­lacht«, fuhr er fort. »Die Ar­chäo­lo­gie ist nicht ge­ra­de ei­ne Wis­sen­schaft, die sich mit dem Aber­glau­ben be­faßt. Und Flü­che, die über al­te Rui­nen und brü­chi­ge Sta­tu­en ver­hängt sein sol­len, ha­ben mich nie son­der­lich in­ter­es­siert. Aber die Ägyp­to­lo­gie – das ist et­was an­de­res. Die­se mensch­li­chen Kör­per da … Es sind zwar Mu­mi­en, aber ir­gend­wie doch noch mensch­lich. Die al­ten Ägyp­ter wa­ren schon ein be­acht­li­ches Volk! Sie kann­ten be­reits wis­sen­schaft­li­che Ge­heim­nis­se, die wir heu­te noch nicht ganz er­grün­det ha­ben. Und wir ken­nen selbst­ver­ständ­lich nicht ih­re Be­grif­fe der My­tho­lo­gie.«

Aha! Da lag al­so der Hund be­gra­ben! Ich hör­te ge­spannt zu.

»Ich ha­be auf die­ser letz­ten Rei­se viel ge­lernt. Wir hat­ten uns an die Aus­gra­bung kürz­lich ent­deck­ter Grä­ber ge­macht. Sie stamm­ten aus der Zeit der al­ten Dy­nas­ti­en und hat­ten na­tür­lich ih­re be­son­de­re re­li­gi­öse Be­deu­tung. O ja, ich ken­ne al­le My­then aus die­ser Zei­te­po­che …

Wir mach­ten in die­sen Grä­bern groß­ar­ti­ge Fun­de. Wir konn­ten herr­li­che Ton­ge­fäße, gu­ter­hal­te­ne Schmuck­stücke ber­gen. Aber das kannst du al­les in dem Be­richt le­sen, der in Kür­ze über die Ex­pe­di­ti­on er­scheint. Wir fan­den dort auch Mu­mi­en. Ver­fluch­te Mu­mi­en.« Ich glaub­te jetzt zu wis­sen, was mit ihm los war.

»Und ich Narr ha­be et­was ge­tan, was ich nie hät­te tun dür­fen. Nicht aus ethi­schen Grün­den, son­dern aus an­de­ren, weit wich­ti­ge­ren Grün­den. Es sind Grün­de, die mich mei­ne See­le kos­ten kön­nen.« Ich muß­te mich zu­sam­men­rei­ßen und mir klar vor Au­gen hal­ten, daß er ver­rückt war. Denn sonst wä­re ich in der Dun­kel­heit des Zim­mers oh­ne wei­te­res be­reit ge­we­sen zu glau­ben, daß es ir­gend­ei­ne ge­hei­me Macht gab, die mei­nen Freund an den Rand des Zu­sam­men­bruchs ge­bracht hat­te.

»Ja, ich ha­be es ge­tan. Ich ha­be es ge­tan, ob­wohl ich den Fluch des Ska­ra­bä­us, des hei­li­gen Kä­fers, ge­le­sen hat­te. Wie konn­te ich auch ah­nen, daß die­ser Fluch wirk­lich zu­trifft. Ich glaub­te nicht dar­an. Kei­ner glaubt an sol­che Din­ge, bis sie ein­mal ein­tref­fen. Das ist eben­so wie mit dem Phä­no­men des To­des. Man liest über den Tod, weiß, daß er bei an­de­ren ein­tritt, und kann sich doch nicht vor­stel­len, daß man sel­ber ein­mal ster­ben muß … Ja, ge­nau­so ist es mit dem Fluch des Ska­ra­bä­us.«

Ich dach­te über den hei­li­gen Kä­fer von Ägyp­ten nach. Da­bei fie­len mir auch die sie­ben Pla­gen ein. Ich wuß­te, was er jetzt sa­gen wür­de . »Dann fuh­ren wir zu­rück. Ich ent­deck­te sie auf dem Schiff. Sie kro­chen je­de Nacht aus den Ecken her­vor. Wenn ich das Licht an­ma­ch­te, ver­schwan­den sie, aber so­bald ich ein­schla­fen woll­te, ka­men sie wie­der. Zu­erst zün­de­te ich Weih­rauch an. Als das nichts half, zog ich in ei­ne an­de­re Ka­bi­ne um. Aber sie folg­ten mir.

Ich wag­te mit kei­nem dar­über zu spre­chen. Die meis­ten mei­ner Freun­de hät­ten mich aus­ge­lacht, und die Ägyp­to­lo­gen in un­se­rer Grup­pe hät­ten mir auch nicht hel­fen kön­nen. Au­ßer­dem konn­te ich mein Ver­bre­chen nicht zu­ge­ben. So be­hielt ich mein schreck­li­ches Ge­heim­nis für mich.«

Sei­ne Stim­me hat­te sich in ein hei­se­res Flüs­tern ver­wan­delt.

»Es war die reins­te Höl­le. Als ich ei­nes Ta­ges sah, wie nachts an Bord die schwar­zen Bies­ter in mei­nem Es­sen her­um­kro­chen, ließ ich mir fort­an die Mahl­zei­ten im­mer in mei­ner Ka­bi­ne ser­vie­ren. Dort aß ich al­lein. Ich trau­te mich über­haupt nicht mehr, mit je­man­dem zu spre­chen, weil ich Angst hat­te, man könn­te die We­sen, die mich ver­folg­ten, be­mer­ken. Und sie folg­ten mir im­mer. Wenn ich über das Deck schlich, kro­chen sie hin­ter mir her. Sie ver­schwan­den nur beim Son­nen­licht oder beim An­blick ei­ner of­fe­nen Flam­me. Ich wur­de bei mei­nen Be­mü­hun­gen, ei­ne plau­si­ble Er­klä­rung für ih­re An­we­sen­heit auf dem Schiff zu fin­den, bald wahn­sin­nig. Ich such­te ei­ne Ant­wort auf die Fra­ge, wie sie auf das Schiff ge­kom­men wa­ren. Die Wahr­heit, die ich im Grun­de mei­nes Her­zens wuß­te, woll­te ich nicht wahr­ha­ben. Der Fluch hat­te sie an Bord ge­bracht! Als ich hier an­kam, ha­be ich so­fort mei­ne Ar­beit nie­der­ge­legt. Wenn mei­ne Schuld be­kannt­ge­wor­den wä­re, hät­te es so­wie­so einen Skan­dal ge­ge­ben. Al­so kün­dig­te ich lie­ber gleich. Au­ßer­dem kann ich mich so­wie­so auf kei­ne Ar­beit kon­zen­trie­ren, weil sie mich stän­dig ver­fol­gen. Ich ha­be Angst, je­man­dem ins Ge­sicht zu schau­en. Ich ha­be es na­tür­lich ver­sucht – aber es war hoff­nungs­los. Der Abend neu­lich im Klub war ei­ne Qual. Ich sah, wie sie über den Tep­pich lie­fen und an mei­nen Stuhl­bei­nen em­por­klet­ter­ten. Es hat mich über­mensch­li­che Ener­gi­en ge­kos­tet, nicht auf­zu­schrei­en und da­von­zu­lau­fen.

Nach die­sem Abend ha­be ich mei­ne Woh­nung nicht mehr ver­las­sen. Ich woll­te kei­nen Men­schen se­hen. Aber ehe ich ir­gend­wel­che Plä­ne für mei­ne Zu­kunft ma­chen kann, muß ich den Fluch, der auf mir las­tet, los­wer­den. Das ist das ein­zi­ge, was mir hel­fen kann.«

Ich woll­te ei­ne Be­mer­kung ma­chen, aber er wisch­te sie mit ei­ner Hand­be­we­gung bei­sei­te und fuhr ver­zwei­felt fort:

»Es hat auch kei­nen Zweck zu flie­hen. Sie wür­den mir über den Ozean ge­nau­so fol­gen wie jetzt über die Stra­ße. Ich könn­te mich ein­schlie­ßen, und sie wür­den sich doch den Weg zu mir bah­nen. Sie kom­men Nacht für Nacht und krie­chen an mei­nem Bett hoch. Ich muß wach­blei­ben, da­mit sie nicht an mein Ge­sicht kom­men … Aber wenn ich nicht bald ein­mal schla­fe, wer­de ich ver­rückt. Sie krie­chen nachts über mein Ge­sicht … sie krie­chen über mein Ge­sicht …«

Es war schreck­lich mit an­zu­se­hen, wie er die­se Wor­te zwi­schen den zu­sam­men­ge­preß­ten Zäh­nen her­vors­tieß und sich wie ein Wahn­sin­ni­ger be­müh­te, nicht die Kon­trol­le über sich zu ver­lie­ren.

»Viel­leicht tö­tet sie das In­sek­ten­pul­ver. Dar­an hät­te ich schon vor­her den­ken sol­len, aber mei­ne pa­ni­sche Angst hat mich völ­lig durch­ein­an­der ge­bracht. Aber jetzt set­ze ich mein gan­zes Ver­trau­en auf das In­sek­ten­pul­ver. Ist es nicht ein Witz, daß ich ge­gen einen jahr­tau­sen­dal­ten Fluch mit In­sek­ten­pul­ver an­ge­hen will?«

End­lich sag­te ich et­was: »Es sind Kä­fer, nicht wahr?«

Er nick­te. »Ja, Ska­ra­bä­en. Du kennst den Fluch. Den Mu­mi­en, die un­ter dem Schutz die­ser Kä­fer ste­hen, darf kei­ne Ge­walt an­ge­tan wer­den.«

Ja, ich kann­te den Fluch. Er war ei­ner der äl­tes­ten der Ge­schich­te und hat­te, wie al­le Le­gen­den, ein ewi­ges Le­ben. Aber viel­leicht ge­lang es mir, mit Hart­ley ver­nünf­tig zu re­den.

»Aber was kann der Fluch dir denn an­ha­ben?« frag­te ich. O ja, ich wür­de mit Hart­ley ver­nünf­tig re­den. Das ägyp­ti­sche Fie­ber hat­te ihn so ge­schwächt, daß die Ge­schich­te mit dem Fluch bei ihm zu ei­ner fi­xen Idee ge­wor­den war. Wenn ich lo­gisch mit ihm re­de­te, konn­te ich ihn viel­leicht da­von über­zeu­gen, daß er nur an ei­ner Hal­lu­zi­na­ti­on litt. »Was kann der Fluch dir denn an­ha­ben?« wie­der­hol­te ich.

Er sag­te nicht gleich et­was. Und dann schi­en er sich die Wor­te ab­zu­rin­gen.

»Ich ha­be ei­ne Mu­mie ge­stoh­len«, sag­te er müh­sam. »Ich ha­be die Mu­mie ei­ner Tem­pel­göt­tin ge­stoh­len. Ich muß ver­rückt ge­we­sen sein, als ich es ge­tan ha­be. In dem Sarg wa­ren Gold und Ju­we­len – und der ge­schrie­be­ne Fluch. Ich ha­be jetzt bei­des – die Mu­mie und den Fluch.«

Ich starr­te ihn an und wuß­te, daß er in die­sem Fall die Wahr­heit sag­te.

»Dar­um muß­te ich mei­nen Pos­ten nie­der­le­gen. Ich ha­be die Mu­mie ge­stoh­len, und ich bin ver­flucht. Ich ha­be es nicht ge­glaubt, aber die krie­chen­den We­sen sind ge­nau­so er­schie­nen, wie es die In­schrift ver­kün­det hat.

Zu­erst dach­te ich, der Fluch be­sag­te, daß die Kä­fer über­all dort­hin ge­hen, wo auch ich hin­ge­he, daß sie mich ver­fol­gen und daß sie mich da­durch für im­mer von den Men­schen fern­hal­ten. Aber seit kur­z­em den­ke ich an­ders über den Fluch. Ich ha­be das Ge­fühl, daß die Kä­fer die Funk­ti­on von Rä­chern ha­ben, die mich um­brin­gen wol­len.«

Das war ein haar­sträu­ben­der Un­sinn.

»Ich ha­be mich seit­dem nicht ge­traut, den Kas­ten mit der Mu­mie auf­zu­ma­chen. Ich ha­be Angst, die In­schrift noch ein­mal zu le­sen. Der Kas­ten be­fin­det sich hier im Hau­se, aber ich ha­be ihn ab­ge­schlos­sen, und ich wer­de ihn dir nicht zei­gen.

Ich möch­te ihn ver­bren­nen, aber ich darf ihn auch nicht aus der Hand ge­ben. Er ist in ge­wis­ser Wei­se der Be­weis da­für, daß ich nicht ver­rückt bin. Und wenn die­se Bies­ter mich um­brin­gen …«

»Hör mit die­sem Un­sinn auf«, brüll­te ich ihn an. Ich hol­te tief Luft, und dann leg­te ich los. Ich kann heu­te nicht mehr sa­gen, wel­che Wor­te ich ge­brauch­te, aber ich weiß ge­nau, daß es ei­ni­ge herz­er­fri­schen­de Din­ge wa­ren. Als ich schließ­lich fer­tig war, setz­te er ein Mär­ty­rer­lä­cheln auf.

»Täu­schun­gen? Nein, die Kä­fer sind kei­ne Ein­bil­dung. Aber wo kom­men sie her? Ich kann nicht ein ein­zi­ges Loch in der Wand fin­den. Und trotz­dem kom­men sie je­de Nacht in mein Schlaf­zim­mer, krie­chen an mei­nem Bett hoch und wol­len an mein Ge­sicht her­an. Die­se schwar­zen krie­chen­den Bies­ter, die nur ein paar Zen­ti­me­ter lang sind, kom­men zu Hun­der­ten. Ich fe­ge sie bei­sei­te. Doch so­bald ich ein­schla­fe, kom­men sie wie­der. Sie sind sehr schlau und schnell. Ich ha­be noch nie einen Kä­fer er­wi­schen kön­nen. Sie schei­nen ge­nau zu wis­sen, wie es um mich steht – oder die Macht, die sie schickt, weiß es …

Sie kom­men Nacht für Nacht aus der Höl­le ge­kro­chen. Ich kann das nicht mehr aus­hal­ten. Ei­nes Abends wer­de ich ein­schla­fen. Dann wer­den sie über mein Ge­sicht krie­chen und dann …«

Er sprang plötz­lich auf sei­ne Fü­ße und schrie.

»Da – da – die Ecke – di­rekt aus der Wand.«

Schwar­ze Schat­ten be­weg­ten sich.

Ich sah einen Fleck und glaub­te das Ra­scheln von krie­chen­den We­sen zu hö­ren.

Hart­ley schluchz­te tro­cken.

Ich dreh­te das elek­tri­sche Licht an. Wie nicht an­ders zu er­war­ten, war nichts von sei­nen Kä­fern zu se­hen. Ich blick­te ihn wort­los an und ver­ließ ihn dann sehr plötz­lich. Hart­ley saß zu­sam­men­ge­sun­ken auf dem Stuhl und stütz­te sei­nen Kopf in die Hän­de.

Ich ging auf der Stel­le zu mei­nem Freund, Dok­tor Sher­man.

Die Dia­gno­se, die er stell­te, war ge­nau­so, wie ich es mir vor­ge­stellt hat­te. Neu­ro­se und Hal­lu­zi­na­tio­nen. Hart­leys Schuld­kom­plex we­gen der ge­stoh­le­nen Mu­mie ließ ihn nicht los. Das Re­sul­tat war, daß er sich ein­bil­de­te, Kä­fer zu se­hen, die ihn ver­folg­ten.

Sher­man sag­te in der Ge­heim­spra­che der Ärz­te noch ei­ni­ges mehr, aber im Grun­de han­del­te es sich um die­se kur­ze Dia­gno­se. Wir rie­fen dann zu­sam­men in dem In­sti­tut an, in dem Hart­ley ge­ar­bei­tet hat­te. Sie konn­ten die gan­ze Ge­schich­te be­stä­ti­gen, denn sie wuß­ten in­zwi­schen auch, daß Hart­ley ei­ne Mu­mie ge­stoh­len hat­te. Sher­man hat­te noch ei­ne Ver­ab­re­dung, aber er woll­te sich um zehn Uhr mit mir tref­fen, und dann woll­ten wir ge­mein­sam zu Hart­ley ge­hen. Ich hat­te auf die­sem zwei­ten Be­such bei Hart­ley be­stan­den, denn ich hat­te das Ge­fühl, daß kei­ne Zeit mehr zu ver­lie­ren wä­re. Viel­leicht sah ich auch zu schwarz, aber die­se selt­sa­me Nach­mit­tags­sit­zung hat­te mich aus der Ru­he ge­bracht.

Ich ver­brach­te die frü­hen Abend­stun­den in ei­ner ent­ner­ven­den Ru­he­lo­sig­keit. Mei­ne Ge­dan­ken gin­gen stän­dig im Krei­se. Viel­leicht wirk­ten sich al­le so­ge­nann­ten ›Ägyp­ti­schen Flü­che‹ so wie bei Hart­ley aus. Der Schuld­kom­plex trieb die Grab­schän­der so weit, daß sie Schat­ten zu se­hen glaub­ten, die sie be­straf­ten. Sie hat­ten Hal­lu­zi­na­tio­nen von ei­ner Ver­gel­tung, die sie viel­leicht in den Selbst­mord trei­ben konn­ten. Dar­um hat­te ich auch al­les dar­an­ge­setzt, daß Sher­man Hart­ley gleich heu­te auf­such­te. Mich ließ der Ge­dan­ke an Selbst­mord seit dem heu­ti­gen Nach­mit­tag nicht los. Denn wenn ein Mann je­mals am Rand ei­nes voll­stän­di­gen Zu­sam­men­bruchs stand, dann war es ge­wiß Ar­thur Hart­ley.

Es wur­de al­ler­dings elf Uhr, ehe Sher­man und ich vor Hart­leys Tür stan­den und läu­te­ten.

Nichts rühr­te sich!

Wir stan­den im dunklen Trep­pen­haus und schau­ten uns nicht an. Nach ei­nem zwei­ten ver­geb­li­chen Läu­ten häm­mer­te ich mit den Fäus­ten an die Tür. Als sich auch dar­auf­hin nichts rühr­te, be­kam ich es mit der Angst zu tun und ent­schloß mich, mei­nen Diet­rich zu be­nut­zen.

Ich glau­be, der Zweck hei­ligt die Mit­tel.

Wir tra­ten ein.

Das Wohn­zim­mer war leer. Nichts hat­te sich seit dem Nach­mit­tag ver­än­dert. Ich konn­te das mü­he­los fest­stel­len, denn al­le Lam­pen brann­ten, und die Ker­zen­res­te glom­men noch.

Der schar­fe Ge­ruch des In­sek­ten­pul­vers drang in un­se­re Na­sen; der gan­ze Fuß­bo­den war mit ei­ner wei­ßen Schicht be­deckt.

Wir mach­ten uns na­tür­lich be­merk­bar, ehe wir das Schlaf­zim­mer be­tra­ten. Der Raum war dun­kel und – wie ich glaub­te – leer, aber als ich das Licht an­schal­te­te, fiel mein Blick auf die zu­sam­men­ge­krümm­te Ge­stalt un­ter der Bett­de­cke. Es war Ar­thur Hart­ley. Ich brauch­te kein zwei­tes Mal hin­zu­schau­en, um fest­zu­stel­len, daß sein wei­ßes Ge­sicht vom Tod ver­zerrt war.

Hier in die­sem Raum roch es am stärks­ten nach In­sek­ten­pul­ver und bren­nen­dem Weih­rauch. Und trotz­dem war hier noch ein an­de­rer Ge­ruch, ein mod­ri­ger Ge­ruch, wie ihn oft Tie­re an sich ha­ben.

»Was sol­len wir ma­chen?« frag­te ich.

»Ich wer­de hin­un­ter­ge­hen und die Po­li­zei an­ru­fen«, sag­te er. »Rüh­ren Sie nichts an.«

Als er da­vo­neil­te, ging ich auch aus dem Schlaf­zim­mer. Ich fühl­te, wie sich mein Ma­gen um­dreh­te. Der Aus­druck auf Hart­leys Ge­sicht hat­te mich so er­schreckt, daß ich es nicht übers Herz brach­te, sei­nen Kör­per zu un­ter­su­chen. Selbst­mord – Mord – Herz­an­fall – ich woll­te nicht ein­mal wis­sen, auf wel­che Art mein Freund ge­stor­ben war. Der Ge­dan­ke war zu schreck­lich, daß wir zu spät ge­kom­men wa­ren.

Als ich aus dem Schlaf­zim­mer kam, schlug mir der wi­der­li­che Ge­stank ver­stärkt ent­ge­gen. Und auf ein­mal wuß­te ich, was das für ein Ge­ruch war. Kä­fer!

Aber wie soll­ten hier Kä­fer her­ge­kom­men sein? Das Gan­ze hat­te sich der ar­me Hart­ley doch nur ein­ge­bil­det. Und selbst des­sen ver­wirr­ter Geist hat­te fest­ge­stellt, daß die Wän­de kei­ne Lö­cher hat­ten, durch die die Kä­fer krie­chen konn­ten.

Aber der Ge­stank wur­de im­mer stär­ker! Als ich ihm nach­ging, führ­te er mich zu dem zwei­ten Schlaf­zim­mer. Ich brach die Tür auf.

Die Kis­te mit der Mu­mie lag auf dem Bett. Hart­ley hat­te ge­sagt, er hät­te die Mu­mie hier ein­ge­schlos­sen. Der De­ckel der Kis­te war zwar zu­ge­klappt, aber nicht ab­ge­schlos­sen.

Ich öff­ne­te ihn. An den Sei­ten wa­ren In­schrif­ten. Ei­ne da­von muß­te der Fluch des Ska­ra­bä­us sein. Ich weiß es nicht, denn ich starr­te auf die schau­er­li­che, un­be­deck­te Ge­stalt, die in der Kis­te lag. Es war ei­ne ver­trock­ne­te Mu­mie. Es war nichts wei­ter als ei­ne leb­lo­se Hül­le mit ei­nem großen Loch im Bauch. Als ich in das Loch schau­te, konn­te ich un­deut­lich ein paar klei­ne schwar­ze Tie­re mit großen Füh­lern er­ken­nen. Sie schreck­ten vor dem Licht zu­rück, aber ich konn­te ge­ra­de noch das hei­li­ge Zei­chen auf ih­ren Rücken­pan­zern se­hen.

Hier war das Ge­heim­nis des Flu­ches!

Das In­ne­re der Mu­mie hat­te die Kä­fer be­her­bergt. Sie hat­ten das Loch in den to­ten Kör­per hin­ein­ge­fres­sen und dann dort ge­nis­tet. Und so­bald die Nacht her­an­brach, kro­chen sie aus ih­rem Un­ter­schlupf her­vor.

Es stimm­te al­so!

Mich über­fiel ein schreck­li­cher Ge­dan­ke. Ich schrie auf und ras­te in Hart­leys Schlaf­zim­mer. Ich hör­te auf der Trep­pe pol­tern­de Schrit­te. Das muß­te die Po­li­zei sein. Aber ich konn­te nicht war­ten. Mein Herz zog sich vor Grau­en zu­sam­men.

Soll­te Hart­leys gan­ze Ge­schich­te stim­men? Soll­ten die Kä­fer viel­leicht ei­ne gött­li­che Ra­che aus­üben?

Ich beug­te mich über sein Bett und tas­te­te mit be­ben­den Hän­den den ge­krümm­ten Kör­per ab. Ich such­te ei­ne Wun­de, denn ich muß­te wis­sen, wie er ge­stor­ben war.

Aber ich ent­deck­te kein Blut, kei­ne Wun­de, kei­ne Waf­fe ne­ben ihm. Al­so muß­te doch ein Herz­schlag sei­nem Le­ben ein En­de ge­setzt ha­ben. Die­ser Ge­dan­ke er­leich­ter­te mich selt­sa­mer­wei­se. Ich rich­te­te mich auf und ließ den Kör­per mei­nes Freun­des in die Kis­sen zu­rück­sin­ken.

Wäh­rend mei­ne Hän­de den Kör­per ab­ge­tas­tet hat­ten, wa­ren mei­ne Au­gen im Zim­mer um­her­ge­schweift. Ich such­te die Kä­fer. Hart­ley hat­te die Kä­fer, die aus der Mu­mie her­aus­kro­chen, so sehr ge­fürch­tet. Sie wa­ren nach sei­nen Wor­ten Nacht für Nacht in die­ses Zim­mer ge­kom­men, an dem Bett hoch­ge­klet­tert und über die Kis­sen ge­kro­chen.

Wo wa­ren sie jetzt? Sie hat­ten die Mu­mie ver­las­sen und wa­ren ver­schwun­den, und Hart­ley war tot. Wo al­so wa­ren sie jetzt?

Ich schau­te plötz­lich wie­der auf Hart­ley. Ir­gend et­was stimm­te mit der Lei­che nicht. Mich über­fiel plötz­lich die Er­kennt­nis, daß der Kör­per, den ich eben hoch­ge­ho­ben hat­te, viel zu leicht für einen aus­ge­wach­se­nen Mann war. Ich schau­te nach­denk­lich in sein ver­zerr­tes Ge­sicht.

Auf ein­mal zuck­te ich zu­sam­men und glaub­te mei­nen Au­gen nicht zu trau­en.

Ir­gend et­was ging in dem Kör­per vor.

Sei­ne Brust schi­en sich schwach zu he­ben und zu sen­ken. Und plötz­lich fiel sein Kopf mit ei­nem Ruck zur Sei­te.

Er leb­te – oder ir­gend et­was in ihm leb­te!

Als sich jetzt sein ver­zerr­tes Ge­sicht be­weg­te, schrie ich wie ein Wahn­sin­ni­ger. Ich wuß­te auf ein­mal, wie Hart­ley ge­stor­ben war und was ihn ge­tö­tet hat­te. Ich er­kann­te die Aus­le­gung des Flu­ches und wuß­te, warum die Kä­fer die Mu­mie ver­las­sen hat­ten, um sein Bett zu su­chen. Ich wuß­te, was sie er­rei­chen woll­ten und was sie heu­te durch­ge­führt hat­ten.

Als ich Hart­leys Ge­sicht sah, schrie ich so laut, daß ich hoff­te, mei­ne Stim­me könn­te das grau­en­haf­te Ra­scheln, das den Raum er­füll­te und aus Hart­leys Kör­per kam, über­tö­nen.

Ich wuß­te, daß ihn der Fluch des Ska­ra­bä­us ge­tö­tet hat­te.

Als ich sein Mund lang­sam öff­ne­te, schrie ich, und mein Schrei­en hat­te nichts Mensch­li­ches mehr an sich. In dem Au­gen­blick, als ich ohn­mäch­tig wur­de, sah ich ge­ra­de noch, wie Ar­thur Hart­leys to­te Lip­pen sich öff­ne­ten und einen Schwarm schwar­zer Ska­ra­bäus­kä­fer aus­spuck­ten, die ei­lig über das Kis­sen kro­chen.

 

 

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