KAPITEL NEUN

Cruz und Julio rannten durch die kleine Eingangshalle zu den Wohnungen. Durch die Glastür sahen sie Dinah, die die Treppe vom oberen Flur herunterwankte. Offensichtlich stand sie unter Schock, ihre Hände und das Kleid waren voller Blut. Die Außentür war verschlossen, daher mussten sie warten, bis sie sie erreichte und öffnen konnte. Tränen strömten ihr blasses Gesicht hinunter, als sie reflexartig zur Türklinke griff.

Sobald sich die Tür öffnete, packte Cruz sie an den Schultern.

»Was ist los, Dinah? Was ist passiert?«, fragte er, wertete im Stillen die Blutspuren an ihr aus und befürchtete das Schlimmste.

»Es ist … mein Vater …«

Julio blickte beklommen das Treppenhaus hinauf und dann wieder auf Cruz.

Er nickte und Julio stieg die Treppe hinauf, während Cruz Dinah umarmte. Sie lag weinend an seiner Brust und gab ihrer qualvollen Trauer eine Stimme. Er hatte dies im Verlauf seiner Karriere schon hundert Mal getan, aber deswegen wurde es nicht einfacher; jedes Mal fraß es ein wenig von ihm auf. Ihr schlanker Oberkörper erschauerte, als sie um Atem rang und um Luft zwischen würgenden Aufschreien der Qual kämpfte. Jegliche Zweifel darüber, ob sie am Geschäft ihres Vaters beteiligt war, schwanden – diese Frau war nicht an das Geschäft des Todes gewöhnt.

Julio kehrte blass aus der Wohnung zurück. Er war täglich auf der Straße, befasste sich mit den Parasiten der Menschheit, jedoch nicht in einer Kampfgruppe, sodass er Leichen nicht jede Woche zu sehen bekam. Er sah aus, als ob ihm gleich übel werden würde.

»Das ist schlimm!«

»Rufen Sie Briones an, und lassen Sie ihn ein Spurensicherungsteam hierherschicken. Kümmern Sie sich um Dinah. Ich möchte mir mal ansehen, womit wir es hier zu tun haben«, wies Cruz ihn an und schob Dinah sanft in Julios Arme.

Am Ende der Treppe empfing ihn ein kurzer Flur mit vier Eingangstüren, von denen eine jetzt angelehnt war und in den Angeln quietschte, als er langsam auf sie zuging. Der Kopf einer alten, finster dreinblickenden Frau stieß hervor.

»Was soll das Geschrei?«, wollte sie lautstark wissen.

»Es gab einen Unfall. Gehen Sie wieder hinein und schließen Sie die Tür«, antwortete Cruz.

»Was, verprügelst du gerade deine Freundin? Hast du sie geschlagen? Ist das die Geschichte?«, tobte die Frau in der Gewissheit, dass Cruz nichts Gutes im Schilde führte.

»Señora, bitte. Dies ist jetzt ein Tatort, also gehen Sie bitte wieder hinein, verriegeln Sie die Tür, und ein Inspektor wird später Ihre Aussage aufnehmen.« Sie fluchte fast unhörbar, knallte dann die Tür zu, der Klang mehrerer hastig vorgeschobener Türriegel war im Flur zu hören. Die anderen Bewohner waren wahrscheinlich alle bei der Arbeit, also gäbe es eine Weile Ruhe, um den Tatort zu sichern. Das war bisher die einzige gute Nachricht.

Er schob die Tür vorsichtig mit der Fußspitze auf, um zu vermeiden, den Knauf zu berühren, obwohl er wusste, dass Dinah dies bereits getan hatte. Sie öffnete sich knarrend. Cruz betrat das kleine Wohnzimmer und wünschte, er hätte seine Waffe bei sich gehabt. Er stoppte, als er den Körper in einer Blutlache auf dem Boden liegen sah. Er hatte im Lauf der Zeit Hunderte von Leichen gesehen, aber nicht so etwas – der Mann war fast halbiert, zerteilt von der Schulter zur Hüfte. Die Todesursache würde nicht allzu schwer zu bestimmen sein. Was zum Teufel konnte solch ein Gemetzel verursachen? Ein Spritzmuster von mindestens sechs Metern Breite umgab den Körper und bewies eindeutig, dass er dort zerhackt worden war, wo er lag.

Er durchsuchte den Raum und beantwortete seine eigene Frage. Eine an der Wand montierte Gedenktafel enthielt einen kurzen japanischen Dolch in seiner Scheide. Die Halterungen über dem Dolch waren leer. Staub zeigte deutlich, wo ein längeres Katana aufbewahrt worden war. Cruz machte mehrere weitere Schritte in den Raum hinein und sah die blutbedeckte Waffe auf dem Boden samt der in der Nähe fallen gelassenen Scheide. Das Blut war frisch, nicht älter als eine Stunde, das konnte er aufgrund seiner ausgiebigen Erfahrung beurteilen. Bald würden die Fliegen kommen, im Moment waren es nur zwei.

Jaime Tortora hatte, welche Sünden er auch immer begangen haben mochte, seinen letzten Morgen gesehen. Damit waren ihre Hoffnungen, über ihn an El Rey heranzukommen, gestorben. Sofern sie keine Hinweise in seinem Laden oder seinen Wohnorten finden konnten, war das, wie man so schön sagte, eine Sackgasse. Das Timing hätte nicht schlimmer sein können. Es zwang Cruz, sich mit dem hässlichen Gedanken zu befassen, der in seinem Kopf kreiste: Niemand außer ihm, Briones und Julio wusste über dieses Treffen Bescheid. Also hatten sie entweder in ihren eigenen Reihen eine undichte Stelle, oder aber El Rey hatte beschlossen, aus dem Geschäft auszusteigen und diese Verbindung zu schließen.

Cruz würde lieber glauben, dass es Letzteres war, weil es das, was er glaubte, bereits jetzt bestätigte: Der Auftragskiller plante einen Mord auf dem G-20-Gipfel und erhielt dafür genügend Geld, um das Spiel für immer verlassen zu können. Vielleicht hatte Tortora ihn mit der Nachricht, dass ein potenzieller Neukunde ihn treffen wolle, konfrontiert, und das hatte den grässlichen Mord ausgelöst. Vielleicht hatte Felipe mit der falschen Person geprahlt, und dies hatte nichts mit El Rey zu tun. Möglicherweise war es ein verunglückter Einbruch oder die Vergeltung für etwas ganz anderes gewesen. Oder vielleicht war es alles Zufall.

Aber Cruz hatte schon vor langer Zeit aufgehört, an Zufälle zu glauben.

Nein, entweder Briones oder Julio hatten Informationen weitergegeben oder Felipe hatte mit den falschen Leuten gesprochen oder das Timing war einfach vollkommen unglückselig und es hatte nichts damit zu tun – was Cruz nicht einmal eine Sekunde lang glaubte. Er ging behutsam in Richtung Bad und sah einen zu Boden fallen gelassenen blutbespritzten Einweg-Regenmantel. So viel zur Einbruch-Theorie. Als er das sah, konnte er in Gedanken eine schnelle Gleichung aufstellen und sich zusammenreimen, was geschehen war. Jemand, der das Apartment kannte und von den Schwertern wusste, war bei Tortora eingedrungen und hatte auf ihn gewartet, sich vielleicht versteckt, und er war ausgerüstet gewesen, um seine Kleidung vor den Blutspritzern zu schützen, die unvermeidlich sein würden, wenn er das Schwert benutzte.

Cruz drehte sich langsam um. Hinter ihm befand sich ein großer Schrank, der zwei Meter in den Raum ragte, dahinter das Fenster zur Straße, eingefasst durch lange Vorhänge. Er schloss seine Augen und stellte sich die Szene vor. Das war der Ort, an dem der Mörder gelauert hatte. Aber wie hätte er wissen können, wann Tortora in die Wohnung zurückkehren würde? Cruz dachte ein paar Sekunden lang nach …

Natürlich. Weil er einen Anruf nach Ladenöffnung erhalten hatte, der ihn anwies, in die Wohnung zu kommen. Von jemandem, dessen Befehle er buchstabengetreu befolgen würde.

Der Mörder hatte gewartet, in der Ecke durch die Vorhänge versteckt, abgeschirmt durch den Schrank und zuversichtlich, dass Tortora in Kürze eintreten würde. Als Tortora dann hereinkam, ging er zu der kleinen Küchentheke, und der Mörder trat aus seinem Versteck. Mit mehreren langen Schritten erreichte er sein Opfer und schlug es nieder, noch bevor es sich umdrehen konnte, um seine Anwesenheit zu registrieren.

Also, wie hatte er ihn an diesen Ort bekommen, an dem er die Tat in sekundenschneller Bewegung ausführen konnte?

Cruz studierte die Blutspritzer und sah, dass ein rechteckiger Bereich am Rande der Frühstückstheke nicht getroffen worden war. Etwas hatte da gelegen und war jetzt nicht mehr da. Er blickte über den Körper in die Küche, sah aber nicht, was fehlte. Zurück im Badezimmer bemerkte er ein blutiges Badehandtuch, das in der kleinen Duschkabine lag.

Also hatte der Mörder das Objekt, was auch immer es war, abgewischt und mitgenommen. Cruz erwog einige Möglichkeiten, griff dann in sein Jackett und wählte Briones an.

»Sie erwähnten einen Stadtstreicher, der Sie angerempelt hat. Denken Sie sorgfältig nach. Beschreiben Sie ihn mir«, wies Cruz ihn an.

»Hm, er hatte etwa Ihre Körpergröße, vielleicht ein wenig größer, keinen Bart oder Schnurrbart, kurzen Haarschnitt wie meiner, mittelbraune Haut. Trug eine schmutzige braune Hose und einen marineblauen durchlöcherten langärmeligen Sweater. Ich kann mich an die Art der Schuhe nicht mehr erinnern, aber ich glaube, dass es Stiefel gewesen sein könnten.«

»Hatte er etwas bei sich?«, fragte Cruz ruhig.

»Wissen Sie … er war … Es war eine Aktentasche, eine dieser altmodischen mit zwei Riemen zum Verschließen. Schmutzig braunes Leder oder Wildleder. Wissen Sie, wovon ich rede?«, fragte Briones.

»Ich kenne diese Sorte.« Cruz fluchte innerlich. »Lieutenant, glauben Sie, dass Sie einem Zeichner seine Gesichtszüge gut genug für ein Phantombild beschreiben könnten?«, fragte er.

»Sicher. Ich denke schon. Aber warum …?«

»Ich denke, es könnte wichtig sein. Sie sind vielleicht nur einer der ganz wenigen noch lebenden Menschen, die El Rey jemals zu Gesicht bekommen haben.« Cruz seufzte.

»Sie verarschen mich … oder doch nicht? Scheiße – ’tschuldigung, Sir. Okay, ich werde versuchen, mich an alles zu erinnern, was mir möglich ist, aber je früher, desto besser. Sie wissen, wie Informationen verloren gehen, je länger man wartet und je mehr Ablenkungen vorhanden sind …«

»Rufen Sie die Zentrale an und schaffen Sie Arlen hierher. Und sie soll ihren Zeichenblock mitbringen. Ich will noch heute ein Gesicht«, befahl Cruz.

»Wird erledigt!«

Cruz legte auf. Er konnte sich die Aktentasche vor seinem geistigen Auge vorstellen, wie sie da auf der Theke lag.

Also kam ein Anruf herein, nachdem Tortora seinen kleinen Laden um neun Uhr geöffnet hatte. Ihm wurde gesagt, dass eine Tasche voll von etwas Wichtigem – vielleicht Geld – in seiner Wohnung für ihn hinterlegt worden sei, mit dem er irgendetwas erledigen sollte, und zwar umgehend. Tortora schlüpfte aus dem Leihhaus, wohl wissend, dass zu dieser Tageszeit keine Kunden kämen, und ging zu seiner Wohnung. Die Frage, wie die Aktentasche dort hineinkam, stellte sich nicht. Der Mörder war ein Mann, für den Schlösser kein Problem darstellten. Oder wer hatte einen Schlüssel? Spielte keine Rolle. Tortora öffnete die Tür, die er hinter sich schloss, sodass er nicht gestört werden konnte. Er sah die Tasche an dem Platz liegen, wo sie ihm angekündigt worden war, und ging hin, um sie zu inspizieren. Bevor er wusste, was geschah, wurde er von dem vertrauenswürdigen Anrufer, bei dem weder Grund zu Misstrauen noch zu Angst bestand, in zwei Teile gehackt. Der Mörder packte die Aktentasche, ging ins Bad, um sie zu reinigen, wischte sie mit einem der Handtücher ab, dann streifte er den Regenmantel ab. Vielleicht wischte er auch sein Gesicht ab, das etwas Blut abbekommen haben könnte. Cruz notierte in Gedanken, das Spurensicherungsteam zu beauftragen, das Handtuch und den Vorhang nach Haaren oder anderem Material mit DNA-Spuren zu untersuchen. Es war einen Versuch wert.

Also, was tat der Killer?

Cruz schwang herum und überlegte. Der Täter durchsuchte wahrscheinlich die Wohnung oberflächlich und schnappte sich dann die Schlüssel, um das Ladenbüro ebenfalls zu filzen. Vorausgesetzt, er war auf der Suche nach etwas. Wenn das der Fall wäre, würde das erklären, warum er in der Gasse war. Er hatte gerade das Büro durchsucht und verließ den Tatort.

Der Zeitplan sah vor, dass Tortora ein Treffen um zehn hatte, das wusste er. Das könnte wiederum Zufall sein, aber er bezweifelte es. Das Szenario, das den meisten Sinn ergab, war, dass Tortora den Attentäter kontaktiert hatte, um ihn darüber zu informieren, dass er noch einen Auftrag zu vergeben hatte, und El Rey entschied, dass er weder Tortora noch weitere Jobs benötigte. Also beschloss er, die einzige Möglichkeit, ihn zurückverfolgen zu können, zu beseitigen. Alles griff nun ineinander. Vor allem, wenn er ein paar Präsidenten ausschalten wollte, musste ihm klar sein, dass es zu diesem Zeitpunkt nur eine Frage der Zeit war, bis jemand den Faden aufnahm und auf Tortora kam.

Die Puzzleteile verdichteten sich, und er sah das ganze Bild.

Das einzige Problem bestand darin, das nichts davon beweiskräftig war. Es waren Indizien, die ein Skeptiker auf ein Dutzend verschiedene Arten hinwegerklären konnte. Damit waren sie immer noch darauf festgenagelt, Beweismaterial zu sichern, um diese arroganten Arschlöcher von CISEN und ebenso die von der NSA zu einem Meinungsumschwung zu bewegen.

Cruz hatte genug gesehen.

Er kehrte in die Eingangshalle zurück, wo Dinahs Weinen den Raum erfüllte, und entschied, dass es Zeit war, seine Karten aufzudecken.

»Dinah, ich bin Beamter der Bundespolizei. Ich war gekommen, um ein Gespräch mit Ihrem Vater über eine Angelegenheit zu führen, von der ich dachte, dass er uns dabei helfen könnte. Ich habe ein Forensikteam bestellt, und sie sind auf dem Weg, die Wohnung auf Spuren zu sichern.« Cruz stockte das Herz, als sie ihn mit riesigen, tränenüberströmten Augen ansah. Die winzige Menge Mascara, die sie aufgetragen hatte, hinterließ Streifen in ihrem Gesicht. »Ich bedauere Ihren Verlust zutiefst. Glauben Sie mir, dass wir alles Mögliche tun werden, um den Mörder Ihres Vaters zu finden. Aber ich brauche Ihre Hilfe. Können Sie den hinteren Bereich des Ladens für mich öffnen, damit wir in diesem Bereich ebenfalls die Spuren sichern können? Ich habe oben keine Schlüssel ausmachen können, daher ist es möglich, dass sich der Mörder Zugang zur Pfandleihe verschafft hat«, sagte Cruz.

»Polizei?« Dinah war geschockt, ihre Haut hatte jetzt eine Farbe wie Alabaster. Sie war nicht wirklich bei sich, ihre Stimme zitterte und klang wie aus großer Entfernung. »Ja. Ich werde ihn öffnen …« Sie griff nach dem Türknauf und brach dabei fast zusammen. Julio hielt in dem Bemühen, sie zu stützen, achtsam ihren Ellenbogen.

»Hatte Ihr Vater irgendwelche Feinde?«, sondierte Cruz, während sie nach nebenan zur Pfandleihe gingen. »Kennen Sie jemanden, der möglicherweise einen Groll gegen ihn hegte oder einen Grund hatte, ihn zu töten?«

»Feinde? Nein … nein, jeder kam gut mit ihm aus«, antwortete sie abwesend und hantierte mit ihren Schlüsseln. Julio hielt die Vordertür des Pfandhauses für sie auf, und sie schlüpften hindurch. Dinah näherte sich der Tür zum hinteren Bürobereich mit ausgestrecktem Schlüssel, um ihn in die Sperre einzuführen, aber sie hatte ihre Hand nicht ausreichend unter Kontrolle. Sie streckte den anderen Arm aus, um sich an der Wand abzustützen. Schließlich hielt sie Cruz den Schlüsselbund hin, was einem schweigenden Hilfeersuchen gleichkam.

Er nahm die Schlüssel von Dinah, legte den Arm um sie und öffnete die Tür mit der anderen Hand. Sie würde einen heftigen Absturz erleben, das wusste er aus persönlicher Erfahrung. Wahrscheinlich bräuchte es Monate der Beratung und Medikamente, um diese Tortur heil zu überstehen. Cruz erinnerte sich noch lebhaft an die Zeit nach dem Mord an seiner Familie. Es war eine kafkaeske, surreale Odyssee der katastrophalen Zusammenbrüche, durchsetzt von Talsohlen der Verzweiflung und Wut und gelegentlichen Momenten des Mitgefühls und der Hoffnung – diese leider viel zu selten.

»Dinah, hatte Ihr Vater Angst vor jemandem? Ging er je verdächtigen Geschäften nach oder hatte er irgendwelche Geheimnisse?« Cruz stocherte nun blind herum, aber es konnte nicht schaden.

»Geheimnisse? Nein. Er besaß ein Pfandhaus, um Himmels willen. Was für Geheimnisse hätte er haben sollen? Er trank nicht einmal, hatte keine Freundinnen …« Sie verlor den Faden, erging sich in Erinnerungen an ihren Vater und konnte Cruz eine Zeit lang nicht folgen.

Die Befragung führte nirgendwohin. Er überblickte das Hinterzimmer, es war sauber und organisiert. Auf der einen Seite waren neue Waren gelagert, die Akten auf der anderen. Ein einfacher Mahagonischreibtisch stand am anderen Ende des Raumes, in der Nähe der hinteren Ausgangstür, und ein großer offen stehender Gewehrschrank befand sich in der Nähe. Cruz ging zu einer Geldkassette, die mit einer Reihe von Einsätzen ausgestattet war, in denen die wertvolleren Schmuckstücke lagen, Uhren, ein paar Goldketten, andere Schätze von Wert, die er für Bargeld gehandelt hatte.

»Ist dies der einzige Safe?«, fragte Cruz.

»Nein. Unter diesem rollenden Aktenschrank befindet sich ein Tresor, er ist in den Fußboden eingelassen.« Sie deutete in Richtung einer der Schränke an der Wand hinter dem Schreibtisch.

Cruz zog ihn vor und fand den Safe, der für die Größe des Betriebs überdimensioniert schien. Er griff sich ein leeres Blatt Papier vom Schreibtisch, beugte sich hinunter und probierte den Griff. Er war jedoch verschlossen.

»Señora Tortora, ich muss Sie bitten, das zu öffnen.«

»Señorita, aber Sie dürfen mich Dinah nennen. Es tut mir leid … ich erinnere mich nicht mehr an Ihren Namen. Und ich kann den Safe nicht öffnen. Die Kombination ist mir nicht bekannt«, erklärte Dinah.

»Romero. Oder Cruz. Alle nennen mich Cruz.« Er stellte Julio nicht vor und winkte ihm mit dem Kopf, sich rar zu machen. Sie müssten seine Identität nicht erklären, wenn er nicht da war. »Machen Sie sich wegen des Safes bloß keine Sorgen. Ich benötige nur Ihre Erlaubnis, ihn aufzubohren. Es ist keine große Sache, und wir werden hier sowieso eine Weile verbringen …«

»Tun Sie, was Sie tun müssen, Señor Cruz. Was auch immer. Ich frage mich: Was für ein Tier kann so etwas bloß getan haben?« Sie erschrak. »Bitte finden Sie den, der ihm das angetan hat! Ich werde helfen und tun, was immer ich tun kann. Er war so ein guter Mensch, ein sanfter, guter, liebenswerter Mensch …« Dinah wurde zusehends blasser. Cruz war darüber nicht überrascht.

Julio hatte den Hinweis verstanden. Er glitt unauffällig durch die Tür und ließ die beiden allein. Dinah bemerkte es nicht. Sie kämpfte noch damit, ihr Schluchzen unter Kontrolle zu bringen. Der Anblick ihres geliebten Vaters in zwei Teile geschlitzt gewann in diesem Kampf die Oberhand. Cruz rückte einen der Stühle vor Tortoras Schreibtisch und bot ihr einen Platz an. Sie nahm ihn dankbar an, und er schwang den anderen Stuhl herum. Seine verschränkten Arme ruhten nun auf der Rückenlehne, er stützte sich sein Kinn auf und blickte sie an.

»Also, womit verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt, Dinah?« Cruz wollte versuchen, das Gespräch auf etwas anderes zu lenken, auf etwas anderes als den grauenhaften Anblick des Vaters, der sich wie eine Endlosschleife eines Tonbands immer und immer wieder in ihrem Kopf abspielte. Er wusste, dass man in dieser Situation dazu tendierte, und er erinnerte sich auch daran, wie zerstörerisch das für die Psyche war. Wenn er dieses Muster früh aufbrechen könnte, wäre es zwar kein Wundermittel, aber es könnte ihr später helfen. Je früher sie begann, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, desto besser.

»Ich unterrichte an der Schule. Zweite Klasse.«

»Und warum arbeiten Sie heute nicht?«, fragte Cruz.

»Es ist Samstag.«

Das war richtig. Er war so von der Jagd nach El Rey beansprucht, dass er vergessen hatte, dass normale Menschen sich an die einzelnen Tage der Woche erinnerten. Cruz war öfters vollkommen überrascht, wenn sein Kalender anzeigte, dass Sonntag sei, da er sowieso die meisten Sonntage in seinem Büro verbrachte. Es gab viel Nachholbedarf.

»Ah. Tut mir leid. In meinem Beruf verlieren wir manchmal die Bodenhaftung … wie gefällt Ihnen der Lehrerberuf?«, versuchte es Cruz erneut.

»Es ist erfüllend. Die Bezahlung ist bescheiden, aber ich tue es nicht für das Geld. Ich wollte immer Lehrerin werden, schon seit ich ein kleines Mädchen war, also würde ich mal sagen, ich lebe meinen Traum«, erklärte sie.

»Ich wollte schon immer Polizist sein, da haben wir etwas gemeinsam«, bestätigte Cruz.

Ihre Gedanken drifteten wieder ab, der kurze Aufenthalt in der Normalität schien seinen Reiz verloren zu haben.

»Das klingt banal, aber ich werde es auf jeden Fall sagen, Dinah. Ich weiß genau, was Sie durchmachen, und es gibt nichts Schlimmeres auf der ganzen Welt.«

Sie schien überrascht und auch wütend. Das war gut. Sie hatte jedes Recht, wütend zu sein. Wut konnte gut sein. Sie hatte Cruz auf jeden Fall über einige dunkle Zeiten hinweggeholfen.

»So, tun Sie das? Wie könnten Sie das? Menschen zu beobachten, die gerade einen geliebten Menschen verloren haben, ist wohl etwas anderes, als derjenige zu sein, der gerade den Verlust erlitten hat. Bei allem Respekt, es kommt dem nicht einmal nahe«, quetschte sie hervor.

»Ich weiß, Dinah. Ich habe die gleiche Sache durchgemacht. Ich weiß, wie es sich anfühlt. Nichts, was jemand sagt, hilft. Aber Sie haben etwas in sich selbst, einen Grund, jeden Morgen aufzustehen und sich nur darauf zu konzentrieren. Vielleicht ist es, einigen Jugendlichen Wissen zu vermitteln, das sie zu menschlichen Wesen formt. Was immer es ist, Sie müssen dieses Etwas finden und es hochhalten, nachdem Sie die Trauerphase beendet haben, was sicher einige Zeit dauern wird«, erläuterte er.

»Leichter gesagt als getan«, antwortete sie verbittert.

»Ich weiß. Es ist das Härteste, was Sie jemals tun werden. Aber Sie müssen, oder Sie verlieren sich, und Ihr Leben besteht nur noch aus Trauer und Entsetzen. Das ist keine Art zu leben. Ich war dort angelangt. Das können Sie mir glauben«, betonte Cruz.

Sie wurden durch die Ankunft der Tatortermittler unterbrochen. Bald waren zwei Techniker oben in der mit Klebeband gesicherten Wohnung, um eine Sichtung der Gegenstände vor Ort vorzunehmen, um Fingerabdrücke durch Einstauben sichtbar zu machen und den Bereich nach DNA-Spuren zu durchkämmen. Ein weiteres Paar ging im Büro mit der gleichen Effizienz vor – was sich viel leichter gestaltete, denn dort hatte man es nicht mit literweise Blut zu tun. Cruz ging mit Dinah zur Vorderseite des Ladens und stellte die Stühle so hin, dass sie niemanden während der Arbeit behinderten.

Nach einer Stunde kam einer der Techniker der Spurenauswertung aus dem Büro und wandte sich an Cruz.

»Sir, wir können den Safe nun aufbohren. Wir haben ihn eingestaubt und sieben Sätze von Fingerabdrücken genommen. Wir prüfen sie, sobald wir im Hauptquartier zurück sind. Aber die Festplatte für die Überwachungskamera wurde vernichtet. Im Gerät befindet sich keine CD. Sie wurde entfernt oder es gab nie eine«, erklärte er.

»Nein, er hat immer alles auf CD aufgezeichnet und gesichert«, versicherte ihnen Dinah. »Ich weiß das. Ich habe das System schließlich für ihn eingerichtet. Er konnte mit Technologie nicht so gut umgehen, aber er hatte gelernt, wie man sie bedient, und es war das Erste, was er jeden Morgen tat …«

Cruz nickte dem Tatortermittler zu. »Vermerken Sie das im Bericht. Und fordern Sie jemanden an, der den Safe öffnet«, befahl er. Er erhob sich und nahm Dinahs Arm. »Sie werden sich wahrscheinlich die Ohren zustopfen wollen, aber ich möchte, dass Sie hier sind, wenn er geöffnet wird und wir eine Inventarliste erstellen, sodass nichts verschwindet. Es geschieht selten, ist jedoch schon vorgekommen.«

»Gut.« Ihre Tränen waren schließlich versiegt, sie selbst war jedoch weit entfernt – der Schock hatte sie noch immer in seiner Gewalt.

»Wissen Sie, was drin ist?«, fragte Cruz beiläufig und beobachtete sie, um ihre Reaktion zu erfahren.

»Nicht wirklich. Er erzählte mir einmal, dass er darin einige Dollar und Pesos aufbewahrte sowie einigen wichtigen Papierkram. Er war aber hauptsächlich für Geld gedacht.«

»Haben Sie eine Vorstellung, wie viel es sein könnte?«

»Nein, ich wünschte, ich wüsste mehr, aber das tue ich nicht. Es kann nicht so viel sein. Mein Vater lebte komfortabel, aber er war alles andere als ein reicher Mann«, sagte sie.

Ein übergewichtiger Forensiktechniker trat mit einer leistungsfähigen Industriebohrmaschine in der einen und einer Werkzeugkiste in der anderen Hand ein. Er trug eine Schutzbrille und ging an ihnen vorbei direkt zum Safe. Nach einem flüchtigen Blick schüttelte er den Kopf. Sie hatten viele Zentralschlüssel für Tresore, aber nicht für einen dieser Größe und dieses Jahrgangs. Cruz nickte ihm zu; er steckte den Stecker der Bohrmaschine in die Steckdose. Das Gekreische begann.

Fünfundzwanzig Minuten später trat der Mann mit dem Bohrer zurück. Geschafft. Er kurbelte am Edelstahlgriff und hob die Tür auf. Dann packte er seinen Bohrer und seine Werkzeugkiste und entfernte sich vom Tatort.

Cruz näherte sich dem offenen Tresor. Er nahm zur Kenntnis, dass Briones jetzt an der Tür Wache stand. Er war mit Dinah und dem Tatort so beschäftigt gewesen, dass er den Lieutenant vergessen hatte, der inzwischen Personal für die Sicherung des Bereiches arrangiert hatte, ohne ihn zu stören. Er starrte nach unten in den Safe und begann dann mit einem Seufzer, Stapel von Tausend-Peso-Noten herauszuholen. Als er damit fertig war, lagen locker eine Million Pesos ordentlich ausgerichtet auf dem Schreibtisch – bei dreizehn und noch was pro Dollar waren das rund hunderttausend Dollar. Eine Menge Geld, und nichts, was mit dem Pfandhaus erklärt werden konnte, da war er sich sicher.

Aber es fanden sich keine Dollar. Und außer ein paar Akten über geschäftliche Dinge, den Kraftfahrzeugbrief und den Grundbucheintrag für das Haus gab es keine Dokumente, die ihnen weiterhelfen konnten. Mit einem abschätzenden Blick in den Safe berechnete Cruz, dass viel mehr Raum vorhanden war, und wenn nur die Hälfte davon von Dollarnoten eingenommen wäre und El Rey irgendwie Zugang gewonnen hatte, könnte es sich um mindestens eine Million US-Dollar gehandelt haben. Was auch immer es enthalten hatte, es würde für sie ein Rätsel bleiben.

Dinah schien überrascht von dem Stapel Pesos, verlor dann jedoch das Interesse daran, sobald sie gezählt und registriert waren – 1,6 Millionen. Er unterzeichnete eine Quittung für die Pesos und gab sie ihr, warnte sie, die nicht zu verlieren. Mit seiner Unterschrift war das so gut wie ein Einzahlungsschein. Die Federales würden das Geld in Verwahrung nehmen und es freigeben, sobald die Untersuchung abgeschlossen war.

Sie legte die Quittung hölzern in ihr Portemonnaie, dankte ihm und blickte sich dann verständnislos und verloren im Büro um. Cruz rief Briones zu sich, besprach sich kurz mit ihm und überreichte ihm die Schlüssel zu seinem Auto. Cruz nahm eine Visitenkarte Tortoras aus dem Halter auf dem Schreibtisch und schrieb seine Polizeihauptquartiernummer und seinen Namen darauf, bevor er sie ihr überreichte.

»Das sind meine Kontaktdaten, Dinah. Bitte zögern Sie nicht, dort anzurufen, aus welchem Grund auch immer. Es war ein schrecklicher Tag, und noch einmal, ich bedauere Ihren Verlust außerordentlich. Rufen Sie mich an, wenn Sie denken, etwas könnte hilfreich sein, oder wenn Sie etwas brauchen. Dies ist Lieutenant Briones. Er wird Sie nach Hause fahren«, sagte Cruz und ließ die Karte in ihre Tasche gleiten.

Dinah schien neben sich zu stehen und dankte ihm mechanisch für die Hilfe. Als sie an der Haustür waren, wandte sie sich ihm zu und fixierte ihn mit einem verzweifelten und gleichzeitig starrenden Blick.

»Bitte finden Sie den, der meinem Vater das angetan hat, Cruz. Bitte.«

Cruz erwiderte ihren Blick ohne zu zögern. Er nickte.

»Das werde ich, versprochen.«