Das Zeichen des Satyrs
Roger Talquist hatte immer gewußt, daß er eines Tages nach Griechenland zurückkehren würde. Diesen Plan hatte er schon in seiner Kindheit gefaßt und ihn auch in all den Jahren nie aufgegeben. Seit dem Tage, an dem ihn sein Vater wieder nach England auf die Schule geschickt hatte, hatte er die Schönheit der fremden Berge, die die Schäfer so oft besungen hatten, niemals vergessen können. Und als er später Archäologie studierte, interessierte ihn einzig und allein Griechenland. Er träumte von den purpurnen Hügeln und den Marmorruinen, die in den fahlen Glanz eines vollen, elfenbeinfarbenen Mondes getaucht waren.
Er mußte ganz einfach Griechenland wiedersehen!
Und als er eines Tages hörte, daß eine Gruppe Oxforder Akademiker an einem Tempel des Gottes Poseidon Ausgrabungen vornehmen wollte, schloß er sich impulsiv der Expedition in das Land seiner Kindheit an.
Sobald er jedoch an Ort und Stelle war, erlahmte sein Interesse an der wissenschaftlichen Arbeit. Er erfüllte die ihm zugeteilten Pflichten routinemäßig und ohne große Begeisterung.
Aber in seiner Freizeit lebte er auf! Er nutzte jede freie Stunde aus und durchstreifte das wilde Land hinter dem Hafen von Mylenos. Er brauchte nicht lange zu wandern, bis er in den geheimnisvollen Bergen und den schattigen Wäldern war.
Das tiefe Schweigen, das ihn umgab, ließ sein Herz schneller schlagen, denn er mußte an die alten heidnischen Geschichten denken, die ihm die Bauern erzählt hatten.
In den Wäldern lebten Nymphen und schwebten Harpyien. Die Höhenzüge schienen Roger Talquist auffordern zu wollen, die mit Gras bewachsenen Wege zu den Gipfeln zu erklimmen, um von oben in die Täler zu schauen, in denen einst die Lämmer ihren Gott umtanzt haben sollen. Es gefiel ihm, daß er fast daran war, diese alten Geschichten zu glauben, und er beschloß, nach seiner Rückkehr eine Abhandlung über den griechischen Aberglauben zusammenzustellen. Zumindest die Landbevölkerung hier glaubte immer noch an die Mythen von Pan und den Waldgeistern.
Da Talquist fließend griechisch sprach, fiel es ihm nicht schwer, mit den Bewohnern der ärmlichen Ansiedlungen Kontakt zu bekommen. Sie hießen ihn in ihren Hütten herzlich willkommen und erzählten ihm längst vergessene Geschichten und Sagen.
In einer dieser abgelegenen Waldsiedlungen war es dann auch, daß Roger Talquist Papa Lepolis kennenlernte. Papa Lepolis war ein hochgewachsener, patriarchalischer Alter mit den faltigen klassischen Gesichtszügen eines Seefahrerkönigs von Kreta. Er versprach dem dunklen, ernstblickenden jungen Wissenschaftler, daß er ihm einen verborgenen Altar zeigen wolle, an dem sein Volk einst zu den Waldgöttern gebetet hatte.
Dieser Altar befände sich in einer Grotte, die tief im Wald versteckt wäre. Dort sollten die primitiven Eingeborenen lange vor der Zeitrechnung die Götter der Natur verehrt haben. Die Ruinen, die es dort gäbe, wären nur wenigen Menschen bekannt, denn die Einheimischen würden den Ort, an dem sich die Grotte befindet, geheimhalten, weil sie befürchteten, daß sie der griechischen orthodoxen Kirche ein Dorn im Auge sein könnte. Doch er, Papa Lepolis, könnte sich vorstellen, daß die dort vorhandenen Steine und Gravierungen für einen Archäologen sehr interessant und aufschlußreich wären.
»Führen Sie mich zu der Grotte«, sagte Talquist eifrig. »Ich muß sie sehen.«
Lepolis wurde plötzlich nachdenklich und strich sich mit der Hand über den Bart.
»Ich weiß nicht, ob ich es wagen soll, Mr. Talquist.«
»Wagen?« fragte Roger Talquist erstaunt.
»Sie und ich – wir sind moderne Menschen. Wir fürchten uns nicht vor dem, wovor die unwissenden Einheimischen hier zittern.«
»Die anderen haben Angst? Gibt es denn etwas in der Grotte, wovor sie sich fürchten müßten?«
Lepolis blickte zu Boden. »Nichts – vielleicht nichts. Aber vor dem Altar in der Grotte haben sich die Menschen einst vor Pan verneigt. Und sie haben noch mehr getan –« Talquist blickte den Alten erwartungsvoll an.
»Ja«, fuhr Lepolis langsam fort, »wenn man den alten Legenden Glauben schenken darf, dann haben Pans Anbeter eine ganze Menge mehr getan, als sich nur vor ihrem Gott verneigt. Sie haben – Opfer dargebracht.«
»Sie meinen Tiere?«
»Nein, Mr. Talquist, ich meine keine Tiere. Die Waldgötter wollten Menschen. Sie stillten ihren göttlichen Appetit mit dem warmen, lebendigen Fleisch junger Mädchen und Burschen.«
Talquist lächelte und machte eine geringschätzige Handbewegung. »Na, und wenn schon! Vor Tausenden von Jahren sind viele Menschen in Grotten den Göttern zum Opfer gebracht worden. Das weiß ich. Also, was soll’s? Es braucht sich doch niemand zu fürchten, nur weil hier vor Ewigkeiten Blut vergossen worden ist.«
»Mein junger Freund, Sie mögen es zwar wissen, aber Sie verstehen es nicht. Haben Sie eine Ahnung, warum solche Opfer dargebracht worden sind? Wissen Sie, an was die Menschen damals glaubten?«
»Nein«, mußte Talquist zugeben. Die Stimme des alten Mannes sank zum Flüstern hinab. »Man sagt, daß die Götter manchmal in Menschengestalt erschienen sind und dann wieder als wilde Tiere. Wenn Schäfer oder einsame Wanderer in den Bergen auf die alten Waldgötter stießen, verwandelten sie sich in Satyre und Faune; sie waren dann halb Tier, halb Mensch.«
»Nun, ich kenne solche Mythen, Lepolis. In der griechischen Mythologie wimmelt es doch nur so von Satyren und allen anderen Sorten von Waldgöttern sowie Männern mit Ziegenköpfen. Ich verstehe aber immer noch nicht, worauf Sie hinauswollen, Lepolis.«
»Diese Kreaturen haben göttliches Blut in ihren Adern, Mr. Talquist. Und darum sind sie unsterblich.« Talquists Augen weiteten sich.
»Was? Wollen Sie damit vielleicht sagen, daß sie befürchten, der Wald und der Altar könnten von irgendwelchen Fabelwesen bewacht werden?«
»Nein, nein, so etwas Kindisches glaubt hier keiner«, versicherte der alte Mann. Talquist fragte sich, ob er das ehrlich meinte.
»Was macht Ihnen dann Sorgen, Lepolis?«
»Nur das eine: Als die Menschen vor unserer Zeit auf dem Altar ihre Opfer darbrachten, erhielten sie eine Gegengabe. Verstehen Sie, was ich meine? Sie gaben Blut und erhielten dafür von den Göttern Geschenke. Schreckliche Geschenke, Mr. Talquist.«
Talquist starrte den alten Mann an. »Was wollen Sie damit sagen?«
»Ich kann es schwer in die richtigen Worte fassen. Die Anbetenden wollten etwas von ihren Göttern. Sie wollten genauso unsterblich wie die Faune und Satyre und Waldnymphen werden. Wenn die Götter hin und wieder milde gestimmt waren, hinterließen sie Amulette auf den Altären. Man sagt, daß die, die die Amulette tragen, verändert werden.«
Talquist schaute den Alten mit leichtem Unbehagen an. »Wollen Sie mir erzählen, daß Sie solchen Unsinn glauben?« fragte er.
»Nein – nicht direkt«, antwortete Papa Lepolis ruhig.
»Dann führen Sie mich zu dem Altar«, bat der junge Archäologe bestimmt.
Der alte Mann vermied es, Roger Talquist in die Augen zu schauen.
»Ich zeige diese Grotte niemandem«, murmelte er. »Das ist unser Familiengeheimnis. Es ist für Sie besser, gewisse Dinge nicht zu wissen. Ich war ein Narr, daß ich Ihnen den Vorschlag gemacht habe.«
Talquist baute wie in Gedanken versunken einen kleinen Haufen Drachmen auf dem Tisch auf. Lepolis schaute schweigend auf die Münzen und schurrte mit den Füßen. Dann verzog sich sein Gesicht zu einem Lächeln.
»Ich bin ein alter Mann, Mr. Talquist. Ein alter, müder Mann. Mich strengt jeder Fußmarsch an … aber wenn Sie so scharf darauf sind, werde ich Sie zu dem Altar im Wald führen.«
Talquist lächelte geduldig. »Morgen?«
»Morgen.«
Es war ein seltsames Paar, das am nächsten Tag die Waldwege entlangging. Der große, bärtige, in Lumpen gehüllte Papa Lepolis, der den gepflegt gekleideten Roger Talquist durch die langsam herabsinkende Dämmerung führte.
Je weiter sie fortschritten, desto dichter rückten die Bäume und Büsche zusammen; und schließlich wurde das Dickicht so undurchdringlich, daß sich die letzten Sonnenstrahlen nur noch durch vereinzelte Lücken stehlen konnten. Zuerst war Talquist dem alten Mann über lichte Waldwege gefolgt, wo die Vögel fröhlich von den Ästen zwitscherten. Aber inzwischen war das ungleiche Paar längst in einer grünen Dunkelheit untergetaucht und bahnte sich einen Weg durch das Dickicht. Hier gab es kein Leben mehr, sondern vielmehr eine lebendige Stille. Es war die Stille einer fernen Vergangenheit.
Sie befanden sich in dem tiefen Wald eines früheren Griechenlands, der dreitausend Jahre lang nicht gestört worden war. Hier konnten die Zentauren hinter dem Vorhang der Dunkelheit paradieren und die Nymphen über den von Wolken bedeckten Gipfeln zum Klang von verborgenen Lauten tanzen. So stellte es sich jedenfalls Talquist vor. Er dachte träumerisch an die Mythen, die ihm der Alte erzählt hatte. Hier in diese Gegend paßten sie und erschienen fast glaubhaft.
Lepolis stapfte schweigend, fast verstohlen, voran. Er hatte sich zwar nach langem Zureden auf diesen Ausflug eingelassen, aber er schien es zu bereuen und sich alles andere als behaglich zu fühlen. Es entging Talquist nicht, daß der Ältere verstohlene Blicke über die Schulter auf die schweigenden Bäume warf. Lepolis schien sich offensichtlich zu fürchten; ja, er erweckte fast den Anschein, als würde er die phantastischen Geschichten, die er erzählt hatte, selber glauben.
Als sie sich stundenlang ihren Weg durch dichtes Gebüsch und weite, einsame Sümpfe bahnten, wunderte sich Talquist, daß der Alte nicht ein einziges Mal stehenblieb und sich suchend umschaute. Er mußte diesen ungekennzeichneten Weg gut kennen.
Doch als sie noch eine Zeitlang schweigend weitergegangen waren, zeichnete sich plötzlich ein gewundener Pfad in dem Dickicht ab. Er führte zu einer verfallenen Grotte, die im Schatten der Bäume lag.
Roger Talquist schaute schweigend auf das Ziel ihrer Wanderung. Er bemerkte einen großen Ring aus Gras in der Mitte der ganzen Vertiefung. Dieser Ring war von verwitterten Steinen umgeben, die auf so eigenartige Weise verteilt waren, daß sich Talquist fragte, ob das Zufall war oder ob sie von Menschenhand so angeordnet worden waren. Wenn das letztere der Fall wäre, müßte es vor ewigen Zeiten geschehen sein. Auf alle Fälle deuteten sie in dieser Anordnung einen Altarkreis an; und der mächtige Felsbrocken in der Mitte mochte einst sehr gut als Opfertafel gedient haben.
Als sie in die Grotte eintraten, ging Talquist voran, während sich sein betagter Führer zurückhielt. Talquist untersuchte die Steine genau und entdeckte die schwachen, rostigen Flecke, die auf der Oberfläche immer noch sichtbar waren. Er durchwühlte das Geröll, das um den Altar herum verstreut war, und hoffte, vielleicht irgendeinen Talisman oder sonst ein Zeichen zu finden.
Und dann sah Talquist etwas.
Das Gras war feucht und niedergetrampelt. Die Erde war naß. Und die Eindrücke, die in einem Kreis um den Hauptaltar führten, stammten einwandfrei von Hufen. Talquist schnappte nach Luft. »Kommen Sie her, Lepolis«, schrie er.
Der alte Mann schaute auf die Zeichen von den Hufen, die klar und deutlich und frisch waren. Er lächelte unergründlich.
»Ich habe Sie gewarnt, Mr. Talquist«, sagte er. »Es gibt auch heute noch Kreaturen, die diesen einsamen Altar aufsuchen.«
»Unsinn«, stotterte Talquist. »Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie es für möglich halten, daß die Bergziegen hier manchmal grasen.«
Das Lächeln des alten Mannes wurde noch rätselhafter. »Bergziegen?« fragte er gedehnt. »Schauen Sie genau hin, Mr. Talquist. Das sind keine Hufabdrücke von Ziegen.«
Als sich Talquist wieder über die Abdrücke beugte und sie genau betrachtete, schoß ihm das Blut in den Kopf. Diese großen Hufabdrücke in der Erde stammten wirklich nicht von Bergziegen. Und doch mußte es so sein! Warum lachte Lepolis zu eigenartig?
»Ich habe Sie gewarnt, Mr. Talquist«, wiederholte der alte Mann. Dann fuhr er fort: »Ich habe Ihnen gesagt, daß einige Kreaturen immer noch unsterblich sind und in den Wäldern lauern. Ich habe Ihnen gesagt, daß das meine Familie weiß, daß sie es immer gewußt hat und darum das Geheimnis des alten Glaubens geheimhält. Ich habe Ihnen gesagt, wie man auf diesem Altar Opfer darzubringen hat, um ein Geschenk der Götter zu erhalten. Ein Geschenk, das einem ewiges Leben und Macht einbringt. Die Götter schenken denen, die ihnen Opfer darbringen, einen Talisman als Belohnung. Wenn es wahrscheinlich auch nicht sehr angenehm ist, in einer anderen Gestalt weiterzuleben – so ist es doch immerhin besser, als zu sterben.«
Was faselte dieser Alte da? War er jetzt völlig verrückt geworden? Lepolis’ Stimme wurde jetzt schrill. »Vergessen Sie nicht, daß ich Sie gewarnt habe! Ich wollte Sie daran hindern hierherzukommen. Aber Sie haben darauf bestanden! Ich bin sehr schwach. Ich weiß, daß es Altersschwäche ist. Aber ich will nicht sterben! Ich habe Angst vor dem Tod! Ich will ewig leben – auch wenn es in einer veränderten Gestalt sein müßte! Und darum, Mr. Talquist, ist jetzt, wo wir vor dem Altar stehen, die Zeit gekommen …«
Das Weitere geschah so schnell, daß es Talquist völlig unerwartet traf. Als Lepolis redete, war er immer dichter an ihn herangetreten. Und plötzlich blitzte aus einem der zerlumpten Ärmel ein Messer auf! Mit einer Schnelligkeit, die man dem Alten gar nicht zugetraut hätte, hob er das glänzende Messer in die Höhe und ließ es mit großer Kraft niedersausen.
Talquist konnte gerade noch rechtzeitig beiseite springen. Doch der Alte lachte nur irre und packte mit hartem Griff Talquists Kehle. Er preßte Talquist gegen den kalten Steinaltar und hob das Messer erneut. Die Klinge zitterte in der Luft. Als Lepolis seinen Griff etwas lockerte, erkannte Talquist mit Eiseskälte im Herzen, daß er sterben mußte.
Da löste sich Roger Talquists Starre. Die Todesangst verlieh ihm eine fast übermenschliche Kraft. Er hob seinen freien Arm und bekam das Handgelenk des alten Mannes zu fassen. Er stieß sich mit einem Ruck vorwärts und drehte Lepolis Handgelenk so um, daß nunmehr der Alte gegen den Stein fiel. Er rang mit dem kreischenden Patriarchen, der sich mit der Kraft eines Wahnsinnigen wehrte. Lepolis stieß mit dem Messer in rasender Wut und Angst besinnungslos zu. Vor Talquists Augen flimmerte es, denn der Schmerz brannte wie Feuer.
»Großer Pan, steh mir bei!« schrie der Alte. Als er mit einer gewaltigen Kraftanstrengung das Messer erneut hob, drehte Talquist die Hand des anderen um, und die Klinge sauste nach unten. Sie grub sich tief in Lepolis’ faltigen Hals. Als der röchelnde Alte sterbend zurücksank, schoß ein roter Blutstrahl über den Steinaltar.
Talquist taumelte entsetzt zurück. Er war wie betäubt von den unerwarteten Ereignissen der letzten Minuten. Vor seinen Augen flimmerte es, und alles drehte sich. Die Erde unter ihm schien zu beben, und die schweren Steine schienen zu tanzen. Die Dunkelheit vertiefte sich, und Talquist hörte in seiner wilden Phantasie unter seinen Füßen einen grollenden Donner.
Dann war der Schock vorbei, und Talquist hatte sich wieder in der Gewalt. Er starrte in Gedanken versunken auf den toten Mann auf dem Altar.
Lepolis hatte ihn hierhergelockt, weil er an die Mythen, die er erzählt hatte, selber glaubte. Er hatte versucht, Talquist auf dem Altar zu töten, damit er dafür vielleicht von den Göttern das Geschenk des ewigen Lebens erhielte, auch wenn es ein Leben nicht in Menschengestalt wäre. Lepolis war wahnsinnig. Das Ganze war ein sehr bedauerlicher unglückseliger Vorfall. Talquist wandte sich ab. Er mußte seinen Weg aus dem Dickicht zurückfinden. Und zwar sehr schnell. Aber was war das?
Vor seinen Füßen glitzerte etwas matt. Talquist bückte sich und hob es auf. Seltsam, daß er das vorhin bei seiner Suche nicht gesehen hatte. Er hielt es gegen das Licht des blutroten Sonnenunterganges. Es war ein achteckiges Medaillon mit einem grünen Stein. Es war abgenutzt und schien sehr alt zu sein. Das Medaillon hing an einer Kette aus echtem Gold und sollte offensichtlich um den Hals getragen werden.
Das alles registrierte Roger Talquist nur im Unterbewußtsein, denn seine Blicke und seine Gedanken beschäftigten sich mit der erschreckenden Abbildung, die auf die Vorderseite des Amuletts gemalt war.
Irgend etwas an der Technik der Malerei verblüffte und beunruhigte Talquist. Plötzlich wußte er, woran es lag. Die Idee für die gezeichneten Linien schien keinem menschlichen Gehirn entsprungen zu sein!
Jeder Künstler pflegt in seinen Werken etwas von sich selbst hineinzulegen; was dieser Entwerfer von sich hineingelegt hatte, zeigte einen erschreckend fremdartigen Eindruck. Talquist konnte nicht dahinterkommen, was die Figur darstellte, aber er fühlte instinktiv, daß sich irgendwie das Symbol der Ziege lauernd verbarg.
Von dem Metall ging ein sonderbarer Glanz aus, der Talquist genauso irritierte wie die dargestellte Figur selbst.
Die Ziege war das Symbol für Pan!
Wahrscheinlich hatte Papa Lepolis mit seinem wilden Gerede von den ›Geschenken‹ der Waldgötter den jungen Wissenschaftler völlig durcheinander gebracht, denn Talquist starrte wie gebannt auf die böse Figur und konnte dann dem Zwang nicht widerstehen, die goldene Kette um den Hals zu legen. Als ihm sein Handeln zum Bewußtsein kam, zuckte er entsetzt zusammen. Warum hatte er sich das Amulett um den Hals gebunden? Er hob sofort die Hand, um das Medaillon wieder zu entfernen, aber als er den Stein berührte, bekam er einen zweiten Schock. Der Stein war warm! In Talquists Fingerspitzen begann es zu prickeln. Aber es war ein Prickeln, das ihm nicht unangenehm war. Der Stein strahlte eine belebende Wärme aus, so, als besäße er radioaktive Eigenschaften. Aber Talquist überließ sich nur einen kurzen Moment diesem angenehmen Gefühl, dann kehrte er abrupt in die Wirklichkeit zurück. Ein leiser Wind, der rasch an Stärke zunahm, kündete das Nahen der Nacht an. Das dunkle Gehölz wirkte immer unheimlicher, und die Bäume, die sich im Winde bewegten, nahmen phantastische Gestalten an. Sie streckten ihre langen grünen Arme aus, als wollten sie dem Wanderer den Weg versperren. Talquist hatte einen kurzen Moment lang das absurde Gefühl, daß sich diese Bäume gegen ihn verschworen hatten, um ihn nicht mehr aus dem Wald hinauszulassen.
Er schaute noch einmal auf den toten Mann auf dem Altar und auf die schrecklichen, unerklärlichen Hufabdrücke zu seinen Füßen. Er schauderte. Er mußte aus dieser Grotte herauskommen!
Talquist wandte sich endgültig ab und ging durch das Gehölz auf das Dickicht zu. Auf halbem Weg fielen die letzten roten Strahlen der untergehenden Sonne auf seine Brust. Als er hinunterschaute, sah er, wie sich das Amulett in sanftem Bogen bewegte. Er berührte es, doch seine Hand zuckte wie elektrisiert zurück. Das Prickeln, das der Stein auf seine Fingerspitzen übertrug, hatte an Stärke zugenommen. Als Talquist nicht widerstehen konnte, seine Finger wieder auf das Amulett zu legen, bekam er es mit der Angst zu tun, denn er fühlte auf einmal ganz deutlich das pulsierende Leben in dem Stein. Und dieses pulsierende Leben ging auf ihn über. Er fühlte die unheimlichen Kräfte, die in Wellen durch seine Hand rannen und sich jetzt schon auf den ganzen Arm erstreckten.
Dieser Kontakt belebte und kräftigte Talquist irgendwie. Als er jetzt die dargestellte Figur betrachtete, konnte er ganz deutlich die Umrisse einer Bergziege erkennen, die sich wild aufbäumte. Talquists Augen schmerzten und brannten. Dieselbe unheimliche Kraft, die seine Hand und seinen Arm durchströmt hatte, schien jetzt in seinen Augen zu tanzen und sein Gehirn zu durchfluten.
Denn von dem Stein ging Kraft aus!
Dieser Papa Lepolis mit seinem wilden Gefasel, daß sich die Menschen verändern, wenn sie ein Geschenk der alten Götter erhielten! Großer Gott, hatte dieser alte Narr vielleicht die Wahrheit gesprochen?
Lepolis war immerhin – wenn auch nicht beabsichtigt – wie ein Opfer auf dem Altar gestorben. Lepolis, der die Absicht gehabt hatte, Talquist zu opfern, um dafür als Belohnung die Gnade des ewigen Lebens zu erhalten, auch wenn er durch das göttliche Blut der Satyre in ein Wesen umgewandelt würde, das nur noch sehr wenig Ähnlichkeit mit einem Menschen hatte. Aber Lepolis hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Er hatte den Tod gefunden. Danach hatte Talquist jenen sonderbaren Talisman gefunden. Seltsam, daß er ihn vorher bei seiner Suche nicht entdeckt hatte! War er vielleicht vorher nicht dagewesen? Ist er nach dem Opfer erst gesandt worden? Dieser grollende Donner unter seinen Füßen …
Aber das war alles Unsinn! Im zwanzigsten Jahrhundert gibt es keine Waldgeister!
Aber die Hufabdrücke im Gras … Talquist versuchte an etwas anderes zu denken. Er dachte an seinen Körper. Das war in gewisser Weise auch naheliegend, denn er mußte sich fragen, wie es wohl käme, daß er sich auf einmal so eigenartig fühlte.
Damit kehrten seine Gedanken unweigerlich zum Ausgangspunkt zurück.
Mit einer instinktiven Handbewegung wollte er sich das Amulett vom Halse reißen. Seine Finger umklammerten wieder den Stein. Aber in diesem Augenblick schoß ein derart starker Kraftstrom durch seinen Körper, daß sein Arm so lahm wurde, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen.
Was tat ihm dieses schreckliche Ding am Hals an? Verwandelte es ihn?
Großer Gott, ihm tat alles weh. Seine Arme und Beine brannten wie Feuer. Als er weiterstolperte, fühlte er den stechenden Schmerz in seinen Oberschenkeln. Ihm kam flüchtig in den Sinn, daß man ihn in seiner Kindheit bei ähnlichen Schmerzen immer mit der Erklärung getröstet hatte, daß er wieder ein Stück gewachsen wäre.
Ein Stück gewachsen!
Talquist fühlte, wie er langsam in eine Panikstimmung geriet, und er bemühte sich verzweifelt, vernünftig zu denken. Es war Rheumatismus – selbstverständlich war es Rheumatismus! Er hatte sich hier in der feuchten Waldluft eine Erkältung geholt. War das vielleicht ein Wunder? Und die Füße taten ihm einfach aus dem Grunde weh, weil er zu enge Schuhe anhatte.
Als er durch die Lichtung ging, knöpfte er sein Hemd auf. Dann blieb er stehen und öffnete die Schnürsenkel, um seine Schuhe auszuziehen.
Obwohl er sicher Fieber hatte und glaubte, ihm müßte der Kopf zerspringen, fühlte er sich auf der anderen Seite irgendwie beschwingt. Er fürchtete sich, und doch erfüllte ihn gleichzeitig eine unbekannte Fröhlichkeit.
Fieber? Vielleicht. Aber sein Körper schien trotz der Schmerzen nicht mehr zu ihm zu gehören. Er fuhr sich mit der Hand über die Augenbrauen und schien gar nicht zu merken, daß er sie nachdenklich zusammengezogen hatte. Als seine Hände die stoppeligen Wangen berührten, überlegte er angestrengt, ob er heute morgen vergessen hatte, sich zu rasieren. Seine Hände waren gebräunt, und in seinen Fingerspitzen prickelte es immer noch von der Berührung des Amuletts.
Er sollte eigentlich eine Pause machen. Er mußte sich ausruhen. Der barfüßige Talquist, der sich inzwischen auch des Hemdes entledigt hatte, ließ sich im Schatten eines Busches am Rande der Lichtung fallen. Das letzte Flimmern der untergehenden Sonne huschte über seine Brust.
Er richtete seine Augen wieder auf den grünen brennenden Glanz des Amuletts. Unter seinem starren Blick schien sich das ganze Ding in eine einzige brennende Flamme zu verwandeln. Er hatte das Gefühl, auf eigenartige Weise gepeinigt und gefoltert zu werden.
Seine Muskeln streckten und strafften sich, und seine Nerven vibrierten und schmerzten, daß er glaubte, es nicht länger aushalten zu können. Er konnte weder seine Augen von dem Medaillon lösen noch seine Hand heben, um diesen Talisman von der brennenden goldenen Kette zu reißen. Obwohl sein Geist durch eine qualvolle Wonne verzaubert war, versuchte ihm der Rest seines Bewußtseins zuzuschreien: »Hypnose – Einbildung – Wahnsinn.« Aber sein Körper krümmte sich weiter unter dem Einfluß des lebenden Steins. Dann kam ganz plötzlich die Erleichterung. Das eigenartige rötliche Licht der Dämmerung, das das Gehölz überflutete, vermischte sich mit dem grünen schimmernden Glanz des flammenden Amuletts auf Talquists Brust.
Roger Talquist rieb die Augen.
Wie kam er dazu, hier im Gras zu liegen? Was hatte er getan? Er hatte keine Schmerzen mehr. Sein Blut schien schneller und heißer durch seine Adern zu strömen. Er fühlte es in seinen Schläfen heftig pochen. Warum hatte er fortlaufen wollen? Warum hatte er sich vor der Macht und Kraft dieses Amuletts gefürchtet?
Es war angenehm, hier in der Dunkelheit des Waldes zu sein. Das pulsierende Leben, das der Talisman ausstrahlte, strömte jetzt in gleichmäßigem Rhythmus durch seinen Körper und kräftigte ihn. Ob die Kraft, die von dem Zeichen des Satyrs ausging, natürlich oder unnatürlich war, spielte keine Rolle. Auf alle Fälle war es eine gute Kraft. Er war ein Narr gewesen, daß er sich in eine solch panische Angst hineingesteigert hatte!
Talquist stand auf und wurde sich kaum seiner Nacktheit bewußt. Er ging langsam wieder auf den Rand der Grotte zu. Durch die Dämmerung hindurch schaute er auf die verwitterten Steine, die weiß schimmerten. Das Gras schien grüner und saftiger zu sein. Alles schien hier von neuem Leben erfüllt zu sein. Talquist glaubte mehr und größere Steine als am Nachmittag zu sehen. Sie bildeten nach wie vor einen großen Kreis. Talquist war gerade im Begriff, zu den Steinen zu gehen und sie zu untersuchen, als er plötzlich in der Bewegung verharrte. Irgend etwas befahl ihm, im Schatten der Büsche zu bleiben.
Er hörte aus der Ferne eigenartige Laute, die ihn an Flötentöne erinnerten. Dann trat eine kleine Prozession von bärtigen Männern, die alle in Weiß gekleidet waren, auf die Lichtung. Es mochten etwa ein Dutzend Männer sein. Talquist glaubte in ihnen einige Bewohner der Siedlung zu erkennen.
Dann hielten sie also hier immer noch Gottesdienste ab!
Die Priester, und es waren alles Priester, versammelten sich um den Mittelaltar. Talquist konnte sehen, wie sie mit großer Bestürzung den Leichnam von Lepolis entdeckten. Sie drängten sich dicht aneinander und flüsterten in der Dämmerung.
»Er hat uns gesagt, daß der junge Ausländer reif wäre«, flüsterte einer so laut, daß Talquist es verstehen konnte.
»Irgend etwas muß schiefgegangen sein.«
»Kommt, wir wollen gehen, ehe sie sich hier versammeln.«
»Gut. Denn sie werden bestimmt kommen, um sich den Toten zu holen.«
»Das Amulett ist schon verschwunden, aber wir wollen trotzdem den Weihrauch anzünden.«
»Beeilt euch! Ich habe Angst.«
Die Männer trugen kleine Holzbündel zu den acht äußeren Steinen und zündeten sie an. Große parfümierte Rauchschwaden wehten zu den Himmeln der Waldgötter empor. Es war eine Szene aus dem alten Griechenland – dem alten Griechenland der sagenumwobenen Waldgötter.
Der Körper des alten Lepolis lag auf dem Mittelaltar. Um ihn herum erhob sich der beißende Rauch. Die alten Männer entfernten sich eilig. Dabei flüsterten sie und warfen verstohlene Blicke zurück auf den Altar.
Talquist duckte sich und beobachtete. Sein Atem ging rasch und unregelmäßig.
Minutenlang blieb es totenstill. Dann setzte ein eigenartiges Rauschen ein. Die Blätter unter den Bäumen raschelten, und zielbewußte Schritte, die von Hufen zu stammen schienen, näherten sich. Die Sonne war endgültig untergegangen. Der Mond stand jetzt am blaßroten Himmel. Als sein fahles Licht die Grotte erhellte, verstärkten sich die raschelnden Geräusche. Ein silberner Mondstrahl glitzerte auf dem Mittelaltar. Im gleichen Augenblick erfüllte ein schwaches und doch schrilles Pfeifen die Luft. Diese Töne, die aus einer Hirtenflöte stammten, waren so hoch, daß es klang, als kämen sie aus einer großen Entfernung. Die pfeifenden Töne wurden eins mit dem Rascheln und dem herben Geruch des Weihrauchs, der den dunklen Wald erfüllte.
Jetzt waren auch noch andere Geräusche zu hören: unheimliches Stöhnen und hohes Wiehern, Zirpen und Knurren. Und ein anderer Geruch, eine Zusammensetzung von verschiedenen Düften, mischte sich mit dem Weihrauch. Es war der Moschusgeruch, der den Tieren und Kreaturen des Waldes anhaftet.
Talquist starrte mit weitaufgerissenen Augen in die Nacht – dann schrie er beinahe.
Denn die Kreaturen des Waldes kamen in die Lichtung. Sie hüpften und sprangen und scharrten über den harten Erdboden. Die zottigen Faune, die ein menschenähnliches Aussehen hatten, vollführten im Mondlicht wilde Sprünge. Sie wackelten mit ihren Ziegenbärten und stießen ein meckerndes Gelächter aus.
Hier waren also die lebendig gewordenen Fabelwesen der alten Sagen!
Bacchantinnen in Bullengestalt stampften mit kehligem, fröhlichem Brüllen in die Lichtung und schüttelten ihre behaarten Köpfe in viehischer Fröhlichkeit. Zentauren stolzierten über den Rasen. Ihre bösen, verschlagenen Gesichter verzogen sich zu lüsternen Grimassen, und ihre Hengstkörper strotzten vor überschäumender Kraft. Sie schnaubten, bäumten sich auf und zertraten mit ihren scharfen Hufen das Feuer auf den Altarsteinen.
Jetzt konnte sich Talquist die Hufabdrücke auf dem Gras erklären! Die Waldgeister mit den abscheulichen Ziegenköpfen stießen heisere Schreie aus und vollführten wilde Sprünge. Ab und zu blieben sie stehen und blökten den Mond an. Als sie den Weihrauch witterten, streckten sie in wohligem Behagen ihre Füße mit den Hufen.
Die Flötentöne aus der Ferne wurden noch schriller, und die hüpfenden, springenden Waldgeister lachten noch lauter. Sie umtanzten in wilder Ekstase die Altarsteine. Talquist rang nach Luft. Die alten Sagen wurden vor seinen Augen zur Wirklichkeit. Er warf wieder einen Blick auf das Zeichen des Satyrs auf seiner Brust und schaute auf, als er schrilles Schreien vernahm.
Die lebenden Schatten der Nymphen kamen auf den Flügeln des Sturms in die Lichtung gebraust. Sie tanzten über das Gras und ließen ihre nassen grünen Haare wild flattern, als sie sich vor den Tiermenschen drehten.
Eine grünhaarige Nymphe, deren Augen so rot wie Blut waren, schaute sich Roger Talquist besonders eingehend an. Die unheimliche Kraft, die ihn durchströmte, schien ihn fast zu zersprengen, als er sah, wie diese Nymphe mit den anderen tanzte.
Jetzt sahen die Kreaturen, was auf dem Altar lag. Ein Waldgeist kroch dicht heran und winkte dann seinen weniger mutigen Genossen lebhaft zu. Eine behaarte Pranke streckte sich aus und berührte den toten Körper von Lepolis. Ein Satyr schlug vor der Leiche Purzelbäume. Dann näherte auch er sich dem Toten. Seine Nüstern blähten sich, als er an dem Bart des alten Mannes zupfte. Ein Zentaur trat so rasch zurück, daß seine schweißbedeckten Flanken einen Stein ins Wanken brachten. Die Nymphen kicherten schrill.
Dann hatten sich alle um den inneren Altar versammelt. Sie liebkosten mit ihren Augen und Händen und Lippen das, was auf dem Altar lag, wobei sie lachten und blökten. Als sie sich dann abwandten, zerrten sie den leblosen Körper hinter sich her.
Das schrille Pfeifen, die hellen Flötentöne, der Weihrauchgeruch, das kreischende Lachen, das alles brachte Talquist so weit, daß er aus dem schützenden Gebüsch hervortrat. Er dachte nicht an das, was er gesehen hatte; er fühlte nur in seinem Blut einen trommelnden Widerhall des eben Erlebten.
Der Tanz der Waldkreaturen verwandelte sich allmählich in eine Verfolgungsjagd, und die Nymphen flogen vor den unmenschlichen Lebewesen, die ihnen in der Dunkelheit nachrannten. Die Nacht war von heiseren Schreien erfüllt.
Dann schwollen die Töne der Hirtenflöte an und vermischten sich mit dem triumphierenden Blöken. Die Horde schleppte die Leiche des alten Mannes in den dunklen Wald.
Talquist, dessen Blut jetzt wie Feuer durch die Adern rann, raste den anderen um den Altar herum nach. Der seltsame Wahnsinn, der von ihm Besitz ergriffen hatte verschaffte ihm das Gefühl der Zugehörigkeit zu diesen Wesen der Vergangenheit.
Als sie ihn sahen, schrien sie auf und deuteten auf das grüne Amulett auf seiner Brust. Aber er hörte ihr Schreien nicht.
Seine Augen suchten eine bestimmte Gestalt – die der grünhaarigen Nymphe mit den roten Augen. Sie merkte es, und als er sie anschaute, warf sie ihm einen obszönen verliebten Blick zu. Obwohl sich Talquist durch ihren Anblick abgestoßen fühlte, zwang ihn eine innere Kraft, weiterzulaufen. Er rannte auf die Nymphe, die ihn verhöhnen wollte, zu. Sie floh mit gespieltem Entsetzen in das dunkle Gebüsch, wo die pfeifenden Geräusche allmählich verstummten.
Talquist rannte durch den Wald und folgte der flüchtenden Nymphe, deren grüne Haare von den Blättern der lebenden Bäume nicht zu unterscheiden waren. Das Blut pochte wie wild in seinen Schläfen, und er rang nach Atem, aber er war von einer namenlosen Kraft durchdrungen. Das spöttische Gelächter der fliehenden Nymphe machte ihn wahnsinnig. Er stolperte hinter ihr her.
Nach kurzer Zeit gelangte er zu den Ufern eines Teiches, an die sich die Nymphen und Nereiden zurückgezogen hatten. Die fliehenden kleinen Wesen eilten geräuschvoll durch das Schilf und tauchten in dem Teich unter, der hinter den Büschen verborgen lag. Keine von ihnen kam wieder zum Vorschein.
Roger Talquist rannte immer noch, vom Wahnsinn angefeuert, hinter der höhnisch lachenden Nymphe her. Das Amulett tanzte beim Laufen auf seiner Brust.
Am Ufer blieb sie plötzlich stehen. Sie warf den Kopf mit den Schlangenhaaren in den Nacken und grinste ihn verschmitzt an. Ihre feuchten, schlaffen Hände berührten Talquists Arm. Ihre roten Augen hatten nichts Menschliches an sich. Als Talquist in diese Augen blickte, fiel der Wahnsinn von ihm ab, und er versuchte, das Wesen von sich zu stoßen.
Sie trat einen Schritt zurück. Als dann ihr Blick auf das Amulett an der Kette fiel, streckte sie ihre Hand verlangend danach aus. Talquist stieß sie wieder von sich. Die Nymphe kicherte und wollte sich mit ihren kalten Händen an ihm festklammern. Ihre Finger umschlossen die Kette an seinem Hals. Dann trat sie rasch einen Schritt zurück – und verlor dabei das Gleichgewicht.
Die Kette zerriß, und die Nymphe fiel schreiend ins Wasser. Das Amulett in ihrer Hand beschrieb einen funkelnden Kreis. Dann verschwand es unter der quirlenden Wasseroberfläche. Die Nymphe und das Zeichen des Satyrs verschwanden zusammen in dem Teich …
Talquist machte ein dummes Gesicht und starrte auf die immer größer werdenden Kreise auf der Wasseroberfläche.
Dann schaute er sich wie erwachend um, und sein Bewußtsein kehrte zurück. Er stand mitten in der Nacht frierend und nackt im Wald und hatte mit Erfolg die Phantome, die das Fieber mit sich gebracht hatte, verscheucht.
Es hatte kein Opfer, keine Nymphen und keine Satyre gegeben. Es war alles nur ein Traum gewesen, der durch die hypnotische Kraft des Amuletts, auf das er beim Niederlegen geblickt hatte, entstanden war.
Dieser seltsame Talisman war jetzt verschwunden. Wahrscheinlich hatte er ihn in einer letzten Anwandlung des Wahnsinns selbst in das Wasser geworfen. Auch gut. Dann war er eben diesen verfluchten Stein los!
Der alte Lepolis hatte auf seine Art schon recht gehabt. Das Zeichen des Satyrs konnte einen Menschen umwandeln, ob es nun ein Geschenk der alten Götter war oder nicht. Als Talquist es getragen hatte, war er nicht mehr er selbst gewesen. Er hatte sich in ein Tier verwandelt, und sein Gesicht hatte sich so verwirrt, daß er sich mit den wilden Kreaturen der alten Mythen verwandt gefühlt hatte. Der alte Lepolis hatte gesagt, daß solche Dinge auch heute noch in den Wäldern existierten und nach einem Opfer wirksam würden.
Der alte Mann hatte mit dieser Behauptung wirklich recht gehabt. Armer Papa Lepolis! Er hatte an alles geglaubt und wollte das Amulett haben, weil er dachte, es verwandelt ihn in ein Waldwesen, das ewig lebt. Er glaubte so stark daran und wünschte sich das Amulett so sehr, daß er selbst vor einem Mord nicht zurückschreckte. Jetzt war der Alte tot, und das Amulett war auch verschwunden. Talquist dachte angestrengt nach.
Seltsam, daß er die Geschichte des Alten, daß das Amulett einen Menschen verändern kann, nicht geglaubt hatte. Er hätte eigentlich wissen müssen, daß es sich hierbei um eine sinnbildliche Auslegung handelte. Das Zeichen verursachte mehr eine geistige Veränderung als eine körperliche, die zur Folge hatte, daß man sich einbildete, auch der Körper würde sich verwandeln. Denn er hatte sich verwandelt gefühlt – bei genauer Betrachtung fühlte er es noch immer. Dieses unheimliche Prickeln!
Aber was hatte er hier noch verloren? Es war gescheiter, jetzt ins Hotel zurückzukehren und das ganze Delirium zu vergessen.
Talquist warf einen letzten Blick auf das Wasser des Teiches, in den das Amulett gefallen war. Die Oberfläche war jetzt ruhig, und alles spiegelte sich glasklar im fahlen Mondlicht. Talquist erblickte sein eigenes Bild in diesem großen silbernen Spiegel der Natur.
Er sah alles: seinen Kopf, die Stirn, das Gesicht, den Hals, den Körper, die Füße …
Und mit einemmal begriff er die volle Wahrheit von Lepolis’ phantastischer Geschichte von den Geschenken der alten Götter, die einen Menschen verwandeln konnten.
Er schaute nicht lange in den Teich. Ein kurzer Blick sagte ihm alles. Dann sprang er in den Teich. Als sein Körper auf dem Wasser aufschlug, vernichtete er das grauenhafte Spiegelbild, das Talquist von der glatten Oberfläche entgegengestarrt hatte.
Denn als sich Talquist über den Spiegel der Natur gebeugt hatte, hatte er die Gestalt und das Gesicht des Waldgottes Pan gesehen.