KAPITEL SECHS

Sinaloa, Mexiko, 1986

Der Mitternachtshorizont leuchtete im Widerschein der lodernden Zungen, als die ärmlichen improvisierten Hütten rund um das verbrannte Feld in Flammen aufgingen. Dichter, beißender Rauch quoll in den Nachthimmel und trug alles, was die irdischen Besitztümer der einfachen Bauernfamilie ausmachte, mit sich fort. Gemeinsam kauerten sie auf der Erde, die Handgelenke mit Kunststoffschnüren gefesselt. Die Kinder wimmerten leise, als sie mitansehen mussten, wie sich ihre Heimat vor ihren Augen auflöste. Zwei bewaffnete Männer standen neben einem gelifteten Pick-up mit Allradantrieb und schauten dem Brand zu. Dabei teilten sie sich eine Flasche Mescal, nicht ohne während des Trinkens das Ergebnis ihres destruktiven Handwerks zu bewundern.

Die Mutter versuchte vergeblich, ihre verängstigten Kinder, zwei Mädchen und einen kleinen Jungen, zu trösten. Der Vater murmelte ein Gebet an die Jungfrau von Guadalupe, die in letzter Zeit auffallend abwesend gewesen war und ihre Unterstützung versagt hatte. In diesem Jahr hatte er zum Broterwerb statt Tomaten eine wertvollere Frucht gepflanzt. Marihuana brachte einen wesentlich höheren Gewinn mit sich, weit über dem der essbaren Ernte, für die er in der Vergangenheit geschuftet hatte. Er hatte das Geld für eine Operation seiner jüngsten Tochter benötigt, bei der eine angeborene Missbildung korrigiert werden musste. Michelle war mit einer Gaumenspalte geboren, die ihre Chancen auf ein schönes Leben aufgrund ihres Aussehens beschränkte. Es war ihm klar, dass es ein Risiko war, Cannabis anzubauen, weil die anderen Drogenerzeuger und deren Vertriebsnetz keinen Wettbewerb duldeten, aber er hoffte, dieses eine Mal ungestraft davonzukommen und dann zum Tomatenanbau zurückzukehren.

Der Bauer schien seit der Ankunft seiner Neugeborenen vor zwei Jahren vom Pech verfolgt zu sein. Die Liste war lang: zuerst ihr Geburtsfehler, dann eine schlechte Ernte und schließlich vor ein paar Monaten die Nachricht, dass noch ein Baby auf dem Weg war. Die Tatsache, dass dann noch mehr Mäuler zu stopfen waren, verminderte in seinen Augen das Wunder der Geburt irgendwie. Es war nicht so, dass er seine Kinder nicht liebte, aber der finanzielle Druck war immens. Das Letzte, was er brauchen konnte, war ein weiteres finanzielles Problem. Und in seinem Hinterkopf lauerte eine dunkle Besorgnis – was würde passieren, wenn das neue Baby auch ein Problem hatte, dessen Behandlung noch kostspieliger wäre? Er hatte versucht, diesen Gedanken zu verbannen, aber er kehrte immer wieder und wuchs unaufhaltsam, bis er seine Tage beherrschte.

Zwei der Männer näherten sich. Sie wirkten finster, trugen Cowboyhüte und Pistolen. Sie gehörten zum Fußvolk des örtlichen Vertriebsnetzes; im Jahre 1986 gab es nur ein Kartell von Miguel Ángel Félix Gallardo, auch bekannt als der Pate, der im nahe gelegenen Culiacán wohnte und den gesamten Handel aller in Mexiko betriebenen Arten von Drogen kontrollierte. Jeder ordnete sich ihm unter, das galt auch für diese Männer. In ein paar Jahren würde Gallardo das Land zugunsten einer stärker fragmentierten Kartellregelung aufteilen und wie ein Multilevelmarketing-Magnat Bezirke zuteilen. Zu diesem Zeitpunkt jedoch war er allein die höchste Autorität, der mit engen Freunden und Familienangehörigen die Alltagsgeschäfte vor Ort betrieb.

Die Mutter bat die beiden Männer hektisch, sie mögen ihnen vergeben, zumindest die Kinder freilassen – sie seien doch noch hilflose Babys, der älteste Junge sei erst fünf Jahre alt. Einer der Männer gab ihr eine kräftige Ohrfeige, wodurch die Haut ihrer Wange aufplatzte. Der Vater flehte sie in einem Schwall spanischer Worte um Gnade an, wobei er den Männern mit einer nervösen Förmlichkeit respektvoll ihre offensichtliche Dominanz bezeugte. Er könne durchaus einräumen, dass er wusste, es sei falsch gewesen, Marihuana ohne deren ausdrückliche Zustimmung anzubauen, aber es sei doch auch die Angelegenheit mit der Operation des Babys mildernd zu berücksichtigen. Und er bat inständig im Namen aller Heiligen, die es gab, nicht die Unschuldigen für sein schlechtes Urteilsvermögen zu bestrafen.

Die Männer waren mitleidslos und darüber hinaus betrunken und berauscht von der Macht über Leben und Tod ihrer armseligen Gefangenen. Die verstörten Kinder waren in Lumpen gekleidet, auch die Eltern sahen nicht viel besser aus. Ihre Armut und Verzweiflung waren offensichtlich.

Der Kräftigere der beiden Männer bewegte sich auf die knienden Gefangenen zu und trat dem zweijährigen Kleinkind mit seinem schweren Cowboystiefel an den Kopf. Es war deutlich hörbar, wie das Genick knackte, die zusätzlichen Schläge mit seiner Ferse waren vollkommen unnötig. Die Mutter schrie in blinder Wut, sie schrie den Namen ihres Kleinen in die Nacht, doch deren Dunkelheit verschluckte die Schreie. Die beiden Männer lachten hart, und der Schläger wischte sich am zerlumpten Bauernkleidchen des toten Kindes das Blut von seinem Stiefel. Dann brachte er die heiseren Schreie des Vaters mit einem brutalen Pistolenschlag auf den Kopf zum Verstummen. Benommen fiel er vornüber, sein Blut strömte ungehindert aus der Platzwunde in seiner Kopfhaut.

Nun packten sie die Mutter an den Haaren, zwangen sie auf die Füße, und der Mann, der das Kind getreten hatte, zerriss ihr Kleid. Sie strampelte, um sich zu wehren. Vor Qual und Angst wurde sie hysterisch und wurde für ihre Bemühungen mit einem wilden Hieb an den Hals belohnt. Damit hatten die Männer die Frau zum Schweigen gebracht. Sie schleiften sie zu einer ebenen, schmutzigen Stelle neben dem brennenden Wohnsitz und vergewaltigten sie abwechselnd, während der Vater und die Kinder hilflos zusehen mussten.

Schließlich hatten sie dieses Spielchen satt. Sie schleiften sie zu ihrer verstummten Familie zurück und warfen sie neben der verstümmelten Leiche des Kleinkindes zu Boden. Die Frau befand sich in einem akuten Schockzustand, in dem sie den Missbrauch oder den schrecklich zugerichteten Körper ihres Babys kaum registrierte. Sie hob ihren Kopf aus dem Dreck und sah Satan wahnhaft in den Flammen des Hauses tanzen. Der Herr der Finsternis war gekommen, um sie für sich zu beanspruchen.

Der Schläger ging zu dem kleinen Jungen – dem Einzigen der Familie, der nicht weinte. Das Kind sandte einen durchdringenden Blick des puren Hasses auf den Mann, aber es zeigte keine Tränen. Der Junge war bereits durch das entbehrungsreiche Leben auf dem Bauernhof gehärtet worden, auf dem er neben seinem Vater von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang arbeitete.

»Hallo, wen haben wir denn hier? Einen harten Kerl, hm? Was für ein harter Typ dieser kleine Scheißkerl ist, hm? Er sieht aus, als ob er mich töten will«, spottete der Mann und fuchtelte mit der Pistole herum, die er dann auf das Gesicht des Jungen richtete.

»Ich glaube, er würde es tun, wenn er eine Chance bekäme, Paco«, bestätigte sein Begleiter.

»In Ordnung, kleiner Mann, du willst mich umbringen? Willst du jemanden umbringen? Lass uns doch mal sehen, ob du es fertigbringst, du Schweinepimmel!« Der Schläger ließ ein langes Klappmesser mit Holzgriff aufschnappen und befreite den Jungen mit einem einzigen Schnitt der rasiermesserscharfen Klinge von seinen Handfesseln.

Der kleine Junge erhob sich mit trotzigem Gesichtsausdruck auf seine nackten Füße. Der Schläger spuckte wegwerfend aus und gab dem Jungen einen Klaps, der ihn ein paar Schritte zurücktaumeln ließ. Aber der kleine Junge stand weiterhin aufrecht auf seinen Füßen, obwohl er offensichtlich durch den Schlag betäubt war.

Der Mann ging zu ihm und entsicherte die Pistole lässig mit einem Fingerschnippen. Dann presste er sie dem kleinen Jungen in die Hand, während er sie mit eisernem Griff weiter umschloss. Er zwang die Kinderhand in Richtung des Hinterkopfs seines Vaters, während er das Messer an seine Kehle hielt. Er roch nach Zwiebeln, Alkohol und Schweiß, was bei dem kleinen Jungen wegen des atemberaubenden Gestanks seines raubtierhaften Geiselnehmers einen Würgereiz auslöste.

»Nun mach schon, Scheißkerl! Sei ein Mann! Blas ihm seine verdammte Birne weg! Entweder das, oder ich schneide dir die Kehle durch und fick ihn als Zugabe in den Arsch. Und wenn ich damit fertig bin, ficke ich dich auch«, zischte ihm der Schläger ins Ohr.

Lauter Motorenlärm aus der Richtung des Feldes schreckte die Gruppe auf. Der Schläger drückte reflexartig auf die Kinderhand und löste damit den empfindlichen Abzug der automatischen Waffe aus. Blutspritzer besudelten den kleinen Jungen. Sein Vater fiel nach vorne über, sein Kampf auf diesem Planeten hatte damit sein Ende gefunden.

Ein stattlicher älterer Mann näherte sich der Szene von seinem Ford Bronco aus und machte sich mit geübtem Auge ein Bild von dem Blutbad. Wie die anderen trug er einen Cowboyhut, aber seine Haltung war die einer Autorität, die den Männern sofort volle Aufmerksamkeit abverlangte.

»Was zum Teufel machst du da? Was geht hier vor?«, verlangte er zu wissen. Der Schläger rappelte sich hoch, ebenso wie bei seinem Partner breitete sich Panik in seinem Gesicht aus.

»Äh, nichts. Wir räumen bloß auf, Chef. Nur ein bisschen Spaß«, murmelte der Schläger kleinlaut.

Der Mann schlug ihn, in seinem Blick lag Verachtung, als er den Kopf schüttelte. Er betrachtete den Jungen, der die Szene wie unbeteiligt verfolgte. Sein Gesicht war mit dem Blut seines Vaters verschmiert, ein Klumpen Gehirnmasse klebte an seiner Wange gleich neben zwei Tränenbächen, die einen Kanal in das geronnene Blut gespült hatten.

»Der Spaß ist vorbei. Beendet das!« Der Anführer musterte das Kind sorgfältig einige Sekunden lang. »Der Junge kommt mit mir. Beeilt euch mit diesem Schlamassel. Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit.« Er kniete sich vor dem kleinen Gesicht nieder und schnippte mit strengem Gesichtsausdruck den fehlplatzierten Klumpen Gehirnmasse weg. »Dies ist eine Lektion für dich. Dein Vater hat etwas riskiert und nicht an die Folgen gedacht, sodass jetzt jeder bezahlen muss. Ich wollte ihnen nicht wehtun, genauso wenig wollten sie mir wehtun, aber das Gesetz des Landes ist: Wenn du mir in die Quere kommst, dann stirbst du. Also zahlen wir alle einen Preis. Ich habe dich verschont, weil du mutig bist, und ich kann mutige Männer um mich herum brauchen. Also erinnere dich stets an heute Abend und denke daran, dass ich dich vor diesem hier gerettet habe.« Er deutete mit einer ausladenden Geste auf die brennende Hütte und die Leichen.

Der Junge starrte den Mann an. Er fühlte den Horror der Hinrichtung in sich, zu mehr war er nicht mehr fähig. Das Dach des Haupthauses stürzte in einem bernsteinfarbenen Funkenregen in sich zusammen, und er nahm auch dieses Bild in sich auf. Mann und Kind standen da und betrachteten das Inferno. Eine Krähe erhob sich aus dem Feld, ihr erschrockener, rauer Schrei durchdrang die Stille, als sie ihre Schwingen über dem Schlachtfeld ausbreitete. Der Mann zog das Kinn des Jungen in seine Richtung, um auf diese Weise sein schnurrbärtiges Gesicht in den Mittelpunkt von dessen Blickfeld zu rücken.

»Ich werde dein neuer Vater sein und der einzige Gott, den du anbeten wirst. Ich bin das Gesetz, ich bin der Richter und die Geschworenen. Vergiss das niemals. Denke daran, dass ich dich gerettet habe, obwohl ich dich auch mit einem Fingerschnippen hätte töten können.« Der Mann stand auf, nickte dem Schläger zu, der offensichtlich erleichtert war, mit nichts weiter als einer kleinen Erniedrigung und einer Ohrfeige davongekommen zu sein. Dann nahm er den Jungen an der zitternden Hand und wandte sich um. Das Kind tappte an seiner Seite zu dem Fahrzeug und ließ Mutter und Schwester zurück.

Keiner der beiden wandte sich um, als zwei Schüsse durch die Nacht hallten.

Los Cabos, Mexiko, Gegenwart

Um sechs Uhr dreißig morgens kam der alte Schulbus ächzend am Rand der Schotterpiste des Viertels zum Stillstand. Von dort aus führte eine Straße direkt zum kleinen Flughafen der Stadt. Die Vordertür öffnete sich für die wartende Arbeitermenge, die sich zum Fahrtantritt noch morgendlich benommen in den Bus schob. Sie waren in zerrissene Jeans und T-Shirts gekleidet, die meisten Männer trugen Kapuzen-Sweater trotz der hohen Tagestemperaturen von über 30 Grad. Es wurde nicht viel gesprochen, als sie einstiegen, und die meisten Gespräche erstarben, nachdem das kleine Kofferradio vorne im Bus quäkende Ranchero-Musik aus seinem blechernen Lautsprecher schmetterte.

Dreißig Minuten später erreichte der Bus sein Ziel, ein gigantisches Bauprojekt am Hang eines Hügels unweit der Autobahn in der Nähe einer Mautstraße zum internationalen Flughafen. Ein Golfplatz erstreckte sich in der Ferne, an dessen Rand unzählige Häuser standen. Im Schatten des Projektes befand sich eine Schule. Jenseits der Autobahn ragte ein Einkaufszentrum über die umliegenden Gebäude hinaus. Es beherbergte ein Lebensmittelgeschäft, eine Vielzahl weiterer Geschäfte sowie oberirdische Parkgelegenheiten und Tiefgaragenplätze.

Als der Bus die Haltestelle der Zufahrtsstraße anfuhr, herrschte vor Ort bereits eine quirlige Aktivität durch zahllose Arbeiter, die überall frästen. Zwanzig andere Busse, die ähnlich wie der gerade eingetroffene aussahen, warteten in der Schlange, um ihre Fracht – weitere Arbeiter – zu entlassen. Immer noch mehr reihten sich für den Einlass in die Warteschlange ein. Eine lange Reihe weiteres Personal bewegte sich von der Bauzone auf einen halben Kilometer entfernten Acker, der als längerfristiger Parkplatz für die klapprigen Transportmittel eingerichtet worden war.

Die Bauinspektoren erschienen pünktlich um sieben Uhr fünfzehn und teilten Bauhelme aus – eine höchst unübliche Maßnahme für die Arbeiter in Baja, aber bei diesem speziellen Projekt obligatorisch. Die verschiedenen Handwerker gruppierten sich nach Gewerken – auf der rechten Seite standen die Maurer, auf der linken Seite die Tischler, mittendrin die Maler und weiter hinten die Elektriker. Ein Hauch von organisiertem Chaos lag in der Luft, und der Leistungsdruck war hoch. Ihnen standen nun noch etwas mehr als vier Wochen an Zeit bis zur Eröffnung zur Verfügung, daher drängelte jedermann in dem Bestreben, den Zeitplan einzuholen. Die Mannschaften wurden mittlerweile rund um die Uhr eingeteilt, die bisherigen achtzehn Stunden am Tag in zwei neun-Stunden-Schichten erwiesen sich als nicht ausreichend zur Einhaltung der Fristen. Eine Vielzahl von Neuankömmlingen wartete im gesamten Umkreis auf die Zuteilung eines Einsatzes, ein wenig verwirrt über das herrschende Durcheinander, das in der geschäftigen Atmosphäre tobte.

Das Projekt hatte mit Arbeitsproblemen zu kämpfen, und Streitigkeiten wurden jetzt durch Massenentlassungen bei den Subunternehmern beigelegt. Das Unternehmen, das den Zuschlag zur Durchführung des Projekts erhalten hatte, befand sich in einem Zustand der nackten Panik. Es gab in ganz Mexiko kein prestigeträchtigeres Bauprojekt. Viele Unternehmen hatte die Preise unterboten, um den Auftrag zu erhalten, und kamen ihren Verpflichtungen an allen Ecken und Kanten nicht nach. Die daraus entstehende Verunsicherung der Mitarbeiter sorgte für eine unzufriedene Arbeiterschaft. Dies wiederum führte zu noch mehr Fehlern und zeitlichen Überziehungen, was in weiteren Entlassungen resultierte. Somit wurde eine negative Kettenreaktion erzeugt.

Die Arbeitsaufträge wurden sogenannten Peritos – Sachverständige und Bauleiter für eine bestimmte Beschaffungsmaßnahme oder einen Projektabschnitt – ausgehändigt, die wiederum einen Arbeitsplan für den Tag an ihre Arbeiter weitergaben. Am Ende des Tages nahmen die Sachverständigen die Arbeit ab und bestätigten, dass der Auftrag abgeschlossen war. Dann berichteten sie den Status der Arbeit an den Hauptbauleiter, der ein Team von Ingenieuren beschäftigte, die an den verschiedenen Projekten arbeiteten, die am folgenden Tag abgeschlossen werden sollten.

Die Fluktuation war in einigen Gewerken ziemlich hoch, vor allem bei den Klempnern und den Ingenieuren, die zur Fertigstellung des Gebäudes wesentlich waren. Die meisten Unternehmen, die zu Beginn des Projektes dabei gewesen waren, waren jetzt nicht mehr da. Ihre Versuche, mehr Geld aus dem Projekt zu quetschen, sobald sie erst einmal den Zuschlag erhalten hatten, waren gescheitert.

Der neue Elektroinstallationsbauleiter für Zone sieben nickte, als der gestresste Ingenieur, der für die unzähligen elektrischen Details des Bauabschnitts verantwortlich war, ihm brüsk seine heutigen Aufgaben zusammen mit einem Ablaufplan für seinen Bereich aushändigte und sich an den nächsten Mann in der Schlange wandte. Es gab dreizehn Subunternehmer für die Elektroinstallation, die als Bauleiter für die tatsächlichen Elektriker fungierten; sechs von ihnen waren erst innerhalb der letzten drei Wochen angestellt worden.

Der Bauleiter der Zone sieben gab seinen Männern ein Zeichen, und zusammen bewegten sie sich über die Betonrampe in die obere Ebene über dem Haupteingang, wo sie an der Beleuchtung und Leitungsführung für den gewaltigen Empfangsbereich arbeiteten, der in seiner Zweitfunktion als Bühne bei den Eröffnungsfeierlichkeiten dienen würde. Die Männer begaben sich auf den zugewiesenen Arbeitsplatz. Der Bauleiter bestimmte zwei seiner dienstälteren Arbeitskräfte und überreichte ihnen einen Satz detaillierter Zeichnungen, auf denen eine Reihe geringfügiger Änderungen vermerkt waren. Insbesondere sollten acht der Kabelschächte, die rund um ein zentrales Schaltsystem verliefen, an die neuen Auflagen aus den Detailplänen angepasst werden. Die Männer nickten einander zu – das war mit diesen Vorgaben einfach zu installieren und verursachte kaum Mehrarbeit. Daher würde es möglich sein, den Auftrag innerhalb des vorgesehenen Zeitrahmens abzuschließen.

El Rey schlug den beiden Elektrikern auf den Rücken, und sie entfernten sich, um die Modifikationen vorzunehmen. Er beobachtete, wie sie die gewünschte Verdrahtung hinzufügten und die geänderten Abschnitte mit den bestehenden verbanden. Er vergewisserte sich, dass sich keiner der Ingenieure in der Nähe befand, und studierte den neuen Plan, den sein Berater in La Paz gezeichnet hatte. Der Plan wies aus, wie es bewerkstelligt werden konnte, hochexplosive Schaltkreise zu installieren, die alle gleichzeitig mit dem Umlegen eines einzigen Schalters aktiviert werden konnten und den Empfangsbereich mit einer tödliche Dusche von Splittern fluteten, die jeden in der näheren Umgebung niedermetzeln würde. Zurückbleiben würde ein Schlachtfeld, wenn diese Ladung hochging – niemand wäre in der Lage, das zu überleben.

Normalerweise favorisierte er präzisere chirurgische Methoden bei der Auftragserfüllung, aber mit dem Sicherheitsaufgebot, das sich hier vor Ort befinden würde, verwarf er alle seine Verfahren als nicht durchführbar. Es gab keine umliegenden Gebäude, in denen sich ein Scharfschütze verstecken könnte, also bestünde die todsicherste Methode darin, das Prinzip der verbrannten Erde anzuwenden. Er hatte keine Einwände dagegen, viele sterben zu lassen, auch wenn es gereicht hätte, nur wenige zu töten. Die Anzahl empfand er als unerheblich. Er verabscheute nur Ineffizienz und unnötige Verschwendung – Bomben und Gifte, ebenso Strahlung waren ungenau. Diese Herangehensweise passte ihm angesichts seiner bevorzugten Techniken sozusagen nicht in den Kram, aber nachdem er alle Möglichkeiten in Betracht gezogen und wieder verworfen hatte, stellte die Massenexplosion die einzige hieb- und stichfeste Methode dar, den Vertrag zu erfüllen.

Er würde die maßgeschneiderten Schaltkreise mehrere Wochen vor dem Termin, zu dem der G-20 anberaumt worden war, zusammen mit den Zündkapseln in Stellung bringen. Alles, was er tun musste, bestand darin abzuwarten, bis die Ziele die Todeszone betraten, und dann einen Knopf zu drücken. Er müsste sich in der Nähe aufhalten, um sich davon zu überzeugen, dass die Ziele sich tatsächlich dort befanden, wo sie sein mussten, wenn er die Detonation auslöste, aber das war relativ einfach auszuführen. Er hatte bereits seine Armee-Uniform, und in all der Verwirrung würde ein laufender Soldat nicht vermisst werden.

El Rey rühmte sich selbst für seine detaillierte Planung. Sie war einer der Gründe dafür, dass die Erfolgsquote seiner Vertragserfüllungen einhundert Prozent betrug. Sie war einer der Gründe, die seine hohen Honorare rechtfertigten – diesmal zusammen mit seinen Ersparnissen genug, um für immer in den Ruhestand zu gehen.

Unter normalen Umständen bekam er die Hälfte seinen Honorars im Voraus, das war nicht verhandelbar. Die andere Hälfte war nach erfolgreicher Ausführung fällig. Dies war jedoch kein gewöhnlicher Auftrag, sodass er achtzig Prozent im Vorwege kassiert hatte. Die Schaltkreise würden durch einen Fachmann in Honduras für ihn angefertigt werden – den Kontakt hatte er bereits hergestellt. Die Lieferfrist betrug zehn Tage, also würde er in der nächsten Woche die Bestellung aufgeben, und dann kümmerten sich seine Kartellkontakte um den Schmuggel nach Baja. Sie sollten wie die Beleuchtungskörper aussehen, nur mit dem Unterschied, dass sie eine tödliche Beschichtung aus leicht zersplitterndem Metall besaßen, wobei die Sprengkraft einer Lampe etwa der von zehn Handgranaten entsprach. Für die Fläche, die es abzudecken galt, hätten drei Lampen ausgereicht, aber er entschied sich für acht, um vom schlimmsten Fall auszugehen. Der Stückpreis der Lampengranaten betrug fünfzehntausend Dollar, also nicht gerade billig, aber er machte sich keine Gedanken über den Preis.

Sobald die Tötung erfolgt war, musste er für eine längere Zeit untertauchen, vielleicht sogar für immer. Daher musste er dafür sorgen, dass er den doppelten Betrag dessen, den er brauchte, um bequem überall in der Welt leben zu können, zu seiner Verfügung hatte. Mexiko war seine erste Wahl, der Boden wäre dort allerdings viel zu heiß für ihn. Deswegen hatte er Arrangements getroffen, sich nach Brasilien abzusetzen, wo er luxuriös in einer Villa am Meer leben könnte, bis sich die Suche nach ihm abgekühlt hätte. Er rechnete mit mindestens drei bis fünf Jahren.

Das war in Ordnung. Nach diesem letzten Job, seinem Schwanengesang, hätte er neunzehn Millionen Dollar. Mit dieser Summe konnte er eine lange, lange Zeit untergetaucht bleiben. Er war bereits im Vorjahr nach Rio geflogen und hatte dort eine Woche verbracht. Es gab dort alles, was er sich wünschen konnte – erstklassige Restaurants und Infrastruktur, schöne Frauen, großartige Weine aus Argentinien und Orte vieler weiterer anregender und abseitiger Vergnügungen für einen anspruchsvollen jungen Mann mit genügend Geld in der Tasche.

Er war in keiner Weise besorgt darüber, dass die letzten zwanzig Prozent für die Arbeit noch nicht bezahlt worden waren, obwohl der Kartellchef, der ihn engagiert hatte, tot war. Wer auch immer seine Nachfolge übernahm, würde wohl kaum die Geduld von El Rey auf die Probe stellen oder seinen Zorn auf sich laden.

Das war ein Vorteil dessen, berüchtigt zu sein, sinnierte er. Probleme beim Schuldeneintreiben lösten sich in Luft auf, wenn man den Ruf hatte, jeden töten zu können, auch wenn er noch so gut geschützt wurde. Seine Kunden waren sehr darauf bedacht, ihn zu bezahlen.

Vielleicht ließ das Feuer mit der Zeit nach, aber er würde nicht darauf wetten, was einer der Gründe dafür war, dass er noch ein paar Kleinigkeiten regeln musste, um seine Spuren zu verwischen. Er verschloss quasi eine Tür, öffnete jedoch ein Fenster. Das war alles Teil seines Lebens.

Er beobachtete, wie die Männer arbeiteten, und empfand ein Gefühl von gelassener Zufriedenheit. Er war ein glücklicher Mann. Wie viele Menschen in der Welt konnten schließlich ehrlich sagen, dass sie ihren Job wirklich liebten?

Julio Brava stolzierte über den Bürgersteig in der Innenstadt von Mexico City, vollständig eingetaucht in seine Rolle als Verbrecher auf der Suche nach schnellem Geld. Er hatte sein Leben lang unter Schurken verbracht, sodass er nur zu gut wusste, wie sie sich verhielten. Das war in Wahrheit einer der schwierigsten Aspekte seiner Arbeit, denn er musste sein reales Leben von seiner vorgetäuschten Rolle trennen. Er hatte eine großzügige Menge Geld in der Portokasse und kümmerte sich wenig darum, wie er es einteilte. Manchmal blieb er monatelang am Stück im Untergrund; auf diese Weise konnte es leicht passieren, dass er sich im Spiel verfing und sich darin verlor.

Der Job hatte ihn schon früh seine Ehe gekostet – es war schwer, einer Frau zu erklären, warum er mal für vierzehn Wochen verschwinden musste. Sie hatte im ersten Jahr mitgespielt, hatte es dann jedoch satt, ein Ehe nur mit einem Phantom zu führen. Obwohl sie behauptete, dass er ihr Leben ruiniert habe, hegte er seinerseits keine negativen Gefühle. Diese wahrnehmbare Dissonanz war wahrscheinlich nur eines der vielen Beispiele für die Verschiedenheit von Männern und Frauen.

Er spielte dieses Spiel jetzt seit mehr als zehn Jahren und war daran beteiligt gewesen, viele böse Jungs hochzunehmen, aber an ihre Stelle trat buchstäblich eine unendliche Anzahl an neuen Bösewichtern, so als ob man Münzen in einen Einwurfschlitz nachwarf. Das war der bedrückende Aspekt seiner Arbeit. Es gab viele positive Resultate, aber man musste auch mit der ständigen Bedrohung leben, getötet zu werden.

Julio war neununddreißig und hatte drei verschiedene Freundinnen, die dem freischaffenden Unternehmer keine unbequemen Fragen stellten. Er fuhr einen zitronengelben Humvee mit jeder nur denkbaren Zusatzausstattung. Seine Arbeitszeit gestaltete er nach Gutdünken. Jeder Klub in der Stadt führte ihn als Favorit auf der Gästeliste, und er hatte Zugang zu jedem beliebigen Laster.

Jetzt, da er seine eigene Mannschaft unter sich hatte, war er autonom, und niemand beschwerte sich, solange er Ergebnisse vorweisen konnte. Sein Betriebsbudget war großzügig, und die Möglichkeiten, in seiner Funktion als Kontaktpfleger zusätzliches Geld auf der Straße zu verdienen, waren erheblich. Mehr als einmal hatte er einen Kredit vergeben, und das Geld floss innerhalb eines Monats in doppelter Höhe an ihn zurück. Zusammengenommen mit dem Umstand, dass die Kredithai-Geschäfte sich aus Regierungsgeldern finanzierten, ergab das wirklich eine perfekte Tarnung für einen Cop. Es war schließlich nicht seine Schuld, wenn er scheinbar nicht in der Lage war, Gewinne zu erzielen, zumindest, wenn er seinem Vorgesetzten Bericht erstattete.

Glücklicherweise hinterfragten seine Vorgesetzten die Angelegenheit nicht allzu genau. Ein Mann hatte seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und Geld an diejenigen zu verleihen, die in Not geraten waren, war im Vergleich zu den meisten anderen Dingen ziemlich harmlos. Er fungierte als Bank der letzten Hoffnung, im wahrsten Sinne des Wortes die Kapitalbeschaffungsmaschinerie für eine boomende Wirtschaft.

Er war unterwegs, um einen Mann zu treffen, von dem gemunkelt wurde, dass er wisse, wie man Kontakt zu El Rey bekommen konnte. Dies bedeutete an diesem Punkt der Entwicklung nicht sehr viel, denn die meisten Gauner auf der Straße hätten ein Treffen mit dem Weihnachtsmann oder Jesus versprochen, solange nur genug dafür bezahlt wurde. Aber dieser Kerl war anders – viel angesehener als die meisten Leute, die Julio auf seiner Kontaktliste stehen hatte.

Felipe war lose an das Golf-Kartell angegliedert und organisierte einiges innerhalb von dessen Verteilungslogistik, zusätzlich verwaltete er einige ihrer Etablissements der käuflichen Liebe, sodass er schätzungsweise dreißig Riesen jeden Monat einfuhr, ohne je einen Tropfen Schweiß zu vergießen. Wer so viel Geld verdiente, war wohl kaum ein Zeitverschwender oder ein Betrüger. Wenn du im Spiel auf dieser Ebene mitspielst und sagst, du kennst jemanden, der jemanden kennt, dann ist das sehr wahrscheinlich wahr. Julios Herausforderung wäre es nun, in die nächste Phase einzutreten. Und das klang einfacher, als es wahrscheinlich werden würde.

Julio wusste, wie die Straße funktionierte - wenn du jemanden in einen Kreis hereinbringst, dann bist du auch für ihn verantwortlich. Schickt die Person sich an, Ärger zu machen, wird sie dafür bestraft, genauso wie auch die Person, die für sie gebürgt hat. Es war ein brutal wirksames Konzept. Wenn Felipe irgendjemanden kannte, der mit El Rey in Kontakt stand, wäre er sicher abgeneigt, dies zuzugeben – es sei denn, die Belohnung überträfe bei Weitem jedes Risiko.

Er kannte Felipe nun seit mehr als drei Jahren, und sie hatten mehr als eine Nacht zum Tag gemacht und bis zum Morgen durchgefeiert, wenn sie durch die Klubs gezogen waren. Diese Beziehung nutzte beiden – Felipe schob ihm Kunden zu, die dringend Geld benötigten, um Investitionen zu tätigen, für die er ihnen aber, warum auch immer, keinen Kredit gewähren wollte. In der Regel investierten diese Leute aber dann in Produkte, die Felipe selbst verkaufte. Jeder profitierte; Felipe machte sein Geschäft, Julio bekam seinen Gewinn und die Kreditnehmer konnten durch das fremde Geld agieren. Alle, die auf Felipes Empfehlungen gekommen waren, hatten pünktlich zurückgezahlt, daher hatten sie beide ein Verhältnis, das auf tiefem Vertrauen gebaut war. In Wahrheit hätte Julio problemlos gelegentlich mal Geld verlieren können, ohne irgendwelche Konsequenzen erwarten zu müssen, denn die Deckung seines Lebensunterhaltes war gewahrt. Aber dies hätte seinen Geschäftssinn beleidigt – er handelte aus Prinzip.

Felipe begrüßte Julio mit einer Umarmung, als dieser seine Bar betrat. Sofort rief er zwei Mädchen herbei, damit sie sich um Julio kümmerten. Es waren verlockende Schönheiten, aber Julio winkte ab – er war geschäftlich dort. Er nahm ein Glas Don Julio 1942 und wartete, bis sich beide bequem in einer Nische an der Rückseite des Klubs niedergelassen hatten, bevor er das eigentliche Gespräch begann, das ihn hierherführte.

»Ich hörte, du kannst fast alles besorgen, was sich ein Mann erträumt«, begann Julio.

»Sehr wahr. Zum Glück sind die meisten Männerfantasien auf Dinge begrenzt, die ich gern liefern kann – zu einem Preis, versteht sich«, antwortete Felipe.

»Das ist der Lauf der Welt, nicht wahr?«

»Das stimmt, mein Freund, das stimmt. Also … wie kann ich dir heute helfen, Raphael? Was habe ich, das du begehrst? Sag es, und es ist deins«, bot ihm Felipe sehr großzügig an. Er kannte Julio unter Raphael – seinem Namen als verdeckter Ermittler.

»Ich brauche einen feinfühligen Spezialisten, für einen Freund. Einen sehr wohlhabenden und mächtigen Freund, der sich das absolut Beste leisten kann und dies auch immer fordert.«

»Das ist die Art von Leuten, die ich mag. Und was will er genau?«, fragte Felipe.

»Er hat einen Geschäftspartner, der nicht ganz offen über die Gewinne einer ihrer Operationen war, und er hat es satt, jeden Morgen misstrauisch und wütend aufzuwachen. Also … er will seinen Partner … für immer in den Ruhestand schicken«, erklärte Julio.

»Ah. Ich verstehe. Nun, es gibt viele diskrete Profis, die diese Art von Wunsch erfüllen können«, meinte Felipe.

»Eine zusätzliche Schwierigkeit besteht darin, dass dieser Partner sein eigener Schwiegervater ist, also ist die Aufgabe sehr prekär; er kann es sich nicht leisten, dass es verpfuscht wird. Daher ist er bereit, den absolut Besten anzuheuern, den es gibt. Der Preis ist scheißegal«, erklärte Julio.

»Hm. Das könnte sehr, sehr kostspielig werden. Wie viel steht hier auf dem Spiel?«

»Sie sind an einer Reihe von großen Immobilien-Entwicklungsprojekten beteiligt, im Inland und in Dubai. Es geht da um ’ne Menge Geld, mein Freund, echt viel. Ich habe nicht den Eindruck, dass er in geringster Weise preisempfindlich ist«, sagte Julio.

Felipe musterte Julio interessiert.

»Und warum hat er sich an dich gewendet?«, fragte er.

»Er kennt mich als ’n Macher – jemand, der Probleme perfekt lösen kann. Er findet, ich sei vielleicht besser in Lage als er selbst, diese schwierigen Gewässer zu durchpflügen. Und er ist sehr großzügig in seiner Dankbarkeit. Ich habe das Gefühl, diesmal könnte seine Zuneigung bis ins Unendliche ansteigen.«

»Wie ernst meint er es? Ab einem gewissen Niveau riskiert der Klient, den Vertragspartner zu ärgern, wenn er nicht bereit ist, den allgemeinen Geschäftsbedingungen nachzukommen. Und wenn man über den Besten spricht – und ich meine den Allerbesten –, will man den Vertragspartner nicht mit Bagatellen langweilen. Das würde seiner Gesundheit abträglich sein«, erklärte Felipe.

»Es ist mir total bewusst, was hier erwartet wird. Und ich verfüge über ausreichend Zusicherungen, dass ich in jeder Hinsicht als Vertreter des Auftraggebers handeln kann.«

Felipe lehnte sich zurück und starrte die Decke an, während er über den Vorschlag nachdachte. Julio wartete geduldig, seine Anspannung befand sich auf dem Höhepunkt, maskiert durch die eingeübte Gleichgültigkeit jahrelanger Erfahrung. Als Felipe sich wieder nach vorne lehnte und die Hände faltete, als wollte er nun beten, schien er eine Entscheidung getroffen zu haben.

»Ich kenne wirklich jemanden, der sich um solche Angelegenheiten kümmert. Lass mich ihn anrufen und fragen, wie sein Zeitplan aussieht. Aber … Raphael? Wenn du dich einmal auf diesen Weg begibst, dann gibt es kein Zurück. Sogar meine Freundschaft würde nichts mehr helfen, wenn etwas bei dir schiefginge, sobald der Vertrag besiegelt ist. Ich würde lange und gründlich über diesen speziellen Vertragspartner nachdenken. Er ist der Beste – wahrlich berüchtigt –, aber er ist sehr speziell, wenn er Aufträge annimmt, und er ist wahnsinnig teuer; teuer wie vielfach-siebenstellig-amerikanisch-wahnsinnig-teuer. Könnte das ein Problem sein?«

»Kommt darauf an, wer der Killer ist. Auf keinen Fall wird so viel Geld den Besitzer wechseln, wenn es nicht einen guten Grund dafür gibt, dass der Sold so hoch ist. Wir beide wissen das. Höchstens, wenn es El Rey ist, von dem wir reden, kann ich mir vorstellen, dass er nicht um den Preis verhandeln wird. Das wäre das Niveau, mit dem er sonst umgeht. Er ließ die Black Eyed Peas auf der Hochzeit seiner Tochter spielen, um ein Beispiel zu geben«, vertraute ihm Julio an.

Felipe lehnte sich beeindruckt zurück.

»Das ist genau das Niveau, auf das ich mich beziehe. Es gibt wirklich nur eine Nummer eins in jedem Spiel, nicht wahr? Wenn es Nummer zwei nicht bringt?«, sagte Felipe.

Julios Puls beschleunigte sich. »Und du könntest ein Treffen arrangieren?«

»Nicht mit dem Auftragnehmer selbst, das ist wohl klar. Aber ich denke, dass ich zu jemandem einen Kontakt herstellen kann, der für ihn spricht«, meinte Felipe, während er sich mit seinem Dunhill-Feuerzeug aus massivem Gold eine Marlboro anzündete.

Felipe mochte seine kleinen Luxusgüter, sinnierte Julio. Er trug eine Platinuhr von Lange & Söhne, Schuhe von Gucci, einen Blazer von Armani. Das Geschäft musste gut laufen. Andererseits waren ihre beiden Geschäfte relativ krisenfest. Und worin lag der Sinn, Geld zu besitzen, wenn du dir nicht die Sachen gönntest, die du mochtest?

»Ich wäre in deiner Schuld, wenn du diesen Anruf machen könntest.« Julio schaute Felipe in die Augen. »Und ich wäre sehr großzügig für deine Umstände.«

»Aber nimm meine Warnung ernst, Raphael. Ich würde es ungern sehen, wenn du dich in eine Sache hineinbegibst, aus der du nicht mehr rauskommst. Sobald ich diesen Anruf mache, gibt es kein Zurück. Hast du mich voll und ganz verstanden?«

»Ich würde dich nicht damit belästigen, wenn es mir nicht sehr ernst damit wäre. Ich denke, wir beide wissen, da draußen laufen eine Menge Möchtegerne herum, die dazu bereit wären, meinem Klienten für einen Bruchteil der Zahlen weiterzuhelfen, mit denen du hier um dich wirfst. Doch wenn du dir das Beste leisten kannst, dann willst du auch das Beste. Und es steht eine Menge auf dem Spiel, Felipe. Also weiß ich genau, worauf ich mich hier einlasse – und, wie bereits gesagt: Ich bin von beidem völlig überzeugt, sowohl von der Ernsthaftigkeit des Klienten als auch von seiner Dankbarkeit. Eine Dankbarkeit, die ich gerne teile«, versicherte ihm Julio.

»Die Umverteilung von Reichtum ist immer eine gute Idee, n’est-ce pas?«, witzelte Felipe.

Sie prosteten einander zu und Felipe rief die atemberaubende blonde Bardame zu sich, damit sie ihre Drinks auffüllte. Sie lächelte sie beide an, ihre Augen verhießen mehr.

Julio und Felipe sahen sich wissend an. »Bring uns einfach die Flasche, Amanda. Und hol dir einen Stuhl. Kennst du schon meinen guten Freund Raphael?«