PROLOG
Puebla, Mexiko, vor zwei Jahren
Der zentrale Platz im Zentrum von Puebla war typisch für größere mexikanische Städte; er war sowohl kulturelle Drehscheibe für die Allgemeinheit als auch ein Treffpunkt. Touristen aus allen Teilen des Landes reisten an, um den Platz neben dem Dom zu besichtigen. Diese Gegend galt als eine der schönsten der Region.
Ein ständiger Strom von Autos fuhr in der Innenstadt umher, obwohl der Verkehr am frühen Nachmittag mäßig war. Eine leichte Brise rauschte durch die Bäume, die den Picknick-Touristen Schutz vor starkem Sonnenlicht boten. Sie ließen sich ermattet auf dem frisch gemähten Rasen nieder, während ein leichter Duft von köstlichen Dingen aus den nahe gelegenen Restaurants wie ein gastronomischer Sirenengesang zu ihnen herüberzog.
Rosa saß mit ihrer Tochter Cassandra in einem der gemütlichen Cafés. Die beiden aßen frisches Fruchtsorbet. Es war Sommer, also war die Schule geschlossen, und sie besuchten Rosas Eltern für eine Woche – eine erfrischende Auszeit vom Gedränge der Menschenmassen in Mexico City, das zu den größten Städten der Welt gehörte – dem Ort, den sie widerwillig ihr Zuhause nannte.
Es herrschten hohe Temperaturen, aber es war nicht drückend heiß und es gab hier nicht diese belastende Luftverschmutzung wie in Mexico City, wo der Smog wie eine Decke über dem Tal lag, in dem sie wohnten. Einige der Luftqualitätsprobleme hatten ihre Ursache in der geografischen Lage, andere wiederum traten auf, weil es bis heute keine Abgasregelung für Pkws gab. Die Hügel rund um die Hauptstadt von Mexiko verhinderten, dass die gesundheitsschädlichen Giftstoffe in den warmen Luftschichten abgebaut wurden. Es war einer der unbarmherzigen Tricks der Natur, dass so viele Menschen in einem Gebiet lebten, in dem das Atmen der Luft das Äquivalent zum Rauchen einer Packung Zigaretten am Tag darstellte.
Sie wünschte sich, dass sie hätte umziehen können, vielleicht nach Guadalajara, wo das Wetter meist schön war und die grüne Region rund um den Lake Chapala wenig mehr als eine Stunde entfernt lag. Der Job ihres Ehemanns erlaubte dies jedoch nicht. Sie hasste es, dass sie dazu verdammt waren, in dem kleinen Vier-Zimmer-Reihenhaus in Toluca zu leben. Es lag in der Nähe des Flughafens in einer Nachbarschaft, die ständig von irgendwelchen kriminellen Straftaten heimgesucht wurde. Aber das Leben war nicht immer fair oder einfach, und sie machten das Beste daraus.
Rosa hatte eine anständige Karriere als Versicherungsvertreterin mit ihrer eigenen kleinen Agentur vorzuweisen. Mit ihrem Einkommen und dem ihres Ehemanns kamen sie erwartungsgemäß gut zurecht. Manchmal wurde sie jedoch von einem Gefühl der Melancholie befallen, zumal sie mitansehen musste, dass ihre acht Jahre alte Tochter in nicht gerade idealen Bedingungen aufwuchs. Cassandra war eine Art Wunder. Rosas Arzt hatte sie in dem Glauben gelassen, dass sie niemals in der Lage sein würde, ein Baby auszutragen, da sie an diversen chronischen Immunschwächen litt. Aber ein starker Glaube an Gott und sachkundige Betreuung im Krankenhaus führten dazu, dass eine kräftig schreiende Cassandra das Licht der Welt erblickte. Seitdem war sie Rosas ganzer Stolz und ihre größte Freude.
Rosa sah ihre Tochter an. Sie strich ihr die Haare aus den Augen und wischte mit einer Ecke ihrer Serviette einen Erdbeerfleck von den geschürzten kleinen Mädchenlippen. Cassandra – Cass – warf Rosa einen verlegenen Blick zu und rieb hastig mit ihrem Unterarm über ihr Gesicht. Rosa lächelte über diese Geste. »So geht es natürlich auch«, dachte sie.
Ein Streifenpolizist tippte an seine Mütze, als er an dem Paar vorbeischlenderte. Sie erwiderte sein Lächeln aus Höflichkeit. Sie konnte durchaus als eindrucksvolles Beispiel für klassische mexikanische Schönheit gelten. Dafür sorgten ihre blitzenden Augen, deren Farbe an Espresso erinnerte, und die schwarzen Haare, die wie Seide im Kontrast zum milchkaffeebraunen Teint ihrer Haut schimmerte. Sie war an die bewundernde Aufmerksamkeit von Männern gewöhnt, obwohl sie ihr Herz und ihre Seele längst ihrem Ehemann, der Liebe ihres Lebens, versprochen hatte.
Cass hatte Rosas ansprechendes Aussehen geerbt. Überraschend war jedoch, dass sie dunkelblondes Haar hatte – ein Beweis für die teilweise deutsche Abstammung ihres Vaters, die mehrere Generationen zurücklag. Schon jetzt, kaum eine Jugendliche, war sie ein wunderschönes Kind, und Rosa wusste, dass sie dazu bestimmt war, Herzen zu brechen, wenn sie heranreifte. Allgemein war man der Meinung, dass sie Model werden könnte, sobald sie das Teenageralter erreicht hatte. Einige von Rosas Freunden hatten etwas in der Art bereits geäußert.
Sie sahen zu, wie die Autos vorbeifuhren und die Kinder auf dem Platz spielten. Mutter und Tochter fühlten sich entspannt und glücklich, denn sie befanden sich an einem Ort, der sicher und relativ unberührt war. Sie hatten gerade ihr Mittagessen in einem kleinen Restaurant unterhalb eines der alten Hotels gegenüber der Kirche verzehrt. Sie genossen das beste Huhn – zubereitet mit Mole Poblano –, das Rosa seit Jahren gekostet hatte. Die Mole-Soße war eher eine Kunst als ein Rezept, und jede Region hatte eine eigene Version dieses Gerichts. In Puebla war die Soße fast schwarz, so dick wie flüssiger Teer, und duftete nach dunkler Schokolade, Gewürznelken und um die dreißig weitere Gewürze und Zutaten. Dieses wahrlich gehaltvolle Gericht konnte nur von wenigen Restaurants – wie diesem, in dem sie gerade gegessen hatten – übertroffen werden. Puebla war das kulinarische Mekka in Mexiko und Mole Poblano dessen charakteristische Spezialität.
Cass hatte sich damit beschäftigt, den Tauben Namen zu geben. Diese Vögel marschierten und stolzierten über die Straße auf den Platz. Einer davon, der ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, war ein besonders krasses Beispiel für männliches Imponiergehabe. Sie hatte Rosa erklärt, sein Name sei El Guero – Der Blasse. Der Vogel war fast blendend weiß. Seine Präsenz war bemerkenswert, jeder Schritt ging mit der taubenüblichen Verbeugung einher, er plusterte seinen Brustkorb auf und breitete seine Flügel und Schwanzfedern als Versinnbildlichung einer glanzvollen Paarung aus. Die kleineren grauen Weibchen waren von seinen Bewegungen ebenso nachhaltig beeindruckt wie Cass. Hin und her lief er mit wippendem Oberkörper, gurrte laut bei seinen Paradeschritten wie der Vogelkönig des Puebla-Parks, der über seine bewundernden Untertanen zu Gericht saß.
Mutter und Tochter waren nun mit ihrem vergnüglichen Zweitfrühstück fertig, verließen die Umgebung des Platzes und machten sich auf den Weg zu ihrem Wagen – einem Peugeot, der nie richtig lief seit dem Tag, an dem sie ihn als Neuwagen mit der enormen finanziellen Belastung von zwanzig Prozent Jahreszins gekauft hatten. Rosa hasste das kleine blaue Biest und zählte die Tage, bis es abbezahlt war. Dann konnte sie ihn verkaufen und etwas Zuverlässigeres anschaffen.
Zwei Blocks vom Platz entfernt parkte ein elfenbeinfarbener Ford Expedition am Straßenrand neben ihnen ein. Zwei Männer, die ihnen in einigen Metern Entfernung gefolgt waren, packten das Paar und zwangen es, durch die hintere Tür einzusteigen. Rosa schrie, Cassandra natürlich auch. Sie trat um sich und wollte ihren Angreifer in den Arm beißen. Einer der Männer brach Rosa mit einem Faustschlag das Nasenbein in dem Bemühen, das Geschrei zu stoppen, bis er sie in das Fahrzeug bugsieren konnte. Auf diesem Bürgersteig gab es wenig Fußgängerverkehr, aber die wenigen Menschen, die den Zwischenfall beobachteten, blieben wie erstarrt stehen.
Entführungen waren ein unglücklicher, aber auch fester Bestandteil des Lebens in einigen größeren mexikanischen Städten. Und mit den bewaffneten Banden, die sich darauf spezialisiert hatten, war nicht zu spaßen. Schießereien waren nicht ungewöhnlich, denn die, die sich diesem Gewerbe verschrieben hatten, reagierten in der Regel gewalttätig und verzweifelt. Sie hatten nicht viel zu verlieren.
Der Mann, der Rosa geschlagen hatte, fesselte sie auf dem Rücksitz, während der andere Mann die wild strampelnde, kreischende Cassandra hochhob und neben ihre Mutter stopfte. Ein Entführer setzte sich zu den beiden auf den Rücksitz, der andere stieg vorne ein und schwang sich auf den Beifahrersitz. Der Geländewagen schoss brüllend und mit quietschenden Reifen aus der Straße, wobei er eine Abgaswolke hinterließ. Er besaß kein Nummernschild – das war kein besonders seltener Umstand, denn es gab viele, die die Zulassungsgebühren nicht zahlen wollten. Daher gab es keine unmittelbaren Erkennungszeichen außer der Beschreibung: ein großer weißer Ford SUV.
Der Mann auf dem Rücksitz verschloss Cassandras Mund mit Klebeband, dann lehnte er sich hinüber und tat das Gleiche mit Rosa. Der Entführer auf dem Beifahrersitz richtete eine Pistole auf Rosas Kopf, was sie schnell davon überzeugte, dass weitere Gegenwehr ein fataler Fehler sein könnte. Cassandra schluchzte in das Band. Sie war erfüllt von Angst vor dem, was da gerade geschah und was wahrscheinlich noch kommen würde.
Fünfundzwanzig Minuten, nachdem sie am helllichten Tag von der Straße weg entführt worden waren, zerrten ihre Angreifer Rosa und Cassandra eine Treppe hinunter in einen Keller mit einer dreckigen Matratze und einer kaputten Abwasserleitung in einer Ecke. Der Gestank war übermächtig, und sobald ihnen das Klebeband vom Mund gerissen wurde, erbrach sich Cassandra und beschmutzte sich selbst. Die vier Männer, die die steinerne Treppe ein paar Minuten später hinabstiegen, waren wütend. Der größte von ihnen schlug sie gegen die hintere Wand und gab zornentbrannt Anweisungen an einen seiner Untergebenen, der schnell mit einem Schlauch aus dem Garten unmittelbar vor dem Kellereingang zurückkehrte.
Rosa versuchte, ihr Kind zu schützen, aber der große Mann nahm sie bei den Haaren und schlug ihr in den Magen. Sie bekam keine Luft mehr, und lähmende Schmerzen stellten sich ein. Sie stürzte hilflos zu Boden, und zwei der Männer traten sie abwechselnd mit den Spitzen ihrer Cowboystiefel. Nach ein paar Tritten umfing sie eine gnädige Bewusstlosigkeit. Trotzdem prasselten die Tritte der Männer weiterhin auf sie ein, bis sie genug davon hatten und dem jungen Mädchen ihre Aufmerksamkeit zuwandten.
Ein Strom von kaltem Wasser fuhr Cassandra ins Gesicht. Die Männer lachten, als sie vor Angst und Wut über den Schock aufschrie. Auch der Anblick ihrer regungslosen Mutter auf dem dreckigen, feuchten Kellerboden versetzte sie in Panik. Nachdem das Erbrochene weggespült war, näherte sich der große Mann der hingekauerten Gestalt, die dort durchnässt und entsetzt zitterte. Er riss ihr das Kleid herunter, der dünne Stoff gab nach, als wäre er aus Papier. Er hob sie wie eine Stoffpuppe hoch und warf sie auf die fleckige Matratze.
Wie gelähmt schrie sie in panischer Angst, als die Männer sie in Vorfreude auf eine nachmittägliche Abwechslung umrundeten. Der große Mann fummelte an seinem Gürtel herum, und die anderen grinsten erwartungsvoll, als Cassandras grässliche Schreie von den kalten Wänden ihrer persönlichen Hölle widerhallten.
Zwei Tage später kam ein Paket im Büro von Rosas Ehemann an. Sein Name war mit schwarzem Filzstift auf dem Etikett angegeben, die Absenderadresse in Puebla, die von Rosas Eltern, war sorgfältig darauf angebracht. Ein Kurier vor Ort brachte das Paket, und die Dame am Empfang bestätigte die Entgegennahme mit ihrer Unterschrift. Dann wurde der Botenjunge angewiesen, es ins Büro zu bringen. Dort bereitete sich Rosas Ehemann gerade mit seinen unmittelbaren Untergebenen auf eine Personalversammlung vor.
Niemand, der an diesem Tag dort gearbeitet hatte, würde diese Schreie jemals vergessen. Es waren Schreie des Schreckens und der Trauer, die von seinem Büro ausgingen, als er die Lieferung auspackte. In dem Karton befanden sich, in Plastik eingewickelt und umgeben von zerknüllten Zeitungen, Cassandras und Rosas Köpfe. Sie waren am dritten Halswirbel fein säuberlich abgetrennt und die Augen mit ein paar groben Nadelstichen verschlossen worden. Beiden hatte man das Brandzeichen eines Skorpions auf die Stirn gebrannt, und der Schwanz eines Skorpions ragte jeweils aus ihren Mündern, in dem die räuberischen Gliederfüßler als Visitenkarte hinterlassen worden waren.
Durango, Mexiko, vor vier Monaten
Das Publikum brach in einen donnernden Applaus aus, als Hector De La Silva bei der Rallye ans Podium trat. Er war schon lange einer der bekanntesten Gouverneure der mexikanischen Geschichte, seine Amtszeit war vorüber, ohne dass er sich zur Wiederwahl stellte – seine Bestrebungen Richtung Präsidentschaft als möglicher Nachfolger für Mexikos höchstes Amt waren ganz offensichtlich. Er hatte bereits eine aufwendige und farbenfrohe Kampagne lanciert, denn mexikanische Wahlen ähnelten eher einem Schauspiel mit feuriger Rhetorik, mit vehementen und vernichtenden lebhaften Anklagen in Kombination mit vollmundigen und inspirierenden Wahlversprechen. Niemand glaubte wirklich, was die Kandidaten sagten – die Geschichte hatte gezeigt, dass es keine Rolle spielte, wer an die Macht kam, die Wahlversprechen waren vergessen, sobald die Abstimmung abgeschlossen war. Das Verfahren an sich wurde hinsichtlich seiner Publikumswirksamkeit und des Gefühls für das Theatralische gefeiert.
Hector, oder »El Gallo«, der Hahn, wie er genannt wurde, war in seinem Element. Er war ein vollendeter Künstler mit der Erfahrung aus jahrzehntelangen politischen Ämtern und wusste, wie man vor einer Menge wie ein Virtuose auftritt.
Er war berühmt dafür, seine Stirn auf das Podium zu schlagen, wenn seine Rede ihren Höhepunkt erreichte, um damit seine Opferbereitschaft im Namen seines Wahlkreises zu unterstreichen. Seine Headbang-Nummer war jetzt ebenso beliebt und wurde einfach erwartet, vergleichbar mit dem Sprung auf den Gegner vom obersten Seil aus bei mexikanischen Wrestling-Wettkämpfen: Lucha Libre, bei dem maskierte Ringer – oder sogenannte Wrestler, die eigentlich eher Turner sind – erstaunliche Kunststücke der körperlichen Geschicklichkeit vorführten, während sie vorgaben, einander zu bekämpfen. Da glaubte auch niemand, dass das echt war, und doch war es sehr beliebt: Gemessen am Unterhaltungswert kam es gleich nach Fußball.
Die versammelte Zuschauermenge bebte vor Erwartung und wartete darauf, dass El Gallo, gekleidet in ein alltägliches Viehzüchterhemd und Cowboyhut, auf die Bühne trat. Er war ein Mann des Volkes, ein Mitglied der Massen, das versicherte er ihnen, auch wenn seine Vierhundert-Dollar-Stiefel aus Straußenleder in der Sonne glänzten. Es spielte keine Rolle, dass seine Brüder zu den reichsten Grundbesitzern in der Region gehörten oder dass sein Vater im sozialen Wohnungsbau ein Begriff gewesen war. »Vergessen Sie all das«, schien seine Haltung zu fordern. Hier stand ein bescheidener, einfacher Mann, der widerwillig die erhebliche Belastung auf sich nehmen würde. Er würde die Nation wieder auf den Pfad der Rechtschaffenheit zurückbringen, da sie irgendwo vom Weg abgekommen war. Daran waren sicherlich nicht die Aktivitäten seiner Partei schuld, die auch den derzeitigen Präsidenten stellte. Nein, das Land war in eine tödliche Gefahr geraten, in eine fundamentale Moralkrise, und das wiederum lag an der Popularität und an der Macht der Drogenkartelle, die immer wieder für alle sichtbar aufbrandete.
Er räusperte sich und fing an zu sprechen. Sein tiefer Bariton verlief in großen Bögen, das war ein Kunstgriff, um die Aufmerksamkeit des Publikums aufrechtzuerhalten. Er klang wohl moduliert, mit Leidenschaft und Intensität in jeder Silbe, ohne in irgendeiner Weise schrill zu wirken. Dies war ein echter Mann, ein Visionär, eine Führungspersönlichkeit, die endlich, nach Jahrhunderten der Unterdrückung, in der Lage war, den Mexikanern das zu geben, was ihr Vermächtnis ihnen verheißen hatte.
»Schauen Sie nur auf den Wohlstand, dessen sich Mexiko in den letzten Jahren erfreuen konnte. Unter unserer Parteiführung wurde eine neue, aufstrebende Mittelschicht geschaffen und die Armut wurde in vielen seiner am weitesten verbreiteten Formen ausgerottet. Unsere Wirtschaft ist die elftgrößte in der Welt, stark und robust wie die Mexikaner, die trotz Widrigkeiten triumphieren und eine bessere Zukunft für unsere Kinder errichten!«, verkündete El Gallo, während er bei jedem Argument zur Betonung mit seinem Hut in die Luft stach.
Das Publikum brach in gut choreografierten spontanen Beifall aus, natürlich unter der Führung der anwesenden Parteiagitatoren, die den Jubel an den entsprechenden Stellen anheizten. Die Fernsehkameras wanderten über die dicht gedrängte Menge in Festtagsstimmung – man konnte diese Begeisterungsstürme kaum ansehen, ohne davon berührt zu werden.
»Ich liebe meine Kinder, und ich habe sie gelehrt, Gott und Mexiko zu lieben. Ich glaube, dass ich ihnen den Unterschied zwischen Richtig und Falsch, zwischen Gut und Böse, zwischen einem Weg der Verheißungen und einem, der ins Fegefeuer führt, vermittelt habe. Kinder sind die Zukunft eines Landes, und so müssen wir alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um eine sichere Umgebung zu schaffen, in der sie sich bewähren können. Sie sollten sich keine Sorgen über Drogenkartelle machen müssen, die auf unseren Straßen herumschießen oder ihr Gift in unsere Schulen bringen. Wir können diesem Terrorismus nicht nachgeben. Nicht nur, weil es das Richtige ist. Nicht, weil es einfach zu bewerkstelligen wäre. Aber wir müssen es für die Kinder tun. Wir müssen für die Kinder das tun, was erforderlich ist – für die Kinder, die Mexikos freigiebige Ernte der Talente und der Hoffnung sind!«
Eine kauernde Gestalt richtete das Stativ des Hochgeschwindigkeitsgewehrs aus. Genau in dem Augenblick, als die Rede in vollem Gange war und die Menge der versammelten Bürger wieder Beifall spendete. Die eigentlichen Worte waren für diese Gestalt nicht zu hören, weil sie hinter den Lautsprechern im Turm der Kirche fünfhundert Meter entfernt von der optimistisch gestimmten Menschenmenge positioniert war. Sie war für die rund um die Rallye eingesetzten Sicherheitskräfte unsichtbar, das Gewehr ruhte in einer der kleinen rechteckigen Öffnungen der Turmspitze.
Der Schütze sah die roten Luftballons, die die Bühne umrahmten. Sie boten ihm Hinweise auf die Stärke und die Richtung des Windes. Er hatte Glück. Die späten Frühlingsböen traten nirgends in Erscheinung. Es würde ein einfacher Schuss werden.
Er wurde von den Fehlzündungen eines Autos auf der Straße unten aufgeschreckt. Mehrere Sicherheitsleute in Begleitung von sechs Soldaten liefen in die Richtung des lauten Knalls. Sie sahen, wie ein alter Heulaster, voll beladen mit Heuballen, vorbeirumpelte. An der nächsten Kreuzung gab es eine weitere Fehlzündung des Motors; die Gruppe der bewaffneten Männer tauschte erleichterte Blicke aus und lachte vergnügt darüber, dass sich ihre Verteidigung von El Gallo gegen einen schlecht eingestellten V8 richtete. Die Wachen gingen wieder auf ihren Posten, während der große Mann weiterhin seine wortreiche Vision einer neuen Zukunft ausmalte.
Eine Krähe landete auf der Balustrade des Turms und fixierte den Mann mit ihren glänzenden Knopfaugen. Aus einem Grund, den er nicht genau einordnen konnte, überkam ihn ein Kälteschauer, die Härchen auf seinen Armen standen aufrecht. Er glaubte nicht an Omen oder Symbole, aber irgendwas aus seiner Schulzeit tauchte auf darüber, dass Krähen von Wahrsagern für Unglücksboten gehalten wurden. Ein Bild aus seiner Vergangenheit nagte an ihm und versuchte, an die Oberfläche zu gelangen, aber er schüttelte es ab – er durfte keine Zeit damit verlieren, dass er sich durch einen Vogel erschrecken ließ. Der Mann grinste über seine eigene Fantasie – sich durch eine Krähe aus der Fassung bringen zu lassen. In Ordnung, das war ein Unglückstag, aber nicht für ihn.
Die Krähe bewegte noch mehrmals ihren Kopf auf und ab, dann pickte sie gegen den Stein, auf dem sie stand, bevor sie ihr Vorhaben aufgab und wegflog.
Er griff in seine Hosentasche, holte ein Paar Ohrstöpsel aus verdichtetem Schaum hervor und legte sie zusammen mit einer Digitaluhr vor sich hin. Er hatte dreißig Sekunden, um sich zu vergewissern, dass alles am richtigen Platz lag. Er drückte die Ohrstöpsel zusammen und steckte sich einen in jedes Ohr. Er lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf den blumig schwärmenden Mann auf der Bühne. Der Redner schien den Höhepunkt zu erreichen, und der Schütze konnte nicht umhin, erneut zu lächeln. Das hier konnte ja noch lustig werden. Er konnte es kaum erwarten, die Zeitungen von morgen zu lesen.
El Gallo baute die Intensität seiner Rede weiter auf, indem er gegen die Kartelle als Verkörperung des Satans wetterte, der in Menschengestalt auf dem Planeten herumkroch. Die Worte waren kraftvoll, und die Emotionen stiegen in dem Maße, wie die Lautstärke seiner Stimme anschwoll.
»Dieser Abschaum ist ein Geschwür am Körper des Staates, allesamt sind sie schädliche Chaoshändler, deren einzige Waren Gift und Leiden sind. Sie befriedigen die Nachfrage der reichen Gringos, die ihre Drogen kaufen, selbst wenn ihr eigenes Land unter der Maßlosigkeit der eigenen Ausschweifungen zusammenbricht. Mexiko verkam durch sie zur Hure, und ihre Kinder machten sie zu ihren Sklaven. Wir leiden, damit Zuhälter und reiche Prominente dieses Teufelszeug während ihrer Orgien schnupfen können. Ich möchte eine Nachricht an diese Verräter senden, die am Busen der falschen Göttin im amerikanischen Norden saugen. Ich möchte ein Telegramm schicken. Die Botschaft ist, wir werden uns nicht mehr länger als ihre Esel oder Schoßhündchen behandeln lassen. Sie werden nicht mehr unser Blut verwenden, um ihre Kriegsmaschinerie zu schmieren. Wir sind Mexikaner und wir haben es satt, der Schuttabladeplatz für ihre Probleme zu sein, zu dem sie kommen, um unsere Töchter zu Prostituierten und unsere Söhne zu kriechenden Bauern zu machen. Ihre Zeit ist vorbei, und wir werden nun die Schätze, die uns als Geburtsrecht zustehen, wieder zurückfordern! Wir sind stark und stolz. Und vor allem sind wir Mexikaner. Wir sind eine Familie – und wir werden frei sein!«
Die Glocken der Kirche begannen zu läuten und verkündeten die Ankunft der Mittagsstunde. El Gallo, jetzt in Rage, schlug seinen Kopf nach vorne auf das Podium, um sein mittlerweile berühmtes Markenzeichen vorzuführen. Das Publikum quittierte das mit einem temperamentvollen und herzhaften Applaus.
Als er jedoch auf den Boden sank und das Blut sich über den Rücken seines maßgeschneiderten weißen Seiden-Cowboyhemds ausbreitete, begannen die Schreie.
Der junge Novize bewegte sich mit müheloser Zielstrebigkeit zu den Kirchentüren, als das Läuten der Glocken Gottes Gnade und Präsenz im Alltag lautstark verkündete. Eine alte Frau bekreuzigte sich, als er vorbeiging, und auf ihrem verwitterten Gesicht leuchtete kurzzeitig ein hingebungsvolles Lächeln auf. Er dreht sich um, als er die Tür erreichte, und fiel auf die Knie. Seine Soutane wischte über den Boden, als er sich vor dem Anblick eines unglücklichen Erlösers bekreuzigte. Er wurde gekreuzigt, damit die Menschheit gerettet werden konnte. Er war von der Statue sehr bewegt, die die Wand oberhalb des Altars dominierte. Die Sonne schien durch die aufwendigen Buntglasfenster über der Tür und badete den Innenraum in einem schillernden bunten Glanz. Das fast leere Gotteshaus strahlte eine Ruhe aus, die in der grausamen Welt gleich außerhalb der Türen nicht zu finden war.
Er verließ das Gebetshaus mit der Bibel in der Hand und berührte seinen Rosenkranz. Ein frommer Mann überquerte die Straße auf einer Mission, die Welt zu retten.
Zwanzig Minuten später schlichen sich die Leibwächter und Soldaten mit der Waffe im Anschlag die Treppe hinauf zur Turmspitze. Sie lauschten angestrengt, wollten jedem Hinweis auf eine Bedrohung nachgehen. Die riesigen Glocken waren verstummt, und das einzige Geräusch neben dem Geheul der Sirenen vom Platz hinter dem breiten Boulevard war das Gurren verliebter Tauben, die in den Sparren des Turmdaches Zuflucht suchten.
Der Teamleiter hob eine Hand zur Warnung, als er das Gewehr, immer noch auf dem Stativ montiert, sichtete, daneben lag eine einzelne ausgeworfene Patronenhülse. Er kroch widerwillig zentimeterweise dorthin. Das Blut wich ihm aus dem Gesicht, als er sah, welches Objekt die Votivkerze dort barg.
Der strenge Gesichtsausdruck der hochstilisierten Ausgabe der königlichen Hoheit schien über die Eindringlinge zu spotten, während das geschwungene Schwert allen miteinander die königliche Erhabenheit des sitzenden Mannes verkündete.
Er näherte sich der Karte wie in Trance, dann griff er nach unten, barg das zerknitterte Rechteck und hielt es so, dass seine Männer es sehen konnten.
Der König der Schwerter hatte wieder zugeschlagen.