KAPITEL VIER

Um sechs Uhr dreißig morgens begann Cruz’ Arbeitstag mit einem Anruf bei ihm zu Hause. Jemand von der Vermittlung versuchte, ihn als ranghöchsten Beamten mit dem Krankenhaus Angeles zu verbinden. Er rieb sich den Schlaf aus den Augen und tastete auf dem Nachttisch nach dem Telefon. Dabei hätte er beinahe seine Pistole auf den Boden geschubst. Er hob den Hörer an sein Ohr und krächzte einen Gruß.

Zwei Minuten später war er hellwach, fröstelte unter seiner Dusche, als er sich hastig vor dem Abmarsch ins Büro abwusch. Es ergab wenig Sinn, bis ins Krankenhaus zu fahren, nur um sich zu vergewissern, dass Santiago seinen letzten Atemzug gemacht hatte. Er hatte keinen Grund zu bezweifeln, dass dies der Fall war. Menschen starben jeden Tag auf der Intensivstation, und Santiagos Trauma war schwerwiegend gewesen. Sein schwaches Herz hatte dem mexikanischen Volk einen Gefallen erwiesen, indem die Ausgaben für die Unterbringung dieses Bastards, zweifelsohne im Luxus für den Rest seines Lebens, nun nicht anfallen würden. Cruz fühlte, wie ein flüchtiger Eindruck von Schuldbewusstsein an ihm nagte. Vielleicht war das Verhör mit dem Picana ein wenig übereifrig gewesen und hatte den Schlaganfall ausgelöst. Ein dunkler Teil seines Herzens hoffte jedoch, dass dies der Fall war. Was auch immer, er würde besser schlafen können, nachdem er dazu beigetragen hatte, einen der brutalsten Kartellbosse im Land auszuschalten.

Das Gesetz arbeitete in Mexiko anders als in den USA, und Cruz konnte nicht nachvollziehen, wie seine ausländischen Berufskollegen überhaupt etwas erreichen konnten. Mexiko verwendete das napoleonische Gesetz als Grundlage, bei dem der Angeklagte so lange als schuldig galt, bis das Gegenteil bewiesen wurde. Das war in der Regel eine sichere Sache, so wie die Dinge lagen. Nach den bisherigen Erfahrungen von Cruz kam es selten vor, dass ein Mann unschuldig war, vor allem in seinem speziellen Tätigkeitsfeld. Wie die amerikanischen Behörden hoffen konnten, wirksam vorzugehen, wenn sie ständig von Anträgen, Anhörungen und Anwälten handlungsunfähig gemacht wurden, ging über seinen Horizont.

Als er seine Uniform anzog, dachte Cruz über die Geschichte des illegalen Drogengeschäfts in Mexiko nach. Alles hatte sich geändert, als die etablierten Marihuana-Dealer, die auch kleine Mengen von mexikanischem Heroin in die USA schmuggelten, sich bei den kolumbianischen Kartellen einklinkten und zu deren Transportgehilfen wurden. Diese Beziehung festigte sich in den Achtzigerjahren, und bald wurden die Kartelle in Drogen und nicht mehr in bar bezahlt. Das bot einen erheblichen Anreiz für sie, zu expandieren und ihr Geschäft auf einen groß angelegten Drogenvertrieb zu erweitern.

Der Drogenhandel wurde in Mexiko lange auf regionaler Basis betrieben, aber sobald die Kartelle begannen, riesige Summen aus dem Kokainvertrieb einzustreichen, entwickelte sich das selbstständige Geschäft zu einem nationalen Netzwerk. Es besserte sich viele Jahre lang nichts, dann verkauften Männer vom ehemaligen DFS, der Dirección Federal de Seguridad, der mexikanischen Bundesdirektion für Sicherheit, DFS-Dienstmarken an hochrangige Kartellbosse. Das war noch, bevor der Kopf des mexikanischen Geheimdienstes, der DFS in der heute präsenten Form des mexikanischen Nachrichtendienstes, in der CISEN-Gruppe aufging. CISEN steht für Centro de Investigación y Seguridad Nacional, Zentrum für Nachforschungen und nationale Sicherheit. Damit besaßen die Drogenhändler eine effektive Freikarte, alles zu tun, was ihnen beliebte. Mexikos Kartelle stiegen jedoch erst zu wirklicher Macht auf, als die kolumbianischen Syndikate implodierten und ein Vakuum hinterließen, das ihre mexikanischen Partner ausfüllten. Es dauerte nur wenige Jahrzehnte, dann waren kleine Schmugglerbanden in Mexiko zu einer Mega-Milliarden-Dollar-Unternehmung herangewachsen, und die Gewalt eskalierte im gleichen Verhältnis wie der Lohn für begangene Verbrechen.

Jetzt befand sich das Land in der Krise, die Regierung bekämpfte die Kartelle, und die wiederum entwickelten eine Vorliebe für Schlachtfeste. Der Krieg gegen sie hatte unter Präsident Fox im Jahr 2000 mit einer gewissen Heftigkeit begonnen, kulminierte jedoch zu den aktuellen Höhepunkten, als Calderón 2006 Präsident wurde. Beide Präsidenten sympathisierten mit der US-Politik und kooperierten bei der US-Initiative zur Zerschlagung der Drogenringe. Dies führte allerdings dazu, dass das Niveau der Gewalttätigkeit über alles Erträgliche hinausschoss.

Cruz stampfte die Treppe hinunter und drückte auf den Knopf seiner Kaffeemaschine. Er musste so schnell es ging aus dem Haus. Mit Santiagos Ableben würden mit Sicherheit blutige Revierkämpfe einsetzen. Grundsätzlich wäre das für Cruz in Ordnung, aber tendenziell wurden auch Unbeteiligte in einer alarmierenden Größenordnung ermordet, wann immer diese Scharmützel entbrannten.

Er schüttete eine Tasse brühheißen Kaffee in sich hinein und raste zu seinem Auto. Er wollte schnellstmöglich sein Team über das wahrscheinliche Ergebnis des Todes von Santiago unterrichten. Darüber hinaus galt es, einen Schlachtplan aufzustellen und Informationen darüber zu sammeln, ob es irgendwelche Hinweise auf einen bestehenden Mordauftrag am Präsidenten gab.

Die Fahrt ins Büro verlief wegen eines Unfalls quälend langsam, und sogar mit seinem abnehmbaren Blinklicht für den Notfalleinsatz dauerte es fünfundvierzig Minuten, bis er an den Sicherheitstoren seines Dienstgebäudes ankam.

Einige seiner Mitarbeiter waren bereits da; sie konnten vorhersehen, dass heute ein großer Tag sein würde. Zwei von ihnen lasen die Zeitung mit einer Schlagzeile und einem altem Foto von Santiago. Die Geschichte erklärte, dass der oberste Templer-Boss während einer Schießerei bei der Festnahme ums Leben gekommen war. Der Artikel konnte nicht mit vielen Tatsachen aufwarten und verstieg sich daher erwartungsgemäß in Vermutungen und Übertreibungen. Die Mexikaner gaben sich nicht der Illusion hin, dass ihre Medien zu dem Zweck existierten, ihnen die Wahrheit über alles zu sagen. Es war vielmehr eine Form der Unterhaltung, und der Volkssport bestand darin, herauszufinden, wer mehr log, die Presse oder die Regierung.

Cruz überlegte sich, dass es ein Leck im Krankenhaus geben musste. Keiner in seinem Team wäre so dumm, mit Reportern zu sprechen. Es war unmöglich, dass jemand weniger als hundert Prozent zu seiner Gruppe stand. Diese Männer arbeiteten ebenso gewissenhaft wie Cruz und folgten seinem Beispiel, indem sie ihre Arbeit als Kreuzzug betrachteten. Diejenigen, denen das Tempo zu anspruchsvoll war, hatten das Team schon lange verlassen, was wohl auch besser war. Cruz glaubte, dass er einen Krieg um die Seele und die Zukunft Mexikos führte, und diese Männer waren seine Soldaten. Jeder hier teilte diese Perspektive und empfand das ebenso. Wenn die Kartelle gewannen, verlor Mexiko. Es war ein Kampf zwischen den Produktiven und den Raubtieren. Und Raubtiere konnten kein Land regieren, Schulen betreiben oder Straßen bauen. Raubtiere können lediglich zerstören, stehlen und missbrauchen. Man konnte es nicht zulassen, dass sie die Oberhand gewönnen, denn dann würde die Nation im Chaos versinken. Kolumbien ging es seit zwei Jahrzehnten ebenso, nur ganz allmählich arbeitete sich das Land aus dem Schlamm empor.

Er hatte Briones eine Teambesprechung mit seinen unmittelbaren Untergebenen einberufen lassen. Diese würden dann später ihre eigenen Gruppen informieren. Er ging mit seinen Leuten die Auswirkungen von Santiagos Tod durch. Sie würden die Lage in Michoacan von ihren Bundeskollegen vor Ort überwachen lassen und bei Bedarf Ressourcen in Form von Soldaten und Waffen entsenden. Santiagos Tod brachte sehr wenige Vorteile – obwohl ein großer Parasit aus dem Spiel entfernt worden war, bestand jetzt doch die Angst und Erwartung, dass die jüngeren Hitzköpfe ein Blutbad wegen ihres Anspruchs auf die Vorherrschaft in der Region veranstalten würden. Man konnte es als annähernd gegeben erachten, dass Leichen in zunehmender Anzahl auftauchen würden. Cruz hoffte nur, dass sie nicht bei Tageslicht in Einkaufszentren agieren, Schießereien veranstalten oder Granaten in dicht bewohnten Gebieten werfen würden. Dies war nur wenige Jahre zuvor der Fall gewesen, bevor Santiago den Thron bestiegen hatte.

Nachdem Cruz das Treffen aufgelöst hatte, bedeutete er Briones, noch sitzen zu bleiben.

»Ich habe über das Attentatsproblem nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass wir weitere Informationen sammeln müssen, bevor wir jemand anderen darauf ansetzen. Niemand wird es ernst nehmen, wenn wir nicht etwas mehr vorweisen können als Santiagos wilde Behauptungen.«

Briones nickte. »Eines der Dinge, die wir tun können, besteht darin, uns anzusehen, welche Ereignisse stattfinden werden, in denen der Präsident in Kontakt mit dem amerikanischen Präsidenten sein wird. Das können nicht so viele sein.«

»Da stimme ich zu. Aber wir müssen auch auf der Straße unsere Fühler ausstrecken und ermitteln, ob es Gerüchte gibt. Santiago war so ein Angeber, dass er seinen Mund nicht halten konnte. Wir müssen herumschnüffeln und herausfinden, ob er mit jemandem sprach, und wenn ja, erfahren, was er sagte.«

»Lassen Sie uns Ignacio und Julio hereinholen, um sie zu informieren«, schlug Briones vor. »Wenn es Gerede gibt, das aufgeschnappt werden könnte, dann von ihnen.«

Ignacio Roto und Julio Brava waren die beiden dienstältesten verdeckten Ermittler in Cruz’ Team. Sie verbrachten einen Großteil ihrer Zeit auf der Straße, veranstalteten Trinkgelage und mischten sich unter die kriminellen Elemente der Gesellschaft, um aktuelle Trends und Gerüchte aufzuschnappen. Sie waren ein wesentlicher Bestandteil des Informationsbeschaffungsnetzes, das Cruz in den letzten fünf Jahren akribisch gewebt hatte. Es galt zwar als umstritten, war jedoch hochwirksam. Die Taktik bestand darin, Geld unter die Leute zu bringen, um die Informanten bei Laune zu halten, sowie Drogen zu kaufen, Entführer anzuwerben oder Mordaufträge an Gangs zu vergeben. Im Allgemeinen wateten sie knietief in der Klärgrube, in der sich die zwielichtige Unterwelt von Mexico City tummelte. Cruz’ Team bestand aus zwanzig verdeckt ermittelnden Beamten, die zu jeder Zeit auf den Straßen anzutreffen waren. Ihre Anwesenheit war der Dreh- und Angelpunkt seiner Gesamtstrategie – der Tipp über das Treffen, an dem Santiago teilgenommen hatte, war auch über die Straße gekommen. Zunächst als Gerücht, dass ein Kartellboss wünschte, einen neuen Kanal für den Methamphetaminschmuggel nach Michoaca, dem Bundesstaat, der im Süden an Jalisco grenzte, zu etablieren.

Julio und Ignacio antworteten auf ihren Handys und vereinbarten, sich in zwei Stunden in der Zentrale zu treffen. Beide trugen Hüte und Sonnenbrillen, als sie sich einfanden. Der zwergenhafte Julio verbarg sich in den Falten eines Kapuzen-Sweatshirts. Es war für die Kartelle nicht unüblich, Privatdetektive zu engagieren, die ein Foto von jedem machten, der das Gebäude betrat. Daher mieden die beiden Männer die Dienststelle, so oft es ging. Eine Vorladung vom Chef konnte jedoch nicht einfach ignoriert werden, und da waren sie also – sie saßen zusammen mit Briones in Cruz’ Büro.

Cruz legte das Wesentliche von Santiagos Behauptung offen und wies sie an, nachrichtendienstliche Erkundigungen über einen bestellten Auftragsmord am Präsidenten einzuholen. Er trug ihnen auf, nach einer Verbindung zu El Rey zu suchen. Es musste jemand sein, der als sein Beauftragter fungierte, die Vertragsbedingungen aushandelte und die Prüfung der Klienten vornahm. So jemand würde sich in Mexico City oder Monterrey aufhalten, den beiden Drehscheiben krimineller Aktivitäten.

Julio bat, den Verhörbericht lesen zu dürfen. Er las ihn sorgfältig, bevor er ihn auf Cruz’ Schreibtisch platzierte. »Wenn dies hier authentisch ist, kann ich Ihnen sagen, wo das Attentat stattfinden soll«, sagte er unbekümmert.

»Wirklich? Und woher wollen Sie das wissen?«, fragte Briones. Er hatte den kleinen Mann immer für wichtigtuerisch und arrogant gehalten, obwohl er ohne Zweifel ein brillanter Kriminalbeamter war.

»Sehr einfach. Der einzige Ort, den ich mir vorstellen kann, wo der amerikanische Präsident und der unsere zusammentreffen, ist das G-20-Gipfeltreffen. Es liegt auf der Hand. Zumindest für mich«, erklärte Julio. Er warf Briones einen selbstgefälligen Blick der Überlegenheit zu.

»Wie … wo haben Sie diese Informationen her?«, entgegnete Briones. Er schöpfte Verdacht.

»Ich habe überall Freunde, und man hört so einiges«, antwortete Julio geheimnisvoll. Die Wahrheit war allerdings weniger dramatisch.

»Scheiße!«, fluchte Cruz. »Wenn das stimmt, haben Sie wahrscheinlich recht. Das findet … in wie viel … fünf Wochen statt? In Cabo San Lucas?«

»Eigentlich«, sagte Julio, »ist der genaue Veranstaltungsort San José del Cabo. Sie sind schon kräftig bei der Arbeit, seit sieben Monaten wird am Konferenzzentrum gebaut – Stichtag ist Ende Mai.«

»Woher wissen Sie das alles?«, fragte Cruz.

Julio beschloss auszupacken. »Mein Cousin wurde dort als Helfer hingeschickt. Er ist Bauingenieur, der die Sicherheitssysteme und die Präsentationstechnik für die Konferenz installiert. Sie haben mit einem Mitarbeiteraufgebot von sechstausend Leuten versucht, das Projekt abzuschließen – bis heute war es eine Katastrophe mit all den üblichen Inkompetenzen und der Korruption. Meine Schwester vertraute es mir an. Ich höre fast jede Woche etwas von meiner Schwester, wenn sie anruft. Es gilt hier als das mittlerweile am schlechtesten gehütete Geheimnis in Mexiko, und das sagt eine Menge …«

»Das bedeutet nichts Gutes!« Cruz dachte laut: »Hier haben wir Santiago, der behauptet, er werde die zwei am stärksten geschützten Staatschefs der Welt ausschalten lassen, und der Gipfel findet innerhalb kurzer Flugdistanz von Mexico City in etwas über einem Monat statt und der US-Präsident ist anwesend? So viel Zusammentreffen ist bedrohlich …«

Julio sah die Männer der Reihe nach an. »Ich glaube, wir müssen das als eine echte Bedrohung behandeln. Santiagos Kartell hat mehr als genug Geld, um El Rey anheuern zu können, und er hat ein Motiv – der Krieg gegen die Kartelle, den der amtierende Präsident führt, hat wahrscheinlich seine Ressourcen in den letzten vier Jahren über Gebühr beansprucht, vor allem nach dem Granatenangriff 2008 in Morelia. Obwohl der dem Los-Zetas-Kartell angelastet wurde, hat Santiagos Meute sich wahrscheinlich eine blutige Nase geholt, zumindest hätte er dadurch einen Grund, groß auftrumpfen zu wollen.« Julio wägte seine nächsten Worte sorgfältig ab. »Zwei Präsidenten ausgeknipst zu haben, würde die Botschaft vermitteln, dass er eines der ganz großen Tiere ist, und eine Menge Leute würden ihn unterstützen, zumindest emotional. Der Drogenkrieg des Präsidenten hat dem Land nicht unbedingt Frieden gebracht, dadurch ist er bei vielen ziemlich unbeliebt.«

»Ich stimme Ihnen zu. Stellen Sie dafür ein Einsatzteam zusammen«, sagte Cruz. »Ich will alles, was Sie bekommen, auf den Tisch haben, auch wenn es scheinbar belanglos ist. Es muss eine Möglichkeit geben, diesen El Rey zu finden. Unsere Hauptaufgabe wird sein, ihn zu neutralisieren. Die Gleichung ist einfach: Kein El Rey, kein Santiago, keine Gefahr mehr …«

Ignacio, alias »Nacho«, schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn. »Verzeihen Sie meine Unwissenheit, aber was ist dieser G-20? Warum werden beide Präsidenten dort sein?«

»Es ist ein Finanz-Gipfeltreffen, das jedes Jahr stattfindet, bei dem sich Finanzminister aus der ganzen Welt treffen, um wirtschaftliche Probleme zu erörtern«, erklärte ihm Julio.

»Also, warum wird der Präsident dort sein?«

»Weil es eine Ehre für die Nation ist, das Mexiko der Gastgeber ist«, antwortete Julio geduldig. »Es ist eine wirklich große Sache. Und der amerikanische Präsident plant, sich bei der Eröffnungsfeier als Zeichen der Solidarität zwischen Mexiko und den USA zu zeigen. Das ist die einzige Veranstaltung, von der ich weiß, dass sie den US-Präsidenten in diesem Jahr nach Mexiko bringen wird. Daher kann man getrost darauf wetten: Wenn El Rey etwas vorhat, dann wird er es dort tun.«

»Dann haben wir ein ernstes Problem«, sagte Nacho und wandte sich wieder seinem Fachgebiet zu. »El Rey ist ein Geist. Er ist wie Rauch – man erblickt einen Hauch von ihm, dann ist er schon wieder verschwunden. Es ist beängstigend, denn er wäre definitiv der richtige Mann für den Job, seine Ermordung von El Gallo wird immer noch diskutiert in …«

»Er ist kein Geist, Nacho«, korrigierte Cruz. »Er ist aus Fleisch und Blut, was bedeutet, dass er gestoppt werden kann. Er ist kein Zauberer, er hat keine Superkräfte, und er kann nicht fliegen. Ich sage nicht, dass es einfach sein wird, aber ich habe genügend großkotzige, baumelnde Schwänze klein gekriegt, um zu wissen, dass, egal wie viel positive Presse sie bekommen, am Ende alle genau wie wir bluten …«

Julio hob die Hände. »Schön und gut, aber es wird wirklich nicht einfach sein. Das ist ein gewiefter, versierter Profi, und er hat wahrscheinlich viel Geld mit seinen Morden verdient. Das bedeutet, dass er sich ewig verstecken kann, wenn er will. Aber ich glaube, dass er ein Netzwerk hat, was bedeutet, dass jemand sein Versteck kennen muss. Wir sollten mit der Einsatzgruppe ›El Rey‹ reden und sehen, was sie haben, obwohl gemunkelt wird, die seien schlimmer als inkompetent – mein Kumpel war ein Jahr lang bei denen und berichtete, das Spiel dort sei: Wer schafft es, am wenigsten zu arbeiten?«

»Ich habe das Gleiche gehört, aber man weiß ja nie. Vielleicht wurden sie nach dem Aufruhr mit El Gallo etwas angekurbelt. Das war ein schwerer Schlag für die Partei und eine Schande für alle Beteiligten«, räumte Cruz ein.

»Haben Sie die Aufnahmen von der Erschießung gesehen? Ich schwöre, es sah aus, als ob El Gallo seinen üblichen Kopfstoß machte. Es war unheimlich …«

»Wir kennen das alle«, unterbrach ihn Cruz. »Doch der Punkt unseres heutigen Treffens ist, dafür zu sorgen, dass das Gleiche nicht dem Präsidenten passiert. Und stellen Sie sich die Konsequenzen vor, wenn der amerikanische Präsident auf mexikanischem Boden getötet würde – es könnte eine Invasion auslösen … und da übertreibe ich nicht. Das Mindeste wäre, es würde Mexikos Ansehen in den Augen der Welt sowie unsere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten zerstören. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, wir sollten dies als eine echte Bedrohung behandeln und geeignete Maßnahmen ergreifen. Ich will, dass Sie dem oberste Priorität einräumen, habe ich mich da klar ausgedrückt?«

Die Männer nickten alle. Die Einsätze waren gemacht.

Sie mussten El Rey um jeden Preis finden.