KAPITEL ZWEI

General Alejandro Ortega studierte die Gestalt des Mannes, der ihm gegenübersaß. Er fragte sich, was er sagen musste, um ihn glücklich zu machen. Denn das Letzte, was er wollte, war, dass der Anwalt, der das Sinaloa-Kartell vertrat, mit ihm unzufrieden war. Das war die Fahrkarte in ein anonymes Grab, auch für Offiziere der Armee in seinem hohen Rang.

Ortega hatte nicht die Absicht, die Geduld des Mannes auf die Probe zu stellen. Carlos Zapata war einer der reichsten Anwälte im Land, und sein Besuch konnte nichts Gutes bedeuten.

»Mir war nicht bewusst, dass Santiago geschnappt wurde. Das muss eine Operation sein, die exklusiv von der Bundespolizei durchgeführt wurde. Ich kann Ihnen versichern, dass die Armee nicht informiert worden war. Wäre es so gewesen, nun, dann wäre er kaum festgenommen worden«, erklärte Ortega höflich und in formellen Worten.

»Jorge Santiago ist ein zuverlässiger Verbündeter meiner Klienten«, stellte Zapata klar. »Seine Inhaftierung ist ein Affront gegen ihre Autorität und stellt ihre Fähigkeit in Frage, diejenigen zu schützen, die sich auf sie verlassen. Ich will Sie nicht damit langweilen, wie diffizil sich das Gleichgewicht des Vertrauens bei Geschäften gestaltet, die mit einem Händedruck besiegelt werden. Es bestehen gewisse Verpflichtungen, und Freunde geben auf Freunde acht. Also, meine Frage lautet: Wie konnte so etwas passieren, und wie können Sie es in Ordnung bringen?«

»Ich kann Ihnen versichern, dass ich umgehend in dem Moment, als Sie mich telefonisch von dem Problem in Kenntnis setzten, begann, Erkundigungen einzuholen. Derzeit ist die Angelegenheit noch nicht öffentlich. Keiner der Fernsehsender und keine Zeitung hat etwas darüber berichtet«, erläuterte Ortega und glättete nervös seinen grauen Schnurrbart.

»Wir müssen wissen, wo er festgehalten wird, damit ich jemanden beauftragen kann, die entsprechenden Anträge bei Gericht einzureichen, um ihm sofortige Beratung zukommen zu lassen. Ich weiß, wie das zu bewerkstelligen ist. Wir können es uns nicht leisten, dass er für zwei Wochen in irgendeinem Hinterzimmer zum ›Verhör‹ verschwindet.«

»Natürlich. Sie erfahren es als Erster, sobald ich etwas herausfinde. Dies ist auch für mich zutiefst beunruhigend«, versicherte ihm Ortega.

Zapata beugte sich nach vorne. »Meine Klienten fragen sich zwangsläufig, welchen Gegenwert sie für ihr Geld erhalten, wenn Freunde ohne Vorwarnung von Regierungskräften angegriffen werden können. Und ich muss Sie nicht eigens daran erinnern, dass es in jedermanns Interesse liegt, dass prekäre Machtstrukturen nicht durch das Fehlen eines starken Führers aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Das führt zu Instabilität – jüngere Herausforderer werden sich gegenseitig die Machtposition streitig machen, was unweigerlich zu unerwünschten Resultaten führt.«

»Ich verstehe. Bitte übermitteln Sie Ihren Klienten, dass dies ein unglückliches und unvorhergesehenes Ergebnis einer Aktion von Kräften war, die außerhalb meiner Zuständigkeit liegen. Und obwohl ich in keiner Weise am heutigen Vorfall beteiligt war, werde ich dennoch gewissenhaft dafür sorgen, dass alles nur Erdenkliche unternommen wird«, versprach Ortega.

»Finden Sie zunächst heraus, wo er festgehalten wird. Dann können Sie zurücktreten und aus der Schusslinie gehen.« Zapata erhob sich von seinem Stuhl und fixierte Ortega mit einem kalten Blick. »Seien Sie froh, dass Sie die Klienten nicht persönlich über die schlechte Nachricht informieren müssen. Sie nehmen diese Art von Rückschlägen nicht auf die leichte Schulter.«

»Nein, ich kann mir gut vorstellen, dass sie das nicht tun. Ich werde Sie anrufen, sobald ich etwas weiß.«

»Tun Sie das.«

Cruz wartete geduldig in der Halle. Er unterhielt sich mit den zwei Wachen, als Briones aus dem Aufzug kam und in seine Richtung eilte.

»Tut mir leid, Sir. Ich habe auf dem Weg zurück von meinem Haus im Stau gesteckt. Es gab einen Unfall …«, meldete Briones.

»Schon vergessen. Das ist jedem schon mal passiert. Wir sollten zu unserem Drecksack zurückkehren und sehen, was wir aus ihm herausschütteln können. Sind Sie okay? Startbereit?«, fragte Cruz.

»Vollkommen. Packen wir’s an.«

Die Wache entriegelte die Tür und Cruz und Briones betraten die Zelle. Santiago saß immer noch bewusstlos zusammengesunken in seinem Stuhl. Cruz ging zu ihm hinüber und riss seinen Kopf an den Haaren hoch. Er suchte nach Anzeichen dafür, dass er simulierte. Er konnte nichts davon entdecken. Daher fühlte er seinen Puls, der schwach und unregelmäßig war.

»Wir brauchen hier unten sofort einen Sanitäter«, erklärte Cruz Briones, eilte zur Tür und alarmierte die Wachen. Einer von ihnen nuschelte den Hilferuf in sein Funkgerät. Briones kam zurück, um Cruz mit Santiago zu helfen.

Sie nahmen ihm die Fesseln ab und legten ihn auf den Boden. Cruz ging zum Picana und warf Briones einen strengen Blick zu. Der Lieutenant nahm hastig die Schnur und den Stab, stopfte beides wieder in den Rucksack und trug ihn aus der Zelle. Die beiden Wachen standen teilnahmslos da. Cruz wusste, dass er auf sie zählen konnte; sie hatten weder etwas gesehen noch gehört. Loyalität stellte unter Polizisten eine wertvolle Währung dar, und sie verschaffte Rückendeckung durch die Kollegen, falls jemand mal zu weit gegangen war. Irgendwann könnte auch mal der eigene Arsch dran sein, daher war es immer besser, diskret zu sein.

Nach ein paar Minuten hörte Cruz das unverwechselbare Geräusch einer Krankentrage auf Rädern, wie sie in den Korridor zum Verhörraum rollte. Zwei Sanitäter checkten rasch Santiagos Vitalfunktionen, dann warfen sie ihn wie einen Sack Zement auf die Trage. Cruz befahl den beiden Beamten, Santiago ins Krankenhaus zu begleiten und ihn zu bewachen, egal, in welchem Raum er sich aufhalten sollte. Falls ein operativer Eingriff erforderlich war, sollten sie Posten vor dem Operationssaal beziehen. Er wollte absolut keine Gelegenheit bieten, dass Santiago entkommen konnte oder von seinem Mob aus der Gefangenschaft befreit würde.

Cruz nahm den Aufzug bis zu seinem Büro, begleitet von Briones. Sie hatten ihre Geschichten für die unvermeidliche Untersuchung aufeinander abgestimmt für den Fall, dass Santiago sterben sollte. Es wäre natürlich eine reine Formalität angesichts der Tatsache, dass der Gefangene sich am Morgen eine Schießerei mit einer Gruppe Polizisten geliefert hatte, aber es war immer besser, sich im Voraus darauf vorzubereiten. Beide Männer waren bereits lange genug in der Abteilung, um zu wissen, wie der Hase lief, und so kamen sie überein, dass es am besten wäre, den Picana oder die Schläge während der Befragung nicht zu erwähnen. Die Verletzungen konnten dem Angriff und der Schießerei zugeschrieben werden. Niemand wollte so genau auf die Rechte eines gewalttätigen, psychopathischen Drogendealers pochen. Solange sie bei der gleichen Aussage blieben, würde es keine Probleme geben.

Cruz zeigte dem Lieutenant die Zusammenfassung des Verhörs, für den unwahrscheinlichen Fall, dass er einige wichtige Details weggelassen oder aus seiner Erinnerung anders geschildert hatte. Briones las es langsam und legte es zwischen ihnen auf den Tisch, als er fertig war.

»Das Einzige, was wir überhaupt von ihm bekommen haben, war die Behauptung, er sei an der Ermordung Ihrer Familie beteiligt gewesen, was nicht überprüfbar ist. Dann hat er auch behauptet, an einem Plan, den mexikanischen sowie den amerikanischen Präsidenten zu ermorden, beteiligt zu sein. Auch das ist nicht überprüfbar. Was bedeutet das nun konkret für uns?«, fragte Briones.

»Ich glaube, angesichts der Umstände des Verhörs und wann und wie er damit herausplatzte, müssen wir annehmen, dass an der Aussage möglicherweise etwas Wahres dran sein könnte. Santiago ist nicht schlau genug, um bei extremen Schmerzen so eine Geschichte zu erfinden. Das kommt in dem Bericht überhaupt nicht zum Ausdruck, aber die Art, wie er es sagte, es … Sie haben ihn gehört … es war so, als ob er damit prahlte. Als ob er wollte, dass ich weiß, was er veranlasst hatte. Wenn es dann also passierte, würde ich verstehen, welche Macht er ausübt«, schloss Cruz.

»Ich weiß. Ich hab das auch so verstanden. All dies macht mich nervös. Er schien fast … keine Ahnung, fast … selbstzufrieden. Und wenn er tatsächlich El Rey engagiert hat, haben wir ein echtes Problem.«

»Das ist die Untertreibung des Jahres. Die verdammten Medien machen El Reys Großtaten beliebter als Reality-TV. Es wird zu einem unkontrollierbaren Medienrummel führen, wenn nur eine Andeutung davon durchsickert. Wir müssen es so regeln, dass nur Sie und ich darüber etwas wissen, bis ich in der Lage bin, herumzuschnüffeln und positives Beweismaterial zu finden«, warnte Cruz den Lieutenant.

»Die Kartelle verfügen sicherlich über genügend Geld, um ihn zu beauftragen …«, sinnierte Briones.

»Ich weiß. Das ist es auch, was mir Angst macht. Wir haben alle die abgefahrenen Pläne gesehen, die diese Wahnsinnigen sich ausdenken können.« Cruz hielt inne und starrte aus dem Fenster. »Aber warum den Präsidenten töten? Er wird nur bis zum Ende des Jahres im Amt sein, wozu also die Sorge?«

»Eine Art Kampfansage? Um der Bevölkerung zu zeigen, wer wirklich das Land regiert?«

»Könnte sein. Aber ich glaube einfach nicht, dass Santiago ein Vermögen ausgibt, nur um etwas zu beweisen. Und der Schuss könnte nach hinten losgehen. Doch wer weiß, was diese Tiere sich ausmalen, wenn sie im Drogenrausch sind?«, meinte Cruz unwillig.

»Was, glauben Sie, kostet ein Auftrag wie dieser bei El Rey?«

»El Rey? Wahrscheinlich, ach, ich weiß nicht, fünf Millionen US-Dollar? Er ist mittlerweile der teuerste Killer der Welt. Ich sage Ihnen eins: Er weiß, wie man sich verkauft – jetzt, wo er eine Berühmtheit in der Presse ist, kann er ganz andere Bedingungen stellen. Diese Kartellbosse verhalten sich da wie jeder andere. Sie lesen auch die Zeitung, und Geld spielt für sie keine Rolle …« Cruz Stimme erstarb, er dachte über seine letzte Behauptung nach. Santiago konnte sich problemlos fünf Millionen leisten – ebenso problemlos wie fünfzig. Die Einnahmen an illegalem mexikanischen Kokain betrugen zu Großhandelspreisen schätzungsweise mehr als dreißig Milliarden Dollar pro Jahr. Das entsprach annähernd dem Staatshaushalt Nordkoreas. Geld war also sicherlich kein Problem.

»Wie gehen wir also von jetzt an vor?«, fragte Briones.

Cruz tauchte aus seinen Grübeleien auf. »Wir warten ab, was mit Santiago los ist. Und dann versuchen wir, alle Spuren zu verfolgen, und stöbern herum, ob jemand auf der Straße Gerüchte gehört hat. Ein Großmaul wie Santiago wäre niemals in der Lage, über so etwas Großes Stillschweigen zu bewahren, vor allem dann nicht, wenn er persönlich dahintersteckt.«

Das Schreibtischtelefon klingelte, und ein knappes Gespräch entwickelte sich, bis Cruz den Hörer auf die Gabel knallte.

»Sie haben ihn ins Krankenhaus Angeles in Pedregal gebracht.« Cruz ließ einen Seufzer ertönen. »Wir sollten lieber da rüberfahren und uns ansehen, wie schwer die Verletzungen sind. Wenn wir der Sache auf den Grund gehen wollen, fangen wir wohl am besten bei Santiago an.«

»Der Verkehr wird höllisch sein. Es wird Stunden dauern, um dorthin zu gelangen.«

»Niemand hat behauptet, dass Polizeiarbeit nur aus Glanznummern und Vergnügen besteht, junger Mann.« Cruz, der nur fünf Jahre älter als Briones war, nannte den Lieutenant oft »junger Mann«, als subtile Erinnerung an die Machtverhältnisse. »Ich hoffe, Sie haben nicht irgendwelche Pläne für heute Abend«, fügte er hinzu.

»Hat sich erledigt.«

Auch mit Blaulicht brauchten sie fünfzig Minuten, um ins Krankenhaus zu kommen. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, als sie auf dem Parkplatz der Notaufnahme geparkt hatten. Die Staus in Mexico City waren vor allem während der Hauptverkehrszeit berüchtigt. Die Stadt während der Spitzenzeiten zu durchqueren, dauerte einen Zeitraum, der knapp bei »ewig« anzusiedeln war.

Die beiden näherten sich der Eingangshalle des makellosen Gebäudes mit Marmorfußboden und nahmen den Aufzug eine Etage nach unten in den OP-Bereich. Cruz hatte mit einem der zur Bewachung des Gefangenen entsandten Beamten gesprochen, und der berichtete, dass die Ärzte Santiago nach hastiger Untersuchung überstürzt operiert hatten. Der Beamte hatte um Unterstützung gebeten, und es gab jetzt acht schwer bewaffnete Mitglieder der taktischen Eingreifgruppe, die sich auf dem Flur der OP-Säle in einer Reihe postiert hatten. Cruz ging gezielt auf die Beamten zu, die die polierten Stahltüren bewachten.

»Was machen die da drin?«, verlangte er zu wissen.

»Eine Art Gehirnoperation«, antwortete der Beamte.

»Gehirn? Was ist damit los? Haben sie Ihnen nichts gesagt?«, fragte Cruz.

»Nein, sie sagten nur, dass es ein Problem mit seinen Pupillen gab, deshalb sei etwas mit seinem Gehirn verkehrt. Er habe das Bewusstsein noch nicht wiedererlangt. Das ist alles, was wir bis jetzt wissen.«

Cruz stiefelte über den Flur, während sein Verstand raste. Wenige Minuten später tauchte ein grün gekleideter Arzt mit Blutspritzern auf seinem Kittel aus der Chirurgie auf und entfernte seinen Mundschutz, um mit Cruz zu sprechen.

»Ich bin Dr. Consera. Ich vermute, Sie sind für das ganze Theater verantwortlich?«, fragte er Cruz.

»Captain Cruz. Ja, das ist mein Gefangener. Er erschoss heute Morgen vier meiner Männer und wurde nach heftiger Gegenwehr festgenommen«, teilte ihm Cruz für die Aktenaufzeichnung mit.

»Das erklärt die Prellungen und Blutergüsse …«

»Warum operieren Sie ihn? War er verletzt durch die Schläge, die er einstecken musste?«, fragte Cruz.

»Nicht wirklich. Wir haben ein MRT und ein CT gemacht. Dieser Mann hat ein abnormes Herz, ein Bereich ist vergrößert, das ist typisch für die Opfer eines chronischen Vorhofflimmerns.« Der Arzt bog eine Hand mit der anderen, um die Muskeln zu entspannen. »Nein, was vermutlich im Verlauf der morgendlichen Ereignisse ausgelöst wurde, war ein Anfall von Vorhofflimmern, wodurch sich ein Blutgerinnsel in seinem Herz bildete und dann zu seinem Gehirn wanderte. Ihr Mann hatte einen Schlaganfall. Wir gingen durch sein Bein hinein und entfernten so viel wir konnten, sodass der Blutfluss zum betroffenen Bereich des Gehirns wiederhergestellt werden konnte. Aber welche dauerhaften Schäden zu erwarten sind, lässt sich derzeit nur raten. In solchen Fällen kann man das nicht vorhersagen«, erklärte Dr. Consera.

»Er liegt also im Koma?«

»Genau. Sein Gehirn war für mindestens eineinhalb Stunden, vielleicht mehr, von der Blutzufuhr abgeschlossen. Blut transportiert Sauerstoff. Das menschliche Gewebe benötigt Sauerstoff zum Leben. Wenn ihm das Blut so lange oder gar noch länger vorenthalten wurde, sieht es nicht gut für ihn aus.«

»Wie lautet dann die Prognose?«, fragte Cruz.

»Denkbar schlecht. Es wäre ein Wunder, wenn er jemals das Bewusstsein wiedererlangte. Aber am Ende können wir nur abwarten und beobachten. Normalerweise würde ich eine PET, eine Positronemissionstomografie seines Gehirns anfertigen lassen, um zu sehen, welches Maß an Aktivität der Bereich des vom Gerinnsel betroffenen Teils behält, aber das wäre momentan Zeitverschwendung. Vielleicht in ein paar Tagen … Im Moment ist er in Gottes Hand«, kam der Arzt zu seinem Schluss.

»Oder in der des Teufels. Der Mann ist ein Drogenboss, Herr Doktor, und schnupft wahrscheinlich kiloweise Kokain jede Woche.«

»Das würde das chronische Herzleiden natürlich sehr verschlimmern. Es würde eine Menge erklären.«

»Eine Sache verstehe ich nicht. Wie bildet sich das Gerinnsel – durch seinen Herzschlag, der schneller wird?«, fragte Cruz ernsthaft interessiert.

»Vorhofflimmern ist nicht unbedingt eine Tachykardie – ein Herzrasen. Es kann auch sein … Wenn das Herz einen Schlag aussetzt, manchmal viele Schläge, kann sich tendenziell das Blut in der Kammer des vergrößerten Herzens sammeln, statt es hindurchzupumpen. Ein wenig bleibt an der Herzklappe haften, und dann ein wenig mehr, und schon bald ist ein Blutgerinnsel in der Größe eines Radiergummis zum Gehirn unterwegs, und – zack – ist das Spiel aus. Sobald es sich dort festsetzt, beginnt mehr Blut dahinter und davor zu gerinnen, es ist also eine Abwärtsspirale von dort. Wir gingen durch die Oberschenkelarterie ins Gehirn und saugten so viel aus, wie wir bekamen, und pumpten Blutverdünner in ihn hinein, um die verbleibende Blutgerinnung aufzulösen, aber der Schaden, der nach so einer langen Zeit ohne Sauerstoff bereits entstanden ist … Na ja …« Der Arzt streckte die Hände mit einer Geste der Hilflosigkeit aus.

»Dann gibt es nichts, was dies verhindern konnte?«, fragte Cruz, um zu klären, wie der Schlaganfall vom Arzt gemeldet werden würde.

»Nicht wirklich. Ob er Medikamente einnehmen sollte und die nicht eingenommen hat … auch dies könnte die Probleme verursacht haben, als sich sein Blut im Lauf der Zeit verdickte. Natürlich kam der Schock als Beteiligter einer Schießerei und anschließender Verhaftung hinzu … äh … Meine offizielle Position lautet, dies war nur ein Unglücksfall. Es war das Ergebnis einer zugrunde liegenden Erkrankung, und, nein, es konnte nicht verhindert werden.« Der Arzt musterte Cruz freimütig. »Obwohl Sie möglicherweise davon absehen sollten, Zigaretten auf Gefangenen auszudrücken oder sie zu verprügeln«, sagte der Arzt ruhig mit einem Blick auf die Wachen, um sicherzugehen, dass sie ihn nicht gehört hatten.

»Vielen Dank für Ihre Hilfe und Ihre Erläuterungen. Was passiert jetzt mit ihm?«

»Wir werden ihn in ein Privatzimmer in der Intensivstation verlegen, dann müssen wir beobachten und abwarten. Das ist alles, was wir tun können.«

Cruz trat zu Briones, der leise mit einigen der anderen Beamten sprach.

»Er liegt im Koma. Vermutlich für immer. Aber ich will noch eine Wache für ihn, für den Fall, dass es eine Art göttliche Intervention gibt und er zu sich kommt. Ich will nicht, dass das Arschloch während unserer Wache eine wundersame Flucht hinlegt, ist das klar?«, ordnete Cruz an.

»Klar und deutlich, Sir!« Briones ging ein wenig auf Abstand von seinen Gefährten, und sie gingen ein paar Meter im Flur auf und ab. »Weiß man, was es verursacht hat?«

»Er hatte ein schwaches Herz, und das schickte ein Blutgerinnsel in sein Gehirn. Es war ein Schlaganfall. Wir hätten nichts tun können, hat mir der Arzt erklärt«, sagte Cruz und hielt Briones Blick stand.

»Er scheint mir sehr jung, um ein schwaches Herz haben«, meinte Briones.

»Santiago ist zwei Jahre älter als ich. Aber dies war ein angeborener Zustand. Es ist nicht dasselbe wie ein Herzinfarkt oder eine Erkrankung der Herzkranzgefäße. Es ist eine Kombination aus Koksen wie ein Staubsauger und Gott weiß was noch sowie lausigem genetischen Material.«

»Also Sie – wir sind fein raus.«

»Ja. Aber ich will, dass er vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche bewacht wird. Sein Stellenwert ist zu hoch, und er hat neun Leben. Er soll nicht einfach rausspazieren, nur weil er es trotz aller Widrigkeiten wieder einmal schafft.«

»Ich werde einen Wachplan aufstellen. Wie stehen seine Chancen?«, fragte Briones.

»Ungefähr genauso wie dass Shakira auf mich wartet, wenn ich nach Hause komme.«

»Also dann würde ich lieber nicht darauf wetten«, schlussfolgerte Briones.

»Ich denke, wir sind auf der sicheren Seite, wenn wir vier Mann im Krankenhaus in jeweils Acht-Stunden-Schichten postieren. Ich möchte einen Mann vor seiner Tür, einen weiteren am Eingang der Intensivstation und dann noch zwei unten vor der Eingangshalle. Das Letzte, das uns fehlt, wäre ein Befreiungsversuch seiner Bande. Wir wissen zwar, dass sein Gehirn nur noch Brei ist, aber sie wissen es nicht. Da könnte einer ihrer oberschlauen Jungbullen es für eine gute Idee halten, mal eine kleine Krankenhausschießerei zu veranlassen. Diese Arschlöcher haben keine Angst und noch weniger Verstand, also kann alles passieren«, warnte ihn Cruz.

Die Edelstahl-Doppeltüren des Operationssaales öffneten sich, und zwei Krankenschwestern schoben Santiago, dessen regloser Arm mit einem Tropf verbunden war, den Flur hinunter. Cruz winkte ihnen, sie mögen anhalten.

Er kam näher. Santiagos Gesicht war voller Blutergüsse und ziemlich ramponiert. Es wirkte leichenblass.

Cruz beugte sich über seinen Kopf und flüsterte in sein blutverkrustetes Ohr: »Sieht wohl so aus, als ob du diesmal die Arschkarte gezogen hast, du Kackhaufen. Ich hoffe, du erwachst aus dem Koma und hast ein langes Leben mit quälenden Schmerzen. – Und nun, gute Besserung …« Er richtete sich auf, lächelte die Krankenschwestern an und gab die Trage zum Abtransport entlang der nach Desinfektionsmittel riechenden Korridore frei.