KAPITEL ELF

Cruz begrüßte seine Verbündeten von der US-Drogenbehörde in seinem Büro und schloss die Tür. Seit Jahren arbeitete er eng mit John Rode und Bill Stephens zusammen. Sie waren nicht unbedingt Freunde zu nennen, dennoch empfanden die Männer Respekt füreinander. John und Bill machten diesen undankbaren Job seit mehr als einem Jahrzehnt – sie versuchten einen Korken auf einen Feuerwehrschlauch zu setzen, aus dem sich die Drogenerzeugnisse täglich in die Vereinigten Staaten ergossen. Sie waren des Lebens überdrüssig, hatten einen Werdegang voller Enttäuschung hinter sich und wussten, dass sie eine Schlacht kämpften, die sie niemals gewinnen konnten. Die USA war seit Generationen der größte Abnehmer illegaler Drogen, und unabhängig davon, welche Schritte unternommen wurden, es würde auch weiterhin so sein. Der Versuch, das zu stoppen, indem der Nachschub abgeschnitten wurde, verlief ähnlich wie die Anstrengungen zur Verhinderung des Alkoholkonsums während der Prohibition. Dieses Experiment war nicht gut verlaufen, und das galt auch für den Drogenkrieg.

John und Bill waren aus Anlass einer Podiumsdiskussion zum Thema Strafverfolgung im 21. Jahrhundert in der Stadt, und Cruz hatte sie eingeladen, mal vorbeizukommen und sich seine Operationen anzuschauen. Sie hatte beschlossen, um elf am Montagmorgen einzutreffen und dann eine schnelle, informelle Führung zu erhalten. Sie machten einige lobende Bemerkungen, zogen sich danach in sein Büro zurück und machten es sich gemütlich. Beide Amerikaner sprachen fließend Spanisch. Sie fachsimpelten eine Weile, verglichen Notizen und tauschten Kriegsgeschichten aus. Dann kam Cruz zum Kernpunkt der Sitzung.

»Welche Art von Kontakten mit dem Secret Service oder der NSA haben Sie?«, platzte Cruz heraus.

»Warum, denken Sie über einen Seitenwechsel nach?«, fragte John.

Als das Lachen verebbte, sagte Cruz: »Nein, ich dachte nur über Vorgehensweisen bei potenziell beunruhigenden Neuigkeiten über ein Attentat auf den Präsidenten nach.«

Die Raumtemperatur fiel um mehrere Grad.

»Wovon sprechen Sie?« Bill lehnte sich zu Cruz hinüber, der nun die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der beiden Männer hatte.

»Es begann alles mit einem Auftragsmörder. Ein Killer, der in Mexiko dafür berühmt ist, das Unmögliche zu bewerkstelligen. Er wird in der Boulevardpresse El Rey genannt …«, fuhr Cruz fort, seine Ermittlungsergebnisse bis dato zu erläutern. Dazu gehörte auch die Theorie über den G-20-Gipfel als wahrscheinlichen Tatort.

Abgesehen von dem frustrierten Summen einer Fliege am Fenster war es im Raum vollkommen still. John brach als Erster das Schweigen. »Ich verstehe Ihr Problem. Ihr Sicherheitsdienst wird auf der Grundlage einer Ermittlung nicht eingreifen, auch wenn die Indizien überzeugend sind«, äußerte er seine Vermutung.

»Das ist wahrscheinlich in Ihrem Land das Gleiche. Niemand will den Kopf hinhalten und dann falschliegen. Es ist stets einfacher, auf Nummer sicher zu gehen, als das Richtige zu tun …«, sagte Cruz.

»Manche Dinge ändern sich nie, egal auf welcher Seite der Grenze Sie stehen«, stimmte Bill zu.

»Ich habe mir überlegt, dass ich vielleicht durch die Hintertür reinkommen und mich auf unsere Beziehung stützen kann. Deshalb müsste ich von Ihnen wissen, ob Sie jemanden in einer der Dienststellen kennen, der mir hierbei weiterhelfen könnte.«

»Meine Schwägerin arbeitet tatsächlich bei der NSA, das könnte ein guter Anfang sein«, sagte Bill.

»Verfügen Sie nicht über Beziehungen zu Dienststellen, die eng genug sind, dass man von Angesicht zu Angesicht sprechen könnte?«, hakte Cruz nach.

»Es scheint so, dass unsere Beziehung zur NSA ähnlich gestaltet ist wie die Ihre zu Ihrem Geheimdienst. Und wir haben null Kontakt zum Secret Service. Also, von dort ist keine Hilfe zu erwarten. Dennoch würde ich das als eine formelle Tatbestandsaufnahme notieren und entsprechend weiterleiten. Ich erhoffe mir allerdings nicht viel davon, und zwar wegen der gleichen Vorbehalte, auf die Sie bei Ihrem Team gestoßen sind«, meinte Bill.

Cruz erhob sich, ging zum Fenster und öffnete es, um die Schmeißfliege in die Hitze des Tages entkommen zu lassen. Er seufzte und sagte: »Das ist so frustrierend. Ich weiß, dass ich recht habe, und dennoch kann ich die Aufmerksamkeit der Dienststellen, deren Anliegen die Staatssicherheit sein sollte, nicht bekommen. Es ist wirklich unglaublich.«

»Willkommen bei der Regierung!«, sagte John.

Nachdem die Amerikaner gegangen waren, näherte sich Briones Cruz’ Büro. Er blieb höflich an der Tür stehen, bis Cruz von seinem Papierkram aufblickte und ihn bemerkte.

»Ja, Lieutenant. Was gibt es?«

»Wir bekamen eine Rückmeldung von unserem Büro in Culiacán. Sie haben jemanden, der behauptet, er habe Informationen über El Rey. Er sei bereit, zu reden, aber er will wissen, was er im Gegenzug für die Zusammenarbeit erwarten kann«, teilte ihm Briones mit.

Cruz legte seinen Stift beiseite. »Welche Art von Informationen?«

»Über seine Lebensumstände. Er sagte, dass er uns viel darüber erzählen könne, wo El Rey herkommt, und das sei alles überprüfbar.«

»Wie lautet seine Anklage?«, fragte Cruz und dachte bei sich, dies wäre zu schön, um wahr zu sein.

»Einbruch.«

»Was? Ein zwielichtiger Dieb weiß alles über El Rey? Wie wahrscheinlich erscheint Ihnen das?«, spottete Cruz.

»Nicht sehr. Aber andererseits … Sie wollten alles über jede Spur erfahren, sodass ich dachte, ich sollte es Ihnen unterbreiten«, sagte Briones und wandte sich zum Gehen.

»Nicht so voreilig. Welche Art von Einbruch? Wissen Sie etwas darüber?«, fragte Cruz nach.

»Das Übliche. Einbruch in Häuser, Wertsachen stehlen. Nichts Gewalttätiges.«

»Ich nehme an, es lohnt sich, zumindest mit ihm zu reden. Können wir ihn hierher einfliegen?«, fragte Cruz.

»Ich habe mich bereits erkundigt. Sie sagten, wenn wir die Tickets bezahlen, würden sie einen ihrer Männer mit dem Gefangenen schicken. Sie klangen nicht allzu sehr daran interessiert, ihn hierherzuschaffen.«

»Das kann ich mir vorstellen.« Cruz überlegte. »Fein. Veranlassen Sie das. Buchen Sie aber nicht gerade erste Klasse für die beiden.«

»Morgen früh gibt es einen Flug«, sagte Briones. »Der kommt am Mittag an, und dann ist der Rückflug um drei. Sie werden also nur für ein paar Stunden hier sein. Wollen Sie, dass ich einen Besprechungsraum am Flughafen arrangiere? Das ist vielleicht praktischer, als sie durch die Stadt zu schleppen und sich durch den Straßenverkehr zu quälen. Was wir überhaupt nicht brauchen können, ist, dass sie den Rückflug verpassen.«

»Sicher. Wir können in einer oder zwei Stunden wieder hier sein.«

»Er wird wissen wollen, was wir bereit sind, für ihn zu tun – Sie müssen das ansprechen. Was können wir also tatsächlich anbieten?«, wollte Briones wissen.

»Das kommt darauf an. Ich nehme an, wir könnten immer einige Gefälligkeiten austauschen und die Anklage fallen lassen, aber es müsste eine verdammt gute Geschichte sein, um diese Karte auszuspielen. Wir bekommen eher eine Reduzierung der Haftstrafe, wenn er nicht tonnenweise Vorstrafen hat. Es hängt auch davon ab, wo er sich im System befindet. Wenn der Staatsanwalt ihn noch nicht in seinen Fingern hat, liegt es ganz an uns, und wir können tun, was wir wollen.«

»Ich würde gerne Culiacán anrufen und alles dazu herausfinden, bevor wir uns mit ihm zusammensetzen.« Briones machte eine Pause und schaute ein wenig verlegen aus. »Sir, ich will Ihnen nur sagen, es tut mir leid, dass ich El Rey vorbeihuschen ließ. Ich hatte dieses seltsame Gefühl, dass etwas nicht stimmt, aber ich habe nicht auf mein Bauchgefühl …«

»Ziehen Sie Ihre Lehre daraus, Lieutenant. Wenn Ihnen Ihr Instinkt das nächste Mal etwas sagt, dann folgen Sie ihm. Unterdrücken Sie ihn nicht. Es könnte Ihr Leben retten. Jetzt raus hier, und besorgen Sie diesem Dieb einen Flug«, sagte Cruz und wandte seine Aufmerksamkeit widerwillig wieder dem Haufen Schriftstücke zu.

»Ich bin schon dran. Ach ja, und vielleicht sollten wir die Skizzen mitnehmen – und eventuell auch ein paar falsche zur Kontrolle daruntermischen? Vielleicht kann er den echten El Rey identifizieren …«, schlug Briones vor.

»Prima Idee! Wenn er das kann, wäre das unser erster richtiger Durchbruch. Ich würde sagen, der wäre jetzt auch mal fällig.«

Am darauf folgenden Tag warteten Cruz und Briones am Flugsteig, als das Flugzeug zur Gangway gezogen wurde. Die ersten Passagiere, die herauskamen, waren ihre Männer – einer der Vorteile eines Bundesbeamten war, dass man bei den Fluggesellschaften Prioritäten bekommen und durchsetzen konnte. Die Begleitung war ein überaus muskulöser, etwa dreißigjähriger Veteran der Truppe in einem der gefährlichsten und gewalttätigsten Epizentren der Drogenkriege.

Er sah bedrohlich und hart aus, was er wohl auch war. Man überlebt als Bundesbeamter nicht jahrelang in einer Kampfzone, indem man vorgibt, hart zu sein. Abgesehen von Ciudad Juarez an der Grenze zu Texas gab es keine mexikanische Stadt, die gefährlicher war als Culiacán, die Heimat des ursprünglichen Paten und nicht nur die Hauptstadt von Sinaloa, sondern auch des Sinaloa-Kartells.

Der Gefangene hatte die schlanke Statur eines Wiesels und war ein Mann von mindestens fünfundfünfzig Jahren – und er sah aus, als ob er jeden Tag nur Armut und Not gesehen hätte. Er hatte die hängenden Schultern und den gebeugten Gang eines Mannes, der vom Leben stark gebeutelt worden war und nun versuchte, jedes weitere Leid zu vermeiden. Seine Haut hatte das ledrige Aussehen von jemandem, der sein Leben im Freien verbrachte – der Teint eines Tagelöhners oder eines Bettlers. Als er in Richtung Briones und Cruz geleitet wurde, konnte er nur langsam gehen, was sowohl an seinem ausgeprägten Hinken als auch an den Handschellen an seinen Handgelenken lag.

Der Beamte reichte Cruz und Briones seine Hand zur Begrüßung, ohne eine Miene zu verziehen.

»Ich bin Lieutenant Marquez. Freut mich, Sie beide zu treffen. Wohin gehen wir?«, fragte er nach dem Händeschütteln.

»Wir haben einen Konferenzraum drüben in der Suite des alten Mexicana Club gebucht. Folgen Sie mir«, wies Cruz sie an und ging schnell in Richtung des Hauptterminals. Die anderen folgten, Briones blieb jedoch mit dem Gefangenen und Marquez etwas zurück.

Sie erreichten ihren Bestimmungsort, wo ein Sicherheitsmann des Flughafens den Raum öffnete und fragte, ob sie noch etwas brauchten. Cruz inspizierte den Raum, in dem eine Kühlbox mit Wasser und Softdrinks und ein paar in Zellophan eingewickelte Sandwiches zur Verfügung standen. Die Gruppe ließ sich um den Konferenztisch nieder, und der Gefangene legte seine knotigen, gefesselten Hände auf den Tisch – seine gebrochenen Nägel und verhärteten Schwielen waren ein weiterer Beweis eines Lebens am Existenzminimum.

Marquez räusperte sich: »Das ist Rodrigo Moreno. Er ist angeklagt, in mehrere Wohnungen in Culiacán eingebrochen zu sein, und wurde vor vier Tagen verhaftet. Er wurde erwischt, als er gerade mit einer Hi-Fi-Anlage und ein paar Schmuckstücken aus einem Erdgeschossfenster herauskletterte. Wir fragten ihn nach El Rey, wie wir das bei allen Häftlingen tun müssen, und er deutete an, dass er Informationen hätte, die er bereit wäre zu teilen.« Marquez lehnte sich zurück, seine Aufgabe war erledigt, bis er den Mann zurück zum Flugzeug bringen musste.

»Ein Tauschgeschäft. Ich habe Informationen, mit denen ich handeln will«, sagte Moreno, während seine gelbstichigen Augen von Briones zu Cruz wanderten, was ihm das Aussehen eines Fuchses oder eines anderen wilden Tieres verlieh, das sich in einem rauen Lebensraum behaupten musste.

»Ich bin Captain Cruz, der Leiter der Kartell-Spezialeinheit für Mexico City. Ich bin an Ihren Informationen interessiert. Wenn sie in irgendeiner Weise wertvoll sind, bin ich bereit, eine Art gerechten Tausch in Betracht zu ziehen«, sagte Cruz. »Aber ich bin nicht bereit, über die Bedingungen zu sprechen, bis Sie uns sagen, was Sie wissen. Ich werde Sie nicht hintergehen, aber ich habe auch nicht viel Zeit zum Verhandeln. Entweder sprechen Sie und dann bekommen Sie Ihre Belohnung, vorausgesetzt, Ihre Informationen sind nicht komplette Rattenscheiße, oder Sie gehen ins Gefängnis von Culiacán und verrotten dort – einer der tödlichsten Orte des Landes, wenn ich mich nicht irre«, fügte er hinzu.

»Das ist nichts im Vergleich zur Straße«, bemerkte Moreno.

»Mag sein. Aber die Frage ist: Wollen Sie die nächsten Jahre dort verbringen, oder wollen Sie verhandeln?«

»Natürlich möchte ich verhandeln. Aber woher weiß ich, dass Sie mich nicht reinlegen werden?«, fragte Moreno.

»Sie müssen darauf vertrauen, weil ich Sie hier mit erheblichem Aufwand einfliegen ließ und nun hier vor Ihnen sitze, anstatt die Operationen von Mexikos Anti-Kartell-Spezialeinheit zu leiten. Ich sitze hier und höre mir an, was Sie zu sagen haben. Ich handle ehrenhaft, falls sich Ihr Bericht als wahr herausstellen sollte«, erwiderte Cruz.

Moreno betrachtete ihn misstrauisch. »Das ist leicht gesagt. Wenn ich jedes Mal einen Peso bekommen würde, wenn mir jemand sagte, dass er mich nicht hintergehen würde, und es dann doch tut, hätte ich …«

Cruz schob sich vom Tisch weg und stand auf. »Officer Marquez? Es war mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen. Tut mir leid, Sie bemüht zu haben, dieses wertlose Stück Scheiße durch das halbe Land hierherzuschleppen. Dieses Treffen ist jetzt beendet. Stellen Sie sicher, dass Ihr Gefangener in Culiacán die volle Härte der Strafe zu spüren bekommt«, wies Cruz an.

Morenos Gesichtszüge zerbröckelten. Er fiel sichtlich in sich zusammen. Er hatte seine beste Karte ausgespielt und verloren.

»Warten Sie! Es tut mir leid. Ich wollte Sie nicht beleidigen. Ich nehme Ihren Vorschlag an. Bitte …«

Cruz fixierte Moreno mit einem wütenden Blick.

»Wir wollen eines mal ganz klarstellen. Sie diktieren hier nicht die Bedingungen oder beschweren sich oder drücken hier etwas anderes als Dankbarkeit dafür aus, dass jemand so Wichtiges wie ich hier sitzt und etwas in Erwägung zieht, was wahrscheinlich ein leicht widerlegbarer Haufen Lügen ist – in diesem Fall wird Ihre Gefängniszeit so aussehen, dass Ihnen eine Massenvergewaltigung in Kalkutta wie eine Reise zum Karneval nach Rio erscheinen wird. Hier ist also mein Angebot: Sie reden. Ich höre zu. Dann entscheide ich, was Ihre Geschichte wert ist. Es gibt kein anderes Angebot. Sie haben fünf Sekunden, um zu akzeptieren oder abzulehnen. Jetzt haben Sie vier«, diktierte Cruz.

»In Ordnung. Fein. Ich nehme das Angebot an. Setzen Sie sich. Bitte! Ich verspreche, dass es keine Zeitverschwendung für Sie sein wird«, sagte Moreno.

»Schön und gut. Fangen Sie an zu reden. Aber ich warne Sie«, sagte Cruz.

»Kann ich etwas Wasser haben?«, bat Moreno, der durch die angedrohte Abweisung einsichtig geworden war. Marquez schraubte eine Plastikflasche auf und reichte sie ihm. Moreno hob sie mit den gefesselten Händen hoch und trank gierig, bevor er sie bis zur Hälfte geleert vor sich auf den Tisch stellte.

»Es begann alles in Tijuana vor etwa zehn Jahren.«

Tijuana, Mexiko, vor neun Jahren

Ein großes ummauertes Gelände thronte auf einer Klippe in der Nähe des Stadtrandes, von wo aus man die Stadt überblicken konnte, in der im Sonnenlicht des späten Vormittags geschäftiges Treiben herrschte. Es glich einem kleinen Gefängnis, mit einem Dutzend schwer bewaffneter Männer, die in Zivilkleidung an der Grenze patrouillierten. Es war eines der größten Anwesen in der berüchtigten Grenzstadt mit über einer Million Menschen und bot einen beeindruckenden Anblick am Ende der Zufahrtsstraße.

Ein Cadillac Escalade fuhr bis vor die Tore, und nach einem Blick der Wachen durch das Fahrerfenster rollten die verstärkten Eisengitter nach oben. Sie waren so konstruiert, dass sie selbst einen Panzer aufhalten konnten. Der Escalade rollte auf einen Parkplatz vor dem Haupteingang, wo drei Passagiere aus dem Fahrzeug stiegen. Der SUV war stark gepanzert, ein Spezialauftrag von einer Firma in Dallas, Texas, die Transportmittel für Staatsoberhäupter und andere hohe Tiere baute. Er konnte eine Handgranatenexplosion überstehen, und Schüsse prallten buchstäblich von ihm ab. Das Fensterglas war aus einem speziellen Polymer, das selbst panzerbrechenden Geschossen widerstehen konnte, und die Reifen konnten noch dreißig Kilometer weit rollen, nachdem sie in Stücke geschossen worden waren. Dieser ganze Schutz war nicht billig – die Fahrzeuge kosteten hundertfünfzigtausend Dollar pro Stück.

Auf dem Gelände gab es drei davon.

Die Männer näherten sich der Haustür, und der jüngste und größte, der zwischen seinen zwei älteren Begleitern stand, hielt seine Hände über dem Kopf hoch, während einer der bewaffneten Männer ihn professionell filzte und dann seinen Körper mit einem elektronischen Überwachungsstab abtastete, um Abhör- oder Aufnahmegeräte zu entdecken. Sie erhielten die Erlaubnis, das Haus zu betreten, und der Mann, der den Neuankömmling gefilzt hatte, deutete den Besuchern an, ihm zu folgen.

Hauspersonal war geschäftig dabei, Böden und Fenster zu reinigen, als die Prozession sich auf den Weg zur großen Terrasse machte, auf der der Besitzer des Anwesens, einer der berüchtigtsten Kartellbosse in Mexiko, in einem weißen Frottee-Bademantel Espresso schlürfte. Bei ihm war eine junge Frau, die ein Drittel seines Alters hatte und auch im Bademantel dasaß, obwohl sie diesen mit deutlich mehr Stil ausfüllte.

Felix Montanegro begutachtete die Neuankömmlinge, beugte sich dann vor und murmelte etwas in das zerzauste Haar seiner jungen Gesellschafterin. Sie lächelte, erhob sich dann und ging ins Haus, wobei ihre nackten Füße leise über den großzügigen italienischen Marmorboden tappten. Montanegro gebot dem jungen Mann mit einer Handbewegung, sich zu setzen, und schnippte mit seinen Fingern nach dem Service-Personal, das in einem diskreten Abstand außer Hörweite wartete. Eines der Mädchen eilte davon, um dreißig Sekunden später wieder mit einer Tasse Kaffee für den Gast zu erscheinen. Ein Gärtner trimmte geflissentlich Efeu an einem Ende der Terrasse, darauf bedacht, Abstand zum kleinen Onyx-Tisch zu halten, an dem die beiden Männer saßen. Die beiden schwergewichtigen Begleiter zogen sich ins Haus zurück, zwanzig Meter von der Terrasse entfernt, von wo aus sie für Montanegro in Sekundenschnelle zur Stelle sein konnten, wenn er sie brauchte.

Montanegro betrachtete den jungen Mann, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und zog eine Zigarette aus einen goldenen Etui auf dem Tisch. Das Dienstmädchen eilte an seine Seite und zündete sie für ihn an. Er schien sie nicht zu registrieren, sondern studierte weiter das Gesicht seines Gastes, das nichts verriet.

»Sie sind also das Wunderkind, das all das erreichen konnte, von dem jeder sagt, dass es nicht zu machen ist«, begann Montanegro herzlich.

Der junge Mann nickte, wobei sich seine Mundwinkel fast unmerklich in ein verschleiertes Lächeln verzogen.

»Das ist beeindruckend. Wirklich beeindruckend. Ich habe so was noch nie erlebt. Ich dachte, es wäre unmöglich, die letzten drei Verträge zu erfüllen, ohne selbst getötet zu werden, aber hier sind Sie … und ohne den geringsten Kratzer.« Montanegro schnippte die Asche seiner Zigarette in einen rechteckigen Metallbehälter, der mit sehr stilisierten Schädeln verziert war, zum Gedenken an den mexikanischen Totengedenktag, Dia de Los Muertos. Er nahm einen Zug von seiner Zigarette und fuhr fort, während er den Rauch nach oben blies.

»Ich wollte Sie kennenlernen. Ich wollte das Phantom sehen, das solch ein Aufsehen unter den illustren Mitgliedern meiner Gruppe hervorrief, wie auch in der Bevölkerung von Tijuana. Wie ich höre, wird in den Restaurants und Cantinas in heller Aufregung von Ihren Abenteuern gesprochen – von dem Mann, den sie ›El Rey‹ nennen.«

»Worüber Menschen tratschen, spielt keine Rolle. Was zählt, sind Ergebnisse«, räsonierte der junge Mann und sprach damit das erste Mal, seit er den Escalade bestiegen hatte.

»Ah. Sie haben ja doch eine Zunge. Gut. Ja, Sie haben recht, es sind die Ergebnisse, die zählen. Alles andere ist nur Lärm für Narren und Dummköpfe.« Montanegro trank seinen Espresso. »Aber wie ich höre, haben Sie Ihren Preis für den nächsten Vertrag erhöht, ja? Darf ich fragen, warum? Hier herrscht ein hoher Wettbewerb, sodass Sie sich selbst mit zu hohen Forderungen aus dem Markt manövrieren, zumindest aus meiner Sicht.«

Der junge Mann fuhr mit einer Hand über sein Gesicht, auf dem ein Dreitagebart spross. Er zog sein schwarzes, langärmeliges Hemd zurecht. »Ich habe gezeigt, wozu ich fähig bin. Wenn Sie mich anheuern, erhalten Sie garantierte Ergebnisse. Das ist mehr wert als jemand, der es versucht und dabei vielleicht keinen Erfolg hat«, rechtfertigte sich der junge Mann.

»Ha! Nun ja, da haben Sie wohl recht. Sie haben eindrucksvoll geliefert, mein junger Freund. Deshalb möchte ich Ihnen eine Position in meiner Gruppe anbieten. Sie können Ihren Preis nennen«, sagte Montanegro.

Der junge Mann schien den Vorschlag zu prüfen und griff dann hinüber zur Kaffeetasse, um offenbar fasziniert das Muster im Porzellan zu betrachten. Er sprach nicht, und ein paar Sekunden dehnten sich zu einer halben Minute unangenehmen Schweigens aus.

»Ich fühle mich geschmeichelt von dem Vorschlag, aber leider kann ich ihn nicht annehmen. Ich verrichte meine Arbeit am besten alleine, auf Vertragsbasis, und es würde nicht funktionieren, für keinen von uns, wenn ich nur für Sie arbeiten würde. Nichts für ungut, und wenn ich jemals erwäge, meine Karriere als unabhängiger Auftragnehmer zu beenden, wären Sie der Erste, an den ich mich wenden würde. Aber, nein, es würde überhaupt nicht funktionieren, und wir wären beide unzufrieden mit den Ergebnissen. Also muss ich respektvoll ablehnen.«

Montanegro sah den jungen Mann mit einem hasserfüllten Blick an, während dieser sprach, und als er fertig war, schlug er mit seiner Hand voller Zorn auf den Tisch.

»Sie kleiner Scheißhaufen. Haben Sie eine Ahnung, mit wem Sie reden? Es war kein Vorschlag. Wenn ich Ihnen sage, Sie arbeiten für mich, dann werden Sie für mich arbeiten, und die korrekte Antwort lautet: ›Vielen Dank, Don Felix, ich fühle mich geehrt, dass Sie mich wollen.‹ Ich habe selten jemanden erlebt, der mir eine Abfuhr erteilt hat, und all diejenigen, die das wagten, sind tot. Das ist also ein einmaliges, einseitiges Angebot. Entweder akzeptieren Sie es, oder meine Männer werden Ihnen eine Kugel ins Gehirn jagen und Sie an die Straßenhunde verfüttern. Verstanden?«, zischte Montanegro.

Der Gesichtsausdruck des jungen Mannes veränderte sich nicht. Er schien gelassen, fast wie ein Engel, unbeeindruckt von der Wendung der Besprechung. Er schien die Worte Montanegros zu bedenken und beugte sich dann nach vorne, um sicherzustellen, dass nur der Kartellboss ihn hören konnte.

»Ich trinke keinen Kaffee. Ich mag ihn nicht.«

Montanegro war verwirrt über diese Bemerkung.

»Was kümmert es mich, ob Sie Kaffee mögen oder nicht? Verdammt noch mal! Haben Sie mir nicht zugehört?«, knurrte Montanegro.

»Doch, ich habe Sie schon verstanden. Ich wollte nur, dass Sie wissen, dass ich Kaffee nicht mag, vor allem, weil er meine Körperchemie in einer Weise verändert, die nicht verträglich ist.« Montanegro sah aus, als ob sein Kopf gleich explodieren würde. »Aber es gibt noch einen anderen Grund. Letzte Nacht huschte ich in Ihr Haus, umging dabei Ihre lächerlichen Sicherheitsvorkehrungen und behandelte Ihr Kaffeepulver mit einem Nervengift, das Sie innerhalb von sieben Stunden nach Einnahme umbringen wird, wenn ich Ihnen kein Gegenmittel gebe, wovon ich schon ein wenig eingenommen habe, für den Fall, dass Sie mich zwingen, auch Kaffee zu trinken. Jedes Labor in Tijuana wird Tage brauchen, um herauszufinden, um welches Gift es sich handelt oder welches Gegenmittel nötig ist. Inzwischen werden Sie längst tot sein. Selbst in den USA würde es mehr als sieben Stunden dauern. Und ich vermute, das ist nicht Ihre erste Tasse heute Morgen, sodass Sie weniger Zeit haben. Vielleicht sechs?«, schätzte der junge Mann. Seine Stimme war dabei so leise, dass Montanegro ihn nur unter Anstrengung hören konnte.

Montanegros Pupillen verengten sich zu winzigen Punkten, und seine Hände begannen vor Wut zu zittern.

»Sie sind ein toter Mann, Sie kleiner Arschficker. Tot!«

»Don Felix. Ich habe diesen Schritt gemacht, weil es mir zu Ohren kam, dass Sie möglicherweise wenig Verständnis haben werden, wenn ich Ihr Angebot ablehne. Ich wollte nicht respektlos sein. Ich musste einfach sicherstellen, dass ich eine gute Verhandlungsbasis habe.« El Rey beugte sich noch näher heran. »Ich wurde vor drei Tagen von einem Ihrer Feinde angesprochen, der mir eine halbe Million Dollar bot, um Sie zu töten. Ich sagte ihm, dass ich es in Erwägung ziehen werde. Ich habe ihm noch nicht geantwortet. Um es auf den Punkt zu bringen: Wenn wir uns einigen können und ich weiterhin in Ihrem Auftrag arbeite, werde ich diese Art von Anfragen ablehnen. Ehrlich gesagt hätte ich Ihnen letzte Nacht die Kehle durchschneiden und danach die halbe Million einstecken können, aber ich tat es nicht. Stattdessen kam ich her, hörte mir Ihren Vorschlag respektvoll an, lehnte ihn höflich ab, und dann nahmen die Dinge leider eine unglückliche Wendung.«

Montanegro sagte nichts. Starrte ihn nur an. Aber der junge Mann konnte sehen, dass er jetzt seine Chancen berechnete, anstatt zu reagieren. Das war gut.

»Ich mag meine Arbeit«, fuhr El Rey fort. »Ich genieße sie. Ich genieße auch Klienten, die pünktlich bezahlen und sich an ihre Versprechen halten. Sie sind ein ehrenwerter Mann, der immer wie vereinbart bezahlt hat, deshalb arbeite ich gerne für Sie. Ich will nicht, dass Ihnen etwas zustößt.« Der junge Mann seufzte. »Hier ist mein Gegenvorschlag: Wir kommen überein, dass ich Sie nicht töte. Ich gebe Ihren Männern das Gegenmittel, wenn sie mich an einem Ort meiner Wahl abgesetzt haben. Das Gegenmittel wird für Sie, Ihre Begleiter und wer sonst noch Ihren Kaffee heute Morgen getrunken hat, ausreichen. Es wird keine negativen Auswirkungen geben, sofern Sie es innerhalb der nächsten …«, der junge Mann schaute auf seine Uhr, »Stunde oder so einnehmen. Und als weiteren Anreiz für Sie, um es zum Positiveren zu wenden, werde ich Ihren Feind, einen der Kartellbosse, gegen den Sie seit den letzten sechs Monaten Krieg führen, innerhalb von achtundvierzig Stunden zum Vertragspreis von einer Million Dollar eliminieren; zu Ihrer vollen Zufriedenheit. Der Grund dafür, dass der Preis eine Million beträgt, liegt darin, dass ich für Ihren Vertrag die andere halbe Million in den Wind schreibe. Deshalb erwarte ich, dass Sie das kompensieren werden.« Der junge Mann lehnte sich zurück und beäugte Montanegro gleichgültig.

Montanegro schien einen inneren Kampf auszufechten, einen Kampf in seinem Kopf.

»Sie sind wahnsinnig!«

Der junge Mann setzte ein Lächeln auf, das seinem Gegenüber das Blut in den Adern gefrieren ließ – das Blut eines Mannes, der Dutzende selbst getötet hatte und die Hinrichtung von Hunderten befahl.

»Das kann gut sein. Aber die Frage ist, wollen Sie mich auf Ihrer Seite haben, oder ist es Ihnen lieber, dass ich gegen Sie arbeite? Wenn gegen Sie, dann müssen Sie nichts weiter tun als abzuwarten, und Sie werden das Ergebnis dieser Entscheidung heute um zwei Uhr, vielleicht um halb drei sehen. Die Auswirkungen sind sehr schmerzhaft und an diesem Punkt unumkehrbar. Der Iraner, der es mir verkauft hat, sagte, dass Gefangene, an denen sie es getestet haben, sich die eigene Haut herunterrissen, um die … Beschwerden zu mindern.« Er fixierte den Don mit einem durchdringenden Blick. »Mich interessiert nicht, ob ich morgen noch lebe oder nicht. Die eigentliche Frage ist, ob Sie es tun. Aus dieser Sicht der Dinge wird die richtige Antwort kommen.«

Montanegro sah ihn nun in einem neuen Licht. Der junge Mann stellte sich vor, dass der Mann auf diese Weise eine Kobra betrachten würde, die zusammengerollt auf dem Tisch lag und im Begriff war, zuzuschlagen. Verschwunden waren die Wut und die Selbstüberschätzung. Er wusste bereits, wie die Antwort lauten würde – Don Felix war sicherlich ein Mann, der leben wollte.

Montanegro schlug erneut mit seiner Hand auf den Tisch, warf seinen Kopf zurück und lachte ein ungläubiges Gelächter vor nervöser Erleichterung.

»Verficktes Arschloch! Sie sind wirklich gut, wissen Sie das? Ich habe vielen gegenübergesessen, aber Sie schlagen alles. Alles klar dann. Wir haben einen Deal. Eine Million, und er ist innerhalb von achtundvierzig Stunden ein toter Mann. Ich bekomme das Gegenmittel innerhalb einer Stunde. Übrigens, wessen Auslöschung bezahle ich?«

»Antonio Palomino. Der Kopf des Chiapas-Kartells. Ich weiß, wo er abgestiegen ist. Nicht in Tijuana übrigens, aber das soll Sie nicht interessieren. Ich will die Hälfte des Geldes jetzt, und die andere Hälfte, wenn der Auftrag erfüllt ist.« Er blickte wieder auf seine Uhr. »Ich würde lieber nicht zu viel Zeit für die Besorgung des Geldes verschwenden.«

Montanegro erhob sich und schüttelte dem jungen Mann die Hand.

»Es dauert ein paar Minuten, um es zu zählen.«

Eine halbe Stunde später setzte der Escalade den jungen Mann in einer heruntergekommenen Gegend in der Nähe der berüchtigten Mauer ab, die Mexiko von den USA trennte. Er beauftragte den Fahrer, um den Block zu kreisen, er würde ihn dann an der Ecke vor dem kleinen Gemischtwarenladen in zehn Minuten wiedertreffen. Der schwere SUV röhrte die Schotterstraße hinunter, und als er außer Sichtweite war, verschwand der junge Mann in einem der verkommenen Betonplattenhäuschen. Wenige Minuten später kam er mit einer Aspirinflasche zurück, die zur Hälfte mit klarer Flüssigkeit gefüllt war. Er hob die Schulterriemen der Laptoptasche mit dem Bargeld hoch und schlenderte zum Laden. Er hielt an, um mit den paar losen Pesos, die in seiner Hosentasche klimperten, eine Flasche Wasser zu kaufen. Der Escalade fuhr zwei Minuten später heran, er näherte sich ihm und deutete dem Fahrer an, das Fenster nach unten zu rollen.

Das geschwärzte, zolldicke Glas glitt nach unten.

»Warten Sie, bis Sie mich um die Ecke gehen sehen. Wenn ich weiß, dass ich sicher bin, werde ich dieses Telefon anrufen und Ihnen sagen, wo das Gegenmittel ist. Seien Sie vorsichtig damit. Lassen Sie es nicht fallen. Das ist alles, was es dazu gibt. Sagen Sie Don Felix, er soll es gut schütteln, bis das weiße Pulver am Boden vollständig aufgelöst ist, und dann soll er einen Esslöffel davon oral einnehmen, und alle anderen Betroffenen auch. Solange sie das in den nächsten vierzig Minuten tun, wird nichts passieren. Die Dosis reicht nur für acht Personen, vergeuden Sie also nichts. Verstanden?«, fragte der junge Mann.

Der Fahrer nickte und nahm das angebotene Handy aus El Reys ausgestreckter Hand.

Sicher, dass die Männer ihn nicht erschießen würden, schritt er auf die andere Straßenseite und ging dann den Block hinunter. Er blickte über die Schulter zurück, bevor er um die Ecke ging und aus der Sicht verschwand. Die Männer saßen unruhig da. Wenige Minuten später zwitscherte das Telefon.

»Gehen Sie in den Laden hinein. Ich habe das Gegenmittel bei der Frau an der Theke hinterlegt. Ach, und Sie schulden ihr fünfhundert Pesos dafür. Lassen Sie Don Felix wissen, dass ich innerhalb von siebenundvierzig Stunden Kontakt aufnehmen werde, um die Erfüllung unseres Vertrages zu bestätigen und um die zweite Hälfte der Bezahlung zu arrangieren. Und noch einmal: Seien Sie vorsichtig mit der Flasche des Gegenmittels, und nicht mehr als ein Esslöffel pro Person. Noch Fragen?«

»Nein. Ich habe verstanden.«

Der junge Mann beendete den Anruf, fuhr mit seinem Truck die Schotterstraße entlang und schlängelte sich durch den Verkehr zur Autobahn, die ihn entlang der Küste nach Süden führte. Er fragte sich, ob der Kartellboss merken würde, dass das Gegenmittel aus Wasser mit ein wenig darin gelöstem Viagra bestand. Wahrscheinlich nicht. Am Ende spielte es keine Rolle. Montanegro würde froh sein, wenn sein Rivale hingerichtet war. El Rey würde seinen neuen Preis von einer glatten Million durchgesetzt haben, und somit müsste er nur einen Coup pro Jahr landen, um wie ein König zu leben. Er vermutete, dass er seinen Preis in ein paar Jahren wohl wieder erhöhen müsste, nur um den Schein zu wahren.

Eines war jedoch sicher: Montanegro würde ihn für jede andere hochwichtige Exekution einsetzen, die er durchgeführt haben wollte, egal was es koste. Geld bedeutete dem Mann nichts. Und er würde sich – auch dies gehörte wie eine stillschweigende Vereinbarung dazu – nicht mit irgendwelchen Sanktionen gegen El Rey wenden. Das war unbezahlbar.

Genauso unbezahlbar wie der Ausdruck auf Montanegros Gesicht, als El Rey sich spontan die Geschichte über das mystische Gift ausgedacht hatte.

Er summte vor sich hin, als er auf die Mautstraße in Richtung Ensenada fuhr.