KAPITEL ZWÖLF

Flughafen Benito Juarez, Mexico City, Gegenwart

Cruz starrte auf den kleinen Mann und überlegte, ob er ihm glauben sollte oder nicht. Er erhob sich und begann, im Zimmer herumzuschreiten, was er immer tat, wenn er nachdachte. Briones sah aus, als ob jemand seine Brieftasche gestohlen hätte.

»Woher wissen Sie das alles, und, was noch wichtiger ist: Wie kann es uns helfen, El Rey zu finden?«, sprudelte Briones hervor.

Moreno lächelte und offenbarte einen fast zahnlosen Mund. »Ich war an diesem Tag der Gärtner und habe den Efeu geschnitten. Ich arbeitete vier Jahre lang auf Montanegros Anwesen, bis er durch das Sinaloa-Kartell hingerichtet wurde. Sie erinnern sich wahrscheinlich daran. Es war ein blutiger Angriff, selbst gemessen an Tijuana-Standards. Don Felix war immer großzügig zu mir, aber im Laufe der Jahre wurde das Geld immer knapper. Den Rest kennen Sie ja«, sagte Moreno.

Cruz blieb endlich stehen und kehrte zu seinem Platz zurück. Er fixierte den Gefangenen mit einem harten Blick und stellte ihm eine Fangfrage.

»Wieso wissen Sie das über das Viagra?«, fragte Cruz.

»Ich habe es zufällig gehört. Anscheinend hat Don Felix den Rest des Gegenmittels nach San Diego zum Testen geschickt. Er lachte schallend, als er seinem Bruder ein paar Tage später davon erzählte. Ich glaube nicht, dass ich ihn je so amüsiert gesehen habe. Tränen rollten über sein Gesicht. Ich glaube, das beeindruckte ihn mehr als die Nachricht am nächsten Tag, dass der Boss des Chiapas-Kartell exekutiert worden war.«

»Sie haben also El Rey gesehen? Sie könnten uns sagen, wie er aussieht?«, fragte Cruz.

»Es ist schon sehr lange her, aber ich glaube, ich könnte es – aber nur, wie er damals aussah. Das Gesicht eines Mannes kann sich mit der Zeit ändern, und ich sah ihn nur für ein paar Minuten. Ich arbeitete und sah nur gelegentlich hinüber. Wenn man zu neugierig war, hätte das schlecht für die Gesundheit sein können«, erklärte Moreno.

»Wenn wir Ihnen einige Zeichnungen zeigten, könnten Sie ihn aus mehreren herausfinden?«, fragte Briones.

»Ich kann’s versuchen. Eine Sache nur. Wenn ich das mache, was bekomme ich im Gegenzug? Ich kann warten, bis Sie meine Geschichte überprüft haben, wenn Sie möchten. Sie können die Details über den Tod des Chiapas-Kartellbosses nachlesen – und das Datum. Das ist das Einzige, was mir einfällt, das Sie überprüfen können«, bot Moreno an.

Cruz dachte darüber nach. Es war nicht möglich, dass ein Mann mit offensichtlich dermaßen begrenztem Verstand und ohne Perspektiven solch eine Geschichte erfinden konnte, jedenfalls nicht mit so vielen Details. Cruz war bereit anzunehmen, dass sie der Wahrheit entsprach.

»Wenn Sie uns helfen können, werde ich mit Culiacán sprechen und darum bitten, dass die Anklage gegen Sie fallen gelassen wird. Ich würde auch vorschlagen, dass Sie aufhören, in Häuser einzubrechen. Sie sind zu alt für diesen Scheiß«, sagte Cruz.

»Ich glaube Ihnen. Und danke, Captain. Vielen Dank«, sagte Moreno, den Tränen nahe vor Erleichterung.

Briones öffnete seine Aktentasche und breitete die fünf Zeichnungen auf dem Tisch aus, zusammen mit ein paar Placebo-Zeichnungen, die sie Arlen in Vorbereitung auf das Treffen hatten anfertigen lassen. Moreno warf für ein paar Minuten seinen Blick darauf, schien aber unentschlossen zu sein. Schließlich setzte er seinen vernarbten Zeigefinger auf eine.

»Diese hier kommt ihm am nächsten. Er sieht hier älter aus und ein wenig schwerer, und bei der Nase und den Augen stimmt etwas nicht, aber die sieht meiner Erinnerung nach am ähnlichsten aus«, sagte Moreno.

Sie schauten alle auf die Skizze, die Moreno ausgewählt hatte.

Es war Briones Landstreicher.

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Sarah Wilford war erstaunt, als sie die E-Mail von ihrem Schwager, Bill Stephens, sah. Sie zerbrach sich den Kopf, wann Bill ihr wohl das letzte Mal etwas geschickt hatte, und kam nicht darauf. Das war also offenbar das erste Mal.

Sie las die kurze Erklärung und öffnete dann den Anhang, wobei es sich um einen formellen Bericht über die Sitzung mit den Mexikanern handelte. Sarah las ihn flüchtig, wurde dann aber von einem Anruf abgelenkt. Als sie fertig war, war es schon fünf Uhr, und sie musste los, die Kinder von der Tagesstätte abholen. Sie dachte darüber nach, was sie mit der Meldung machen sollte, und leitete sie dann an ihren Chef, Carl Rugman, weiter, der besser als sie wusste, wie man vorzugehen hatte. Zufrieden damit, alles getan zu haben, was sie konnte, nahm Sarah ihren Mantel und ihre Geldbörse und eilte los, um ihre Lieblinge abzuholen.

Carl war in einer Sitzung mit zwei Kommunikationsspezialisten und ging mit ihnen die neuesten Satellitenüberwachungsraster für den Irak durch, was bis sechs Uhr dauerte. Sobald er fertig war, sah er seine E-Mails durch und stieß auf Sarahs Nachricht samt Anhang. Nach einem schnellen Überfliegen schnappte er sich sein Telefon und wählte sein Pendant im Geheimdienst an, der aber nicht im Büro war. Er hinterließ dort eine kurze Nachricht, dass er einen Bericht von der DEA, der amerikanischen Drogenbehörde, an ihn weiterleitete. Als Nächstes rief er einen Freund bei der CIA an, bei dem auch nur die Mailbox anging.

»Humphrey, hier ist Carl. Ich weiß, es ist schon spät, aber ich habe gerade einen Bericht von der DEA erhalten, und ich dachte, dass er für dich von Interesse sein könnte. Es geht um eine mögliche Bedrohung des Präsidenten und hat mit den mexikanischen Kartellen zu tun. Ich leite ihn dir weiter. Du wirst bestimmt wissen, an wen du ihn weiterzugeben hast.«

Nach erneutem Durchlesen schickte er die E-Mail an drei andere Männer innerhalb der NSA und an zwei weitere bei der CIA. Mit diesen Kontakten und dem Secret Service sollte die Basis abgedeckt sein.

Er schaltete seinen Computer aus und zog seine Jacke an, bevor er das Licht löschte. Nach dem anstrengenden Tag mit Meetings und Briefings war er müde. Der Schutz der Nation vor Terrorismus und weiß der Teufel noch allem nahm ihn besonders mit, vor allem in seinem Alter.

Drei Stunden später klingelte ein Telefon im persönlichen Büro eines der mächtigsten Männer in Langley, eines CIA-Vizedirektors für den gesamten Nahen Osten.

»Ich habe einen Bericht an Ihre verschlüsselte anonyme Mailbox geschickt. Lesen Sie ihn und rufen Sie mich zurück. Wir haben ein Problem.« Die Linie wurde unterbrochen.

Kent Fredericks loggte sich pflichtbewusst in sein alternatives Postfach ein – eine verdeckte Adresse für heikle Themen, die er nicht aufgezeichnet haben wollte –, las sorgfältig den Bericht und wählte dann eine Telefonnummer.

»Wir müssen uns treffen. Geht das heute Abend noch?«, fragte Kent. Er schaute auf seine Uhr. »Vielleicht sagen Sie Ihrer Frau, dass Sie einen Cocktail mit einem wichtigen Wähler nehmen müssen?«

»Zweiundzwanzig Uhr dreißig, in meinem Klub. Ich werde dafür sorgen, dass wir nicht gestört werden. Um diese Zeit sollten nicht viele Leute da sein.«

»Ich treffe Sie dort.«

Das gab Kent ein wenig mehr als eine Stunde, um sich darauf vorzubereiten. Er musste sorgfältig überlegen, wie er mit dem Bericht umging. Es wäre einfach, das Ganze als eine ungeprüfte Vermutung von irgendeinem namenlosen Mexikaner abzutun. Er konnte den ›Mexikaner‹ mit einem Augenrollen als inkompetenten Bauern darstellen. Es wäre nicht schwierig, angesichts der Tatsache, dass viele derjenigen, die die Ergebnisse zu bewerten hatten, ältere weiße Männer waren. Ihre fest verankerten kulturellen Vorurteile boten ganz einfach die Möglichkeit der Manipulation in Richtung einer oberflächlichen Abweisung der Informationen. Das hätte ihm nicht viel ausgemacht, allerdings war er besorgt darüber, wie es weitergehen sollte. Die Nachricht stellte ein potenzielles Problem dar, und sein Wert als exklusives Mitglied in der Gruppe bestand eben auch darin, Lösungen anzubieten.

Als er das aufwendige Foyer des Klubs betrat, war er erstaunt, wie sehr der Ort nach Tradition und Macht roch. Die Wände waren aus poliertem dunklen Holz, mit glänzenden Ölgemälden von finsteren Männern, die aus der Position in ihrem goldverzierten Rahmen herunterstarrten – ehemalige Vorsitzende, vermutete er. Ein diskreter Mann im Smoking begrüßte ihn mit einem verhaltenen »Guten Abend« und führte ihn dann zu einem der privaten Tagungsräume. Es ging einen vom Hauptbereich des Klubs abgetrennten Flur hinunter, in dem absolute Privatsphäre gewährleistet war. Die Begleitung öffnete eine Tür, und Kent trat in einen zwanzig Quadratmeter großen Raum. Der Durchgang wurde hinter ihm geschlossen, und er fand sich von Angesicht zu Angesicht dem älteren Herrn gegenüber, mit dem er am Telefon gesprochen hatte. Der Sprecher des Repräsentantenhauses war ebenfalls anwesend.

Die anschließende Diskussion war genau das, was er befürchtet hatte. Gegen Ende war er der Spekulationen und Anschuldigungen müde und unterbrach den an Hysterie grenzenden Dialog.

»Meine Herren, ich glaube, es kann mit Sicherheit gesagt werden, dass wir uns damit so schnell – und unilateral – befassen müssen, wie wir können. Ich schlage vor, dass ich einige unserer Agenten in Mexiko kontaktiere und es über inoffizielle Kanäle geregelt bekomme«, empfahl er.

»Das ist alles schön und gut, aber die Katze ist jetzt aus dem Sack, meinen Sie nicht?«, knurrte der ältere Mann.

»Nein, überhaupt nicht. Wir haben einen Polizeihauptmann, der eine Theorie ohne jede Grundlage hat, basierend auf Hörensagen durch die Behauptungen eines Kriminellen. Hier im Bericht steht ganz genau, dass sein eigener Geheimdienst ihn abblitzen ließ. Wenn sie ihn wegschickten, ist das ein guter Indikator dafür, dass er nichts Greifbares in der Hand hat. Das ist nur ein skrupelloser Polizist mit einer wilden Theorie und keinen Beweisen. Niemand glaubt ihm in Mexiko, und das aus gutem Grund. Es ist ein zu vernachlässigendes Ereignis«, antwortete Kent.

»Nun, was geschieht, wenn er einen Beweis bekommt?«, fragte der Sprecher des Repräsentantenhauses.

»Es gibt keinen Beweis. Das ist das Beste an der ganzen Sache. Das Ganze ist ein Windei«, antwortete Kent.

»Was ist mit diesem Attentäter, über den er sich auslässt? Was ist, wenn er es schafft, den zu finden und zu stoppen?«, wandte der Besucher ein.

»Meinen Sie El Rey? Der berüchtigtste Attentäter in Lateinamerika? Glauben Sie nicht, dass die Polizei, wenn sie ihn hätte verhaften können, das inzwischen getan hätte? Es gibt eine ganze Sondereinheit, die sich dem widmet, aber die hat nichts erreicht. Nein, das ist völlig durchschaubar. Der Kartellboss, der den Auftrag erteilte, ist tot. Also ist da niemand mehr, mit dem man reden könnte. Übrig bleiben ein Auftragskiller, der sich seit einem Jahrzehnt der Verhaftung entzieht, und die mexikanische Polizei, die etwa so kompetent ist wie die Bullen in Washington, D. C. …« Kent grinste über seinen eigenen Witz.

»Ich würde sagen, der Kartellboss hat schon genug geredet«, sagte der ältere Mann.

»Vielleicht, aber er ist tot. Deshalb ist er kein Problem mehr.«

»Was ist mit dem Killer, diesem El Rey? Wird er den Vertrag erfüllen, jetzt, wo sein Arbeitgeber nicht mehr am Leben ist?«, fragte der Sprecher des Repräsentantenhauses.

»Unser gesamter Geheimdienst geht davon aus, dass er es tun wird. Der neue Kartellchef, der an seine Stelle tritt, wird El Rey nicht verärgern wollen – er gilt bei den kriminellen Banden in Mexiko als unverwüstlich. Wenn er also aufkreuzt und die Bezahlung für die Verpflichtungen des Vorgängers fordert, wird der neue Mann zahlen. Sehen Sie, die Kartelle schwimmen im Geld. Deshalb sind das Peanuts im Vergleich zu einer Kugel in den Kopf, wenn sie es am wenigsten vermuten. Nein, ich denke, man kann mit Sicherheit sagen, dass sie El Rey nicht kaltmachen werden, was bedeutet, das Einzige, was sich geändert hat, ist dieser Polizist, der über Dinge stolpert, die ihn nichts angehen«, sagte Kent.

Die Diskussion dauerte noch weitere fünfzehn Minuten an, aber am Ende wollte jeder eigentlich nur eine Rückversicherung. Kent bot eine an. Er schlug eine Lösung vor, mit der sie alle leben konnten. Sie stimmten zu, und das Treffen war beendet. Auf dem Weg aus dem Gebäude blickte Kent auf seine Uhr – es war fast Mitternacht. Er rieb sich die Augen und ächzte, als er in sein Auto stieg. Es würde noch ein paar Stunden dauern, bevor er nach Hause gehen konnte.

Er hatte noch ein paar Anrufe zu tätigen.

Mexico City, vor sechs Monaten

Francisco Morales, der Innenminister für Mexiko, ging an Bord des Hubschraubers, der ihn zur Besprechung der Staatsanwälte bringen sollte, die sich trafen, um neue Schritte im Kampf gegen die Kartelle zu diskutieren. Es war ein nebeliger Morgen, und während das Flugzeug auf die Ankunft der anderen Passagiere wartete, beschäftigte sich Morales mit seinem Blackberry und sandte eine Nachricht auf Twitter zum Gedenken an den Tod seines Vorgängers, der drei Jahre zuvor bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war. Das war ein schwerer Schlag für die Nation gewesen. Der Innenminister war weitgehend verantwortlich für das Tagesgeschäft im Krieg gegen die Drogen, und sein Vorgänger ging vehement in seiner Verurteilung der Kartelle vor. Das Gleiche galt für seine Entwicklung innovativer Strategien zur Bekämpfung der Kartelle, zum Beispiel den Aufbau der Sondereinheit von Cruz.

Zwei SUVs fuhren neben den Hubschrauber. Die Insassen stieg aus – Felipe Zariana, General für rechtliche Angelegenheiten, José Salamanca, Direktor für soziale Kommunikation, René Cantantore, Lieutenant General, und eine Gruppe von Militärs und Sekretären. Der Flug würde neun Leute befördern, inklusive des Piloten, ein Veteran der Luftwaffe, der schon fünfzehn Jahre dabei war. Die gesamte Gruppe vertrat die obersten Kreise der Regierung im Krieg gegen die Kartelle, und Aufregung lag in der Luft – Morales wollte eine mutige neue Strategie enthüllen, um die kriminellen Syndikate in die Knie zu zwingen.

Dass sie wirksam sein würde, stand außer Frage. Nach Jahren der halbherzigen Maßnahmen hatte endlich jemand beschlossen, ernsthaft etwas zu unternehmen und der Schlange den Kopf abzuschlagen. Es barg eine gewisse Ironie, dass der Todesstoß von einem Einwohner der gewalttätigsten Kartellstädte kommen würde. Morales hatte einen langen Weg zurückgelegt. Seit seinen demütigen Anfängen in der Arbeiterschaft von Tijuana war er die größte Hoffnung der Mexikaner für den entscheidenden Sieg gegen die räuberischen Verbrecher, die die Nation lähmten.

Die Rotoren des Hubschraubers nahmen an Geschwindigkeit zu, als der Pilot sich für den Abflug bereitmachte. Im Lichte der späten Morgendämmerung lag der Nebel wie eine dicke, graue Decke über dem Flugplatz. Das würde jedoch kein Problem für den Flug darstellen – der Hubschrauber war mit modernster Elektronik ausgestattet und konnte ohne Weiteres komplett blind fliegen, wie es oft im Dunkeln der Nacht notwendig war. Das markante Klack-Klack der Rotoren wurde durch den dichten Dunst gedämpft, als der Pilot die endgültigen Checks durchführte, um sicherzustellen, dass alles ordnungsgemäß funktionierte. Zufrieden erhöhte er die Drehzahl der massigen Turbine. Das Fluggerät erhob sich zum Himmel und verschwand mit blinkenden Lichtern in der Wolke.

Sieben Minuten später verlor die Flugsicherung die Spur des Fluges, der angesichts seiner Nutzlast Prioritätsstatus hatte. Nach mehreren Versuchen, den Piloten zu kontaktieren, stiegen Flugzeuge auf, um die Flugroute zu verfolgen und zu prüfen, ob es einen Unfall gegeben hatte.

Der Pilot eines der Aufklärungshubschrauber funkte: »Tower, hier ist Flug Drei-Null-Sieben. Wir sehen eine Absturzstelle in der Nähe eines Hügels auf Raster vierzehn. Wiederhole. Wir haben ein Wrack auf Raster vierzehn. Bitten um Erlaubnis zu landen und zu erkunden.«

»Roger. Erlaubnis erteilt. Alle anderen Helikopter begeben sich zu Raster vierzehn.«

Der Pilot brachte seine Maschine nach unten und landete in der Nähe der verstümmelten Überreste von Morales’ letztem Flug. Intuitiv erfasste er angesichts der Umstände dort, dass niemand aus dem Wrack entkommen war. Aus kleineren Bränden stiegen Wirbel von schwarzem Rauch aus der Verwüstung; das Metallskelett des Transportmittels war bis zur Unkenntlichkeit verdreht. Es hatte mindestens eine Explosion gegeben, als der Hubschrauber abgestürzt war. Nachdem er ein paar Minuten den Umkreis abgeschritten hatte, gab er seine Erkenntnisse weiter und blickte dann zum Himmel, wo weitere Helikopter vorsichtig durch den sich jetzt zurückziehenden Nebel heranschwebten. Die einzige Aufgabe, die noch verblieb, war, die Überreste zusammenzukratzen.

Der Mann beobachtete durch das Fernglas, wie die Absturzstelle vom Militär gesichert wurde, und machte ein Foto mit seinem Telefon, um es an den Klienten zu senden. Hier ging es um einen Vertrag mit der Auflage, keine Lorbeeren dafür einzuheimsen. Das war in Ordnung. El Rey hatte schon genug Presse für ein ganzes Leben, deshalb kamen ihm die Bedingungen entgegen – es war schon lächerlich einfach gewesen, eine kleine Menge Sprengstoff in der Nähe der Rotorkupplung anzubringen, der mit einem Hochfrequenz-Sender gezündet werden konnte, sobald der Helikopter in Reichweite kam. Er mied die Nutzung von Mobiltelefonen als Auslöser; es bestand immer die Gefahr, dass der Empfang blockiert war oder es Funklöcher gab – ein fast ständiges Problem in Mexiko. Oder, noch schlimmer, wenn eine falsche Nummer oder Textnachricht hereinkäme. Eine zufällig verwählte Ziffer konnte einen sorgfältig ausgetüftelten Plan ruinieren.

Um fünf Millionen Dollar reicher rollte er das getönte Fenster seines gestohlenen Nissan Pathfinder hoch und setzte seine Fahrt auf der Landstraße fort, weg von Mexico City und der ganzen Reihe von Einsatzfahrzeugen, die bald hier sein würden.

Mexico City, Gegenwart

Am folgenden Nachmittag berief Cruz alle Chefs seiner Einheit zu einem Treffen im großen Konferenzraum des Hauptquartiers ein. Als er hereinkam, beladen mit transparenten Folien für den Overhead-Projektor, war die Suite fast voll besetzt. Das Murmeln der Gespräche erstarb schnell, und als Cruz das Wort ergriff, hatte er die Aufmerksamkeit aller.

Er nickte Briones zu, der die Lichter ausmachte, und hantierte an der Rückseite des Projektors herum, bis an der Wand ein helles weißes Quadrat erschien. Er zog die oberste Folie aus dem schützenden Ordner und legte sie auf das Display. Die Skizze von Briones Landstreicher entfaltete sich in Überlebensgröße an der Wand.

»Das ist eine Darstellung des Attentäters, bekannt als El Rey. Nach unserer Kenntnis kommt es seinem Aussehen sehr nahe – oder so gut es eben geht. Wie er wirklich aussieht, werden wir erst wissen, wenn er auf einem Tisch in der Pathologie liegt«, begann Cruz. Die versammelten Offiziere kicherten und machten ein paar gedämpfte Bemerkungen, bevor es wieder ruhig wurde.

»Wie Sie vielleicht wissen, ist El Rey für eine Vielzahl von Hinrichtungen und Morden verantwortlich, vor Kurzem an einem Politiker, bekannt als El Gallo. Er hat seine Reichweite über die Drogenkartelle hinaus erweitert, was zuvor wohl sein Spezialgebiet war, und jetzt liegt die Vermutung nahe, dass er auch aktiv politische Persönlichkeiten ins Visier genommen hat. Die Chancen, dass El Gallo ein Einzelfall war, sind gering«, versicherte Cruz ihnen. »Im Rahmen unserer laufenden Undercover-Operationen gegen Kartellmitglieder in Mexico City führten wir vor Kurzem eine Razzia in einem Lager durch, wo der Anführer des Templer-Kartells sich mit einigen lokalen Drogenhändlern traf. Die Informationen, die uns zu ihm führten, wurden uns durch unsere verdeckten Ermittler als Teil unseres geheimen Zivilprojekts zugetragen. Als sich der Rauch verzog, hatten wir den Top-Mann gefangen: unser Ziel, Jorge Santiago – einer der bösartigsten Psychopathen in Mexiko.« Cruz entfernte die Folie mit El Rey darauf und ersetzte sie durch ein Foto von Santiago. »Wir haben während der Razzia Verluste hinnehmen müssen, und Santiago war am Ende der einzige Überlebende des Angriffs. Er fiel daraufhin ins Koma und starb, aber nicht, ohne zuvor damit zu prahlen, El Rey mit der Ermordung unseres Präsidenten beauftragt zu haben, sowie auch des Präsidenten der Vereinigten Staaten.«

Die versammelten Beamten verfielen in eine lebhafte Diskussion, und Cruz nickte Briones zu. Die Lichter flackerten wieder auf, und Cruz hob seine Hände, um sich Ruhe zu erbitten. Der Tumult ließ schließlich nach, und Cruz konnte mit seiner Präsentation fortfahren.

»Ich werde gerne Fragen beantworten, nachdem ich fertig bin. Hier kommt, was Sie noch wissen müssen. Erstens, wir haben keinen Beweis, dass Santiagos Behauptungen wahr sind, somit können wir keine Unterstützung von den anderen Abteilungen der Strafverfolgung oder unseres Geheimdienstes erwarten. Zweitens, ich glaube, dass die Drohung real ist. Wir konnten den Mann finden, von dem wir glauben, dass er El Reys Vermittler war – sein Agent, wenn man so will, der angeblich potenzielle Kunden ansprach und im Auftrag El Reys mit ihnen verhandelte. Dieser Mann, Jaime Tortora, wurde an dem Morgen ermordet, als wir uns mit ihm als interessierte Kunden zu einem Treffen verabredet hatten.« Cruz nickte Briones zu, das Licht wieder auszumachen. Cruz schob eine Folie mit einem Führerscheinfoto von Tortora in den Projektor.

»Dieser Mann besaß ein Pfandhaus in der Innenstadt. Ich sagte, wir nehmen an, dass Tortora der Agent war, weil wir nichts gefunden haben, als wir den Tatort durchsuchten. Dennoch bin ich überzeugt, dass er mit El Rey zu tun hatte, angesichts der Methode und des Zeitpunktes seiner Hinrichtung. Er wurde fast in zwei Hälften geschnitten, mit einer japanischen Katana – das Schwert, das von Samurai-Kriegern in früheren Jahrhunderten verwendet wurde. Es mag Zufall sein, dass der Mann, der als Repräsentant des ›Königs der Schwerter‹ fungierte, mit einem Schwert getötet wurde, aber das scheint eher die poetische Geste eines gestörten Geistes zu sein. Es ist anzunehmen, dass es für einen Killer eine besondere Bedeutung hat, der den Namen König der Schwerter für sich ausgewählt hat.« Cruz ersetzte das Kopfbild Tortoras durch ein Foto der Leiche. Eine nervöse Unruhe ging durch den Raum – selbst erfahrene Veteranen der Drogenkriege, die unzählige enthauptete Körper gesehen hatten, waren durch das grausige Bild betroffen.

»Bevor ich zu den Fragen übergehe, möchte ich noch einige Anmerkungen machen. Ich weiß, unser verfassungsmäßiger Auftrag besteht darin, die Kartelle auszumerzen. Ich verstehe unsere Mission besser als die meisten. Aber ich sehe auch, dass es so scheinen mag, als wären diese Dinge nicht unsere Sorge – der Präsident hat seine eigenen Sicherheitskräfte, die für seine Sicherheit zuständig sind, und der amerikanische Präsident hat seinen Geheimdienst. Warum sollten wir also unsere Nasen in etwas hineinstecken, wo sie nicht hingehören? Die Antwort ist in meinen Augen einfach: weil wir die einzige Behörde sind, die die Kartelle daran hindert, Mexiko zu übernehmen; und ein Attentat auf unseren Präsidenten würde einen verheerenden Schlag gegen die Rechtsstaatlichkeit darstellen. Unsere Aufgabe ist es, die Kartelle zu bekämpfen, und wenn dieser Plan real ist, stellt das eine neue Phase in unserem Krieg gegen sie dar.« Cruz machte eine Pause, um einen Schluck Wasser zu nehmen, bevor er zum Ende kam. »Ich glaube, dass dieses Attentat auf dem bevorstehenden G-20-Finanzgipfel in Los Cabos passieren wird. Das ist das einzige Mal, dass der amerikanische Präsident in diesem Jahr auf mexikanischem Boden sein wird. Der Gipfel ist in vier Wochen, wir haben also keine Zeit zu verlieren.« Cruz holte tief Luft, als er die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Männer bemerkte.

»Dieser finstere Plan ist der ultimative Ausdruck des Bösen, von Männern, die den Tod verbreiten und sich wie Barbaren verhalten – wie Tiere. Es interessiert mich persönlich nicht, ob unsere bürokratische Schutztruppe herausfindet, ob ein Attentäter wirklich plant, den Präsidenten zu töten. Ich habe bereits beschlossen, die Bedrohung ernst zu nehmen, und ich plane, entsprechend zu handeln. Und ich bitte um Ihre Mithilfe. Jeder muss seinen Schwerpunkt verlagern und das in den kommenden Tagen zur Priorität erklären. Ich werde mich mit jedem Einzelnen von Ihnen treffen, um Aktionspläne auszuarbeiten, aber ich möchte, dass jeder versteht, womit wir es hier zu tun haben, damit ich Ihre Unterstützung bekomme. Vielen Dank.« Cruz nahm noch einen Schluck Wasser, dann setzte er sich auf einen Stuhl an der Spitze des langen Konferenztisches. »Fragen?«

Ein Chor von Stimmen schrie nach Aufmerksamkeit, und Cruz winkte zur Ruhe. Er wies auf einen Mann am anderen Ende des Tisches. »Arturo. Ja?«

»Woher stammt das Bild von El Rey, und arbeiten wir mit der Sondereinheit zusammen, die ihn zur Strecke bringen soll?«

»Gute Frage. Dieses Bild basiert auf einer kurzen Begegnung unseres eigenen Lieutenants – Fernando Briones, den alle von Ihnen kennen – mit El Rey. Ich war in Kontakt mit der Sondereinheit, aber ihr Erfolgsniveau ist bis heute, nach vielen Jahren der Arbeit am Fall, wenig spektakulär. Während ich sie regelmäßig über unsere Bemühungen unterrichte, glaube ich, dass es zu diesem Zeitpunkt kontraproduktiv wäre, sie in unsere Operation einzubeziehen. Sie kämen uns einfach in den Weg.«

»Und Briones ist noch am Leben, um von dem Zusammenstoß zu berichten? Was für ein glücklicher Bastard«, witzelte Arturo.

»Ja, das ist wohl wahr.« Cruz deutete auf einen anderen Mann, einen fetten Burschen mit Glatze auf halber Höhe des Tisches zu seiner Linken. »Miguel?«

»Sie erwähnen, dass dies alles theoretisch ist. Erwarten Sie, irgendwelche Daten zu bekommen, die aus der Theorie Fakten machen würden?«, fragte Miguel.

»Das ist der springende Punkt bei dieser Operation, den ich ›Mungo‹ nenne. El Rey ist eine Schlange: clever, tödlich und leise. Wir werden die Mungos sein, die diese Schlange findet und tötet. Wir müssen all unsere Ressourcen verwenden, um Hinweise zu erhalten, wo El Rey sich aufhält, sodass wir ihn neutralisieren können. Ich werde in unseren Einzelgesprächen mehr ins Detail gehen, aber für den Moment will ich nur sagen, dass ich jeden brauche, um seine Netzwerke zu mobilisieren und die Bemühungen zu unterstützen, Informationen zu sammeln, die zu El Reys Festnahme führen werden.« Cruz zeigte auf eine Frau an der Rückwand, die ihre Hand gehoben hatte. »Ja, Cynthia?«

»Werden wir deswegen bald mit CISEN zusammenarbeiten? Es scheint, dass dies die richtige Gruppe wäre, angesichts der Gefahr für ein ausländisches Staatsoberhaupt.«

»Ich bin zuversichtlich, dass wir das tun werden. Es könnte jedoch schon zu spät sein. Unsere Aufgabe ist es, einen Fall zu konstruieren, den wir ihnen zu gegebener Zeit präsentieren werden. Genau das werden wir tun.«

Die Fragen gingen eine halbe Stunde lang weiter, weitgehend konzentrierten sie sich auf logistische Probleme. Cruz hörte sich alle Fragen geduldig an und beantwortete sie ehrlich, ohne sich vor den unangenehmen zu drücken oder sich auf die Autorität aufgrund seiner Position zu berufen, um seine Handlungen zu rechtfertigen. Das war ein persönlicher Appell an seine treuen Mitarbeiter, und sie hatten es verdient zu verstehen, was er mit ihnen vorhatte.

Cruz kam zum Ende und verwies sie auf Briones wegen der Terminplanung und des erforderlichen Materials, wie Kopien von der Zeichnung und einer Zusammenfassung des Falles. Als er aus dem Zimmer ging, verdampfte das Vertrauen, das er gezeigt hatte. Nur ein Gedanke raste durch seinen Kopf. Sie hatten weniger als dreißig Tage Zeit, den Mörder zu fangen – das war nur ein Wimpernschlag.

Er würde es nie zugeben, aber er war nicht glücklich über ihre Chancen.