KAPITEL SIEBZEHN

»Ein amerikanischer Diplomat?«, wollte Cruz wissen.

»Ja, Sir. Die Abdrücke passen zur Datei eines Mitgliedes der amerikanischen Botschaft in Mexico City. Hier steht, sein Name ist Joseph Fitch und dass er ein Handelsattaché ist«, sagte Briones.

Cruz brauchte ein paar Momente, um die Enthüllung zu verdauen. »Irgendwelche Theorien, warum ein Mitglied der US-Botschaft einen Auftragsmörder anheuern würde, um mich auszuschalten oder um Besitzer von Antiquitätenläden kaltblütig zu ermorden?«

»Nein, Sir. Oder zumindest keine brauchbaren.«

»Vielleicht arbeitet er mit den Kartellen zusammen. Wurde er ins Kartell aufgenommen? Wäre nicht das erste Mal …«, sinnierte Cruz.

»Könnte sein. Aber es ist nicht wirklich wichtig. Wenn ich das richtig interpretiere, hat er diplomatische Immunität«, sagte Briones, als er sein Handy las.

»Was? Auf keinen Fall. Sagen Sie mir nicht, dass die Immunität auch für das Anheuern von Auftragskillern gilt oder das Erschießen von Menschen«, rief Cruz.

»Äh, ich glaube nicht, dass sie dafür gedacht war, aber wir müssen den Generalstaatsanwalt hinzuziehen für eine endgültige …«

»Er hat einen Mann erschossen, während Sie es auf Band aufgezeichnet haben.«

»Ja. Und angenommen, dass er immer noch im Land ist, könnten und sollten wir uns an den Generalstaatsanwalt wenden. Selbst wenn er nicht mehr da ist. Vielleicht könnten wir ihn ausliefern lassen …«, meinte Briones. Seine Stimme wurde immer schwächer, bis sie ganz verstummte. Das klang selbst für seine Ohren nicht sehr überzeugend.

»Wir können uns um die Details später kümmern. Bringen wir den Staatsanwalt ins Spiel, geben ihm, was wir haben, und setzen dann die Amerikaner unter Druck, ihn auszuliefern. Wenn er sich den Kartellen angeschlossen hat, ist er der Feind, und unsere ›Partner‹ im Norden müssen das Programm durchziehen.«

Cruz wurde wütend. Er musste aus dem Krankenhaus raus und zurück ins Feld. »Bringt den Doktor hier rein. Ich muss wissen, wann ich entlassen werden kann, ohne mich selbst umzubringen.«

»Eine Sache noch. Die Identifikation ging auf zwei Schützen zurück, die versuchten, Sie zu beseitigen. Es sind Vollstrecker der Templer-Ritter. Vielleicht also Rache an Santiago?«, berichtete Briones.

»Vielleicht. Das ist die wahrscheinlichste Erklärung. Aber es erklärt nicht, warum ein amerikanischer Diplomat zahlen würde, um den Job zu beenden …«

»… es sei denn, der Diplomat arbeitete im Auftrag des Kartells«, schloss Briones. »Ich verstehe. Natürlich, wenn die Kartelle das diplomatische Korps der USA durchsetzen, ist das Problem einfach viel, viel größer als nur auf Mexiko bezogen. Jetzt sprechen wir mehr über ein globales Problem. Auf jeden Fall eins für die Amerikaner.«

Dinah kehrte in diesem Augenblick mit einer Dose Limo in der Hand zurück. Sie strahlte Cruz wieder an.

Briones warf ihm einen unmissverständlichen Blick der Bewunderung zu. »Ich werde den Arzt holen«, sagte er, um sich rarzumachen.

Cruz setzte sich gerader auf, dabei zuckte er vor Schmerz zusammen. »Wir werden die Informationen im Buch Ihres Vaters analysieren, und ich hoffe, es bringt uns in eine produktive Richtung, Dinah. Seien Sie unbesorgt. Ich werde das nicht fallen lassen. Vertrauen Sie mir, wenn ich sage, dass es meine oberste Priorität ist, den Mörder Ihres Vaters zu finden«, versicherte er ihr.

»Ich vertraue Ihnen und glaube, wenn es irgendjemand kann, dann Sie. Kümmern Sie sich jetzt erst einmal darum, dass es Ihnen besser geht. Man wird nicht jeden Tag angeschossen. Gott sei Dank!«, fügte sie hinzu.

»Ist auch nicht empfehlenswert. Aber ich sollte bald hier draußen sein, und dann werde ich die Dinge wieder in die Hand nehmen.«

Briones erschien mit dem Arzt, der eine flüchtige Untersuchung machte und Cruz versicherte, dass er innerhalb von vierundzwanzig Stunden entlassen werden könnte.

»Das sind doch tolle Neuigkeiten, Captain«, sagte Dinah begeistert. »Ich wette, Sie werden froh sein, aus dem Krankenhaus rauszukommen.«

»Sie wissen gar nicht, wie recht Sie damit haben«, versicherte Cruz ihr. »Briones, geben Sie mir noch eine Minute Ihrer Zeit, bevor Sie gehen, wenn ich bitten darf.« Cruz schaute demonstrativ auf den Arzt und Dinah. Sie verstanden den Wink.

»Ich hoffe, es geht Ihnen bald besser. Versuchen Sie, weitere Hundebisse zu vermeiden«, sagte sie und folgte dem Arzt aus dem Zimmer. Cruz wartete, bis sie weg und die Tür geschlossen war.

»Bringen Sie mich hier weg. Lassen Sie mich auf eine andere Station im Krankenhaus verlegen oder in ein anderes Krankenhaus, aber ich will innerhalb der nächsten zwei Stunden hier raus sein. Mir gefällt diese ganze undurchschaubare Kacke nicht, die hier abläuft! Bis wir genau wissen, was abläuft, möchte ich schwer zu finden sein. Bringen Sie Dinah nach Hause; verraten Sie ihr nichts mehr über mich und schicken Sie mir den Arzt herein, wenn Sie gehen. Arrangieren Sie die Verlegung auf ein anderes Stockwerk oder in eine andere Einrichtung, denn hier werde ich nicht bleiben. Ich fühle mich wie auf dem Präsentierteller, und ich möchte nicht, dass jemand mit diplomatischer Immunität hier auftaucht, um mich zu erschießen, und dann Mexiko den Stinkefinger zeigt.« Cruz hatte die widerwärtigen Informationen über den amerikanischen Diplomaten inzwischen verdaut, und die Folgen gefielen ihm gar nicht.

»Unbedingt. Wird erledigt! Und ich bedaure, dass ich Dinah irgendetwas gesagt habe. Sie hat so eine Art, einem die Dinge aus der Nase zu ziehen …«

»Da habe ich nicht die geringsten Zweifel, sie ist sehr überzeugend. Jetzt aber raus hier. Sehen Sie zu, dass ich verlegt werde«, schloss Cruz.

»Wird erledigt!«

Während Dinah auf Briones wartete, umgarnte sie auf ihre unschuldige Art den Arzt, der gerade sein Gespräch mit ihr beendete.

»Er kann von Glück reden, dass er noch am Leben ist. Eine winzige Abweichung beim Eintrittswinkel in der Brustwunde oder ein paar Minuten länger blutend auf dem Gehweg, und er wäre tot«, sagte er ihr.

»Ich würde sagen, er ist ein Glückspilz. Vielen Dank, Doktor. Sie sind ein Gentleman«, gurrte sie, wobei der Arzt um einige Zentimeter zu wachsen schien.

Briones ging ihm nach, als er sich auf den Weg in den nächsten Raum machte, und führte eine knappe Unterredung. Die bewaffneten Federales, die im Flur saßen, beäugten Dinah neugierig und zeigten mehr als nur ein wenig Interesse. Sie schien davon keine Notiz zu nehmen.

Briones kam zurück, und sie fixierte ihn mit einem Blick, der einem Siebenjährigen mit Sicherheit Angst eingejagt hätte.

»Hundebisse, hm?«

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Der Citation Ten Executive Jet landete am Dulles International Airport und rollte zum privaten Charterbereich, wo ein gut beleuchteter Hangar seine Ankunft erwartete. Obwohl es ein internationaler Flug war, gab es nirgendwo Anzeichen von Zollbeamten. Das war schon im Voraus geregelt worden. Dieser Hangar befand sich außerhalb des Rasters, soweit es um kritische Details wie Pässe oder Überprüfungen ging. Das war schon seit Jahrzehnten so.

Das Flugzeug rollte aus und kam zum Stillstand. Eine hydraulische Falttreppe fuhr mit einem Zischen präzise aus dem Rumpf, und die Kolben ließen sie auf ihre Position herab. Der kleine kahlköpfige Mann schritt behutsam mit einer hastig gepackten Reisetasche die Stufen hinunter und lief auf die wartende Limousine zu – ein langer schwarzer Lincoln mit Regierungskennzeichen. Der Fahrer, in einem schwarzen Anzug und mit Krawatte, öffnete ihm die hintere Tür. Der Neuankömmling spähte ins Auto, lächelte und kletterte auf den Sitz gegenüber Kent.

»Willkommen zu Hause, Joe«, sagte Kent und streckte ihm seine Hand entgegen.

»Danke, Kent. Und besonderen Dank für das Organisieren des Fluges. Schönes Flugzeug«, meinte Joseph und ergriff dabei Kents ausgestreckte Hand.

»Es ist die beste Art zu fliegen, nicht wahr?«, stimmte Kent zu.

Das Auto verließ den Hangar, und bald rasten sie über die Autobahn in Richtung Virginia.

»Was ist also passiert? Wie konntest du im mexikanischen Knast landen?«, fragte Kent.

»Ich habe den Kontakt wie angewiesen beseitigt«, sagte Joseph. »Es stellte sich heraus, dass es eine Falle war. Die Federales erwarteten mich. Ich hatte null Optionen und musste ihnen erlauben, mich mitzunehmen. Das Hacken des Computers klappte übrigens prima. Sie ließen mich am Morgen laufen, ohne Fragen zu stellen. Dämliche Drecksäcke.«

»Haben sie irgendwelche Informationen von dir bekommen? Einen Ausweis?«

»Was, machst du Witze? Du weißt, dass ich bei einem Job nie etwas dabeihabe. Und, nein, ich habe kein Wort zu irgendjemandem gesagt. Soweit es sie betrifft, bin ich der unsichtbare Mann«, versicherte Joseph ihm.

»Ich hätte es wissen müssen. Du bist ein Zauberkünstler, wie immer.« Kent lächelte ihn an. »Es ist wirklich gut, dich wiederzusehen, Kumpel. Es ist schon zu lange her.«

»Ja, stimmt. Das nächste Mal schickst du mich nicht in irgendwelche Höllenlöcher, okay? Vielleicht irgendwo, wo es Spaß macht, wie Prag oder Buenos Aires?«

»Du hast recht. Hey, tut mir leid, Kumpel. Nach vier Stunden in der Luft musst du ausgetrocknet sein. Willst du etwas Wasser? Einen Drink? Ich habe Scotch und Wodka, Bier, Softdrinks und H2O. Nenn mir dein Gift«, erbot sich Kent.

»Ich könnte etwas Wasser gebrauchen.« Joseph stellte die Klimaanlage so ein, dass sie gegen ihn blies. »Also, was tun wir jetzt? Wie geht es weiter?«, fragte er.

»Das ist schwierig, Joe.« Kent überreichte ihm eine Flasche Wasser, die er für ihn mit einem Knacken geöffnet hatte. »Wir werden dich von Mexiko abziehen müssen. Da bist du zu sehr auf dem Präsentierteller. Ich denke, wir besorgen dir für ein paar Monate ein Büro, lassen dich Operationen aus dem Hintergrund steuern, und dann bringen wir dich wieder in die Szene, sobald das Ding gelaufen ist«, sagte Kent.

»Das ist sinnvoll. Es ist mir egal, wenn ich Mexico City nie wiedersehe. Die Luft ist ätzend, und es ist wie das Leben auf einem Ameisenhügel. Zu viele Menschen aufeinander«, klagte Joseph, während er die halbe Flasche leerte.

»Schon eine Weile her, dass ich dort war. Was die Massen angeht, bin ich deiner Meinung. Ich hasse sie«, stimmte Kent zu.

Joseph wischte sich über die Stirn und nahm noch einen Schluck Wasser.

»Ich glaube, ich hab mir im Gefängnis etwas eingefangen. Ich fühle mich gar nicht …«, sagte er und wurde bewusstlos. Die Wasserflasche fiel lautlos auf den Boden. Zwanzig Sekunden später begann weißer Schaum aus seinem Mund und der Nase zu quellen. Kent nahm die Flasche und schraubte den Verschluss wieder auf. Erstaunlich, was ein wenig Sekundenkleber bewirken konnte, um das charakteristische Knacken einer vom Hersteller verschlossenen Flasche nachzuahmen. Kent drückte einen Knopf an der Sprechanlage.

»Es ist vorbei. Legen wir ihn an der Basis ab und verwischen jede Spur. Schneiden Sie ihn in so kleine Stücke, dass er durch einen Strohhalm passt.«

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Sobald es im Krankenhaus leise geworden war und die getriebene Hektik des Tages durch die Stille der Nacht ersetzt wurde, fuhr Cruz im Rollstuhl, der ihm von einem Pfleger zur Verfügung gestellt wurde, unruhig den Gang entlang. Er hatte die Erlaubnis bekommen, den Infusionsschlauch abzunehmen und den Katheter zu verschließen. Genau das hatte er vor ein paar Minuten gemacht, bevor er eine Plastiktüte mit seinem Geldbeutel, dem Handy und der Waffe auf seinen Schoß legte. Er stahl sich vorsichtig durch die Tür. Die zwei Federales dienten als Statisten – Briones hatte sie instruiert, vor »seinem« Zimmer auf Wache zu bleiben und niemanden hineinzulassen, egal was, und seine Abwesenheit unter keinen Umständen zu diskutieren.

Der Arzt hatte widerwillig zugestimmt, ihm ein Zimmer zu geben, das er absperren konnte, und hatte es mit einem Tropf versehen, damit er mit Flüssigkeit versorgt war. Cruz wurde über die damit verbundenen Risiken informiert und hatte die Kenntnisnahme unterzeichnet. Immerhin waren diese wesentlich geringer als die Wahrscheinlichkeit, von einem Kartell angegriffen zu werden, das die Absicht hatte, ihn zu töten. Er sah deshalb bessere Chancen für sich als namenloser Patient in der Entbindungsstation.

Die Brust tat ihm höllisch weh von der Anstrengung, aber es war ihm egal. Er hatte immer noch ausreichend Kraft im Oberkörper, selbst nachdem die Kugel den Brustmuskel zerrissen hatte. Das Bein war eine andere Sache, aber damit würde er sich nach und nach befassen. Falls erforderlich, könnte er sich ein paar Wochen mit Unterarmgehstützen behelfen. Er hoffte, dass das nicht notwendig sein würde. Vielleicht könnte eine Art Stütze oder ein weicher Gips angelegt werden. Sie würden diese Optionen bei seiner Entlassung durchgehen.

Der Arzt meinte, er könne am folgenden Tag entlassen werden, würde es aber vorziehen, wenn er noch achtundvierzig Stunden länger bliebe. Cruz wollte unbedingt aus dem Krankenhaus, aber wollte auch nicht in ein paar Tagen wieder dort landen, weil er sich überanstrengt hatte. Briones würde ihm morgen einen Laptop mitbringen, damit er sich mit dem Server des Hauptquartiers verlinken konnte, was ihm ein produktiveres Gefühl geben würde, also fand er sich damit ab, es durchzustehen und zwei weitere Nächte dort zu verbringen.

Er erreichte seine neue Bleibe, rollte hinein und versperrte die Tür mit dem Schlüssel, der freundlicherweise innen an der Türklinke hing. Jetzt war er sicher, oder zumindest so sicher, wie er in Mexico City sein konnte.

Sobald er entlassen wurde, wollte er Briones wochenweise ein Chef-Apartment in einem der schicken Hochhäuser in der Innenstadt mieten lassen, während er sich erholte. Es war ziemlich klar, dass er in nächster Zukunft nicht in sein Haus zurückkehren konnte, ohne Gefahr zu laufen, ermordet zu werden.

Cruz kletterte auf das Bett und drückte den Knopf, der das Licht ausmachte. Die einzige Beleuchtung kam vom Fenster; das sanfte Licht von der Parkplatzbeleuchtung war gerade hell genug, dass er die Plastiktüte auf den Nachttisch legen und die Pistole herausziehen konnte. Er bettete sie in seine Hand, während er einschlief. Endlich konnte er das tun, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass er im Schlaf abgeschlachtet werden könnte.

Seine letzten Gedanken drehten sich um Dinah; ihr Haar glänzte in den stark fluoreszierenden Krankenhauslichtern, und die Träume, als sie kamen, zeigten ihr Lächeln, bezaubernd und voller Hochspannung.

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Am nächsten Tag kam Briones mit dem Laptop und einer Tasche mit Kleidung, um diejenige zu ersetzen, die der Captain bei dem Attentat am Leib getragen hatte. Was davon nicht von Kugeln durchlöchert gewesen war, hatte ihm das medizinische Notfallteam vom Körper schneiden müssen. Es gab ein paar demütigende Dinge, wie drei Tage mit dem Hintern aus der Rückseite eines Gaze-Kleides hängend zu verbringen, sodass der Anblick echter Kleidung Cruz mit einem Optimismus erfüllte, der jeder rationalen Erklärung trotzte. Briones hatte auch noch eine besondere Überraschung: eine brandneue Pistole mit zwei Ersatzmagazinen.

Cruz gab die Waffe zurück, die Briones ihm geliehen hatte, und hob die neue Glock glücklich hoch. Es war erst zehn Uhr morgens, und doch entwickelte sich der Tag gut.

Der Arzt schaute vorbei, um den Verband auf seiner Brust und dem Bein zu überprüfen, und versprach, später noch mal zu kommen, um ihn zu wechseln und ihm eine weitere Antibiotikainjektion zu verabreichen. Cruz hatte wieder Farbe angenommen, was signalisierte, dass sein Blutbild wieder normal war – die Tests würden das bestätigen, aber seine Haut sagte ihm schon alles, was er wissen musste. Die nahezu konstante Infusion von Plasma, Vitaminen und Mineralien hatte seinem Körper die notwendigen Materialien gegeben, um sich wieder aufzubauen, und er fühlte sich von Stunde zu Stunde stärker.

Cruz ging online und sah, dass er sich durch Hunderte von Nachrichten zu wühlen hatte. Das würde ihn die nächsten zehn Stunden beschäftigt halten. Er wandte sich an Briones, den etwas auf seinem Telefon sehr zu beschäftigen schien.

»Was ist?«, fragte Cruz

»Das ist nicht gut. Die Nummern am Ende von Tortoras Notizbuch … alle waren von registrierten mobilen Telefonen, außer einer. Die Telefone wurden alle nur einmal benutzt und dann weggeworfen. Klingt das vertraut?«

»Standard-Kartellverfahren. Gibt es überhaupt etwas Vielversprechendes?«, fragte Cruz.

»Ja, die letzte Nummer war eine aus Los Cabos. Ein Münztelefon außerhalb vom alten Busbahnhof in Cabo San Lucas. Es ist nicht viel, aber wenn das von unserem Freund El Rey benutzt wurde, bedeutet es, dass er bereits in Los Cabos ist, und das seit mehreren Wochen, mindestens.«

»Also mehr Indizien, die niemanden wirklich interessieren werden, außer um auf Löcher im Fall hinzuweisen«, murmelte Cruz bitter.

»Ja, aber es sagt uns etwas Wichtiges, glaube ich – dass wir unseren Überwachungsdruck in Baja erhöhen und dort mehr auf die Beine stellen müssen. Dort wird die ganze Aktion abgehen, jetzt, wo der Gipfel in nur fünfundzwanzig Tagen auf uns zukommt«, machte Briones klar.

Er hatte recht. El Rey musste da sein. Keine Frage. Aber das zu wissen, nützte ihnen nicht viel, wenn sie seinen Aufenthaltsort nicht ein wenig näher eingrenzen konnten. Die Bevölkerung von San José und Cabo betrug fast zweihundertfünfzigtausend – nicht gerade eine kleine Gruppe, die zu sichten war. Und wie sie schon viele Male diskutiert hatten: El Rey hatte zweifellos Möglichkeiten, sein Erscheinungsbild zu ändern, die Skizze könnte also nicht sehr hilfreich sein. Etwas so Simples wie eine Veränderung der Haarfarbe oder des Haarschnitts oder eine Gesichtsbehaarung könnte das Aussehen radikal ändern. Sie ließen Arlen Spitzbärte und Schnurrbärte einzeichnen, aber je mehr man das Gesicht bedeckte, desto unspezifischer wurden die Zeichnungen.

Sie verbrachten die meiste Zeit des Tages mit dem Durchgehen einer Strategie, und um sechs Uhr bat Briones, Schluss mit der Arbeit machen zu dürfen. Er musste eine Wohnung für Cruz sichern und Nachrichten an die zusätzlichen Beamten weiterleiten, die sie nach Baja aussandten. Er konnte also froh sein, wenn er um neun Uhr abends fertig werden würde.

Cruz war dankbar, dass Briones für ihn einsprang und in seine Fußstapfen trat, während er außer Gefecht gesetzt war. Er wusste wirklich nicht, was er ohne seine Hilfe gemacht hätte, und war froh, dass er ihm keinen Strick daraus gedreht hatte, als er seine Zweifel über Julio und Ignacio geäußert hatte.

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Kent hasste Telefongespräche, wann immer es um etwas ging, das nicht wichtig war, aber er konnte den Sprecher des Repräsentantenhauses nicht einfach abweisen, so verlockend es auch war. Zumindest rief er aus dem Festnetz an. Handys waren anfällig für Lauschangriffe, obwohl ihn praktisch niemand unter Beobachtung stellen wollte, aber die Macht der Gewohnheit sagte Kent, dass es unklug sei, etwas über das Mobiltelefon zu diskutieren.

»Sie sagten mir, es gäbe keine Möglichkeit, mit den Ereignissen in Verbindung gebracht zu werden, und jetzt erzählen Sie mir, dass Sie einen Agenten aus dem Verkehr ziehen und beseitigen mussten? Was ist mit denen vor Ort? Denken Sie nicht, dass die verrückt spielen, wenn sie entdecken, dass er weg ist?« Der Sprecher klang Kents Meinung nach weitaus besorgter, als die Situation es rechtfertigte.

»Er wurde von den Kartellen umgedreht, ein schwarzes Schaf, und nun ist er verschwunden. Das ist die Erklärung. Wir können nicht jemanden präsentieren, der nicht mehr existiert.«

»Der Punkt ist doch, dass alles bereits den Bach runtergeht. Zuerst das DEA-Memo und jetzt eine Menschenjagd auf Botschaftspersonal. Das gefällt mir nicht. Ich glaube nicht, dass Sie das so fest im Griff haben, wie Sie behaupten«, sagte der Sprecher.

Da war es also. Die Angst musste irgendwo abgelassen werden, und deshalb haben sie die Scheißekanone herausgeholt und Kent eine kräftige Ladung verpasst. Er würde dem ein schnelles Ende setzen.

»Es ist nichts von Bedeutung geschehen. Bei jedem komplizierten Plan erwartet man ein paar Unwägbarkeiten. Das waren unsere. Aber sie waren überschaubar. Haben Sie noch etwas über das Memo gehört? Nein. Es ist bereits begraben und vergessen. Wie auch Joe. Er war ein aggressiver, niedrigrangiger Mitarbeiter, der anscheinend seine Taschen mit Offerten der Kartelle füllte. Wissen Sie was? So bedauerlich es auch ist, manchmal werden gute Männer böse. Das ist die überraschende Erklärung, die wir am Ende geben – und wir werden die diplomatische Immunität für ihn aufheben, als Zeichen unseres guten Willens. Ende. Nichts weiter zu diskutieren. Deshalb mache ich mir keine Sorgen.«

Kent hatte gute Argumente. Der Kreis hatte sich geschlossen. Der Polizist war aus dem Verkehr gezogen, Joe war Schlamm am Grund eines Abflussgrabens in Vermont, das Memo war eines von Tausenden informativer Bulletins, die gelesen und dann vergessen werden, und der Kartellchef war Futter für die Würmer.

Nach ein paar weiteren Plattitüden legte Kent auf, zufrieden damit, dass er für den Moment die Nerven des großen Mannes beruhigt hatte. Je näher der große Tag rückte, desto mehr dieser Zwischenspiele würde es geben, aber solange sie nicht schlimmer wurden, konnte es ihm überhaupt nicht schaden.

Das war alles Teil eines Jobs, den sonst niemand wollte oder für den niemand den Mumm hatte.