KAPITEL DREIUNDZWANZIG
Kent hasste sein Leben manchmal. Die meiste Zeit war er der Meister des Universums, bewegte die Erde und übte Macht über Leben und Tod aus, ein Königsmacher, eine Art Gott. Aber manchmal wurde er vom Schicksal geschlagen und musste vor der wirklichen Macht zu Kreuze kriechen, die erwartungsgemäß weniger schlau oder visionär war als er.
Das war so ein Moment.
Er stieß die Tür zum Klub auf, und der ewige diskrete, alterslose Mann in schwarzer Krawatte bedeutete ihm zu folgen, ohne dabei eine Silbe zu sprechen. Sie gingen zu einem anderen Raum als beim letzten Besuch – dieser war etwas größer und ebenso pompös. Der Sprecher des Repräsentantenhauses und drei weitere ältere Herren saßen da und brachten ihren Missmut zum Ausdruck.
»Was zum Teufel …? Kent? Erklären Sie mir, was passiert ist, und wie wir von hier aus weiter verfahren …«, platzte der Sprecher des Repräsentantenhauses heraus.
Kent studierte jedes ihrer Gesichter, bevor er antwortete. Er setzte sich und nahm einen Schluck aus dem Glas Wasser neben seinem Platz.
»Wir haben diese Runde verloren. Alles lief perfekt, und dann ging in der letzten Minute etwas schief. Das kann passieren. Ich wurde noch nicht vollständig unterrichtet, aber ich erwarte mit der Zeit weitere Einzelheiten. Es scheint, dass dem Attentäter, der niemals versagt, genau das passiert ist.«
»Wurden wir in irgendeiner Weise aufgedeckt?«, fragte eine besorgte Stimme.
»Nein. Indem wir einen Strohmann benutzten, in diesem Fall den Drogenbaron Santiago, haben wir eine chinesische Mauer errichtet. Es war ein Mexikaner, der versuchte, den mexikanischen Präsidenten zu ermorden, aus Gründen, die nur den Mexikanern bekannt sind. Ende der Geschichte. Sie töten sich ständig gegenseitig. Dieses Mal passierte es nicht. Und jetzt gehen alle wieder zur Tagesordnung über.«
»Das ist eine Katastrophe. Ich bin nicht sicher, ob wir vor den Wahlen eine weitere Gelegenheit bekommen«, klagte der Sprecher des Repräsentantenhauses.
»Wahrscheinlich nicht«, stimmte Kent zu. »Ein Attentat im Inland geht nicht. Das wäre perfekt gewesen – unser geliebter Präsident, von völlig erstaunten Irren hingerichtet, und unser Vizepräsident, der tapfer in die Bresche springt … Scheiße, es hätte wie bei Lyndon Johnson ausgesehen. Dem Vize wäre ein überwältigender Sieg sicher gewesen, und wir hätten garantierte weitere vier oder vielleicht sogar acht Jahre gehabt. Nun müssen wir uns mit den Karten abfinden, die uns ausgeteilt wurden, nämlich mit einem unpopulären Kandidaten, der heftigen Gegenwind hat.«
Ein anderer Herr – in seinen Siebzigern, fast kahl, mit nagetierartigen Zügen und umherschweifendem Blick – schaltete sich ein.
»Was wäre, wenn das Flugzeug oder der Hubschrauber abstürzen würde? Würde das die Sympathie nicht anheizen?«
»Nicht in dem Maße. Im ersten Szenario hätte man jemand anderem die Schuld geben können – in diesem Fall wäre es eine Gruppe gewesen, die viele Amerikaner gelernt haben zu hassen. Böse Mexikaner. Satans Fußsoldaten, die unseren geliebten Führer töteten, während er eine Botschaft von Frieden und Hoffnung überbrachte. Mit einem inländischen Attentat ist es nicht so leicht oder klar, und man kann nicht den Wutfaktor nutzen. Lassen Sie uns die Lehren aus den ganzen Krieg-gegen-den-Terror-Schachzügen ziehen. Geben Sie dem Land jemanden mit anderen kulturellen Sitten oder mit anderer Hautfarbe oder Sprache, und es ist leicht, ihn zum Feind zu stilisieren. Aber wenn es im eigenen Land passiert, selbst bei den Muslimen oder was immer, ist es nicht so eindeutig, besonders nach dem letzten Regierungsfehler, als wir in andere Länder einmarschiert sind. Für diese Dinge braucht man einen unverkennbaren Superbösewicht, damit sie wirklich funktionieren. Das geht nicht so gut, wenn es im Inland geschieht.« Kent machte eine Pause, um die Dramatik der Situation ins Bewusstsein dringen zu lassen. »Das hier wäre perfekt gewesen, aber es ist aus und vorbei. Wir haben es zu einem Kuss gebracht, aber ohne Sex. Das passiert. Wir müssen einfach weitermachen.«
Der Sprecher des Repräsentantenhauses wählte seine Worte mit Bedacht. »Also gut. Was Kent sagt, ergibt Sinn. Wir müssen in den Wahlkampfunterstützungsmodus umschalten. Es wäre schön gewesen, aber, hey, wir haben alles gegeben und in der Verlängerung verloren. Vielleicht gewinnen wir das nächste Mal.« Der Sprecher schaute herum, Zustimmung heischend. »Stimmen Sie mir zu? Und Kent – Sie haben eine bemerkenswerte Arbeit geleistet. Wir hatten nur Pech, und ich möchte Sie wissen lassen, dass Sie immer noch ein wertvolles Mitglied des Teams sind.«
Kent lief ein Schauer über den Rücken. »Ich bin froh, das zu hören. Ich habe sehr hart daran gearbeitet, das Vertrauen von jedem zu gewinnen, und ich hoffe, dass ich noch lange weitermachen kann«, gab er zurück. Da hatten sie etwas zum Knabbern. Es kam auf keinen Fall infrage, dass er am Ende mit einem Motorblock an seine Füße gekettet versuchen müsste zu schwimmen.
Falls sie irgendwelche glanzvollen Ideen haben sollten, ihn auszuschalten, würde ihnen das zu denken geben – ihnen musste nun klar sein, dass das Vertrauen, das sie selbst beim Sprecher des Repräsentantenhauses genossen, in Gefahr war, falls ihm irgendetwas passierte.
Der Sprecher hob sein Weinglas hoch und toastete auf Kent.
»Auf einen neuen Tag.«
Cruz stand am Fuße von Briones’ Bett, Dinah neben sich, und beobachtete, wie der Monitor den stetigen Schlag des Herzens aufzeichnete. Es war noch nicht allzu lange her, dass Cruz selbst in dieser Position gewesen war. Die Perspektive von der Besucherseite war besser.
»Der Doktor sagt, es wird Ihnen wieder besser gehen. Eine Woche im Luxus leben, von Kopf bis Fuß von schönen jungen Schwestern bedient werden, das feine Essen aus der Krankenhausküche genießen, und dann werden Sie in null Komma nichts wieder Tennis spielen und mit den Skiern die Hänge hinuntersausen«, versicherte ihm Cruz.
»Sie sollten Ihr Gehirn untersuchen lassen, solange Sie hier sind. Sie leiden unter Wahnvorstellungen, Captain«, warnte Briones.
»Im Ernst. Wie fühlen Sie sich?«, fragte Dinah.
»Es ging mir schon mal besser. Aber wenn man es bedenkt, könnte alles viel schlimmer sein. Der Blutverlust war das Hauptproblem; die eigentliche Wunde war keine große Sache. Wenn keine Arterie getroffen worden wäre, hätte ich aus eigener Kraft zum Arzt gehen können«, versicherte ihr Briones.
»Es scheint, dass Sie eine Auszeichnung bekommen werden. Und Sie haben es geschafft, der ganzen Kritik auszuweichen, die Sie bekommen haben, weil Sie grob zu diesem armen unschuldigen Tomaten-Kerl waren. Aber den Herrschaften im Management wäre es schwer gefallen, darüber zu lästern, nachdem Sie sich eine Kugel eingefangen haben, um den Präsidenten zu retten«, überlegte Cruz. Er wandte sich an Dinah: »Würden Sie uns ein paar Minuten geben? Es gibt eine paar Arbeitsdinge, die wir besprechen müssen …«
»Ich weiß noch, wo der Getränkeautomat steht.« Sie blickte abschätzend von Briones zu Cruz. »Bin gleich wieder da, Captain«, sagte sie und flatterte durch die Tür. Beide Männer sahen ihr bewundernd nach.
»Sie sind da in großer Gefahr, Captain«, warnte Briones.
»Da mögen Sie recht haben.« Cruz zog einen Stuhl an die Seite des Bettes und setzte sich. »Ich bin sicher, Sie haben eine Menge Fragen, deshalb sag ich Ihnen einfach, was ich weiß, und erspare Ihnen den Aufwand, nachzubohren. Erstens, nein, wir haben ihn nicht gefangen. Zweitens, nein, wir wissen nicht, wo er ist. Drittens, nichts, was wir unternommen haben, hat ihn aufgehalten. Die Wahrheit ist, dass die beiden Präsidenten durch einen hyperaktiven Schuljungen gerettet wurde, der auf zu viel Zucker war«, erklärte Cruz.
»Wie bitte?«
»Nun, während Sie im örtlichen Krankenhaus in San José del Cabo stabilisiert wurden, ging ich an den Tatort zurück, und wir untersuchten die Piñata, die die Kinder nie aufschlagen konnten. Dafür gab es einen Grund. Das Ganze war eine Bombe mit einer Schale aus Karbonfaser. Wir fanden den Auslöser in El Reys zurückgelassener Uniform im Humvee.«
»Ich verstehe nicht. Warum ist sie nicht explodiert? Was ist passiert?«
»Der Sprengzünder befand sich in der Nase des Stieres, verdeckt durch den Stahlring. Wie unsere Experten sagen konnten, hatte sich der Draht aus der Batterie gelöst – er war um weniger als einen Millimeter verschoben, aber dieser Millimeter reichte aus, um das Ganze nutzlos zu machen. Die Schläge der Kinder müssen ihn gelockert haben. Das ist die einzige Erklärung«, schloss Cruz.
»Aber ich verstehe nicht. Sie hatten noch nicht losgeschlagen, als El Rey auf die Bühne zuging. Er musste da versucht haben, die Detonation auszulösen …«
Cruz nickte: »Richtig. Ich habe es auch nicht verstanden, deshalb ging ich hin und sprach mit den Lehrerinnen, als die Kinder darauf warteten, dass sie gehen durften. Eine erzählte mir, dass ein paar Jungs im Zelt wie wild drauf eingeschlagen haben und sie mit einem Stift die Schäden abdecken musste - die meisten befanden sich im Schädel des Stiers. Deshalb hat das schlechte Benehmen der Kinder allen das Leben gerettet. Es waren nicht wir. Wir haben tatsächlich fürchterlich versagt …«
»Meine Mutter pflegte zu sagen, es ist besser, Glück zu haben, als klug zu sein«, bemerkte Briones.
»Ihre Mutter war eine weise Frau. Da habe ich kein Argument dagegen«, stimmte Cruz zu. »Ob sie wohl mit ihrem Jungen Glück hatte …«
Dinah kehrte zurück und sie unterhielten sich noch ein paar Minuten lang, bevor Briones ganz offensichtlich müde wurde. Trotz allem Wagemut war er doch dem Tod gefährlich nahegekommen – tatsächlich hatten sie ihn in San José für eine Minute auf dem OP-Tisch verloren –, auch wenn ihm das im Moment niemand sagen wollte. Zum Glück war er jung und stark, deshalb konnte man ihn wiederbeleben und ihn so weit stabilisieren, dass er mit der Luftrettung zurück nach Mexico City transportiert werden konnte, wo die Krankenhäuser viel fortgeschrittener waren. Er würde es schaffen und eine kleine runzelige Narbe als Abenteuerbeweis vorzeigen können, und er würde Ehrenbekundungen von der Truppe erhalten. Aber er brauchte noch Zeit, um sich zu erholen, deshalb verabschiedeten sie sich und ließen ihn schlummern.
Zwei bewaffnete Federales saßen vor der Tür. Cruz hatte ein Gefühl von Déjà-vu. Nichts hatte sich verändert. Die bösen Jungs liefen immer noch Amok, sie befanden sich immer noch im Krieg im eigenen Land, und das Böse beherrschte öfter das Tagesgeschehen als das Gute.
Nur an einigen Tagen legte es eine Pause ein.
Vielleicht war das die Geschichte des menschlichen Leidens.
Für heute reichte es.
Dinah nickte den beiden Wachposten, die mit unbeweglicher Miene dasaßen, zu und nahm Cruz’ Arm.
»So, Captain, kann ich Sie überreden, mit mir zu Mittag zu essen? Ich kam kürzlich zu etwas Geld, deshalb geht es auf meine Rechnung. Es ist das Mindeste, was ich für einen echten verwundeten Helden tun kann«, bot sie an und schenkte ihm ein Lächeln, um den Vorschlag zu versüßen.
Briones hatte recht.
Er war in Schwierigkeiten.
In Mendoza war es kalt im späten Juli – es hatte vor zwei Tagen geschneit, was für diese Jahreszeit typisch für die südliche Hemisphäre war. Aber heute war einer jener seltenen frischen Tage, an denen die Sonne am Nachmittag die Gehwege wärmte und es angenehm machte, in Pulli oder Jacke draußen zu sitzen und Kaffee oder Wein in einem der vielen Restaurants der Innenstadt zu nippen. Das Gebiet wurde sehr schnell beliebt, allein wegen seiner europäischen Architektur, die typisch für die großen argentinischen Städte war, aber auch durch die vor allem entspannte und dennoch lebhafte Energie, die Südamerika auszeichnet. Die Bevölkerung war attraktiv und gut gebildet, fand er, meist spanischer oder italienischer Herkunft; Immigranten, die in die Region kamen, um den Wirren in Europa zu entkommen und eine neue Zukunft zu finden, vor allem im Weingeschäft des gastfreundlichen Valleys.
Mendoza hatte sich unaufhaltsam zum größten Weinanbaugebiet des Landes entwickelt, mit einer Fläche, die neun Mal so groß war wie Napa Valley. Wann immer er also des geschäftigen Treibens der Stadt müde war, konnte er innerhalb von zehn Minuten draußen in den Weinbergen sein oder in den schneebedeckten Anden, die im Hintergrund wie auf einer Ansichtskartenidylle aufragten.
El Rey trank keinen Alkohol, aber als er in Argentinien landete, machte er eine Ausnahme, und schnell machte er sich das Glas Wein zum Mittag- und Abendessen zur Gewohnheit – Malbec, natürlich. In Mendoza etwas anderes zu trinken, war schon fast ein Sakrileg. Er mochte den kleinen Kontrollverlust, den das mit sich brachte, immer noch nicht, aber er musste zugeben, dass der Geschmack ein Erlebnis war. Da er jetzt nicht mehr die ganze Zeit so wachsam sein musste, konnte er sich vielleicht etwas entspannen.
Er hatte sich zwei Blocks vom Park Hyatt Hotel entfernt eine Wohnung gemietet, neben dem weitläufigen Park, der an Wochenenden und abends als zentraler Treffpunkt für die Stadtbevölkerung diente. Und bereits nach nur einem Monat in der Stadt hatte er sich ein ruhigeres Tempo zugelegt. El Rey fand, dass Argentinien nicht mit Mexiko zu vergleichen war, und doch gab es Ähnlichkeiten; die Sprache war die offensichtlichste.
Das Tempo war schneller, aber immer noch entsprechend entspannt, und die Einheimischen genossen auch die Siesta, die aus Spanien über den Atlantik gekommen war und eine lateinamerikanische Tradition war. Jeden Nachmittag hatten alle Geschäfte zwischen zwei und vier Uhr geschlossen, manchmal sogar von zwei bis fünf, sodass die Arbeiter und Inhaber ein ruhiges Mittagessen genießen konnten, mit einem anschließenden Nickerchen. Es war ein sehr zivilisierter Lebensstil, das musste er zugeben.
Die Restaurants ersannen Speisen, die einem Gourmet gerecht wurden; er hatte bereits ein paar gefunden, die es mit der Crème de la Crème von Mexiko und Europa aufnehmen konnten (die er hatte ausprobieren können, als er Aufträge in Übersee erledigte).
Das Rindfleisch war unglaublich, das italienische Essen vorzüglich und neue Restaurants eröffneten scheinbar täglich, selbst in den finanziell schweren Zeiten, die ein zwangsläufiger Teil des argentinischen Lebens zu sein schienen. Bald verstand er schnell, dass Essen eines der wichtigsten Dinge in der Psyche dieses Landes war, und die Bewohner nahmen sich Zeit, die kulinarische Fülle zu genießen – alles andere mochte unsicher sein, aber ein gutes Steak und ein Glas Wein war in guten wie in schlechten Zeiten etwas Konstantes. Zusammenbrüche der Währung, Säuberungsaktionen, politische Unruhen und ein wirtschaftliches Chaos mochten kommen und gehen, aber ein ausgedehntes Mittagessen und eine Siesta waren unverzichtbar.
Er hatte Rio schnell sattgehabt und sah dann eine Fernsehsendung über das Weinland in Argentinien, was sein Interesse hervorrief. Vom pittoresken Filmmaterial angetan, entschloss er sich, nach Süden zu fahren und einige Tage damit zu verbringen, die Region zu erkunden, woraus dann einige Wochen wurden. Überrascht, dass er nicht bestrebt war weiterzureisen, nahm er sich eine Wohnung, die er monatsweise mieten konnte. Falls er Argentinien einmal satthaben sollte, konnte er einfach weiterziehen.
Der Fehlschlag in Los Cabos beschäftigte ihn noch immer, aber nicht so sehr, dass er bereit war, das Geld für den Auftrag zurückzugeben. Santiago war tot, deshalb würde er es nicht mehr brauchen, und Mexiko war zu heiß für ihn, um sich dort aufzuhalten, bis die Fahndung nach ihm an Intensität verloren hatte. Er hatte online oder in den Zeitungen nichts über den Gipfel oder den erschossenen Polizisten gefunden, sodass die mexikanischen Behörden offenbar die Akte geschlossen hatten und vorgaben, dass nichts passiert war. Das war leichter getan, als man meinen mochte – es waren keine Bomben explodiert, keine hörbaren Schüsse abgefeuert worden. Ein Militärhubschrauber war abgestürzt, was bedauerlich war, aber Hubschrauber stürzten ständig ab. Es war nichts Außergewöhnliches, und die Zeitungen gaben bloße Lippenbekenntnisse dazu ab. Sie zogen es vor zu unterstreichen, dass es keine Proteste und zivilen Unruhen gab wie auf den letzten G-20-Gipfeln in Kanada und Frankreich, die damit geplagt gewesen waren.
Soweit es die amerikanische und mexikanische Öffentlichkeit betraf, war nichts passiert, außer ein paar langweilige Treffen, wo ein paar Finanzstreber die abgedroschene Lehre äußerten, dass die Welt völlig vermurkst war und immer schlechter wurde. Es war kaum ein paar Zeilen wert. Die Präsidenten winkten in die Kameras, vage Zusicherungen wurden gemacht, ein falsches Lächeln nach dem anderen wurde wie Pfefferminze nach dem Essen ausgeteilt, und innerhalb von ein paar Tagen war die ganze Geschichte vergessen, abgesehen von ein paar amüsanten Nebenbemerkungen über El Rey.
Ironischerweise war die Entrüstung über den mexikanischen Bundespolizisten, der den Demonstranten terrorisierte, der beeindruckendste Teil der G-20-Berichterstattung. Filmmaterial über den unbeherrschten Beamten, die mörderische Absicht tief in sein Gesicht gezeichnet, wie er seine Waffe auf den unbewaffneten (abgesehen von der Tomate) Friedensverfechter richtete, erhielt viel Sendezeit und wurde im Internet aufbereitet. Der unordentliche Mann mit der Rastamütze wurde jedoch zu einer kleinen Berühmtheit, trat in ein paar Talkshows auf und bekam sogar ein Buchangebot – es wurde aber nicht gesagt, wer es schreiben würde.
Über den Polizisten gab es keine Nachrichten. El Rey dachte sich, dass er entweder überlebt oder die Regierung die Schießerei vertuscht hatte. Mexiko bekam schließlich genug schlechte Presse, ohne dass es sein Image mit Berichten über Schießereien auf dem globalen Finanzgipfel verschlechtern musste.
Der alte Krabbenkutter erreichte ihn gerade rechtzeitig, und es dauerte dann achtundvierzig Stunden, bis er in Mazatlan ankam, wo er von Bord ging und dem Leben am Meer noch einmal zum Abschied zuwinkte. Auf dem Festland nahm er einen Bus nach Culiacán, wo er eine Wohnung und einen mit einer halben Million Dollar in bar und Gold gefüllten Safe hatte. Von da aus fuhr er eines seiner Autos nach Mexico City, wo er es an einen Mann verkaufte, von dem er wusste, dass er Dinge verschwinden lassen konnte, dann ging er an Bord eines Flugzeugs nach Santiago de Chile, unter Verwendung eines seiner gefälschten Pässe – dieses Mal eines spanischen.
In Südamerika wurde man mit einem spanischen Pass kommentarlos durch den Zoll gewinkt, was noch auf eine Zeit zurückging, als die Spanier die Eroberer des Landes waren.
Nach einer Nacht in Chiles Hauptstadt folgte er der Empfehlung des Hotelrezeptionisten und entschied sich, Mendoza zu erkunden, was von diesem Mann in den leuchtendsten Farben beschrieben wurde. Er hatte es als eine Art Paradies auf Erden bezeichnet.
Der Rest war Geschichte. Er ließ sich nieder, fand ein paar Striplokale mit Weltklassetalenten und kultivierte ein Verständnis für feinen Wein und großartiges Essen. Er wusste noch nicht, wo er sich am Ende niederlassen würde, aber Mendoza war genauso gut wie irgendwo anders.
Er schwenkte die tiefrote Flüssigkeit um die Rundungen des Glases und genoss das Aroma, als der Kellner mit dem Entree ankam: ein Filet, medium rare, über einer Lage gegrillter Tomaten und Zwiebeln, beträufelt mit etwas Balsamico und dazu geröstetes Gemüse und Bratkartoffel. Himmlisch. Er machte sich eine geistige Notiz, dass er seine Fitness-Zeit steigern müsste, damit er seine Genusssucht am Ende nicht bereute. Es wäre schlecht zu verweichlichen. Man wusste nie, was die Zukunft bringen würde.
Achtsam setzte er das Glas zurück, schnitt in sein perfekt gebratenes Filet, nahm einen Bissen und bewunderte, wie der Fleischgeschmack mit dem der anderen Zutaten verschmolz.
El Rey erfasste sein Spiegelbild im Fenster des Restaurants und sah einen Weltenbummler, der zurücklächelte und die Erfahrung genoss, im Frieden mit der Welt zu sein. Das nahm er von sich an, vorerst. Für den Moment.
Er nahm noch einen Bissen, lehnte sich zurück in den Stuhl und genoss sein Mahl an diesem frischen, sonnigen Tag. Sein Abenteuer als Mörder war zu Ende, und ein neues als Bonvivant hatte angefangen. Er würde die Aufregung und das Adrenalin der Jagd vermissen, aber es gab immer Möglichkeiten, sich zu stimulieren. Mit dem Geld, das er hatte, würde das kein Problem sein.
Er beäugte den Kelch des vollmundigen Weines und nahm noch einen Schluck, hielt inne, um das Arom zu schätzen, bevor er seinen Mund mit dem berauschenden Nektar füllte.
Zwei plaudernde junge Frauen gingen an seinem Tisch vorbei. Die Jüngere warf ihm einen flirtenden Blick zu, während sie sich an einen Tisch im Café gegenüber setzten. Er erwiderte ihren Blick und lächelte.
Sie lächelte zurück.
Das Leben war schön.