KAPITEL ZEHN
Culiacán, Mexiko, vierzehn Jahre zuvor
Der junge Mann zog sich an der Stahlstange hinauf, die am Türrahmen seines Schlafzimmers montiert war. Es war sein hundertster Klimmzug, Bestandteil eines dreiteiligen Work-outs, welches er jeden Morgen durchführte. Dreihundert Liegestütze, dreihundert Klimmzüge, fünfundvierzig Minuten Laufen, sieben Tage die Woche, ohne Ausnahme. Der Schweiß tropfte von seinem geröteten Gesicht, als er stöhnend ausatmete, um seinen letzten Klimmzug zu vollenden. Dann ließ er sich auf seine nackten Fußballen sinken.
Er hatte seinen Lauf und seine Liegestützen bereits abgeschlossen, daher war es nun Zeit für seine Dusche, und dann konnte sein Tag beginnen. Er tappte über den Saltillo-Fliesenboden zu seinem Badezimmer, streifte seine verschwitzten Shorts ab und drehte das Wasser auf – immer kalt, ungeachtet der äußeren Temperatur. Wie alles in seinem Leben war das kalte Wasser ein Ritual, und Rituale waren wichtig. Rituale hatten ihn aufrechterhalten und seinem Leben Sinn gegeben. Rituale bedeuteten, dass er die Kontrolle hatte, und die harten Work-outs sowie seine glatten Einser in der Schule unterstrichen dies noch. So lautete sein Grundsatz, sein Versprechen an sich selbst: Behalte immer die Kontrolle!
Er seifte sich ein und registrierte das Sixpack und die athletisch durchtrainierten Arm- und Beinmuskeln mit Befriedigung. Es hatte Jahre erfordert, um diesen Körper so zu formen, und nichts davon war leicht gewesen. Das war jedoch okay. Er scheute keine Anstrengung und hatte ein beachtliches Maß an Stärke und Selbstverpflichtung entwickelt. Ohne Verpflichtung gibst du auf, und wenn du aufgibst, verlierst du die Kontrolle. Was auch immer du aufgegeben hast, hat gewonnen, und du hast verloren. Aus seiner Sicht war es polarisiert. Schwarz und weiß.
Der Junge war zu einem beeindruckenden jungen Mann mit einer gelassenen Intensität und einem brillanten Kopf herangewachsen, was seine Lehrer bestätigen konnten. Die Privatschule, die er besuchte, hatte ihn zwei Klassen überspringen lassen, und immer noch empfand er die Schule als lächerlich einfach. Wann immer er gelangweilt war, las er zur Abwechslung Bücher über Mathematik und Technik, gelegentlich über Physik. Er hatte einen unstillbaren Wissensdurst und verschlang Bücher wie andere Teenies Süßigkeiten.
Sein Leben hatte eine positive Wendung genommen, seit dieser blutigen Nacht auf dem Cannabis-Feld. Der Mann, der ihn gerettet hatte, zog ihn nun wie einen Sohn groß und sorgte für ihn auf eine Art und Weise, die er sich zuvor nicht einmal hätte vorstellen können. Im Gegenzug bewies er absolute Loyalität und hatte auf dem Anwesen Tausende Stunden den Umgang mit jeglicher Art von Waffen geübt, um sich auf eine aktive Rolle im Familiengeschäft vorzubereiten.
»Don« Miguel Lopez war ein harter, aber fairer Herrscher über sein Reich, das während der zwölf Jahre, die der nun Junge bei ihm lebte, gewaltig gewachsen war. Es umfasste den Großteil der Marihuanafelder in Sinaloa und einen erheblichen Anteil am Kokainhandel. Er wurde respektiert und gefürchtet, sowohl von seinen Untergebenen als auch von seinen Feinden, und hatte sich zu einer Legende im Geschäft entwickelt – mit fünfzig Jahren war er einer der langlebigeren Kartellköpfe. Er verdiente mehr an einem Tag, als die meisten seiner Landsleute sich in ihrem ganzen Leben an Verdienst erträumen konnten, und dennoch blieb er einfach, verzichtete auf den prunkvollen Lifestyle des schnellen Geldes, den viele neue Drogenhändler an den Tag legten, um ihre Unsicherheit und Minderwertigkeitsgefühle zu verbergen.
Der junge Mann hatte seine Lektionen gut gelernt. Er betrachtete sein Spiegelbild, und es gefiel ihm, was er sah. Die Mädchen fanden ihn so attraktiv wie einen Popstar, wenngleich sein Interesse ihnen gegenüber sich auf Sex beschränkte. Er war ein Einzelgänger, wollte keine Gesellschaft anderer und genoss sie auch nicht. Er blieb lieber mit seinen Büchern und seinen Gedanken allein. Die Fallen der Jugend hatte er gemieden – den Versuchungen der Drogen wich er aus und trank selbst Alkohol nur zu wenigen Gelegenheiten und in geringen Mengen in Übereinstimmung mit seiner Einstellung. Das Bewusstsein zu verändern, bedeutete die Kontrolle aufzugeben. Er war nicht interessiert. Auch das Mitteilen von Gedanken oder von irgendetwas mehr als anonymem fleischlichen Vergnügen beinhaltete gleichermaßen den Verzicht auf Kontrolle. Und nachdem sein Versuch, eine Beziehung mit der Tochter seines Trainers zu beginnen, unerklärlicherweise zurückgewiesen wurde, schwor er allem ab, das beinhaltete, sich anderen Menschen anzunähern – Liebe war etwas für Schwächlinge und Opfer, nichts für ihn.
Heute war ein großer Tag. Es war sein Geburtstag, er wurde siebzehn. Das machte ihn in den Augen des Kartells zum Mann, und er konnte eine Position innerhalb der lockeren Hierarchie, die Don Miguel geschaffen hatte, übernehmen. Dies war ein heikles Thema zwischen ihnen, denn Don Miguel hatte gehofft, dass der junge Mann eine Universität besuchen würde, um Architektur oder Maschinenbau zu studieren, oder, noch besser, Anwalt zu werden, um eine neue Generation aus gebildeten Erben seines Reiches zu erschaffen. Aber der junge Mann hatte andere Pläne. Er hatte den Wunsch geäußert, Teil der bewaffneten Durchgreiftruppe von Dons Kartell zu werden, und konnte nicht davon abgebracht werden. Es war schwierig für Don Miguel, angesichts seines dem aufkeimenden Drogenhandel entsprungenen enormen Reichtums dagegen zu argumentieren, dennoch hatten sie zahlreiche hitzige Auseinandersetzungen gehabt, in denen der Don dem jungen Mann erklärte, er würfe seine Talente weg. Er hätte das Potenzial, alles zu werden, was er wollte, und dies zu verschwenden, indem er ein bewaffneter Schläger würde, sei eine Sünde.
Es war eine ihrer wenigen ständigen Meinungsverschiedenheiten.
Don Miguel hatte keine Kinder, seine Frau war unfruchtbar geblieben, allen medizinischen Neuerungen zum Trotz, und so investierte er einen großen Teil seiner elterlichen Energie darin, den jungen Mann zu einem Anführer zu erziehen. Seine Frau war vor sechs Jahren an Gebärmutterhalskrebs gestorben, und er weigerte sich, noch einmal zu heiraten. Es ergab für ihn keinen Sinn, bevorzugte er doch einen Harem aus wechselnden willigen jungen Frauen, anstatt bei einer zu bleiben. Don Miguel wollte nicht die Verantwortung tragen, sich um eine Ehefrau sorgen zu müssen – jemand, der als Druckmittel in einer feindlichen Auseinandersetzung benutzt werden könnte. Je länger er in dem Geschäft war, desto mehr Veränderungen hatte er gesehen. Es war eine andere Branche als früher, gewalttätiger, gefährlicher. Wenn du jemanden liebst, kann dies gegen dich verwendet werden. Das konnte er sich nicht leisten.
Der junge Mann schlenderte in das Haupthaus, fein gekleidet, bereit für den Tag, von dem ihm gesagt worden war, er würde ein besonderer sein. Don Miguel wollte ihn mitnehmen und ihm etwas zeigen: eine Überraschung, sagte er und wies ihn an, um neun Uhr morgens aufbruchbereit zu sein. Der junge Mann war dem nachgekommen, pünktlich wie immer. Als der Don ihn das formelle Esszimmer betreten sah, stand er auf, um ihn zu umarmen.
Der Koch hatte ein besonderes Frühstück zubereitet, um das Ereignis zu feiern. Die beiden nahmen Platz, aßen und blickten durch das Panoramafenster auf den Fluss unten im Tal. Don Miguel besaß den größten Teil des Landes in diesem Bereich von Culiacán, es erstreckte sich weit bis zu den Hängen der entfernten Hügel. Er war einer der größten Grundbesitzer der Region. Sein privates Landgut wartete mit einer Fläche von eins Komma zwei Quadratkilometern auf und beherbergte einen Stall für seine fünfzehn Pferde – seinen einzigen Luxus.
Nachdem sie ihren Hunger gestillt hatten, folgte der junge Mann dem Don zu seinem Truck – einem neuen Chevrolet Suburban, der im Vergleich zu seinem Vorgänger, einem über zwanzig Jahre alten Ford, der blanke Luxus war. Sie fuhren auf einer Privatstraße, die das Anwesen begrenzte, zu den Hügeln, und nach weiteren fünfzehn Minuten erreichten sie eine Lichtung. Don Miguel hielt den Wagen an, stieg wortlos aus, ging nach hinten zum Kofferraum und öffnete ihn. Drinnen lag ein elegant verpacktes Paket, nicht größer als ein Fotoalbum.
»Na los. Öffne es.«
Der junge Mann bewegte sich zum Laderaum und nahm das Paket. Er achtete sorgfältig darauf, das Geschenkpapier nicht zu zerreißen, als er vorsichtig das Klebeband entfernte, das es zusammenhielt. Drinnen befand sich eine Holzschatulle aus hochpolierter Wallnuss, atemberaubend verziert. Er öffnete den Deckel und blinzelte bei dem Glanz eines Colt 1911, Kaliber .45, Automatik, verchromt und aufwendig mit Ornamenten aus achtzehnkarätigem Gold graviert, das mit dem weißen Perlmuttgriff harmonierte. Der junge Mann betrachtete den Don, seine Augen wurden feucht in Anbetracht der puren Schönheit dieser Waffe. Er hatte noch nie etwas Ähnliches gesehen.
»Der Schlitten ist gefräst. Ich habe meinen Spezialisten in den Vereinigten Staaten angewiesen, sich selbst darum zu kümmern. Es gibt keine zweite Waffe wie diese auf der Welt. Sie gehört dir, das Symbol deiner Reife«, erklärte Don Miguel und ein Hauch von Stolz färbte seine Stimme.
Der junge Mann nahm eines der zwei Magazine, die ebenfalls in der Schatulle lagen, und prüfte geübt die Kugeln, die teilweise ummantelt waren, seine Lieblingsmunition. Er schob das Magazin an seinen Platz im Griff der Waffe und lud sie durch. Don Miguel hob zwei Kokosnüsse vom Boden auf, Früchte der Palmen, die den Platz umringten, und warf sie etwa dreißig Meter weit. Sie wirkten sehr klein in dieser Entfernung.
»Na los. Zeig mal, ob dir das viele Üben irgendwas gebracht hat«, drängte der Don.
Der junge Mann begab sich in eine militärische Schießhaltung, beidhändig und leicht gehockt. Er fühlte sich wohl mit dem Gewicht der Waffe und schoss einmal auf jede Kokosnuss. Beide Kugeln fanden ihr Ziel, und die Kokosnüsse zerplatzten. Während die Schüsse in ihren Ohren widerhallten, freuten sich beide über das beeindruckende Können des jungen Mannes. Ein sanfter Wind flüsterte in den sie umgebenden Palmen, ließ ihre Blätter rascheln, als würden auch sie die Darstellung der Treffsicherheit anerkennen. Don Miguel klatschte begeistert von der Leistung in die Hände.
»Gute Schüsse. Du machst mich stolz. Ich habe noch nie so etwas gesehen. Wirklich erstaunlich«, gratulierte er.
Der junge Mann grinste erfreut über die Komplimente, dann drehte er sich um und schoss Don Miguel zwischen die Augen.
»Das ist für meine Mutter und meine Schwester.«
Er öffnete seinen Gürtel und urinierte auf das Gesicht von Don Miguel, dem immer noch ein Ausdruck von Unverständnis in seine unbeweglichen Züge gemeißelt war.
»Das ist für meine andere Schwester.«
Er ließ nun seine Hose fallen und entleerte seinen Darm auf der Leiche des großen Mannes, das handgefertigte Leinenhemd des Don benutzte er hinterher, um sich zu säubern.
»Und das ist für meinen Vater. Jetzt verrotte in der Hölle, und möge der Teufel dir Schlimmeres antun, als du ihnen angetan hast. Wir sehen uns dort wieder, du Bastard. Ich werde derjenige sein, der dich mit Benzin übergießt.«
An diesem Nachmittag war Enrique, der getreueste Lieutenant des Don, sehr überrascht, als er Don Miguels neuen SUV an das luxuriöse toskanische Anwesen am Stadtrand von Culiacán heranfahren sah. Er näherte sich den getönten Scheiben, um den Don zu begrüßen, und erschrak, als sich das Fenster öffnete und er plötzlich in den Lauf einer glänzenden neuen Pistole sah. Der Junge sprach nur vier Worte.
»Steig ein und fahr.«
Auf einer anderen Lichtung, wo sich vor langer Zeit das Tomatenfeld seines Vaters befunden hatte, stieg der Junge aus dem Wagen und richtete die Waffe auf Enrique. Die Natur hatte das Land seit Langem zurückgefordert und jegliche Spuren des Ereignisses ausgelöscht, welches das Leben des jungen Mannes verändert hatte.
»Erinnerst du dich an diesen Ort, du schwanzlutschender Drecksack?«, fragte der junge Mann im Plauderton, seine Stimme verriet keinerlei Gefühl.
»Fick dich. Wenn du mich erschießen willst, dann schieß, du kleine Fotze. Ich wette, dazu fehlen dir die Eier«, zischte Enrique als Antwort und spuckte fluchend aus.
Der junge Mann schlug ihm mit der Pistole ins Gesicht und dann mit dem Kolben auf den Kopf, Enrique ging k.o.
Als er wieder zu sich kam, saß Enrique neben einem Baum am Rande des Feldes. Der junge Mann hielt die Waffe unerschütterlich auf ihn gerichtet. In der Baumspitze saß bewegungslos eine schwarze Gestalt, ihre Federn glänzten in der Nachmittagssonne, während sie die Menschen unter sich beobachtete. Keiner der beiden bemerkte sie, ihre Aufmerksamkeit war durch andere Dinge gefesselt.
Der junge Mann zeigte ein schwaches Lächeln, das seine Augen nicht erreichte, als er ein kleines Taschenmesser mit einem Griff aus Knochen aus seiner Gesäßtasche zog und es Enrique zuwarf.
»Was soll das?«, fragte Enrique, der sich den Kopf rieb und mit seinem Ärmel das Blut aus dem Gesicht wischte.
»Letztes Jahr las ich ein Buch über die amerikanischen Indianer. Sie kannten einen Weg, ihre Feinde zu töten, an den ich immer denke muss, wenn ich mich daran erinnere, wie du meine Mutter in dieser Nacht vergewaltigt hast. Sie banden das eine Ende der Gedärme ihrer Feinde an einen Baum und zwangen sie dann, so lange um den Baum herumzulaufen, bis sie sich alle Eingeweide herausgezogen hatten. Das sind eine Menge Runden um diesen kleinen Baum. Ich will, dass du dir zehn Zentimeter über deinem Nabel ein Loch in den Bauch schneidest, deinen Darm durchtrennst, ihn an den Baum bindest und anfängst loszulaufen.«
»Du musst deinen verdammten Verstand verloren haben, wenn du glaubst, dass ich das machen werde.«
»Du tust es, oder ich werde dir einen Bauchschuss verpassen und du wirst stundenlang unglaubliche Schmerzen erleiden, bevor du stirbst. Dann werde ich deine Füße hinten an dem Truck festbinden und dich zurück zu deinem Haus schleifen. Bevor wir dort sind, wirst du wie ein Hamburger aussehen.« Der junge Mann zuckte mit den Schultern. »Such’s dir aus.«
Enrique entschied sich letztlich für die zweite Wahl. Als sie seine Leiche in der nächsten Nacht fanden, konnte sie zunächst nicht als menschlich identifiziert werden.
Nachdem er zwei Monate quer durch Mexiko gezogen war, heuerte der junge Mann für drei Jahre bei der Navy, der amerikanischen Kriegsmarine, an. Seine Begabung für Waffen beeindruckte die Offiziere in seiner Einheit schnell, und bald erhielt er eine schonungslose Spezialausbildung in Sprengstoffen, Geheimoperationen und Kommandotechniken als Teil einer Spezialeinheit der Marine.
Als er nach eineinhalb Jahren desertierte, wählte er das Tijuana-Kartell aus und bot dort seine Dienste als Auftragskiller an. Die ersten paar Jobs galten als Selbstmordkommando, aber er zog sie einwandfrei durch, und in kürzerster Zeit galt er als Geheimtipp für knifflige Situationen, zu ständig steigenden Preisen.
El Rey war geboren, auferstanden aus der Asche wie der mythische Phönix.
Mexico City, Gegenwart
Cruz tigerte durch sein Büro und überlegte seinen nächsten Schritt. Briones saß immer noch mit dem Zeichner zusammen und versuchte das Phantombild seiner Erinnerung anzugleichen. Das war immer schwierig, denn es war eine sehr ungenaue Wissenschaft, und es geschah nicht oft, dass sie einen Täter fingen, der wie eine der Zeichnungen aussah. Dennoch war es eine Spur, obgleich eine schwache.
Obwohl er keine Lust auf den Anruf hatte, griff er nach seinem Schreibtischtelefon und wählte eine interne Nummer. Tomas Llorentez nahm ab – Chef der Einsatzgruppe »El Rey«, und Cruz’ Meinung nach ein absoluter Wichser. Sie tauschten Höflichkeiten aus, dann kam Cruz zum Punkt.
»Ich denke, ich habe einen Fall, der in Verbindung zu Ihrem Jungen steht, Tomas«, sagte er.
»Ach ja? Man hat mich heute über keine Morde informiert«, witzelte Tomas.
»Nein, nicht so etwas. Haben Sie irgendwelche Fotos oder Phantombilder von ihm?«
»Sehr komisch! Also, auf der Grundlage von Beschreibungen ist er zwischen zwölf und neunzig Jahre alt, kann sich bei Bedarf in Tiere verwandeln und kann schweben. Oh, und er hat Hufe, einen Schwanz und schuppige rote Haut«, scherzte Tomas.
Sein nicht besonders ausgeprägter Sinn für Humor verließ Cruz gänzlich, wenn er sich mit Hornochsen wie Tomas befassen musste.
»Das ist sehr nützlich. Nein, ernsthaft. Was haben Sie sonst noch über ihn?«
»Nicht viel, außer einer Chronologie über seine Morde und einer Sammlung von Gerüchten. Viele davon sind widersprüchlich. Er ist ein gewiefter Bastard, das muss man ihm lassen. Jedes Mal, wenn wir denken, wir hätten einen Durchbruch erzielt, löst sich alles in Luft auf, und wir stehen wieder ganz am Anfang«, schimpfte Tomas.
»Wie lange ist die Gruppe schon im Einsatz? Sind das bereits drei Jahre?« Cruz konnte nicht glauben, dass dieser faule, saufende Scheißkerl immer noch bei der Truppe war, allerdings noch weniger, dass das gesamte Team zu dämlich war, um mit den eigenen Händen den eigenen Arsch zu finden.
»Eigentlich dreieinhalb. Diesen Kerl aufzuspüren ist keine leichte Sache«, klagte Tomas.
Cruz fragte sich, ob ihm seine Vorgesetzten diesen Mist eigentlich abkauften. Sie mussten es wohl, schließlich bekam er noch immer Ressourcen und Mittel, sehr zum Leidwesen von Cruz.
»Also, um zusammenzufassen, hat niemand irgendwelche Bilder von ihm oder sogar eine Idee, wie er aussehen könnte?«, versuchte Cruz es ein letztes Mal.
»Es gibt eine Reihe von Phantombildern, aber keine zwei sehen sich ähnlich. Wir haben eines von einer Frau aus der Kirche, wo ›El Gallo‹ umgenietet wurde, und ein paar Spitzel gaben uns Beschreibungen, wobei sie schworen, er wäre es, aber im Endeffekt sehen alle aus wie ein fünfundzwanzig- bis fünfunddreißigjähriger Latino. Durchschnittlich. Also ungefähr so hilfreich wie zu sagen, er ist Mexikaner.«
»Würde es Ihnen was ausmachen, wenn jemand ein paar Kopien bei mir vorbeibringt, Tomas? Ich weiß, ihr Jungs seid da unten schwer beschäftigt, aber ich würde es wirklich begrüßen.« Cruz spürte, wie ihm die Galle hochkam, weil er viel zu nett war, hoffte jedoch, er konnte sich zugunsten seines Teams zusammenreißen.
»Kein Problem, weil Sie es sind. Geben Sie mir ein paar Stunden Zeit, und die Zettel werden bei Ihrer Sekretärin abgegeben«, versprach Tomas.
»Ich habe keine Sekretärin.« Cruz begriff sofort, dass Tomas zweifellos eine hatte. Wahrscheinlich zwei.
»Oh, na gut, dann wird sie jemand in Ihr Büro bringen. Bin immer froh, wenn ich einem anderen Polizisten aushelfen kann, Cruz«, erklärte Tomas in einem gönnerhaften Ton.
Cruz konnte nicht schnell genug auflegen.
Das ist ja großartig, dachte er. Die Regierung lässt die Jagd auf den gefährlichsten lebenden Mann von einem Vollpfosten leiten und zahlt dafür auch noch stattlich, um null Ergebnisse zu erhalten.
Er saß an seinem Schreibtisch und tippte eine Reihe von Befehlen in den Computer, dann klickte er sich durch eine plumpe, seit mindestens fünf Jahren veraltete Benutzeroberfläche. Er gab einen Namen ein und wartete darauf, dass die Hamster im Keller die Ergebnisse raussuchten. Schließlich tauchte ein neues Fenster auf, und er schaute auf ein Passfoto von Dinah. Das war ein echt heißes Foto, musste er zugeben. Wer sah schon gut auf einem Passbild aus? Cruz selbst sah aus wie ein Verkehrsunfallopfer oder eine Art Tier, das man beim Fressen aufgescheucht hatte. Das Leben war wirklich gut zu der jungen Señorita Tortora gewesen. Okay, vielleicht nicht zu gut, wenn man berücksichtigt, dass ihr Vater gerade mit einem Samuraischwert filetiert worden war. Dennoch sah sie wirklich toll aus.
Er las sich die restlichen Informationen durch – vor allem, um sich auf etwas anderes zu konzentrieren, während er auf Briones wartete, sagte er zu sich selbst …
Dinah Montaner Tortora war dreißig Jahre alt und hatte ein Lehramtsstudium auf der Universität abgeschlossen. Sie hatte eine Wohnung in der Nähe der Schule gemietet, besaß kein Auto und war nie verhaftet worden. Kontostand war zweitausend Dollar. Bezahlte alle Rechnungen pünktlich. Hatte ein Handy, Internet und Kabelfernsehen, eine Kreditkarte, die sie jeden Monat ausglich, und keine Vorstrafen. Besaß eine aktuelle Mitgliedschaft im Fitnessstudio zwei Blöcke entfernt von ihrer Wohnung.
Keine besonders spannende Biografie. Andererseits, wenn man so gut in seinem Pass aussah, benötigte man vielleicht keinen weiteren Schnickschnack …
Sein Nachsinnen wurde durch Briones höfliches Klopfen an seinen Türrahmen gestört. Er hatte Arlen, die Zeichnerin, im Schlepptau.
»Kommt rein. Was habt ihr hinbekommen?«
»Das ist so nah dran, wie wir es schaffen konnten, Sir. Ich habe ihn vielleicht nur ein oder zwei Sekunden gesehen, also ist es ein wenig verschwommen, aber ich denke, es ist in dieser Größenordnung«, entschuldigte sich Briones. Er fühlte sich wie ein Esel. Er hatte doch gewusst, dass mit diesem Kerl da irgendetwas nicht stimmte …
Arlen legte den Skizzenblock auf den Schreibtisch, und Cruz betrachtete die Zeichnung.
»Toll. Also suchen wir nach Enrique Iglesias?«, fragte Cruz mit unbewegter Miene.
Arlen und Briones sahen einander an, dann auf die Zeichnung.
»Wissen Sie … Sie haben recht. Er sieht wirklich ein wenig aus wie er«, räumte Briones ein.
»Sind Sie sicher, dass Sie kein heruntergeladenes Musikvideo beschrieben haben?«
»Nein … obwohl das irgendwie seltsam ist, jetzt, wo Sie es erwähnen. Aber das kommt meiner Erinnerung, wie der Kerl ausgesehen hat, am nächsten, nur ungepflegter. Trotzdem …«
»In Ordnung. Alles, was wir jetzt noch tun müssen, ist auf die Latino-Grammy-Verleihung zu warten, dort können wir ihn festnageln.« Cruz wandte seine Aufmerksamkeit Arlen zu. »Danke für Ihr Werk. Wir schätzen es.«
Sie schenkte ihm ein zaghaftes Lächeln und verließ den Raum, die Zeichnung blieb auf dem Schreibtisch liegen.
»Es sieht Iglesias nicht sehr ähnlich«, begann Briones.
»Ich weiß. Es tut mir leid. Es war bereits ein harter Tag, und ich hatte auf etwas Handfesteres gehofft. Aber es ist, was es ist. Sind Sie sicher, dass Sie nicht noch genauer werden können?«, fragte Cruz.
»Das ist der Kerl. Oder ziemlich ähnlich.«
Cruz stöhnte hörbar, dankte dann Briones und bat ihn, die Tür hinter sich zu schließen, wenn er ginge.
Nun musste Cruz sich um ein anderes Problem kümmern, das er nur zögerlich in Angriff nahm. Woher hatte El Rey davon gewusst? Es war beinahe undenkbar anzunehmen, dass sie einen Spitzel auf der Wache hatten, aber er war so vorgegangen, als ob sie einen hätten. Dies bedeutete, er konnte Julio, Ignacio oder Briones nicht mehr trauen. Sein Verstand wollte es nicht glauben, dass einer von ihnen darin verwickelt sein könnte, besonders Briones nicht. Er wälzte alle Argumente hin und her und kam zu dem Schluss, Briones konnte nicht der Spitzel sein. Er arbeite mit Cruz seit fünf Jahren zusammen, und es hatte nie auch nur den kleinsten Hinweis auf irgendetwas Unpassendes gegeben. Nein, wenn er einen Tipp abgeben sollte, war es entweder Julio oder Nacho.
Das Problem war, dass Cruz nicht die geringste Ahnung hatte, wie er jeden Mann abschließend überprüfen konnte, wodurch er aber auf das kompromittierende Vorgehen zurückgeworfen blieb, sie von einer weiteren Teilnahme an den Untersuchungen auszuschließen. Dies würde seiner Beziehung zu ihnen dauerhaft schaden und ihn kluger Mitarbeiter berauben, aber es war der einzig sichere Weg.
Erneutes Klopfen unterbrach ihn. Er ging zu seiner Tür, öffnete sie und bekam einen riesigen Umschlag überreicht.
Cruz kehrte zu seinem Schreibtisch zurück und holte vier Phantombilder daraus hervor, legte diese nebeneinander und verglich sie mit Briones Skizze. Das Einzige, was dem nahe kam, war das Bild aus der Kirche, und auch das nur mit Fantasie. Trotzdem, es gab eine Ähnlichkeit beim Kinn und der Nase. Dies sagte ihm, dass El Rey vermutlich genauso aussah wie etwa zwanzig Prozent aller jungen Männer in Mexiko.
An manchen Tagen lief es eben nicht so gut.