17
»Mulcahy? Bist du das?«
Er erkannte ihre Stimme sofort, obwohl sie sehr zittrig klang.
»Ja, natürlich«, sagte er und versuchte, die leichte Skepsis in seiner Stimme zu unterdrücken. Einen Moment lang hörte er am anderen Ende der Leitung nur ein langes Ausatmen. »Alles in Ordnung, Siobhan? Ist irgendwas?«
»Nein, schon okay. Es geht schon wieder.« Sie lachte, allerdings nicht sehr herzlich. »Ich habe nur plötzlich Schiss gekriegt, weiter nichts. Ich weiß nicht mal, warum ich dich angerufen habe. Ich bin wohl in Panik geraten. Ich habe auf den Fahrstuhl gewartet, und als die Tür aufging, habe ich nur diese gähnende Leere gesehen. Da ist mir das Herz in die Hose gerutscht. Ich dachte, gleich springt jemand raus und bringt mich um, dabei war nur das Licht darin kaputt. Ich hab’s dann jedenfalls nicht draufankommen lassen und bin gerade auf dem Weg die Treppe runter.«
Wie zur Bestätigung hörte er durchs Telefon das Klackern von Absätzen auf einem harten Boden.
»Du bist noch bei der Arbeit?«
»Ich geh gerade. Wo bist du?«
»Im Wagen. Kurz vor dem College Green auf dem Heimweg.« Er blickte zur hell erleuchteten Fassade des Trinity College hinauf, dessen elegante Kurve auf der anderen Straßenseite von der lang geschwungenen, dunklen Kolonnade der alten Bank of Ireland widergespiegelt wurde.
»Das ist ja gleich hier um die Ecke.«
»Du klingst, als könntest du einen Drink vertragen.« Er hörte, wie seine Stimme dabei kurz stockte. Sie musste ihn für einen Idioten halten. Sie hatte ihm doch mehr oder weniger ins Gesicht gesagt, dass sie ihn nur versehentlich angerufen hatte.
»Soll das ein Witz sein?«, sagte sie. »Ich brauche ungefähr sechs, damit ich aufhöre zu zittern.«
Sie konnten entweder in den Palace gehen oder in den Mulligans, also entschieden sie sich für Letzteren, vor allem deshalb, weil er in der Poolbeg Street und damit fast direkt neben dem Herald lag. Siobhan konnte höchstens ein bis zwei Minuten vor ihm angekommen sein, aber als er den dusteren, gut gefüllten Pub betrat, fand er sie in der sich lautstark unterhaltenden Menge auf Anhieb nicht. Erst als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, entdeckte er sie ganz allein weit weg vom Tresen, in einer dunklen Ecke. Sie hatte zwei volle Gläser vor sich stehen.
»Ich hab dir eins mitgebracht«, sagte sie trocken, als er sich ihr gegenübersetzte, obwohl in der Ecke neben ihr viel Platz war. Das Stimmengewirr umhüllte sie und bot ihnen eine gewisse Abgeschiedenheit.
»Danke«, sagte er und nahm einen Schluck aus seinem Glas. Jetzt, wo sie so vor ihm saß, wusste er nicht recht, was er sagen sollte. »Eben am Telefon klangst du ziemlich verängstigt.«
»War ich auch ein bisschen«, sagte sie, ohne ihm in die Augen zu sehen. »Na ja, es hat mir einen ziemlichen Schrecken eingejagt, als ich so allein im Büro war. Mir hat da jemand was geschickt … Ich meine, ich wollte dir was zeigen und dich fragen, was du davon hältst.«
»Okay«, sagte er. »Zeig her.«
Siobhan beugte sich vor und wollte die Umhängetasche öffnen, die vor ihren Füßen auf dem Boden lag, dann überlegte sie es sich anders. Sie richtete sich wieder auf und starrte ihn wütend an.
»Du brauchst aber nicht zu denken, dass ich dir verzeihe«, sagte sie.
»Dass du mir verzeihst?«, er lachte höhnisch. »Müsste das nicht andersrum sein?«
»Wieso?« Sie lächelte weder, noch schmollte sie oder spielte mit ihm, soweit er das erkennen konnte. Es war ihr Ernst. »Ich hab nur meine Arbeit gemacht. Ich hab dich sogar vorher gewarnt. Das war kein Grund, mich so abzuservieren. Also, eine verdammte SMS, Mulcahy. Hättest du mir das nicht wenigstens von Angesicht zu Angesicht sagen können?«
»Herrgott, Siobhan, du hast ja keine Vorstellung, welchen Ärger du mir bereitet hast. Vom Polizeipräsidenten abwärts glauben alle, dass du das alles von mir weißt. Die haben uns zusammen gesehen. Ich bin praktisch aus der Ermittlung rausgeflogen. Und deshalb sitze ich jetzt für Gott weiß wie lange bei der verdammten Sitte fest.«
Dieses Mal war sie wenigstens so anständig, etwas bestürzt auszusehen.
»Warum sollten sie denken, dass du etwas damit zu tun gehabt hast? Ich meine, du hast mir ganz deutlich zu verstehen gegeben, dass du mir nicht hilfst. Und ich hab darauf geachtet, dich aus der Sache rauszuhalten. Und das war gar nicht einfach, glaub mir. Dein Name ist immer wieder gefallen, und keineswegs nur in positivem Sinne.«
Das kam so überraschend, dass er es fast noch einmal leise für sich wiederholt hätte.
»Wovon sprichst du, verdammt noch mal? Wann ist mein Name gefallen? Und wie bist du an diese ganzen Informationen gekommen?«
»Hör zu, Mulcahy, du weißt, dass ich nicht über meine Quellen sprechen darf, also fang jetzt nicht damit an, okay?«
»Nein, das reicht mir nicht, Siobhan«, sagte er wütend. »Du hast gerade gesagt, dass jemand über mich hergezogen ist. Wer war das?«
»Schluss jetzt«, sagte Siobhan, streckte die Hand aus und legte ihm den Zeigefinger auf die Lippen. Ihre Berührung traf ihn wie ein Blitz. »Ich schwöre es, Mulcahy, ich kann dir nicht sagen, wer das war. Ich weiß es selbst nicht genau. Aber hör zu, darum geht es nicht. Ich wollte dich bitten …«
»Darum geht es nicht?« Mulcahy sprang auf. »Ich sitz deinetwegen bis zum Hals in der Scheiße, und du sagst, darum geht es nicht? Herrgott noch mal!«
Der Ausbruch überraschte sie offenbar. Sie lehnte sich zurück, rieb sich mit beiden Händen die Augen, schien alles lieber zu tun, als ihn anzusehen. Als sie dann wieder etwas sagte, war es, als begleitete ein leichter, kalter Wind ihre Worte.
»Du weißt genauso gut wie ich, dass ich es dir nicht sagen könnte, selbst wenn ich den Namen kennen würde. Aber gut, wenn du willst … An dem Morgen, nachdem wir im Blue Light waren, habe ich einen Anruf bekommen. Der Mann sagte, er arbeitet am Salazar-Fall und weiß, was da abläuft. Er hat mir alles auf einem Silbertablett serviert. Nach dem Überfall auf Catriona Plunkett lief es genauso. Dann habe ich tagelang nichts von ihm gehört. Ehrlich nicht. Ich war richtig erleichtert, als er sich dann wieder gemeldet hat, nachdem Paula Halpins Leiche gefunden wurde: ›Kommen Sie in den Phoenix Park. Zum Furry Glen. Und zwar schnell, Baby.‹ Das hat er gesagt. Weiter habe ich nichts von ihm gehört. Jetzt lass uns davon aufhören, sonst sprechen die einen Bann über mich aus und ich krieg nie wieder einen anständigen Hinweis.«
Mulcahy warf den Kopf in den Nacken und stieß ein langes, tiefes Stöhnen aus. »So läuft das also, klar doch. ›Und zwar schnell, Baby?‹ Das hat er gesagt?« Er schlug mit der Faust auf den Tisch. »Ich hab’s gewusst. Dieser hinterhältige Drecksack. Ich hab die ganze Zeit gewusst, dass er dahinterstecken muss.«
Siobhan starrte ihn mit panischem Blick an, weil sie merkte, dass sie zu viel gesagt hatte.
»Immer mit der Ruhe, Mulcahy. Ganz egal, wen du meinst, du hast es nicht von mir, okay? Ehrlich, mir würde nie wieder jemand etwas erzählen. Ich wäre am Ende.«
Aber er hörte ihr gar nicht mehr zu, betrachtete die Situation jetzt aus Cassidys Sicht – das war der perfekte Plan, dem hochnäsigen Inspector eins auszuwischen und dabei noch ein paar Euro nebenbei einzukassieren. Er musste sich vorgekommen sein, als ob sämtliche Weihnachtsfeste seines Lebens auf einen Tag gefallen wären.
»Pass auf, Mulcahy«, unterbrach Siobhan seinen Gedankengang. »Ehrlich, ich hab absolut nichts getan, was dir Schwierigkeiten bereiten könnte. Ich mochte dich, ja? Scheiße, ich mag dich immer noch. Mann, das sieht man doch, oder? An wen denke ich als Erstes, wenn ich eine große, starke Schulter brauche, an der ich mich ausheulen kann?«
Sie sah zur Seite, beugte sich hinunter und hob ihre Tasche vom Boden auf. Ihm fiel plötzlich auf, wie erschöpft sie aussah – und sogar etwas verletzt. Man hörte es auch an ihrer Stimme. Er streckte die Hand aus und stoppte sie, als sie aufstehen wollte, um zu gehen.
»Warte. Was wolltest du mir zeigen?«
Sie schüttelte den Kopf, und ihre langen, weichen Haare wogten wie das dunkle Meer im Winter. »Ist doch egal. Das habe ich mir sowieso nur eingebildet. Ich geh jetzt lieber.«
»Nein, bleib hier«, sagte er. »Lass uns noch einen trinken. Hattest du am Telefon nicht etwas von sechs Drinks gesagt?«
Sie stand trotzdem auf. »Hat doch keinen Sinn. Wenn’s dieses Mal nicht kracht, dann eben beim nächsten Mal. Wir werden nie miteinander klarkommen.«
Erst als sich ihre Tasche beim Hinaufziehen über die Schulter leicht öffnete, sah er es zwischen den Griffen wie ein getrocknetes, helles Lederstück mit schwarzen Flecken darauf, wie ein Stück verbrannter …
»Was um alles in der Welt ist denn das?«, sagte er und deutete darauf.
Vorsichtig untersuchte er das steife Pergamentstück in seiner Hand. Nachdem sie ihm erzählt hatte, wie es in ihren Besitz gekommen war, hatte er es sofort in eine durchsichtige Asservatentüte gesteckt. Trotzdem hatte er den strengen Geruch, den es verströmte, noch tief hinten in der Nase. Die eingebrannten Kreuze sahen genauso aus wie die, die er an den Opfern des Priesters gesehen hatte – sie waren allerdings kleiner.
»Und guck dir das mal an«, flüsterte sie angespannt. Er betrachtete die Stelle, auf die sie gezeigt hatte, und sah erst dann die dünne, in die Haut gebrannte Schrift.
Deus non irridetur.
»Hast du eine Ahnung, was das heißt?«, fragte er, als ihm allein vom Anblick ein Schauder über den Rücken lief.
»Gott lässt sich nicht verspotten«, sagte sie. »Latein. Aus einem der Paulusbriefe an irgendwen. Er warnt seine Herde davor, Böses zu tun.«
Mulcahy musste eine Augenbraue hochgezogen haben, denn sie lachte nervös. »Nein, ich wusste es auch nicht. Beim Warten habe ich eine Kontaktperson angerufen, die ein bisschen Latein kann.«
»Und du hast keine Ahnung, wer dir das geschickt hat?«
»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Zwischenzeitlich dachte ich, es könnte ein Bekannter von mir sein. Der kommt auch gern mal mit einem lateinischen Spruch daher, und eine Zeitlang dachte ich, er würde zu Hause auf meinem Anrufbeantworter seltsame Nachrichten hinterlassen. Aber dann ist mir aufgefallen, dass es genau die Worte sind, die so ein Irrer letztens zu mir am Telefon gesagt hat.«
Mulcahy zog eine Augenbraue hoch.
»Ja, bevor deine Kollegen diesen Byrne festgenommen haben«, sagte sie und beugte sich über die Asservatentüte in seiner Hand. »Aber guck mal, da, auf der anderen Seite, steht noch was auf Englisch.«
Er sah die Stelle an, auf die sie zeigte. Wieder war es in winziger Schrift ins Pergament gebrannt. Der Leib aber ist nicht für die Hurerei, sondern für den Herrn.
Mulcahy sah Siobhan kurz an und war beeindruckt, wie gefasst sie es nahm.
»Weißt du, ob deine Kollegen beim Herald oder jemand von einer anderen Zeitung auch so etwas bekommen haben?«, fragte er.
»Nicht dass ich wüsste.« Siobhan schüttelte den Kopf.
»Und du weißt auch keinen Grund dafür, dass ausgerechnet du das Ziel für so etwas sein solltest?«
»Meine Güte, woher denn«, sagte sie. »Abgesehen davon, dass ich die verdammte Story an die Öffentlichkeit gebracht und in allen erdenklichen Radio- und Fernsehsendungen in den letzten beiden Wochen stundenlang das Maul über den Priester aufgerissen habe. Ich glaube schon, dass er weiß, wer ich bin.«
In diesem Punkt musste Mulcahy ihr recht geben, trotzdem fand er es nicht nachvollziehbar.
»So richtig kann ich mir das nicht vorstellen«, sagte er. »Irgendwie passt das nicht. Trotzdem handelt es sich um Beweismaterial. Du musst es so schnell wie möglich Brogan oder Lonergan zukommen lassen.«
»Kannst du denen das nicht bringen?«
»Nein, sie müssen es sofort sehen. Und ich bin ab morgen ein paar Tage weg.«
»Weg? Wohin weg?«, fauchte sie, als hätte sie das Recht, es zu erfahren.
»Frag nicht.«
»Herr im Himmel«, sagte sie verzweifelt. »Ich hab mal wieder vergessen, dass jeder verdammte Scheiß bei dir streng geheim ist. Trotzdem muss ich erst noch ein paar Fotos und so weiter machen. Für meine Story.«
»Was willst du?«, fragte er entsetzt. »Das könnten wichtige Beweise sein. So etwas kannst du nicht einfach auf die Titelseite klatschen.«
»Wieso nicht? Auf der Titelseite würde es sich verdammt gut machen.«
Mulcahy starrte sie verständnislos an. »Hör zu, wir haben noch keine Ahnung, ob es vielleicht nur ein schlechter Witz ist oder so, aber wenn du das in deiner Zeitung groß herausstellst und dann alle irgendeinem Phantom hinterherjagen müssen, könnte das die komplette Ermittlung ins Chaos stürzen.«
»Schon möglich. Du hast leicht reden. Ich habe Tag für Tag mit Irren und Idioten zu tun, und das hier hat mir so richtig Angst eingejagt. Wie du weißt, wurde Emmet Byrne heute Morgen festgenommen. Dieses Ding wurde bei uns in der Zeitung heute Abend zwischen sieben und halb acht persönlich abgegeben. Was ist, wenn ihr den Falschen erwischt habt? Was ist, wenn er jetzt hinter mir her ist?«
»Hör zu, ich glaube wirklich nicht, dass du dir Sorgen machen musst. Nach allem, was uns bekannt ist, bist du nicht sein Typ«, sagte Mulcahy. Während er das sagte, wurde sein Blick jedoch von dem kleinen Silberkreuz angezogen, das zwischen den Knöpfen ihrer Bluse glitzerte. »Trotzdem muss man dem so schnell wie möglich nachgehen. Ruf Brogan an, damit die die Sache verfolgen können.«
Siobhan richtete sich auf und starrte ihn an, als hätte sie seine Gedanken gelesen.
»Du glaubst überhaupt nicht, dass es Byrne war, oder?«
Die Antwort auf diese Frage kannte er selbst nicht. »Nach allem, was ich gehört habe, haben wir sehr viele Beweise gegen ihn.«
»Klar«, schnaubte sie. »Das hab ich auch gedacht, bis dieser Verrückte mir ein angesengtes Stück Haut geschickt hat.« Sie sah über die Schulter, bevor sie leise fortfuhr: »Weißt du, ich habe heute Nachmittag einen alten Mann interviewt, der Byrne seit Jahren kennt. Der schwört, dass er ein Heiliger ist.«
»Jeder Mensch hat Freunde, Siobhan. Selbst Mörder und Vergewaltiger kriegen vor Gericht gute Leumundszeugnisse.«
»Ja, also gut, ich habe vorhin eine E-Mail von einer Psychologin gekriegt, mit der ich befreundet bin. Sie meint, all diese Angriffe hätten das Kennzeichen eines sogenannten Wut/Vergeltungs-Vergewaltigers. Sie sagt, die Brutalität deute auf verdrängte Aggression hin. Typisch für den Täter sei eine ›wachsende, unkontrollierbare Wut‹. Die Ursache dafür könnte alles Mögliche sein, es müsste auch nicht notwendigerweise ein Zusammenhang zur Tat selbst bestehen. Vielleicht ein schweres Trauma in der Kindheit oder sonst irgendetwas. Aber der Auslöser und die Zielrichtung der Aggression sind fast immer gleich. Was mich stutzig macht, ist, dass die meisten Leute, mit denen ich gesprochen habe, Emmet für einen ganz normalen Kerl halten. Ein bisschen schwer von Kapee, aber immer nett und freundlich. Definitiv nicht der Typ, der erst alles in sich reinfrisst, bis es schließlich aus ihm herausbricht.«
Mulcahy hörte das meiste kaum. Er war bei der »Wut/Vergeltungs«-Sache hängen geblieben. Ihm war plötzlich klar geworden, was ihn störte, seit er in Palmerston Park gewesen war. Es waren Jesica Salazars geflüsterte Worte »Como un cura«. Rinns aufrechte Haltung, das überhebliche Verhalten und seine altmodische Kleidung. Wie ein geschlechtsloser Mann. Rinn erinnerte ihn an ein oder zwei Priester, die er als Kind gekannt hatte. So steif, so verkrampft, so randvoll von verdrängter Wut, dass man sie fast riechen konnte. Die hatte er ausgestrahlt, als Mulcahy sich die Bilder an den Wänden in seinem Wohnzimmer angeguckt hatte – Wut, nicht nur eine gewisse Anspannung.
Als er aufblickte, starrte Siobhan ihn genauso an, wie es der Barkeeper im Long Hall getan hatte. Als ob er den Verstand verloren hätte.
»Ist alles okay, Mulcahy?«
»Ja, klar … Entschuldigung«, sagte er und versuchte, seine Gedanken wieder zu ordnen. »Ich hab nur nachgedacht … Also, die Kollegen im Mordermittlungsteam wissen das doch wahrscheinlich auch alles. Ich meine, Brogan hat alle möglichen Kurse besucht, die kennt sich doch mit diesem psychologischen Zeugs aus.«
»Aber Brogan ist nicht mehr deine Chefin, oder? Außerdem sind deine Kollegen immer hinter einem schnellen Erfolg her. Wäre nicht das erste Mal, dass ihr euch von eurer Begeisterung mitreißen lasst.«
Er spürte die Spitze nicht einmal. Er war viel zu sehr mit dem beschäftigt, was ihm im Kopf herumging. Rinn nahm darin inzwischen den meisten Raum ein, und hinter ihm, in der Dunkelheit kaum sichtbar, befanden sich diese Fotos von seinem Großvater und das wunderbare, sonnige Bild, das bei Rinn ein solches Unbehagen ausgelöst hatte: Gweedore im Sommer.
»Hey, wieso bist du jetzt plötzlich so nachdenklich?« Die Dunkelheit löste sich auf, als er den Blick von Siobhans durchdringenden blauen Augen in seinem Gesicht spürte.
»Ach, nichts«, sagte er und schob die Gedanken beiseite.
»Ja, klar doch. Du bist wirklich ein miserabler Lügner, Mulcahy. Also komm schon, ich hatte recht, oder? Du hast jemand anderen in Verdacht, stimmt’s? Passt der vielleicht besser auf diese Beschreibung? Denkst du an jemand Bestimmtes?«
»Mach dich nicht lächerlich, ich …«
»Mein Gott, du bist derjenige, der sich lächerlich macht«, unterbrach sie ihn aufgeregt. »Ich merk dir das doch an. Komm schon, pass auf, ich kann dir helfen. Wir haben unsere Möglichkeiten bei der Zeitung. Du brauchst mir jetzt nicht mal alles zu erzählen. Es reicht vollkommen, wenn du zu mir kommst, sobald du alles zusammen hast, und es mir als Erstes erzählst.«
Und da war sie, seine Chance, herauszufinden, was damals passiert war. Und er musste nicht einmal darum bitten.
»Also gut«, sagte er. »Bei einer Sache kannst du mir vielleicht wirklich helfen.«
Brogan schloss die Tür des Beobachtungsraums hinter sich, lehnte sich an die Flurwand und atmete zufrieden durch. Obwohl sie sich tief in den Katakomben der Kilmainham-Garda-Station befand, war die Luft erstaunlich frisch und kühl. Das, dachte sie, könnte ihr allerdings auch nur deshalb so vorkommen, weil sie die letzten anderthalb Stunden mit fünf anderen Detectives – alles kräftig gebaute Männer – in einem kleinen Raum zusammengepfercht Zeugin von etwas geworden war, was sie noch nie gesehen hatte. Zumindest nicht in dieser Intensität.
Sie rieb sich den Nacken, ohne genau sagen zu können, ob sie eher begeistert oder erschöpft war. Obwohl ihr Rücken knackte und sich ihre Arme und Beine wie Säcke anfühlten, raste das Blut noch wie ein Schnellzug durch ihre Adern. Sie fühlte sich so lebendig wie seit der Geburt ihres Sohnes nicht mehr. Inzwischen war sie schon achtzehn Stunden auf den Beinen, und die Nacht vorher hatte sie auch kaum ein Auge zugemacht. Aber was für ein Tag war das gewesen!
Nur etwa eine Stunde nachdem sie und ihr Team angekommen waren und sich in Kilmainham bei Lonergans Mordmeute eingerichtet hatten, waren erste Gerüchte über einen Durchbruch in dem Fall aufgekommen. Dann, kurz vor Mittag, war ein bis über beide Ohren strahlender Lonergan aufgetaucht. Sie hatte ihn schon bei ihrer ersten Begegnung am Morgen im Phoenix Park gemocht – ein großer, lässiger Mann, knapp eins neunzig, Anfang vierzig, dabei aber fit und mit klugen, grünen Augen, die offenbar irgendwie nie auf die falschen Stellen starrten. Er war ihr sogar noch sympathischer, als er sie später in sein Büro zu einem Briefing unter vier Augen einlud, in dem er die schnellen Fortschritte umriss, die die Ermittlungen im Laufe des Vormittags gemacht hatten. Ganz anders als Healy. Und anders als alle Superintendents, die sie bisher kennengelernt hatte. In jedem seiner Worte lag Respekt, und sie fühlte sich ihm gegenüber sofort loyal.
Seitdem war alles extrem schnell gegangen: Der große Durchbruch war die Bestellnummer in der Plastikplane, darauf folgte die Razzia bei Emmet Byrne, die Entdeckung der Plastikfasersäcke im Lieferwagen, das Briefing, bei dem Lonergan sie gebeten hatte, das Team mit ihm zusammen zu leiten, und die Pressekonferenz mit dem Polizeipräsidenten, bei der sie Byrnes Festnahme bekannt gegeben hatten. Herrje, als ob das für einen Tag nicht gereicht hätte.
Dann, als Krönung des Ganzen, hatte sie zusehen dürfen, wie Lonergan Emmet Byrne vernommen und ihn wie ein absoluter Meister seines Fachs eingewickelt hatte. Der Mann war mehr als brillant gewesen. Lonergan und ein finster dreinblickender Detective Sergeant hatten sich ganz klassisch gegenseitig die Bälle zugespielt, wobei er selbst meist die Führung übernommen hatte. Er war nie aggressiv geworden, hatte den Druck auf Byrne jedoch immer aufrechterhalten. Die Stoßrichtung der Fragen war immer klar gewesen. Lonergan hatte sich nur zurückgenommen, wenn der Verdächtige auf irgendeine Art verwirrt oder konfus wirkte, was häufig vorkam. Brogan merkte, dass er Byrne immer genug Zeit gab, um die Geschichte genau so zu erzählen, wie er es wollte, und sie ihm erst hinterher um die Ohren schlug.
Es war absolut faszinierend gewesen, ihm dabei zuzuschauen. Alle im Beobachtungsraum hatten wie gebannt durch den Einwegspiegel geblickt und zum Teil atemlos verfolgt, wie Lonergan Byrne ein ums andere Mal ein kleines, aber bedeutsames Geständnis entlockte, wodurch der Mann sich immer tiefer im Labyrinth der Selbstbezichtigung verirrte. Am Ende hatte er gerade einmal neunzig Minuten gebraucht, um Byrne in ein schluchzendes, reumütiges Häuflein Elend zu verwandeln – der alle drei Überfälle gestand. »Ja, ja, ich habe es getan. Ich habe sie verbrannt. Ich habe sie verletzt. Alle drei, der Herr vergebe mir. Es tut mir leid«, hatte Byrne am Ende geschluchzt.
Sie würde sich noch lange an den Moment erinnern, als alle im Raum vor Freude und Erleichterung laut aufgestöhnt und die Faust gereckt hatten, nachdem Lonergan in den halbdurchlässigen Spiegel geblickt und ihnen zugezwinkert hatte. Er hatte es, das große Geständnis. Die nächsten Tage konnten sie Byrne wegen der Einzelheiten piesacken, aber erst mal hatten sie genug in der Hand, um ihn wegen was auch immer anzuklagen.
Herrje, was für eine Inspiration der Mann war!
Brogan sah auf die Uhr: Schon Viertel nach zehn. Sie zog das Handy aus ihrer Tasche. Selbst der Gedanke, zu Hause anzurufen und sich die Klagen ihres Mannes anzuhören, weil sie so spät nach Hause kam, konnte ihr nicht die Laune verderben. Aidan konnte sie mal, dachte sie. Was bildete er sich eigentlich ein, ihr vorzuwerfen, dass sie nicht genug Zeit mit dem Jungen verbrachte. Schließlich war er derjenige, der gesagt hatte, dass er nichts dagegen hätte, zu Hause zu bleiben. Also war es seine Aufgabe, nicht ihre, das irgendwie auf die Reihe zu kriegen. Und was den Jungen betraf, für den hatte sie immer Zeit gefunden, und das würde sie auch weiterhin, ganz egal, wie hart sie arbeitete.
Sie trat von der Wand zurück, als die Tür neben ihr geöffnet wurde und zwei der Männer, mit denen sie die letzten paar Stunden verbracht hatte – Lonergans Männer – laut lachend herauskamen und ihr freundlich eine gute Nacht wünschten. Sie sah ihren breiten Schultern nach, während das Klacken ihrer Schritte von den gefliesten Wänden widerhallte, und war sich einer Sache sicher. Es war lange her, dass sie einen Ort gesehen hatte, an dem sie unbedingt sein wollte. Jetzt, wo sie ihn gefunden hatte, würde sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um dort zu bleiben. Irgendwie würde sie sich auf Dauer in Lonergans Team versetzen lassen.
Schon deutlich über eine Stunde saß er jetzt in der weitläufigen Nachrichtenredaktion des Herald, wo ein paar Leuchtstoffröhren ihren kleinen Bereich erhellten, während alles andere in der Dunkelheit oder im Orangeton der Straßenlaternen lag, die durchs Fenster hereinschienen. Für jemanden, der noch nie in einer Zeitungsredaktion war, fand Mulcahy es ziemlich ernüchternd. Es sah aus wie in jedem anderen Büro: in verschiedene Bereiche abgeteilte Schreibtischreihen mit Computermonitoren. Das einzige besondere Merkmal waren die vielen Fernsehgeräte überall – auf Regalen, auf Ständern und an den Wänden. Wenn die alle liefen, könnte man keinen klaren Gedanken mehr fassen.
Siobhan saß hinter ihm und tippte etwas auf ihrer Tastatur. Er hatte sie nur gefragt, ob er irgendwann etwas im Archiv des Herald nachsehen könnte, und sie war sofort begeistert darauf angesprungen und hatte gesagt: »Klar, komm, lass uns jetzt gleich rübergehen.« Dabei merkte er auch, warum sie eine so gute Journalistin war – ein Nein akzeptierte sie einfach nicht. Sie hatte ihn in die Redaktion gezerrt, dort an einen Rechner gesetzt und ihm gezeigt, wie man in der Datenbank recherchierte. Sie hatte ihm die diversen Online-Ausschnitt-Dienste erklärt, mit denen sie andere Publikationen einsehen konnten … es war dabei aber nichts herausgekommen. Das hausinterne Archiv war nur bis in die Neunziger zurück digitalisiert. Und selbst da fand er nur Unmengen belangloses Zeug, mit dem er nichts anfangen konnte. Er versuchte, Informationen über Rinn, seinen Großvater und das große Geheimnis von Gweedore herauszuziehen, und ein oder zwei Mal meinte er auch, etwas gefunden zu haben, aber das waren alles nur Bruchstücke – Hinweise darauf, dass irgendetwas Schlimmes vorgefallen war; doch sobald er versuchte, ihnen genauer nachzugehen, löste sich alles in Luft auf.
Am Ende war er einfach total geschafft, mit jeder Suche, die er aufrief, tränten seine Augen mehr, bis schließlich neben ihm ein Fernseher aufflackerte. Er sah sich um. Siobhan stand mit einer Fernbedienung in der Hand neben ihm.
»Ich will nur eben die Spätnachrichten gucken«, sagte sie.
»Klar.« Mulcahy drehte sich um und sah zu, wie die Schlagzeilen durchs Bild liefen und Siobhan den Ton lauter stellte. Wie erwartet war die erste Meldung die Festnahme des Priesters, und Mulcahy beugte sich vor, als er Brogan kurz neben dem großen Mann auf dem Bildschirm sah, den er schon in der Pressekonferenz gesehen hatte – vermutlich Lonergan. Der Superintendent führte einen anderen Mann mit einer Jacke über dem Kopf über den Parkplatz der Kilmainham-Garda-Station. Es war ein riesiges Gewimmel, mit Blitzlichtern, bei dem die ganzen Spinner von der Presse schoben und drängelten, um näher heranzukommen. Dann kam jemand an die Jacke heran, unter der der Kerl sich versteckt hatte, und zog sie weg, so dass das Gesicht des Verdächtigen ein paar Sekunden zu sehen war. Er wirkte vollkommen verängstigt. Doch es war nicht diese ängstliche Miene, die Mulcahy veranlasste, sich aufzurichten und nach Luft zu schnappen, sondern das Gesicht. Er war sicher, dass er den Mann schon einmal gesehen hatte – vor Kurzem erst –, aber er kam einfach nicht darauf, wo das war.
Dann stellte Siobhan den Ton noch etwas lauter, und er hörte den Nachrichtensprecher sagen: »Der Verdächtige, der einen Gartenbaubetrieb in Chapelizod betreiben soll, wurde heute um die Mittagszeit festgenommen, als Gardaí der Mordkommission seine Wohnung in der St. Imelda’s Road stürmten …« Mulcahy blieb vor Schreck die Luft weg. Der Gärtner! Jetzt hatte er das Gesicht wieder vor Augen – mit zornigem Blick, einer Baseballkappe und einem Hammer in der Hand. Er war’s, der verdammte Gärtner, der auf Rinns Grundstück gearbeitet hatte, als Mulcahy das erste Mal da gewesen war. Er hatte ihn gesehen, mit ihm gesprochen, war sogar von ihm bedroht worden. Und der Lieferwagen, um Himmels willen. Der verdammte Lieferwagen hatte vor dem Haus gestanden, und er war einfach so daran vorbeigelatscht.
Mulcahy wurde flau im Magen. Er legte sich die Hand auf die Brust, um sich nicht zu übergeben. Er musste unbedingt wieder einen klaren Gedanken fassen. Das war doch nicht just zu dem Zeitpunkt gewesen, als Paula Halpin vermisst wurde, oder? Nein, beruhigte er sich. Als er in Palmerston Park war, hatten sie ihre Leiche schon gefunden. Mulcahy verspürte eine gewisse Erleichterung. Doch dann überkam ihn wieder der Zorn. Jede Summe, er würde jede Summe darauf wetten, dass eine Überprüfung der Daten ergab, dass Byrne auch an dem Tag bei Rinn gearbeitet hatte, an dem Caroline Coyle überfallen wurde. Und was die arme Paula Halpin betraf, die von Dartry die Straße hinaufgegangen war, sie war nicht Rinn in die Klauen gefallen, sondern dem verdammten Gärtner. Herrgott, wie hatte er dem so nahe kommen und doch so absolut und heillos danebenliegen können?
Einen Moment lang empfand er bei dem Gedanken vollkommene Leere und war von Kopf bis Fuß gelähmt. Er sah Siobhan an, doch zum Glück schien sie seine Reaktion nicht bemerkt zu haben, sondern war ganz in den Bericht vertieft. Er lehnte sich zurück, dachte an Byrne, dann an Rinn, und wieder drehte sich alles in seinem Kopf. Er rieb sich die Stirn, doch das Wummern wurde immer stärker – seine Lunge begann, nach einer Zigarette zu schreien. Er stand langsam auf, streckte sich und versuchte, Ruhe auszustrahlen, die ihm jedoch vollkommen abging, als Siobhan sich ihm zuwandte.
»Mir reicht’s für heute Nacht, Siobhan. Ich bin hundemüde und komm auch nicht weiter. Tut mir leid, dass ich deine Zeit verschwendet habe, aber ich muss hier jetzt raus, bevor mir der Kopf explodiert.«
Unten am Ausgang war er wirklich nett gewesen, hatte darauf bestanden, dass sie morgen früh als Erstes Brogan wegen des Briefs anrief, und mit ihr geschimpft, weil sie allein wieder zurück in die Redaktion gehen wollte. Er war sogar etwas schüchtern gewesen, als sie gefragt hatte: »Dann sind wir jetzt ja wohl wieder Freunde, oder?« Beim Gutenachtkuss hatte er sich jedoch nicht zurückgehalten, als seine kräftigen Arme sie an seine warme Brust drückten. Es hatte sich angefühlt, als wollte er sie nicht loslassen, und in dem Moment hätte sie am liebsten alles vergessen und wäre mit ihm ins Taxi gestiegen. Aber vielleicht hätte er auch genau da die Grenze gezogen. Irgendetwas beschäftigte ihn noch. Außerdem war es wahrscheinlich sowieso besser, es dieses Mal langsamer anzugehen. Es war nicht so, dass er nichts mit ihr zu tun haben wollte, das spürte sie. In Zukunft mussten sie einfach vorsichtig sein und allem, was mit ihrer Arbeit zu tun hatte, aus dem Weg gehen.
Später vielleicht, jetzt aber noch nicht. Als sie wieder oben war, setzte sie sich sofort an den Computer, an dem er gearbeitet hatte. Als er ging, hatte sie so getan, als ob sie ihn ausstellen würde, sie hatte ihn jedoch nur in den Ruhezustand versetzt und musste nun lediglich die Leertaste drücken, um den Monitor wieder zum Leben zu erwecken. Ein paar Anschläge später hatte sie das Protokoll aufgerufen und dann eine Liste der Artikel, die er sich im Archiv angesehen hatte. Es dauerte nicht lange, bis sie den gesuchten Bericht entdeckt hatte. Er hatte ihn gut fünf Minuten lang angestarrt, ohne daran zu denken, dass sie von ihrem Platz die Schlagzeilen aller Artikel lesen konnte, die er sich ansah.
Sie rief ihn auf. Er war von 1995, also vermutlich einer der ersten Artikel, die überhaupt in den Datenbanken waren. Er sah aus wie eine Kolumne aus einem etwas klatschorientierten, politischen Tagebuch. Solche Sachen hatten sie damals veröffentlicht, als der Herald sich noch als Mitbewerber um einen der Spitzenplätze im Wochenzeitungsmarkt gesehen hatte und nicht wie heute als Skandal-Lieferant. Es war ein kurzer, ziemlich arroganter Einwurf, der mit dem Namen Oisin MacCumhaill signiert war. Dabei handelte es sich, wenn sie sich recht erinnerte, um das Pseudonym eines damals namhaften Politikkolumnisten. Er musste allem Anschein nach ein Insider gewesen sein, der vor allem für andere Insider schrieb. Der Text steckte nämlich voller versteckter Andeutungen, Anspielungen und augenzwinkernder Scherze, die für alle, die den Hintergrund nicht kannten, böhmische Dörfer waren.
TOT, DOCH NICHT VERGESSEN?
In tiefster Trauer haben wir alle zur Kenntnis genommen, dass einer der Letzten der Great Ones seinen Abschied aus den Rängen der Erhabenen genommen hat. Daher mag es flegelhaft erscheinen, an dieser Stelle anzumerken, dass einige sein Dahinscheiden nicht bedauern werden. Eine heldenhafte Rolle beim Aufbau unserer großen Nation ist schön und gut. Ebenso wie ein Leben, das im Zeichen von Gerechtigkeit, Gleichheit und fairen Anhörungen stand. Doch gelegentlich machen auch Helden furchtbare Fehler. So furchtbare Fehler, dass die großen Verdienste in der Vergangenheit und selbst die lebenslange Hingabe an Kirche und Staat nicht ausreichen, um die Waage ins Gleichgewicht zu bringen. Die meisten anständigen Menschen, die im August 1988 in Gweedore waren, werden es als einen Ort voller Sonnenschein, Freude und Schönheit in Erinnerung behalten. Für ein paar wenige wird es jedoch immer eine düstere Episode bleiben, die einen Höhepunkt an Scheinheiligkeit markiert und einen dunklen Fleck auf der weißen Weste eines Mannes hinterlässt, der von vielen geradezu als Heiliger angesehen wird. Gerade er hätte wissen müssen, dass die Vertuschung einer Missetat – zum Schutz der Familienehre, ergo aus Stolz – und ihre Entfernung aus den Akten alles andere als gerecht war. Und das, obwohl er doch angeblich das Gesetz so hochgehalten hat.
Siobhan starrte verwirrt auf den Bildschirm. Sie las den Artikel mehrmals und versuchte zu verstehen, was er ihr sagen wollte. Wieso um alles in der Welt hatte Mulcahy ihn so lange angesehen? Auf den ersten Blick enthüllte er absolut nichts. Es handelte sich eindeutig um eine Art Rätsel – irgendwo war ein Hinweis auf ein Ereignis verborgen, über das der Autor nicht offen sprechen durfte, vermutlich weil er Angst vor einer Klage oder einer noch weitreichenderen Strafe hatte. Dieser verdammte Mulcahy: Er war irgendetwas auf der Spur, da war sie sich sicher. Aber wenn er das recherchieren konnte, dann konnte sie das auch.
Sie scrollte wieder zum Artikelanfang. Sie wusste genau, dass er diese Seite wie eine Offenbarung angesehen hatte. Er hatte sie sogar heimlich noch einmal aufgerufen, als sie zur Toilette gegangen war, und sich so sehr in den Artikel vertieft, dass ihm ihre Rückkehr zuerst gar nicht aufgefallen war. Als er sie dann hinter sich bemerkte, hatte er die Seite sofort geschlossen und so getan, als wäre nichts gewesen. »Ich wollte mal ausprobieren, ob ich mit diesen Ausschnittservicen zurechtkomme«, behauptete er.
Aber sicher doch.
Was war es also? Aus dem Protokoll wusste sie, dass Mulcahys Schlüsselwort Gweedore lautete. Das hatte er bei praktisch allen Suchanfragen angegeben. Dazu war dann etwa ein Dutzend weiterer Kriterien gekommen, vor allem Gerechtigkeit, Recht und der Nachname Rinn. Das hatte ihm dann eine Menge Verweise auf einen alten Richter eingebracht, der vor Jahren gestorben war. Anfangs schien sich Mulcahy durchaus für diese Verweise zu interessieren, dann hatte er die Dateien jedoch so schnell durchgepeitscht, dass er kaum Zeit gehabt hätte, sie zu lesen. Am Schluss schien er nur noch recht wahllos die Begriffe Kruzifix, Folter und sexueller Missbrauch in seine Suchen eingestreut zu haben – was ihn aber anscheinend auch nicht weitergebracht hatte.
Sie rief die ursprüngliche Story wieder auf. Die Schlagzeile: TOT, DOCH NICHT VERGESSEN?. Es war offenbar eine Art Rätsel, aber an wen richtete es sich? Der Autor hegte einen Groll gegen jemanden, doch gegen wen und warum? Und worum handelte es sich bei dieser »Missetat«, die er erwähnte?
Schlüsselworte.
Sie nahm einen Stift und notierte die Wörter, die ihr ins Auge stachen: Great Ones. Eine einfache Google-Suche brachte ihr exakt gar nichts, da der Begriff so vage war, dass darauf von spirituellen Spinnern bis zu brasilianischen Fußballspielern alles erschien. Sie versuchte es noch einmal mit Gweedore und 1988, fand aber auch da nichts außer jeder Menge Touristikwerbung und einer sinnlosen Aneinanderreihung historischer Daten. Sie wollte schon aufgeben, als ihr auffiel, dass sie den Browser auf Mulcahys Computer vorhin nicht geöffnet hatte. Sie hatte nur das Suchprogramm für die Archive aufgerufen und war davon ausgegangen, dass er wusste, wie man den Internetbrowser öffnete. Und offenbar hatte er das auch getan. Aber wann? Als sie auf der Toilette war?
Sie klickte in der Symbolleiste auf den Verlaufsbutton. Gott sei Dank hatte sie den Computer nicht heruntergefahren. Da war es, direkt unter ihren eigenen, neueren Suchen. Lauter Treffer, alle unter Donegal Courier … Archiv. Dieser hinterhältige Mistkerl. Mulcahy hatte hinter ihrem Rücken die lokale Presse in Donegal überprüft. Wieso hatte sie das nicht mitgekriegt? Sie klickte auf einen Link, der sie zur Suchseite des Donegal Courier brachte. Und da waren sie, die Schlüsselworte Gweedore und Körperverletzung – und auch das Datum 1988. Sie sah sofort, dass das Archiv des Courier nur bis Mitte der Neunziger zurückreichte, also klickte sie direkt auf die letzte Seite, die Mulcahy sich angesehen hatte. Als sie sie sah, richtete sie sich auf und beugte sich zum Bildschirm. Es war ein Artikel aus dem Jahr 1997. Und genau wie der Artikel aus dem Archiv des Herald verwies er auf eine geheimnisvolle und offenbar schmähliche Begebenheit, die sich 1988 in Gweedore ereignet hatte.
Bingo.
Sie las den Artikel dann noch einmal, achtete dabei mehr auf die Details. Es war eine relativ klassische Gerichtsreportage über die erfolgreiche Verurteilung des Dubliner Geschäftsmanns Anthony Michael Blaney, der im Sommer 1997 am Ortsrand für sich und seine Familie ein Ferienhaus gemietet hatte. Er war mit Fäusten auf die einheimische Jugendliche Aidan Lowry losgegangen, die es offensichtlich gewagt hatte, sich eines Abends vor McCluskys Bar an Blaneys brandneuen BMW zu lehnen. Der Dubliner hatte versucht, die Affäre beizulegen, indem er den Garda bestechen wollte, der herbeigerufen worden war. Für Siobhan – und, wie sie annahm, auch für Mulcahy – wurde der Artikel erst im letzten Absatz interessant. Es handelte sich in jedem Sinne um eine beiläufige Bemerkung, aus der allerdings große Verbitterung sprach.
Nach der Verhandlung sagte Theresa Lowry, die Mutter des Opfers, vor dem Gerichtssaal, Blaneys Verurteilung wegen Körperverletzung sei ein Triumph für die einheimische Justiz. »Hier in Gweedore gibt es Menschen, die sich noch gut daran erinnern, wie 1988, also vor nicht einmal zehn Jahren, selbst schlimmste Vergehen vertuscht wurden, weil reiche und mächtige Männer sie mit einem Haufen Geld unter den Teppich kehren konnten. Wir alle erinnern uns an Helen Martin. Ja, und dieser Mann hat das auch versucht, aber Gott sei Dank hat er keinen Erfolg gehabt. Jetzt können wir wenigstens sagen, dass die Gerichte in Donegal wieder Recht sprechen.«
Siobhan stieß langsam Luft aus. Sie hatte keine Zweifel, dass die abschließenden Worte sich auf denselben Vorfall bezogen, den Mulcahy bei der Suche im Archiv des Herald gefunden hatte. Gweedore. 1988. Reiche und mächtige Leute, die in einer abgelegenen Gegend Donegals etwas vertuscht hatten. Ihr Magen zog sich zusammen, sie spürte, dass sie auf etwas gestoßen war, wenn auch ohne zu wissen, worum es ging. Doch sie würde der Sache auf den Grund gehen. Sie notierte sich den Namen des Reporters, Eamon Doherty, rief eine neue Suche auf der Webseite des Donegal Courier auf und tippte ihn ein, um festzustellen, ob er noch dort arbeitete. Die Treffer prasselten förmlich auf sie herab.
Doherty arbeitete nicht nur noch dort, er war inzwischen Chefredakteur des Donegal Courier.