Das unersättliche Haus

 

Als sie das Haus über­nom­men hat­ten, wa­ren sie zu zweit. Sie und er.

Dann kam es da­zu.

Viel­leicht aber war es schon im­mer im Haus und hat­te nur auf sie ge­war­tet. Wie dem auch sei: Es war da, und man konn­te nichts da­ge­gen un­ter­neh­men.

Es wä­re na­tür­lich ei­ne Mög­lich­keit ge­we­sen, aus dem Haus wie­der aus­zu­zie­hen; aber sie hat­ten einen Fünf­jah­res­ver­trag ab­ge­schlos­sen und freu­ten sich über die bil­li­ge Mie­te. Au­ßerdem wä­re es ab­surd, sich dar­über beim Mak­ler zu be­schwe­ren. Sie konn­ten es nicht ein­mal ih­ren Freun­den er­klä­ren.

Wo­hin hät­ten sie auch zie­hen sol­len? Sie hat­ten nach mo­na­te­lan­ger Su­che end­lich die­ses Haus ge­fun­den.

Zu­dem wei­ger­te sich zu Be­ginn so­wohl sie als auch er, die Ge­gen­wart von es zur Kennt­nis zu neh­men. Aber bei­de wuß­ten, daß es exis­tier­te.

Sie be­kam es gleich am al­ler­ers­ten Abend zu spü­ren. Sie saß vor dem ho­hen, alt­mo­di­schen Spie­gel im Schlaf­zim­mer und kämm­te sich. Der Spie­gel war noch nicht ab­ge­staubt und hat­te schmie­ri­ge Fle­cke. Au­ßer­dem fla­cker­te das Licht über dem Spie­gel ein we­nig.

Dar­um dach­te sie auch zu­erst, es wä­re ein zu­fäl­li­ger Schat­ten oder ein Fleck auf dem Glas. Sie run­zel­te die Brau­en, als sie die schwan­ken­den, ver­schlei­er­ten und sche­men­haf­ten Um­ris­se im Hin­ter­grund wahr­nahm. Dann glät­te­te sich ih­re Stirn, weil sie wuß­te, daß sich ihr spe­zi­el­les Ver­hei­ra­tet-sein-Ge­fühl wie­der ein­mal be­merk­bar mach­te. Die­ses Ge­fühl be­stand dar­in, die Ge­gen­wart des an­de­ren zu spü­ren, oh­ne mit Be­wußt­sein ge­merkt zu ha­ben, daß der an­de­re den Raum be­tre­ten hat­te.

Das war es. Er muß­te jetzt ge­nau hin­ter ihr ste­hen. Er muß­te den Raum laut­los be­tre­ten ha­ben. Gleich wür­de er ver­su­chen, sie zu über­ra­schen und die Ar­me um sie zu le­gen.

Sie dreh­te sich um, um ihm ent­ge­gen­zu­lä­cheln.

Ihr Lä­cheln fror ein, denn der Raum war leer. Sie schau­te wie­der in den Spie­gel. Die sche­men­haf­ten Um­ris­se wa­ren im­mer noch da – ge­nau­so wie das Ge­fühl, daß sich noch je­mand im Raum be­fin­den muß­te.

Sie zuck­te die Ach­seln, schüt­tel­te den Kopf und schnitt ei­ne Gri­mas­se. Sie lä­chel­te ih­rem Spie­gel­bild zu, aber es war ein ver­un­glück­tes Lä­cheln. Durch das fle­cki­ge Glas und die schwa­che Be­leuch­tung wirk­te es ver­zerrt und fremd – es war ein Lä­cheln, das nicht zu ih­rem Ge­sicht zu ge­hö­ren schi­en.

Nun ja, dach­te sie, die­ser gan­ze Um­zug war doch recht an­stren­gend. Dann fuhr sie sich ener­gisch mit der Bürs­te durch die Haa­re und ver­bann­te je­den ab­we­gi­gen Ge­dan­ken.

Trotz­dem at­me­te sie er­leich­tert auf, als er plötz­lich das Schlaf­zim­mer be­trat. Im ers­ten Au­gen­blick woll­te sie es ihm er­zäh­len, aber dann über­leg­te sie es sich an­ders. Sie woll­te ihn mit ih­ren ›Ner­ven‹ nicht be­un­ru­hi­gen.

Er hin­ge­gen war nicht so schweig­sam.

Er kam am nächs­ten Mor­gen aus dem Ba­de­zim­mer ge­stürmt. Sei­ne lin­ke Wan­ge blu­te­te; und er fuch­tel­te mit dem Ra­sier­ap­pa­rat her­um.

»Was soll der Quatsch?« frag­te er ver­drieß­lich. »Warum schleichst du hin­ter mir her und er­schreckst mich im Spie­gel? Schau dir an, wie ich mich ge­schnit­ten ha­be! Ich fin­de das über­haupt nicht lus­tig!«

Sie lag noch im Bett und setz­te sich bei sei­nen Wor­ten ruck­ar­tig auf.

»Aber Schatz, wie soll ich dich er­schreckt ha­ben?« frag­te sie ver­schla­fen. Dann fuhr sie leb­haf­ter fort: »Ich ha­be mein Bett über­haupt noch nicht ver­las­sen.«

»Nein?« Er hob er­staunt die Au­gen­brau­en. Nach­dem er of­fen­sicht­lich kur­ze Zeit an­ge­strengt nach­ge­dacht hat­te, war auf sei­nem Ge­sicht ein be­stürz­ter Aus­druck. »Na ja«, brumm­te er.

»Was, ›na ja‹?« Sie hat­te die De­cke bei­sei­te ge­schleu­dert und saß auf der Bett­kan­te. Wäh­rend ih­re Fü­ße au­to­ma­tisch nach den Pan­tof­feln an­gel­ten, schau­te sie ihn ge­spannt an. »Was ›na ja‹?« wie­der­hol­te sie.

»Ach nichts«, mur­mel­te er, »gar nichts. Als ich beim Ra­sie­ren in den Spie­gel guck­te, hat­te ich nur das Ge­fühl, daß du – oder sonst ir­gend je­mand – mir über die Schul­ter siehst. Und zwar ganz plötz­lich, ver­stehst du? Das muß wohl an den ver­damm­ten Lam­pen lie­gen. Ich wer­de gleich heu­te neue Bir­nen be­sor­gen.«

Er tupf­te sich mit dem Hand­tuch das Blut von der Wan­ge und dreh­te sich um.

Sie hol­te tief Luft. »Ich hat­te ges­tern abend das­sel­be Ge­fühl«, sag­te sie dann und biß sich so­fort är­ger­lich auf die Lip­pen.

»Was sagst du da?«

Sie nick­te. »Ja, ja –« Dann fuhr sie has­tig fort. »Es muß an den Lam­pen lie­gen. Du hast recht – es muß ganz be­stimmt an den Lam­pen lie­gen.«

Er starr­te ge­dan­ken­ver­lo­ren vor sich hin. Dann räus­per­te er sich ge­räusch­voll.

»Nun ja – was soll­te es auch sonst sein? – Ich wer­de die neu­en Bir­nen be­stimmt nicht ver­ges­sen.«

»Das ist gut.« Sie nick­te eif­rig. »Bei der Ein­wei­hungs­par­ty am Sonn­abend muß al­les in Ord­nung sein.«

 

Aber es war noch lan­ge nicht Sonn­abend. Bis da­hin ge­sch­a­hen noch ei­ni­ge Din­ge, die sie mehr ver­wirr­ten, als sie sich ge­gen­sei­tig ein­ge­stan­den ha­ben wür­den.

Als er am nächs­ten Mor­gen zur Ar­beit ge­fah­ren war, mach­te sie sich dar­an, den Gar­ten zu un­ter­su­chen. Der An­blick war al­les an­de­re als er­freu­lich. Der große Gar­ten glich ei­nem ver­wahr­los­ten Acker mit dunklen Bäu­men, die ei­ne dro­hen­de Hal­tung ein­zu­neh­men schie­nen. Der Herbst­wind wir­bel­te die to­ten Blät­ter um das al­te Haus. Sie stand auf ei­ner klei­nen An­hö­he und schau­te nach­denk­lich auf die fins­te­ren Haus­gie­bel aus ei­nem an­de­ren Jahr­hun­dert.

Das ei­gen­ar­ti­ge Ge­fühl, das sie be­schlich, hat­te nichts da­mit zu tun, daß weit und breit kei­ne Men­schen­see­le war und das Haus des nächs­ten Nach­barn ei­ne hal­be Mei­le ent­fernt an der ein­sa­men schmut­zi­gen Stra­ße lag. Sie kam sich auf ein­mal wie ein un­er­wünsch­ter Ein­dring­ling vor – ein Ein­dring­ling in die Ver­gan­gen­heit. Der kal­te Wind, die ster­ben­den Bäu­me und der fins­te­re Him­mel wa­ren will­kom­men – sie ge­hör­ten zum Haus. Sie war der Au­ßen­sei­ter. Weil sie jung war. Weil sie leb­te.

Das al­les fühl­te sie mehr, als daß sie es dach­te. So­lan­ge sich ihr Ver­stand ge­gen die­se Ge­dan­ken sträub­te, konn­te auch kei­ne Angst bei ihr auf­kom­men. Die Angst, al­lei­ne zu sein, oder, was noch viel schlim­mer war, die Angst, nicht al­lei­ne zu sein.

Denn ge­ra­de jetzt, als sie auf das Haus schau­te, schloß sich die Tür.

Das war na­tür­lich der Herbst­wind. Selbst­ver­ständ­lich. Aber die Tür war we­der zu­ge­fal­len noch zu­ge­schla­gen. Sie hat­te sich ganz ein­fach ge­schlos­sen. Aber trotz­dem: Es war das Werk des Win­des. Es muß­te sein Werk sein! Denn es war kei­ner im Haus, der die Tür hät­te schlie­ßen kön­nen.

Sie griff in die Ta­sche ih­res Haus­klei­des. Dann zuck­te sie die Ach­seln, denn ihr fiel ein, daß sie den Haus­schlüs­sel in die Kü­che ge­legt hat­te.

Sie hat­te nicht die Ab­sicht ge­habt, so bald wie­der ins Haus zu ge­hen, denn sie woll­te sich den Gar­ten ge­nau an­se­hen und über­le­gen und aus­mes­sen, wo man im nächs­ten Früh­jahr Ge­mü­se­bee­te an­le­gen und Blu­men pflan­zen konn­te.

Als sich jetzt aber die Tür ge­schlos­sen hat­te, fühl­te sie, daß sie zu­rück­ge­hen muß­te. Ir­gend et­was ver­such­te, sie aus­zu­schlie­ßen. Aus ih­rem ei­ge­nen Haus aus­zu­schlie­ßen! Und dem durf­te sie kei­nes­falls nach­ge­ben. Ir­gend et­was kämpf­te ge­gen sie. Ir­gend et­was war ge­gen ih­re An­we­sen­heit und ge­gen je­de mög­li­che Än­de­rung. Sie muß­te sich weh­ren und ih­ren Platz be­haup­ten.

Sie ging ent­schlos­sen auf das Haus zu, rüt­tel­te am Tür­griff und fand ih­re Ah­nung be­stä­tigt, daß sie aus­ge­schlos­sen war. Die ers­te Run­de hat­te sie ver­lo­ren. Aber es gab ja noch das Fens­ter.

Das Kü­chen­fens­ter be­fand sich in Au­gen­hö­he und war einen Spalt ge­öff­net. Als sie auf ei­ne klei­ne Kis­te stieg, konn­te sie es mü­he­los er­rei­chen.

Sie hob die Hand, um das Fens­ter wei­ter in die Hö­he zu schie­ben.

Es rühr­te sich nicht von der Stel­le.

Es muß­te ir­gend­wo klem­men. Aber es hat­te vor­her nicht ge­klemmt, denn ehe sie in den Gar­ten ging, hat­te sie es oh­ne Schwie­rig­kei­ten auf­schie­ben kön­nen. Au­ßer­dem hat­ten sie bei ih­rem Ein­zug al­le Fens­ter aus­pro­biert und kei­ne Män­gel fest­ge­stellt.

Sie ver­such­te es noch ein­mal. Mit großer An­stren­gung konn­te sie das Fens­ter viel­leicht fünf­zehn Zen­ti­me­ter hoch­schie­ben, dann … Als das Fens­ter mit der Wucht ei­ner Guil­lo­ti­ne her­abs­aus­te, konn­te sie ge­ra­de noch recht­zei­tig ih­re Hand zu­rück­rei­ßen. Sie biß sich auf die Lip­pen. Dann straff­te sie die Schul­tern und ver­such­te es er­neut mit dem Fens­ter.

Die­ses Mal schau­te sie da­bei in die Schei­be. Es war nor­ma­les, durch­sich­ti­ges Fens­ter­glas. Sie hat­te es erst ges­tern ge­putzt und wuß­te, daß es sau­ber sein muß­te. Es hat­te kei­ne Ver­schleie­run­gen, kei­ne Schat­ten und ganz ge­wiß kei­ne Be­we­gun­gen ge­habt.

Aber jetzt war es vol­ler Be­we­gung!

Ir­gend et­was Wol­ki­ges, Ver­schwom­me­nes, ir­gend et­was ei­gen­ar­tig Un­durch­sich­ti­ges schi­en sie an­zu­star­ren und die Fens­ter­schei­be her­un­ter­zu­drücken. Ir­gend et­was woll­te ihr den Ein­tritt ins Haus ver­weh­ren.

Plötz­lich lach­te sie hys­te­risch auf, denn ihr war zum Be­wußt­sein ge­kom­men, daß sie auf ihr ei­ge­nes Spie­gel­bild zwi­schen den Schat­ten der Bäu­me starr­te. Na­tür­lich, es muß­te ihr ei­ge­nes Spie­gel­bild sein, und es be­stand über­haupt kei­ne Ver­an­las­sung für sie, die Au­gen zu schlie­ßen und zu schluch­zen und – als das Fens­ter end­lich of­fen war – fast in die Kü­che zu tau­meln.

Sie war im Haus und sie war al­lein. Ganz al­lein. Al­les war in bes­ter Ord­nung. Sie brauch­te ihn mit der Ge­schich­te nicht zu be­un­ru­hi­gen. Sie wür­de ihm nichts er­zäh­len.

Er wür­de ihr auch nichts er­zäh­len.

Als sie am Frei­tag nach­mit­tag den Wa­gen nahm, um in der Stadt Ein­käu­fe für die mor­gi­ge Par­ty zu ma­chen, blieb er zu Hau­se, um die letz­ten Din­ge nach dem Um­zug in Ord­nung zu brin­gen. Aus die­sem Grund schaff­te er auch die Klei­der­sä­cke auf den Bo­den. Die Som­mer­sa­chen nah­men in den Schrän­ken so viel Platz in An­spruch, daß er sie aus dem We­ge ha­ben woll­te.

Auf dem Bo­den war es dun­kel. Er setz­te die Klei­der­sä­cke ab und ar­bei­te­te sich mit der Ta­schen­lam­pe an der Wand ent­lang. Da­bei stieß er auf einen Ver­schlag un­ter ei­nem der Gie­bel. Er starr­te auf die Tür und das Vor­hän­ge­schloß.

Der Staub und der Rost spra­chen ih­re ei­ge­ne Spra­che. Hier oben war seit Ewig­kei­ten kei­ner ge­we­sen. Er muß­te an Ha­cker, den zun­gen­fer­ti­gen Mak­ler, der ih­nen die­ses Haus ver­mit­telt hat­te, den­ken. »Das Haus ist ein paar Jah­re lang nicht be­wohnt ge­we­sen und muß et­was auf­gemö­belt wer­den«, hör­te er Ha­cker sa­gen. So wie es hier aus­sah, wür­de er eher sa­gen, daß das Haus ei­ni­ge Jahr­hun­der­te lang nicht be­wohnt ge­we­sen war. Das hat­te al­ler­dings den Vor­teil, daß er für die­ses Schloß nichts wei­ter als ei­ne ein­fa­che Fei­le be­nö­tig­te.

Er ging rasch hin­un­ter und kam gleich dar­auf mit ei­ner Fei­le zu­rück.

Der Staub und Schmutz spra­chen wirk­lich ih­re ei­ge­ne Spra­che. Die vo­ri­gen Mie­ter muß­ten das Haus et­was über­stürzt ver­las­sen ha­ben. Auf dem Bo­den herrsch­te ein heil­lo­ses Durch­ein­an­der. Über­all war Schutt und Ge­rüm­pel ver­streut. Die tie­fen Schram­men auf dem Fuß­bo­den deu­te­ten dar­auf­hin, daß je­mand sei­ne Kis­ten und Kof­fer in hek­ti­scher Ei­le zur Trep­pe ge­schleift hat­te.

Nun ja, er hat­te den gan­zen Win­ter über Zeit, al­les wie­der her­zu­rich­ten. Jetzt woll­te er nur die Som­mer­sa­chen un­ter­brin­gen. Er klemm­te sich die Ta­schen­lam­pe an den Gür­tel und beug­te sich mit der Fei­le in der Hand über das Vor­hän­ge­schloß.

Es war wirk­lich ein Kin­der­spiel. Das Schloß sprang auf, und er drück­te ge­gen die Tür. Als sie quiet­schend auf­ging, muß­te er die Luft an­hal­ten. Ihm ström­te ei­ne Wo­ge von Mo­der und Fäul­nis ent­ge­gen. Dann rich­te­te er den Strahl der Ta­schen­lam­pe in den en­gen, schma­len Ver­schlag.

Ein tau­send­fa­ches Glit­zern und Fun­keln stach ihm in die Au­gen. Gol­de­nes, glü­hen­des Feu­er brann­te in sei­nen Pu­pil­len. Er zuck­te mit der Ta­schen­lam­pe zu­rück und schloß ge­blen­det die Au­gen. Dann rich­te­te er den Licht­strahl nach oben. Und wie­der stach ihm glei­ßen­des Licht wie Lan­zen in die Au­gen.

Er sprang zu­rück. Sein Atem ging rasch. Dann zwang er sich zur Ru­he und Ver­nunft und lug­te nochein­mal in den Ver­schlag. Auf ein­mal wuß­te er, wo­her die­ses Glit­zern und Fun­keln kam. Er blick­te in einen Raum vol­ler Spie­gel. Sie hin­gen von der De­cke, lehn­ten in Ecken und stan­den an den Wän­den. Da wa­ren ein großer statt­li­cher Spie­gel, der ein­mal ei­ne Tür aus­ge­füllt ha­ben muß­te, zwei ova­le Spie­gel von ei­ner alt­mo­di­schen Fri­sier­kom­mo­de, ein Spie­gel, der aus ei­nem Rah­men ge­bro­chen war, und so­gar ein kom­plet­tes, aus­ein­an­der­ge­nom­me­nes Me­di­zin­schränk­chen – fast haar­ge­nau das glei­che, das er ge­ra­de im Ba­de­zim­mer an­ge­bracht hat­te. Der Fuß­bo­den war mit Hand­spie­geln in al­len Grö­ßen und For­men be­deckt. Er ent­deck­te einen zier­li­chen Hand­spie­gel mit sil­ber­nem Griff, der einst auf der Fri­sier­toi­let­te ei­ner Frau ge­le­gen ha­ben muß­te. Da­hin­ter lehn­te der ei­gent­li­che Spie­gel der Fri­sier­toi­let­te. Und rund her­um Ta­schen­spie­gel, Spie­gel aus Pu­der­do­sen und aus al­len mög­li­chen Etu­is. An der ge­gen­über­lie­gen­den Wand stand gleich ei­ne gan­ze Se­rie von gleich­großen un­ge­rahm­ten Spie­geln, die wahr­schein­lich ein­mal in ei­ne Schlaf­zim­mer­wand ein­ge­baut ge­we­sen wa­ren.

Er schau­te auf ein hal­b­es Hun­dert silb­ri­ger Ober­flä­chen; er schau­te auf ein hal­b­es Hun­dert Wie­der­ga­ben sei­nes be­stürz­ten Ge­sich­tes.

Er muß­te wie­der an Ha­cker den­ken und an den Tag, an dem sie das Haus be­sich­tigt hat­ten. Er hat­te da­mals Ha­cker auf das Feh­len des Ba­de­zim­mer­schränk­chens auf­merk­sam ge­macht, aber Ha­cker war nicht nä­her dar­auf ein­ge­gan­gen. Es war ihm da­mals gar nicht auf­ge­fal­len, daß im gan­zen Haus kein ein­zi­ger Spie­gel vor­han­den war. Schön, sie hat­ten das Haus nicht mö­bliert ge­mie­tet, aber man soll­te doch bei so ei­nem al­ten Bau einen Spie­gel in ir­gend­ei­ner Tür­fül­lung ver­mu­ten.

Kei­ne Spie­gel? Warum? Und warum wa­ren sie hier al­le ver­steckt? Un­ter Schloß und Sie­gel?

Das war in­ter­essant. Viel­leicht wür­de sei­ne Frau ein paar von den Spie­geln ha­ben wol­len. Zum Bei­spiel den Hand­spie­gel mit dem sil­ber­nen Griff. Er muß­te ihr das gleich er­zäh­len, wenn sie zu­rück­kam.

Er trat vor­sich­tig in den Raum und zog die Klei­der­sä­cke hin­ter sich her. Viel­leicht gab es hier ei­ne Klei­der­stan­ge oder we­nigs­tens ein paar Ha­ken. Als er nichts der­glei­chen fand, be­schloß er, rasch ein paar Ha­ken ein­zu­schla­gen.

Als er sich bück­te, um die Klei­der­sä­cke auf einen Hau­fen zu le­gen, tanz­te der Licht­strahl der Ta­schen­lam­pe auf tau­send glit­zern­den Ober­flä­chen. Vor sei­nen Au­gen war ein ein­zi­ges Glei­ßen und Fun­keln.

Auf ein­mal ver­schwand das Fun­keln. Die glän­zen­den Spie­gel ver­dun­kel­ten sich ei­gen­tüm­lich. Aber das war nur na­tür­lich, denn sein Spie­gel­bild füll­te sie aus. Sein Spie­gel­bild – und et­was, was dunk­ler war. Et­was Wol­ki­ges, Ver­schwom­me­nes, Quir­len­des, et­was, was ein Teil der mod­ri­gen Luft war, et­was, was durch sei­ne Ge­gen­wart den Auf­ent­halt in dem Raum un­er­träg­lich wer­den ließ. Es war hin­ter ihm – nein, es war ne­ben ihm – nein, vor ihm – es um­gab ihn von al­len Sei­ten – es wur­de grö­ßer und grö­ßer und lösch­te ihn aus. Es ver­ur­sach­te, daß er zit­ter­te und in Schweiß aus­brach. Es raub­te ihm jetzt den Atem und zwang ihn, aus dem Raum zu stür­zen, die Tür hin­ter sich zu­zu­wer­fen und sich mit letz­ter Kraft er­schöpft da­ge­gen zu leh­nen.

Es hat­te auch einen Na­men – Platz­angst. Ge­nau das war es.

Nichts wei­ter als neu­ro­ti­sche Angst­zu­stän­de … Nichts wei­ter als das be­klem­men­de Ge­fühl, in ei­nem en­gen Raum ein­ge­schlos­sen zu sein. Au­ßer­dem wird je­der Mann ner­vös, wenn er zu lan­ge in einen Spie­gel schaut – ge­schwei­ge denn in fünf­zig Spie­gel!

Er zit­ter­te hef­tig. Nur um sei­ne Ge­dan­ken zu be­schäf­ti­gen, da­mit sie sich nicht mit dem be­fas­sen konn­ten, was er halb ge­se­hen, halb ge­fühlt, halb er­kannt hat­te, dach­te er wei­ter über Spie­gel nach. Über das In-den-Spie­gel-schau­en. Für Frau­en ist es ei­ne Art Lieb­lings­be­schäf­ti­gung; aber Män­ner sind da an­ders.

Män­ner – wo­bei er sich selbst ein­schloß – schei­nen Spie­geln ge­gen­über ei­ne Be­fan­gen­heit zu ha­ben. Er ent­sann sich an den Schock, den er be­kom­men hat­te, als er sich in ei­nem Be­klei­dungs­haus zum ers­ten­mal in ei­nem je­ner Spie­gel be­trach­tet hat­te, in de­nen man sich von al­len Sei­ten se­hen kann. Ein Mann sieht im Spie­gel ver­än­dert aus. Nicht mehr so, wie er sich ein­bil­det, aus­zu­se­hen. Ein Spie­gel ver­zerrt. Warum sum­men und sin­gen und pfei­fen die Män­ner, wenn sie sich ra­sie­ren? Doch nur, um sich nicht mit ih­rem Spie­gel­bild aus­ein­an­der­set­zen zu müs­sen. Denn sonst könn­ten sie leicht ver­rückt wer­den. Wie war doch der Na­me des Kna­ben aus der grie­chi­schen My­tho­lo­gie, der sich in sein ei­ge­nes Bild ver­liebt hat­te? Nar­zis­sus, rich­tig, Nar­zis­sus, der stun­den­lang in ei­ne Quel­le starr­te, um sein Bild zu se­hen.

Frau­en hin­wie­der­um kön­nen es. Aus dem ein­fa­chen Grun­de, weil sich Frau­en sel­ber nie wirk­lich se­hen. Sie se­hen einen Wunsch­traum, dem sie mit Lip­pen­stift, Pu­der und Lid­schat­ten nä­her­zu­kom­men ver­su­chen. Aber Frau­en sind so­wie­so et­was ver­rückt. Hat­te sie ihm nicht neu­lich ge­sagt, sie hät­te ihn im Spie­gel ge­se­hen, ob­wohl er gar nicht da war?

Viel­leicht soll­te er ihr bes­ser nichts er­zäh­len; zu­min­dest nicht, be­vor er mit dem Mak­ler Ha­cker ge­spro­chen hat­te. Denn ei­ne Er­klä­rung woll­te er auf al­le Fäl­le ha­ben. Ir­gend et­was war ir­gend­wie faul. Warum hat­ten die vor­he­ri­gen Mie­ter al­le Spie­gel hier oben auf­be­wahrt?

Als er jetzt über den Bo­den zu­rück­kehr­te, zwang er sich, lang­sam zu ge­hen und an ir­gend et­was zu den­ken. An ir­gend et­was – nur nicht an die Angst, die er in dem Raum vol­ler Spie­ge­lun­gen emp­fun­den hat­te.

Spie­ge­lun­gen von et­was. Aber von was? Wer fürch­tet sich vorm bö­sen Wolf? Wer fürch­tet sich vor Spie­ge­lun­gen? Fast ein neu­es Mär­chen, wie?

Vam­pi­re. Wie wä­re es mit Vam­pi­ren? Aber die ha­ben kei­ne Spie­gel­bil­der. »Sa­gen Sie mir die Wahr­heit, Mr. Ha­cker, wa­ren die Leu­te, die das Haus ge­baut ha­ben, Vam­pi­re?« Rei­zen­de Vor­stel­lung.

Wirk­lich ei­ne rei­zen­de Vor­stel­lung. So recht ge­schaf­fen für die Däm­me­rung, wenn die Die­len knack­ten, die Fens­ter­lä­den klap­per­ten und sich die Nacht lang­sam auf das Haus vol­ler Schat­ten senk­te; auf das Haus, in dem um je­de Ecke et­was zu lu­gen schi­en, et­was, das einen auf Schritt und Tritt ver­folg­te und ei­nem aus den Spie­geln ent­ge­gen­grins­te.

Er setz­te sich hin und war­te­te auf ih­re Rück­kehr. Er schal­te­te al­le Lam­pen an und stell­te das Ra­dio auf vol­le Laut­stär­ke. Er war heil­froh, daß er kei­nen Fern­seh­ap­pa­rat hat­te. Denn der hät­te einen Bild­schirm, und ein Bild­schirm hät­te ei­ne Spie­ge­lung, und ei­ne Spie­ge­lung war das letz­te, was er jetzt se­hen woll­te.

Aber heu­te pas­sier­te nichts wei­ter, und als sie mit Pa­ke­ten be­la­den nach Hau­se kam, hat­te er sich schon wie­der in der Ge­walt. Sie aßen und un­ter­hiel­ten sich ganz na­tür­lich. So na­tür­lich, daß es wenn es zu­ge­hört hät­te, nichts von ih­rer Furcht ge­merkt hät­te.

Nach dem Es­sen mach­ten sie sich an die Vor­be­rei­tun­gen für die mor­gi­ge Par­ty. Sie rie­fen ein paar Leu­te an, und ihm kam der plötz­li­che Ein­fall, die Hackers eben­falls ein­zu­la­den. Als dann wirk­lich nichts mehr zu tun war, gin­gen sie schla­fen. Das Licht war über­all aus. Das be­deu­te­te, daß die Spie­gel dun­kel wa­ren. Sie konn­ten be­ru­higt schla­fen.

Am nächs­ten Mor­gen be­rei­te­te ihm nur das Ra­sie­ren ei­ni­ge Schwie­rig­kei­ten. Und dann er­tapp­te er sie, ja­wohl, er er­tapp­te sie. Sie er­le­dig­te in der Kü­che has­tig ihr Ma­ke-up, wo­bei sie die Hand schüt­zend um den klei­nen Ta­schen­spie­gel ge­legt hat­te, um die Spie­ge­lung auf ein Min­dest­maß zu re­du­zie­ren.

Aber er sag­te nichts, und sie sag­te nichts, und es un­ter­nahm nichts.

Er fuhr zur Ar­beit, und sie be­rei­te­te die Sand­wi­ches, und wenn das Haus an die­sem lan­gen, trü­ben, trost­lo­sen Sonn­abend hin und wie­der seufz­te und krächz­te und flüs­ter­te, dann war das nur na­tür­lich.

Als er wie­der nach Hau­se kam, schwieg das Haus völ­lig; und das war noch un­an­ge­neh­mer. Es war, als wür­de ir­gend et­was auf den Ein­bruch der Nacht war­ten. Des­halb mach­te sie sich auch so zei­tig zu­recht. Sie summ­te, wäh­rend sie sich pu­der­te und schmink­te, und wir­bel­te vor dem Spie­gel her­um (man kann nicht so klar se­hen, wenn man sich dreht). Des­halb mix­te er für sie und für sich ein paar kräf­ti­ge Drinks, ehe sie ei­ne Klei­nig­keit aßen (man kann nicht so klar se­hen, wenn man trinkt).

Dann ström­ten die Gäs­te her­bei. Die Te­ters, die sich über die win­di­gen, ver­wahr­los­ten Stra­ßen durch die hü­ge­li­ge Land­schaft be­klag­ten. Die Val­li­ants, die sich wort­reich über die an­ti­ke Tä­fe­lung und die ho­hen De­cken äu­ßer­ten. Die Ehrs, die lach­ten und kreisch­ten, wo­bei Vic be­merk­te, daß das Haus so aus­sä­he, als wä­re es von Charles Ad­dams ent­wor­fen. Das war das Start­zei­chen zum Trin­ken. Als Mr. Ha­cker mit sei­ner Frau da­zu­kam, war die Stim­mung schon so aus­ge­las­sen, daß man nicht wuß­te, ob das plär­ren­de Ra­dio das Stim­men­ge­wirr der Gäs­te über­tön­te oder um­ge­kehrt. Er trank und sie trank, aber sie konn­ten es nicht aus ih­ren Ge­dan­ken ver­ban­nen. Die Be­mer­kung über Charles Ad­dams mach­te al­les auch nicht ge­ra­de bes­ser. Und dann wa­ren da die an­de­ren Din­ge, die nicht zu über­se­hen wa­ren. Klei­nig­kei­ten nur, aber den­noch … Die Tal­madges hat­ten Blu­men mit­ge­bracht. Sie war in die Kü­che ge­gan­gen, um die Blu­men in ei­ne Kris­tall­va­se zu stel­len. Als sie Was­ser in die Va­se füll­te, ver­dun­kel­te sich plötz­lich das ge­schlif­fe­ne Glas zwi­schen ih­ren Fin­gern, und ir­gend et­was re­flek­tier­te von dem Kris­tall. Sie dreh­te sich rasch um, aber sie war al­lein. Ganz al­lein und hielt hun­dert nack­te Au­gen in ih­ren Hän­den.

Die Va­se fiel klir­rend zu Bo­den, und die Ehrs und die Tal­madges und die Hackers und die Val­li­ants und er stürz­ten in die Kü­che und ver­sam­mel­ten sich um sie. Tal­madge ver­ur­teil­te sie we­gen Trun­ken­heit, und das war Grund ge­nug für ei­ne neue Run­de. Er sag­te kein Wort, son­dern hol­te still­schwei­gend ei­ne an­de­re Va­se. Aber er muß­te ge­nau wis­sen, was vor­ge­fal­len war, denn als die Gäs­te lär­mend den Wunsch äu­ßer­ten, das gan­ze Haus zu be­sich­ti­gen, be­müh­te er sich, sie da­von ab­zu­hal­ten. »Oben ist noch nicht al­les ein­ge­rich­tet«, mur­mel­te er. »Es ist ein heil­lo­ses Durch­ein­an­der, und Sie wür­den vor Kis­ten und Kof­fern nicht tre­ten kön­nen.«

»Wer ist jetzt oben?« frag­te Mrs. Te­ters, als sie mit ih­rem Mann in die Kü­che kam. »Wir ha­ben ge­ra­de einen furcht­ba­ren Krach ge­hört.«

»Ir­gend et­was muß um­ge­fal­len sein«, mur­mel­te der Gast­ge­ber; aber er schau­te bei den Wor­ten sei­ne Frau nicht an, und sie ver­mied es eben­falls, ihm in die Au­gen zu bli­cken.

»Wie wä­re es mit noch ei­nem Drink?« frag­te sie. Sie mix­te und goß has­tig ein, und ehe die Glä­ser halb leer wa­ren, be­rei­te­te er schon den nächs­ten Drink vor. Der Al­ko­hol lös­te die Zun­gen, und so­lan­ge die Leu­te re­de­ten, über­hör­ten sie viel­leicht an­de­re Ge­räusche.

Die Kriegs­list be­währ­te sich. Die Gäs­te ver­zo­gen sich nach und nach wie­der ins Wohn­zim­mer. Das Ra­dio plärr­te und das Ge­läch­ter schwoll an. Das Stim­men­ge­wirr ver­scheuch­te die Ge­räusche der Nacht.

Er schenk­te ein, und sie reich­te die Glä­ser her­um, und bei­de tran­ken. Aber der Al­ko­hol ver­fehl­te bei ih­nen sei­ne Wir­kung. Sie be­weg­ten sich so vor­sich­tig, als wä­ren ih­re Kör­per aus Glas, das nur dar­auf war­te­te, durch einen plötz­li­chen gel­len­den Schrei am Bo­den zu zer­schmet­tern. Sie konn­ten so­viel trin­ken, wie sie woll­ten, sie wur­den nicht be­trun­ken.

Ih­re Gäs­te wa­ren ge­wiß nicht aus zer­brech­li­chem Glas. Sie tran­ken und fürch­te­ten nichts. Sie blie­ben auch nicht sit­zen, son­dern wan­der­ten her­um, und es dau­er­te gar nicht lan­ge, bis sich Mr. Val­li­ant und Mrs. Tal­madge auf ei­ge­ne Faust auf Ent­de­ckungs­rei­sen in das obe­re Stock­werk ver­zo­gen. Das war zwei­fel­los nicht ganz kor­rekt, aber glück­li­cher­wei­se be­merk­te nie­mand we­der ihr Ver­schwin­den noch ih­re Ab­we­sen­heit. Die an­de­ren wur­den erst auf­merk­sam, als Mrs. Tal­madge die Trep­pe her­un­ter­ge­stürzt kam und sich im Ba­de­zim­mer ein­rie­gel­te.

Die Gast­ge­be­rin be­merk­te den Vor­fall und folg­te Mrs. Tal­madge. Sie rüt­tel­te an der Ba­de­zim­mer­tür, bat um Ein­laß und be­rei­te­te sich auf ein paar dis­kre­te Fra­gen vor. Aber nichts der­glei­chen war not­wen­dig, denn Mrs. Tal­madge fiel ihr förm­lich ent­ge­gen. Sie wein­te und rang die Hän­de.

»Das ist ei­ne sol­che Ge­mein­heit«, schluchz­te sie, »uns nach­zu­schlei­chen und zu be­lau­ern. Die­ser wi­der­li­che Kerl … ich ge­be zu, wir ha­ben ein we­nig ge­schmust, aber das war auch al­les. Er muß­te sich auch noch ver­klei­den. Ich möch­te nur wis­sen, wo er den Bart her­be­kom­men hat. Ich ha­be mich zu To­de er­schro­cken.«

»Ich ver­ste­he über­haupt nichts«, sag­te die Gast­ge­be­rin und ver­stand al­les. Sie fürch­te­te die nächs­ten Wor­te.

»Jeff und ich wa­ren im Schlaf­zim­mer. Wir stan­den nur im Dun­keln – wei­ter nichts –, ich schwö­re es. Auf ein­mal schau­te ich über mei­ne Schul­ter in den Spie­gel, weil vom Flur her Licht kam. Je­mand hat­te die Tür ge­öff­net, und ich konn­te das Glas und sein Ge­sicht se­hen. Oh, na­tür­lich, es war mein Mann, aber er trug einen Bart – und die Art, wie er her­ein­ge­schli­chen kam und uns an­starr­te …«

Die nächs­ten Wor­te gin­gen in Schluch­zen un­ter. Mrs. Tal­madge zit­ter­te so hef­tig, daß sie gar nicht be­merk­te, wie sehr der Kör­per ih­rer Gast­ge­be­rin beb­te. Aber sie riß sich ge­walt­sam zu­sam­men, um den Rest der Ge­schich­te mit ei­ni­ger Fas­sung an­hö­ren zu kön­nen. »… und wie er heim­lich wie­der hin­aus­schlüpf­te, ehe wir ir­gend et­was sa­gen oder tun konn­ten. Du lie­ber Gott, wenn wir zu Hau­se sind, wird er mir die Höl­le heiß ma­chen und mir die See­le aus dem Lei­be fra­gen – er ist so schreck­lich ei­fer­süch­tig …« Mrs. Tal­madge ver­grub ihr Ge­sicht in die Hän­de. »Wenn Sie wüß­ten, wie sein Ge­sicht im Spie­gel aus­ge­se­hen hat.« Sie be­ru­hig­te Mrs. Tal­madge. Sie trös­te­te Mrs. Tal­madge. Sie be­schwich­tig­te Mrs. Tal­madge. Aber für ih­re ei­ge­ne Un­ru­he und Angst gab es kei­ne Be­ru­hi­gung, kei­nen Trost, kei­ne Be­schwich­ti­gung.

Als sie sich nach ein paar Mi­nu­ten wie­der un­ter die Gäs­te misch­ten, schie­nen bei­de ihr see­li­sches Gleich­ge­wicht wie­der­ge­fun­den zu ha­ben. Aber in dem Au­gen­blick, als sie das Wohn­zim­mer be­tra­ten, dröhn­te ih­nen Mr. Tal­madges er­reg­te Stim­me ent­ge­gen.

»Wenn ich ei­ne kur­ze Ver­schnauf­pau­se ein­le­ge, dann be­dan­ke ich mich für Auf­re­gun­gen!« Er leer­te sein Glas in ei­nem Zug. »Was soll das be­deu­ten, wenn ich im Ba­de­zim­mer in den Spie­gel se­he, und die­se al­te He­xe schnei­det hin­ter mei­nem Rücken Gri­mas­sen?« Er schau­te in die Run­de, dann lach­te er dröh­nend. »Was für ein Haus un­ter­hal­ten Sie hier?« frag­te er den Gast­ge­ber.

Er hielt das Gan­ze für einen Witz, und die an­de­ren schie­nen eben­falls sei­ner Mei­nung zu sein. Nur der Gast­ge­ber und die Gast­ge­be­rin stan­den er­starrt da und wag­ten nicht, sich in die Au­gen zu schau­en. Ihr Lä­cheln war ver­zerrt und brü­chig. Glas ist so zer­brech­lich. »Ich glau­be kein Wort«, lall­te Gwen Ha­cker. Sie hat­te einen oder drei zu­viel ge­trun­ken. »Ich muß das gleich mal prü­fen.« Sie wink­te den Gast­ge­bern herz­lich zu und ver­schwand in Rich­tung Trep­pe. Er hob ruck­ar­tig die Hän­de. »He! Blei­ben Sie hier!«

Aber es war sinn­los. Sie rausch­te, oder bes­ser ge­sagt, sie wank­te da­von.

Tal­madge stieß ihm mit dem El­len­bo­gen in die Sei­te. »April­scher­ze, wie? – Na, schön. Aber trotz­dem: Was wird hier ei­gent­lich ge­spielt?« Er be­gann hilf­los ir­gend et­was Sinn­lo­ses zu stam­meln. Sein Ge­hirn ar­bei­te­te fie­ber­haft. Er muß­te al­les tun, um die Ge­sprä­che in Gang zu hal­ten. Sie rück­te dicht zu ihm und hör­te zu. Sie woll­te um al­les in der Welt nicht an Gwen Ha­cker den­ken, die al­lei­ne oben war, in einen Spie­gel starr­te und war­te­te –

Die Schreie über­tön­ten die Ge­sprä­che. Das war kein Schluch­zen und kein La­chen – das wa­ren gel­len­de Schreie.

Er nahm im­mer zwei Stu­fen auf ein­mal, als er die Trep­pe hin­auf­ras­te. Der di­cke Mr. Ha­cker folg­te ihm keu­chend.

Die an­de­ren Gäs­te wa­ren plötz­lich ver­stummt und gin­gen zö­gernd zur Trep­pe.

Man konn­te die Stu­fen un­ter den Fü­ßen knar­ren hö­ren und das schwe­re At­men der Gäs­te. Aber al­les wur­de über­tönt von den fort­ge­setz­ten gel­len­den Schrei­en ei­ner Frau, die et­was ge­se­hen oder er­lebt ha­ben muß­te, was sie schier um den Ver­stand ge­bracht hat­te. Gwen Hackers Ge­sicht war ver­zerrt. Sie hat­te kei­ne Kon­trol­le über ih­ren Kör­per, als sie auf den Flur her­aus­stak­te und ih­rem Mann fast in die Ar­me sank. Das Licht, das aus dem Ba­de­zim­mer kam, fiel auf einen Spie­gel, der kei­ne Spie­ge­lun­gen hat­te, und auf das Ge­sicht ei­ner Frau, das kei­nen Aus­druck hat­te.

Sie und er wa­ren an Gwen Hackers Sei­te. Die Gäs­te stan­den dicht ge­drängt ein paar Schrit­te ent­fernt. Sie brach­ten die Frau in ihr Schlaf­zim­mer und leg­ten sie mit Mr. Hackers Hil­fe auf ihr Bett.

Gwen Ha­cker war ohn­mäch­tig ge­wor­den. Ir­gend je­mand mur­mel­te et­was von ei­nem Arzt, ein an­de­rer mein­te, ach nein, sie wird schon wie­der zu sich kom­men, und wie­der ein an­de­rer räus­per­te sich und sag­te, es wä­re oh­ne­hin lang­sam an der Zeit, nach Hau­se zu ge­hen.

Zum ers­ten­mal schie­nen sich al­le des al­ten Hau­ses und der Dun­kel­heit, der knacken­den Die­len, der klap­pern­den Fens­ter und der ras­seln­den Fens­ter­lä­den be­wußt zu wer­den.

Mit ei­nem Schla­ge wa­ren al­le nüch­tern, er­schreckt und be­strebt, so schnell wie mög­lich ab­zu­fah­ren. Ha­cker beug­te sich über sei­ne Frau, rieb ih­re Hand­ge­len­ke und flö­ßte ihr ein paar Schlu­cke Was­ser ein. Sie er­wach­te lang­sam wim­mernd aus ih­rer Ohn­macht. Wäh­rend­des­sen hal­fen die Gast­ge­ber ih­ren Gäs­ten schwei­gend in die Män­tel und lie­ßen die höf­li­chen Ent­schul­di­gun­gen, die has­tig ge­mur­mel­ten Gu­te-Nacht-Wün­sche und die Phra­se: ›Es war ein rei­zen­der Abend, mei­ne Lie­ben‹ über sich er­ge­hen.

Die Nacht ver­schluck­te die Te­ters, die Val­li­ants und die Tal­madges. Sie und er kehr­ten in das Schlaf­zim­mer, in dem die Hackers wa­ren, zu­rück. Es war auf dem Flur zu dun­kel und im Schlaf­zim­mer zu hell.

Gwen Ha­cker wim­mer­te im­mer noch lei­se. Dann setz­te sie sich mit ei­nem Ruck auf und be­gann zu spre­chen. Zu ih­rem Mann und zu ih­nen.

»Ich ha­be sie ge­se­hen«, be­gann sie zö­gernd, schau­te ih­ren Mann an und fuhr dann has­tig fort: »Glaub ja nicht, daß ich ver­rückt bin – ich ha­be sie ge­se­hen! Sie stand auf Ze­hen­spit­zen hin­ter mir und starr­te in den Spie­gel. Sie hat­te das glei­che blaue Band im Haar, das sie an dem Tag ge­tra­gen hat­te, als sie –«

»Bit­te, Gwen«, sag­te Ha­cker be­schwö­rend.

Aber sie ließ sich nicht be­ir­ren. »Wenn ich es dir sa­ge: Ich ha­be sie ge­se­hen! Ma­ry Lou! Sie hat mich im Spie­gel an­ge­st­arrt und ei­ne Gri­mas­se ge­schnit­ten – und sie ist tot. Du weißt, daß sie tot ist. Sie ist vor ei­nem Jahr ver­schwun­den, und kei­ner hat ih­re Lei­che ge­fun­den –«

»Ma­ry Lou Demps­ter!« Ha­cker war ein fet­ter Mann mit ei­nem Dop­pel­kinn, das jetzt vor Er­re­gung zit­ter­te.

Die Frau re­de­te wei­ter. »Du weißt, daß sie hier oben ge­spielt hat, ob­wohl es ihr Wil­ma Demps­ter aus­drück­lich ver­bo­ten hat­te. Ma­ry Lou wuß­te al­les über das Haus, aber sie hat trotz­dem – o Gott – ihr Ge­sicht …«

Sie be­gann halt­los zu schluch­zen. Mr. Ha­cker tät­schel­te be­ru­hi­gend ih­re Schul­tern, aber er sah aus, als könn­te er selbst ein be­ru­hi­gen­des Schul­ter-Tät­scheln ge­brau­chen. Doch kei­ner fühl­te sich da­zu ver­pflich­tet. Sie und er stan­den da und war­te­ten; war­te­ten auf den Rest.

»Sag es ih­nen«, schluchz­te Mrs. Ha­cker. »Sa­ge ih­nen die Wahr­heit.«

»Wenn du meinst … Aber ich soll­te dich lie­ber nach Hau­se brin­gen.«

»Ich kann war­ten. Ich will, daß du es ih­nen er­zählst. Du mußt es jetzt.«

Ha­cker ließ sich schwer auf das Bett fal­len. Sei­ne Frau lehn­te sich an sei­ne Schul­ter. Er und sie schau­ten die bei­den un­ver­wandt an.

»Ich weiß nicht, wie ich an­fan­gen soll, wie ich es er­klä­ren soll«, stöhn­te der di­cke Mr. Ha­cker. »Wahr­schein­lich ist es mei­ne Schuld – ja, ganz si­cher so­gar –, aber ich wuß­te es nicht. Die­ses gan­ze Ge­re­de über ver­hex­te Häu­ser – kein Mensch glaubt mehr an Ge­spens­ter. Das ein­zi­ge, was es zur Fol­ge hat, ist, daß der Wert des be­tref­fen­den Hau­ses sinkt. Dar­um ha­be ich nichts ge­sagt. Kön­nen Sie mir das zum Vor­wurf ma­chen?«

»Ich ha­be ihr Ge­sicht ge­se­hen«, flüs­ter­te Mrs. Ha­cker.

»Nun ja, ich weiß. Und ich hät­te es Ih­nen sa­gen sol­len. Das von dem Haus, mei­ne ich. Warum es seit zwan­zig Jah­ren nicht ver­mie­tet wor­den ist. Das ist in der Ge­gend hier ei­ne al­te Ge­schich­te, und Sie hät­ten sie frü­her oder spä­ter doch er­fah­ren. Ich möch­te es je­den­falls an­neh­men.«

»Nun komm schon zur Sa­che«, dräng­te Mrs. Ha­cker. Sie war auf ein­mal die Stär­ke­re, und er, mit sei­nem be­ben­den Dop­pel­kinn, war der Schwa­che.

Der Gast­ge­ber und die Gast­ge­be­rin stan­den noch im­mer und hin­gen an Mr. Hackers Lip­pen. Sie wag­ten sich nicht zu rüh­ren und war­te­ten ge­bannt auf die Er­öff­nun­gen.

Es war das Bell­man-Haus, in dem sie leb­ten; das Haus, das Job Bell­man in den sech­zi­ger Jah­ren für sei­ne jun­ge Frau ge­baut hat­te, das Haus, in dem sei­ne jun­ge Frau Lau­ra das Le­ben ge­schenkt und da­bei selbst den Tod ge­fun­den hat­te. In den sieb­zi­ger Jah­ren, als Jobs Toch­ter noch ein Kind war, hat­te er von früh bis spät ge­schuf­tet, und in den acht­zi­ger Jah­ren har­te er sich selbst­zu­frie­den zur Ru­he ge­setzt. In­zwi­schen war Lau­ra Bell­man her­an­ge­wach­sen und zur Schöns­ten im gan­zen Land ge­wor­den – zur Schöns­ten der gan­zen Welt, be­haup­te­ten ei­ni­ge, aber in je­nen Ta­gen wa­ren die Män­ner ver­schwen­de­ri­scher mit ih­ren Kom­pli­men­ten und Schmei­che­lei­en als heut­zu­ta­ge.

Und an Män­nern hat­te es Lau­ra da­mals nicht ge­man­gelt. Sie gin­gen im Haus ein und aus. Ih­re Schu­he wa­ren auf Hoch­glanz po­liert, sie die­ner­ten und stri­chen ih­re mit Bril­lan­ti­ne ge­tränk­ten Schnurr­bar­te glatt. Sie lä­chel­ten den al­ten Job an, sie zwin­ker­ten den Haus­mäd­chen zu und starr­ten in mond­süch­ti­ger Ver­zückung auf Lau­ra.

Lau­ra be­trach­te­te die­se Hul­di­gun­gen als ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, aber, du lie­ber Gott, von ge­wis­sen Din­gen hielt sie nichts. Und nicht et­wa, weil Pa­pa noch leb­te oder weil sie sich zum Hei­ra­ten zu jung fühl­te. Nein, nur so. Sie hat­te auch noch nie so recht da­von ge­hört. Und warum auch das Gan­ze? Es war doch so herr­lich, nur Freun­de zu ha­ben …

Mond­schein und Man­do­li­nen, Par­ties und Pick­nicks, Ru­der­par­ti­en und Schlit­ten­fahr­ten, Kon­fekt und Blu­men, Ge­schen­ke, Bäl­le und Punsch. Ver­eh­rer, Ver­eh­rer, Ver­eh­rer. Mo­de­sa­lons, Schön­heits­pfläs­ter­chen, Rit­te über die wei­ten Fel­der und Rad­par­ti­en. Und wie­der Mond­schein und Man­do­li­nen. Die Jah­re gin­gen da­hin.

Dann kam der Tag, an dem der al­te Job die Au­gen für im­mer schloß. Der Arzt er­schi­en, der Pries­ter und der Rechts­an­walt, der lan­ge über Erb­schaft und jähr­li­ches Ein­kom­men re­de­te.

Dann war Lau­ra al­lein. Es gab im Haus au­ßer ihr nur noch die Be­diens­te­ten und die Spie­gel. Lau­ra und ih­re Spie­gel. Der Tag be­gann mit den Spie­geln, in de­nen sie sich aus­gie­big und sorg­fäl­tig be­trach­te­te. Dann ging es so wei­ter: Spie­gel am Vor­mit­tag, am Mit­tag, am Nach­mit­tag und am Abend, ehe die Ver­eh­rer ka­men. Spie­gel, wenn die Kut­schen vor­fuh­ren, und Spie­gel, ehe sie ei­nem neu­en Tri­umph ent­ge­gen­wir­bel­te. Spie­gel im Mor­gen­grau­en, die ihr zu­frie­de­nes Lä­cheln auf­nah­men und den Er­zäh­lun­gen über die Er­fol­ge des ver­gan­ge­nen Abends lausch­ten.

»Spieg­lein, Spieg­lein an der Wand, wer ist die Schöns­te im gan­zen Land?«

Die Spie­gel sag­ten Lau­ra die Wahr­heit. Spie­gel lü­gen nicht. Spie­gel grei­fen nicht nach ei­nem oder flüs­tern oder ver­lan­gen ei­ne Ge­gen­leis­tung, wenn sie die Schön­heit prei­sen.

Moch­ten auch die Jah­re ver­ge­hen, die Spie­gel ver­än­der­ten sich nicht. Sie al­ter­ten nicht. Und Lau­ra al­ter­te nicht.

Im Lau­fe der Zeit wur­den die Ver­eh­rer ra­rer, und ei­ni­ge der al­ten Freun­de wa­ren selt­sam ver­än­dert. Sie schie­nen ir­gend­wie äl­ter ge­wor­den zu sein. Aber wie war das nur mög­lich, denn Lau­ra Bell­man war so jung wie eh und je? Die Spie­gel be­stä­tig­ten es ihr täg­lich – und die Spie­gel sag­ten im­mer die Wahr­heit.

Lau­ra ver­brach­te im­mer mehr Zeit mit ih­ren Spie­geln. Sie pu­der­te sich, such­te un­ent­wegt nach Fält­chen und färb­te ihr lan­ges Haar. Die Au­gen­li­der flat­ter­ten, aber sie lä­chel­te und mach­te einen Schmoll­mund. Sie wir­bel­te vor den Spie­geln her­um und konn­te sich nicht ge­nug an ih­rer per­fek­ten Schön­heit satt­se­hen.

Es kam auch vor, daß sie die Ver­eh­rer wie­der nach Hau­se schick­te. Sie ließ ih­nen durch die Hausan­ge­stell­ten sa­gen, daß sie nicht da wä­re, denn es schi­en ihr ir­gend­wie ei­ne Zeit­ver­schwen­dung zu sein, von den Spie­geln weg­zu­ge­hen. Aber die­se Sor­ge brauch­te sie nicht mehr lan­ge zu ha­ben, denn die Ver­eh­rer blie­ben nach und nach völ­lig aus. Die Hausan­ge­stell­ten ka­men und gin­gen. Wenn ei­ner starb, fand sich rasch ein Er­satz. Nur Lau­ra und die Spie­gel blie­ben. Die neun­zi­ger Jah­re wa­ren aus­ge­spro­chen fröh­lich. Aber es gab Leu­te, die das nicht so recht ver­stan­den. Sie schüt­tel­ten ih­re Köp­fe über die Art und Wei­se, wie Lau­ra lach­te, sich im Bett wälz­te und ih­re fri­vo­len Ge­heim­nis­se mit den Spie­geln teil­te.

Die Zeit ver­ging wie im Fluge. Aber Lau­ra lach­te nur. Sie ki­cher­te und glucks­te, wenn die Hausan­ge­stell­ten mit ihr spra­chen, und sie fand es jetzt viel be­que­mer, die Mahl­zei­ten von ei­nem Ta­blett in ih­rem Zim­mer ein­zu­neh­men.

Nur mit den an­de­ren stimm­te et­was nicht. Mit den Hausan­ge­stell­ten und mit Dok­tor Tur­ner, der sie häu­fig auf­such­te. Sie schau­ten Lau­ra ei­gen­ar­tig an, wenn sie mit ihr spra­chen.

Wahr­schein­lich dach­ten sie, daß Lau­ra lang­sam alt wür­de. Aber sie wur­de nicht alt. Die Spie­gel lo­gen nicht. Die falschen Zäh­ne und die Pe­rücke be­nutz­te sie nur, um den an­de­ren – den Au­ßen­sei­tern – einen Ge­fal­len zu tun. Sie brauch­te die­se Din­ge wirk­lich nicht, denn die Spie­gel sag­ten ihr, daß sie un­ver­än­dert schön wä­re. Ob­wohl die Spie­gel jetzt wirk­lich zu ihr spra­chen, sag­te sie selbst nie­mals ein Wort. Sie nick­te nur und wieg­te sich, wenn sie, in ei­ne Wol­ke von Par­füm ein­gehüllt, vor ih­ren Spie­geln saß. Sie strich sich mit der Hand über den Hals und lausch­te hin­ge­bungs­voll den Wor­ten der Spie­gel, die sag­ten, wie schön sie wä­re und wel­che Tri­um­phe sie er­le­ben könn­te, wenn sie ih­re Schön­heit an die Welt ver­schwen­den wür­de. Aber das kam gar nicht in Fra­ge. Sie wür­de nicht weg­ge­hen. Nie­mals. Sie und die Spie­gel soll­ten im­mer bei­sam­men sein.

Dann kam der Tag, an dem sie sie fort­schaf­fen woll­ten. Sie wag­ten tat­säch­lich, nach ihr zu grei­fen – nach ihr, Lau­ra Bell­man, der schöns­ten Frau der Welt! War es ein Wun­der, daß sie sich da­ge­gen wehr­te und wild um sich schlug? Konn­te sie viel­leicht et­was da­für, daß da­bei ei­ner der Die­ner einen sol­chen Schlag er­hielt, daß er der Län­ge nach in einen ih­rer herr­li­chen Spie­gel fiel, sich den Schä­del zer­trüm­mer­te und starb? Wenn er nicht ge­stor­ben wä­re, hät­te sie ihn ent­las­sen, denn sein häß­li­ches Blut be­fleck­te das Spie­gel­bild ih­rer per­fek­ten Schön­heit.

Na­tür­lich war das al­les nicht ih­re Schuld, son­dern nur ein dum­mer, un­an­ge­neh­mer Zwi­schen­fall. Das muß­te Dr. Tur­ner auch dem Po­li­zei­rich­ter er­klärt ha­ben, denn Lau­ra brauch­te mit dem Rich­ter gar nicht sel­ber zu spre­chen und sie brauch­te auch nicht das Haus zu ver­las­sen. Aber sie schlos­sen die Tür zu ih­rem Zim­mer ab und nah­men ihr al­le Spie­gel weg.

Sie nah­men ihr al­le Spie­gel weg! Sie schlos­sen sie ein und lie­ßen ein dür­res, ver­hut­zel­tes Weib al­lei­ne, dem kein Spie­gel­bild ent­ge­gen­lä­chel­te. In dem Au­gen­blick, als sie die Spie­gel ent­fern­ten, mach­ten sie sie alt. Sie war alt und häß­lich und vol­ler Angst.

Sie wein­te die gan­ze Nacht. Sie schluchz­te und stol­per­te mit vor Trä­nen er­blin­de­ten Au­gen durch das Zim­mer.

Sie preß­te ih­re hei­ße, fal­ti­ge Stirn ge­gen das küh­le Fens­ter­glas und er­starr­te. Mit ei­nem Schlag wuß­te sie, daß sie alt war und daß sie nichts ret­ten könn­te.

Das Licht war hin­ter ihr, und das Fens­ter­glas – wur­de zum Spie­gel! Mit vor Schre­cken ge­wei­te­ten Au­gen starr­te sie auf die auf­ge­ta­kel­te al­te He­xe, auf die Mu­mie, die ge­ra­de von ei­nem Ver­rück­ten ein­bal­sa­miert wor­den zu sein schi­en.

Al­les be­gann sich zu dre­hen. Sie wuß­te, daß das ihr Haus war, in dem sie je­den Win­kel kann­te. Sie wuß­te, daß das ihr Zim­mer war, in dem sie schon im­mer und ewig leb­te. Aber das – die­ser Alp­traum – konn­te nie und nim­mer ihr Ge­sicht sein! Ein Spie­gel könn­te ihr jetzt die Wahr­heit sa­gen. Aber für sie wür­de es nie wie­der einen Spie­gel ge­ben! Nach­dem sie se­kun­den­lang in ihr wah­res Ge­sicht ge­st­arrt hat­te, ver­än­der­te sich die glän­zen­de Fens­ter­schei­be gnä­dig. Ihr lä­chel­te wie­der die jun­ge, un­ver­gäng­lich schö­ne Lau­ra Bell­man ent­ge­gen. Sie rich­te­te sich er­leich­tert auf, trat einen Schritt zu­rück und voll­führ­te einen Freu­den­tanz.

»Spieg­lein, Spieg­lein an der Wand, wer ist die Schöns­te im gan­zen Land?«

Sie tanz­te und tanz­te, und ih­re wel­ken Lip­pen um­spiel­te ein selbst­be­wuß­tes Lä­cheln. Sie tanz­te auf die Fens­ter­schei­be zu und halb in sie hin­ein. Sie tanz­te, bis die spit­zen Glass­plit­ter ih­re dür­re Keh­le durch­schnit­ten.

So starb sie, und so fan­den sie die an­de­ren. Der Arzt und die Hausan­ge­stell­ten eil­ten her­bei, aber sie konn­ten Lau­ra nicht mehr hel­fen. Der An­walt tat, was zu tun war. Das Haus wur­de ver­kauft und wie­der ver­kauft, bis es ei­nem Mak­ler über­ge­ben wur­de. Es fan­den sich ei­ni­ge Mie­ter, aber kei­ner blieb lan­ge woh­nen. Al­le hat­ten Är­ger mit den Spie­geln. Ein Mann soll­te einen Herz­schlag er­lit­ten ha­ben, als er sich ei­nes Abends vor dem Klei­der­schrank die Kra­wat­te um­ge­bun­den hat­te. Selt­sa­mer­wei­se hat­te er sich vor­her bei sei­nen Be­kann­ten über ›ei­gen­ar­ti­ge Vor­fäl­le‹ in sei­nem Haus be­klagt. Nach sei­nem To­de re­de­te sei­ne Frau nur noch wir­res Zeug.

Ein Schul­leh­rer, der das Haus in den zwan­zi­ger Jah­ren ge­mie­tet hat, ver­schied un­ter Um­stän­den, die für Dr. Tur­ner ein me­di­zi­ni­sches Rät­sel wa­ren. Er war des­halb sei­ner­zeit auch zum Mak­ler ge­gan­gen und hat­te ge­be­ten, das Haus nicht mehr an­zu­bie­ten. Die­se Bit­te war ei­gent­lich über­flüs­sig, denn die Ge­schich­ten über das Bell­man-Haus hat­ten sich so­wie­so schon so ver­brei­tet, daß sich kein Mie­ter mehr fand.

Ob Ma­ry Lou Demps­ter wirk­lich in die­sem Haus ver­schwun­den war, wür­de sich nie mit Si­cher­heit fest­stel­len las­sen. Fest stand al­ler­dings, daß das klei­ne Mäd­chen zum letz­ten­mal ge­se­hen wur­de, als es vor ei­nem Jahr auf das Haus zu­ging. Ob­wohl die an­ge­stell­ten Er­mitt­lun­gen nie et­was er­ge­ben hat­ten, woll­ten die Ge­rüch­te nicht auf­hö­ren.

Dann küm­mer­ten sich die Er­ben wie­der selbst um das Haus. Es wa­ren ro­bus­te Leu­te, die die Ge­rüch­te als Wei­ber­tratsch ab­ta­ten. Das Haus wur­de sau­ber­ge­macht, kräf­tig durch­ge­lüf­tet und wie­der ei­nem Mak­ler zur Ver­mie­tung über­ge­ben.

So war es ge­kom­men, daß jetzt er und sie – und es hier leb­ten. Das war die gan­ze Ge­schich­te.

 

Mr. Ha­cker räus­per­te sich. Er leg­te vor­sich­tig sei­nen Arm um Gwen und half ihr auf die Bei­ne. Sein Ge­sicht war von Scham­rö­te über­zo­gen. Er schi­en wort­los um Ent­schul­di­gung zu bit­ten und ver­mied es, sei­nen Mie­tern in die Au­gen zu bli­cken.

Er ver­trat Mr. Ha­cker den Weg und stell­te sich vor die Tür. »Miet­ver­trag hin – Miet­ver­trag her«, sag­te er mit be­leg­ter Stim­me. »Wir zie­hen hier wie­der aus. Und zwar so­fort!«

»Das läßt sich ar­ran­gie­ren. Aber – heu­te kann ich Sie nicht mehr wo­an­ders un­ter­brin­gen, und mor­gen ist Sonn­tag …«

»Wir wer­den pa­cken und mor­gen aus­zie­hen«, sag­te sie be­stimmt. »In ir­gend­ein Ho­tel. Hier blei­ben wir kei­nes­falls.«

»Ich ru­fe Sie mor­gen an«, mein­te Ha­cker eil­fer­tig. »Ich bin si­cher, daß heu­te nichts pas­sie­ren wird. Sie woh­nen im­mer­hin schon ei­ne Wo­che hier und nichts, ich mei­ne nie­mand ist –«

Er hielt ver­stört in­ne. Es war auch nicht nö­tig, daß er noch et­was sag­te. Als die Tür hin­ter den Hackers ins Schloß fiel, wa­ren sie ganz al­lei­ne. Nur sie bei­de.

Nur sie drei. Ge­nau das war es.

Aber sie – er und sie – wa­ren zu mü­de, um sich jetzt dar­über Ge­dan­ken zu ma­chen. Es war un­ver­meid­lich, daß sie sich nach den Auf­re­gun­gen und Be­las­tun­gen die­ses Ta­ges in dem Au­gen­blick ge­hen­lie­ßen, als sie end­lich al­lein wa­ren.

Sie sag­ten nichts, denn da war nichts zu sa­gen. Sie hör­ten nichts, denn das Haus – und es – hüll­ten sich in fins­te­res Schwei­gen.

Wäh­rend sie in ihr Zim­mer ging und sich schon aus­zog, mach­te er noch einen Rund­gang durch das Haus. Zu­erst ein­mal ging er in die Kü­che und öff­ne­te ei­ne Schub­la­de ne­ben dem Aus­guß. Er nahm einen Ham­mer her­aus und zer­trüm­mer­te den Kü­chen­spie­gel.

Es klirr­te und krach­te. Das war der Spie­gel in der Die­le. Da­nach kam der Spie­gel am Ba­de­zim­mer­schränk­chen an die Rei­he. Nach­dem er den Spie­gel in der Tür sei­nes Zim­mer zer­schla­gen hat­te, ging er zu ihr ins Schlaf­zim­mer und don­ner­te den Ham­mer ge­gen das große Oval über ih­rer Fri­sier­toi­let­te.

Er war we­der be­trun­ken noch zor­nig, noch auf­ge­regt. Er hat­te sein Ver­nich­tungs­werk eher pe­dan­tisch voll­zo­gen. Es gab nicht einen ein­zi­gen Spie­gel mehr.

Sie schau­ten sich se­kun­den­lang wort­los an. Dann schal­te­te er das Licht aus, ließ sich in sein Bett fal­len und such­te Schlaf.

Die Nacht ver­ging.

Bei Ta­ges­licht wirk­te al­les ein we­nig al­bern. Aber sie schau­te ihn am Mor­gen wie­der lan­ge an. Er mur­mel­te et­was Un­ver­ständ­li­ches vor sich hin und mach­te sich dar­an, die Kof­fer her­bei­zu­schaf­fen. Als sie das Früh­stück zu­be­rei­tet hat­te, war er schon da­bei, sei­ne An­zü­ge auf dem Bett aus­zu­brei­ten. Nach dem Es­sen ging sie wie­der nach oben, um nun­mehr ih­re Klei­der von Bü­geln und Ha­ken zu neh­men. Er brauch­te nur noch die Klei­der­sä­cke vom Bo­den zu ho­len. So­bald sie wuß­ten, wo­hin sie zie­hen wür­den, konn­ten die Mö­bel­pa­cker be­stellt wer­den.

Das Haus war ru­hig. Es un­ter­nahm nichts; auch wenn es von ih­ren Plä­nen ge­wußt ha­ben soll­te. Es war ein trüber, un­freund­li­cher Tag. Die schwar­zen Wol­ken hin­gen sehr tief; und es woll­te über­haupt nicht rich­tig hell wer­den. Sie und er ta­ten so, als kämen sie über­haupt nicht auf den Ge­dan­ken, das Licht an­zu­schal­ten. Aber bei­de wuß­ten ganz ge­nau, daß sie es nur we­gen der Fens­ter­schei­ben und der Ge­schich­te mit der Spie­ge­lung un­ter­lie­ßen. Er hät­te na­tür­lich die Fens­ter­schei­ben zer­schla­gen kön­nen, aber das kam ihm doch zu dumm vor. Au­ßer­dem wür­den sie nicht mehr lan­ge hier sein.

Als sie das Ge­räusch hör­ten, schau­ten sie sich ruck­ar­tig an. Von ir­gend­wo­her kam ein Tröp­feln und Blub­bern. Ir­gend et­was schi­en ge­nau un­ter ih­ren Fü­ßen zu plät­schern. Sie rang sicht­lich nach Atem.

Er leg­te ihr be­ru­hi­gend die Hand auf die Schul­ter. »Das Was­ser­rohr – im Kel­ler«, mein­te er und lä­chel­te leicht.

»Wir soll­ten bes­ser nach­se­hen.« Ih­re Stim­me zit­ter­te ver­däch­tig, als sie zur Trep­pe ge­hen woll­te.

»Warum willst du denn hin­un­ter­ge­hen? Komm, laß, ich wer­de mich dar­um küm­mern.«

Sie schüt­tel­te ener­gisch den Kopf und mach­te sich auf den Weg. Eben war ih­re Angst fast mit ihr durch­ge­gan­gen, und sie muß­te be­wei­sen, daß sie sich nicht fürch­te­te. Sie muß­te es ihm be­wei­sen – und auch dem Es.

»War­te einen Mo­ment«, sag­te er. »Ich ho­le rasch den Schrau­ben­schlüs­sel aus dem Au­to.« Er eil­te zur Hin­ter­tür hin­aus.

Sie blieb erst un­schlüs­sig ste­hen, dann ging sie ach­sel­zu­ckend auf die Kel­ler­trep­pe zu. Das Plät­schern war mitt­ler­wei­le im­mer lau­ter ge­wor­den. Das Was­ser, das aus dem un­dich­ten Rohr her­vor­schoß, be­deck­te schon die gan­ze Bo­den­flä­che des Kel­lers. Das Plät­schern und Spru­deln war ein selt­sa­mes Ge­räusch. Es wirk­te wie La­chen.

Er hör­te es eben­falls, als er beim Au­to an­ge­langt war und den Kof­fer­raum öff­ne­te. Ir­gend et­was ist mit al­ten Häu­sern im­mer los; er hät­te es ei­gent­lich wis­sen sol­len. Mal ein Was­ser­rohr­bruch, mal die­ses, mal je­nes.

Als er mit dem Schrau­ben­schlüs­sel in der Hand wie­der auf das Haus zu­ging, konn­te er über­deut­lich das gur­geln­de Was­ser und die Schreie sei­ner Frau hö­ren.

Und wie sie schrie! Die Schreie gell­ten aus dem Kel­ler, aus der Dun­kel­heit.

Er rann­te und schwang den schwe­ren Schrau­ben­schlüs­sel. Die gel­len­den Schreie er­schüt­ter­ten ihn bis ins Mark. Er fiel fast die Trep­pe, die in die Dun­kel­heit führ­te, hin­un­ter. Sie war ge­fan­gen. Es hat­te sie er­wi­scht. Sie wehr­te sich ver­zwei­felt, aber es war zu stark, viel zu stark. Ne­ben dem zer­bro­che­nen Rohr fiel ein Licht­schein in den Kel­ler, der auf der Was­sero­ber­flä­che glit­zer­te und fun­kel­te. Er sah, wie sich nicht nur ihr Ge­sicht wi­der­spie­gel­te, son­dern auch die Schat­ten von an­de­ren Ge­sich­tern, die um sie her­um­wir­bel­ten und sie fest­hiel­ten.

Er hob die Hand mit dem Schrau­ben­schlüs­sel und ließ sie auf die Dun­kel­heit der an­de­ren Ge­sich­ter hin­ab­sau­sen. Er schlug wild dar­auf los. Er schlug und schlug. Er schlug so lan­ge, bis die Schreie erstar­ben. Dann erst hör­te er auf und blick­te auf sie hin­un­ter. Es spie­gel­ten sich kei­ne Schat­ten mehr, aber sie war im­mer noch da. Sie war ganz ru­hig – und sie wür­de für al­le Zei­ten ru­hig blei­ben. Das Was­ser färb­te sich an der Stel­le, wo ihr Kopf ruh­te, rot. Ge­nau­so rot, wie das En­de des Schrau­ben­schlüs­sels, den er in der Hand hat­te.

Er mach­te den Mund auf, um ihr al­les zu er­klä­ren, aber dann merk­te er, daß sie tot war.

Jetzt gab es nur noch ihn und es.

Er schlepp­te sich die Trep­pe hin­auf. Sei­ne Hand um­klam­mer­te im­mer noch den blu­ti­gen Schrau­ben­schlüs­sel. Er wank­te zum Te­le­fon, um die Po­li­zei an­zu­ru­fen.

Er sank auf den Hocker, der vor dem Te­le­fon stand und grü­bel­te, was er der Po­li­zei sa­gen soll­te, wie er das Gan­ze er­klä­ren könn­te. Es wür­de nicht so ein­fach sein. Wis­sen Sie, da war die­se Ver­rück­te, die so lan­ge in die Spie­gel starr­te, bis ihr Spie­gel­bild le­ben­di­ger als ihr Kör­per war. Des­halb leb­te sie auch ir­gend­wie wei­ter, nach­dem sie Selbst­mord be­gan­gen hat. Sie er­scheint in Spie­geln und im Glas und in je­dem Ma­te­ri­al, das et­was re­flek­tiert. Sie tö­tet an­de­re oder treibt sie in den Tod. Und die Spie­gel­bil­der der To­ten ver­ei­nen sich mit dem der Ver­rück­ten und ge­win­nen mehr und mehr an Macht. Ei­tel­keit, dein Na­me ist Weib. Und dar­um, mei­ne Her­ren, ha­be ich mei­ne Frau um­ge­bracht. War das nicht ei­ne fei­ne Er­klä­rung? Aber sie wür­de die Flut der Fra­gen nicht auf­hal­ten. Die Flut! Das Was­ser! Wenn er nur einen Mo­ment lang nach­ge­dacht hät­te, hät­te er es wis­sen müs­sen. Es war doch klar, daß Was­ser Spie­ge­lun­gen her­vor­ruft. Ge­nau­so wie die Fens­ter­schei­be, in die er jetzt starr­te.

Und auf ein­mal war es hin­ter ihm, woll­te aus dem Schat­ten her­aus auf ihn zu. Er sah das bär­ti­ge Männer­ge­sicht, die star­ren, lee­ren Au­gen ei­nes klei­nen Mäd­chens und den glot­zen­den Blick ei­ner auf­ge­ta­kel­ten Grei­sin. Es war hin­ter ihm, ne­ben ihm, um ihn her­um. Als er auf­stand, schloß sich sei­ne Hand fest um den Schrau­ben­schlüs­sel. Es war nicht greif­bar, aber er muß­te es be­kämp­fen und sich da­mit aus­ein­an­der­set­zen.

Er dreh­te sich um, tau­mel­te zu­rück, aber der Ring der schat­ten­haf­ten Ge­sich­ter schloß sich im­mer dich­ter um ihn. Dann sah er, wie ihr Ge­sicht durch die an­de­ren hin­durch auf ihn zu­kam. Es war ihr Ge­sicht – nur mit dem einen Un­ter­schied, daß da, wo ih­re Au­gen ge­we­sen wa­ren, jetzt glei­ßen­de Split­ter fun­kel­ten. Die­ses Ge­sicht konn­te er nicht be­kämp­fen. Er konn­te nicht noch ein­mal auf sie ein­schla­gen.

Es be­weg­te sich vor­wärts. Es be­weg­te sich rück­wärts. Sein Arm schnell­te zu­rück. Er hör­te, wie das Fens­ter­glas hin­ter ihm zer­split­ter­te, und muß­te un­will­kür­lich dar­an den­ken, daß die al­te Frau so ge­stor­ben war. Ge­nau­so, wie er jetzt starb: Er fiel durch das Fens­ter und schnitt sich die Keh­le auf. Der Schmerz durch­ras­te sei­nen Kör­per und zer­riß sein Ge­hirn. Er bau­mel­te hilf­los in den Glas­scher­ben und ver­blu­te­te lang­sam.

Dann war es vor­bei.

Auf dem Bo­den bil­de­te sich ei­ne La­che, die sich be­weg­te und an­wuchs. Das Licht, das von drau­ßen auf die Pfüt­ze fiel, ließ ei­ne Spie­ge­lung er­ken­nen.

Ir­gend et­was er­hob sich jetzt deut­lich aus dem Schat­ten, schwoll an und quirl­te und wir­bel­te und tau­mel­te durch die Dun­kel­heit.

Es hat­te das Ge­sicht ei­ner Grei­sin, das Ge­sicht ei­nes Kin­des, das Ge­sicht ei­nes bär­ti­gen Man­nes, ihr Ge­sicht und sein Ge­sicht. Es ver­än­der­te sich stän­dig, ver­wisch­te die ein­zel­nen Ge­sich­ter, misch­te sie und trenn­te sie wie­der.

Es tanz­te und wand sich, bis es auf ein­mal zum Still­stand kam und ru­hig ver­harr­te. Nach­dem es end­lich al­lein im Haus war, kau­er­te es sich in ei­ne Ecke und war­te­te. Es hat­te wei­ter nichts zu tun, als auf den nächs­ten zu war­ten. Bis da­hin konn­te es sich in dem im­mer grö­ßer wer­den­den ro­ten Spie­gel­bild auf dem Fuß­bo­den be­wun­dern …