KAPITEL ACHT

General Alejandro Ortega musterte von seinem Beobachtungsposten aus mit gehörigem Sicherheitsabstand vom Geschehen die Soldaten, wie sie rund um den Klub in Stellung gingen. Der Major, der das Einsatzteam leitete, war bewährt, ein Veteran vieler ähnlicher Sturmangriffe gegen die Kartelle. Obwohl man nie wissen konnte, was genau einen erwartete, lag man in der Regel richtig, wenn man davon ausging, dass ihre Gegner nicht einfach kapitulieren würden, und es war klar, dass tödliche Gewalt zum Einsatz kam.

Frühlingsabende in Morelia waren im Allgemeinen frisch, und auch diese Nacht machte keine Ausnahme. Die Soldaten trugen graue Tarnanzüge, vollständig in Kampfausrüstung, bestehend aus Kevlarwesten, Sturmgewehr, Granaten, Pistolen und Kampfmesser. Die Mannschaft, die der General für diesen Angriff zusammengestellt hatte, zählte fünfzig Männer, die ebenso erfahren waren wie der Major. Er duldete keine Fehler. Morelia hatte genug bewaffnete Auseinandersetzungen auf den Straßen erlebt, dass es für ein Leben genug war. Er konnte sich nicht viele militärische Todesfälle leisten, die dann in den Medien breitgetreten wurden. Dieser Einsatz musste mit chirurgischer Präzision durchgeführt werden und innerhalb weniger Minuten beendet sein, oder es würde katastrophal werden – wie es immer geschah, wenn sich die Ereignisse zu einer Pattsituation entwickelten.

Die Stimme des Majors murmelte über ihren geschlossenen, funkverschlüsselten Kanal. Sein Adjutant übergab dem General das Mikrofon, sodass er sprechen konnte.

»Ja, Major. Ich sehe, dass Sie in Position sind. Ich habe beide Seiten der Straße abgesperrt, aber Sie müssen schnell vorrücken, für den Fall, dass jemand aus der Bande die Straßensperren sieht und Alarm schlägt.«

»Bitte um Starterlaubnis für die Operation, Sir.«

»Sie haben grünes Licht, Major. Wiederhole: Sie haben grünes Licht.«

»Roger! Beginn des Angriffs bei zwanzig–einhundert auf den Punkt.« Die Übertragung des Majors schwieg.

Eine Minute später sah der General, wie die Soldaten auf den Klub vorrückten. Er hörte das charakteristische, schnelle Bellen der M4 und M16 mit eingestreutem Feuer aus Kleinwaffen und das Rattern der Kalaschnikows. Eine Granate krachte, ihre Detonation dröhnte bis auf die Straße, und dann, nachdem ein paar weitere Salven abgefeuert worden waren, kehrte im gesamten Bereich Ruhe ein.

Vier Minuten vergingen. Dann fünf. Schließlich war die verrauschte Stimme über die Komm-Verbindung wieder zu hören.

»Der Nachtklub wurde eingenommen. Alle Feinde sind außer Gefecht. Wir haben sie unter Feuer genommen, drei unserer Männer sind tot, zwei verwundet. Neun Feinde eliminiert. Ende.«

»Ich werde augenblicklich dort sein. Herzlichen Glückwunsch zu diesem gut gemachten Job«, ließ Ortega verlauten.

Der General stieg aus dem Kommandofahrzeug aus und marschierte in Richtung Klub. Er wurde auf beiden Seiten von je einem bewaffneten Soldaten mit Waffe im Anschlag flankiert; für den Fall, dass sich unsichtbare Angreifer entschieden, ein paar Schüsse auf sie abzugeben. Die schweren Kampfstiefel des Trios dröhnten im Gleichschritt unheilverkündend auf dem Pflaster. Militärnotfallfahrzeuge nahmen mit kreischenden Bremsen eine Warteposition am Straßenrand ein. Mediziner schossen mit Tragen in den Klub hinein und begannen mit der Selektion der Verletzten.

Das Innere des Klubs bot die Szenerie eines Schlachtfeldes mit Blutlachen überall dort, wo Körper gelegen hatten. Die Kartellmitglieder waren zum Fotografieren und zur endgültigen Identifizierung vor Ort liegen gelassen, die gefallenen Soldaten zu ihren verletzten Kollegen in den Erste-Hilfe-Bereich geschafft worden. Es war ihr Blut, das auf dem Boden und an den Wänden zu sehen war. Einige der Bedienungen waren verwundet und zwei tot – zwar bedauerlich, jedoch ein akzeptabler Kollateralschaden. Dies war ein Krieg, und manchmal wurden Zivilisten in Kriegen verletzt, vor allem, wenn sie sich in einer Kartellhochburg aufhielten. Genauso spielten sich die Dinge eben ab.

Vom Kampf erschöpfte Soldaten lehnten sich gegen die Wand oder rekelten sich auf den Separeebänken mit roter Vinylverkleidung. Ihre Waffen richteten sie auf den Boden oder legten sie auf den Tischen ab. »So ein Kampf ist schon eine merkwürdige Sache«, sinnierte der General »Die Zeit wird komprimiert, und Minuten scheinen Stunden zu dauern.« Wenn sich erst einmal der Einfluss des Adrenalin-Kicks, den der Beschuss auslöste, abbaute, dann fühlte es sich so an, als ob der Körper gerade einen Marathonlauf hinter sich gebracht hätte. Er kannte das Gefühl, obwohl es schon mehr als zehn Jahre her war, dass er in eine Schießerei verwickelt gewesen war. Ein hochrangiger General war zu profiliert und strategisch zu wichtig, um solche Risiken einzugehen.

Zwei Soldaten standen auf beiden Seiten des Eingangs zum ramponierten Büro stramm. Die Mauern rundherum waren mit Einschusslöchern übersät. Er betrat das Zimmer, und der unverwechselbare Geruch von Blut erreichte ihn, zusammen mit dem entleerter Därme. Das zeigen sie im Kino oder im Fernsehen nicht, aber oft riss die Kugel bei einem Bauchschuss den Darm auf und Darmflüssigkeit trat überall aus. Und ebenso oft ging als Begleiterscheinung mit dem Sterben ein völliger Verlust der neuromuskulären Kontrolle einher, was auch Darm und Blase betraf. Das Geschäft des Todes war eben schmutzig, das wusste er.

Es war schließlich der Beruf, den er gewählt hatte.

Ortega ging dorthin, wo der Major über einem Bullen von einem Mann gebeugt stand, der hinter dem Metallschreibtisch mit mindestens sechs sichtbaren Schusswunden lag. Das Zimmer war ein Chaos, die Granate hatte Schrapnells überall hin geschleudert. Der Mann hinter dem Schreibtisch musste dahinter Deckung genommen haben, um der Explosion zu entkommen. Gemessen am Zustand der anderen Leichen im Raum, hatten seine Kumpane diese Weitsicht wohl nicht gehabt.

»Das ist die Zielperson. Batista«, meldete der Major. »Er hatte sich hier mit fünf anderen und einer Gruppe von Vollstreckern verkrochen. Sie legten es auf einen Kampf an. Den habe ich ihnen zugestanden. Sie haben gesehen, wie lange es dauerte, sie auszuschalten. Diese dummen Bastarde hätten sich ergeben sollen, anstatt zu versuchen, sich auf einen Schusswechsel mit einer Armee-Einheit einzulassen …«

»Wann hat je eine von diesen verkackten Ratten genügend Verstand gezeigt und die Waffe runtergenommen, anstatt auf uns zu schießen?«, sinnierte General Ortega.

»Gutes Argument. Wir wären alle unseren Job los, wenn die menschliche Natur sich so sehr veränderte, was?«, entgegnete der Major.

»Nicht sehr wahrscheinlich. Gut gemacht, Major. Weitermachen!«, sagte Ortega und machte mit seinem Handy ein Foto von Batistas Leiche.

Der General inspizierte die anderen Leichen mit nur geringem Interesse und signalisierte dann seinen zwei bewaffneten Adjutanten den Abzug mit einem Wink. Er beabsichtige nicht, hier länger zu bleiben, als es erforderlich war. Die Operation war beendet, die Zielperson neutralisiert und die Mission erfüllt. Der Rest war nur Schmutzbeseitigung.

Sie kehrten zum Kommandofahrzeug zurück, und der Fahrer startete den Motor der militärischen Ausgabe Humvee H1 – ein kehliger Diesel, der das Fahrzeug durch tobende Flüsse oder Berghänge hinauf beförderte. Ortega setzte seine Lesebrille auf, drückte auf den Schaltflächen seines Handys herum, bemüht, sich in den Menüoptionen zurechtzufinden. Nach einigen Fehlstarts fand er die E-Mail-Funktion und drückte den Sendeknopf. Zufrieden beobachtete er, wie das Foto des toten Batista seinen Weg zu dessen Rivalen El Chavo fand. Das war der von Ortegas Sponsor favorisierte Lieutenant im Sinaloa-Kartell, ausersehen, die Geschäfte zu führen, nun, da Santiago das Zeitliche gesegnet hatte.

Und sofern Poncho Gallermo morgen noch lebte, würde Ortega sich an die Spitze eines Schlags zur Vernichtung dieses Parasiten stellen.

Man musste seine Schlachten mit Bedacht wählen. Es zahlte sich nicht aus, sich dem System zu widersetzen. Die Welt war ein unvollkommener Ort, und wenn zwei gemeingefährliche mordende Psychopathen mit einem Minimum an Aufwand entfernt werden konnten, dann war das gut für alle. Natürlich würden sie nur durch andere Halsabschneider ersetzt werden, aber das war der Lauf der Welt. Er konnte es nicht vollständig unterbinden, also konnte er sich auch ebenso gut ein wenig Geld für den Ruhestand verdienen, während er sich seiner noblen Aufgabe widmete.

Der Humvee bewegt sich behäbig auf dem Weg zum Kontrollpunkt. Die Wachen winkten ihn durch und grüßten ihren Kommandanten, die Legende im ständigen Kampf für die Sicherheit des mexikanischen Volkes.

Julios Telefon klingelte um zehn Uhr dreißig. Er nahm ab und wurde von einem rastlosen House-Sound und Felipes Stimme begrüßt.

»Raphael! Hey, Mann, gut, dass ich dich erwische.«

»Felipe. Wie geht‘s dir? Was geht?«, fragte Julio. Seine Herzfrequenz erhöhte sich um zwanzig Schläge pro Minute und dröhnte in seinen Ohren.

»Hast du einen Stift? Schreib auf! Der Typ, über den wir geredet haben - er stimmt einem Treffen mit dir zu. Sein Name ist Jaime Tortora. Er hat ein Pfandhaus in der Nähe der großen Kathedrale in der Innenstadt!« Felipe gab ihm die Adresse. »Er sagt, dass er dich morgen früh so gegen zehn Uhr bei ihm zu Hause erwartet.«

»Felipe. Das ist geil. Ich kann dir gar nicht genug danken. Ich werde das nicht vergessen.«

»Sei vorsichtig, was du dir wünschst, mein Freund. Wie ich schon sagte, ab diesem Punkt gibt es kein Zurück mehr. Du bist auf dich allein gestellt«, erinnerte ihn Felipe.

»Ich weiß. Don’t worry, be happy, stimmt’s?«, sagte Julio in Anspielung auf einen Reggaesong, zu dem sie sich in den ersten gemeinsamen Jahren oft betrunken hatten.

»Na, wenn das nicht stimmt! Hey, möchtest du heute Abend mit mir in den Klub und einen Drink nehmen? Vielleicht ist es das letzte Mal, dass ich dich sehe …«, frotzelte Felipe.

»Ich weiß noch nicht. Das letzte Mal, als ich mit dir ein Gläschen getrunken habe, saugte mir die Bardame fast das Leben aus«, sagte Julio.

»Sie ist heute Abend auch hier. Sie hat schon nach dir gefragt. Es sieht so aus, als ob sie, wenn sie einmal den Gott der Liebe gekostet haben, für alle anderen Männer ruiniert sind. Du bist ein Tier, mein Freund. Ich habe sie noch nie so erlebt«, berichtete Felipe.

»Ja. Ich überlege gerade. Nein, ich glaube, ich werde heute Abend zu Hause bleiben. Ich versuche immer noch, mich von unserer letzten kleinen Soiree zu erholen.« Julio wanderte im Geiste zu ihrem temperamentvollen Stelldichein. »Sag ihr, ich rufe sie an.«

»Das werde ich. Aber tust du das wirklich? Wenn nicht, dann kommst du hier lieber nicht mehr vorbei, bis sie hier aufgehört hat, weil sie sich rächen wird«, riet Felipe.

»Ich schwöre auf einen Stapel Bibeln so hoch, wie du groß bist: Ich werde sie anrufen. Aber ich schaffe es heute Abend nicht. Ich bin völlig erledigt«, sagte Julio und verschwieg, dass er in ein paar Minuten mit Cruz telefonieren und ihn wahrscheinlich in den frühen Morgenstunden treffen würde, um den Einsatzplan für den Tortora-Laden zu besprechen.

»Ja klar! Hey, ich werde nicht mit dir schlafen, egal wie süß du daherredest, also spar dir deine Luft für Monique«, meinte Felipe. Monique war die Bardame. Als ob Julio das jemals vergessen könnte.

Ab dann entwickelte sich das Gespräch zu einer Art gegenseitigem Wettbewerb, wer die besten Nummern hingelegt hatte. Und es dauerte nicht lange, bis Julio ungeduldig Schluss machte, um Cruz die gute Nachricht mitzuteilen.

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Am nächsten Morgen um halb neun saßen Briones, Julio und Cruz im gleichen Starbucks wie beim vorherigen Treffen. Briones hatte einen Laptop im Schlepptau. Sie bestellten Kaffee, während Briones online ging. Es dauerte einige Minuten, sich auf dem Server in der Zentrale anzumelden. Sie hatten ein vollständiges Profil von Tortora abgerufen, und er erwies sich als blitzsauber. Keine vorherigen Verhaftungen, keine verdächtigen Einzahlungen bei der Bank, ein vorbildlicher Bürger mit einem bescheidenen, aber nachhaltig geführten Pfandhaus, aktuelle Papiere in Ordnung, niemals irgendwelche Verstöße oder Auffälligkeiten gemeldet. Tortora hatte in den letzten fünf Jahren nicht einmal einen Strafzettel für Falschparken erhalten. Fünf Jahre war der Zeitraum, der über das System verfolgt werden konnte. Der Mann war als Verbindungsmann für einen Auftragsmörder, geschweige denn für El Rey, der denkbar unwahrscheinlichste Kandidat. Julio beschlich plötzlich die Angst, dass dies Felipes verdrehte Art war, sich einen Spaß zu erlauben. Dann verwarf er den Gedanken. Es hatte nicht so gewirkt, als ob er sich über ihn lustig machte, als er zugestimmt hatte, Julio mit dem berüchtigtsten Auftragskiller in Lateinamerika in Kontakt zu bringen.

Briones gab eine Reihe von Daten ein und es baute sich ein Fenster mit Satellitenüberwachung der Innenstadt von Mexico City auf.

»In Ordnung. Das rote X ist der Laden. Sehen Sie, hier führt eine Gasse daran vorbei bis zu einem weiteren Gebäude. Somit haben wir uns nur um den Notausgang auf die Gasse und den Vordereingang zu kümmern. An der Straße befinden sich eingeschossige Ladengeschäfte, darüber gibt es Wohnungen, die jedoch über einen separaten Eingangsbereich neben der Pfandleihe betreten werden. Laut der Informationen, die wir bekommen konnten, hat Tortora dort eine Zweizimmerwohnung gemietet und besitzt auch ein Haus in einem der Vororte. Fährt einen VW Golf, drei Jahre alt, bezahlt«, rezitierte Briones und zeigte auf die Bildschirmmarkierungen.

»Was wissen wir über diesen Kerl sonst noch?«, fragte Julio.

»Er ist achtundfünfzig, lebt seit zwanzig Jahren am gleichen Ort«, antwortete Briones.

»Von wo stammt er ursprünglich? Von hier?«, fragte Cruz. Seine Haut erschien durch das unaufdringlich angewandte Make-up ein wenig dunkler, und seine Haare waren mit glänzendem Haargel streng nach hinten gekämmt. Die Verwandlung war dezent, er war jedoch nicht wiederzuerkennen – eine Hommage an die Fähigkeit der Maskenbildnerin, die sie engagiert hatten, um sein Aussehen zu verändern. Eine kleine runde Edelstahlbrille vervollständigte die Maskerade. Cruz war selbst sehr überrascht gewesen, als er sein überarbeitetes Aussehen im Spiegel überprüft hatte.

»Hm, nein. Aus Sinaloa, Culiacán«, sagte Briones, während er die Bildschirmfenster wechselte, um auf Informationen zuzugreifen.

»Die Drogenhauptstadt Mexikos. Zufall?«, fragte Julio.

»Ja, denn die Einwohnerzahl dort liegt weit über einer Million«, erläuterte Cruz. »Und vor achtundfünfzig Jahren war das Einzige, was in Culiacán vor sich ging, der Anbau von Tomaten und einem bisschen Marihuana. Also, es ist nicht eindeutig beweiskräftig, wenn wir ihm unterstellen, ein Lakai der Kartelle zu sein.«

»Also gut. Es war mir lediglich aufgefallen. Es ist zunächst nur ein Hinweis«, entgegnete Julio.

»Es heißt, er sei seit zehn Jahren geschieden. Eine Tochter. Nicht gerade das Profil, das ich für dieses Betätigungsfeld erwarten würde.« Briones war fertig mit seinen Eingaben und lehnte sich zurück. »Was glauben Sie, wie viel verdient so ein Verbindungsmann für einen Auftragskiller pro Job?«

»Wahrscheinlich mindestens zehn Prozent, wenn er die Aufträge beschafft. Aber in diesem Fall wäre es andersherum. Also vielleicht weniger. Warum?«, fragte Cruz.

»Und er würde vermutlich auch die Zahlungen für ihn abwickeln, richtig?« Briones wollte ganz offensichtlich auf etwas Bestimmtes hinaus, denn er ignorierte Cruz’ Frage.

»Das könnte ich mir vorstellen. Was wollen Sie damit sagen?«, bat Cruz um Klarstellung.

»Was macht er mit dem ganzen Geld? Selbst wenn er das meiste an El Rey weiterleitet, zweigt er sich bei zwei bis drei Millionen pro Bums einiges ab – entschuldigen Sie den Ausdruck. Tortora sollte inzwischen viele Millionen herumliegen haben oder zumindest locker ein paar Millionen. Aber schauen Sie sie sich das Ambiente und die Pfandleihe an. Es ist nichtssagend. Und sein Haus? Liegt im Wert vielleicht bei hunderttausend, vielleicht auch zweihunderttausend, wenn man es großzügig auslegt. Bescheiden. Hier steht, er hat insgesamt achtzehntausend Dollar auf seinen Konten, was nach mexikanischen Normen normal ist, sich aber nicht auf der Skala bewegt, nach der wir suchen. Also, wo hat er das Geld versteckt?«, fragte Briones.

Cruz beendete seinen Kaffee mit einem großen Schluck. »Ich nehme an, falls er das Zeug hat, für El Rey das Geld zu waschen, dass er wahrscheinlich über Konten im Ausland verfügt, meinen Sie nicht? Und das würde nicht überall erscheinen. Behandeln Sie dies wie ein Kartellbuchhalter, und Sie sind auf dem Laufenden. Das Geld liegt auf Geheimkonten oder irgendwo in bar. Damit beweist das Fehlen des Geldes leider nichts.«

Sie gingen sämtliche Fakten über Tortora durch, aber am Ende war der Kurs offensichtlich. Man würde sich einfach treffen und herausfinden, was er zu sagen hatte. Sie würden nicht verkabelt sein, weil ein Profi die Abhörausrüstung entdecken und sofort das Weite suchen würde. Also beinhaltete der festgelegte Plan, sich mit ihm zu treffen, um zu sehen, was gespielt wurde, und sich dann mit der Wucht eines herabfallenden Klaviers auf ihn zu stürzen.

Sie tranken ihren Kaffee aus und machten Feierabend, begaben sich über die Rolltreppen zur Tiefgarage, wo Julios Humvee geparkt war. Sie hatten beschlossen, zwei Autos zu nehmen und Briones abzusetzen. So konnten sie nach Verdächtigem Ausschau halten, während sie auf Parkplatzsuche waren – was wohl den schwierigsten Aspekt ihres Vorstoßes in diese Gegend darstellte.

Sie fuhren quer durch die Stadt und orteten Tortoras Straße mit dem Navigationsgerät im Humvee. Cruz setzte Briones einen Block entfernt ab, so konnte er sich hinüberschlängeln und die Pfandleihe für die zehn Minuten, die sie wahrscheinlich zum Parken brauchten, im Auge behalten. Briones bezog seine Stellung auf der gleichen Straßenseite wie Tortoras Laden und kaufte einen Spritzkuchen von einem Straßenstand. Er tat so, als sei er vertieft in das Lesen einer Textnachricht, während er das Ziel beobachtete. Er verspürte ein flüchtiges Gefühl der Besorgnis im Hinblick auf den Einsatz, der bei diesem Treffen auf dem Spiel stand. Das wurde durch die doppelte Dosis Koffein vom morgendlichen Briefing noch verschlimmert. Er notierte sich im Geiste, so etwas nie wieder vor einem Feldeinsatz zu tun.

Briones wäre fast weggesprungen, als er eine Hand an seiner Windjacke spürte. Er wirbelte herum und sah sich einer Obdachlosen gegenüber – einer schmutzigen, zerzausten Frau, natürlich high von irgendetwas. Sie griff nach ihm und murmelte ein wirres Bettelmantra. Er schüttelte sie ab und reichte ihr ein paar Pesos in der Absicht, sie loszuwerden. Sie registrierte das Geld nicht einmal und lief mit ausgestreckten Händen auf dem Bürgersteig weiter, um jemand anderen anzusprechen.

Zum Glück gab es nicht viel Fußgängerverkehr auf der Straße, was Briones die Beobachtung des Pfandhauses erleichterte. Wenn es irgendwie ginge, wollte er vermeiden, zu auffällig in der Nähe von Tortora zu stehen. Er observierte die Dinge lieber mit diskretem Abstand. Er hielt es für angebracht, den Durchgang zu durchqueren; so konnte er die einsame Gasse und die Ladenzeile im Blick behalten. Dann sah er Julio und Cruz, wie sie zusammen auf dem Bürgersteig aus der entgegengesetzten Richtung kamen. Die Spiele waren eröffnet.

Das Gewicht seiner Sig Sauer in seinem Schulterhalfter bot ihm ein wenig Rückversicherung. Er entschied sich, auf Tortoras Seite der Straße zu bleiben, und lief den Block runter, um dann auf kreisförmiger Strecke zurückzukehren und gegenüber ihrem Ziel Posten zu beziehen. Briones schlenderte mit der Überlegung in Richtung der Pfandleihe, er würde einen Blick in die Gasse werfen und dann mit Muße auf die gegenüberliegende Seite wechseln. Als er fünfzig Meter entfernt war, stieß er fast mit einem anderen Stadtstreicher zusammen – diesmal ein Mann, der aus einer schmutzigen Gasse auftauchte. Er trug schmuddelige, braune Hosen, einen zerrissenen Sweater und umklammerte eine Aktentasche, die zweifellos seine wenigen weltlichen Besitztümer enthielt. Beide Männer waren einfach ineinandergelaufen, als er um die Ecke kam. Die beiden entschuldigten sich gegenseitig stockend und setzten ihren eigenen Weg fort.

Der Beinaheunfall hatte Briones einen Augenblick lang aus der Bahn geworfen, er drehte sich um und verfolgte den Mann mit den Augen. Na großartig! Jetzt prallte er schon mit Bettlern und Pennern zusammen. Er musste seine vom Koffein schweifende Fantasie zügeln und sich auf die Aufgabe konzentrieren, bevor Cruz und Julio die Haustür erreichten. Briones würde für sie wohl kaum von Nutzen sein, wenn er sich durch seine Nerven ablenken ließ. Er schüttelte sich auf mentaler Ebene und riss sich zusammen. Er konzentrierte sich darauf, lässig zu wirken, wie er in gemäßigtem Schlendertempo die Straße entlangging. Beim Überqueren der Gasse warf er einen prüfenden harten Blick auf die zwei Müllcontainer neben den seitlichen Notausgängen. Er bemerkte, dass der Müll überquoll, da er wochenlang nicht abgeholt worden war. Die Gasse war kurz, was auch gemäß Satellitenbild zu erwarten war, und endete als Sackgasse mit einer Wand voller Graffiti, der schmutzige Boden übersät mit stinkendem Müll rund um die zerbeulten Behälter.

Briones fegte an Cruz und Julio vorbei, ohne etwas preiszugeben, und rannte den Block weitere fünfzig Meter hinunter, als ihn etwas umzustimmen schien. Er wartete auf eine Verkehrslücke und trabte zur anderen Straßenseite hinüber, wo er Stellung bezog. Von dort hatte er einen guten Blick auf das Geschäft und die Gasseneinmündung.

Julio stieß die Tür auf, und ein Summer ertönte von der Rückseite des Gebäudes hinter dem vergitterten Fenster, das Eindringlinge fernhalten sollte. Als nach wenigen Augenblicken nichts zu hören war, rief Julio laut.

»Señor Tortora? Hallo! Señor Tortora. Buenos dias. Ist jemand hier?«

Nichts.

Cruz musterte die schäbige Ware in zwei Vitrinen mit matten Scheiben, während sie darauf warteten, von dem gespiegelten halben Globus an der Decke, der eine Überwachungskamera war, registriert zu werden.

»Vielleicht ist er auf der Toilette?«, schlug Julio vor.

Cruz drückte einen Knopf, der am Fenster montiert war, und sie hörten hinten einen Klingelton, jedoch keine damit verbundenen Geräusche, die eine Bewegung ankündigten.

Sie wechselten unruhige Blicke, und Cruz blickte durch die Gitterstäbe, während Julio versuchte, den Griff der schweren stahlbewehrten Tür zu bewegen.

»Sie ist verschlossen«, sagte er.

»Sieht ganz danach aus. Was wollen Sie tun?«, fragte Cruz. Das war Julios Show.

»Ich denke, dass wir noch ein paar Minuten warten. Vielleicht holt er sich gerade einen Snack oder einen Kaffee«, sagte Julio zweifelnd. Zehn Minuten später standen sie immer noch im Laden ohne irgendeinen Hinweis darauf, dass irgendjemand irgendwann auftauchen könnte.

»In Ordnung. Das ist Schwachsinn. Ich werde jetzt ums Haus gehen und die andere Tür ausprobieren, und wenn die abgeschlossen ist, knicken wir das hier und finden jemanden, der uns öffnen kann. Entweder er hat uns an der Nase herumgeführt und sich aus dem Staub gemacht, oder es stimmt etwas nicht«, sagte Cruz, ging zur Tür und zog beim Hinausgehen sein Handy aus der Tasche. Er rief Briones an.

»Es gibt ein Problem. Hier ist niemand. Ich werde ums Haus herumgehen und sehen, ob ich von hinten hineinkomme. Wenn das nicht geht, brauche ich hier schnell einen Schlosser und ein Einsatzteam, damit wir den Laden auseinandernehmen können. Haben Sie beobachtet, ob jemand das Gebäude oder die Wohnungen verlassen hat?«, fragte Cruz.

»Nein, obwohl ich … egal«, sagte Briones und kam sich dumm vor, weil er es erwähnt hatte.

»Was?«

»Ich lief fast in einen Obdachlosen hinein. Er kam aus der Gasse«, erklärte Briones.

»Wann? Wie alt war er?«

»Ich weiß nicht. Jünger als ich …«, schätzte Briones.

»Dann war es nicht Tortora. Er ist älter. Und er ist kein Stadtstreicher, soweit wir wissen.«

»Stimmt.«

»Okay. Haltet eure Augen offen! Ich gehe jetzt raus vor die Haustür, und ich werde versuchen, durch den Gasseneingang hereinzukommen. Bleiben Sie am Apparat, aber achten Sie auf die Umgebung«, ordnete Cruz an und lief hinunter zur trostlosen Sackgasse und zu Tortoras Hintertür. Er versuchte den Türknauf; hier war auch abgesperrt. »Scheiße. Okay, fordern Sie ein Einsatzteam an, sofort, und holen Sie jemanden, der das Schloss knacken kann.«

»Alles klar, Chef. Ich bin dran.«

Cruz kochte vor Wut. Sie waren so nahe dran gewesen und wurden kurz vor der Ziellinie gestoppt. Er kehrte zum Laden zurück und informierte Julio. Die beiden ließen sich nieder, um auf das Einsatzteam zu warten. Das konnte eine Weile dauern.

»Sieht aus, als ob unsere Tarnung aufgeflogen wäre«, sagte Cruz.

»Ich verstehe allerdings nicht, wie. Wirklich. Es ergibt keinen Sinn«, antwortete Julio.

Cruz ging auf und ab. So hatte der Tag nicht verlaufen sollen. Sein Telefon begann zu klingeln, aber bevor er den Anruf annehmen konnte, erschraken Julio und er. In der Türöffnung des Ladens erschien eine Gestalt. Eine junge Frau kam herein, ebenso überrascht, die beiden hier zu sehen, wie sie es waren, sie zu sehen.

»Oh. Das tut mir leid … Ich … Sie haben mich überrascht. Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie.

Cruz schätzte sie ein. Mittelgroß, vielleicht Anfang dreißig, große braune Augen und lockige Haare. Ein Gesicht, das zwanglos schön war. Konservativ gekleidet. Gefälschte Dolce & Gabbana-Geldbeutel und -Sonnenbrille, registrierte er – eine der vielen beruflichen Gewohnheiten, wenn man Polizist ist.

Julio sprach zuerst.

»Was meinen Sie, können Sie uns helfen? Wir warten auf Señor Tortora«, sagte er mit einem Lächeln, das man seiner Meinung nach nur als charmant bezeichnen konnte.

»Oh, na ja, er müsste eigentlich hier sein. Lassen Sie mich nach hinten gehen und nachschauen«, sagte sie. Ihr Lächeln gab sie nun mit deutlich weniger Begeisterung zurück. Sie betrachtete Cruz und warf ihm ebenfalls ein Lächeln zu. Dann ging sie an ihnen vorbei zur Tür. Sie werkelte mit ihrem Schlüssel und wandte sich ihnen zu.

»Ähm, Entschuldigung? Könnten Sie ein wenig von der Vordertür zurücktreten? Ich fühle mich hier ein wenig bedrängt. Ich möchte nicht, dass Sie neben mir stehen, während ich öffne. Sicherheit und so. Nichts für ungut«, entschuldigte sie sich und hielt ihre Schlüssel bereit.

Julio sah Cruz an.

»Natürlich. Das tut mir leid. Es war gedankenlos von uns. Bitte. Wir werden uns nur hier aufhalten.« Julio ging zum Bereich am Haupteingang und zog Cruz am Ärmel mit sich. Er trat ebenso zurück.

»Besser so?«, fragte Cruz.

»Ich danke Ihnen. Ich werde sehen, wo er ist.« Sie glitt durch die Tür, während sie das sagte.

Sie warteten geduldig, Julio wippte mit dem Fuß, Cruz machte seine Nägel sauber. Sie kam einige Augenblicke später in den kleinen Ladenbereich zurück. Sie war nachdenklich.

»Das ist seltsam. Er ist nicht hier. Er ist sonst immer da. Hm. Ich wünschte, er hätte sein Handy bei sich, dann könnte ich ihn anrufen. Er lässt es immer oben in seiner Wohnung im Obergeschoss oder im Auto. Er ist schrecklich bei diesen Dingen«, erklärte sie. »Ich habe Ihre Namen nicht mitbekommen …«

»Es tut mir leid. Sehr unhöflich von uns. Dies ist Señor Albon und ich bin Raphael Contreras. Und Sie sind …?« Julio streckte seine Hand aus.

»Ich bin seine Tochter. Dinah Tortora. Freut mich, Sie kennenzulernen. Kann ich Ihnen irgendwie weiterhelfen, da mein Vater, ähm, noch für einige Minuten unabkömmlich ist?«, fragte sie, und sie tauschten einen Händedruck aus.

»Wir hofften wirklich, mit ihm persönlich sprechen zu können. Eine heikle Angelegenheit, in der er uns helfen wollte«, sagte Julio.

Dinah sah verwirrt aus.

»Heikle Angelegenheit? Okay … Wissen Sie, wenn es Ihnen nichts ausmacht, gehe ich jetzt nach oben und sehe nach ihm. Ich bin ein wenig besorgt. Vielleicht ist er ausgerutscht, hat sich verletzt oder so etwas«, sagte Dinah und wandte sich zur Haustür. Beide Männer traten beiseite, Julio deutete einen Diener an. Sie beobachteten, wie sie den Laden verließ und sich nach rechts zu den Wohnungen wandte.

»Was soll dieses Don-Juan-Gehabe?«, tadelte Cruz.

»Machen Sie Witze? Sie ist umwerfend. Sind Sie etwa blind?«

»Ihr Vater ist der Verbindungsmann von El Rey. Wir sind im Dienst. Klingelt es da bei Ihnen?«, erinnerte ihn Cruz.

»Spielverderber. Ich bekomme keine Auftragskiller-Schwingungen von ihr. Sie etwa? Ich glaube nicht, dass sie etwas weiß. Da würde ich mein ganzes Geld drauf wetten.« Julio zwinkerte.

»Vielleicht. Aber man kann niemals wirklich sicher sein …«

Sie wurden von einem Schreckensschrei aus einem der Apartments unterbrochen.