Das Zeichen des Satyrs

 

Ro­ger Tal­quist hat­te im­mer ge­wußt, daß er ei­nes Ta­ges nach Grie­chen­land zu­rück­keh­ren wür­de. Die­sen Plan hat­te er schon in sei­ner Kind­heit ge­faßt und ihn auch in all den Jah­ren nie auf­ge­ge­ben. Seit dem Ta­ge, an dem ihn sein Va­ter wie­der nach Eng­land auf die Schu­le ge­schickt hat­te, hat­te er die Schön­heit der frem­den Ber­ge, die die Schä­fer so oft be­sun­gen hat­ten, nie­mals ver­ges­sen kön­nen. Und als er spä­ter Ar­chäo­lo­gie stu­dier­te, in­ter­es­sier­te ihn ein­zig und al­lein Grie­chen­land. Er träum­te von den pur­pur­nen Hü­geln und den Mar­mor­rui­nen, die in den fah­len Glanz ei­nes vol­len, el­fen­bein­far­be­nen Mon­des ge­taucht wa­ren.

Er muß­te ganz ein­fach Grie­chen­land wie­der­se­hen!

Und als er ei­nes Ta­ges hör­te, daß ei­ne Grup­pe Ox­for­der Aka­de­mi­ker an ei­nem Tem­pel des Got­tes Po­sei­don Aus­gra­bun­gen vor­neh­men woll­te, schloß er sich im­pul­siv der Ex­pe­di­ti­on in das Land sei­ner Kind­heit an.

So­bald er je­doch an Ort und Stel­le war, er­lahm­te sein In­ter­es­se an der wis­sen­schaft­li­chen Ar­beit. Er er­füll­te die ihm zu­ge­teil­ten Pflich­ten rou­ti­ne­mä­ßig und oh­ne große Be­geis­te­rung.

Aber in sei­ner Frei­zeit leb­te er auf! Er nutz­te je­de freie Stun­de aus und durch­streif­te das wil­de Land hin­ter dem Ha­fen von My­le­nos. Er brauch­te nicht lan­ge zu wan­dern, bis er in den ge­heim­nis­vol­len Ber­gen und den schat­ti­gen Wäl­dern war.

Das tie­fe Schwei­gen, das ihn um­gab, ließ sein Herz schnel­ler schla­gen, denn er muß­te an die al­ten heid­nischen Ge­schich­ten den­ken, die ihm die Bau­ern er­zählt hat­ten.

In den Wäl­dern leb­ten Nym­phen und schweb­ten Har­pyi­en. Die Hö­hen­zü­ge schie­nen Ro­ger Tal­quist auf­for­dern zu wol­len, die mit Gras be­wach­se­nen We­ge zu den Gip­feln zu er­klim­men, um von oben in die Tä­ler zu schau­en, in de­nen einst die Läm­mer ih­ren Gott um­tanzt ha­ben sol­len. Es ge­fiel ihm, daß er fast dar­an war, die­se al­ten Ge­schich­ten zu glau­ben, und er be­schloß, nach sei­ner Rück­kehr ei­ne Ab­hand­lung über den grie­chi­schen Aber­glau­ben zu­sam­men­zu­stel­len. Zu­min­dest die Land­be­völ­ke­rung hier glaub­te im­mer noch an die My­then von Pan und den Wald­geis­tern.

Da Tal­quist flie­ßend grie­chisch sprach, fiel es ihm nicht schwer, mit den Be­woh­nern der ärm­li­chen An­sied­lun­gen Kon­takt zu be­kom­men. Sie hie­ßen ihn in ih­ren Hüt­ten herz­lich will­kom­men und er­zähl­ten ihm längst ver­ges­se­ne Ge­schich­ten und Sa­gen.

In ei­ner die­ser ab­ge­le­ge­nen Wald­sied­lun­gen war es dann auch, daß Ro­ger Tal­quist Pa­pa Le­po­lis ken­nen­lern­te. Pa­pa Le­po­lis war ein hoch­ge­wach­se­ner, pa­tri­ar­cha­li­scher Al­ter mit den fal­ti­gen klas­si­schen Ge­sichts­zü­gen ei­nes See­fah­rer­kö­nigs von Kre­ta. Er ver­sprach dem dunklen, ernst­bli­cken­den jun­gen Wis­sen­schaft­ler, daß er ihm einen ver­bor­ge­nen Al­tar zei­gen wol­le, an dem sein Volk einst zu den Wald­göt­tern ge­be­tet hat­te.

Die­ser Al­tar be­fän­de sich in ei­ner Grot­te, die tief im Wald ver­steckt wä­re. Dort soll­ten die pri­mi­ti­ven Ein­ge­bo­re­nen lan­ge vor der Zeit­rech­nung die Göt­ter der Na­tur ver­ehrt ha­ben. Die Rui­nen, die es dort gä­be, wä­ren nur we­ni­gen Men­schen be­kannt, denn die Ein­hei­mi­schen wür­den den Ort, an dem sich die Grot­te be­fin­det, ge­heim­hal­ten, weil sie be­fürch­te­ten, daß sie der grie­chi­schen or­tho­do­xen Kir­che ein Dorn im Au­ge sein könn­te. Doch er, Pa­pa Le­po­lis, könn­te sich vor­stel­len, daß die dort vor­han­de­nen Stei­ne und Gra­vie­run­gen für einen Ar­chäo­lo­gen sehr in­ter­essant und auf­schluß­reich wä­ren.

»Füh­ren Sie mich zu der Grot­te«, sag­te Tal­quist eif­rig. »Ich muß sie se­hen.«

Le­po­lis wur­de plötz­lich nach­denk­lich und strich sich mit der Hand über den Bart.

»Ich weiß nicht, ob ich es wa­gen soll, Mr. Tal­quist.«

»Wa­gen?« frag­te Ro­ger Tal­quist er­staunt.

»Sie und ich – wir sind mo­der­ne Men­schen. Wir fürch­ten uns nicht vor dem, wo­vor die un­wis­sen­den Ein­hei­mi­schen hier zit­tern.«

»Die an­de­ren ha­ben Angst? Gibt es denn et­was in der Grot­te, wo­vor sie sich fürch­ten müß­ten?«

Le­po­lis blick­te zu Bo­den. »Nichts – viel­leicht nichts. Aber vor dem Al­tar in der Grot­te ha­ben sich die Men­schen einst vor Pan ver­neigt. Und sie ha­ben noch mehr ge­tan –« Tal­quist blick­te den Al­ten er­war­tungs­voll an.

»Ja«, fuhr Le­po­lis lang­sam fort, »wenn man den al­ten Le­gen­den Glau­ben schen­ken darf, dann ha­ben Pans An­be­ter ei­ne gan­ze Men­ge mehr ge­tan, als sich nur vor ih­rem Gott ver­neigt. Sie ha­ben – Op­fer dar­ge­bracht.«

»Sie mei­nen Tie­re?«

»Nein, Mr. Tal­quist, ich mei­ne kei­ne Tie­re. Die Wald­göt­ter woll­ten Men­schen. Sie still­ten ih­ren gött­li­chen Ap­pe­tit mit dem war­men, le­ben­di­gen Fleisch jun­ger Mäd­chen und Bur­schen.«

Tal­quist lä­chel­te und mach­te ei­ne ge­ring­schät­zi­ge Hand­be­we­gung. »Na, und wenn schon! Vor Tau­sen­den von Jah­ren sind vie­le Men­schen in Grot­ten den Göt­tern zum Op­fer ge­bracht wor­den. Das weiß ich. Al­so, was soll’s? Es braucht sich doch nie­mand zu fürch­ten, nur weil hier vor Ewig­kei­ten Blut ver­gos­sen wor­den ist.«

»Mein jun­ger Freund, Sie mö­gen es zwar wis­sen, aber Sie ver­ste­hen es nicht. Ha­ben Sie ei­ne Ah­nung, warum sol­che Op­fer dar­ge­bracht wor­den sind? Wis­sen Sie, an was die Men­schen da­mals glaub­ten?«

»Nein«, muß­te Tal­quist zu­ge­ben. Die Stim­me des al­ten Man­nes sank zum Flüs­tern hin­ab. »Man sagt, daß die Göt­ter manch­mal in Men­schen­ge­stalt er­schie­nen sind und dann wie­der als wil­de Tie­re. Wenn Schä­fer oder ein­sa­me Wan­de­rer in den Ber­gen auf die al­ten Wald­göt­ter stie­ßen, ver­wan­del­ten sie sich in Sa­ty­re und Fau­ne; sie wa­ren dann halb Tier, halb Mensch.«

»Nun, ich ken­ne sol­che My­then, Le­po­lis. In der grie­chi­schen My­tho­lo­gie wim­melt es doch nur so von Sa­ty­ren und al­len an­de­ren Sor­ten von Wald­göt­tern so­wie Män­nern mit Zie­gen­köp­fen. Ich ver­ste­he aber im­mer noch nicht, wor­auf Sie hin­aus­wol­len, Le­po­lis.«

»Die­se Krea­tu­ren ha­ben gött­li­ches Blut in ih­ren Adern, Mr. Tal­quist. Und dar­um sind sie un­s­terb­lich.« Tal­quists Au­gen wei­te­ten sich.

»Was? Wol­len Sie da­mit viel­leicht sa­gen, daß sie be­fürch­ten, der Wald und der Al­tar könn­ten von ir­gend­wel­chen Fa­bel­we­sen be­wacht wer­den?«

»Nein, nein, so et­was Kin­di­sches glaubt hier kei­ner«, ver­si­cher­te der al­te Mann. Tal­quist frag­te sich, ob er das ehr­lich mein­te.

»Was macht Ih­nen dann Sor­gen, Le­po­lis?«

»Nur das ei­ne: Als die Men­schen vor un­se­rer Zeit auf dem Al­tar ih­re Op­fer dar­brach­ten, er­hiel­ten sie ei­ne Ge­gen­ga­be. Ver­ste­hen Sie, was ich mei­ne? Sie ga­ben Blut und er­hiel­ten da­für von den Göt­tern Ge­schen­ke. Schreck­li­che Ge­schen­ke, Mr. Tal­quist.«

Tal­quist starr­te den al­ten Mann an. »Was wol­len Sie da­mit sa­gen?«

»Ich kann es schwer in die rich­ti­gen Wor­te fas­sen. Die An­be­ten­den woll­ten et­was von ih­ren Göt­tern. Sie woll­ten ge­nau­so un­s­terb­lich wie die Fau­ne und Sa­ty­re und Wald­nym­phen wer­den. Wenn die Göt­ter hin und wie­der mil­de ge­stimmt wa­ren, hin­ter­lie­ßen sie Amu­let­te auf den Al­tä­ren. Man sagt, daß die, die die Amu­let­te tra­gen, ver­än­dert wer­den.«

Tal­quist schau­te den Al­ten mit leich­tem Un­be­ha­gen an. »Wol­len Sie mir er­zäh­len, daß Sie sol­chen Un­sinn glau­ben?« frag­te er.

»Nein – nicht di­rekt«, ant­wor­te­te Pa­pa Le­po­lis ru­hig.

»Dann füh­ren Sie mich zu dem Al­tar«, bat der jun­ge Ar­chäo­lo­ge be­stimmt.

Der al­te Mann ver­mied es, Ro­ger Tal­quist in die Au­gen zu schau­en.

»Ich zei­ge die­se Grot­te nie­man­dem«, mur­mel­te er. »Das ist un­ser Fa­mi­li­en­ge­heim­nis. Es ist für Sie bes­ser, ge­wis­se Din­ge nicht zu wis­sen. Ich war ein Narr, daß ich Ih­nen den Vor­schlag ge­macht ha­be.«

Tal­quist bau­te wie in Ge­dan­ken ver­sun­ken einen klei­nen Hau­fen Drach­men auf dem Tisch auf. Le­po­lis schau­te schwei­gend auf die Mün­zen und schurr­te mit den Fü­ßen. Dann ver­zog sich sein Ge­sicht zu ei­nem Lä­cheln.

»Ich bin ein al­ter Mann, Mr. Tal­quist. Ein al­ter, mü­der Mann. Mich strengt je­der Fuß­marsch an … aber wenn Sie so scharf dar­auf sind, wer­de ich Sie zu dem Al­tar im Wald füh­ren.«

Tal­quist lä­chel­te ge­dul­dig. »Mor­gen?«

»Mor­gen.«

Es war ein selt­sa­mes Paar, das am nächs­ten Tag die Wald­we­ge ent­lang­ging. Der große, bär­ti­ge, in Lum­pen gehüll­te Pa­pa Le­po­lis, der den ge­pflegt ge­klei­de­ten Ro­ger Tal­quist durch die lang­sam her­ab­sin­ken­de Däm­me­rung führ­te.

Je wei­ter sie fort­schrit­ten, de­sto dich­ter rück­ten die Bäu­me und Bü­sche zu­sam­men; und schließ­lich wur­de das Dickicht so un­durch­dring­lich, daß sich die letz­ten Son­nen­strah­len nur noch durch ver­ein­zel­te Lücken steh­len konn­ten. Zu­erst war Tal­quist dem al­ten Mann über lich­te Wald­we­ge ge­folgt, wo die Vö­gel fröh­lich von den Äs­ten zwit­scher­ten. Aber in­zwi­schen war das un­glei­che Paar längst in ei­ner grü­nen Dun­kel­heit un­ter­ge­taucht und bahn­te sich einen Weg durch das Dickicht. Hier gab es kein Le­ben mehr, son­dern viel­mehr ei­ne le­ben­di­ge Stil­le. Es war die Stil­le ei­ner fer­nen Ver­gan­gen­heit.

Sie be­fan­den sich in dem tie­fen Wald ei­nes frü­he­ren Grie­chen­lands, der drei­tau­send Jah­re lang nicht ge­stört wor­den war. Hier konn­ten die Zen­tau­ren hin­ter dem Vor­hang der Dun­kel­heit pa­ra­die­ren und die Nym­phen über den von Wol­ken be­deck­ten Gip­feln zum Klang von ver­bor­ge­nen Lau­ten tan­zen. So stell­te es sich je­den­falls Tal­quist vor. Er dach­te träu­me­risch an die My­then, die ihm der Al­te er­zählt hat­te. Hier in die­se Ge­gend paß­ten sie und er­schie­nen fast glaub­haft.

Le­po­lis stapf­te schwei­gend, fast ver­stoh­len, vor­an. Er hat­te sich zwar nach lan­gem Zu­re­den auf die­sen Aus­flug ein­ge­las­sen, aber er schi­en es zu be­reu­en und sich al­les an­de­re als be­hag­lich zu füh­len. Es ent­ging Tal­quist nicht, daß der Äl­te­re ver­stoh­le­ne Bli­cke über die Schul­ter auf die schwei­gen­den Bäu­me warf. Le­po­lis schi­en sich of­fen­sicht­lich zu fürch­ten; ja, er er­weck­te fast den An­schein, als wür­de er die phan­tas­ti­schen Ge­schich­ten, die er er­zählt hat­te, sel­ber glau­ben.

Als sie sich stun­den­lang ih­ren Weg durch dich­tes Ge­büsch und wei­te, ein­sa­me Sümp­fe bahn­ten, wun­der­te sich Tal­quist, daß der Al­te nicht ein ein­zi­ges Mal ste­hen­blieb und sich su­chend um­schau­te. Er muß­te die­sen un­ge­kenn­zeich­ne­ten Weg gut ken­nen.

Doch als sie noch ei­ne Zeit­lang schwei­gend wei­ter­ge­gan­gen wa­ren, zeich­ne­te sich plötz­lich ein ge­wun­de­ner Pfad in dem Dickicht ab. Er führ­te zu ei­ner ver­fal­le­nen Grot­te, die im Schat­ten der Bäu­me lag.

Ro­ger Tal­quist schau­te schwei­gend auf das Ziel ih­rer Wan­de­rung. Er be­merk­te einen großen Ring aus Gras in der Mit­te der gan­zen Ver­tie­fung. Die­ser Ring war von ver­wit­ter­ten Stei­nen um­ge­ben, die auf so ei­gen­ar­ti­ge Wei­se ver­teilt wa­ren, daß sich Tal­quist frag­te, ob das Zu­fall war oder ob sie von Men­schen­hand so an­ge­ord­net wor­den wa­ren. Wenn das letz­te­re der Fall wä­re, müß­te es vor ewi­gen Zei­ten ge­sche­hen sein. Auf al­le Fäl­le deu­te­ten sie in die­ser An­ord­nung einen Altar­kreis an; und der mäch­ti­ge Fels­bro­cken in der Mit­te moch­te einst sehr gut als Op­fer­ta­fel ge­dient ha­ben.

Als sie in die Grot­te ein­tra­ten, ging Tal­quist vor­an, wäh­rend sich sein be­tag­ter Füh­rer zu­rück­hielt. Tal­quist un­ter­such­te die Stei­ne ge­nau und ent­deck­te die schwa­chen, ros­ti­gen Fle­cke, die auf der Ober­flä­che im­mer noch sicht­bar wa­ren. Er durch­wühl­te das Ge­röll, das um den Al­tar her­um ver­streut war, und hoff­te, viel­leicht ir­gend­ei­nen Ta­lis­man oder sonst ein Zei­chen zu fin­den.

Und dann sah Tal­quist et­was.

Das Gras war feucht und nie­der­ge­tram­pelt. Die Er­de war naß. Und die Ein­drücke, die in ei­nem Kreis um den Haupt­al­tar führ­ten, stamm­ten ein­wand­frei von Hu­fen. Tal­quist schnapp­te nach Luft. »Kom­men Sie her, Le­po­lis«, schrie er.

Der al­te Mann schau­te auf die Zei­chen von den Hu­fen, die klar und deut­lich und frisch wa­ren. Er lä­chel­te un­er­gründ­lich.

»Ich ha­be Sie ge­warnt, Mr. Tal­quist«, sag­te er. »Es gibt auch heu­te noch Krea­tu­ren, die die­sen ein­sa­men Al­tar auf­su­chen.«

»Un­sinn«, stot­ter­te Tal­quist. »Ich woll­te Sie nur fra­gen, ob Sie es für mög­lich hal­ten, daß die Ber­g­zie­gen hier manch­mal gra­sen.«

Das Lä­cheln des al­ten Man­nes wur­de noch rät­sel­haf­ter. »Ber­g­zie­gen?« frag­te er ge­dehnt. »Schau­en Sie ge­nau hin, Mr. Tal­quist. Das sind kei­ne Hu­f­ab­drücke von Zie­gen.«

Als sich Tal­quist wie­der über die Ab­drücke beug­te und sie ge­nau be­trach­te­te, schoß ihm das Blut in den Kopf. Die­se großen Hu­f­ab­drücke in der Er­de stamm­ten wirk­lich nicht von Ber­g­zie­gen. Und doch muß­te es so sein! Warum lach­te Le­po­lis zu ei­gen­ar­tig?

»Ich ha­be Sie ge­warnt, Mr. Tal­quist«, wie­der­hol­te der al­te Mann. Dann fuhr er fort: »Ich ha­be Ih­nen ge­sagt, daß ei­ni­ge Krea­tu­ren im­mer noch un­s­terb­lich sind und in den Wäl­dern lau­ern. Ich ha­be Ih­nen ge­sagt, daß das mei­ne Fa­mi­lie weiß, daß sie es im­mer ge­wußt hat und dar­um das Ge­heim­nis des al­ten Glau­bens ge­heim­hält. Ich ha­be Ih­nen ge­sagt, wie man auf die­sem Al­tar Op­fer dar­zu­brin­gen hat, um ein Ge­schenk der Göt­ter zu er­hal­ten. Ein Ge­schenk, das ei­nem ewi­ges Le­ben und Macht ein­bringt. Die Göt­ter schen­ken de­nen, die ih­nen Op­fer dar­brin­gen, einen Ta­lis­man als Be­loh­nung. Wenn es wahr­schein­lich auch nicht sehr an­ge­nehm ist, in ei­ner an­de­ren Ge­stalt wei­ter­zu­le­ben – so ist es doch im­mer­hin bes­ser, als zu ster­ben.«

Was fa­sel­te die­ser Al­te da? War er jetzt völ­lig ver­rückt ge­wor­den? Le­po­lis’ Stim­me wur­de jetzt schrill. »Ver­ges­sen Sie nicht, daß ich Sie ge­warnt ha­be! Ich woll­te Sie dar­an hin­dern hier­her­zu­kom­men. Aber Sie ha­ben dar­auf be­stan­den! Ich bin sehr schwach. Ich weiß, daß es Al­ters­schwä­che ist. Aber ich will nicht ster­ben! Ich ha­be Angst vor dem Tod! Ich will ewig le­ben – auch wenn es in ei­ner ver­än­der­ten Ge­stalt sein müß­te! Und dar­um, Mr. Tal­quist, ist jetzt, wo wir vor dem Al­tar ste­hen, die Zeit ge­kom­men …«

Das Wei­te­re ge­sch­ah so schnell, daß es Tal­quist völ­lig un­er­war­tet traf. Als Le­po­lis re­de­te, war er im­mer dich­ter an ihn her­an­ge­tre­ten. Und plötz­lich blitz­te aus ei­nem der zer­lump­ten Är­mel ein Mes­ser auf! Mit ei­ner Schnel­lig­keit, die man dem Al­ten gar nicht zu­ge­traut hät­te, hob er das glän­zen­de Mes­ser in die Hö­he und ließ es mit großer Kraft nie­der­sau­sen.

Tal­quist konn­te ge­ra­de noch recht­zei­tig bei­sei­te sprin­gen. Doch der Al­te lach­te nur ir­re und pack­te mit har­tem Griff Tal­quists Keh­le. Er preß­te Tal­quist ge­gen den kal­ten Stein­al­tar und hob das Mes­ser er­neut. Die Klin­ge zit­ter­te in der Luft. Als Le­po­lis sei­nen Griff et­was lo­cker­te, er­kann­te Tal­quist mit Ei­ses­käl­te im Her­zen, daß er ster­ben muß­te.

Da lös­te sich Ro­ger Tal­quists Star­re. Die To­des­angst ver­lieh ihm ei­ne fast über­mensch­li­che Kraft. Er hob sei­nen frei­en Arm und be­kam das Hand­ge­lenk des al­ten Man­nes zu fas­sen. Er stieß sich mit ei­nem Ruck vor­wärts und dreh­te Le­po­lis Hand­ge­lenk so um, daß nun­mehr der Al­te ge­gen den Stein fiel. Er rang mit dem krei­schen­den Pa­tri­ar­chen, der sich mit der Kraft ei­nes Wahn­sin­ni­gen wehr­te. Le­po­lis stieß mit dem Mes­ser in ra­sen­der Wut und Angst be­sin­nungs­los zu. Vor Tal­quists Au­gen flim­mer­te es, denn der Schmerz brann­te wie Feu­er.

»Großer Pan, steh mir bei!« schrie der Al­te. Als er mit ei­ner ge­wal­ti­gen Kraft­an­stren­gung das Mes­ser er­neut hob, dreh­te Tal­quist die Hand des an­de­ren um, und die Klin­ge saus­te nach un­ten. Sie grub sich tief in Le­po­lis’ fal­ti­gen Hals. Als der rö­cheln­de Al­te ster­bend zu­rücksank, schoß ein ro­ter Blut­strahl über den Stein­al­tar.

Tal­quist tau­mel­te ent­setzt zu­rück. Er war wie be­täubt von den un­er­war­te­ten Er­eig­nis­sen der letz­ten Mi­nu­ten. Vor sei­nen Au­gen flim­mer­te es, und al­les dreh­te sich. Die Er­de un­ter ihm schi­en zu be­ben, und die schwe­ren Stei­ne schie­nen zu tan­zen. Die Dun­kel­heit ver­tief­te sich, und Tal­quist hör­te in sei­ner wil­den Phan­ta­sie un­ter sei­nen Fü­ßen einen grol­len­den Don­ner.

Dann war der Schock vor­bei, und Tal­quist hat­te sich wie­der in der Ge­walt. Er starr­te in Ge­dan­ken ver­sun­ken auf den to­ten Mann auf dem Al­tar.

Le­po­lis hat­te ihn hier­her­ge­lockt, weil er an die My­then, die er er­zählt hat­te, sel­ber glaub­te. Er hat­te ver­sucht, Tal­quist auf dem Al­tar zu tö­ten, da­mit er da­für viel­leicht von den Göt­tern das Ge­schenk des ewi­gen Le­bens er­hiel­te, auch wenn es ein Le­ben nicht in Men­schen­ge­stalt wä­re. Le­po­lis war wahn­sin­nig. Das Gan­ze war ein sehr be­dau­er­li­cher un­glück­se­li­ger Vor­fall. Tal­quist wand­te sich ab. Er muß­te sei­nen Weg aus dem Dickicht zu­rück­fin­den. Und zwar sehr schnell. Aber was war das?

Vor sei­nen Fü­ßen glit­zer­te et­was matt. Tal­quist bück­te sich und hob es auf. Selt­sam, daß er das vor­hin bei sei­ner Su­che nicht ge­se­hen hat­te. Er hielt es ge­gen das Licht des blut­ro­ten Son­nen­un­ter­gan­ges. Es war ein acht­e­cki­ges Me­dail­lon mit ei­nem grü­nen Stein. Es war ab­ge­nutzt und schi­en sehr alt zu sein. Das Me­dail­lon hing an ei­ner Ket­te aus ech­tem Gold und soll­te of­fen­sicht­lich um den Hals ge­tra­gen wer­den.

Das al­les re­gis­trier­te Ro­ger Tal­quist nur im Un­ter­be­wußt­sein, denn sei­ne Bli­cke und sei­ne Ge­dan­ken be­schäf­tig­ten sich mit der er­schre­cken­den Ab­bil­dung, die auf die Vor­der­sei­te des Amu­letts ge­malt war.

Ir­gend et­was an der Tech­nik der Ma­le­rei ver­blüff­te und be­un­ru­hig­te Tal­quist. Plötz­lich wuß­te er, wor­an es lag. Die Idee für die ge­zeich­ne­ten Li­ni­en schi­en kei­nem mensch­li­chen Ge­hirn ent­sprun­gen zu sein!

Je­der Künst­ler pflegt in sei­nen Wer­ken et­was von sich selbst hin­ein­zu­le­gen; was die­ser Ent­wer­fer von sich hin­ein­ge­legt hat­te, zeig­te einen er­schre­ckend fremd­ar­ti­gen Ein­druck. Tal­quist konn­te nicht da­hin­ter­kom­men, was die Fi­gur dar­stell­te, aber er fühl­te in­stink­tiv, daß sich ir­gend­wie das Sym­bol der Zie­ge lau­ernd ver­barg.

Von dem Me­tall ging ein son­der­ba­rer Glanz aus, der Tal­quist ge­nau­so ir­ri­tier­te wie die dar­ge­stell­te Fi­gur selbst.

Die Zie­ge war das Sym­bol für Pan!

Wahr­schein­lich hat­te Pa­pa Le­po­lis mit sei­nem wil­den Ge­re­de von den ›Ge­schen­ken‹ der Wald­göt­ter den jun­gen Wis­sen­schaft­ler völ­lig durch­ein­an­der ge­bracht, denn Tal­quist starr­te wie ge­bannt auf die bö­se Fi­gur und konn­te dann dem Zwang nicht wi­der­ste­hen, die gol­de­ne Ket­te um den Hals zu le­gen. Als ihm sein Han­deln zum Be­wußt­sein kam, zuck­te er ent­setzt zu­sam­men. Warum hat­te er sich das Amu­lett um den Hals ge­bun­den? Er hob so­fort die Hand, um das Me­dail­lon wie­der zu ent­fer­nen, aber als er den Stein be­rühr­te, be­kam er einen zwei­ten Schock. Der Stein war warm! In Tal­quists Fin­ger­spit­zen be­gann es zu pri­ckeln. Aber es war ein Pri­ckeln, das ihm nicht un­an­ge­nehm war. Der Stein strahl­te ei­ne be­le­ben­de Wär­me aus, so, als be­sä­ße er ra­dio­ak­ti­ve Ei­gen­schaf­ten. Aber Tal­quist über­ließ sich nur einen kur­z­en Mo­ment die­sem an­ge­neh­men Ge­fühl, dann kehr­te er ab­rupt in die Wirk­lich­keit zu­rück. Ein lei­ser Wind, der rasch an Stär­ke zu­nahm, kün­de­te das Na­hen der Nacht an. Das dunkle Ge­hölz wirk­te im­mer un­heim­li­cher, und die Bäu­me, die sich im Win­de be­weg­ten, nah­men phan­tas­ti­sche Ge­stal­ten an. Sie streck­ten ih­re lan­gen grü­nen Ar­me aus, als woll­ten sie dem Wan­de­rer den Weg ver­sper­ren. Tal­quist hat­te einen kur­z­en Mo­ment lang das ab­sur­de Ge­fühl, daß sich die­se Bäu­me ge­gen ihn ver­schwo­ren hat­ten, um ihn nicht mehr aus dem Wald hin­aus­zu­las­sen.

Er schau­te noch ein­mal auf den to­ten Mann auf dem Al­tar und auf die schreck­li­chen, un­er­klär­li­chen Hu­f­ab­drücke zu sei­nen Fü­ßen. Er schau­der­te. Er muß­te aus die­ser Grot­te her­aus­kom­men!

Tal­quist wand­te sich end­gül­tig ab und ging durch das Ge­hölz auf das Dickicht zu. Auf hal­b­em Weg fie­len die letz­ten ro­ten Strah­len der un­ter­ge­hen­den Son­ne auf sei­ne Brust. Als er hin­un­ter­schau­te, sah er, wie sich das Amu­lett in sanf­tem Bo­gen be­weg­te. Er be­rühr­te es, doch sei­ne Hand zuck­te wie elek­tri­siert zu­rück. Das Pri­ckeln, das der Stein auf sei­ne Fin­ger­spit­zen über­trug, hat­te an Stär­ke zu­ge­nom­men. Als Tal­quist nicht wi­der­ste­hen konn­te, sei­ne Fin­ger wie­der auf das Amu­lett zu le­gen, be­kam er es mit der Angst zu tun, denn er fühl­te auf ein­mal ganz deut­lich das pul­sie­ren­de Le­ben in dem Stein. Und die­ses pul­sie­ren­de Le­ben ging auf ihn über. Er fühl­te die un­heim­li­chen Kräf­te, die in Wel­len durch sei­ne Hand ran­nen und sich jetzt schon auf den gan­zen Arm er­streck­ten.

Die­ser Kon­takt be­leb­te und kräf­tig­te Tal­quist ir­gend­wie. Als er jetzt die dar­ge­stell­te Fi­gur be­trach­te­te, konn­te er ganz deut­lich die Um­ris­se ei­ner Ber­g­zie­ge er­ken­nen, die sich wild auf­bäum­te. Tal­quists Au­gen schmerz­ten und brann­ten. Die­sel­be un­heim­li­che Kraft, die sei­ne Hand und sei­nen Arm durch­strömt hat­te, schi­en jetzt in sei­nen Au­gen zu tan­zen und sein Ge­hirn zu durch­flu­ten.

Denn von dem Stein ging Kraft aus!

Die­ser Pa­pa Le­po­lis mit sei­nem wil­den Ge­fa­sel, daß sich die Men­schen ver­än­dern, wenn sie ein Ge­schenk der al­ten Göt­ter er­hiel­ten! Großer Gott, hat­te die­ser al­te Narr viel­leicht die Wahr­heit ge­spro­chen?

Le­po­lis war im­mer­hin – wenn auch nicht be­ab­sich­tigt – wie ein Op­fer auf dem Al­tar ge­stor­ben. Le­po­lis, der die Ab­sicht ge­habt hat­te, Tal­quist zu op­fern, um da­für als Be­loh­nung die Gna­de des ewi­gen Le­bens zu er­hal­ten, auch wenn er durch das gött­li­che Blut der Sa­ty­re in ein We­sen um­ge­wan­delt wür­de, das nur noch sehr we­nig Ähn­lich­keit mit ei­nem Men­schen hat­te. Aber Le­po­lis hat­te die Rech­nung oh­ne den Wirt ge­macht. Er hat­te den Tod ge­fun­den. Da­nach hat­te Tal­quist je­nen son­der­ba­ren Ta­lis­man ge­fun­den. Selt­sam, daß er ihn vor­her bei sei­ner Su­che nicht ent­deckt hat­te! War er viel­leicht vor­her nicht da­ge­we­sen? Ist er nach dem Op­fer erst ge­sandt wor­den? Die­ser grol­len­de Don­ner un­ter sei­nen Fü­ßen …

Aber das war al­les Un­sinn! Im zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert gibt es kei­ne Wald­geis­ter!

Aber die Hu­f­ab­drücke im Gras … Tal­quist ver­such­te an et­was an­de­res zu den­ken. Er dach­te an sei­nen Kör­per. Das war in ge­wis­ser Wei­se auch na­he­lie­gend, denn er muß­te sich fra­gen, wie es wohl käme, daß er sich auf ein­mal so ei­gen­ar­tig fühl­te.

Da­mit kehr­ten sei­ne Ge­dan­ken un­wei­ger­lich zum Aus­gangs­punkt zu­rück.

Mit ei­ner in­stink­ti­ven Hand­be­we­gung woll­te er sich das Amu­lett vom Hal­se rei­ßen. Sei­ne Fin­ger um­klam­mer­ten wie­der den Stein. Aber in die­sem Au­gen­blick schoß ein der­art star­ker Kraft­strom durch sei­nen Kör­per, daß sein Arm so lahm wur­de, als hät­te er einen elek­tri­schen Schlag be­kom­men.

Was tat ihm die­ses schreck­li­che Ding am Hals an? Ver­wan­del­te es ihn?

Großer Gott, ihm tat al­les weh. Sei­ne Ar­me und Bei­ne brann­ten wie Feu­er. Als er wei­ter­stol­per­te, fühl­te er den ste­chen­den Schmerz in sei­nen Ober­schen­keln. Ihm kam flüch­tig in den Sinn, daß man ihn in sei­ner Kind­heit bei ähn­li­chen Schmer­zen im­mer mit der Er­klä­rung ge­trös­tet hat­te, daß er wie­der ein Stück ge­wach­sen wä­re.

Ein Stück ge­wach­sen!

Tal­quist fühl­te, wie er lang­sam in ei­ne Pa­nik­stim­mung ge­riet, und er be­müh­te sich ver­zwei­felt, ver­nünf­tig zu den­ken. Es war Rheu­ma­tis­mus – selbst­ver­ständ­lich war es Rheu­ma­tis­mus! Er hat­te sich hier in der feuch­ten Wald­luft ei­ne Er­käl­tung ge­holt. War das viel­leicht ein Wun­der? Und die Fü­ße ta­ten ihm ein­fach aus dem Grun­de weh, weil er zu en­ge Schu­he an­hat­te.

Als er durch die Lich­tung ging, knöpf­te er sein Hemd auf. Dann blieb er ste­hen und öff­ne­te die Schnür­sen­kel, um sei­ne Schu­he aus­zu­zie­hen.

Ob­wohl er si­cher Fie­ber hat­te und glaub­te, ihm müß­te der Kopf zer­sprin­gen, fühl­te er sich auf der an­de­ren Sei­te ir­gend­wie be­schwingt. Er fürch­te­te sich, und doch er­füll­te ihn gleich­zei­tig ei­ne un­be­kann­te Fröh­lich­keit.

Fie­ber? Viel­leicht. Aber sein Kör­per schi­en trotz der Schmer­zen nicht mehr zu ihm zu ge­hö­ren. Er fuhr sich mit der Hand über die Au­gen­brau­en und schi­en gar nicht zu mer­ken, daß er sie nach­denk­lich zu­sam­men­ge­zo­gen hat­te. Als sei­ne Hän­de die stop­pe­li­gen Wan­gen be­rühr­ten, über­leg­te er an­ge­strengt, ob er heu­te mor­gen ver­ges­sen hat­te, sich zu ra­sie­ren. Sei­ne Hän­de wa­ren ge­bräunt, und in sei­nen Fin­ger­spit­zen pri­ckel­te es im­mer noch von der Be­rüh­rung des Amu­letts.

Er soll­te ei­gent­lich ei­ne Pau­se ma­chen. Er muß­te sich aus­ru­hen. Der bar­fü­ßi­ge Tal­quist, der sich in­zwi­schen auch des Hem­des ent­le­digt hat­te, ließ sich im Schat­ten ei­nes Bu­sches am Ran­de der Lich­tung fal­len. Das letz­te Flim­mern der un­ter­ge­hen­den Son­ne husch­te über sei­ne Brust.

Er rich­te­te sei­ne Au­gen wie­der auf den grü­nen bren­nen­den Glanz des Amu­letts. Un­ter sei­nem star­ren Blick schi­en sich das gan­ze Ding in ei­ne ein­zi­ge bren­nen­de Flam­me zu ver­wan­deln. Er hat­te das Ge­fühl, auf ei­gen­ar­ti­ge Wei­se ge­pei­nigt und ge­fol­tert zu wer­den.

Sei­ne Mus­keln streck­ten und straff­ten sich, und sei­ne Ner­ven vi­brier­ten und schmerz­ten, daß er glaub­te, es nicht län­ger aus­hal­ten zu kön­nen. Er konn­te we­der sei­ne Au­gen von dem Me­dail­lon lö­sen noch sei­ne Hand he­ben, um die­sen Ta­lis­man von der bren­nen­den gol­de­nen Ket­te zu rei­ßen. Ob­wohl sein Geist durch ei­ne qual­vol­le Won­ne ver­zau­bert war, ver­such­te ihm der Rest sei­nes Be­wußt­seins zu­zu­schrei­en: »Hyp­no­se – Ein­bil­dung – Wahn­sinn.« Aber sein Kör­per krümm­te sich wei­ter un­ter dem Ein­fluß des le­ben­den Steins. Dann kam ganz plötz­lich die Er­leich­te­rung. Das ei­gen­ar­ti­ge röt­li­che Licht der Däm­me­rung, das das Ge­hölz über­flu­te­te, ver­misch­te sich mit dem grü­nen schim­mern­den Glanz des flam­men­den Amu­letts auf Tal­quists Brust.

Ro­ger Tal­quist rieb die Au­gen.

Wie kam er da­zu, hier im Gras zu lie­gen? Was hat­te er ge­tan? Er hat­te kei­ne Schmer­zen mehr. Sein Blut schi­en schnel­ler und hei­ßer durch sei­ne Adern zu strö­men. Er fühl­te es in sei­nen Schlä­fen hef­tig po­chen. Warum hat­te er fort­lau­fen wol­len? Warum hat­te er sich vor der Macht und Kraft die­ses Amu­letts ge­fürch­tet?

Es war an­ge­nehm, hier in der Dun­kel­heit des Wal­des zu sein. Das pul­sie­ren­de Le­ben, das der Ta­lis­man aus­strahl­te, ström­te jetzt in gleich­mä­ßi­gem Rhyth­mus durch sei­nen Kör­per und kräf­tig­te ihn. Ob die Kraft, die von dem Zei­chen des Sa­tyrs aus­ging, na­tür­lich oder un­na­tür­lich war, spiel­te kei­ne Rol­le. Auf al­le Fäl­le war es ei­ne gu­te Kraft. Er war ein Narr ge­we­sen, daß er sich in ei­ne solch pa­ni­sche Angst hin­ein­ge­stei­gert hat­te!

Tal­quist stand auf und wur­de sich kaum sei­ner Nackt­heit be­wußt. Er ging lang­sam wie­der auf den Rand der Grot­te zu. Durch die Däm­me­rung hin­durch schau­te er auf die ver­wit­ter­ten Stei­ne, die weiß schim­mer­ten. Das Gras schi­en grü­ner und saf­ti­ger zu sein. Al­les schi­en hier von neu­em Le­ben er­füllt zu sein. Tal­quist glaub­te mehr und grö­ße­re Stei­ne als am Nach­mit­tag zu se­hen. Sie bil­de­ten nach wie vor einen großen Kreis. Tal­quist war ge­ra­de im Be­griff, zu den Stei­nen zu ge­hen und sie zu un­ter­su­chen, als er plötz­lich in der Be­we­gung ver­harr­te. Ir­gend et­was be­fahl ihm, im Schat­ten der Bü­sche zu blei­ben.

Er hör­te aus der Fer­ne ei­gen­ar­ti­ge Lau­te, die ihn an Flö­ten­tö­ne er­in­ner­ten. Dann trat ei­ne klei­ne Pro­zes­si­on von bär­ti­gen Män­nern, die al­le in Weiß ge­klei­det wa­ren, auf die Lich­tung. Es moch­ten et­wa ein Dut­zend Män­ner sein. Tal­quist glaub­te in ih­nen ei­ni­ge Be­woh­ner der Sied­lung zu er­ken­nen.

Dann hiel­ten sie al­so hier im­mer noch Got­tes­diens­te ab!

Die Pries­ter, und es wa­ren al­les Pries­ter, ver­sam­mel­ten sich um den Mit­tel­al­tar. Tal­quist konn­te se­hen, wie sie mit großer Be­stür­zung den Leich­nam von Le­po­lis ent­deck­ten. Sie dräng­ten sich dicht an­ein­an­der und flüs­ter­ten in der Däm­me­rung.

»Er hat uns ge­sagt, daß der jun­ge Aus­län­der reif wä­re«, flüs­ter­te ei­ner so laut, daß Tal­quist es ver­ste­hen konn­te.

»Ir­gend et­was muß schief­ge­gan­gen sein.«

»Kommt, wir wol­len ge­hen, ehe sie sich hier ver­sam­meln.«

»Gut. Denn sie wer­den be­stimmt kom­men, um sich den To­ten zu ho­len.«

»Das Amu­lett ist schon ver­schwun­den, aber wir wol­len trotz­dem den Weih­rauch an­zün­den.«

»Be­eilt euch! Ich ha­be Angst.«

Die Män­ner tru­gen klei­ne Holz­bün­del zu den acht äu­ße­ren Stei­nen und zün­de­ten sie an. Große par­fü­mier­te Rauch­schwa­den weh­ten zu den Him­meln der Wald­göt­ter em­por. Es war ei­ne Sze­ne aus dem al­ten Grie­chen­land – dem al­ten Grie­chen­land der sa­gen­um­wo­be­nen Wald­göt­ter.

Der Kör­per des al­ten Le­po­lis lag auf dem Mit­tel­al­tar. Um ihn her­um er­hob sich der bei­ßen­de Rauch. Die al­ten Män­ner ent­fern­ten sich ei­lig. Da­bei flüs­ter­ten sie und war­fen ver­stoh­le­ne Bli­cke zu­rück auf den Al­tar.

Tal­quist duck­te sich und be­ob­ach­te­te. Sein Atem ging rasch und un­re­gel­mä­ßig.

Mi­nu­ten­lang blieb es to­ten­still. Dann setz­te ein ei­gen­ar­ti­ges Rau­schen ein. Die Blät­ter un­ter den Bäu­men ra­schel­ten, und ziel­be­wuß­te Schrit­te, die von Hu­fen zu stam­men schie­nen, nä­her­ten sich. Die Son­ne war end­gül­tig un­ter­ge­gan­gen. Der Mond stand jetzt am blaß­ro­ten Him­mel. Als sein fah­les Licht die Grot­te er­hell­te, ver­stärk­ten sich die ra­scheln­den Ge­räusche. Ein sil­ber­ner Mond­strahl glit­zer­te auf dem Mit­tel­al­tar. Im glei­chen Au­gen­blick er­füll­te ein schwa­ches und doch schril­les Pfei­fen die Luft. Die­se Tö­ne, die aus ei­ner Hir­ten­flö­te stamm­ten, wa­ren so hoch, daß es klang, als kämen sie aus ei­ner großen Ent­fer­nung. Die pfei­fen­den Tö­ne wur­den eins mit dem Ra­scheln und dem her­ben Ge­ruch des Weih­rauchs, der den dunklen Wald er­füll­te.

Jetzt wa­ren auch noch an­de­re Ge­räusche zu hö­ren: un­heim­li­ches Stöh­nen und ho­hes Wie­hern, Zir­pen und Knur­ren. Und ein an­de­rer Ge­ruch, ei­ne Zu­sam­men­set­zung von ver­schie­de­nen Düf­ten, misch­te sich mit dem Weih­rauch. Es war der Mo­schus­ge­ruch, der den Tie­ren und Krea­tu­ren des Wal­des an­haf­tet.

Tal­quist starr­te mit wei­tauf­ge­ris­se­nen Au­gen in die Nacht – dann schrie er bei­na­he.

Denn die Krea­tu­ren des Wal­des ka­men in die Lich­tung. Sie hüpf­ten und spran­gen und scharr­ten über den har­ten Erd­bo­den. Die zot­ti­gen Fau­ne, die ein men­schen­ähn­li­ches Aus­se­hen hat­ten, voll­führ­ten im Mond­licht wil­de Sprün­ge. Sie wa­ckel­ten mit ih­ren Zie­gen­bär­ten und stie­ßen ein me­ckern­des Ge­läch­ter aus.

Hier wa­ren al­so die le­ben­dig ge­wor­de­nen Fa­bel­we­sen der al­ten Sa­gen!

Bac­chan­tin­nen in Bul­len­ge­stalt stampf­ten mit keh­li­gem, fröh­li­chem Brül­len in die Lich­tung und schüt­tel­ten ih­re be­haar­ten Köp­fe in vie­hi­scher Fröh­lich­keit. Zen­tau­ren stol­zier­ten über den Ra­sen. Ih­re bö­sen, ver­schla­ge­nen Ge­sich­ter ver­zo­gen sich zu lüs­ter­nen Gri­mas­sen, und ih­re Hengst­kör­per strotz­ten vor über­schäu­men­der Kraft. Sie schnaub­ten, bäum­ten sich auf und zer­tra­ten mit ih­ren schar­fen Hu­fen das Feu­er auf den Al­tar­stei­nen.

Jetzt konn­te sich Tal­quist die Hu­f­ab­drücke auf dem Gras er­klä­ren! Die Wald­geis­ter mit den ab­scheu­li­chen Zie­gen­köp­fen stie­ßen hei­se­re Schreie aus und voll­führ­ten wil­de Sprün­ge. Ab und zu blie­ben sie ste­hen und blök­ten den Mond an. Als sie den Weih­rauch wit­ter­ten, streck­ten sie in woh­li­gem Be­ha­gen ih­re Fü­ße mit den Hu­fen.

Die Flö­ten­tö­ne aus der Fer­ne wur­den noch schril­ler, und die hüp­fen­den, sprin­gen­den Wald­geis­ter lach­ten noch lau­ter. Sie um­tanz­ten in wil­der Ek­sta­se die Al­tar­stei­ne. Tal­quist rang nach Luft. Die al­ten Sa­gen wur­den vor sei­nen Au­gen zur Wirk­lich­keit. Er warf wie­der einen Blick auf das Zei­chen des Sa­tyrs auf sei­ner Brust und schau­te auf, als er schril­les Schrei­en ver­nahm.

Die le­ben­den Schat­ten der Nym­phen ka­men auf den Flü­geln des Sturms in die Lich­tung ge­braust. Sie tanz­ten über das Gras und lie­ßen ih­re nas­sen grü­nen Haa­re wild flat­tern, als sie sich vor den Tier­menschen dreh­ten.

Ei­ne grün­haa­ri­ge Nym­phe, de­ren Au­gen so rot wie Blut wa­ren, schau­te sich Ro­ger Tal­quist be­son­ders ein­ge­hend an. Die un­heim­li­che Kraft, die ihn durch­ström­te, schi­en ihn fast zu zer­spren­gen, als er sah, wie die­se Nym­phe mit den an­de­ren tanz­te.

Jetzt sa­hen die Krea­tu­ren, was auf dem Al­tar lag. Ein Wald­geist kroch dicht her­an und wink­te dann sei­nen we­ni­ger mu­ti­gen Ge­nos­sen leb­haft zu. Ei­ne be­haar­te Pran­ke streck­te sich aus und be­rühr­te den to­ten Kör­per von Le­po­lis. Ein Sa­tyr schlug vor der Lei­che Pur­zel­bäu­me. Dann nä­her­te auch er sich dem To­ten. Sei­ne Nüs­tern bläh­ten sich, als er an dem Bart des al­ten Man­nes zupf­te. Ein Zen­taur trat so rasch zu­rück, daß sei­ne schweiß­be­deck­ten Flan­ken einen Stein ins Wan­ken brach­ten. Die Nym­phen ki­cher­ten schrill.

Dann hat­ten sich al­le um den in­ne­ren Al­tar ver­sam­melt. Sie lieb­kos­ten mit ih­ren Au­gen und Hän­den und Lip­pen das, was auf dem Al­tar lag, wo­bei sie lach­ten und blök­ten. Als sie sich dann ab­wand­ten, zerr­ten sie den leb­lo­sen Kör­per hin­ter sich her.

Das schril­le Pfei­fen, die hel­len Flö­ten­tö­ne, der Weih­rauch­ge­ruch, das krei­schen­de La­chen, das al­les brach­te Tal­quist so weit, daß er aus dem schüt­zen­den Ge­büsch her­vor­trat. Er dach­te nicht an das, was er ge­se­hen hat­te; er fühl­te nur in sei­nem Blut einen trom­meln­den Wi­der­hall des eben Er­leb­ten.

Der Tanz der Wald­krea­tu­ren ver­wan­del­te sich all­mäh­lich in ei­ne Ver­fol­gungs­jagd, und die Nym­phen flo­gen vor den un­mensch­li­chen Le­be­we­sen, die ih­nen in der Dun­kel­heit nachrann­ten. Die Nacht war von hei­se­ren Schrei­en er­füllt.

Dann schwol­len die Tö­ne der Hir­ten­flö­te an und ver­misch­ten sich mit dem tri­um­phie­ren­den Blö­ken. Die Hor­de schlepp­te die Lei­che des al­ten Man­nes in den dunklen Wald.

Tal­quist, des­sen Blut jetzt wie Feu­er durch die Adern rann, ras­te den an­de­ren um den Al­tar her­um nach. Der selt­sa­me Wahn­sinn, der von ihm Be­sitz er­grif­fen hat­te ver­schaff­te ihm das Ge­fühl der Zu­ge­hö­rig­keit zu die­sen We­sen der Ver­gan­gen­heit.

Als sie ihn sa­hen, schri­en sie auf und deu­te­ten auf das grü­ne Amu­lett auf sei­ner Brust. Aber er hör­te ihr Schrei­en nicht.

Sei­ne Au­gen such­ten ei­ne be­stimm­te Ge­stalt – die der grün­haa­ri­gen Nym­phe mit den ro­ten Au­gen. Sie merk­te es, und als er sie an­schau­te, warf sie ihm einen ob­szö­nen ver­lieb­ten Blick zu. Ob­wohl sich Tal­quist durch ih­ren An­blick ab­ge­sto­ßen fühl­te, zwang ihn ei­ne in­ne­re Kraft, wei­ter­zu­lau­fen. Er rann­te auf die Nym­phe, die ihn ver­höh­nen woll­te, zu. Sie floh mit ge­spiel­tem Ent­set­zen in das dunkle Ge­büsch, wo die pfei­fen­den Ge­räusche all­mäh­lich ver­stumm­ten.

Tal­quist rann­te durch den Wald und folg­te der flüch­ten­den Nym­phe, de­ren grü­ne Haa­re von den Blät­tern der le­ben­den Bäu­me nicht zu un­ter­schei­den wa­ren. Das Blut poch­te wie wild in sei­nen Schlä­fen, und er rang nach Atem, aber er war von ei­ner na­men­lo­sen Kraft durch­drun­gen. Das spöt­ti­sche Ge­läch­ter der flie­hen­den Nym­phe mach­te ihn wahn­sin­nig. Er stol­per­te hin­ter ihr her.

Nach kur­z­er Zeit ge­lang­te er zu den Ufern ei­nes Tei­ches, an die sich die Nym­phen und Ne­re­iden zu­rück­ge­zo­gen hat­ten. Die flie­hen­den klei­nen We­sen eil­ten ge­räusch­voll durch das Schilf und tauch­ten in dem Teich un­ter, der hin­ter den Bü­schen ver­bor­gen lag. Kei­ne von ih­nen kam wie­der zum Vor­schein.

Ro­ger Tal­quist rann­te im­mer noch, vom Wahn­sinn an­ge­feu­ert, hin­ter der höh­nisch la­chen­den Nym­phe her. Das Amu­lett tanz­te beim Lau­fen auf sei­ner Brust.

Am Ufer blieb sie plötz­lich ste­hen. Sie warf den Kopf mit den Schlan­gen­haa­ren in den Nacken und grins­te ihn ver­schmitzt an. Ih­re feuch­ten, schlaf­fen Hän­de be­rühr­ten Tal­quists Arm. Ih­re ro­ten Au­gen hat­ten nichts Mensch­li­ches an sich. Als Tal­quist in die­se Au­gen blick­te, fiel der Wahn­sinn von ihm ab, und er ver­such­te, das We­sen von sich zu sto­ßen.

Sie trat einen Schritt zu­rück. Als dann ihr Blick auf das Amu­lett an der Ket­te fiel, streck­te sie ih­re Hand ver­lan­gend da­nach aus. Tal­quist stieß sie wie­der von sich. Die Nym­phe ki­cher­te und woll­te sich mit ih­ren kal­ten Hän­den an ihm fest­klam­mern. Ih­re Fin­ger um­schlos­sen die Ket­te an sei­nem Hals. Dann trat sie rasch einen Schritt zu­rück – und ver­lor da­bei das Gleich­ge­wicht.

Die Ket­te zer­riß, und die Nym­phe fiel schrei­end ins Was­ser. Das Amu­lett in ih­rer Hand be­schrieb einen fun­keln­den Kreis. Dann ver­schwand es un­ter der quir­len­den Was­sero­ber­flä­che. Die Nym­phe und das Zei­chen des Sa­tyrs ver­schwan­den zu­sam­men in dem Teich …

Tal­quist mach­te ein dum­mes Ge­sicht und starr­te auf die im­mer grö­ßer wer­den­den Krei­se auf der Was­sero­ber­flä­che.

Dann schau­te er sich wie er­wa­chend um, und sein Be­wußt­sein kehr­te zu­rück. Er stand mit­ten in der Nacht frie­rend und nackt im Wald und hat­te mit Er­folg die Phan­to­me, die das Fie­ber mit sich ge­bracht hat­te, ver­scheucht.

Es hat­te kein Op­fer, kei­ne Nym­phen und kei­ne Sa­ty­re ge­ge­ben. Es war al­les nur ein Traum ge­we­sen, der durch die hyp­no­ti­sche Kraft des Amu­letts, auf das er beim Nie­der­le­gen ge­blickt hat­te, ent­stan­den war.

Die­ser selt­sa­me Ta­lis­man war jetzt ver­schwun­den. Wahr­schein­lich hat­te er ihn in ei­ner letz­ten An­wand­lung des Wahn­sinns selbst in das Was­ser ge­wor­fen. Auch gut. Dann war er eben die­sen ver­fluch­ten Stein los!

Der al­te Le­po­lis hat­te auf sei­ne Art schon recht ge­habt. Das Zei­chen des Sa­tyrs konn­te einen Men­schen um­wan­deln, ob es nun ein Ge­schenk der al­ten Göt­ter war oder nicht. Als Tal­quist es ge­tra­gen hat­te, war er nicht mehr er selbst ge­we­sen. Er hat­te sich in ein Tier ver­wan­delt, und sein Ge­sicht hat­te sich so ver­wirrt, daß er sich mit den wil­den Krea­tu­ren der al­ten My­then ver­wandt ge­fühlt hat­te. Der al­te Le­po­lis hat­te ge­sagt, daß sol­che Din­ge auch heu­te noch in den Wäl­dern exis­tier­ten und nach ei­nem Op­fer wirk­sam wür­den.

Der al­te Mann hat­te mit die­ser Be­haup­tung wirk­lich recht ge­habt. Ar­mer Pa­pa Le­po­lis! Er hat­te an al­les ge­glaubt und woll­te das Amu­lett ha­ben, weil er dach­te, es ver­wan­delt ihn in ein Wald­we­sen, das ewig lebt. Er glaub­te so stark dar­an und wünsch­te sich das Amu­lett so sehr, daß er selbst vor ei­nem Mord nicht zu­rück­schreck­te. Jetzt war der Al­te tot, und das Amu­lett war auch ver­schwun­den. Tal­quist dach­te an­ge­strengt nach.

Selt­sam, daß er die Ge­schich­te des Al­ten, daß das Amu­lett einen Men­schen ver­än­dern kann, nicht ge­glaubt hat­te. Er hät­te ei­gent­lich wis­sen müs­sen, daß es sich hier­bei um ei­ne sinn­bild­li­che Aus­le­gung han­del­te. Das Zei­chen ver­ur­sach­te mehr ei­ne geis­ti­ge Ver­än­de­rung als ei­ne kör­per­li­che, die zur Fol­ge hat­te, daß man sich ein­bil­de­te, auch der Kör­per wür­de sich ver­wan­deln. Denn er hat­te sich ver­wan­delt ge­fühlt – bei ge­nau­er Be­trach­tung fühl­te er es noch im­mer. Die­ses un­heim­li­che Pri­ckeln!

Aber was hat­te er hier noch ver­lo­ren? Es war ge­schei­ter, jetzt ins Ho­tel zu­rück­zu­keh­ren und das gan­ze De­li­ri­um zu ver­ges­sen.

Tal­quist warf einen letz­ten Blick auf das Was­ser des Tei­ches, in den das Amu­lett ge­fal­len war. Die Ober­flä­che war jetzt ru­hig, und al­les spie­gel­te sich glas­klar im fah­len Mond­licht. Tal­quist er­blick­te sein ei­ge­nes Bild in die­sem großen sil­ber­nen Spie­gel der Na­tur.

Er sah al­les: sei­nen Kopf, die Stirn, das Ge­sicht, den Hals, den Kör­per, die Fü­ße …

Und mit ei­nem­mal be­griff er die vol­le Wahr­heit von Le­po­lis’ phan­tas­ti­scher Ge­schich­te von den Ge­schen­ken der al­ten Göt­ter, die einen Men­schen ver­wan­deln konn­ten.

Er schau­te nicht lan­ge in den Teich. Ein kur­z­er Blick sag­te ihm al­les. Dann sprang er in den Teich. Als sein Kör­per auf dem Was­ser auf­schlug, ver­nich­te­te er das grau­en­haf­te Spie­gel­bild, das Tal­quist von der glat­ten Ober­flä­che ent­ge­gen­ge­st­arrt hat­te.

Denn als sich Tal­quist über den Spie­gel der Na­tur ge­beugt hat­te, hat­te er die Ge­stalt und das Ge­sicht des Wald­got­tes Pan ge­se­hen.