Das unersättliche Haus
Als sie das Haus übernommen hatten, waren sie zu zweit. Sie und er.
Dann kam es dazu.
Vielleicht aber war es schon immer im Haus und hatte nur auf sie gewartet. Wie dem auch sei: Es war da, und man konnte nichts dagegen unternehmen.
Es wäre natürlich eine Möglichkeit gewesen, aus dem Haus wieder auszuziehen; aber sie hatten einen Fünfjahresvertrag abgeschlossen und freuten sich über die billige Miete. Außerdem wäre es absurd, sich darüber beim Makler zu beschweren. Sie konnten es nicht einmal ihren Freunden erklären.
Wohin hätten sie auch ziehen sollen? Sie hatten nach monatelanger Suche endlich dieses Haus gefunden.
Zudem weigerte sich zu Beginn sowohl sie als auch er, die Gegenwart von es zur Kenntnis zu nehmen. Aber beide wußten, daß es existierte.
Sie bekam es gleich am allerersten Abend zu spüren. Sie saß vor dem hohen, altmodischen Spiegel im Schlafzimmer und kämmte sich. Der Spiegel war noch nicht abgestaubt und hatte schmierige Flecke. Außerdem flackerte das Licht über dem Spiegel ein wenig.
Darum dachte sie auch zuerst, es wäre ein zufälliger Schatten oder ein Fleck auf dem Glas. Sie runzelte die Brauen, als sie die schwankenden, verschleierten und schemenhaften Umrisse im Hintergrund wahrnahm. Dann glättete sich ihre Stirn, weil sie wußte, daß sich ihr spezielles Verheiratet-sein-Gefühl wieder einmal bemerkbar machte. Dieses Gefühl bestand darin, die Gegenwart des anderen zu spüren, ohne mit Bewußtsein gemerkt zu haben, daß der andere den Raum betreten hatte.
Das war es. Er mußte jetzt genau hinter ihr stehen. Er mußte den Raum lautlos betreten haben. Gleich würde er versuchen, sie zu überraschen und die Arme um sie zu legen.
Sie drehte sich um, um ihm entgegenzulächeln.
Ihr Lächeln fror ein, denn der Raum war leer. Sie schaute wieder in den Spiegel. Die schemenhaften Umrisse waren immer noch da – genauso wie das Gefühl, daß sich noch jemand im Raum befinden mußte.
Sie zuckte die Achseln, schüttelte den Kopf und schnitt eine Grimasse. Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu, aber es war ein verunglücktes Lächeln. Durch das fleckige Glas und die schwache Beleuchtung wirkte es verzerrt und fremd – es war ein Lächeln, das nicht zu ihrem Gesicht zu gehören schien.
Nun ja, dachte sie, dieser ganze Umzug war doch recht anstrengend. Dann fuhr sie sich energisch mit der Bürste durch die Haare und verbannte jeden abwegigen Gedanken.
Trotzdem atmete sie erleichtert auf, als er plötzlich das Schlafzimmer betrat. Im ersten Augenblick wollte sie es ihm erzählen, aber dann überlegte sie es sich anders. Sie wollte ihn mit ihren ›Nerven‹ nicht beunruhigen.
Er hingegen war nicht so schweigsam.
Er kam am nächsten Morgen aus dem Badezimmer gestürmt. Seine linke Wange blutete; und er fuchtelte mit dem Rasierapparat herum.
»Was soll der Quatsch?« fragte er verdrießlich. »Warum schleichst du hinter mir her und erschreckst mich im Spiegel? Schau dir an, wie ich mich geschnitten habe! Ich finde das überhaupt nicht lustig!«
Sie lag noch im Bett und setzte sich bei seinen Worten ruckartig auf.
»Aber Schatz, wie soll ich dich erschreckt haben?« fragte sie verschlafen. Dann fuhr sie lebhafter fort: »Ich habe mein Bett überhaupt noch nicht verlassen.«
»Nein?« Er hob erstaunt die Augenbrauen. Nachdem er offensichtlich kurze Zeit angestrengt nachgedacht hatte, war auf seinem Gesicht ein bestürzter Ausdruck. »Na ja«, brummte er.
»Was, ›na ja‹?« Sie hatte die Decke beiseite geschleudert und saß auf der Bettkante. Während ihre Füße automatisch nach den Pantoffeln angelten, schaute sie ihn gespannt an. »Was ›na ja‹?« wiederholte sie.
»Ach nichts«, murmelte er, »gar nichts. Als ich beim Rasieren in den Spiegel guckte, hatte ich nur das Gefühl, daß du – oder sonst irgend jemand – mir über die Schulter siehst. Und zwar ganz plötzlich, verstehst du? Das muß wohl an den verdammten Lampen liegen. Ich werde gleich heute neue Birnen besorgen.«
Er tupfte sich mit dem Handtuch das Blut von der Wange und drehte sich um.
Sie holte tief Luft. »Ich hatte gestern abend dasselbe Gefühl«, sagte sie dann und biß sich sofort ärgerlich auf die Lippen.
»Was sagst du da?«
Sie nickte. »Ja, ja –« Dann fuhr sie hastig fort. »Es muß an den Lampen liegen. Du hast recht – es muß ganz bestimmt an den Lampen liegen.«
Er starrte gedankenverloren vor sich hin. Dann räusperte er sich geräuschvoll.
»Nun ja – was sollte es auch sonst sein? – Ich werde die neuen Birnen bestimmt nicht vergessen.«
»Das ist gut.« Sie nickte eifrig. »Bei der Einweihungsparty am Sonnabend muß alles in Ordnung sein.«
Aber es war noch lange nicht Sonnabend. Bis dahin geschahen noch einige Dinge, die sie mehr verwirrten, als sie sich gegenseitig eingestanden haben würden.
Als er am nächsten Morgen zur Arbeit gefahren war, machte sie sich daran, den Garten zu untersuchen. Der Anblick war alles andere als erfreulich. Der große Garten glich einem verwahrlosten Acker mit dunklen Bäumen, die eine drohende Haltung einzunehmen schienen. Der Herbstwind wirbelte die toten Blätter um das alte Haus. Sie stand auf einer kleinen Anhöhe und schaute nachdenklich auf die finsteren Hausgiebel aus einem anderen Jahrhundert.
Das eigenartige Gefühl, das sie beschlich, hatte nichts damit zu tun, daß weit und breit keine Menschenseele war und das Haus des nächsten Nachbarn eine halbe Meile entfernt an der einsamen schmutzigen Straße lag. Sie kam sich auf einmal wie ein unerwünschter Eindringling vor – ein Eindringling in die Vergangenheit. Der kalte Wind, die sterbenden Bäume und der finstere Himmel waren willkommen – sie gehörten zum Haus. Sie war der Außenseiter. Weil sie jung war. Weil sie lebte.
Das alles fühlte sie mehr, als daß sie es dachte. Solange sich ihr Verstand gegen diese Gedanken sträubte, konnte auch keine Angst bei ihr aufkommen. Die Angst, alleine zu sein, oder, was noch viel schlimmer war, die Angst, nicht alleine zu sein.
Denn gerade jetzt, als sie auf das Haus schaute, schloß sich die Tür.
Das war natürlich der Herbstwind. Selbstverständlich. Aber die Tür war weder zugefallen noch zugeschlagen. Sie hatte sich ganz einfach geschlossen. Aber trotzdem: Es war das Werk des Windes. Es mußte sein Werk sein! Denn es war keiner im Haus, der die Tür hätte schließen können.
Sie griff in die Tasche ihres Hauskleides. Dann zuckte sie die Achseln, denn ihr fiel ein, daß sie den Hausschlüssel in die Küche gelegt hatte.
Sie hatte nicht die Absicht gehabt, so bald wieder ins Haus zu gehen, denn sie wollte sich den Garten genau ansehen und überlegen und ausmessen, wo man im nächsten Frühjahr Gemüsebeete anlegen und Blumen pflanzen konnte.
Als sich jetzt aber die Tür geschlossen hatte, fühlte sie, daß sie zurückgehen mußte. Irgend etwas versuchte, sie auszuschließen. Aus ihrem eigenen Haus auszuschließen! Und dem durfte sie keinesfalls nachgeben. Irgend etwas kämpfte gegen sie. Irgend etwas war gegen ihre Anwesenheit und gegen jede mögliche Änderung. Sie mußte sich wehren und ihren Platz behaupten.
Sie ging entschlossen auf das Haus zu, rüttelte am Türgriff und fand ihre Ahnung bestätigt, daß sie ausgeschlossen war. Die erste Runde hatte sie verloren. Aber es gab ja noch das Fenster.
Das Küchenfenster befand sich in Augenhöhe und war einen Spalt geöffnet. Als sie auf eine kleine Kiste stieg, konnte sie es mühelos erreichen.
Sie hob die Hand, um das Fenster weiter in die Höhe zu schieben.
Es rührte sich nicht von der Stelle.
Es mußte irgendwo klemmen. Aber es hatte vorher nicht geklemmt, denn ehe sie in den Garten ging, hatte sie es ohne Schwierigkeiten aufschieben können. Außerdem hatten sie bei ihrem Einzug alle Fenster ausprobiert und keine Mängel festgestellt.
Sie versuchte es noch einmal. Mit großer Anstrengung konnte sie das Fenster vielleicht fünfzehn Zentimeter hochschieben, dann … Als das Fenster mit der Wucht einer Guillotine herabsauste, konnte sie gerade noch rechtzeitig ihre Hand zurückreißen. Sie biß sich auf die Lippen. Dann straffte sie die Schultern und versuchte es erneut mit dem Fenster.
Dieses Mal schaute sie dabei in die Scheibe. Es war normales, durchsichtiges Fensterglas. Sie hatte es erst gestern geputzt und wußte, daß es sauber sein mußte. Es hatte keine Verschleierungen, keine Schatten und ganz gewiß keine Bewegungen gehabt.
Aber jetzt war es voller Bewegung!
Irgend etwas Wolkiges, Verschwommenes, irgend etwas eigenartig Undurchsichtiges schien sie anzustarren und die Fensterscheibe herunterzudrücken. Irgend etwas wollte ihr den Eintritt ins Haus verwehren.
Plötzlich lachte sie hysterisch auf, denn ihr war zum Bewußtsein gekommen, daß sie auf ihr eigenes Spiegelbild zwischen den Schatten der Bäume starrte. Natürlich, es mußte ihr eigenes Spiegelbild sein, und es bestand überhaupt keine Veranlassung für sie, die Augen zu schließen und zu schluchzen und – als das Fenster endlich offen war – fast in die Küche zu taumeln.
Sie war im Haus und sie war allein. Ganz allein. Alles war in bester Ordnung. Sie brauchte ihn mit der Geschichte nicht zu beunruhigen. Sie würde ihm nichts erzählen.
Er würde ihr auch nichts erzählen.
Als sie am Freitag nachmittag den Wagen nahm, um in der Stadt Einkäufe für die morgige Party zu machen, blieb er zu Hause, um die letzten Dinge nach dem Umzug in Ordnung zu bringen. Aus diesem Grund schaffte er auch die Kleidersäcke auf den Boden. Die Sommersachen nahmen in den Schränken so viel Platz in Anspruch, daß er sie aus dem Wege haben wollte.
Auf dem Boden war es dunkel. Er setzte die Kleidersäcke ab und arbeitete sich mit der Taschenlampe an der Wand entlang. Dabei stieß er auf einen Verschlag unter einem der Giebel. Er starrte auf die Tür und das Vorhängeschloß.
Der Staub und der Rost sprachen ihre eigene Sprache. Hier oben war seit Ewigkeiten keiner gewesen. Er mußte an Hacker, den zungenfertigen Makler, der ihnen dieses Haus vermittelt hatte, denken. »Das Haus ist ein paar Jahre lang nicht bewohnt gewesen und muß etwas aufgemöbelt werden«, hörte er Hacker sagen. So wie es hier aussah, würde er eher sagen, daß das Haus einige Jahrhunderte lang nicht bewohnt gewesen war. Das hatte allerdings den Vorteil, daß er für dieses Schloß nichts weiter als eine einfache Feile benötigte.
Er ging rasch hinunter und kam gleich darauf mit einer Feile zurück.
Der Staub und Schmutz sprachen wirklich ihre eigene Sprache. Die vorigen Mieter mußten das Haus etwas überstürzt verlassen haben. Auf dem Boden herrschte ein heilloses Durcheinander. Überall war Schutt und Gerümpel verstreut. Die tiefen Schrammen auf dem Fußboden deuteten daraufhin, daß jemand seine Kisten und Koffer in hektischer Eile zur Treppe geschleift hatte.
Nun ja, er hatte den ganzen Winter über Zeit, alles wieder herzurichten. Jetzt wollte er nur die Sommersachen unterbringen. Er klemmte sich die Taschenlampe an den Gürtel und beugte sich mit der Feile in der Hand über das Vorhängeschloß.
Es war wirklich ein Kinderspiel. Das Schloß sprang auf, und er drückte gegen die Tür. Als sie quietschend aufging, mußte er die Luft anhalten. Ihm strömte eine Woge von Moder und Fäulnis entgegen. Dann richtete er den Strahl der Taschenlampe in den engen, schmalen Verschlag.
Ein tausendfaches Glitzern und Funkeln stach ihm in die Augen. Goldenes, glühendes Feuer brannte in seinen Pupillen. Er zuckte mit der Taschenlampe zurück und schloß geblendet die Augen. Dann richtete er den Lichtstrahl nach oben. Und wieder stach ihm gleißendes Licht wie Lanzen in die Augen.
Er sprang zurück. Sein Atem ging rasch. Dann zwang er sich zur Ruhe und Vernunft und lugte nocheinmal in den Verschlag. Auf einmal wußte er, woher dieses Glitzern und Funkeln kam. Er blickte in einen Raum voller Spiegel. Sie hingen von der Decke, lehnten in Ecken und standen an den Wänden. Da waren ein großer stattlicher Spiegel, der einmal eine Tür ausgefüllt haben mußte, zwei ovale Spiegel von einer altmodischen Frisierkommode, ein Spiegel, der aus einem Rahmen gebrochen war, und sogar ein komplettes, auseinandergenommenes Medizinschränkchen – fast haargenau das gleiche, das er gerade im Badezimmer angebracht hatte. Der Fußboden war mit Handspiegeln in allen Größen und Formen bedeckt. Er entdeckte einen zierlichen Handspiegel mit silbernem Griff, der einst auf der Frisiertoilette einer Frau gelegen haben mußte. Dahinter lehnte der eigentliche Spiegel der Frisiertoilette. Und rund herum Taschenspiegel, Spiegel aus Puderdosen und aus allen möglichen Etuis. An der gegenüberliegenden Wand stand gleich eine ganze Serie von gleichgroßen ungerahmten Spiegeln, die wahrscheinlich einmal in eine Schlafzimmerwand eingebaut gewesen waren.
Er schaute auf ein halbes Hundert silbriger Oberflächen; er schaute auf ein halbes Hundert Wiedergaben seines bestürzten Gesichtes.
Er mußte wieder an Hacker denken und an den Tag, an dem sie das Haus besichtigt hatten. Er hatte damals Hacker auf das Fehlen des Badezimmerschränkchens aufmerksam gemacht, aber Hacker war nicht näher darauf eingegangen. Es war ihm damals gar nicht aufgefallen, daß im ganzen Haus kein einziger Spiegel vorhanden war. Schön, sie hatten das Haus nicht möbliert gemietet, aber man sollte doch bei so einem alten Bau einen Spiegel in irgendeiner Türfüllung vermuten.
Keine Spiegel? Warum? Und warum waren sie hier alle versteckt? Unter Schloß und Siegel?
Das war interessant. Vielleicht würde seine Frau ein paar von den Spiegeln haben wollen. Zum Beispiel den Handspiegel mit dem silbernen Griff. Er mußte ihr das gleich erzählen, wenn sie zurückkam.
Er trat vorsichtig in den Raum und zog die Kleidersäcke hinter sich her. Vielleicht gab es hier eine Kleiderstange oder wenigstens ein paar Haken. Als er nichts dergleichen fand, beschloß er, rasch ein paar Haken einzuschlagen.
Als er sich bückte, um die Kleidersäcke auf einen Haufen zu legen, tanzte der Lichtstrahl der Taschenlampe auf tausend glitzernden Oberflächen. Vor seinen Augen war ein einziges Gleißen und Funkeln.
Auf einmal verschwand das Funkeln. Die glänzenden Spiegel verdunkelten sich eigentümlich. Aber das war nur natürlich, denn sein Spiegelbild füllte sie aus. Sein Spiegelbild – und etwas, was dunkler war. Etwas Wolkiges, Verschwommenes, Quirlendes, etwas, was ein Teil der modrigen Luft war, etwas, was durch seine Gegenwart den Aufenthalt in dem Raum unerträglich werden ließ. Es war hinter ihm – nein, es war neben ihm – nein, vor ihm – es umgab ihn von allen Seiten – es wurde größer und größer und löschte ihn aus. Es verursachte, daß er zitterte und in Schweiß ausbrach. Es raubte ihm jetzt den Atem und zwang ihn, aus dem Raum zu stürzen, die Tür hinter sich zuzuwerfen und sich mit letzter Kraft erschöpft dagegen zu lehnen.
Es hatte auch einen Namen – Platzangst. Genau das war es.
Nichts weiter als neurotische Angstzustände … Nichts weiter als das beklemmende Gefühl, in einem engen Raum eingeschlossen zu sein. Außerdem wird jeder Mann nervös, wenn er zu lange in einen Spiegel schaut – geschweige denn in fünfzig Spiegel!
Er zitterte heftig. Nur um seine Gedanken zu beschäftigen, damit sie sich nicht mit dem befassen konnten, was er halb gesehen, halb gefühlt, halb erkannt hatte, dachte er weiter über Spiegel nach. Über das In-den-Spiegel-schauen. Für Frauen ist es eine Art Lieblingsbeschäftigung; aber Männer sind da anders.
Männer – wobei er sich selbst einschloß – scheinen Spiegeln gegenüber eine Befangenheit zu haben. Er entsann sich an den Schock, den er bekommen hatte, als er sich in einem Bekleidungshaus zum erstenmal in einem jener Spiegel betrachtet hatte, in denen man sich von allen Seiten sehen kann. Ein Mann sieht im Spiegel verändert aus. Nicht mehr so, wie er sich einbildet, auszusehen. Ein Spiegel verzerrt. Warum summen und singen und pfeifen die Männer, wenn sie sich rasieren? Doch nur, um sich nicht mit ihrem Spiegelbild auseinandersetzen zu müssen. Denn sonst könnten sie leicht verrückt werden. Wie war doch der Name des Knaben aus der griechischen Mythologie, der sich in sein eigenes Bild verliebt hatte? Narzissus, richtig, Narzissus, der stundenlang in eine Quelle starrte, um sein Bild zu sehen.
Frauen hinwiederum können es. Aus dem einfachen Grunde, weil sich Frauen selber nie wirklich sehen. Sie sehen einen Wunschtraum, dem sie mit Lippenstift, Puder und Lidschatten näherzukommen versuchen. Aber Frauen sind sowieso etwas verrückt. Hatte sie ihm nicht neulich gesagt, sie hätte ihn im Spiegel gesehen, obwohl er gar nicht da war?
Vielleicht sollte er ihr besser nichts erzählen; zumindest nicht, bevor er mit dem Makler Hacker gesprochen hatte. Denn eine Erklärung wollte er auf alle Fälle haben. Irgend etwas war irgendwie faul. Warum hatten die vorherigen Mieter alle Spiegel hier oben aufbewahrt?
Als er jetzt über den Boden zurückkehrte, zwang er sich, langsam zu gehen und an irgend etwas zu denken. An irgend etwas – nur nicht an die Angst, die er in dem Raum voller Spiegelungen empfunden hatte.
Spiegelungen von etwas. Aber von was? Wer fürchtet sich vorm bösen Wolf? Wer fürchtet sich vor Spiegelungen? Fast ein neues Märchen, wie?
Vampire. Wie wäre es mit Vampiren? Aber die haben keine Spiegelbilder. »Sagen Sie mir die Wahrheit, Mr. Hacker, waren die Leute, die das Haus gebaut haben, Vampire?« Reizende Vorstellung.
Wirklich eine reizende Vorstellung. So recht geschaffen für die Dämmerung, wenn die Dielen knackten, die Fensterläden klapperten und sich die Nacht langsam auf das Haus voller Schatten senkte; auf das Haus, in dem um jede Ecke etwas zu lugen schien, etwas, das einen auf Schritt und Tritt verfolgte und einem aus den Spiegeln entgegengrinste.
Er setzte sich hin und wartete auf ihre Rückkehr. Er schaltete alle Lampen an und stellte das Radio auf volle Lautstärke. Er war heilfroh, daß er keinen Fernsehapparat hatte. Denn der hätte einen Bildschirm, und ein Bildschirm hätte eine Spiegelung, und eine Spiegelung war das letzte, was er jetzt sehen wollte.
Aber heute passierte nichts weiter, und als sie mit Paketen beladen nach Hause kam, hatte er sich schon wieder in der Gewalt. Sie aßen und unterhielten sich ganz natürlich. So natürlich, daß es wenn es zugehört hätte, nichts von ihrer Furcht gemerkt hätte.
Nach dem Essen machten sie sich an die Vorbereitungen für die morgige Party. Sie riefen ein paar Leute an, und ihm kam der plötzliche Einfall, die Hackers ebenfalls einzuladen. Als dann wirklich nichts mehr zu tun war, gingen sie schlafen. Das Licht war überall aus. Das bedeutete, daß die Spiegel dunkel waren. Sie konnten beruhigt schlafen.
Am nächsten Morgen bereitete ihm nur das Rasieren einige Schwierigkeiten. Und dann ertappte er sie, jawohl, er ertappte sie. Sie erledigte in der Küche hastig ihr Make-up, wobei sie die Hand schützend um den kleinen Taschenspiegel gelegt hatte, um die Spiegelung auf ein Mindestmaß zu reduzieren.
Aber er sagte nichts, und sie sagte nichts, und es unternahm nichts.
Er fuhr zur Arbeit, und sie bereitete die Sandwiches, und wenn das Haus an diesem langen, trüben, trostlosen Sonnabend hin und wieder seufzte und krächzte und flüsterte, dann war das nur natürlich.
Als er wieder nach Hause kam, schwieg das Haus völlig; und das war noch unangenehmer. Es war, als würde irgend etwas auf den Einbruch der Nacht warten. Deshalb machte sie sich auch so zeitig zurecht. Sie summte, während sie sich puderte und schminkte, und wirbelte vor dem Spiegel herum (man kann nicht so klar sehen, wenn man sich dreht). Deshalb mixte er für sie und für sich ein paar kräftige Drinks, ehe sie eine Kleinigkeit aßen (man kann nicht so klar sehen, wenn man trinkt).
Dann strömten die Gäste herbei. Die Teters, die sich über die windigen, verwahrlosten Straßen durch die hügelige Landschaft beklagten. Die Valliants, die sich wortreich über die antike Täfelung und die hohen Decken äußerten. Die Ehrs, die lachten und kreischten, wobei Vic bemerkte, daß das Haus so aussähe, als wäre es von Charles Addams entworfen. Das war das Startzeichen zum Trinken. Als Mr. Hacker mit seiner Frau dazukam, war die Stimmung schon so ausgelassen, daß man nicht wußte, ob das plärrende Radio das Stimmengewirr der Gäste übertönte oder umgekehrt. Er trank und sie trank, aber sie konnten es nicht aus ihren Gedanken verbannen. Die Bemerkung über Charles Addams machte alles auch nicht gerade besser. Und dann waren da die anderen Dinge, die nicht zu übersehen waren. Kleinigkeiten nur, aber dennoch … Die Talmadges hatten Blumen mitgebracht. Sie war in die Küche gegangen, um die Blumen in eine Kristallvase zu stellen. Als sie Wasser in die Vase füllte, verdunkelte sich plötzlich das geschliffene Glas zwischen ihren Fingern, und irgend etwas reflektierte von dem Kristall. Sie drehte sich rasch um, aber sie war allein. Ganz allein und hielt hundert nackte Augen in ihren Händen.
Die Vase fiel klirrend zu Boden, und die Ehrs und die Talmadges und die Hackers und die Valliants und er stürzten in die Küche und versammelten sich um sie. Talmadge verurteilte sie wegen Trunkenheit, und das war Grund genug für eine neue Runde. Er sagte kein Wort, sondern holte stillschweigend eine andere Vase. Aber er mußte genau wissen, was vorgefallen war, denn als die Gäste lärmend den Wunsch äußerten, das ganze Haus zu besichtigen, bemühte er sich, sie davon abzuhalten. »Oben ist noch nicht alles eingerichtet«, murmelte er. »Es ist ein heilloses Durcheinander, und Sie würden vor Kisten und Koffern nicht treten können.«
»Wer ist jetzt oben?« fragte Mrs. Teters, als sie mit ihrem Mann in die Küche kam. »Wir haben gerade einen furchtbaren Krach gehört.«
»Irgend etwas muß umgefallen sein«, murmelte der Gastgeber; aber er schaute bei den Worten seine Frau nicht an, und sie vermied es ebenfalls, ihm in die Augen zu blicken.
»Wie wäre es mit noch einem Drink?« fragte sie. Sie mixte und goß hastig ein, und ehe die Gläser halb leer waren, bereitete er schon den nächsten Drink vor. Der Alkohol löste die Zungen, und solange die Leute redeten, überhörten sie vielleicht andere Geräusche.
Die Kriegslist bewährte sich. Die Gäste verzogen sich nach und nach wieder ins Wohnzimmer. Das Radio plärrte und das Gelächter schwoll an. Das Stimmengewirr verscheuchte die Geräusche der Nacht.
Er schenkte ein, und sie reichte die Gläser herum, und beide tranken. Aber der Alkohol verfehlte bei ihnen seine Wirkung. Sie bewegten sich so vorsichtig, als wären ihre Körper aus Glas, das nur darauf wartete, durch einen plötzlichen gellenden Schrei am Boden zu zerschmettern. Sie konnten soviel trinken, wie sie wollten, sie wurden nicht betrunken.
Ihre Gäste waren gewiß nicht aus zerbrechlichem Glas. Sie tranken und fürchteten nichts. Sie blieben auch nicht sitzen, sondern wanderten herum, und es dauerte gar nicht lange, bis sich Mr. Valliant und Mrs. Talmadge auf eigene Faust auf Entdeckungsreisen in das obere Stockwerk verzogen. Das war zweifellos nicht ganz korrekt, aber glücklicherweise bemerkte niemand weder ihr Verschwinden noch ihre Abwesenheit. Die anderen wurden erst aufmerksam, als Mrs. Talmadge die Treppe heruntergestürzt kam und sich im Badezimmer einriegelte.
Die Gastgeberin bemerkte den Vorfall und folgte Mrs. Talmadge. Sie rüttelte an der Badezimmertür, bat um Einlaß und bereitete sich auf ein paar diskrete Fragen vor. Aber nichts dergleichen war notwendig, denn Mrs. Talmadge fiel ihr förmlich entgegen. Sie weinte und rang die Hände.
»Das ist eine solche Gemeinheit«, schluchzte sie, »uns nachzuschleichen und zu belauern. Dieser widerliche Kerl … ich gebe zu, wir haben ein wenig geschmust, aber das war auch alles. Er mußte sich auch noch verkleiden. Ich möchte nur wissen, wo er den Bart herbekommen hat. Ich habe mich zu Tode erschrocken.«
»Ich verstehe überhaupt nichts«, sagte die Gastgeberin und verstand alles. Sie fürchtete die nächsten Worte.
»Jeff und ich waren im Schlafzimmer. Wir standen nur im Dunkeln – weiter nichts –, ich schwöre es. Auf einmal schaute ich über meine Schulter in den Spiegel, weil vom Flur her Licht kam. Jemand hatte die Tür geöffnet, und ich konnte das Glas und sein Gesicht sehen. Oh, natürlich, es war mein Mann, aber er trug einen Bart – und die Art, wie er hereingeschlichen kam und uns anstarrte …«
Die nächsten Worte gingen in Schluchzen unter. Mrs. Talmadge zitterte so heftig, daß sie gar nicht bemerkte, wie sehr der Körper ihrer Gastgeberin bebte. Aber sie riß sich gewaltsam zusammen, um den Rest der Geschichte mit einiger Fassung anhören zu können. »… und wie er heimlich wieder hinausschlüpfte, ehe wir irgend etwas sagen oder tun konnten. Du lieber Gott, wenn wir zu Hause sind, wird er mir die Hölle heiß machen und mir die Seele aus dem Leibe fragen – er ist so schrecklich eifersüchtig …« Mrs. Talmadge vergrub ihr Gesicht in die Hände. »Wenn Sie wüßten, wie sein Gesicht im Spiegel ausgesehen hat.« Sie beruhigte Mrs. Talmadge. Sie tröstete Mrs. Talmadge. Sie beschwichtigte Mrs. Talmadge. Aber für ihre eigene Unruhe und Angst gab es keine Beruhigung, keinen Trost, keine Beschwichtigung.
Als sie sich nach ein paar Minuten wieder unter die Gäste mischten, schienen beide ihr seelisches Gleichgewicht wiedergefunden zu haben. Aber in dem Augenblick, als sie das Wohnzimmer betraten, dröhnte ihnen Mr. Talmadges erregte Stimme entgegen.
»Wenn ich eine kurze Verschnaufpause einlege, dann bedanke ich mich für Aufregungen!« Er leerte sein Glas in einem Zug. »Was soll das bedeuten, wenn ich im Badezimmer in den Spiegel sehe, und diese alte Hexe schneidet hinter meinem Rücken Grimassen?« Er schaute in die Runde, dann lachte er dröhnend. »Was für ein Haus unterhalten Sie hier?« fragte er den Gastgeber.
Er hielt das Ganze für einen Witz, und die anderen schienen ebenfalls seiner Meinung zu sein. Nur der Gastgeber und die Gastgeberin standen erstarrt da und wagten nicht, sich in die Augen zu schauen. Ihr Lächeln war verzerrt und brüchig. Glas ist so zerbrechlich. »Ich glaube kein Wort«, lallte Gwen Hacker. Sie hatte einen oder drei zuviel getrunken. »Ich muß das gleich mal prüfen.« Sie winkte den Gastgebern herzlich zu und verschwand in Richtung Treppe. Er hob ruckartig die Hände. »He! Bleiben Sie hier!«
Aber es war sinnlos. Sie rauschte, oder besser gesagt, sie wankte davon.
Talmadge stieß ihm mit dem Ellenbogen in die Seite. »Aprilscherze, wie? – Na, schön. Aber trotzdem: Was wird hier eigentlich gespielt?« Er begann hilflos irgend etwas Sinnloses zu stammeln. Sein Gehirn arbeitete fieberhaft. Er mußte alles tun, um die Gespräche in Gang zu halten. Sie rückte dicht zu ihm und hörte zu. Sie wollte um alles in der Welt nicht an Gwen Hacker denken, die alleine oben war, in einen Spiegel starrte und wartete –
Die Schreie übertönten die Gespräche. Das war kein Schluchzen und kein Lachen – das waren gellende Schreie.
Er nahm immer zwei Stufen auf einmal, als er die Treppe hinaufraste. Der dicke Mr. Hacker folgte ihm keuchend.
Die anderen Gäste waren plötzlich verstummt und gingen zögernd zur Treppe.
Man konnte die Stufen unter den Füßen knarren hören und das schwere Atmen der Gäste. Aber alles wurde übertönt von den fortgesetzten gellenden Schreien einer Frau, die etwas gesehen oder erlebt haben mußte, was sie schier um den Verstand gebracht hatte. Gwen Hackers Gesicht war verzerrt. Sie hatte keine Kontrolle über ihren Körper, als sie auf den Flur herausstakte und ihrem Mann fast in die Arme sank. Das Licht, das aus dem Badezimmer kam, fiel auf einen Spiegel, der keine Spiegelungen hatte, und auf das Gesicht einer Frau, das keinen Ausdruck hatte.
Sie und er waren an Gwen Hackers Seite. Die Gäste standen dicht gedrängt ein paar Schritte entfernt. Sie brachten die Frau in ihr Schlafzimmer und legten sie mit Mr. Hackers Hilfe auf ihr Bett.
Gwen Hacker war ohnmächtig geworden. Irgend jemand murmelte etwas von einem Arzt, ein anderer meinte, ach nein, sie wird schon wieder zu sich kommen, und wieder ein anderer räusperte sich und sagte, es wäre ohnehin langsam an der Zeit, nach Hause zu gehen.
Zum erstenmal schienen sich alle des alten Hauses und der Dunkelheit, der knackenden Dielen, der klappernden Fenster und der rasselnden Fensterläden bewußt zu werden.
Mit einem Schlage waren alle nüchtern, erschreckt und bestrebt, so schnell wie möglich abzufahren. Hacker beugte sich über seine Frau, rieb ihre Handgelenke und flößte ihr ein paar Schlucke Wasser ein. Sie erwachte langsam wimmernd aus ihrer Ohnmacht. Währenddessen halfen die Gastgeber ihren Gästen schweigend in die Mäntel und ließen die höflichen Entschuldigungen, die hastig gemurmelten Gute-Nacht-Wünsche und die Phrase: ›Es war ein reizender Abend, meine Lieben‹ über sich ergehen.
Die Nacht verschluckte die Teters, die Valliants und die Talmadges. Sie und er kehrten in das Schlafzimmer, in dem die Hackers waren, zurück. Es war auf dem Flur zu dunkel und im Schlafzimmer zu hell.
Gwen Hacker wimmerte immer noch leise. Dann setzte sie sich mit einem Ruck auf und begann zu sprechen. Zu ihrem Mann und zu ihnen.
»Ich habe sie gesehen«, begann sie zögernd, schaute ihren Mann an und fuhr dann hastig fort: »Glaub ja nicht, daß ich verrückt bin – ich habe sie gesehen! Sie stand auf Zehenspitzen hinter mir und starrte in den Spiegel. Sie hatte das gleiche blaue Band im Haar, das sie an dem Tag getragen hatte, als sie –«
»Bitte, Gwen«, sagte Hacker beschwörend.
Aber sie ließ sich nicht beirren. »Wenn ich es dir sage: Ich habe sie gesehen! Mary Lou! Sie hat mich im Spiegel angestarrt und eine Grimasse geschnitten – und sie ist tot. Du weißt, daß sie tot ist. Sie ist vor einem Jahr verschwunden, und keiner hat ihre Leiche gefunden –«
»Mary Lou Dempster!« Hacker war ein fetter Mann mit einem Doppelkinn, das jetzt vor Erregung zitterte.
Die Frau redete weiter. »Du weißt, daß sie hier oben gespielt hat, obwohl es ihr Wilma Dempster ausdrücklich verboten hatte. Mary Lou wußte alles über das Haus, aber sie hat trotzdem – o Gott – ihr Gesicht …«
Sie begann haltlos zu schluchzen. Mr. Hacker tätschelte beruhigend ihre Schultern, aber er sah aus, als könnte er selbst ein beruhigendes Schulter-Tätscheln gebrauchen. Doch keiner fühlte sich dazu verpflichtet. Sie und er standen da und warteten; warteten auf den Rest.
»Sag es ihnen«, schluchzte Mrs. Hacker. »Sage ihnen die Wahrheit.«
»Wenn du meinst … Aber ich sollte dich lieber nach Hause bringen.«
»Ich kann warten. Ich will, daß du es ihnen erzählst. Du mußt es jetzt.«
Hacker ließ sich schwer auf das Bett fallen. Seine Frau lehnte sich an seine Schulter. Er und sie schauten die beiden unverwandt an.
»Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll, wie ich es erklären soll«, stöhnte der dicke Mr. Hacker. »Wahrscheinlich ist es meine Schuld – ja, ganz sicher sogar –, aber ich wußte es nicht. Dieses ganze Gerede über verhexte Häuser – kein Mensch glaubt mehr an Gespenster. Das einzige, was es zur Folge hat, ist, daß der Wert des betreffenden Hauses sinkt. Darum habe ich nichts gesagt. Können Sie mir das zum Vorwurf machen?«
»Ich habe ihr Gesicht gesehen«, flüsterte Mrs. Hacker.
»Nun ja, ich weiß. Und ich hätte es Ihnen sagen sollen. Das von dem Haus, meine ich. Warum es seit zwanzig Jahren nicht vermietet worden ist. Das ist in der Gegend hier eine alte Geschichte, und Sie hätten sie früher oder später doch erfahren. Ich möchte es jedenfalls annehmen.«
»Nun komm schon zur Sache«, drängte Mrs. Hacker. Sie war auf einmal die Stärkere, und er, mit seinem bebenden Doppelkinn, war der Schwache.
Der Gastgeber und die Gastgeberin standen noch immer und hingen an Mr. Hackers Lippen. Sie wagten sich nicht zu rühren und warteten gebannt auf die Eröffnungen.
Es war das Bellman-Haus, in dem sie lebten; das Haus, das Job Bellman in den sechziger Jahren für seine junge Frau gebaut hatte, das Haus, in dem seine junge Frau Laura das Leben geschenkt und dabei selbst den Tod gefunden hatte. In den siebziger Jahren, als Jobs Tochter noch ein Kind war, hatte er von früh bis spät geschuftet, und in den achtziger Jahren harte er sich selbstzufrieden zur Ruhe gesetzt. Inzwischen war Laura Bellman herangewachsen und zur Schönsten im ganzen Land geworden – zur Schönsten der ganzen Welt, behaupteten einige, aber in jenen Tagen waren die Männer verschwenderischer mit ihren Komplimenten und Schmeicheleien als heutzutage.
Und an Männern hatte es Laura damals nicht gemangelt. Sie gingen im Haus ein und aus. Ihre Schuhe waren auf Hochglanz poliert, sie dienerten und strichen ihre mit Brillantine getränkten Schnurrbarte glatt. Sie lächelten den alten Job an, sie zwinkerten den Hausmädchen zu und starrten in mondsüchtiger Verzückung auf Laura.
Laura betrachtete diese Huldigungen als eine Selbstverständlichkeit, aber, du lieber Gott, von gewissen Dingen hielt sie nichts. Und nicht etwa, weil Papa noch lebte oder weil sie sich zum Heiraten zu jung fühlte. Nein, nur so. Sie hatte auch noch nie so recht davon gehört. Und warum auch das Ganze? Es war doch so herrlich, nur Freunde zu haben …
Mondschein und Mandolinen, Parties und Picknicks, Ruderpartien und Schlittenfahrten, Konfekt und Blumen, Geschenke, Bälle und Punsch. Verehrer, Verehrer, Verehrer. Modesalons, Schönheitspflästerchen, Ritte über die weiten Felder und Radpartien. Und wieder Mondschein und Mandolinen. Die Jahre gingen dahin.
Dann kam der Tag, an dem der alte Job die Augen für immer schloß. Der Arzt erschien, der Priester und der Rechtsanwalt, der lange über Erbschaft und jährliches Einkommen redete.
Dann war Laura allein. Es gab im Haus außer ihr nur noch die Bediensteten und die Spiegel. Laura und ihre Spiegel. Der Tag begann mit den Spiegeln, in denen sie sich ausgiebig und sorgfältig betrachtete. Dann ging es so weiter: Spiegel am Vormittag, am Mittag, am Nachmittag und am Abend, ehe die Verehrer kamen. Spiegel, wenn die Kutschen vorfuhren, und Spiegel, ehe sie einem neuen Triumph entgegenwirbelte. Spiegel im Morgengrauen, die ihr zufriedenes Lächeln aufnahmen und den Erzählungen über die Erfolge des vergangenen Abends lauschten.
»Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?«
Die Spiegel sagten Laura die Wahrheit. Spiegel lügen nicht. Spiegel greifen nicht nach einem oder flüstern oder verlangen eine Gegenleistung, wenn sie die Schönheit preisen.
Mochten auch die Jahre vergehen, die Spiegel veränderten sich nicht. Sie alterten nicht. Und Laura alterte nicht.
Im Laufe der Zeit wurden die Verehrer rarer, und einige der alten Freunde waren seltsam verändert. Sie schienen irgendwie älter geworden zu sein. Aber wie war das nur möglich, denn Laura Bellman war so jung wie eh und je? Die Spiegel bestätigten es ihr täglich – und die Spiegel sagten immer die Wahrheit.
Laura verbrachte immer mehr Zeit mit ihren Spiegeln. Sie puderte sich, suchte unentwegt nach Fältchen und färbte ihr langes Haar. Die Augenlider flatterten, aber sie lächelte und machte einen Schmollmund. Sie wirbelte vor den Spiegeln herum und konnte sich nicht genug an ihrer perfekten Schönheit sattsehen.
Es kam auch vor, daß sie die Verehrer wieder nach Hause schickte. Sie ließ ihnen durch die Hausangestellten sagen, daß sie nicht da wäre, denn es schien ihr irgendwie eine Zeitverschwendung zu sein, von den Spiegeln wegzugehen. Aber diese Sorge brauchte sie nicht mehr lange zu haben, denn die Verehrer blieben nach und nach völlig aus. Die Hausangestellten kamen und gingen. Wenn einer starb, fand sich rasch ein Ersatz. Nur Laura und die Spiegel blieben. Die neunziger Jahre waren ausgesprochen fröhlich. Aber es gab Leute, die das nicht so recht verstanden. Sie schüttelten ihre Köpfe über die Art und Weise, wie Laura lachte, sich im Bett wälzte und ihre frivolen Geheimnisse mit den Spiegeln teilte.
Die Zeit verging wie im Fluge. Aber Laura lachte nur. Sie kicherte und gluckste, wenn die Hausangestellten mit ihr sprachen, und sie fand es jetzt viel bequemer, die Mahlzeiten von einem Tablett in ihrem Zimmer einzunehmen.
Nur mit den anderen stimmte etwas nicht. Mit den Hausangestellten und mit Doktor Turner, der sie häufig aufsuchte. Sie schauten Laura eigenartig an, wenn sie mit ihr sprachen.
Wahrscheinlich dachten sie, daß Laura langsam alt würde. Aber sie wurde nicht alt. Die Spiegel logen nicht. Die falschen Zähne und die Perücke benutzte sie nur, um den anderen – den Außenseitern – einen Gefallen zu tun. Sie brauchte diese Dinge wirklich nicht, denn die Spiegel sagten ihr, daß sie unverändert schön wäre. Obwohl die Spiegel jetzt wirklich zu ihr sprachen, sagte sie selbst niemals ein Wort. Sie nickte nur und wiegte sich, wenn sie, in eine Wolke von Parfüm eingehüllt, vor ihren Spiegeln saß. Sie strich sich mit der Hand über den Hals und lauschte hingebungsvoll den Worten der Spiegel, die sagten, wie schön sie wäre und welche Triumphe sie erleben könnte, wenn sie ihre Schönheit an die Welt verschwenden würde. Aber das kam gar nicht in Frage. Sie würde nicht weggehen. Niemals. Sie und die Spiegel sollten immer beisammen sein.
Dann kam der Tag, an dem sie sie fortschaffen wollten. Sie wagten tatsächlich, nach ihr zu greifen – nach ihr, Laura Bellman, der schönsten Frau der Welt! War es ein Wunder, daß sie sich dagegen wehrte und wild um sich schlug? Konnte sie vielleicht etwas dafür, daß dabei einer der Diener einen solchen Schlag erhielt, daß er der Länge nach in einen ihrer herrlichen Spiegel fiel, sich den Schädel zertrümmerte und starb? Wenn er nicht gestorben wäre, hätte sie ihn entlassen, denn sein häßliches Blut befleckte das Spiegelbild ihrer perfekten Schönheit.
Natürlich war das alles nicht ihre Schuld, sondern nur ein dummer, unangenehmer Zwischenfall. Das mußte Dr. Turner auch dem Polizeirichter erklärt haben, denn Laura brauchte mit dem Richter gar nicht selber zu sprechen und sie brauchte auch nicht das Haus zu verlassen. Aber sie schlossen die Tür zu ihrem Zimmer ab und nahmen ihr alle Spiegel weg.
Sie nahmen ihr alle Spiegel weg! Sie schlossen sie ein und ließen ein dürres, verhutzeltes Weib alleine, dem kein Spiegelbild entgegenlächelte. In dem Augenblick, als sie die Spiegel entfernten, machten sie sie alt. Sie war alt und häßlich und voller Angst.
Sie weinte die ganze Nacht. Sie schluchzte und stolperte mit vor Tränen erblindeten Augen durch das Zimmer.
Sie preßte ihre heiße, faltige Stirn gegen das kühle Fensterglas und erstarrte. Mit einem Schlag wußte sie, daß sie alt war und daß sie nichts retten könnte.
Das Licht war hinter ihr, und das Fensterglas – wurde zum Spiegel! Mit vor Schrecken geweiteten Augen starrte sie auf die aufgetakelte alte Hexe, auf die Mumie, die gerade von einem Verrückten einbalsamiert worden zu sein schien.
Alles begann sich zu drehen. Sie wußte, daß das ihr Haus war, in dem sie jeden Winkel kannte. Sie wußte, daß das ihr Zimmer war, in dem sie schon immer und ewig lebte. Aber das – dieser Alptraum – konnte nie und nimmer ihr Gesicht sein! Ein Spiegel könnte ihr jetzt die Wahrheit sagen. Aber für sie würde es nie wieder einen Spiegel geben! Nachdem sie sekundenlang in ihr wahres Gesicht gestarrt hatte, veränderte sich die glänzende Fensterscheibe gnädig. Ihr lächelte wieder die junge, unvergänglich schöne Laura Bellman entgegen. Sie richtete sich erleichtert auf, trat einen Schritt zurück und vollführte einen Freudentanz.
»Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?«
Sie tanzte und tanzte, und ihre welken Lippen umspielte ein selbstbewußtes Lächeln. Sie tanzte auf die Fensterscheibe zu und halb in sie hinein. Sie tanzte, bis die spitzen Glassplitter ihre dürre Kehle durchschnitten.
So starb sie, und so fanden sie die anderen. Der Arzt und die Hausangestellten eilten herbei, aber sie konnten Laura nicht mehr helfen. Der Anwalt tat, was zu tun war. Das Haus wurde verkauft und wieder verkauft, bis es einem Makler übergeben wurde. Es fanden sich einige Mieter, aber keiner blieb lange wohnen. Alle hatten Ärger mit den Spiegeln. Ein Mann sollte einen Herzschlag erlitten haben, als er sich eines Abends vor dem Kleiderschrank die Krawatte umgebunden hatte. Seltsamerweise hatte er sich vorher bei seinen Bekannten über ›eigenartige Vorfälle‹ in seinem Haus beklagt. Nach seinem Tode redete seine Frau nur noch wirres Zeug.
Ein Schullehrer, der das Haus in den zwanziger Jahren gemietet hat, verschied unter Umständen, die für Dr. Turner ein medizinisches Rätsel waren. Er war deshalb seinerzeit auch zum Makler gegangen und hatte gebeten, das Haus nicht mehr anzubieten. Diese Bitte war eigentlich überflüssig, denn die Geschichten über das Bellman-Haus hatten sich sowieso schon so verbreitet, daß sich kein Mieter mehr fand.
Ob Mary Lou Dempster wirklich in diesem Haus verschwunden war, würde sich nie mit Sicherheit feststellen lassen. Fest stand allerdings, daß das kleine Mädchen zum letztenmal gesehen wurde, als es vor einem Jahr auf das Haus zuging. Obwohl die angestellten Ermittlungen nie etwas ergeben hatten, wollten die Gerüchte nicht aufhören.
Dann kümmerten sich die Erben wieder selbst um das Haus. Es waren robuste Leute, die die Gerüchte als Weibertratsch abtaten. Das Haus wurde saubergemacht, kräftig durchgelüftet und wieder einem Makler zur Vermietung übergeben.
So war es gekommen, daß jetzt er und sie – und es hier lebten. Das war die ganze Geschichte.
Mr. Hacker räusperte sich. Er legte vorsichtig seinen Arm um Gwen und half ihr auf die Beine. Sein Gesicht war von Schamröte überzogen. Er schien wortlos um Entschuldigung zu bitten und vermied es, seinen Mietern in die Augen zu blicken.
Er vertrat Mr. Hacker den Weg und stellte sich vor die Tür. »Mietvertrag hin – Mietvertrag her«, sagte er mit belegter Stimme. »Wir ziehen hier wieder aus. Und zwar sofort!«
»Das läßt sich arrangieren. Aber – heute kann ich Sie nicht mehr woanders unterbringen, und morgen ist Sonntag …«
»Wir werden packen und morgen ausziehen«, sagte sie bestimmt. »In irgendein Hotel. Hier bleiben wir keinesfalls.«
»Ich rufe Sie morgen an«, meinte Hacker eilfertig. »Ich bin sicher, daß heute nichts passieren wird. Sie wohnen immerhin schon eine Woche hier und nichts, ich meine niemand ist –«
Er hielt verstört inne. Es war auch nicht nötig, daß er noch etwas sagte. Als die Tür hinter den Hackers ins Schloß fiel, waren sie ganz alleine. Nur sie beide.
Nur sie drei. Genau das war es.
Aber sie – er und sie – waren zu müde, um sich jetzt darüber Gedanken zu machen. Es war unvermeidlich, daß sie sich nach den Aufregungen und Belastungen dieses Tages in dem Augenblick gehenließen, als sie endlich allein waren.
Sie sagten nichts, denn da war nichts zu sagen. Sie hörten nichts, denn das Haus – und es – hüllten sich in finsteres Schweigen.
Während sie in ihr Zimmer ging und sich schon auszog, machte er noch einen Rundgang durch das Haus. Zuerst einmal ging er in die Küche und öffnete eine Schublade neben dem Ausguß. Er nahm einen Hammer heraus und zertrümmerte den Küchenspiegel.
Es klirrte und krachte. Das war der Spiegel in der Diele. Danach kam der Spiegel am Badezimmerschränkchen an die Reihe. Nachdem er den Spiegel in der Tür seines Zimmer zerschlagen hatte, ging er zu ihr ins Schlafzimmer und donnerte den Hammer gegen das große Oval über ihrer Frisiertoilette.
Er war weder betrunken noch zornig, noch aufgeregt. Er hatte sein Vernichtungswerk eher pedantisch vollzogen. Es gab nicht einen einzigen Spiegel mehr.
Sie schauten sich sekundenlang wortlos an. Dann schaltete er das Licht aus, ließ sich in sein Bett fallen und suchte Schlaf.
Die Nacht verging.
Bei Tageslicht wirkte alles ein wenig albern. Aber sie schaute ihn am Morgen wieder lange an. Er murmelte etwas Unverständliches vor sich hin und machte sich daran, die Koffer herbeizuschaffen. Als sie das Frühstück zubereitet hatte, war er schon dabei, seine Anzüge auf dem Bett auszubreiten. Nach dem Essen ging sie wieder nach oben, um nunmehr ihre Kleider von Bügeln und Haken zu nehmen. Er brauchte nur noch die Kleidersäcke vom Boden zu holen. Sobald sie wußten, wohin sie ziehen würden, konnten die Möbelpacker bestellt werden.
Das Haus war ruhig. Es unternahm nichts; auch wenn es von ihren Plänen gewußt haben sollte. Es war ein trüber, unfreundlicher Tag. Die schwarzen Wolken hingen sehr tief; und es wollte überhaupt nicht richtig hell werden. Sie und er taten so, als kämen sie überhaupt nicht auf den Gedanken, das Licht anzuschalten. Aber beide wußten ganz genau, daß sie es nur wegen der Fensterscheiben und der Geschichte mit der Spiegelung unterließen. Er hätte natürlich die Fensterscheiben zerschlagen können, aber das kam ihm doch zu dumm vor. Außerdem würden sie nicht mehr lange hier sein.
Als sie das Geräusch hörten, schauten sie sich ruckartig an. Von irgendwoher kam ein Tröpfeln und Blubbern. Irgend etwas schien genau unter ihren Füßen zu plätschern. Sie rang sichtlich nach Atem.
Er legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. »Das Wasserrohr – im Keller«, meinte er und lächelte leicht.
»Wir sollten besser nachsehen.« Ihre Stimme zitterte verdächtig, als sie zur Treppe gehen wollte.
»Warum willst du denn hinuntergehen? Komm, laß, ich werde mich darum kümmern.«
Sie schüttelte energisch den Kopf und machte sich auf den Weg. Eben war ihre Angst fast mit ihr durchgegangen, und sie mußte beweisen, daß sie sich nicht fürchtete. Sie mußte es ihm beweisen – und auch dem Es.
»Warte einen Moment«, sagte er. »Ich hole rasch den Schraubenschlüssel aus dem Auto.« Er eilte zur Hintertür hinaus.
Sie blieb erst unschlüssig stehen, dann ging sie achselzuckend auf die Kellertreppe zu. Das Plätschern war mittlerweile immer lauter geworden. Das Wasser, das aus dem undichten Rohr hervorschoß, bedeckte schon die ganze Bodenfläche des Kellers. Das Plätschern und Sprudeln war ein seltsames Geräusch. Es wirkte wie Lachen.
Er hörte es ebenfalls, als er beim Auto angelangt war und den Kofferraum öffnete. Irgend etwas ist mit alten Häusern immer los; er hätte es eigentlich wissen sollen. Mal ein Wasserrohrbruch, mal dieses, mal jenes.
Als er mit dem Schraubenschlüssel in der Hand wieder auf das Haus zuging, konnte er überdeutlich das gurgelnde Wasser und die Schreie seiner Frau hören.
Und wie sie schrie! Die Schreie gellten aus dem Keller, aus der Dunkelheit.
Er rannte und schwang den schweren Schraubenschlüssel. Die gellenden Schreie erschütterten ihn bis ins Mark. Er fiel fast die Treppe, die in die Dunkelheit führte, hinunter. Sie war gefangen. Es hatte sie erwischt. Sie wehrte sich verzweifelt, aber es war zu stark, viel zu stark. Neben dem zerbrochenen Rohr fiel ein Lichtschein in den Keller, der auf der Wasseroberfläche glitzerte und funkelte. Er sah, wie sich nicht nur ihr Gesicht widerspiegelte, sondern auch die Schatten von anderen Gesichtern, die um sie herumwirbelten und sie festhielten.
Er hob die Hand mit dem Schraubenschlüssel und ließ sie auf die Dunkelheit der anderen Gesichter hinabsausen. Er schlug wild darauf los. Er schlug und schlug. Er schlug so lange, bis die Schreie erstarben. Dann erst hörte er auf und blickte auf sie hinunter. Es spiegelten sich keine Schatten mehr, aber sie war immer noch da. Sie war ganz ruhig – und sie würde für alle Zeiten ruhig bleiben. Das Wasser färbte sich an der Stelle, wo ihr Kopf ruhte, rot. Genauso rot, wie das Ende des Schraubenschlüssels, den er in der Hand hatte.
Er machte den Mund auf, um ihr alles zu erklären, aber dann merkte er, daß sie tot war.
Jetzt gab es nur noch ihn und es.
Er schleppte sich die Treppe hinauf. Seine Hand umklammerte immer noch den blutigen Schraubenschlüssel. Er wankte zum Telefon, um die Polizei anzurufen.
Er sank auf den Hocker, der vor dem Telefon stand und grübelte, was er der Polizei sagen sollte, wie er das Ganze erklären könnte. Es würde nicht so einfach sein. Wissen Sie, da war diese Verrückte, die so lange in die Spiegel starrte, bis ihr Spiegelbild lebendiger als ihr Körper war. Deshalb lebte sie auch irgendwie weiter, nachdem sie Selbstmord begangen hat. Sie erscheint in Spiegeln und im Glas und in jedem Material, das etwas reflektiert. Sie tötet andere oder treibt sie in den Tod. Und die Spiegelbilder der Toten vereinen sich mit dem der Verrückten und gewinnen mehr und mehr an Macht. Eitelkeit, dein Name ist Weib. Und darum, meine Herren, habe ich meine Frau umgebracht. War das nicht eine feine Erklärung? Aber sie würde die Flut der Fragen nicht aufhalten. Die Flut! Das Wasser! Wenn er nur einen Moment lang nachgedacht hätte, hätte er es wissen müssen. Es war doch klar, daß Wasser Spiegelungen hervorruft. Genauso wie die Fensterscheibe, in die er jetzt starrte.
Und auf einmal war es hinter ihm, wollte aus dem Schatten heraus auf ihn zu. Er sah das bärtige Männergesicht, die starren, leeren Augen eines kleinen Mädchens und den glotzenden Blick einer aufgetakelten Greisin. Es war hinter ihm, neben ihm, um ihn herum. Als er aufstand, schloß sich seine Hand fest um den Schraubenschlüssel. Es war nicht greifbar, aber er mußte es bekämpfen und sich damit auseinandersetzen.
Er drehte sich um, taumelte zurück, aber der Ring der schattenhaften Gesichter schloß sich immer dichter um ihn. Dann sah er, wie ihr Gesicht durch die anderen hindurch auf ihn zukam. Es war ihr Gesicht – nur mit dem einen Unterschied, daß da, wo ihre Augen gewesen waren, jetzt gleißende Splitter funkelten. Dieses Gesicht konnte er nicht bekämpfen. Er konnte nicht noch einmal auf sie einschlagen.
Es bewegte sich vorwärts. Es bewegte sich rückwärts. Sein Arm schnellte zurück. Er hörte, wie das Fensterglas hinter ihm zersplitterte, und mußte unwillkürlich daran denken, daß die alte Frau so gestorben war. Genauso, wie er jetzt starb: Er fiel durch das Fenster und schnitt sich die Kehle auf. Der Schmerz durchraste seinen Körper und zerriß sein Gehirn. Er baumelte hilflos in den Glasscherben und verblutete langsam.
Dann war es vorbei.
Auf dem Boden bildete sich eine Lache, die sich bewegte und anwuchs. Das Licht, das von draußen auf die Pfütze fiel, ließ eine Spiegelung erkennen.
Irgend etwas erhob sich jetzt deutlich aus dem Schatten, schwoll an und quirlte und wirbelte und taumelte durch die Dunkelheit.
Es hatte das Gesicht einer Greisin, das Gesicht eines Kindes, das Gesicht eines bärtigen Mannes, ihr Gesicht und sein Gesicht. Es veränderte sich ständig, verwischte die einzelnen Gesichter, mischte sie und trennte sie wieder.
Es tanzte und wand sich, bis es auf einmal zum Stillstand kam und ruhig verharrte. Nachdem es endlich allein im Haus war, kauerte es sich in eine Ecke und wartete. Es hatte weiter nichts zu tun, als auf den nächsten zu warten. Bis dahin konnte es sich in dem immer größer werdenden roten Spiegelbild auf dem Fußboden bewundern …